November 16, 2020
Von Decolonize Jena
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Als Teil des BĂŒndnisses und unterzeichnende Gruppe teilen wir den Brief, welcher hier veröffentlicht ist, auf unserem Blog. Er darf gerne noch weiter verbreitet und auch unterzeichnet werden (siehe Ende des Briefs).

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Im Mai 2019 hat die Stadt Eisenberg erstmals ihr jĂ€hrliches Stadtfest unter dem rassistischen Titel „Eisenberger M*****fest“ veranstaltet. WĂ€hrend Vertreter*innen der Stadt zum Ausdruck gebracht haben, dass die Veranstaltung Weltoffenheit und Toleranz signalisieren soll, steht die Namensgebung doch in einem unauflösbaren Widerspruch mit diesem selbsterklĂ€rten Ziel. Die Bezeichnung „M***“ ist untrennbar mit der Geschichte des europĂ€ischen Kolonialismus und Rassismus verknĂŒpft, weshalb sie Schwarze Menschen diskriminiert und verletzt und damit unvereinbar mit den von der Stadt proklamierten Werten der Offenheit, des gegenseitigen Respekts sowie der Achtung und WĂŒrde aller Menschen ist.

Verschiedene Initiativen, Beratungsstellen, BeirĂ€te, Netzwerke und Einzelpersonen, darunter Landtagsabgeordnete aus dem Saale-Holzland-Kreis wie auch darĂŒber hinaus kritisierten entsprechend schon 2019 die Namenswahl fĂŒr das Stadtfest und fordern nun mit diesem offenen Brief die Veranstaltenden erneut auf, die Veranstaltung nicht nochmals unter der bestehenden Bezeichnung stattfinden zu lassen. Die durch Corona bedingte Absage des Festes 2020 ist aus unserer Sicht eine Chance dafĂŒr, dass sich die diskriminierende Bezeichnung des Festes nicht weiter verfestigt. Die Unterzeichnenden dieses Briefes möchten die Stadt hiermit zu einem GesprĂ€ch einladen, in dem mögliche alternative NamensvorschlĂ€ge und Gestaltungen des Festes gemeinsam diskutiert werden, welche dem besagten Anliegen der Veranstaltenden gerechter werden können.

Es gibt viele gute GrĂŒnde, warum die Bezeichnung „M***“ weder im Allgemeinen, noch fĂŒr ein Stadtfest verwendet werden sollte: Der Begriff geht sowohl auf das lateinische „maurus“ („schwarz“, „dunkel“, „afrikanisch“) als auch das altgriechische „moros“ („töricht“, „einfĂ€ltig“, „dumm“ und auch „gottlos“) zurĂŒck. Im Laufe der Geschichte wurde das Wort fĂŒr verschiedene Bevölkerungsgruppen benutzt, diente jedoch spĂ€testens seit dem 18. Jahrhundert dazu, Schwarze Menschen auf ihre Hautfarbe sowie weitere physische Merkmale zu reduzieren und herabzuwĂŒrdigen. Die kolonialen und rassistischen Bilder und Assoziationen, die so untrennbar mit dem Wort „M***“ verbunden sind, stehen nicht nur in fundamentalem Widerspruch zu der von der Stadt proklamierten Botschaft des Festes, sondern insgesamt zu den demokratischen Werten einer modernen Gesellschaft. Die aktuelle Bezeichnung des Stadtfestes wĂ€re damit auch kritikwĂŒrdig, wenn sie eine langjĂ€hrige Tradition besĂ€ĂŸe. Es ist jedoch umso erschreckender, dass es sich bei dem „Eisenberger M*****fest“ um eine Neubenennung handelt.

Über die Bezeichnung des Stadtfestes hinaus war die letztjĂ€hrige Veranstaltung an verschiedenen Stellen von exotisierenden Darstellungen Schwarzer Menschen in Form von Verkleidungen, z.B. als unterwĂŒrfige Diener*innen, und dem dunklen Übermalen der Haut Weißer Menschen („Black Facing“) geprĂ€gt. Es wurde eine Palette von Produkten angeboten, die den rassistischen Begriff wiederholten (M*****-Kaffee, M*****-KĂŒsse, M*****-Bier etc.), und zudem wurde auf der HauptbĂŒhne mehrfach ein TheaterstĂŒck aufgefĂŒhrt, das die sogenannte „M*****-Sage“ aus Eisenberg aufgriff. Darin wird die Geschichte eines versklavten, namenlosen Schwarzen Kindes erzĂ€hlt, das die GrĂ€fin von Eisenberg unterhalten sollte. WĂ€hrend der AuffĂŒhrung wurden immer wieder Kinder im Publikum aufgefordert, die rassistische Fremdbezeichnung „M***“ zu rufen und zu singen. Anstatt den historischen Hintergrund dieser Geschichte zu beleuchten und auf das Unrecht der Versklavung einzugehen, wurde beim Stadtfest 2019 in Eisenberg von einem „Waisenkind“ berichtet, das der Eisenberger Graf von einer Reise mitgebracht hĂ€tte. Eine derartige ErzĂ€hlung der Sage verharmlost den Handel mit versklavten Menschen und die Bedingungen ihrer UnterdrĂŒckung.

Wie eingangs zum Ausdruck gebracht, möchten wir die Stadt Eisenberg bei dem weiteren Umgang mit dem Stadtfest unterstĂŒtzen und dazu beitragen, gemeinsame kurzfristige sowie langfristige ProblemlösungsvorschlĂ€ge zu entwickeln. Neben der Umbenennung des Festes fordern wir von der Stadt Eisenberg die Bildung einer Arbeitsgruppe, in der politische Selbstvertretungen von Schwarzen Menschen in Deutschland sowie aktivistische Gruppen, die sich mit der Aufarbeitung lokaler Kolonialgeschichten beschĂ€ftigen, zentral mitarbeiten.

Unterzeichnende Organisationen und Personen

  • Antifaschistisch – Initiativ – Solidarisch (AIS) – Saale-Holzland-Kreis
  • Mimikri e.V. – Eisenberg
  • Libertas Subcultura e.V. – Hermsdorf
  • StĂŒnzmĂŒhle e.V. – Petersberg
  • Muna e.V. – Bad Klosterlausnitz
  • IberoamĂ©rica e.V. – Jena
  • ANSOLE e.V. – Jena
  • decolonize jena!
  • Sandro Witt (Mobit e.V.)
  • MigraNetz ThĂŒringen
  • Initiative Schwarze Menschen in Deutschland (ISD) – Gruppe ThĂŒringen
  • Decolonize Erfurt
  • ezra – Beratung fĂŒr Betroffene rechter, rassistischer und antisemitischer Gewalt in ThĂŒringen
  • thadine – ThĂŒringer Antidiskriminierungsnetzwerk
  • Bund Deutscher Pfadfinder_innen Landesverband ThĂŒringen
  • SJD – Die Falken Landesverband ThĂŒringen
  • Naturfreundejugend ThĂŒringen
  • DGB-Jugend ThĂŒringen
  • Refugee Law Clinic, Jena
  • Dr. Matthias Quent (Direktor des Instituts fĂŒr Demokratie und Zivilgesellschaft)
  • LSVD ThĂŒringen e.V.
  • dindingo-Gambia e.V. – Erfurt
  • FlĂŒchtlingsrat ThĂŒringen e.V.
  • Berater*innenkreis Runder Tisch fĂŒr Demokratie Jena
  • NSU KOMPLEX AUFLÖSEN Jena
  • Jugend gegen Rechts – Jena
  • AuslĂ€nderbeirat der Stadt Erfurt
  • AuslĂ€nderbeirat der Stadt Weimar
  • Migrations- und Integrationsbeirat der Stadt Jena
  • Eine Welt Netzwerk ThĂŒringen e.V. (EWNT)
  • Landesseniorenrat ThĂŒringen
  • DaMost – Dachverband der Migrantenorganisationen in Ostdeutschland
  • Anton-Wilhelm-Amo-BĂŒndnis – Halle (Saale)
  • Halle Postkolonial
  • FlĂŒchtlingsrat Sachsen-Anhalt
  • Landesnetzwerk Migrantenorganisationen in Sachsen-Anhalt e.V. (LAMSA)
  • Initiative 12. August – Merseburg
  • AG Postkolonial Leipzig
  • transgalaxia e.V. – Leipzig
  • Dresden Postkolonial
  • MigraNet-MV
  • Rostock Postkolonial
  • Postcolonial Potsdam
  • Berlin Postkolonial e.V.
  • Augsburg Postkolonial – Decolonize Yourself
  • Bielefeld postkolonial
  • Decolonize Hannover
  • Gießen Postkolonial
  • Decolonize Cologne
  • bonn postkolonial
  • Amadeu Antonio Stiftung

Es ist weiterhin möglich, diesen Offenen Brief durch Unterzeichnung zu unterstĂŒtzen. Dazu bitte eine Mail an info@thadine.de schicken. Eine regelmĂ€ĂŸig aktualisierte Version mit allen UnterstĂŒtzer*innen ist auf der Seite des ThĂŒringer Antidiskriminierungsnetzwerks (thadine) verfĂŒgbar: https://www.thadine.de/.




Quelle: Jenapostkolonial.noblogs.org