Vom 16. Juni 2020

1.Finanzen

Forderungen des autonomen feministischen Referats zur Verbesserung der Situation von FLINTStudierenden wÀhrend der Pandemie und des Onlinesemesters an der Uni Bremen.

Die letzten Monate waren fĂŒr Studierende insbesondere finanziell eine Herausforderung. Die Ursache lag unter anderem darin, dass zahlreiche Studierende kurzfristig ihre Jobs verloren haben. Außerdem sorgt die aktuelle Situation dafĂŒr, dass Personen lĂ€nger fĂŒr ihr Studium brauchen, z.B. weil die Arbeitsanforderungen im Rahmen ihres Studiums gestiegen sind oder weil im Zuge der Pandemie die außeruniversitĂ€re Arbeitsbelastung, wie z.B. durch Hausarbeit, zunahm.

Von dieser Zunahme an Arbeit sind vor allem FLINT (FrauenLesbenInterTrans) Personen betroffen. Die Ursache liegt darin, dass ihnen meist die Aufgabe der Kinderbetreuung zufĂ€llt, wenn die Kinder aktuell nicht in die KiTa können. Auch weitere Haushalts- und Carearbeit wird ihnen zugeschrieben. Wenn nun die ganze Familie zuhause ist und dadurch mehr Hausarbeit zufĂ€llt, sind es gerade FLINT Studierende, die diese Mehrarbeit verrichten mĂŒssen. Durch die Zunahme der Arbeit im Bereich der sozialen Reproduktion kann sich gerade fĂŒr FLINT* Studierende das Studium verzögern kann und flexibel gestaltbar sein muss.

Wir fordern deshalb eine Bafög-Ausweitung statt geringer Soforthilfen oder Studienkrediten. Bafög muss zum Leben reichen! Und das auch dann, wenn das Studium aufgrund einer Pandemie verlĂ€ngert werden muss oder wenn die Eltern in Kurzarbeit sind. Konkret bedeutet dies: Leistungsnachweise fĂŒr Bafög sollten fĂŒr die Zeit der Pandemie nicht angefordert werden, AnsprĂŒche um die entsprechende Zeit verlĂ€ngert werden.

Denn in einer Situation in der viele Jobs in Gefahr sind, ist finanzielle Absicherung und UnabhĂ€ngigkeit wichtig, um ein Studium fortsetzen zu können. Eine Lösung dazu kann nur eine Existenzsicherung fĂŒr alle Studierenden sein. Unzureichenden Soforthilfen oder kurzfristigen Kredite verstĂ€rken die finanzielle AbhĂ€ngigkeiten der Studierenden. Außerdem besteht die Gefahr, dass nur diejenigen, die in finanzielle Sicherheit leben, ihr Studium fortsetzen können, was wiederum Bildungsungleichheiten verstĂ€rkt.

Des Weiteren muss die Uni einen möglichst kostenlosen Zugang zu den fĂŒr das Studium benötigten Lernmaterialien gewĂ€hrleisten. Dazu gehören z.B. Computerprogramme, die im jeweiligen Fachbereich hĂ€ufig angewandt werden, in der Regel allerdings nur auf dem Campus zugĂ€nglich sind.

2.Studium und Lehre/ Arbeitsstrukturen

In vielen Veranstaltungen kommt es zu vermehrten Abgaben oder es werden Studien-/Lerninhalte kontrolliert und intervallisch eingefordert. Die Online-Seminar-Formate sind fĂŒr viele Studierende energieraubend, da ihnen das konzentrierte Arbeiten am Bildschirm schwerer fĂ€llt oder es dafĂŒr mehr Gewöhnung bedarf, als bei einer PrĂ€senzveranstaltung. Zudem gibt es keine stringente Linie zur Online-Lehre zur Orientierung fĂŒr Studierende. Die Formate und Methoden sind oft unĂŒbersichtlich und
intransparent, da es keine einheitlichen Regelungen gibt, wie Dozierende vorgehen und ihre Lehre gestalten.

Wir fordern, dass sich der Arbeitsaufwand in der aktuellen Krise nicht erhöhen darf, sondern rĂŒcksichtsvoll damit umgegangen wird, dass viele Studierende weniger Zeit zur VerfĂŒgung haben, um dem Arbeitsaufwand nachzukommen. Außerdem soll es unter Absprache aller Dozierenden eine einheitliche transparente Regelung zu den Formaten geben.
Vielen Studierenden fĂ€llt es schwer klare “Arbeitszeiten” und einen strukturierten Alltag fĂŒr sich zu schaffen, da sich das ganze Leben in einem (physischen) Raum abspielt und die Trennung zwischen UniversitĂ€t und Privatleben fehlt.

Wir wĂŒnschen uns , dass die leerstehenden RĂ€ume in den GebĂ€uden genutzt werden, um EinzelarbeitsplĂ€tze zu schaffen. Als Koordinierung können online zugĂ€ngliche ZeitplĂ€ne dienen, in denen sich Studierende eintragen können.

Des Weiteren sollte Zugriff zu den PrĂŒfungsterminen und der Art der PrĂŒfung möglich gemacht werden, um wĂ€hrend der Krise langfristig zu planen und die zu lernenden Inhalte in eine sinnvolle Zeitstruktur einzubetten. In der Krise wird leider nicht ausreichend auf die individuelle Situation von Studierenden bzgl. der Online-Formate eingegangen. Nicht alle Studierenden haben Zugang zu einer Kamera, daher muss es auch möglich sein ohne Video an Seminaren teilzunehmen. Dies schĂŒtzt
auch die PrivatsphĂ€re der Teilnehmenden. Außerdem haben nicht alle Studierenden eine Internetverbindung, welche die Teilnahme mit Kamera zulĂ€sst, z.B. aufgrund von WGs, welche zur gleichen Zeit das Internet zu stark belasten.

Wir fordern, dass Online-Veranstaltungen aufgezeichnet und den Studierenden zugÀnglich gemacht werden, um die Inhalte auch zu einem spÀteren Zeitpunkt in individuellem Tempo nacharbeiten zu können.
Falls dies Datenschutzrechtlich problematisch ist, schlagen wir als Alternative vor, schriftliche Protokolle ĂŒber die Seminare anfertigen zu lassen. Somit haben alle Studierenden, auch wenn sie wĂ€hrend der Online-Veranstaltung nicht prĂ€sent sein konnten, die Möglichkeit, ĂŒber
eine Übersicht der Inhalte zu verfĂŒgen. Aufgrund der vorĂŒbergehenden Schließung der Bibliothek kam es zu großen Problemen bzgl. der Beschaffung von Literatur fĂŒr Hausarbeiten oder anderen PrĂŒfungsleistungen, unter der die QualitĂ€t jener leidet. Die derzeitigen Bedingungen der momentanen Krise nehmen vielen Studierenden die Möglichkeit, den PrĂŒfungen in dem Umfang nachzugehen, wie es normalerweise der Fall wĂ€re.

Wir fordern, dass die PrĂŒfungsversuche, die von dem Zeitraum der Krise betroffen sind, nicht angerechnet werden und das eben diese wiederholt werden können. Dennoch stehen viele Studierende unter dem Zwang PrĂŒfungen zu absolvieren, aber können nicht das Kontingent aufbringen, dieselben Leistungen zu erbringen, wie es unter anderen UmstĂ€nden der Fall wĂ€re. Dies soll bei der Bewertung der PrĂŒfungsleistungen bedacht werden.

3.Soziales

Die Corona-Pandemie bedeutet fĂŒr viele FLINT-Studierende vor allen Dingen vermehrte Care-Arbeit. Durch die wegfallenden KiTas und Schulen mĂŒssen sich Eltern den Herausforderungen des “Homeschooling” und der alleinigen Kinderbetreuung stellen. Aufgrund der eingeschrĂ€nkten sozialen Kontakte wĂ€hrend der Pandemie kann diese Arbeit auch nicht mit Freundinnen oder andere Familienmitgliedern aufgeteilt werden. Auch die
Pflege und UnterstĂŒtzung von Familienangehörigen, die eventuell zu den Risikogruppen gehören, erfordert eine erhöhte Aufmerksamkeit. Diese unbezahlte Arbeit muss nun von den Studierenden parallel zu ihrem Studium und ihrer Lohnarbeit gemeistert werden.

Die vermehrte Care-Arbeit fĂ€llt jedoch nicht nur innerhalb der Familie auf. Durch die Pandemie entstehen Faktoren, wie bspw. die sozialen Isolation oder finanzielle Unsicherheiten (Notlage). Dadurch besteht ein grĂ¶ĂŸerer Rede- und Sorgebedarf im gesamten sozialen Umfeld, der von Individuen gestemmt werden muss. Auch unter den ĂŒblichen UmstĂ€nden, ohne Pandemie, wird von Seiten der Uni oft vernachlĂ€ssigt, dass nicht alle Studierenden mit den gleichen Ausgangsbedingungen ihr Studium bewĂ€ltigen. Fragen der psychischen Gesundheit werden hierbei meist ausgeblendet. In der aktuellen Ausnahmesituation, in der fĂŒr alle Teile der Bevölkerung die psychische Belastung deutlich zugenommen hat, geht die Uni davon aus, dass sich alle Studierende den Herausforderungen eines digitalen Semesters stellen können.
Dabei stellen ZukunftsĂ€ngste, Unsicherheiten bezĂŒglich der finanziellen und gesundheitlichen Situation, psychische Belastungen durch Isolation, die Zugehörigkeit zu einer Risikogruppe oder durch Corona bedingte TrauerfĂ€lle eine mentale Krise fĂŒr viele Studierenden dar. Zudem können weniger Beratungsangebote wahrgenommen werden, um sich diesen Dilemmata zu stellen. Therapeutische Beratungsstellen, Einzel- und Gruppentherapien, sowie universitĂ€re Beratungsangebote sind nur begrenzt verfĂŒgbar oder entfallen ganz.

Wir fordern, dass die UniversitĂ€t vermehrt Beratungsangebote zur VerfĂŒgung stellt oder bereits existierende ausbaut und leichter zugĂ€nglich macht. HĂ€rtefallantrĂ€ge mĂŒssen gerade besonders schnell bearbeitet werden. Dabei muss auch die besondere soziale Lage in der Corona-Krise berĂŒcksichtigt werden!

Durch die zusĂ€tzlichen Belastungen ist es notwendig, dass Ausnahmeregelungen fĂŒr Studierende in sozialen, psychischen und gesundheitlichen Sondersituationen geschaffen werden und sie hinsichtlich ihres Studiums entlastet werden. Nur so kann den Studierenden die Möglichkeit gegeben werden, trotz unter UmstĂ€nden geringerem Umgangs ihr Studium auch in diesen Semestern fortzusetzen.




Quelle: Femrefbremen.wordpress.com