Januar 12, 2022
Von InfoRiot
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Am Montagabend in der Potsdamer Innenstadt

Am Montagabend in der Potsdamer Innenstadt

Foto: dpa/Soeren Stache

Auf dem Bahnhofsvorplatz von Bernau hÀngen an einem Bauzaun zwei Transparente. Das eine fordert dazu auf, sich gegen das Coronavirus impfen zu lassen. Das andere gedenkt der 61 Todesopfer der Pandemie in der Stadt Bernau. Auch an 293 Opfer im Kreis Barnim und 4408 im Land Brandenburg wird erinnert. Die Zahlen sind nicht auf dem neuesten Stand. Mittlerweile sind im Kreis 311 und im Land 4815 Menschen gestorben.

Ein PĂ€rchen geht am Montagabend achtlos an den Transparenten vorbei und strebt der BĂŒrgermeisterstraße zu. Dort versammeln sich Hunderte mit Kerzen, um gegen die Corona-Maßnahmen und gegen einen Impfzwang zu protestieren. Das PĂ€rchen reiht sich ein. Ansprachen gibt es nicht. Kurz nach 18 Uhr setzt sich die Menge in Bewegung und lĂ€uft kreuz und quer durch die Stadt, zumeist auf dem BĂŒrgersteig, aber auch mal ĂŒber die Fahrbahn der Nelkenstraße. Dort rollt ein Auto im Schritttempo in der LĂŒcke des Zuges mit, in die es hineingerĂ€t. Es ist einer der angeblich spontanen AbendspaziergĂ€nge. Doch gibt es ein paar MĂ€nner und Frauen, die das Ganze zu dirigieren versuchen. Sie lotsen die lange Schlange auch dann noch ĂŒber eine Kreuzung, als die FußgĂ€ngerampel auf Rot wechselt. Manche bleiben aber doch lieber stehen. Es wird das Kommando durchgegeben, vorne zu warten, bis alle aufgeschlossen haben.

»Frieden, Freiheit, keine Diktatur«, wird gerufen. Eine Frau an der Spitze formt mit den HĂ€nden einen Trichter vor dem Mund und brĂŒllt immer wieder: »HĂ€nde weg von unseren Kindern!« Sie animiert dazu, die Losung aufzunehmen, was nur zögerlich geschieht.

Die Mehrzahl der Teilnehmer trottet einfach nur mit und fĂŒhrt dabei GesprĂ€che, die sich um die Corona-Proteste drehen. Da wird entgeistert berichtet, eine Bekannte habe ihr neunjĂ€hriges Kind impfen lassen. Da wird begeistert erzĂ€hlt, es gebe heute in Deutschland 529 Protestaktionen.

Den Hinweis, es seien in Brandenburg zuletzt immer mehr Versammlungen gewesen, aber insgesamt keine grĂ¶ĂŸer werdende Zahl von Teilnehmern, kommentiert eine Frau: »Glaube ich nicht!« Stattdessen glaubt ein Mann, die Regierung mĂŒsse bald abtreten. »Die werden sich umgucken. Dauert nicht mehr lange«, ist er sich sicher. Ein Glas mit einer brennenden Kerze hĂ€ngt an seinem GĂŒrtel. Er hĂ€lt HĂ€ndchen mit seiner Partnerin, die in einer Tour ĂŒber Politiker schimpft. Er bestĂ€tigt sie: »Genauso ist es!«

Eine Maske trĂ€gt hier niemand, obwohl das bei Demonstrationen Pflicht ist. An Fenstern und auf Balkonen zeigen sich Anwohner. »Schließt euch an«, werden sie aufgefordert. Vergeblich! Trotzdem sind rund 1000 Teilnehmer unterwegs, vielleicht auch etwas mehr. Damit wĂ€re die in Brandenburg derzeit zulĂ€ssige Obergrenze ĂŒberschritten. Die Polizei lĂ€sst die Leute aber gewĂ€hren. Ab und an kreuzt ein Streifenwagen den Weg, dann ist wieder weit und breit kein Beamter zu sehen. In der NĂ€he des Startpunkts befindet sich ein BĂŒro der Linken. Im Schaufenster hĂ€ngt der offene Brief aus, in dem das Bernauer Netzwerk fĂŒr Weltoffenheit UnverstĂ€ndnis und Sorge ĂŒber die SpaziergĂ€nge Ă€ußerte.

Am Montagabend gibt es es nach Kenntnis der Polizei in Brandenburg 93 Corona-Versammlungen an 76 verschiedenen Orten. 63 Versammlungen sind nicht angemeldet. Polizisten nehmen 60 Strafanzeigen und 220 Ordnungswidrigkeiten auf. Insgesamt zĂ€hlen die Proteste 26 000 Teilnehmer, davon 4000 in Cottbus. In Potsdam demonstrieren Hunderte, obwohl die Versammlung hier verboten wurde. Eine Reiterstaffel hindert die Leute am Weiterlaufen. In AngermĂŒnde marschiert die Nazipartei »Der dritte Weg«.




Quelle: Inforiot.de