Juli 22, 2021
Von Autonomie Magazin
270 ansichten


Die deutsche Linke diskutiert ja immer wieder das Thema Basisarbeit und stellt sich zurecht die Frage: wie können wir aus der Marginalisierung herauskommen und Schritt fĂŒr Schritt mehr werden? In einer Gegend, wo man eigentlich nicht damit rechnet, gibt es ein Projekt von unten, das diesen Effekt ganz nebenbei hat und dafĂŒr sorgt, dass Menschen in Kontakt mit linker Politik kommen, die es ansonsten nicht wĂŒrden. Ich habe ein Interview mit Marius und Erich vom FC Internationale Memmingen e.V. gefĂŒhrt, ein Antirassistischer Fußballverein im AllgĂ€u.

Interview und Übersetzung: Pierre Rouge


Hallo zusammen, vielleicht stellt ihr euch erstmal kurz vor: Wer seid ihr und seit wann gibt es euch?

Marius: Uns gibt es offiziell seit dem 13.12.2018. Da haben wir gesagt wir grĂŒnden den Verein. Es war allerdings schon 2 Jahre davor geplant. Wir wurden von einer Person aus einem Helferkreis angesprochen, der schon lange vorher jeden Samstag einen Kick fĂŒr GeflĂŒchtete aus dem ganzen Landkreis UnterallgĂ€u organisiert hat. Irgendwann haben da dann ein paar Jungs gesagt, sie wollen zusammen einen Fußballverein grĂŒnden. Zuerst haben wir dann gesagt, dass es zeitlich schwierig ist


Erich: ja die wollten eigentlich erstmal zusammen in nem Verein spielen. Es hat sie aber niemand aufgenommen, weil es vielleicht teilweise kritisch gesehen wurde oder die Leute keine Lust auf den Mehraufwand hatten. Die haben dann halt erstmal z.B. bei einem antirassistischen Hobbyturnier mitgespielt, was es hier jÀhrlich gibt. Eigentlich war aber der Plan, die Leute in bestehende Vereine zu bringen. Jetzt sind wir aber froh darum es einfach selber gemacht zu haben, auch wenn es sau viel Arbeit war.

Marius: Ja und dann sind Mitte 2018 ein paar Leute zusammen gekommen, die alle Bock hatten was eigenes zu machen. Die GrĂŒndung an sich war nicht so schwierig: 5 Bier, bis wir einen Namen hatten und dann haben wir uns mit den Spielern zusammen noch auf ein Logo und die Vereinsfarben geeinigt: Orange, rot, weiß.

Was waren so die Startprobleme?

Marius: Das erste Jahr konnten wir noch nicht spielen, weil manche Spieler noch bei anderen Vereinen waren und viele noch keinen Spielerpass hatten. Das war natĂŒrlich am Anfang noch schwierig, weil wir keine Kohle hatten. Durch Spenden konnten wir dann ein kleines Startkapital sammeln. So ein Passantrag kostet 52 Euro pro Spieler. Wo wir die erste Versicherungsrechnung bekommen haben dachte ich mir: Scheiße, das hört auf bevor es ĂŒberhaupt angefangen hat. FĂŒr die TrikotsĂ€tze war es schwierig Sponsoren zu finden, weil: wer unterstĂŒtzt einen komplett neuen Verein? Das hat dann nur durch persönliche Kontakte geklappt, weil wir auch nicht jeden Sponsor wollten, vor allem keinen der in Memmingen Waffen produziert, oder wo man weiß, dass der Inhaber ein Rechter ist, das wĂ€re schon arg absurd gewesen.

Erich: Das nĂ€chste war dann das Problem, dass ein Spielerpassantrag bis zu einem halben Jahr dauern kann bei jemandem der keinen Pass hat und aus nem fremden Land kommt. Weil, du musst immer nachweisen ob die Person dort irgendwo gespielt hat und freigestellt ist oder nicht. Es war dann oft so, dass keine Antwort kam und wir ein halbes Jahr abwarten mussten, weil die Person dann spielen darf, wenn so lange keine Antwort kommt. Noch ein Problem war die Platzsuche, weil wir in Memmingen angefragt haben, aber alles belegt war. Durch persönliche Kontakte zu einer Gemeinde bisschen außerhalb hat sich dann aber eine Möglichkeit mit guten Konditionen ergeben, weil sich dort die Fußballabteilung aufgelöst hatte.

Und wie lÀuft es seitdem?

Marius: Es ist ein stĂ€ndiges auf und ab. Wir mĂŒssen einen hohen Aufwand betreiben, um den Verein aufrecht zu erhalten. Allein das Fahren kostet enorm viel Zeit, weil unsere Spieler im Landkreis verteilt wohnen und niemand ein Auto, geschweige denn FĂŒhrerschein hat. Das wird sich auch nicht Ă€ndern, weil es finanziell und rechtlich unrealistisch ist, wenn du z.B. nur eine Duldung hast.

Erich: Ja da fÀhrt man dann schon mal an die 100 km bis man alle zum Training eingesammelt hat. Da brÀuchte es noch mehr Leute, damit man nicht immer so lang unterwegs ist.

Wie waren die Reaktionen auf euer Projekt in der Gegend?

Marius: Wir haben eigentlich mit viel mehr Gegenwind gerechnet, gerade so in bestimmten Dörfern, wo die AfD stark ist. War dann aber gar nicht so. Es kam Kritik, dass wir ja Integration verhindern wĂŒrden, wenn wir einen eigenen Verein mit politischem Anspruch machen. Prinzipiell haben die Leute da schon recht, aber wenn sie es ihnen auch so schwer machen in ihren Vereinen mitzuspielen, sag ich ihnen doch nicht „integriert euch mal!“. Gleichzeitig haben wir natĂŒrlich niemanden gezwungen bei uns mitzuspielen. Und manche Spieler sind auch schon zu anderen Vereinen gewechselt.

Erich: Dazu gibt es viele Beispiele bei uns, die stĂ€ndig Absagen bei Vereinen kassiert haben und wo immer wieder gesagt wurde du bekommst eh keinen Spielerpass, weil es den ZustĂ€ndigen einfach zu stressig war sich darum zu kĂŒmmern.

FĂŒr alle die sich im SĂŒden nicht so auskennen: In welchem Umfeld seid ihr dort aktiv? Wie ist die politische Stimmung in der Gegend? Seid ihr rassistischen Angriffen, sei es verbal oder auch körperlich ausgesetzt?

Marius: Das politische Umfeld hier in der Gegend ist sehr konservativ bzw. von blau und braun durchzogen eigentlich. Du hast hier „Voice of Anger1“, die aus der Gegend kommen und „Born to be wild2“, die ĂŒberall hier verteil wohnen
also eigentlich fĂŒr so ein Projekt eine schwierige Umgebung. Aber das war eigentlich bisher kein Problem, bis auf Einzelheiten.

Erich: Also ich hab da schon ein paar Sachen gehabt auf dem Platz. Da kommen schon mal SprĂŒche. Gerade gegen Tur Abdin oder TĂŒrkspor. Die sagen dann eure Leute mĂŒssen morgen eh nicht arbeiten und ziehen uns das Geld aus der Tasche oder die Fans spucken dich an. Gegen TĂŒrkspor war es kurz vor m Spielabbruch, da hat einer unserem Torwart die Finger gebrochen und die Fans von denen ham das noch gefeiert. Oder gegen Amendingen, wo dir stolz gesagt wird, dass man trotzdem die AfD wĂ€hlt. Bei denen haben sich auch nochmal extra viele zum Spiel gemeldet, weil es halt gegen uns ging. Das Spiel war dann auch dementsprechend giftig und ich wĂ€re auch fast vom Platz geflogen, weil ich mir das natĂŒrlich nicht gefallen lassen wollte. Man muss schon sagen ich hĂ€tte es krasser erwartet, aber es ist schon trotzdem da. Viele Vereine haben aber auch ein sehr gutes VerhĂ€ltnis zu uns.

Marius: Man hat bei den ganzen SprĂŒchen das GefĂŒhl, die Leute labern halt irgendwas nach, was sie an ihrem AfD- Bauern- Stammtisch gehört haben, ohne dass das ihre selbst entwickelte Meinung ist. Im Großen und Ganzen kommt unser Verein aber wirklich positiv an. Und dadurch, dass bei unseren Spielen auch immer viel Support da ist, halten sich einige vermutlich auch zurĂŒck mit Pöbeleien, weil sie wissen, dass es eventuell schlecht fĂŒr sie ausgehen kann. Insgesamt steht fĂŒr die meisten aber das Sportliche im Vordergrund und gar nicht so das Politische, was wir immer mitdenken.

Wie geht ihr damit um? Was funktioniert am besten?

Marius: Also wir haben fĂŒr uns beschlossen, dass wenn es Überhand nimmt, wir geschlossen den Platz verlassen. Und dann auch klar an die Presse treten und erklĂ€ren, warum wir dieses Spiel abgebrochen haben. Soweit ist es aber noch nicht gekommen. Gerade ich krieg es draußen aber oft auch nicht mit, was so auf dem Platz fĂ€llt und viele erzĂ€hlen es dann im Nachhinein.

Erich: Ich war da auch schon oft ziemlich gereizt und hab Leuten dann auch Ansagen gemacht was passiert wenn es so weitergeht. Klar das war vielleicht nicht immer der richtige Weg aber fĂŒr die war dann halt klar, dass sie an eine Grenze gekommen sind.

Marius: Das find ich aber gar nicht der falsche Weg. Die machens aufm Platz so dann kannst du auch dein Statement setzen. Wir sind auch im engen Austausch mit den Schiedsrichtern, wo man sagen muss, dass die meistens wirklich sehr sensibel mit der Thematik umgehen.

Welche politischen Effekte hat das Vereinsprojekt schon gehabt?

Erich: Ich wĂŒrde definitiv sagen, dass viele Fans oder Leute die frisch dazugekommen sind, um sich das Projekt mal anzuschauen, glaube ich, schon gemerkt haben, dass es scheißegal ist woher jemand kommt, es kann immer zusammen funktionieren. Und natĂŒrlich auch innerhalb der Mannschaft hat sich viel getan, weil nicht alle von Anfang an unsere politische Einstellung hatten. Da haben sich einige verĂ€ndert. Viele von außen sind sehr interessiert, wie es bei uns lĂ€uft, weil es fĂŒr sie immer noch Neuland ist und sie es nicht vorstellen können, wie es funktioniert.

Marius: Nach außen wĂŒrde ich sagen eher weniger, aber gerade innerhalb der Mannschaft haben viele ihre Meinungen und ihr Verhalten geĂ€ndert. Von außen bekommt man manchmal Fragen gestellt, die klingen als wĂŒrde man mit Außerirdischen Fußball spielen. Viele kommen da schlecht von ihren Vorstellungen weg und auch man selbst ertappt sich dabei, wie man den Alman in sich entdeckt und alles immer strukturieren will. Wir haben auch selbst gelernt, dass es auch anders laufen kann. Außerdem sind wir als Verein immer aktiv, wenn eine Abschiebung droht, machen Petitionen und machen es so schwerer jemanden abzuschieben, wenn wir als Verein dahinterstehen.

Was sind eure weiteren PlÀne und Ziele?

Erich: Wir wurden von der Gemeinde wo unser Platz ist schon angesprochen vielleicht eine Jugendabteilung aufzumachen und mehr mit ihnen zusammenzuarbeiten. WÀre cool wenn das noch irgendwann klappt. Dazu brauchen wir aber mehr KapazitÀten.

Marius: Wir mĂŒssen schauen, dass wir mehr finanzielle UnterstĂŒtzung zusammenkriegen und weitere Leute einbinden bei uns aktiv mitzumachen, weil es schon ein hoher zeitlicher Aufwand ist, das Ganze zu betreiben.

Erich: Wir machen auch immer wieder so Aktionen, wo wir z.B. Spielern ermöglichen zum Eishockey zu gehen und legen da dann zusammen, damit alle, die wollen auch mitkommen können. Oder wir bekommen dann auch mal Freikarten vom Verein direkt. Es gab auch schon mal den Plan so ein Benefiz Spiel mit dem ECDC zu machen.

Marius: Das sollten wir vielleicht dann mal vor der Sommerpause machen, sonst gibt’s zu viele Verletzte.

Habt ihr Kontakte zu anderen linken Fußballvereinen?

Erich: Wenig. Wir haben mal Leute von Roter Stern Leipzig auf nem Konzert im Suff kennen gelernt, daraus ist aber nichts Weiteres entstanden bisher.

Marius: Wir hatten mal noch Kontakt zu nem Àhnlichen Projekt in Konstanz. Das hat sich aber leider aufgelöst, weil sie glaub keine Spieler mehr hatten oder so.

Was wĂŒrdet ihr anderen Interessierten gerne mitgeben? Was ist wichtig, wenn man ein Ă€hnliches Projekt aufziehen will?

Marius: Man muss auch wirklich mit Überzeugung dahinterstehen, wenn man so etwas macht, weil es sonst den Menschen gegenĂŒber unfair ist, wenn man sagt, man macht was und dann verlĂ€uft es im Sande. Und breit aufstellen und am Besten nicht so wie wir zu viert anfangen. Bei der Entscheidungsfindung muss man auch oft mal pragmatisch sein und kann nicht alles im Konsens entscheiden. Es ist auch immens wichtig Ahnung vom Amateurfußball und den ganzen AblĂ€ufen zu haben oder Leute fragen zu können die sich gut auskennen.

Erich: Ich wĂŒrde sagen, dass es wichtig ist, nicht mehrere Aufgaben auf eine Person zu laden, sondern wirklich viele Leute dazu zu holen, weil es wirklich ein hoher Aufwand ist. Es macht einen aber auch echt glĂŒcklich, weil es andere glĂŒcklich macht.

Wer Lust hat das Projekt zu unterstĂŒtzen oder Kontakt zu ihnen sucht, kann sich gerne unter: fcintermm@mitanand.org melden. Außerdem kann man natĂŒrlich immer zu den Spielen kommen.

https://instagram.com/fcinternationalememmingen?utm_medium=copy_link


1 Neonazikameradschaft aus Memmingen

2 Rechter Motorradclub

[
] Read More [
]




Quelle: Autonomie-magazin.org