Dezember 13, 2021
Von Emrawi
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Um es gleich in aller Deutlichkeit allen Faschos vorwegzunehmen: Dieser Text ist selbstverstĂ€ndlich keinesfalls als Ende linksradikaler (Antifa-)Politik in Wien zu verstehen. Zu zahlreich sind die Gruppen und ZusammenhĂ€nge, die sich menschenverachtender Ideologie entgegenstellen – und in denen wir als Einzelpersonen weiterhin aktiv sein werden. Es ist vielmehr das Ende des kollektiven Weges unserer Gruppe. Dabei sind wir davon ĂŒberzeugt, dass die radikale Linke stĂ€rker werden muss und hoffen, dass unsere Reflexion anderen helfen kann, nicht dieselben Fehler zu machen.

TEIL I – Burschenschaften, Nazis und die Gesamtscheiße

Wir blicken auf 12 Jahre kontinuierliche politische Arbeit in unterschiedlichen Feldern mit starkem Fokus auf Antifa-Arbeit zurĂŒck. Wir haben uns 2009 als autonome antifa [w] gegrĂŒndet, um der Verschlossenheit der linksradikalen Szene etwas entgegenzusetzen. Mit offenen Treffen haben wir anfangs versucht, Offenheit und Ansprechbarkeit zu vermitteln, was uns nur in Teilen gelungen ist und ein Jahr spĂ€ter wieder beendet werden musste. Den Spagat zwischen einer offenen linksradikalen Gruppe und SicherheitsbedĂŒrfnissen zu schaffen ist schwierig und mit WidersprĂŒchen durchzogen, die wir zunĂ€chst nicht auflösen konnten. Als erfolgreiches Projekt dieser Anfangszeit ist jedoch das Antifa CafĂ© zu verzeichnen, das bereits seit einigen Jahren nicht mehr nur von uns als autonome antifa [w] ausgerichtet wird, sondern von der Plattform Radikale Linke ĂŒbernommen wurde und unsere Auflösung ĂŒberdauern wird. Das Antifa CafĂ© bot und bietet nach wie vor die Möglichkeit, sich inhaltlich auszutauschen, Themenbereiche zu erschließen, die ĂŒber klassische Antifa-Arbeit hinausweisen, und Argumente zu schĂ€rfen.

Zudem war es uns von Beginn an ein Anliegen, Antifa als Aktionsfeld mit antikapitalistischer Gesellschaftskritik zu untermauern, was uns 2010 zum Beitritt zum kommunistischen …umsGanze!-BĂŒndnis bewegte. Das BĂŒndnis mobilisierte mehrmals zu massenhaften Protesten wie Gipfeltreffen oder der EZB-Eröffnung 2015 in Frankfurt, um eine linksradikale Perspektive in oftmals verkĂŒrzt kapitalismus- bzw. gar konsumkritische Agitationen zu eröffnen. Dem Beitritt zu …umsGanze! haben wir auch eine europaweite Vernetzung durch die Plattform Beyond Europe zu verdanken, die ihre Highs und Lows zu verzeichnen hat, aber aus unserer Sicht nach wie vor viel Potential in sich trĂ€gt.

Als einzige nicht bundesdeutsche Gruppe hatten wir im …umsGanze!-BĂŒndnis immer schon eine Sonderrolle und nicht alle Debatten und Diskurse ließen sich auf die politische Situation in Österreich ĂŒbertragen. Dennoch hat uns die Zusammenarbeit mit den Genoss:innen in unserer Praxis und Theorie immer gefordert und unsere Inhalte geschĂ€rft. Gemeinsam mit …umsGanze!, dem NOWKR-BĂŒndnis und der “Offensive gegen Rechts” haben wir schließlich einige Jahre lang die Proteste gegen den damaligen Ball des Wiener Korporationsrings (WKR) organisiert und den Schrecken des rechtsextremen Vernetzungstreffens in die Öffentlichkeit gezerrt. Begleitet von viel Repression konnte man jĂ€hrlich mal mehr, mal weniger Erfolge erzielen, bis zu 10.000 Antifaschist:innen aus dem In- und Ausland mobilisieren und fĂŒr eine große mediale Debatte sorgen. Die Öffentlichkeit empörte sich ĂŒber den gewaltvollen Charakter der Demonstrationen, ĂŒber unseren offenen Umgang mit unserem Hass auf Nazis und die VerhĂ€ltnisse, wĂ€hrend tausende Faschist:innen in der Wiener Hofburg tanzten, feierten und sich vernetzten. Die Mobilisierungen hatten zur Folge, dass der WKR den Ball nicht mehr ausrichten durfte, was die Veranstaltung an sich jedoch leider nicht verhinderte. Die Wiener Landesgruppe der FPÖ sprang in die Bresche und richtete von nun an den sogenannten “Akademikerball” als Ersatz aus. Anderer Name, selbe Scheiße. Der Repressionsapparat ließ auch nicht lange auf sich warten: Das NOWKR-BĂŒndnis sah sich 2014 mit Ermittlungen wegen Bildung einer terroristischen Vereinigung konfrontiert, welche letztlich ins Leere fĂŒhren mussten, so lĂ€cherlich und unhaltbar waren die VorwĂŒrfe. Im Jahr 2015 mobilisierte das BĂŒndnis schließlich ein letztes Mal gegen den Akademikerball und löste sich anschließend auf. Die GrĂŒnde dafĂŒr können hier nachgelesen werden: http://nowkr.at/.

Feind:innenbilder im Wandel der Zeit

Als autonome antifa [w] haben wir stets versucht, zu allen Spektren der extremen Rechten zu arbeiten. Durch die starke Anbindung an die Uni lag unser Fokus zunĂ€chst bei Burschenschaften und ihren Umtrieben in der Stadt. Mit der Entstehung unterschiedlicher rechtsextremer bis neonazistischer Strukturen sahen wir uns gezwungen, ihren Mobilisierungen und Aktionen auf der Straße etwas entgegenzusetzen. Mit unterschiedlichen Mitteln versuchten wir stets, ihre AufmĂ€rsche zu verhindern, was teilweise auch von Erfolgen begleitet war. Der Misserfolg des österreichischen Pegida-Ablegers ist einer Mischung aus konsequentem Antifaschismus auf der Straße und der Inkompetenz der traurigen FĂŒhrungsfiguren der Rassist:innen zu verdanken. Die großen AufmĂ€rsche der „IdentitĂ€ren“ mit internationaler, neofaschistischer Mobilisierung konnten wiederholt verhindert werden. Die Mobilisierungen der Gruppe in Wien wurden weniger und sie mussten vermehrt auf andere StĂ€dte ausweichen. Zeitweise lagen die sogenannten „IdentitĂ€ren“ am Boden und versanken zunehmend in der Bedeutungslosigkeit – nach 2015 war es ihnen trotz rassistischen RĂŒckenwinds nicht gelungen, eine tatsĂ€chliche Bewegung zu formen, geschweige denn ihr Mobilisierungspotential nachhaltig auf die Straße zu tragen. Aktuell kann beobachtet werden, dass die “IdentitĂ€ren” erneut versuchen, sich an die Spitze einer reaktionĂ€ren Formierung in Österreich zu setzen. Allerdings diesmal – im Kontext der Corona-Demos – klar als rechtsextrem in den Medien gekennzeichnet und offen Seite an Seite mit dem weitaus grĂ¶ĂŸeren rechtsextremen Problem Österreichs: der FPÖ.

Das Jahr 2015 und der sogenannte „Sommer der Migration“ stellten uns vor neue Herausforderungen. In der Vernetzungsarbeit mit Betroffenen und antirassistischen Strukturen waren wir von Beginn an nachlĂ€ssig. Gleichzeitig sahen wir uns unzĂ€hligen rassistischen Mobilisierungen gegenĂŒber, denen man nur mehr hinterherrennen konnte. Als Erfolg zĂ€hlen wir die antirassistische Mobilisierung nach Spielfeld, die wir in Zusammenarbeit mit anderen Strukturen auf die Beine stellten. WĂ€hrend einige hundert Faschist:innen an der Grenze zu Slowenien aufmarschierten und sich als GrenzwĂ€chter:innen inszenierten, konnten wir mit vier Bussen aus Wien zum Gegenprotest beisteuern. Nachdem der Aufmarsch kurzzeitig gestoppt wurde, mussten die angereisten Nazis feststellen, dass ĂŒber 80 ihrer Autos schlagkrĂ€ftig von Antifaschist:innen kommentiert wurden. Dennoch kann der Erfolg der antifaschistischen Aktionen in und um Spielfeld nicht darĂŒber hinwegtĂ€uschen, dass der allgemeinen rassistischen Stimmung und den unzĂ€hligen faschistischen Mobilisierungen nachhaltig kaum etwas entgegenzusetzen war – zumindest als kleine, schlecht zugĂ€ngliche linksradikale Szene. Auch die FPÖ sowie der rassistische Grundkonsens der österreichischen Mehrheitsgesellschaft sind fĂŒr eine einzelne Antifagruppe kaum zu bearbeitende Gegner:innen. Unsere Erfahrungen im Jahr 2015 fĂŒhrten uns in weiterer Folge zu dem Entschluss, eine grĂ¶ĂŸere linksradikale, österreichweite Vernetzung anzustoßen. Das Projekt der Plattform Radikale Linke wurde entwickelt und versucht, in die Tat umzusetzen. Leider scheiterte der Versuch einer österreichweiten Vernetzung rasch – einzig in Wien konnten wir das Konzept umsetzen und linksradikale Politik bis heute mit unseren Genoss:innen bĂŒndeln.

Eine weitere Konsequenz aus dem OhnmachtsgefĂŒhl gegenĂŒber einer rassistischen Hegemonie war es, ab 2015 kleinere öffentlichkeitswirksame Aktionen durchzufĂŒhren. Beispielsweise blockierten wir 2016 die Wiener Ringstraße (eine der grĂ¶ĂŸten und meistbefahrenen Straßen der Stadt), um auf das mörderische Grenzregime aufmerksam zu machen. Durch die mediale Begleitung auf Social-Media-Plattformen konnten wir durch eine einfache Aktion, die nicht von vielen Personen durchgefĂŒhrt werden musste, fĂŒr relativ großes Aufsehen sorgen. Zu den medial wirksamen Aktionen dieser Episode kann sicherlich auch die EnthĂŒllung des Transparents “Österreich du Nazi!” auf dem Heldenplatz nach der BundesprĂ€sidentenwahl 2016 verstanden werden, das entlarvenderweise nicht nur Herbert Kickl, sondern auch weite Teile des linksliberalen BĂŒrgertums in Erregung versetzte.1

Kritisch zu betrachten ist das Fehlen eigenstĂ€ndiger feministischer Schwerpunkte bzw. Mobilisierungen bis zum Jahr 2017. “Make Feminism A Threat Again” war unsere erste eigenstĂ€ndige Mobilisierung zum feministischen Kampftag am 8. MĂ€rz und legte den inhaltlichen Fokus auf materialistische ZugĂ€nge innerhalb feministischer Debatten.2

Im selben Jahr noch haben wir gemeinsam mit der Plattform Radikale Linke gegen die Angelobung der FPÖ-ÖVP-Regierung mobilisiert, welche letztlich im Dezember 2017 stattfand und relativ große Proteste sowie die Wiederauferstehung der Donnerstagsdemos mit sich brachte.3 Doch auch im Vergleich zu den Protesten anlĂ€sslich der schwarz-blauen Regierungsbildung im Jahr 2000 zeigte sich die zunehmende Akzeptanz rechtsextremer Ideologie bis ins linksliberale Spektrum.

In unseren letzten Jahren gab es noch vereinzelte Aktionen und Mobilisierungen, die positiv hervorzuheben wĂ€ren, so z.B. der Exportschlager “Nazis Abschirmen” 2018, der von vielen Antifas aus unterschiedlichen StĂ€dten erfolgreich ĂŒbernommen wurde.4 Oder auch unsere Mobilisierung am 1. Mai 2019 zur damals 20 Jahre zurĂŒckliegenden Ermordung Marcus Omofumas durch die Wiener Polizei.5 Zwei Mobilisierungen, die uns als Gruppe nochmal zusammenwachsen ließen, waren zum einen die antifaschistischen Auseinandersetzungen an der UniversitĂ€t Wien rund um den rechtsextremen Professor Lothar Höbelt Anfang 2020, als Faschist:innen klĂ€glich versuchten, die Uni fĂŒr sich zu vereinnahmen.6 Zum anderen die Geschehnisse in Favoriten (10. Wiener Gemeindebezirk) im Sommer 2020, als im Juni eine feministische Kundgebung sowie das örtliche Autonome Zentrum (EKH) von tĂŒrkischen Faschist:innen angegriffen wurden, was tagelange Mobilisierungen und physische Auseinandersetzungen im Bezirk nach sich zog und uns im Nachhinein zum Versuch einer differenzierten analytischen Aufarbeitung veranlasste.7

Hervorzuheben ist, dass insbesondere in den letzten Jahren alle Mobilisierungen niemals nur von uns alleine ausgingen. Wir waren und sind unseren Genoss:innen, mit denen uns teils jahrelange gemeinsame KĂ€mpfe verbinden, dankbar fĂŒr die gemeinsame Zusammenarbeit. Bis heute waren und sind wir nicht die einzige linksradikale (Antifa-)Gruppe Wiens. Neben der Plattform Radikale Linke bildeten und bilden sich immer wieder autonome ZusammenhĂ€nge und Bezugsgruppen, die ebenso an Planung und DurchfĂŒhrung von Aktionen beteiligt waren und sind.

Unser politisches Engagement hat sich in den vergangenen Jahren auch weiter in die Plattform Radikale Linke verlagert. Die Erfahrung zeigt, dass die kleingruppenĂŒbergreifende Vernetzung nicht nur dem Erfahrungsaustausch dient, sondern sich so auch grĂ¶ĂŸere Projekte, beispielsweise in feministischen und antifaschistischen KĂ€mpfen, besser realisieren lassen.

Die autonome antifa [w] war jedoch ĂŒber weite Strecken ihres eigenen Daseins auch immer wieder ProjektionsflĂ€che fĂŒr kontroverse politische Debatten. So handelte uns unsere klare Positionsbestimmung gegen jeden Antisemitismus den Ruf ein, eine „antideutsche“ Gruppe zu sein, wĂ€hrend sich die Wiener Antideutschen an unseren antinationalen Standpunkten abarbeiteten.

Als auf Social-Media stark wahrgenommene Gruppe im deutschsprachigen Raum hat sich an dieser Rolle im Allgemeinen wenig geĂ€ndert. Im Speziellen zeigte sich dies an Anfeindungen unserer materialistischen Kritik aus Kreisen, die vermehrt IdentitĂ€t und Betroffenheit in den Vordergrund ihres eigenen Engagements rĂŒcken. Leider haben wir es nicht (mehr) geschafft, uns theoretisch ausfĂŒhrlicher mit dieser Kritik auseinanderzusetzen, ein eigenes Positionspapier zu dieser Konfliktlinie zu veröffentlichen und unsere eigenen Positionen im Zuge dessen systematisch zu reflektieren.

TEIL II – Neoliberales Teambuilding, Afterwork Beer und Burnout

Die Auflösung der Gruppe geschieht logischerweise nicht aus heiterem Himmel oder aus einer Laune heraus, sondern hat sich – wenn wir ehrlich sind – schon lĂ€ngere Zeit angekĂŒndigt. Allein die zĂ€he Arbeit an diesem Auflösungstext, die sich ĂŒber viel zu lange Zeit hinweg zog, lĂ€sst diese Entscheidung definitiv als die richtige erscheinen. An dieser Stelle wollen wir einen Einblick geben, woran es letztlich gelegen hat, dass es uns als der richtige Schritt erscheint, das Kapitel “afa [w]” fĂŒr beendet zu erklĂ€ren. Wir wollen dadurch zum einen selbst unsere Politik- und Umgangsformen der letzten knapp 12 Jahre kritisch hinterfragen, zum anderen gemachte Erfahrungen zugĂ€nglich machen.

We’re the cool kids on the block

Insbesondere in den ersten zwei Dritteln unseres Bestehens gefielen wir uns innerhalb der linken und linksradikalen Szene als unbeliebte StĂ€nkerin, die mit markig-selbstverliebten SprĂŒchen den Finger in die Wunde legte, wo es ihr wichtig erschien. Konkret sichtbar wurde dies der Wiener Linken beispielsweise durch die Verteilung von Texten bei der Aufbruch-Konferenz8 oder dem Text in Richtung Besetzer:innenmilieu9. Unser Anspruch an uns selbst, bloß nicht in reformistische Politik abzugleiten, sondern eine tiefgreifende Kritik der gesellschaftlichen VerhĂ€ltnisse in den Vordergrund zu stellen, fĂŒhrte zur Ausformung einer ganz bestimmten GruppenidentitĂ€t: Dieses Dasein lĂ€sst sich in einem Spannungsfeld zwischen der Selbstdarstellung als permanent marginalisierte und isolierte Position einerseits und andererseits als wichtige Stichwortgeberin und Initiatorin begreifen. Marginalisiert, weil man sich kaum MĂŒhe gab, mit seiner Kritik tatsĂ€chlich auf breites VerstĂ€ndnis innerhalb der Wiener Linken zu treffen. Gleichzeitig konnte einem kleinen Teil – maßgeblich der uni-nahen linksradikalen Szene – DebattenanstĂ¶ĂŸe geben werden, an denen sich in weiterer Folge abgearbeitet wurde. Jedoch fĂŒhrte dieser Rollenbezug dazu, nach außen in den allermeisten FĂ€llen beinahe misstrauisch all jene Aktionen oder Politikformen zu beĂ€ugen, die nicht ganz genau unserem Geschmack entsprachen; zugleich ergab sich daraus auch ein stĂ€ndiger Rechtfertigungsdruck die eigenen Positionen betreffend. Eine Gruppe, die stĂ€ndig andere Positionen angreift, zementiert diese Meinung nach außen hin fest. Nur so ließ sich fĂŒr die einzelnen Genoss:innen die immer wieder Unmut auslösende Haltung auch im Alltag behaupten und gleichzeitig die eigene Analyse in der Szene wirklich stark verankern. Mit sich brachte dies jedoch eine “Parteimeinung”, eine dicke Haut, die die Gruppe sich selbst ĂŒber die Jahre aneignete. Gleichzeitiger Emporkömmling einer solch harten Weise, einen linken Diskurs zu fĂŒhren, sind Konkurrenzgedanken anderen Teilen der Szene gegenĂŒber. Einer wirklichen Debatte auf Augenhöhe mit anderen linken Strukturen stand diese Haltung tendenziell im Weg.

Ein solch hartes Auftreten gegen Kritik nach außen hinterlĂ€sst zwangsweise auch im Inneren bei den einzelnen ihre Spuren. Zum einen bestĂ€rkt sich eine Gruppe, die sich Ă€ußerer Kritik verstĂ€rkt ausgesetzt sieht, nach innen in ihrer eigenen Haltung. Zum anderen hĂ€lt ein derartiger sozialer Zusammenschluss interne WidersprĂŒche schwer aus. So wurde Kritik innerhalb der Gruppe z.T. heftig entgegengetreten – konnte fast als Verrat wahrgenommen werden –, was einer tatsĂ€chlich lebendigen Debatte (die durchaus hart in der Sache gefĂŒhrt werden kann) in einigen Situationen im Weg stand. Nicht nur eine inhaltliche Selbstkritik wurde durch diese Dynamik erschwert, auch mackriges Verhalten innerhalb der Gruppe wurde so intern kaum thematisiert.

Antifa GmbH – oder: wie gut sich blind die herrschenden ZustĂ€nde reproduzieren lassen

Ganz grundsĂ€tzlich kann die autonome antifa [w] wĂ€hrend weiter Teile ihres eigenen Wirkens auf einer Form-Ebene als quasi professionalisiert bezeichnet werden: Explizit wurde sich sehr frĂŒh dazu entschieden, dezidiert kein Freund:innenkreis zu sein. Es sollte politisch, der gemeinsamen Sache wegen, zusammengearbeitet werden. Ein Auseinanderbrechen der Struktur – und damit ein Wegfall der eigenen ArbeitsfĂ€higkeit – aufgrund von LoyalitĂ€ts- bzw. Beziehungskonflikten jeglicher Art sollte es mit uns nicht geben. Als Genoss:innen ging man zum Plenum, holte sich die ToDos, und arbeitete diese möglichst effizient ĂŒber die nĂ€chsten Tage ab. Als Genoss:innen ging man so zwar auch zum gemeinsamen Biertrinken danach – die Beziehungen innerhalb der Gruppe Ă€hnelten nichtsdestotrotz in weiten Teilen eher denen von Arbeitskolleg:innen, die sich in ihrem ArbeitsverhĂ€ltnis eben so sehr verstehen, dass die meisten auf ein gemeinsames Bier danach noch Lust haben. Klar gab und gibt es Freund:innenschaften, auch Freund:innenkreise innerhalb der Struktur; eine gruppeninterne, gemeinsame soziale Verantwortung, der sich jede:r verpflichtet gesehen hĂ€tte, existierte aufgrund des fragwĂŒrdigen VerstĂ€ndnisses von Genoss:innenschaft jedoch nie. Zwar hat unsere Organisationsform zu einem tatsĂ€chlich recht hohen Output gefĂŒhrt – die Bearbeitung der eigenen und kollektiven Emotionen sowie sich ĂŒber die politische Zusammenarbeit hinaus umeinander zu kĂŒmmern, wurde dabei jedoch verlĂ€sslich ins “Private” ausgelagert. Dass diese Auslagerung emotionaler Arbeit letztendlich bedeutete, dass sie vor allem von Frauen bzw. FLINTA-Personen erledigt wurde und sich die (cis-)Typen entspannt zurĂŒcklehnen konnten, wurde ausgeblendet.

Eine Folge dieses politischen Irrwegs war es, dass das “Buddy-System”, in dem es darum gehen sollte, neue Genoss:innen in die eigenen Strukturen einzufĂŒhren und eine Ansprechperson an die Seite zu stellen, um Sorgen, Unklarheiten und Ängste thematisieren zu können, konsequent Ă€ußerst lĂŒckenhaft umgesetzt wurde. Andere Beispiele waren die blinde Voraussetzung, dass neue Genoss:innen vor Aktionen sowieso schon wĂŒssten, was auf sie zukommt, wie sie sich verhalten mĂŒssten etc. “Wer zur afa [w] kommt, muss ja schließlich schon fehlerlose:r Expert:in sein”, scheint hier der dahinterliegende Gedanke gewesen zu sein. Diese „gespielte Perfektion“ endete in völlig ungenĂŒgenden Vor- und Nachbereitungen von Demos, Aktionen und Bezugsgruppen („Wir wissen ja eh, wie wir tun“) und fĂŒhrte notwendigerweise zu Überforderung, Unsicherheit und EinschrĂ€nkung von Aktionsfreudigkeit.

Auch im Umgang mit Repression wurde möglichst rational vorgegangen: NatĂŒrlich wurde allen Betroffenen alle materielle und politische UnterstĂŒtzung entgegengebracht, die notwendig war. Emotionen, Ängste und BedĂŒrfnisse der Betroffenen wurden jedoch nur sehr begrenzt wahrgenommen und dabei die “rationale” Sichtweise, die die Gruppe selbst durch ihren Umgang produzierte, auch von den Betroffenen implizit und teils auch explizit eingefordert.

Und so reproduzierte unsere Gruppe, im festen Glauben daran, kritisch der eigenen Szene und unversöhnlich den herrschenden ZustĂ€nden gegenĂŒber zu agieren, verlĂ€sslich die Organisationsform, die sie doch mit am meisten verachtete (und auf die sie spöttelnd herabblickte): die hippe (Polit-)Agentur im SpĂ€tkapitalismus. Flache Hierarchien, flexible Arbeitszeiten und gemeinsames After-Work-Beer inklusive. Polemisch ausgedrĂŒckt war und ist, wer die Organisierungsform in der autonomen antifa [w] erfolgreich ĂŒberstanden hat, fĂŒr den Arbeitsmarkt perfekt vorbereitet: Angeeignet wurden sich KonkurrenzfĂ€higkeit, Durchsetzungsvermögen, TeamfĂ€higkeit, Organisierungskompetenz, LeistungsfĂ€higkeit, projektförmiges Arbeiten (Kampagnenarbeit), KreativitĂ€t, die Akzeptanz einer nicht vorhandenen Trennung von Arbeit und Freizeit sowie das in Kauf nehmen schlechter (keiner) Bezahlung.

Ein Auslagern emotionaler Arbeit ins “Private” fĂŒhrte auch zu dem PhĂ€nomen, dass immer wieder Genoss:innen “auf Pause” gingen – sich also fĂŒr eine bestimmte Zeit aus der aktiven Politarbeit verabschiedeten, weil sie dem Workload, der kollektiv von ihnen erwartet wurde, nicht mehr gerecht wurden oder zumindest glaubten, dass dies so sei. In weiterer Folge spielten die Personen “auf Pause” kollektiv auch keine Rolle mehr – es sein denn, sie meldeten sich am Plenum zurĂŒck und nahmen wieder aktiv an der Polit-Arbeit teil. Im Vordergrund stand fĂŒr die Gruppe also nie sich so zu organisieren, dass der immanente Leistungsdruck des Kapitalismus mit politischer Arbeit vereint werden kann. Im Vordergrund standen die LeistungsfĂ€higkeit und der Output der Gruppe nach außen bei gleichzeitiger Austauschbarkeit derjenigen, die intern die (Polit-)Arbeit machen.

Auch der interne Umgang mit Übergriffen von Genossen spricht hier BĂ€nde: Weithin wurde (durchaus effektiv) versucht, technische Lösungen zu verfolgen. So folgte ein sofortiger Ausschluss des TĂ€ters, UnterstĂŒtzung und Beteiligung in Betroffenen-, als auch TĂ€tergruppen, sowie die umgehende Umsetzung der WĂŒnsche der Betroffenen. Die eigenen GefĂŒhle, der emotionale Umgang und Reflexion mit dem und ĂŒber das Thema fanden keinen Raum. Vielmehr lag es auch hier wieder an den einzelnen, sich bei Vertrauenspersonen oder in Therapie Möglichkeiten des Umgangs zu suchen.

Als Einzelpersonen sind auch wir auf – leider allzu bekannte – Probleme und Grenzen linksradikaler (Szene-)Politik gestoßen. Neben einem starken Uni-Bezug stellte unser oben beschriebener “Antifa-Lifestyle” ein inkompatibles Lebenskonzept zu den schwer zu vermeidenden SachzwĂ€ngen der Lohnarbeit und den – zumindest vermeidbaren – Verpflichtungen familiĂ€rer Natur dar. VerĂ€nderte LebensumstĂ€nde, z.B. nach dem Studium, vor allem das Wegbrechen von zeitlichen Ressourcen, stellten uns vor Herausforderungen, an denen wir als Gruppe – wie ganz grundsĂ€tzlich weite Teile der linksradikalen Szene – leider gescheitert sind. Dieser Auflösungstext, der nach unserem Geschmack viel zu kurz und sehr lĂŒckenhaft geraten ist, zeugt u.a. von diesen Problemen. Unsere individuellen, sich verĂ€ndernden LebensumstĂ€nde gerade im Prozess des Älterwerdens mit dem Anspruch politisch aktiv zu sein in Einklang zu bringen, ist eine Aufgabe, fĂŒr die wir in Zukunft Lösungen brauchen.

Ausblick: Die Alternativlosigkeit des Antifaschismus in der SpÀtmoderne

Zuletzt ist noch zu erwĂ€hnen, dass obwohl wir den politischen Weg der autonomen antifa [w] schlussendlich beendet haben, viele Einzelpersonen der linksradikalen Arbeit erhalten bleiben. Allen unseren Genoss:innen, die uns ihre Kritik zukommen ließen und allen, die uns bei unserem Prozess der Auflösung unterstĂŒtzt haben, sei an dieser Stelle unser herzlichster Dank ausgesprochen!

Und um es ganz deutlich zu sagen: Dieser Text ist fĂŒr Nazis und Bullen kein Anlass zum Feiern. Wir sind weiter da, wir bekĂ€mpfen euch in anderen ZusammenhĂ€ngen. FĂŒr alle anderen hoffen wir, dass wir euch einen – wenn auch limitierten und unvollstĂ€ndigen – Einblick in unsere Arbeit und unser Scheitern geben konnten. Der Antifaschismus bleibt nach Auschwitz der notwendige Versuch, das erneute Abgleiten in die Barbarei zu verhindern. Zu dieser Notwendigkeit, und ĂŒber sie hinaus, hat unsere Gruppe versucht, ihren Beitrag zu leisten.

Um es mit Herbert Marcuse zu sagen: weitermachen!

1 https://autonome-antifa.net/index.php/2016/12/04/kommunismus-oder-barbar...

2 https://autonome-antifa.net/index.php/2017/01/19/make-feminism-a-threat-...

3 https://autonome-antifa.net/index.php/2017/09/20/gegen-die-normalisierun...

4 https://autonome-antifa.net/index.php/2018/04/18/faschistinnen-abschirme...

5 https://autonome-antifa.net/index.php/2019/04/06/demonstration-1-mai-201...

6 https://autonome-antifa.net/index.php/2020/01/07/antifaschistisch-ins-ne...

7 https://autonome-antifa.net/index.php/2020/06/29/erste-einschaetzungen-u...

8 https://autonome-antifa.net/index.php/2016/06/06/von-partei-sprache-und-...

9 https://autonome-antifa.net/index.php/2017/04/21/ueber-das-elend-im-bese...

autonome antifa [w]




Quelle: Emrawi.org