MĂ€rz 13, 2021
Von Paradox-A
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Lesedauer: 3 Minuten

Tagung: Krise der Nationalstaaten –anarchistische Antworten?

Zeit: Freitag, 19.03. bis Sonntag 21.03.2021

Die Tagung findet online statt.

Mal eine interessante akademische Tagung mit einigen spannenden BeitrÀgen. Zum Einstieg dazu ein auf der Tagungs-Seite verlinktes Interview mit Ilija Trojanow zu SpÀtkapitalismus und anarchistischem Denken.

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Hintergrund

Nationalstaatliche Arrangements gelten in vielen AnsĂ€tzen als selbstverstĂ€ndliche Voraussetzungen gesellschaftlichen Zusammenlebens in grĂ¶ĂŸeren Gruppen. Dass die Welt vorrangig aufgeteilt ist in einzelne territorial definierte Nationalstaaten und solche, die es noch werden wollen (Nuristan, Katalonien, Baskenland, als Ausnahme sind Kurden erwĂ€hnenswert, die aktuell dabei sind Lösungen jenseits eines klassischen Nationalstaats zu suchen) scheint unhintergehbar. Dem Nationalstaat wird –jenseits ihrer kontroversen Legitimations-und Definitionsdimensionen –ganz prinzipiell als einziger Institution zugetraut, allen Menschen Grundrechte, das heißt in nationalstaatliche Dimensionen transformierte Menschenrechte, zu garantieren und zu gewĂ€hrleisten, die ohne ihn nicht denkbar zu sein scheinen.Gleichzeitig ist eine Krise nationalstaatlicher Regulation lange beobachtbar und die Sichtweise von Nationalstaaten als Garanten eines Maximums an Grundrechten fĂŒr alle (Staats-)BĂŒrgerinnen und BĂŒrger schon seit Jahrzehnten (wenn nicht seit Jahrhunderten) stark umstritten. Empirisch lĂ€sst sich diese Krise festmachen an der ungeheuren Anzahl inter-und innerstaatlicher bewaffneter Konflikte, an der Krise der europĂ€ischen, nord-und lateinamerikanischen und asiatischen Wohlfahrtsstaaten oder an einer kontinuierlichen nationalstaatlicher Verletzung völkerrechtlicher Errungenschaften seit dem Zweiten Weltkrieg. Und ob die GrĂ€uel zweier Weltkriege ohne nationalstaatliche Organisationsform möglich gewesen wĂ€ren, darf stark bezweifelt werden.In theoretischer Perspektive lassen sich ebenfalls eine ganze Reihe von plausiblen Argumenten gegen den Nationalstaat finden –zunĂ€chst wird in historischer Dimension reklamiert, dass es sehr unwahrscheinlich ist, dass der Nationalstaat mit seinen traditionellen Dilemmata (vgl. hierzu Claus Offe, JĂŒrgen Habermas oder Wolfgang Streeck) in Hinblick auf menschlichen Fortschritt die letzte Antwort sein soll. DarĂŒber hinaus wird aus ethnologischer und sozial-anthropologischer Perspektive darauf hingewiesen, dass es historisch und gegenwĂ€rtig andere gesellschaftliche Arrangements –auch von großen sozialen Gruppen –gibt, die etwa ohne ein staatliches Gewaltmonopol, Polizei usw. auskommen (vgl. hierzu etwa die Studien von Christian Sigrist oder jĂŒngst Hermann Amborn). In sozialkonstruktivistischer oder machttheoretischer Perspektive lĂ€sst sich die Existenz von Nationalstaaten ebenso kritisieren wie aus materialistischer und poststrukturalistischer Perspektive, die (wie etwa Joachim Hirsch, Bob Jessop oder Alex Demirović) darauf bestehen, dass Nationalstaaten nicht das freundliche Bollwerk gegenĂŒber dem bösen Kapitalismus sind, sondern in seiner jetzigen Form integraler Bestandteil.FokusAus all diesen GrĂŒnden lĂ€sst sich vermutlich die auf Karl Kraus zurĂŒckgehende Redewendung in Anschlag bringen, dass der Nationalstaat die Krankheit ist, fĂŒr deren Therapie er sich hĂ€lt. Allerdings bleibt bei all der offensichtlich berechtigten Kritik an der gegenwĂ€rtigen nationalstaatlich geprĂ€gten Welt –vorausgesetzt, sozialdarwinistische und rassistische Positionen werden außen vor gelassen – eine Ă€ußerst virulente Frage offen: Wie denn sonst oder was wĂ€ren denn Alternativen (gerne verbunden mit der Position: wenn Du keine Alternative anbieten kannst, darfst Du auch nicht kritisieren)? Kritik am Nationalstaat wird von dem theoretischen und praktischen Sammelbecken vonAnsĂ€tzen, die unter dem Label Anarchismus verhandelt werden, seit mindestens 150 Jahren geĂŒbt. Die geplante Tagung soll ausloten, welche theoretischen AnsĂ€tze aus dem anarchistischen Spektrum Antworten liefern auf die Frage: was ist –weltgesellschaftlich?! –jenseits des Nationalstaates denkbar und welche Voraussetzungen mĂŒssen fĂŒr eine Reproduktion sinnvollerer gesellschaftlicher VerhĂ€ltnisse gegeben sein. Die Tagung adressiert damit zwei zentrale Bereiche: Kritik an nationalstaatlichen Arrangements und Formen und Reproduktionsmöglichkeiten alternativer gesellschaftlicher Organisation (klein-und großrĂ€umig). Damit bleiben, zumindest in dieser ersten Tagung, zwei große Bereiche außerhalb des Fokus. Weder soll ein Überblick gegeben werden ĂŒber die zum Teilgroßartigen lebenspraktischen Projekte, wie sie sich in Wohnprojekten, alternativen Konsumzirkeln, Kommunen oder der Organisation einer Gegenöffentlichkeit widerspiegeln (um nur einige zu nennen) noch soll eine Analyse dieser Projekte erfolgen. Auch soll die Frage nach dem Übergang bzw. der Transformation der aktuellen gesellschaftlichen VerhĂ€ltnisse in eine bessere, gerechtere und menschenwĂŒrdigere Zukunft ausgeklammert werden. Ohne die Bedeutung dieser Bereiche schmĂ€lern zu wollen, geht es bei der geplanten Tagung zunĂ€chst darum zu ermessen, wie plausibel das Spektrum anarchistischer Argumente in theoretischer Hinsicht ist, um eine gehaltvolle Perspektive nationalstaatlicher Kritik zu ermöglichen.

Tagungsorganisation und Tagungsleitung:

Uwe H. Bittlingmayer (PH Freiburg) –

Thomas Stölner (Wien)

Gözde Okcu (PH Freiburg)

://www.ph-freiburg.de/soziologie/veranstaltungen.html




Quelle: Paradox-a.de