November 29, 2021
Von InfoRiot
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Es ist ungewöhnlich, dass Orazio Giamblanco im Bett liegt, wenn er Besucher erwartet. Trotz seiner schweren Behinderung hat sich der Italiener mit Hilfe seiner Lebenspartnerin Angelica immer bemĂŒht, in der Wohnung korrekt gekleidet und frisiert einen der seltenen GĂ€ste zu empfangen. Doch vergangenen Montag klappt das nicht mehr. Orazio ist noch im Bett mit den orthopĂ€dischen Haltegriffen.

Die Augen sind halb geschlossen, er murmelt, „nicht geschlafen… habe geweint“. Angelica sagt, Orazio habe in der Nacht nach seiner Mutter gerufen. Er habe gesagt, er wolle nicht mehr leben, es sei fĂŒr ihn vorbei. Aber die zierliche Frau gibt Orazio nicht auf. Nach einer halben Stunde hat sie den alten Mann doch aus dem Bett bugsiert. Sie fĂ€hrt Orazio im Rollstuhl in die KĂŒche. Da sitzt er halb eingesunken, lĂ€chelt matt den Besucher an. Und spricht vom Sterben.

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Die jĂ€hrliche Fahrt nach Bielefeld zu Orazio Giamblanco, dem heute 80 Jahre alten Opfer rechtsextremer Gewalt, ist diesmal noch bedrĂŒckender als sonst. Orazio, lĂ€ngst ein Freund und nicht nur Protagonist einer Langzeitrecherche, leidet wieder an einem depressiven Schub.

Seit Mitte November und offenbar hÀrter als in der langen Leidenszeit bisher. 25 Jahre hat Orazio durchgehalten, nach dem, nach dem Schlag mit der Baseballkeule gegen den Kopf. Durchgehalten mit spastischer LÀhmung, Sprachstörung, Kopfschmerzen, Magenproblemen und stÀndiger Abfolge weiterer Beschwerden, physisch und psychisch.

Doch jetzt wirkt Orazio endgĂŒltig zermĂŒrbt. Ohne Aussicht auf Besserung, auf weniger Schmerzen, auf ein Leben ohne Rollstuhl und ohne die Angst, der nĂ€chste Aufenthalt im Krankenhaus sei nur eine Frage der Zeit. In diesem Jahr lag er viermal in einer Klinik, zweimal wegen einer LungenentzĂŒndung, zweimal wegen der Probleme mit dem Magen. Das Leid wird ihm zu viel.

Am 30. September 1996 wurde Giamblanco ĂŒberfallen

Scheinbare Idylle. Das Rathaus von Trebbin.
© imago/Schöning

Orazio Giamblanco ist ein Beispiel fĂŒr das Elend, das der Rechtsextremismus Jahr fĂŒr Jahr verschuldet. Am Abend des 30. September 1996 ĂŒberfielen der Kahlkopf Jan W. und ein Kumpan aus rassistischem Hass den Mann aus Sizilien und zwei weitere Italiener.

Die drei waren als Hilfsbauarbeiter in Trebbin. Orazio ĂŒberlebte nur knapp in zwei Notoperationen. Doch das Wort Leben hatte fĂŒr ihn nie wieder den Klang wie vor der Tat. Als ich fĂŒr den Tagesspiegel Orazio das erste Mal besuchte, im April 1997 in der neurologischen Klinik „Lindenbrunn“ im niedersĂ€chsischen CoppenbrĂŒgge, sagte ein Arzt, eine Genesung sei „extremst unwahrscheinlich“. Der Mann hatte recht.

Das bedeutet: ein Vierteljahrhundert Qualen ohne Ende. Wie hĂ€lt ein Mensch das aus? Wie kann er es ertragen, dass sein Leben ruiniert ist ohne jede eigene Schuld, ohne den TĂ€ter gekannt zu haben, ohne irgendeinen Anlass fĂŒr den Hass gegeben zu haben, der die Baseballkeule lenkte, die auf den Kopf prallte?

Beim ersten Treffen mit Orazio und Angelica, damals in CoppenbrĂŒgge, habe ich mir als Journalist bereits solche Fragen gestellt. Und ich habe beschlossen, Orazio und seine Lebenspartnerin Angelica Stavropolou und deren Tochter Efthimia Berdes, genannt Efi, zu begleiten, so lange es geht.

Um anhand ihrer Schicksale den Leserinnen und Lesern des Tagesspiegels Jahr fĂŒr Jahr einen Blick in das „Leben“ zu geben, in dem ein schwer behindertes Opfer rechtsextremer Gewalt und die Angehörigen gefangen sind. Auch lange nach den Schlagzeilen, wenn die Tragödie kaum noch jemanden interessiert. Doch jede rassistische Gewalttat ist und bleibt ein Riss in der Demokratie. Und die Bundesrepublik hat mutmaßlich mehr Risse, als ihr bewusst ist.

Seit der Wende: 10.000 Menschen von Nazis attackiert

Allein seit der Wiedervereinigung haben Neonazis und andere Rechte nach den oft lĂŒckenhaften Statistiken der Polizei weit mehr als 10.000 Menschen körperlich attackiert. Wie viele Opfer bleibende SchĂ€den erlitten, weiß niemand. An dieser Stelle sei nicht verschwiegen, dass auch andere Extremisten Menschen schwere Verletzungen zufĂŒgen. Die Bilanz seit 1990 zeigt allerdings, dass von rechtsextremistisch motivierter Gewalt die grĂ¶ĂŸte Gefahr ausgeht.

Die zehn Morde des NSU und die neun Todesopfer des rassistischen Anschlags vom Februar 2020 in Hanau sind die grausigsten FĂ€lle. Nach Recherchen des Tagesspiegels starben seit der Wiedervereinigung mindestens 187 Menschen bei rechten Angriffen. Der scheidende Bundesinnenminister Horst Seehofer (CSU) warnt seit Jahren, das grĂ¶ĂŸte Risiko fĂŒr die innere Sicherheit sei der Rechtsextremismus.

Jedes Jahr ist furchtbar. Und doch immer auch anders

Orazio Giamblanco, seine LebensgefÀhrtin Angelica Stavropolou (rechts) deren Tochter Efthimia Berdes.
© Frank Jansen

Was das im Einzelfall bedeutet, lĂ€sst sich oft nur ahnen. Bei Orazio Giamblanco hingegen ist es offensichtlich. Seit 25 Jahren. Jedes Jahr ist furchtbar, und doch immer auch anders. Mit RĂŒckschlĂ€gen, Lichtblicken. Mit menschlicher Zuwendung, mit bĂŒrokratischer KĂ€lte.

Im September 1997 besuche ich Orazio wieder. Er liegt in einer Reha-Klinik im westfĂ€lischen Bad Oeynhausen. Orazio, jetzt etwas besser ansprechbar, macht sich Sorgen um Angelica und Efi. Die beiden Frauen, damals 46 und 23 Jahre alt, kĂŒmmern sich intensiv um Orazio. Angelica gab ihren Job auf, Efi verlor die Lehrstelle als Friseurin, weil der Chef kein VerstĂ€ndnis fĂŒr Fehlzeiten hatte.

Nach dem Bericht im Tagesspiegel bieten Leserinnen und Leser an, fĂŒr die drei zu spenden. So beginnt eine Hilfsaktion, die bis heute anhĂ€lt. Vielen Menschen in Berlin, Brandenburg und auch außerhalb ist nicht gleichgĂŒltig, was Orazio und die Frauen durchmachen. Jedes Jahr wieder.

  • 1998. Orazio ĂŒbt im Hausflur Schritte am Rollator. Angelica wird angesichts der kraftzehrenden Pflege und der Verzweiflung ĂŒber Orazios Zustand depressiv. Sie geht zum Psychiater. Bis heute.
  • 1999. Bei Orazio werden die Schluckbeschwerden stĂ€rker, auch eine Folge des Schlags gegen den Kopf. Efi klagt ĂŒber hĂ€ufige RĂŒckenschmerzen. Orazio muss aus Bett und Stuhl gehoben und auch wieder hineinbugsiert werden. Efi und ihre Mutter sind am Rand ihrer Kraft.
  • 2000. Ein kleines Wunder: ein Physiotherapeut in Bielefeld verhilft Orazio zu ein paar freien, schwankenden Schritten. LĂ€nger zu laufen bleibt aber unmöglich.
  • 2001. Orazio und Angelica ziehen aus der engen alten Wohnung in einen Neubau um, mit Rollstuhlrampe am Eingang. Efi zieht auch im Haus ein und arbeitet wieder, als Produktionshelferin in einer Schokoladenfabrik. Die Fortschritte werden jedoch durch Ärger mit der AOK Westfalen-Lippe getrĂŒbt. Eine Sachbearbeiterin verweigert Orazio den vom Hausarzt empfohlenen Elektrorollstuhl. Bei Anfrage des Tagesspiegels bemerkt die Frau, dass sie gar nicht zustĂ€ndig war. Orazio bekommt den neuen Rollstuhl.
  • 2002. Der TĂ€ter Jan W., 1997 vom Landgericht Potsdam zu 15 Jahren Haft verurteilt, sagt dem Tagesspiegel, er bereue den Angriff und wolle sich beim Opfer entschuldigen. Orazio und die Frauen sind skeptisch. Und die geplante Reise nach Sizilien, in Orazios alte Heimat, scheitert. Vor Aufregung kollabiert er beinahe auf der Fahrt zum Flughafen Hannover. Die drei kehren um nach Bielefeld.
  • 2003. Orazio, Angelica und Efi fliegen jetzt doch nach Sizilien, der Tagesspiegel kommt mit. Ein Berliner Berater aus der Stahlbranche hat Orazio und den Frauen seine ĂŒber Miles & More erworbenen FreiflĂŒge spendiert. Orazio erfĂŒllt sich einen Wunsch: er berĂŒhrt auf dem Friedhof der Stadt Agira die Marmorplatten der Grabkammern von Mutter und Vater.
  • 2004. Nach dem Tod eines Bruders verstĂ€rken sich Orazios Schlafstörungen und Depressionen. Er unterbricht die Krankengymnastik. Ein Physiotherapeut hilft mit Fangopackungen, bis Orazio wieder Übungen machen kann.
  • 2005. Der Therapeut sagt, Orazio beginne zu resignieren. Es fehle die Perspektive, dass sich die Situation bessert. Angelica sagt, sie nehme tĂ€glich Beruhigungsmittel. Efi berichtet, dass wieder eine Beziehung mit einem jungen Mann gescheitert ist, weil sie in ihrer Freizeit oft ihrer Mutter bei der Pflege von Orazio hilft.
  • 2006. Der TĂ€ter Jan W. gibt mir zwei Briefe mit, in denen er sich fĂŒr den Schlag mit der Baseballkeule entschuldigt. Ich lese die Zeilen in Bielefeld vor. In einem Brief steht, „ich war damals einfach nur der grĂ¶ĂŸte Idiot der Welt, der sich mit falschem Stolz durchs Leben schlug“. Angelica weint. Dann nehmen sie und Efi die Entschuldigung von Jan W. an. Orazio zögert. Am nĂ€chsten Tag sagt er am Rande der Krankengymnastik, „ich verzeihe ihm jetzt“.
  • 2007. Bei einem zweiwöchigen Urlaub in Griechenland, der alten Heimat von Angelica, leidet Orazio unter tagelangem Nasenbluten. In Bielefeld hĂ€lt er jedoch die Krankengymnastik halbwegs durch.
  • 2008. Orazio wechselt zu einer Physiotherapeutin. Sie ĂŒbt mit ihm eine Treppe zu besteigen. FĂŒr 16 flache Stufen braucht er mit Gehhilfe zehn Minuten.
  • 2009. Trebbin befasst sich mit dem Schicksal des Mannes, der in der Stadt vor 13 Jahren beinahe erschlagen wurde. VizebĂŒrgermeisterin Ina Schulze, der Vorsitzende des Stadtparlaments, Peter Blohm und der Stadtverordnete Hendrik Bartl besuchen Orazio, Angelica und Efi in Bielefeld. Die Kommunalpolitiker sind erschĂŒttert. „Ich konnte mir das nicht vorstellen“, sagt Blohm.
  • 2010. Orazio wechselt zurĂŒck zu einem frĂŒheren Physiotherapeuten und schafft einen Schritt ohne KrĂŒcken. Mehr geht nicht.
  • 2011. Bei dem neuen alten Therapeuten bewĂ€ltigt Orazio schwankend ein paar Schritte ohne Gehhilfe.
  • 2012. Orazio ist therapiemĂŒde und wechselt zu einem Fitnessstudio. Dort ĂŒbt er das Gehen am Rollator. FĂŒr etwa 30 Meter braucht er eine halbe Stunde.
  • 2013. Efi erkrankt an Depressionen und fĂŒgt sich eine lebensgefĂ€hrliche Verletzung zu. Sie verbringt vier Wochen im Krankenhaus, es folgen drei Monate in einer Reha-Klinik. Der Zustand bessert sich, doch bis heute geht sie zu dem Psychiater, der auch ihrer Mutter hilft.
  • 2014. Efi arbeitet nach den starken Depressionen wieder, ist aber weiter auf starke Medikamente angewiesen. Orazio hofft, wie so oft schon, die spastische LĂ€hmung könne doch gedĂ€mpft werden und wechselt zur Physiotherapie im Bielefelder Franziskus-Krankenhaus.
  • 2015. Orazio muss wegen einer EntzĂŒndung der Gallenblase notoperiert werden. Die starken Beschwerden haben ihn zurĂŒckgeworfen. Als er wieder zur Physiotherapie kommt, fehlt die Kraft fĂŒr Übungen lĂ€nger als zwei Minuten.
Orazio Giamblanco im Jahr 2015.
© Frank Jansen
  • 2016. Trotz der anhaltenden Magenprobleme ĂŒbt Orazio mĂŒhsam an den SeilzuggerĂ€ten im Franziskus-Krankenhaus. Er klagt, „die Kraft wird immer weniger“.
Orazio Giamblanco im Jahr 2016.
© Frank Jansen
  • 2017. Wegen der Beschwerden am Magen setzt Orazio wochenlang die Krankengymnastik aus. Doch die Familie hilft. Und es gelingt, gemeinsam mit Angelica, Efi und seinem Bruder Giovanni, wieder nach Sizilien zu fliegen. Dort erkrankt er allerdings im Hotel. Der geschwĂ€chte Körper vertrĂ€gt die Klimaanlage nicht, Orazio liegt den halben Urlaub mit einer ErkĂ€ltung im Bett.
Orazio Giamblanco im Jahr 2017.
© Frank Jansen
  • 2018. Sechs Monate schafft es Orazio nicht zur Physiotherapie. Immerhin klappt noch mal eine Reise nach Sizilien. Dank der Spenden der Leserinnen und Leser des Tagesspiegels können sich Orazio und die Frauen ein halbwegs behindertengerechtes Hotel leisten.
  • 2019. Eine weitere Reise nach Sizilien fĂ€llt, wie schon 2002, in letzter Minute aus. Orazio erleidet in der Nacht vor dem Flug eine Panikattacke. Aus Angst vor einem völligen Zusammenbruch sagen Angelica und Efi die Reise ab.
Orazio Giamblanco im Jahr 2019.
© Frank Jansen
  • 2020. Wegen der Pandemie bleibt Orazio noch hĂ€ufiger in der Wohnung. Ein junger Physiotherapeut kommt allerdings regelmĂ€ĂŸig vorbei und macht mit Orazio Übungen an einer GelĂ€nderstange im Treppenhaus. In Trebbin regt die Satirepartei „Die Partei“ an, das neue Feuerwehrhaus nach Orazio Giamblanco zu benennen. Es folgen lange Diskussionen, schließlich einigt sich das Stadtparlament – hier hatte Orazio 1996 die Keule an den Kopf bekommen.
Orazio Giamblanco im Jahr 2020.
© Frank Jansen
  • 2021. Am 30. September, dem 25. Jahrestag des rechten Angriffs, enthĂŒllen in Trebbin VizebĂŒrgermeisterin Ina Schulze und Hendrik Bartl, nun Vorsitzender des Stadtparlaments, Daneben ist eine Stele mit Texten zur Erinnerung an die Tat und zur WĂŒrdigung des Menschen aufgestellt. Orazio wollte zu der kleinen Feier kommen, doch kurz zuvor hatte er sich bei einer Fahrt nach DĂŒsseldorf mehrmals ĂŒbergeben. Angelica und Efi ist das Risiko zu groß, dass Orazio die Aufregung einer Fahrt zum einstigen Tatort kaum ĂŒbersteht.

Wie geht es weiter? Orazios Hausarzt Giacinto Saccomanno sagt am Telefon, Orazio habe „stark abgebaut“. Die altersĂŒblichen Beschwerden wĂŒrden durch die schweren SchĂ€den nach dem Schlag mit der Baseballkeule verstĂ€rkt. Saccomanno spricht von chronischer Bronchitis, von HerzschwĂ€che, Arthrose. „Es ist ein Wunder, dass er 80 geworden ist“, sagt der Arzt. Das habe Orazio der „fantastischen Pflege der Frauen“ zu verdanken, „die sind so fĂŒrsorglich, so aufmerksam“.

Als ich mich am Montag verabschiede, liegt Orazio wieder im Bett. Er nimmt meine Hand und sagt mit kaum hörbarer Stimme „Dankeschön“. Dann dreht er den Kopf zur Seite. Angelica sagt halblaut, „wenn er jetzt schlĂ€ft, schlĂ€ft er die Nacht wieder nicht“. Aber sie lĂ€sst ihn in Ruhe. Und versucht, sich fĂŒr ein, zwei Stunden zu entspannen.

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Quelle: Inforiot.de