November 30, 2022
Von Soligruppe FĂŒr Gefangene
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Der vorliegende Text, geschrieben von Otto RĂŒhle im Exil 1939, ist eine ausfĂŒhrliche und direkte Kritik an den konterrevolutionĂ€ren Charakter des Bolschewismus und anderen sozialdemokratischen KrĂ€ften, Ă€hnlich wie in den Texten von Paul Mattick und anderen. Mit vielen wichtigen Fragen setzt sich RĂŒhle in diesem Text auseinander, die noch geltend sind. Seine Hauptthese ist die dass der Bolschewismus, noch durch Lenin angefĂŒhrt, verstanden als eine sozialdemokratische Ideologie, die Grundlage fĂŒr den Faschismus stellte, da dieset, also der Bolschewismus sowie die Sozialdemokratie, die deutsche ganz voran, mit der Zerschlagung der sozialen Revolution das Proletariat dermaßen entwaffnete, und auch ermordete, dass dieser Jahre spĂ€ter komplett desillusioniert auf den Schoß des Faschismus nur landen konnte. Darauffolgend, dann ab unter Stalin, die enge Zusammenarbeit beider Staaten, also der UdSSR und Nazi-Deutschland, auf politischer und ökonomischer Ebene, was noch 1939 RĂŒhle dazu fĂŒhrt auf vielen Hinsichten beide Staaten zu vergleichen und gemeinsame Merkmale zu benennen.

Hierbei darf ab nicht vergessen werden, dass der Anfang nicht das Ende vorsehen kann, was damals niemand konnte, das Gegenteilige zu glauben, wĂŒrde bedeuten an das Metaphysische an Handlesen, an Wahrsagerei zu glauben, aber im Sinne des Glaubens. Daher mĂŒssen, ob die These von RĂŒhle richtig oder falsch ist, dennoch mehrere historische Ereignisse berĂŒcksichtigt werden, denn was wir hier vorfinden ist nicht eine Schrift, die wie sie heutzutage genannt werden wĂŒrde, die sogenannte Totalitarismustheorie – oder Hufeisentheorie – vertritt. Geschrieben wurde diese Schrift wie gesagt 1939, noch vor dem Holocaust und RĂŒhle starb 1943. Unserseits wĂ€re es jetzt gerĂ€tselt ob RĂŒhle spĂ€ter Gulags und KZÂŽs gleichgesetzt hĂ€tte, was genau die Totalitarismustheorie vertritt, wir aber nicht, RĂŒhle nennt es insgesamt, „Eine verblĂŒffende Übereinstimmung in den Grundanlagen der Systeme – in der Machtdoktrin, dem AutoritĂ€tsprinzip, dem Diktaturapparat, der Gleichschaltungsdynamik, den Gewaltmethoden“, oder ob er evtl. diese Kritik zu einem spĂ€teren Moment korrigiert, bzw. erweitert hĂ€tte. Denn erst durch die Erkenntnis und das Wissen können die Waffen der Kritik geschĂ€rft werden. Es ist genauso wie wenn wir ‚Max Horkheimer – AutoritĂ€rer Staat‘ aufgrund derselben GrĂŒnde, 1940 geschrieben, als nichtig erklĂ€ren wĂŒrden, weil dieser den Holocaust als rassistische industrielle Vernichtungsmaschinerie, welche nur durch das Kapital handlungsfĂ€hig war und nur aufgrund diesen ĂŒberhaupt stattfinden konnte, nicht vorher sah. Auf so eine Idiotie wollen wir uns gar nicht erst einlassen.

FĂŒr uns ist aber dennoch, abgesehen von der Richtigkeit oder der Falschheit seitens RĂŒhles Vergleich von Bolschewismus und Faschismus, welchen wir nicht teilen, dies eine Schrift die in ihrer Kritik an den Bolschewismus vieles sagt was wir so auch teilen. Es darf nicht vergessen werden dass Otto RĂŒhle, wie viele andere in seiner Zeit, und danach auch, den konterrevolutionĂ€ren Charakter des Bolschewismus (oder auch Marxismus-Leninismus ab Stalin) scharf kritisierte und immer und ĂŒberall angriff, als Kommunist, er soll sich aber den Anarchismus in seiner Exilzeit genĂ€hrt haben, war er gegen den Bolschewismus und dies ist immer begrĂŒĂŸenswert.

Wir veröffentlichen diesen Text mit einigen Korrekturen. Es gibt eine Ausgabe von Rowohlt der viele Fußnoten beigefĂŒgt wurden, die so im Netz nicht zu finden sind. Wir wollten, diesen Text fĂŒr sich seit einer lĂ€ngeren Zeit veröffentlichen, haben aber darauf gewartet, weil wir diesen mit der Schrift von ‚Miguel AmorĂłs, Leninismus, eine faschistische Ideologie’ zusammen veröffentlichen wollten. Zu beiden Texten haben wir gewissermaßen Ă€hnliche, dennoch fĂŒr sich getrennte Einleitungen geschrieben.

Soligruppe fĂŒr Gefangene


Otto RĂŒhle

Brauner und Roter Faschismus

1939

Synopsis

Der Charakter der gegenwÀrtigen Weltsituation wird in erster Linie bestimmt durch europÀische Faktoren, an deren Spitze Deutschland und Russland stehen.

Diese Faktoren, in Deutschland durch den Nazismus, in Russland durch den Bolschewismus verkörpert, sind Ergebnisse einer Entwicklung, die den Inhalt der europÀischen Nachkriegswirtschaft und Nachkriegspolitik bildet.

Diese Nachkriegsepoche ist ökonomisch verankert im ultraimperialistischen Monopolismus, der zum System des Staatskapitalismus drÀngt. Politisch bahnt sie eine totalitÀre Staatsordnung an, die im Diktatursystem gipfelt.

Nur aus der kritischen und analytischen Betrachtung dieser PhÀnomene und ZusammenhÀnge lÀsst sich der Zugang zum tieferen und eigentlichen VerstÀndnis des Faschismus wie des Bolschewismus gewinnen. Alles andere sind Rand-, Begleit- und Folgeerscheinungen der zentralen Ursachen, die, zum Mittelpunkt wissenschaftlicher Untersuchung erhoben, nur zu einer schiefen Betrachtungsweise verleiten und ein verfÀlschtes Bild der Situation ergeben.

Das vorliegende Buch erhebt Anspruch darauf, als bisher erster Versuch einer wissenschaftlichen Analyse angesehen zu werden, die von der ökonomischen und politischen Nachkriegsentwicklung in Deutschland und Russland ausgeht und dadurch den SchlĂŒssel gewinnt fĂŒr die Aufhellung all der Vordergrundprobleme, die heute das weltpolitische Szenarium entscheidend beherrschen.

Scharf umrissen und in die Klarheit historisch-dialektischer Argumentation gerĂŒckt erscheinen in der Reihe dieser Probleme die aufschlussreichen Nachweise

1. fĂŒr die Unvermeidlichkeit und innere Notwendigkeit des Zusammenbruchs der alten Arbeiterbewegung, deren typischer ReprĂ€sentant die Sozialdemokratie war;

2. fĂŒr die unhistorische Konzeption und organisationstechnische Verfehltheit des sozialistischen Experiments in Russland, dessen TrĂ€ger der Bolschewismus war;

3. fĂŒr die entwicklungsmĂ€ĂŸige Folgerichtigkeit der Neuorientierung Russlands am Staatskapitalismus und an der bĂŒrokratischen Diktatur, deren DurchfĂŒhrung die historische Aufgabe des Stalinismus ist;

4. fĂŒr die Tatsache einer neuen industriellen Revolution in Europa, deren Konsequenzen politisch und sozial auf dem traditionellen Niveau des Liberalismus und der Demokratie nicht mehr zu bewĂ€ltigen sind;

5. fĂŒr die Entfaltung des Imperialismus zum Ultramonopolismus und die Geltendmachung seiner totalitĂ€ren MachtansprĂŒche im Aufkommen des Faschismus, dessen aktivste und richtungsweisende Spitze der Nazismus ist;

6. fĂŒr die innere Kongruenz der Tendenzen des deutschen und russischen Staatskapitalismus und ihre strukturelle, organisatorische, dynamische und taktische IdentitĂ€t, deren notwendiges Resultat der politische Pakt und die Einheit der militĂ€rischen Aktion ist;

7. fĂŒr die Unabwendbarkeit des Zweiten Weltkriegs, als des Versuchs zur Auseinandersetzung zwischen den ultramonopolistischen und staatskapitalistischen MĂ€chten einerseits und den liberal-demokratischen MĂ€chten andererseits auf der Basis des ĂŒberlieferten Europa, dessen nationale GrenzverhĂ€ltnisse, individualrechtliche BesitzverhĂ€ltnisse und demokratische VerwaltungsverhĂ€ltnisse dem politischen Primat der totalitĂ€ren und omnipotenten Machterfordernisse eines werdenden Globalmonopolismus, wenn nicht dem neuen System des Sozialismus, zum Opfer gebracht werden mĂŒssen;

8. fĂŒr die Unmöglichkeit, all diese zur Austragung und Lösung drĂ€ngenden Probleme auf dem Boden des kapitalistischen Systems, auch wenn dies zum Staatskapitalismus gewandelt, von den Bindungen des Privateigentums befreit, zur Planwirtschaft entwickelt und durch die WeitrĂ€umigkeit einer internationalen Staatenföderation begĂŒnstigt ist, wirklich und endgĂŒltig zu lösen. [
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Neue Wirtschafts-Ära

Der Weltkrieg 1914/18 sah an seinem Ende nur scheinbar Sieger und Besiegte. In Wirklichkeit gab es nur Besiegte. Auch die Sieger waren besiegt. Nicht freilich durch die Gewalt der Waffen. Wohl aber durch die Macht der historischen Entwicklung. Der Krieg selbst war der entscheidende Abschnitt dieser Entwicklung gewesen. Er hatte die allgemeine Niederlage, die Katastrophe fĂŒr alle herbeigefĂŒhrt.

So kam es, dass sich nach dem Kriege nicht nur Russland und Deutschland als andere LĂ€nder wiedersahen – als LĂ€nder, in denen eine Revolution den alten Bestand der Dinge ĂŒber den Haufen geworfen hatte. Auch in den ökonomischen, sozialen, politischen und ideologischen Strukturen Frankreichs, Englands, Italiens und Nordamerikas waren tiefe Wandlungen und UmbrĂŒche vor sich gegangen. Nur mit dem Unterschied, dass bei den militĂ€risch Besiegten diese Tatsache offenkundig war, wĂ€hrend sie in den Siegerstaaten weder den Regierungen noch den Massen zum Bewusstsein kam.

Die Staaten waren im Zeichen des Imperialismus in den Krieg gegangen. In erster Linie Deutschland, dessen Kapitalismus im heißen Drange des Zuletztgekommenen rasch bis an die Grenzen vorgestoßen war, wo ihm der nationale Rahmen zu eng wurde. Darum suchte er mit starker Expansivkraft die Fesseln seiner Weiterentwicklung zu sprengen, die Schranken seines Spielraums weiter hinauszurĂŒcken. Sein provokatorischer Eroberungswille forderte eine Neuverteilung des Erdballs. So ging von ihm die AktivzĂŒndung des Krieges aus.

Doch auch die anderen Kapitalstaaten waren nicht friedvoll und unschuldig gewesen. Alle hatten gerĂŒstet, ihren Militarismus entwickelt, den gelegentlichen Angriff vorbereitet, mit der Unvermeidlichkeit eines Weltkriegs allen Ernstes gerechnet. Denn alle waren vom Kapitalismus beherrscht und auf der Bahn des Imperialismus bis zum Konflikt als letzter Entscheidung vorgeschritten. Nach den Bedingungen ihres Systems öffnete sich allen die TĂŒr zur weiteren Zukunft nur durch die Gewalt der Waffen.

Die Stunde der Entscheidung war schließlich gekommen. Der Krieg war ausgebrochen. Die stĂ€rkere Gewalt – die Gewalt der grĂ¶ĂŸeren Heeresmassen, der entwickelteren Waffentechnik und der silbernen Kugeln – hatte gesiegt. Aber nur militĂ€risch. Das heißt: nur nach den Spielregeln der kriegerischen Entscheidung.

Zugleich war wĂ€hrend des Krieges das bĂŒrgerliche System, dessen letzter Schieds- und Urteilsspruch der Krieg war, in allen LĂ€ndern der kapitalistischen Welt, ob sie am Krieg teilgenommen hatten oder nicht, bis hart an die Grenzen seiner Geltung gerĂŒckt. Die Macht dieses Systems war im Innern gebrochen. Sein Gesetz, seine Ordnung, seine AutoritĂ€t und sein Effekt waren am Ende angelangt. Die Geschichte hatte ihm den Todesstoß versetzt.

Das kapitalistische System ist kein in allen Stadien seiner Entwicklung gleiches und einheitliches, kein einmaliges System.

Deutlich sind unterschiedliche Phasen erkennbar, durch wechselnde, verĂ€nderliche Strukturmerkmale, Funktionen, Ausdrucksformen, Wirkungen und Ergebnisse charakterisiert. Nur im Grundgehalt seiner Aufgabe, im Prinzip seiner Konstitution, im Rhythmus seiner Funktion und im Generalnenner seines Effekts besteht EinmĂŒtigkeit, Norm und Dauer.

Das kapitalistische Wirtschaftssystem soll – wie jedes Wirtschaftssystem – die Gesellschaft mit den LebensgĂŒtern versorgen, deren sie zu ihrer Erhaltung und Weiterentwicklung bedarf. Es soll also einen gesellschaftlichen Zweck erfĂŒllen. Nach Maßgabe seiner Beschaffenheit vermag es dies aber nur auf dem Umwege privater Bereicherung. Mit dem sozialen Hauptzweck verkoppelt sich ein individueller Nebenzweck, der fĂŒr den einzelnen WirtschaftstrĂ€ger zum Hauptzweck wird. Denn der WirtschaftstrĂ€ger in Gestalt des Unternehmers steht auf dem Boden des Privateigentums, aus dem sich die Verfolgung eines Privatinteresses folgerichtig ergibt. FĂŒr ihn ist daher die persönliche Bereicherung der praktische Sinn des wirtschaftlichen Tuns. Wirtschaft ist ihm Erwerb, GeschĂ€ft, Gewinnchance und Gewinn, dessen Nutznießer er ist. Das Mittel zur ErfĂŒllung seiner sozialen Aufgabe wie seines individuellen Erwerbszwecks findet der kapitalistische Unternehmer in der Lohnarbeit. Er stellt Arbeiter, die ohne eigene Produktionsmittel sind und nur vom Verkauf ihrer Arbeitskraft leben können, in seinen Betrieb ein und beutet sie aus. Diese Ausbeutung erfolgt, indem er sie zu einer Arbeitsleistung zwingt, deren Ertrag ĂŒber die gezahlte Lohnsumme hinausgeht. Der Mehrertrag oder Mehrwert fließt als Profit in seine Tasche.

Sosehr die abstrakte GesetzmĂ€ĂŸigkeit wie die praktische Mechanik dieses Ausbeutungsverfahrens sich in allen Phasen der kapitalistischen Entwicklung gleichbleiben, so verschieden sind die Formen und Ergebnisse je nach dem Stande der Arbeitstechnik, der Produktionsmethode, der Distributionsweise, des Zirkulationsprozesses, des Reifegrades vom Gesamtsystem.

Die Versorgung der Gesellschaft mit LebensgĂŒtern erfolgt durch Waren, die gegen Geld auf dem Markt zu erwerben sind. Aber die Beschaffenheit dieser Waren, die Belieferung des Marktes, der Bedarf der Konsumenten, die Kaufkraft des Geldes, die ZahlungsfĂ€higkeit der KĂ€ufer, die Akkumulation des Profits zu neuen Kapitalanlagen, die Reproduktion des Produktionsprozesses, letzten Endes die Summe aller Erscheinungen der kapitalistischen Wirtschaft ist stetem Wechsel unterworfen. Denn sie gehen in ihren Ursachen zurĂŒck auf Voraussetzungen und Gesetze, die ihrerseits – unabhĂ€ngig vom menschlichen Willen – dem Gebot steten Wandels unterliegen.

So bietet die kapitalistische Wirtschaft ein anderes Bild in der Zeit des‚ kleinbĂŒrgerlichen Handwerks und stĂ€dtischen Kundenmarktes, ein anderes in der Zeit der Manufakturen, der Fabriken und des nationalen Marktes, ein anderes schließlich in der Zeit der Großindustrie, der Kartellwirtschaft, des Finanzkapitals, des Weltexports und Weltmarktes. Viele Phasen reihen sich aneinander. Obwohl sie alle am kapitalistischen Prinzip orientiert sind, bietet ihre Folge ein wechselndes Bild von Variationen.

Als der Weltkrieg ausbrach, war die Entwicklung des Kapitalismus an den Punkt gekommen, wo nationale Trusts gegen andere nationale Trusts kĂ€mpften, die Konkurrenz der verschiedenen Finanzgruppen gegen ihre nationalen Schranken stieß, die Herrschaft ĂŒber den Weltmarkt nur dem zu winken schien, der durch kriegerische Welteroberung zur Weltmacht aufstieg. Der Drang nach Weltprofit lieferte dem Weltkrieg die eigentliche Parole.

Als aber der Weltkrieg zu Ende ging, stellte sich heraus: die nationale Wirtschaft war in jedem Lande bis ins Mark zerrĂŒttet, das Wechselspiel von Arbeit und Konsum lag bis zur FunktionsunfĂ€higkeit gelĂ€hmt, die Kaufkraft der Massen schien völlig ausgeronnen und ausgedorrt, der Verlust des Weltmarktes riss die Exportindustrien der besiegten LĂ€nder in den Bankrott, die gesamte Warenwirtschaft befand sich im Zustand der Agonie. Die Zirkulation von Geld und GĂŒtern erlitt verheerende Unterbrechungen. Inflationen fraßen den letzten Besitz. Die Banken sperrten. Die Kassen waren leer. Die Börse starb.

Die Produktion kam nicht mehr auf ihre Kosten. Der Mehrwert blieb aus. Damit wurde das Kapital wertlos als Profitquelle der Besitzenden. Und mit dem Fortfall der Bereicherung fĂŒr Wenige hörte auch die Versorgung fĂŒr alle auf. Dazu kamen die ungeheuren Belastungen der Völker durch den Neuaufbau der verwĂŒsteten Kriegsgebiete, die Kriegstribute, die AbbĂŒrdung der Kriegsschulden, die Heilung der Kriegswunden und KriegsschĂ€den an Menschen und Dingen. Eine wachsende Mauer von Schwierigkeiten umstellte alle Versuche zu einer Regeneration. Zersetzung und Verfall verzehrten das letzte Aas.

Die Wirtschaft – unfĂ€hig zur ErfĂŒllung ihrer sozialen Aufgabe der Versorgung mit Lebens- und SachgĂŒtern. Das Kapital – ohne Gewinn und darum ohne Anreiz und Antrieb zur Funktion. Die Massen – ohne Arbeit und Lohn, daher ohne die Möglichkeit zur Fristung ihrer Existenz. Die Menschheit – ohne die Möglichkeit zur Fortsetzung ihrer historischen Entwicklung


Der Untergang des Abendlandes schien gekommen. Oswald Spengler hatte seinen grĂ¶ĂŸten Bucherfolg. Das Chaos gebar die Revolution


Historischer Wendepunkt

Der Weltkrieg war schlimm gewesen. Noch schlimmer war die allgemeine Niederlage, die er gebracht hatte. Aber das Schlimmste war die völlige Blindheit aller Beteiligten, ihre UnfÀhigkeit, diese Niederlage zu erkennen.

Daher wurde man sich weder diesseits noch jenseits von Sieg und Niederlage des historischen Gehalts der Situation bewusst.

Kein Wunder, dass die Regierungen, denen das Schicksal ihrer Völker anvertraut war, entscheidende und verhÀngnisvolle Fehler machten.

Die Regierungen der siegreichen Staaten blĂ€hten sich auf im hohlen Triumph ihres schließlichen und teuer erkauften Erfolgs. Sie schrien Ruhm in die Welt, brĂŒteten Rache gegenĂŒber den zu Boden geworfenen Feinden und diktierten ihnen harte, opferschwere oder schmachvolle FriedensvertrĂ€ge. Der Individualismus, ins Nationale transformiert und zum Chauvinismus entartet, erlebte seine höchste SchwindelblĂŒte.

HĂ€tten die Sieger verstanden, dass der Krieg auch fĂŒr sie ein Phasenwechsel, ein tiefgreifender Umschwung im objektiven Bestand ihrer Existenzbasis gewesen war, wĂŒrden sie sich vielleicht zu einer anderen Haltung verstanden haben. Keine Vergeltungspolitik, keine materiellen Erpressungen und kein Wort von Schuld und SĂŒhne!

Aber sie waren trunken von SiegesĂŒbermut, blind vor Wut und taub vor Hass. Nicht nur, weil sie selbst auch kapitalistische Menschen waren, in denen der Krieg, als letzte und wildeste Form des Konkurrenzkampfes, alle bösen Instinkte aufpeitscht und entbindet. Sondern vor allem auch, weil die jetzt ihrer Rache ausgelieferten Besiegten nicht eine Minute lang aufhörten, die alten Wölfe des Egoismus und HyĂ€nen der Beutegier zu sein. Nur zu nahe lag die an blutigen Erfahrungen gereifte Vorstellung, dass die Besiegten in der Rolle der Sieger ungleich grausamere und tĂŒckischere Methoden der Unterwerfung und Vergeltung an ihnen geĂŒbt haben wĂŒrden.

Wohl fehlte es nicht an Versuchen, Menschlichkeit zu predigen oder die FriedensvertrĂ€ge unter das Licht besserer Einsicht und Vernunft zu rĂŒcken. „Verbindung mit den besiegten LĂ€ndern und Völkern in freiem Entschluss zu grĂ¶ĂŸerer und fruchtbarerer Gemeinschaft! VerbrĂŒderung unter Wahrung gleicher und gemeinsamer Rechte auf höherer Ebene der Interessen! Aufschwung zu einer Erhebung ĂŒber die Schranken nationalen PfahlbĂŒrgertums zu einem freien WeltbĂŒrgertum und Zusammenschluss zu einem kontinentalen Föderativstaat oder internationalen Staatenbund!“ Das waren Thesen, Programme, Manifeste, Ziele – entsprechend der historischen Aufgabe und wĂŒrdig der historischen Situation. Aber der Egoismus der Beutehungrigen schrie sie nieder. Und der Herrenwahn der Individualisten fegte sie vom Verhandlungstisch.

So blieb die alte Ideologie ungebrochen. Ja, sie lebte sich in lĂ€rmvollen Feiern schrankenloser aus als je. Auf allen Masten und Zinnen wurde, vom Siegestaumel umjubelt, die Nationalfahne gehisst. Und zum tausendsten und zehntausendsten Male feierte auf RednertribĂŒnen bei Denkmalsweihen das Pathos der Ruhmredigkeit seine Orgien. Neue Grenzen wurden gezogen. Die Grenzposten hinter Stachelzaun und Drahtverhau erhielten doppelte Besetzung und verschĂ€rfte Wachtbefehle. Die nationalen GegensĂ€tze wurden mit allen KĂŒnsten der Demagogie zu erbitterter Gereiztheit gesteigert.

Hinter der ideologischen Maskerade aber erhob sich wie ein Phönix aus der Asche wieder der alte Privatkapitalismus zu stattlicher Gestalt. Wer sagte, dass er abgedankt habe? Wo war der Beweis dafĂŒr? Nur Narren und Phantasten konnten solche Behauptungen aufstellen. Sah man nicht, dass der Krieg ihm zu einer herrlichen Neugeburt verhelfen hatte!

Und in engstirnigem Eigennutz scheffelte der Kapitalismus wieder seine fetten Gewinne, als ob das System der Ausbeutung und Bereicherung aus Feuer und Gefahr nun fĂŒr die Ewigkeit gerettet sei.

Das gleiche Bild der politischen Einsichtslosigkeit und Unbelehrbarkeit auf der Àndern Seite, bei den besiegten Staaten, in erster Linie in Deutschland. Hier war die Vernunft nicht durch Stolz und Rachsucht, sondern durch Schimpf und Scham vergiftet.

Die alte Macht war wie durch Blitzschlag niedergestreckt. Der Kaiser ein Deserteur. Ludendorff ein Bittsteller um Waffenstillstand. Das Heer ein berstender Koloss.

Durch eine spontane, unklare und in ihren Zielen vielfach gespaltene Volkserhebung wurde die sozialistische Partei zur Höhe der Regierungsmacht emporgetragen.

Aber ein tragischer Irrtum wollte, dass die MĂ€nner, die die Massen als Inhaber und Vollstrecker der revolutionĂ€ren Macht erkoren, genau dieselben waren, die angesichts der ausbrechenden Massenerhebung angstschlotternd und im feindseligen GefĂŒhl ihrer verletzten AutoritĂ€t erklĂ€rt hatten, dass sie die „Revolution wie eine SĂŒnde hassten“.

In ihrem Machtwillen gebrochen und in all ihren Hoffnungen enttÀuscht, dankte die Bourgeoisie ab. Sie wartete des weiteren Verlaufs der Dinge und der neuen Initiative.

Aber die neue Initiative blieb aus. Die neuen MÀnner sahen sich hilflos nach den alten um. Es erwies sich, dass die Linke nur eine kleinere und unfÀhigere Garnitur der Rechten war.

Diese Linke war mit der Bourgeoisie in den Krieg gezogen, „um das Vaterland zu verteidigen“. Sie hatte den Sozialismus im Stich gelassen und ihre revolutionĂ€re Rolle preisgegeben. WĂ€hrend der ganzen Dauer des Krieges war sie ihrem Klassengegner auf Gedeih und Verderb treu an der Seite geblieben. Alle Prinzipien und Parolen des Klassenkampfes waren vergessen.

Mit der LĂ€nge des Krieges hatte sich aus der nur provisorisch gedachten Verbindung im Zeichen der Verteidigung eine dauernde Verschmelzung im Zeichen der nationalen Einheit entwickelt. Diese Einheit sollte zu einer Einheit des Sieges werden. Nun war sie zu einer Einheit der Niederlage geworden.

Diese Niederlage bot ihr immerhin eine Chance, sich auf ihre bessere Vergangenheit zu besinnen und zur revolutionĂ€ren Fanfare ihrer Doktrin zurĂŒckzukehren. Sie hĂ€tte das Steuer ihrer verfehlten Kriegspolitik herumwerfen und unter flotten Segeln aufs neue in den Strom des Klassenkampfes einmĂŒnden können. Dieser Entschluss wĂŒrde nicht nur den Jubel der deutschen Arbeiterschaft ausgelöst haben, sondern auch dem Beifall und Widerhall der russischen Revolution begegnet sein.

Aber man kann ein Maultier nicht zu einem Löwen machen. Das KriegsbĂŒndnis mit der Bourgeoisie hatte die deutsche Sozialdemokratie auf ihre wahre Wesensgrundlage zurĂŒckgefĂŒhrt. Sie war immer nur scheinbar eine sozialistische Bewegung gewesen. Jahrzehntelang hatte sie ĂŒber das im Grunde bĂŒrgerliche Prinzip ihrer Konstitution hinweggetĂ€uscht. Doch niemals hatte sie es ĂŒberwinden können. Sie war und blieb eine kleinbĂŒrgerliche Reformpartei der EnttĂ€uschten, Zukurzgekommenen, am kapitalistischen Aufstieg Verhinderten. Keine revolutionĂ€re Bewegung, sondern nur eine Revolte wildgewordener Möchtegern-Kapitalisten.

Daher ihre Bereitwilligkeit, sich mit der Bourgeoisie zu verbĂŒnden, als das bĂŒrgerliche Prinzip, das ihr eigenes Prinzip war, in ernste Gefahr geriet. Daher ihre Hemmungslosigkeit bei der Preisgabe ihres sozialistischen Etiketts, ihrer klassenkĂ€mpferischen Verpackung. Daher ihr inneres Widerstreben und ihr Ă€ußerer Widerstand gegenĂŒber jeder Regung einer AktivitĂ€t, die folgerichtig zur Revolution fĂŒhren musste. Mit der Begeisterung des Spießers war sie in den Krieg gezogen, um die heiligen GĂŒter des Privateigentums, des Profits, der Nation und des Individualismus zu retten. Mit dem Grausen des Spießers und dem schlechten Gewissen des VerrĂ€ters, wich sie jetzt vor jeder Revolution zurĂŒck, die all diesen heiligen GĂŒtern den sicheren Untergang ansagte.

Mit Russland gemeinsam hĂ€tte die deutsche Arbeiterbewegung – wie die tschechische, österreichische und ungarische im weiteren Kreis – die Linksregierungen Mittel- und Osteuropas stabilisieren und damit einen unĂŒberwindlichen Gegenpol der ökonomischen und politischen Orientierung gegen die westlichen Demokratien schaffen können. Damit wĂ€re auf einen Schlag der scheinbare Sieg dieser demokratischen Siegerstaaten als ihre Niederlage, als tatsĂ€chliche und definitive Niederlage des kapitalistischen Systems entlarvt worden. [
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Als positive und praktische Demonstration dieser Entlarvung wĂŒrden die befreiten Völker unter dem fruchtbaren Ausgleich ihrer ökonomischen und sozialen Interessen das Fundament zu einem wahrhaft sozialistischen Gesellschaftssystem bereitet haben. Die hohe industrielle Entwicklung besonders Deutschlands hĂ€tte sich mit den ReichtĂŒmern Russlands an Agrar- und Rohprodukten verbunden. Die westliche Kultur hĂ€tte sich mit der östlichen zu einem neuen, unendlich reicheren Kulturgehalt verschmolzen. Der kapitalistische Mensch wĂ€re im feudalen, der feudale Mensch im kapitalistischen zu einem höheren Menschentyp aufgegangen, der den Weg zum Sozialismus gefunden haben wĂŒrde. Die Sprengung der Tore zu einer besseren Zukunft fĂŒr die gesamte Menschheit wĂ€re von hier aus möglich gewesen.

Leider stand diesem Ziel die ganze Konstitution der Sozialdemokratie entgegen, die im wesentlichen die innere wie Ă€ußere Konstitution des deutschen Proletariats war. Nicht zu reden von den WiderstĂ€nden, die ihm auf russischer Seite begegneten und seine Verwirklichung verhinderten.

Mit einem gewissen Recht durfte auch die Sozialdemokratie zur BegrĂŒndung ihrer Haltung die Frage erheben: Wer beweist, dass der Kapitalismus als System durch den Weltkrieg geschlagen ist? Wo sind die positiven Belege fĂŒr diese Behauptung? Soll sich das Proletariat von Narren und Phantasten verleiten lassen, den Sprung in das Nichts zu wagen?

Die Massen, soeben von einem mörderischen Sprung in das Nichts mit zerschmetterten Gliedern zurĂŒckgekehrt, hatten nicht den Mut und die Kraft zu einem zweiten Wagnis dieser Art. Sie hatten nicht die Überzeugung und das Vertrauen, dass es ohne diesen Sprung in das Nichts in der Geschichte kein Gelingen und keine Entwicklung gibt.

So behielten die Spießer recht. Der Opportunismus gewann die Oberhand. Zur Niederlage des Krieges kam die Niederlage der Revolution. Am historischen Wendepunkt blieb die historische Wende aus.

Das deutsche Fiasko

Es ist hier kein Schuldbuch zu schreiben. Darum kann die Frage unentschieden bleiben, ob den Vertretern der deutschen oder der russischen Revolution die grĂ¶ĂŸere Verantwortung dafĂŒr zufĂ€llt, dass die Verbindung zwischen Deutschland und Sowjet-Russland zum gemeinsamen Aufbau der sozialistischen Ordnung nicht zustande kam. Beide Seiten haben falsch operiert.

Aber auch ohne diese direkte Verbindung wĂŒrde die deutsche Sozialdemokratie in der Lage gewesen sein, den erforderlichen Kontakt mit dem Pulsschlag der historischen Notwendigkeit zu finden, wenn sie das entsprechende revolutionĂ€re Organ hierfĂŒr besessen hĂ€tte. Dieses Organ hatte sie nicht erst durch ihre Kriegspolitik verloren. Sie hatte, es nie besessen. In ihrer Kriegspolitik war nur dieser Mangel erst aller Welt offenbar geworden. Und er bestĂ€tigte sich erneut in ihrem Versagen gegenĂŒber der revolutionĂ€ren Aufgabe.

Es scheint nicht ĂŒberflĂŒssig, heute noch einmal diese Aufgabe ins Auge zu fassen. Wenn auch nur, um festzustellen, wie nahe ihre Lösung lag und welch relativ geringer Einsatz an Machtmitteln ausgereicht hĂ€tte, um sie durchzufĂŒhren. Alle objektiven Voraussetzungen lagen vor. Es fehlte nur eine Kleinigkeit, die freilich der VulgĂ€rmarxismus nie in Rechnung gesetzt hatte: der subjektive Wille, das Selbstvertrauen, der Mut zum Neuen. Aber diese Kleinigkeit war alles.

Die deutsche Revolution stellte mit dem einmĂŒtigen Rufe nach Sozialisierung die entscheidende Aufgabe auf die Tagesordnung der Aktion. Dieser Ruf, durch die russische Revolution geweckt, und den Gehirnen als Symbol des Umbruchs eingehĂ€mmert, ging von der Arbeiterschaft aus, fand im KleinbĂŒrgertum Widerhall, ergriff die Kreise der Intellektuellen, der Beamtenschaft, und gewann sogar Eingang in die Klasse der Bourgeoisie. Denn allgemein war das GefĂŒhl, dass der Kapitalismus im vollen Zusammenbruch liege und seine Herrschaft zu Ende sei. Rettung vor dem Untergang schien nur durch den Sozialismus möglich. Hic Rhodus, hic salta! lautete die Losung des Tages.

Jedoch die parteioffiziellen Vertreter des Proletariats wussten mit der Sozialisierungsparole nichts anzufangen. Sie hatten immer nur brav ihren traditionellen Agitationskatechismus aufgesagt und sich im Kleinverschleiß einer reformistischen Sozialpolitik getummelt. Nie war ihnen dabei zum Bewusstsein gekommen, dass Sozialpolitik im Grunde eine Absage an die Revolution bedeutet, dass ihre billigen Abschlagszahlungen den Kapitalismus fĂŒr die Massen nur ertrĂ€glicher machen, dass sie Interesse und Neigung fĂŒr das Studium der revolutionĂ€ren Probleme systematisch einschlĂ€fert und abtötet.

Ein flach und mechanistisch aufgefasster Marxismus hatte sie in dieser Unterlassung bestĂ€rkt. Sozialismus – so meinten seine Apologeten in ihrer NaivitĂ€t – kommt von selbst, sobald das Proletariat erst die politische Macht erobert hat. Er beginnt Wirklichkeit zu werden an dem berĂŒhmten Tage nach der Revolution. Jeder Versuch, diese Wirklichkeit einmal als das unendlich komplizierte und schwierige Werk von Menschen ins Auge zu fassen, galt als unangebrachte und spielerische Utopie, die man nur verlachen und abweisen konnte.

Aber nun, im Wirbel der Revolution, rebellierte die Straße gegen diese bequeme Gedankenlosigkeit der FĂŒhrer. Die Massen litten unter der Pein des Hungers wie unter den Folgen des Krieges. Von ihnen konnten sie, wie sie mit Recht meinten, nur durch den Sozialismus erlöst werden. Und sie wollten nicht ein zweites Mal betrogen sein. Also forderten sie die Sozialisierung.

Und sie setzten es durch, dass eine Sozialisierungs-Kommission gebildet wurde, die – nach dem Wortlaut des Regierungsdekrets – den Auftrag erhielt, „festzustellen, welche Industriezweige nach ihrer Entwicklung zur Vergesellschaftung reif seien und unter welchen UmstĂ€nden dies geschehen könne“.

So schlecht wie der Stil dieses Dekrets war sein gedanklicher Gehalt. Keine Zitierung des sonst so gelĂ€ufigen Programmsatzes: „Beseitigung des Privateigentums an den Produktionsmitteln!“ Kein Wort ĂŒber Konfiskation, ob mit oder ohne EntschĂ€digung. Keine Aufhebung des privaten RĂŒstungsmonopols, keine Staatskontrolle ĂŒber das Bank- und Finanzkapital, keine Beschlagnahme der Kriegsgewinne. Kein Eingriff in die Wirtschaftsmacht der Hochburg aller Reaktion, der JunkerdomĂ€ne des west- und ostelbischen Agrarbesitzes. Nichts von alledem! Nur Zagen und Zögern, völliger Mangel an Entschlusskraft und zielbewusster AktivitĂ€t, absolute Ignoranz und Indolenz bei allen entscheidenden Stellen. Der Tag nach der Revolution war da, aber der Sozialismus kam nicht von selbst.

Um dieses glatte Fiasko zu verschleiern, bemĂŒhten sich die zu StaatsmĂ€nnern gewordenen ArbeiterfĂŒhrer, die Massen zur Geduld zu mahnen oder ihrem kritischen und misstrauischen Blick die Situation zu verfĂ€lschen. Ein alter Demagoge, der BergarbeiterfĂŒhrer HuĂ©, warnte mit aufgehobenem Beschwörungsfinger davor, seine Partei in die Rolle des Konkursverwalters zu drĂ€ngen, da er statt des Kapitalismus nur dessen Bankrott sozialisieren könne. Otto Braun, der den Sessel des preußischen MinisterprĂ€sidenten erklommen hatte, erklĂ€rte mit der Miene des Mannes, dem Gott mit dem Amt auch den dazu nötigen Verstand gibt, dass es „fĂŒr die Sozialisierungskampagne keinen unglĂŒckseligeren Zeitpunkt“ geben könne als den des allgemeinen kapitalistischen Zusammenbruchs. Scheidemann, Ebert, Hilferding, Eisner, David und der ganze SchwĂ€rm der zweiten und dritten FĂŒhrergarnitur bliesen abwiegelnd und beschwichtigend in dasselbe Hörn. Auf dem Berliner Kongress der Arbeiter- und SoldatenrĂ€te lieferte Hilferding, der prominente Wirtschaftsspezialist der Sozialdemokratie, geradezu ein MeisterstĂŒck der Bagatellisierung und Sabotierung der Sozialisierungsaufgabe. Zuerst schied er die bĂ€uerliche Produktion und die Exportindustrie grundsĂ€tzlich von ihr aus. Dann lehnte er die Schaffung von Produktions-Assoziationen durch H Arbeiter kategorisch ab. Hierauf teilte er die Industrien in sozialisierungsreife und -unreife ein. Sodann erfand er die Tabulatur der Ganz-, Halb- und Viertel-Sozialisierung. Und schließlich, als von dem beschnittenen, zerstĂŒckelten, ausgehöhlten und zum leeren GeschwĂ€tz verflĂŒchtigten Problem ĂŒberhaupt nichts mehr ĂŒbrig geblieben war, verlangte er fĂŒr die Inangriffnahme der eigentlichen Sozialisierungsarbeit „eine gewisse Zeit“. Seiner Weisheit letzter Schluss war: „Ein bankrotter Kapitalismus lĂ€sst sich nicht sozialisieren. Wir mĂŒssen ihn erst wieder zu Kraft und GrĂ¶ĂŸe aufbauen. Wenn er dann gesund und stark wieder vor uns steht, werden wir mit dem Sozialisierungswerk beginnen!“ Eine Scharlatanerie, deren Dummheit nur durch ihre Unverfrorenheit ĂŒberboten werden konnte. Aber sie hatte den gewĂŒnschten Erfolg.

In der Sozialisierungskommission kam man nach unendlichen Diskussionen, Verschleppungen, Manövern und Drehs schließlich zu einem platonischen Bekenntnis zur Nationalisierung des Kohlenbergbaus. Das praktische Ergebnis war eine Mehrheitsentschließung ohne Hand und Fuß, lediglich in dem Vorschlage bestehend, „eine Kohlenorganisation zu schaffen, deren GeschĂ€fte durch Arbeiterschaft, Betriebsleitung und Allgemeinheit gefĂŒhrt werden sollte“. Eine Konfusion, ein Gallimathias – nicht zu ĂŒberbieten! Aber schon prangte an den ReklamesĂ€ulen und HĂ€userwĂ€nden das bombastisch verlogene Flugblatt von Scheidemanns Hand: „Der Sozialismus ist da! Die Sozialisierung marschiert!“

Zu gleicher Zeit rĂŒckten auf Scheidemanns Befehl die Truppen Noskes in das Ruhrgebiet ein, um das Bergkapital vor dem energischeren und besser beratenen Zugriff der empörten Grubensklaven zu schĂŒtzen, die von den Arbeitern aus eigener revolutionĂ€rer Vollmacht bestellten ZechenrĂ€te zu beseitigen und die auf wirkliche Sozialisierung drĂ€ngende TĂ€tigkeit der revolutionĂ€ren Neuner-Kommission zu unterbinden.

Was schließlich im Parlament als Sozialisierungsgesetz, als Gesetz zur Regelung des Kalibergbaus, als Erlass zur Regelung der Kompetenzen der Sozialisierungskommission und als Sozialisierungsgesetz der Kohlenindustrie zur Beratung gelangte, stieß auf den leidenschaftlichsten und stĂ€rksten Widerstand des Kohlen- und Finanzkapitals. Schon die ersten Proben der UnfĂ€higkeit und SchwĂ€che des sozialdemokratischen RegierungsklĂŒngels hatten genĂŒgt, um im Kapitalismus das Bewusstsein seiner wiederkehrenden Machtstellung zu erwecken. So schleuderte er den lĂ€cherlichen Dilettantismus der Sozialisierungsprogramme in den Papierkorb und ersetzte ihn durch ein hochkapitalistisches Vertrustungsprogramm, wie es der Kriegs- und Revolutionsgewinnler Stinnes im Reichswirtschaftsrat als Ziel seiner hochfliegenden ProfitplĂ€ne entwickelt hatte.

Die Massen waren, statt vom Kapitalismus befreit zu werden, in noch schlimmere Sklaverei gestĂŒrzt. Trotzdem jagten sie ihre FĂŒhrer nicht zu allen Teufeln. VerrĂ€ter und Verratene waren einander wert.

Das russische Experiment

Die Menschen lernen nichts aus der Geschichte. Auch die Arbeiter nicht. Sie hÀtten von Russland lernen können, wie man eine Revolution macht. Der Anschauungsunterricht des russischen Vorbildes war sehr eindrucksvoll gewesen. Und sie waren ihm mit Begeisterung gefolgt.

Aber als sie selbst von einer Revolution ĂŒberrascht wurden, wussten sie weder aus noch ein.

Das lag nicht an ihnen oder nicht an ihnen allein. Sondern erstens daran, dass Russland nicht Deutschland war. Und zweitens daran, dass eine historische Situation nicht ein zweites Mal in ihrer Originalfassung wiederkehrt.

Daher schon ein auffĂ€lliger Unterschied in der Dynamik der Bewegungskurve. So sehr die mitteleuropĂ€ische, in erster Linie die deutsche Arbeiterbewegung hinter den AnsprĂŒchen zurĂŒckblieb, die ihr die Geschichte stellte, so sehr schoss die russische Arbeiter- und Bauernschaft ĂŒber die historisch entwickelten AnsprĂŒche hinaus. Das hatte seine tiefen GrĂŒnde.

WĂ€hrend Deutschland eine alte, geschulte, starke und disziplinierte Arbeiterbewegung hatte, fehlte es in Russland gĂ€nzlich an einer bodenstĂ€ndigen Organisation des Proletariats. Schon aus diesem Mangel war es nicht möglich, eine Revolution planvoll und in großem Ausmaß vorzubereiten. Der Zarismus, als System barbarischer Feudalreaktion, hatte nach seinem Siege ĂŒber die Revolution von 1905 gewaltig an Kraft gewonnen, um jeden Versuch zu einer neuen Erhebung der Massen blutig und erfolgreich zu unterdrĂŒcken. Nun aber der Zarismus im Weltkrieg plötzlich zusammenbrach, stand die Entwicklung unversehens vor, einem Abgrund, der ĂŒbersprungen werden musste. Die Massen waren ratlos. Da sprang eine Intellektuellenschicht, die in der Hauptsache aus Emigranten bestand und im Ausland marxistische Schulung genossen hatte, in die Bresche. Sie riss die FĂŒhrung der Revolution an sich und zwang den Verlauf der Ereignisse, entsprechend den Eingebungen ihrer Doktrin, in eine bestimmte Bahn. Das war ein Wagnis, eine KĂŒhnheit ohnegleichen.

Doch bald zeigte sich, dass es TollkĂŒhnheit gewesen war. Denn die Bahn entfernte sich rasch und immer rascher von den Bedingungen der Wirklichkeit. In der abstrakten Theorie war alles richtig. Jeder Schritt war aus Marx zu belegen. Aber Marx hatte nicht fĂŒr Russland, sondern fĂŒr das hochindustrielle Westeuropa geschrieben. So entstand zwischen Idee und Wirklichkeit eine Kluft. Die Praxis fĂŒhrte ungewollt und unvermeidlich mit jedem Schritt tiefer in die Konstruktionen einer imaginĂ€ren Welt. Der Mut zur Utopie landete in der Utopie.

Die Auseinandersetzungen mit dem Zarismus, der Grundherrlichkeit und der Bauernschaft in einem Lande, das am Vorabend der Revolution noch volle vier FĂŒnftel seiner Bevölkerung in der Landwirtschaft beschĂ€ftigte, hĂ€tte eine Revolution bedingt, wie sie sich in England um die Mitte des 17., in Frankreich am Ende des 18. und in Deutschland um die Mitte des 19. Jahrhunderts abgespielt hatte. Eine Revolution bĂŒrgerlichen Charakters.

In der Tat war ja auch die Februar-Revolution 1917 zunĂ€chst eine Erhebung der Bauernmassen und des noch nicht klassenbewußten Proletariats. Sie wandte sich gegen den Zarismus, der seit der Revolution von 1905 – trotz scheinbarer Ă€ußerer Erstarkung – im Prinzip seiner Existenz tödlich getroffen war. Und sie tat dies ohne besondere revolutionĂ€re Programmatik, sozusagen in einem Akt instinktiver Notwehr. So wie man einem Raubtier den Garaus macht oder einen faulen Giftpilz mit dem Fuß zertritt.

Wenn nach dieser revolutionĂ€ren Abbruchsaktion die Vertreter der Bourgeoisie, an ihrer Spitze Miljukow, Gutschkow, Rodsjanko, Kerenski u.a., die Regierungsmacht ĂŒbernahmen, so entsprach dies durchaus dem Gesetz der historischen Erbfolge. Die Bourgeoisie war jetzt an der Reihe. Ihr fiel nach ĂŒberliefertem Schema die Initiative und ReprĂ€sentation der neuen Ordnung zu.

Es kam nur darauf an, ob die russische Bourgeoisie ihrer historischen Aufgabe gewachsen war. Die Anwartschaft als Thronfolger allein genĂŒgte nicht. Zur Berufung musste die FĂ€higkeit, die Kraft der Leistung kommen. Und da erwies sich, dass die verkĂŒmmerte, verworrene und hilflose Bourgeoispolitik bald im Fiasko endete. Damit verlor die Revolution mehr und mehr ihre bĂŒrgerliche Tendenz. Statt deren gewann sie in wachsendem und schließlich entscheidendem Maße an proletarischem Einschlag. Denn nicht nur, dass die Bourgeoisie versagte. Die proletarischen FĂŒhrer waren zielbewusster, politisch geschulter und auf ihre revolutionĂ€re Rolle besser vorbereitet. So gewann die Revolution ein neues Gesicht, sie wandelte sich zur proletarischen Revolution.

Es wĂ€re jedoch verfehlt, daraus zu folgern, dass die russische Revolution damit die GesetzmĂ€ĂŸigkeit der phaseologischen Ablaufsfolge im revolutionĂ€ren Rhythmus fĂŒr alle Zeiten außer Kraft und Geltung gesetzt hĂ€tte.

Seit Jahrhunderten hat sich in der Geschichte aller Völker die Mechanik des Gesetzes bestĂ€tigt, dass auf den Feudalismus unausweichlich und unabĂ€nderlich der Kapitalismus folgte. Welcher Grund lĂ€ge vor, fĂŒr Russland eine Ausnahme gelten zu lassen? Und welcher Grund erst wĂ€re vorhanden, seit der Extratour Russlands fĂŒr alle Zukunft die UngĂŒltigkeit dieses Gesetzes zu erklĂ€ren?

Nach historischer und logischer Folgerichtigkeit hatte also in Russland auf die feudale Aristokratie die kapitalistische Bourgeoisie in der Herrschaft zu folgen. Nicht das Proletariat und nicht der Sozialismus. Auch dann nicht, wenn sich nicht nur verschwindend kleine Teile der revolutionÀren Massen, ja selbst des industriellen Proletariats zu ihm bekannt hÀtten.

Die Pravda gab dieser Erkenntnis denn auch Ausdruck, indem sie in ihrer ersten Nummer 1917 als „Grundaufgabe“ der Revolution zutreffend „die EinfĂŒhrung des demokratisch-republikanischen Systems“ bezeichnete.

Aber die fĂŒhrende Intellektuellenschicht trieb mit ihrer Politik anderen Zielen zu. Sie fragte nicht nach den Gesetzen der Geschichte. Lieber ließ sie sich von der Gunst des Tages tragen. Die Massenaktionen ĂŒberstĂŒrzten sich in ihrer quantitativen Wucht wie in ihrem qualitativen Gehalt. Die Chance eines Machtgewinns ĂŒber Nacht ĂŒbte immer unwiderstehlichere Reize aus. Der See raste und wollte nicht nur seine Opfer, sondern auch seine BĂ€ndiger haben. So fiel den Bolschewiken die volle politische Macht in den Schoß.

Noch im Sommer 1917 hatte Lenin die Meinung vertreten, dass es sich am Ausgang des Revolutionskampfes nur um die Aufrichtung eines linksbĂŒrgerlichen Regimes mit starkem proletarisch-sozialistischen Einflusssektor handeln könne. Und schon im Oktober verfĂŒgten die bolschewistischen Extremisten ĂŒber den ungeteilten Sieg.

Damit war fĂŒr sie selbstverstĂ€ndlich geworden, dass sie von der errungenen Macht im Sinne ihrer politischen Theorie und sozialistischen Zielsetzung praktisch Gebrauch machten. Was gestern noch als Utopie erschien, sollte nun Wirklichkeit werden.

Die feudale Konterrevolution war dem Ansturm der Revolution glatt erlegen. Von ihr ging keinerlei Widerstand gegen die Machtergreifung durch die Bolschewiki mehr aus. Um so weniger war die bĂŒrgerliche Konterrevolution geneigt, sich ihr zu unterwerfen.

Nicht so sehr die bourgeoise Konterrevolution Russlands, als die der Welt ĂŒberhaupt. Im Bewusstsein der SolidaritĂ€t aller kapitalistischen Interessen gegenĂŒber dem Klassengegner fĂŒhlte sie sich um die historische Nachfolge auf russischer Erde und im Rahmen der russischen Geschichte geprellt. Darum suchte sie dem Bolschewismus wieder zu entreißen, was nach ihrer Meinung ihr gehörte. Soweit diese Versuche von außen kamen und darin bestanden, mit Hilfe von weißen Invasionsarmeen zu ihrem historischen Recht zu gelangen, wurden sie samt und sonders abgeschlagen. Das war die sensationellste Leistung und die glorreichste Epoche der jungen Revolutionsregierung.

Russland gibt die Revolution preis

Die Konterrevolution muss nicht notwendig von außen kommen. Sie kann sich auch im Innern entwickeln. Sie entspringt dann dem dialektischen RĂŒckschlag, der jedem revolutionĂ€ren Vorstoß zu folgen pflegt.

Wie unter der Wirkung eines physikalischen Gesetzes schnellt der ĂŒberspannte Bogen der revolutionĂ€ren Forderungen und Ziele nach dem Schuss unter das Niveau des Erreichten zurĂŒck, um einen Ausgleich der KrĂ€fte herbeizufĂŒhren. Wird der RĂŒckschlag nicht abgefangen oder gebremst, ist die Konterrevolution da. Die russische Revolution hatte im Zeichen der Sowjetparole gesiegt. Alle Macht den RĂ€ten! Diese faszinierende Losung hatte ungeahnte KrĂ€fte ausgelöst und ungeheure Kampfleistungen erzielt. Auf dem Fundament des Sowjetgedankens sollte nun im geistigen Bild der neuen Sowjetmachthaber die sozialistische Gesellschaft aufgebaut werden.

Aber das Sowjetsystem erforderte Menschen, die sich nicht nur fĂŒr die Sowjetidee begeistern, sondern auch fĂŒr die praktische Verwirklichung dieser Idee reif und entwickelt genug sind. Das Erlebnis des primitivkommunistischen Gemeinschaftsgeistes, wie es in Russland noch lebendig war, reichte hierfĂŒr ebensowenig aus wie die Schule des feudalistischen Patriarchalismus, die dem Zarismus das erforderliche Menschenmaterial lieferte. Mehr aber vermochte das russische Volk in seiner RĂŒckstĂ€ndigkeit nicht zu bieten. Ihm fehlte vor allem die Erziehung zu den spezifischen Persönlichkeitswerten des bĂŒrgerlich-kapitalistischen Zeitalters. Nicht zum letzten auch die intellektuelle und charakterliche Schulung durch die Arbeitstechniken und Produktionsmethoden der modernen Industrie. Denn der Kapitalismus schafft nicht nur Fabriken und Maschinen, andere Arbeitsweisen und einen höheren Arbeitsertrag, er schafft auch neue Menschen, Menschen mit neuen Produktions-, Geistes- und CharakterqualitĂ€ten.

Nicht ohne Grund hat daher Marx den Sieg der proletarischen Revolution an die entscheidende Voraussetzung geknĂŒpft, dass vorher die kapitalistische Welt wirtschaftlich, sozial und kulturell auf dem Höchstgrad ihrer Entwicklung angelangt sein mĂŒsse. Denn nur dann stehe der proletarischen Revolution und der sofort beginnenden sozialistischen Aufbauarbeit das entsprechende taugliche Menschenmaterial zur VerfĂŒgung. Ein Menschenmaterial, ohne das eine sozialistische Gesellschaft nicht denkbar sei.

In Russland fehlte diese elementar wichtige Voraussetzung. Und damit fehlte der entscheidende Faktor, der den wirklichen Sieg bedingte und garantierte.

Die bolschewistischen FĂŒhrer hatten sich selbst betrogen, als sie unbedenklich und ĂŒberschlau die Sowjetparole aufgriffen und mit ihr die Macht, die auf der Straße lag, an sich rissen. Die Sowjetparole war nicht das Produkt ihrer eigenen revolutionĂ€ren Orientierung, sondern fremdes Gut, mit dem sie gewuchert hatten. Sie war ein großer Gewinn fĂŒr sie gewesen – aber nun stellte sie sich als VerhĂ€ngnis fĂŒr sie heraus. Denn der Sowjetparole und dem Sowjetstaat fehlten die Sowjetmenschen. Dieser Mangel ließ sich durch nichts einholen, durch nichts ersetzen. Man hatte sich selbst und ein ganzes Volk tĂ€uschen können, jedoch nicht die Geschichte. Unerbittlich stellte sie den Sieg der russischen Revolution als einer proletarisch-sozialistischen Revolution in Frage.

An diesem Punkte, dem Punkte des geringsten Widerstandes, setzte die innere Strategie der Konterrevolution und damit der immanente Antagonismus im konstitutionellen Wesen der russischen Sowjetmacht ein.

Um die Invasionsversuche der weißen Armeen des westeuropĂ€ischen Kapitals zurĂŒckzuschlagen, bedurfte Russland einer Roten Armee, die die Grenzen des neuen Reiches verteidigte, den BĂŒrgerkrieg erstickte und die KrĂ€fte der militĂ€rischen Konterrevolution zerbrach.

Es gelang, diese Armee in kurzer Zeit aufzubauen, in ihr eine ungewöhnliche militĂ€rische Schlagkraft zu entwickeln und sie so zu einem zuverlĂ€ssigen Werkzeug des Schutzes und der Sicherung des revolutionĂ€ren Erfolgs zu machen. Diese Leistung wurde freilich erkauft durch das Opfer, dass man in der Organisationsstruktur, der Funktionsdynamik und namentlich in der Leitung der Kriegsoperationen grundsĂ€tzlich auf die Anerkennung und DurchfĂŒhrung des Sowjetprinzips verzichtete.

Hiergegen erhob sich im Heere selbst eine Opposition, an deren Spitze Frunse, Gussew, Woroschilow u. a. standen. Sie vertrat die Auffassung, dass die Rote Armee sich nicht nur in ihren politischen Aufgaben, sondern auch in ihrer Struktur, Strategie und Taktik von den Armeen der kapitalistischen Staaten unterscheiden mĂŒsse. Darum verlangten sie eine proletarische Kriegsdoktrin und ein sowjetisches MilitĂ€rsystem. Das war nicht, wie Trotzki, als entschiedenster Gegner dieser Bewegung, dies darstellt, ein „Versuch, die FreischĂ€rlermethoden der ersten BĂŒrgerkriegsperiode zu einem dauernden und universellen System zu erheben“. Es war vielmehr der Versuch, dem Sowjetprinzip auch im Aufbau der Roten Armee Geltung zu verschaffen.

Dieser Versuch missglĂŒckte. Nicht deshalb, weil Trotzki als oberster MilitĂ€rchef die Macht hatte, ihn gewaltsam zu unterdrĂŒcken. Auch nicht, weil Trotzkis Argumente treffender und durchschlagender gewesen wĂ€ren. Sondern deshalb, weil er ein Versuch am untauglichen Objekt war. Das Sowjetprinzip war im bolschewistischen System ein Fremdkörper. Es fand dort weder Basis und Milieu, noch Nahrung und Existenzmögilichkeit vor. So konnte es sich nicht behaupten und zur Wirklichkeit entfalten.

Die Kommunistische Partei lehnte denn auch, von ihrem Standpunkt aus mit vollem Recht, die Forderungen der Opposition ab. Und die BĂŒrokratie, die als herrschende Macht bereits die ersten Stufen ihrer Entwicklung erklommen hatte, griff gierig nach den militĂ€rischen Kommandopositionen. Denn sie sah in ihnen neue Gelegenheiten zur Befriedigung ihres MachtbedĂŒrfnisses und wichtige StĂŒtzpfeiler fĂŒr ihre soziale und politische Sonderstellung.

So wurden die AnsĂ€tze zu einem Sowjetheer fĂŒr sozialistische Verteidigung umgebildet und zurĂŒckgefĂŒhrt zu dem traditionellen Klischee der AutoritĂ€tsarmee fĂŒr bĂŒrgerliche Eroberungszwecke. Damit zogen autoritĂ€re Befehlsgewalt, Disziplin, Subordination und Kadavergehorsam wieder in ihr ein.

Trotzki, der sich nicht eingestehen will, dass er selbst einer der HauptbegrĂŒnder der russischen BĂŒrokratie ist, begrĂŒndet die Wandlung in der Armee, die er in schiefer Polemik auf Stalin umdatiert, wie folgt: „Um das Vertrauen der bĂŒrgerlichen VerbĂŒndeten zu gewinnen und die Gegner nicht allzu sehr zu reizen, galt es, sich von den kapitalistischen Armeen nicht mehr um jeden Preis zu unterscheiden, sondern im Gegenteil, ihnen so sehr wie möglich zu Ă€hneln. Hinter den Wandlungen der Doktrin und dem Neuanstrich der Fassade vollzogen sich soziale Prozesse von historischer Bedeutung.“ In der Tat: vor allem der Prozess der Entwicklung vom Barrikadensturm zum Thermidor. Ein Prozess, der aber nicht erst mit Stalin, sondern schon unter Trotzki begann.

Trotzki hat bei anderer Gelegenheit noch eine andere ErklĂ€rung dafĂŒr, warum die Rote Armee die erste Institution der Sowjetmacht war, die das Sowjetprinzip preisgab. Bei der Verteidigung der Revolution gegen die konterrevolutionĂ€ren Armeen habe man nicht warten können, bis Sowjetmenschen in genĂŒgender Zahl und Reife herangewachsen waren, um ihnen die militĂ€rische Dispositionsgewalt anzuvertrauen. Man musste schnell und mit den vorhandenen Mitteln handeln, wenn anders die Verteidigung nicht versagen sollte.

Das ist richtig, aber doch nicht ganz und nicht im Sinne der historischen Erfahrung. Auch gegen Paris hat einmal die Konterrevolution alle MĂ€chte des Verderbens entfesselt, um die Errungenschaften der Großen Revolution wieder zu vernichten. Und die Gefahr der französischen Hauptstadt in einem relativ kleinen Lande war sicher grĂ¶ĂŸer als die Gefahr des weiten Russland mit seinen fernen Grenzen und außerordentlichen Operations- und Versorgungsmöglichkeiten. Aber da fand der Konvent in Carnot einen Mann, dem es gelang, unter denkbar schwierigsten VerhĂ€ltnissen die ganze französische Armee und das ganze System der KriegfĂŒhrung von unten bis oben neu zu organisieren. Seine bewunderungswĂŒrdige Tat war, dass er die neuen Prinzipien der bĂŒrgerlichen Doktrin, des freiheitlichen Elements im Heer so zur Anerkennung und Wirksamkeit brachte, dass dieses den reaktionĂ€ren Armeen weit ĂŒberlegen war. Carnot handelte als RevolutionĂ€r, nicht als Epigone der Überlieferung. Und darauf kam es an, wenn die Revolution gerettet werden sollte. Diese Heeresreform selbst war eine revolutionĂ€re Tat.

In Russland fehlte ein Carnot, fehlte eine Revolutionierung der Armee. Fehlte die Etablierung des grundlegenden Bestimmungsmoments der proletarischen Revolution in der Konstituierung der militÀrischen Gewalt.

In Russland ergriff das bĂŒrgerliche Prinzip wieder Besitz von der zentralen Machtposition. Die Festung der Revolution wurde dem Feind freiwillig ausgeliefert. Damit hatte die Konterrevolution im Herzen des neuen Regimes Fuß gefasst. Sie brauchte nicht mehr von außen zu kommen, nicht mehr von den Kornilows, Judenitschs, Denekins und Wrangels ins Land getragen zu werden.

WĂ€hrend Carnot als FĂŒhrer die Massen aktivierte, aktivierten sich in Russland die FĂŒhrer wieder ĂŒber den Massen. Um nicht aus der Macht geworfen zu werden, warfen sie ihr oberstes Prinzip aus der Macht. Sie retteten damit scheinbar den Bestand der Revolution, aber sie pflanzten ihr eine konterrevolutionĂ€re Seele ein.

ZurĂŒck zur AutoritĂ€t!

In seinem Buche Staat und Revolution vertritt Lenin unter Berufung auf Marx die Doktrin, dass der Staat, als die typische Herrschaftsform der Bourgeoisie, nach der proletarischen Revolution zu verschwinden hat.

Doch nicht so, dass man ihn mit einem einzigen Schlage beseitigt. Vielmehr so, dass er zum langsamen, aber sicheren Absterben gebracht wird.

Diesen Prozess des Absterbens in die Wege zu leiten und durchzufĂŒhren, war die Aufgabe, die dem Bolschewismus in Russland gestellt war. Man muss zugeben, dass der Versuch zu ihrer Lösung unter außerordentlich schwierigen und ungĂŒnstigen UmstĂ€nden unternommen werden musste.

Lenin hatte als einziges und einzig taugliches Mittel fĂŒr die DurchfĂŒhrung seiner Aufgabe nur die Sowjets. Die Sowjets aber hatten ĂŒberhaupt keinen Platz in dem von ihm geschaffenen bolschewistischen System.

Nun handelt es sich keineswegs nur um die einfache Frage: Sowjets oder nicht? Sowjets oder nicht – das bedeutet, dass tiefgehende Unterschiede bestehen in der organisatorischen Struktur, der revolutionĂ€ren Strategie, den kĂ€mpferischen Mitteln, den taktischen Methoden, der sozialen Zielsetzung, dem praktischen Neuaufbau, den Prinzipien der neuen Gesellschaft.

Angesichts dieser Feststellungen ergibt sich, dass ein Lenin mit Sowjetparole an Haupt und Gliedern ein völlig anderer Mensch hĂ€tte sein mĂŒssen als ein Lenin ohne Sowjetparole.

Weiter aber ergibt sich auch, dass die ungewöhnlichen Schwierigkeiten und Hindernisse bei seinem Versuch, in Russland den Sozialismus zu errichten, fĂŒr das Gelingen seines Versuchs von ganz untergeordneter und nebensĂ€chlicher Bedeutung waren.

HĂ€tte Lenin sein bolschewistisches System fĂŒr eine internationale Arbeiterbewegung geschaffen und hĂ€tte er das GlĂŒck gehabt, es im fortgeschrittensten Lande der Welt, im Revolutionskampfe eines modernen Industrieproletariats erproben zu können, er hĂ€tte – das ist mit hundert gegen eins vorauszusagen – genauso Schiffbruch erlitten wie in Russland.

Denn das Scheitern der russischen Revolution, als einer Revolution die die Ausbeutung beseitigen, den Staat zur Auflösung bringen, die Menschen von ihrem Proletarierschicksal erlösen und den Sozialismus verwirklichen sollte, ist nicht bedingt durch Russland, durch das Ausbleiben der Weltrevolution, durch die SĂŒnden der BĂŒrokratie, durch Stalin. Es ist einzig und allein bedingt durch das bolschewistische System.

Lenin hatte bei seinen jahrelangen Studien und Vorarbeiten immer nur an den Sturz des Zarismus und dessen Ablösung durch eine linksbĂŒrgerliche Bourgeoisregierung gedacht, gegen die ein bolschewistisch geschultes und geleitetes Proletariat seine KĂ€mpfe fĂŒhren sollte.

Auf eine proletarische Regierung war er theoretisch wie praktisch in keiner Weise vorbereitet. Nichts ist hierfĂŒr bezeichnender als die Tatsache, dass er sein Buch Staat und Revolution erst ganz kurz vor den entscheidenden KĂ€mpfen schrieb, als die Problematik der proletarischen Revolution schon sozusagen auf die NĂ€gel brannte.

Als die russische Revolution sich dann zur proletarischen entwickelte, wuchsen ihm die Ereignisse ĂŒber den Kopf. Sie stellten ihn gegen alle Erwartungen im Handumdrehen vor das Problem, mit seinem bolschewistischen System die neue sozialistische Gesellschaft aus der Erde zu stampfen. All die BedĂŒrfnisse, an denen der Zarismus und die Bourgeoisie gescheitert waren, wollten jetzt durch eine sozialistische Wirtschaft gedeckt sein. Vor der GrĂ¶ĂŸe dieser Aufgabe versagte die UnzulĂ€nglichkeit seines Systems. Was er unternahm, lief als sogenannter Kriegskommunismus auf einen beschĂ€menden Dilettantismus hinaus. Nachdem die Verwirklichung der Sowjetidee im Heer gescheitert war, folgte nach und nach auch der Abbau der Sowjets in der Verwaltung, im Staatsapparat, im gesamten Sozial- und Kulturaufbau.

Man ging dabei vorsichtig, schrittweise, listig zu Werke, die Preisgabe möglichst verschleiernd, die grundsĂ€tzliche Schwenkung vertuschend, teils um das eigene schlechte Gewissen zu beruhigen, teils um das Misstrauen und den Widerstand der Massen nicht zu wecken oder zu reizen. Mit ostentativer Betonung wurde in allen offiziellen Kundgebungen am Lippenbekenntnis zum Sowjetsystem festgehalten. Und die Staatsmacht wurde nicht mĂŒde, sich als Sowjetmacht zu deklarieren, selbst als die Macht der Sowjets lĂ€ngst zu lĂ€cherlichen Schatten geworden war. Sie wurde schließlich nicht einmal schamrot, als ihr Betrug vor aller Welt offenkundig war und der Sowjetstern nur noch den Hohn auf die lĂ€ngst abgedankte Sowjetidee krönte.

Als TrĂ€gerin der Sowjetpropaganda und des Sowjetexperiments hatte in erster Linie, wenn nicht ausschließlich, die Partei gedient. Dann hatte die Partei am lebhaftesten die Sowjets unterminiert und gesprengt. Nun ĂŒbernahm die Partei die Aufgaben der Sowjets.

Die Partei jedoch ist im Grunde nicht eine Organisationsform des Proletariats, sondern der Bourgeoisie. Sie ist nur vom Proletariat vor Jahrzehnten notgedrungen als Organisationsform ĂŒbernommen worden. Denn als das Proletariat sich am Wahlsystem der Bourgeoisie zu beteiligen begann und schließlich selbst zum Parlamentarismus ĂŒberging, besaß es hierfĂŒr keinen eigenen Apparat. So schuf es Wahlvereine, die mit der Zeit immer mehr den Charakter von Parteien annahmen. In der Folgezeit bewĂ€hrte sich die Partei als politische Aktions- und Kampfform innerhalb des bĂŒrgerlich-politischen Milieus auch fĂŒr die Interessen der proletarischen Opposition so gut, dass man sie beibehielt, ausbaute und zu hoher LeistungsfĂ€higkeit entwickelte. Die sozialistische Bewegung jener Epoche sah daher keinen Anlass, frĂŒher oder spĂ€ter an die Stelle der Partei eine andere Organisationsform zu setzen. Ja, je mehr das Proletariat seine KĂ€mpfe in die Parlamente verlegte und in der Sozialpolitik das eigentliche Arbeitsfeld seines parlamentarischen Wirkens erblickte, desto mehr erschien ihm auch die Partei als zweckmĂ€ĂŸigste Interessenvertretung der Massen.

Die Partei funktionierte nur mit Hilfe einer BĂŒrokratie. Ihr ganzer Apparat ist nach dem Vorbild des bĂŒrgerlichen Staates aufgebaut, autoritĂ€r-zentralistisch, von oben nach unten wirkend, mit der typischen Scheidung der Mitgliedschaft in zwei Klassen. Initiative, Befehlsgewalt und RangĂŒberlegenheit ist ausschließlich bei den FĂŒhrern. Die Massen haben Befehle abzuwarten und entgegenzunehmen, nach Kommando einzuschwenken und zu manövrieren, das knet- und formbare Material in den HĂ€nden ihrer FĂŒhrer zu bilden. Sie empfangen fertige Parolen, lesen ihre von der FĂŒhrung geschriebene Zeitung, befolgen die von oben inaugurierten BeschlĂŒsse, glauben an die von Parteipriestern ausgelegte Wahrheit ihrer heiligen Schrift. So ist die Partei weltanschauliche Kirche und politischer Militarismus in einem, und wie diese zugleich Abbild des bĂŒrgerlichen Staatsapparats, in dem sich die technisch-organisatorische Vollendung des BĂŒrokratismus manifestiert. Indem die Bolschewisten sich als Partei organisierten, brachten sie zum Ausdruck, dass sie sich der bĂŒrgerlich reaktionĂ€ren Konstitution dieser Organisationsform nicht bewusst waren. Und indem sie die Partei zum Funktionsorgan des Staatsapparats machten, verschafften sie dem autoritĂ€ren Klassenprinzip wieder Eingang in die staatliche MachtausĂŒbung und MachtreprĂ€sentation. Die Partei wurde zur Klippe, an der ihre sozialistischen Absichten scheiterten.

Wohl war auch die Partei zunĂ€chst als Organ der Staatsbeseitigung gedacht. Lenin verlangte, die BĂŒrokratie seile ihrer Eigenschaft als „den Menschen entfremdete, ĂŒber den Massen stehende, privilegierte Macht“ entkleidet werden. Sie sollte den Nimbus des „Privilegs als Vorgesetzte“ verlieren und den „Staatsbeamten zum einfachen Vollstrecker von AuftrĂ€gen“ machen. Dabei war Lenin des naiven Glaubens, dass es eine gute und eine schlechte BĂŒrokratie gĂ€be. Die schlechte sah er ĂŒberall in der bĂŒrgerlichen Welt. Die gute aber erwartete er in erster Linie von der Kommunistischen Partei. Von hier aus sollte sie sich auch in der Sowjetgesellschaft entwickeln. Und als echter Bolschewik versprach er sich von der Gewalt, dass sie das Wesen der BĂŒrokratie nach Bedarf und GutdĂŒnken verĂ€ndern könne.

Das war ein gewaltiger Irrtum. Was vorauszusehen war, trat ein: auch die von ihm erhoffte gute BĂŒrokratie erwies sich schon nach ganz kurzer Zeit als die ĂŒbliche und sattsam bekannte schlechte BĂŒrokratie.

Man erstaunt, dass ein Mann wie Lenin, der wie kein Zweiter das Wesen der Dialektik erfasst zu haben meinte, einen so irrigen Gebrauch von der Dialektik machte. Aber gerade sein Anspruch, der beste Dialektiker zu sein, suchte unbewusst nur die Tatsache zu verdecken, dass er der schlechteste Dialektiker war. Er war ĂŒberhaupt kein Dialektiker, sondern ein Opportunist. Diese Verwechslung charakterisiert sein ganzes System und seine gesamte Politik. Sie ist auch zum Erbteil seiner Nachfolger geworden. Noch heute ist es typisch fĂŒr ihr Verhalten, dass sie selbst die Ă€rgste opportunistische Untreue am Prinzip als geniale dialektische Schwenkung zu rechtfertigen suchen.

Einmal in den Teufelskreis des Irrtums geraten, kam der Bolschewismus nicht wieder aus seiner Verstrickung heraus. Die Logik des Selbstbetrugs und der SelbsttĂ€uschung fĂŒhrte mit innerer Konsequenz zur TĂ€uschung und zum Betrug der irregefĂŒhrten Massen.

Statt des Staates, der sich durch die Sowjets nicht abbauen ließ, wurden die Sowjets durch den Staat abgebaut. Und statt die BĂŒrokratie zum Diener des Volks zu machen, wurde das Volk wieder zum Sklaven der BĂŒrokratie. Ein umgekehrter König Midas verwandelte alles Gold zu Staub.

Die Funktionen der Sowjets und damit deren politische Bedeutung wurde immer mehr beschnitten, eingeschrĂ€nkt, auf andere Organe ĂŒbertragen. Schließlich spielten sie nur noch die Rolle deutscher Fabrikkomitees der wilhelminischen Epoche. Nur Fragen und Angelegenheiten ganz untergeordneter Natur blieben ihrem Einfluss und ihrer Kompetenz unterstellt. Schon 1920 waren sie zu Schatten ihrer ursprĂŒnglichen Bedeutung geworden. Sie bildeten eine schöne Agitationsphrase und einen attraktiven Dekorationsschnörkel ohne realen Gehalt und praktische Wirksamkeit.

Aber anstatt die Preisgabe der Sowjets offen und freimĂŒtig einzugestehen, hielt man fĂŒr die russischen Massen wie fĂŒr die politische Weltöffentlichkeit den Glauben aufrecht, dass in Russland eine Sowjetherrschaft bestehe, also die Verwaltungsform, die angeblich dem Sozialismus entspricht und ihn verbĂŒrgt. Noch heute spricht der Stalinismus weiter von Sowjet-Russland, Sowjet-Regime und Sowjet-Politik, obwohl schon die Spatzen von den DĂ€chern pfeifen, dass dies alles ausgemachter Schwindel ist.

Die BĂŒrokratie selbst ist es, die an diesem Schwindel mit großer ZĂ€higkeit festhĂ€lt. Sie hat ihre guten GrĂŒnde dafĂŒr. Die bewusste und planvolle IrrefĂŒhrung bot ihr von Anfang an den Vorteil, sich hinter der falschen Sowjet-Fassade ungestört und in voller Schrankenlosigkeit zu entwickeln. Und sie bietet ihr heute den Vorteil, völlig verantwortungslos ein bĂŒrokratisches Regiment zu fĂŒhren, sozusagen auf Kosten des Sowjetsystems, das praktisch nicht mehr existiert. Damit findet sie selbst die erwĂŒnschte RĂŒckendeckung, sobald die Fehler und verhĂ€ngnisvollen Folgen des BĂŒrokratismus zutage treten. Und zugleich entwertet sie vor der Weltöffentlichkeit das ihr verhasste Sowjet-System als eine untaugliche und gefĂ€hrliche Form der StaatsfĂŒhrung.

Denn die BĂŒrokratie will nicht nur keine Sowjets, sie will auch keine proletarische Revolution. Darum muss sie dieser die Spitze abbrechen, indem sie das Sowjet-System theoretisch wie praktisch bis zum vollen Vertrauensverlust diskreditiert.

Partei ist BĂŒrokratie

Lenin hatte der BĂŒrokratie eine Arbeiterkontrolle an die Seite gestellt, um ihre Entwicklung nach der schlechten Seite zu verhindern.

Aber auch sie war nicht imstande, zu vermeiden, dass die BĂŒrokratie das wurde, was sie werden muss, weil es ihr Wesen ist.

Wie die Unteroffiziere im Heer, so rekrutieren sich auch die UnterfĂŒhrer in der Partei im allgemeinen aus den anstelligsten und intelligentesten, aber auch willfĂ€hrigsten, anpassungsfĂ€higsten, berechnendsten und oft genug korruptesten Elementen der Mannschaft oder Mitgliedschaft. Es geht ihnen meist nicht so sehr um direkte materielle Vorteile, etwa höhere Entlohnung, bessere Verköstigung und Wohnung, lĂ€ngeren Urlaub, Dienst im BĂŒro usw. In Russland wurde jedenfalls von Anfang an im Sinne Lenins großer Wert darauf gelegt, dass der FĂŒhrer viel unbezahlte Arbeit leisten und unter allen UmstĂ€nden auf ExtravergĂŒtungen verzichten musste, die gewöhnlichen Parteimitgliedern fĂŒr besondere TĂ€tigkeit gewĂ€hrt wurden. Sicher war der UnterfĂŒhrer materiell in der Regel schlechter gestellt als der qualifizierte Arbeiter.

Aber gerade fĂŒr diese FĂŒhrerkategorie spielte meist die entscheidende Rolle der betrĂ€chtliche Geltungs- und Machtgewinn, der mit der herausgehobenen Position verbunden war. Also nicht ein materielles, sondern ein psychisches Moment. An der Spitze stehen, kommandieren dĂŒrfen, Entscheidungen in der Hand haben, zur Leitung gehören – das ist ihnen ein ungleich höherer und schmeichelhafterer Gewinn, der sogar materielle Nachteile in Kauf nehmen lĂ€sst. So bildet denn auch der bĂŒrokratische Apparat immer und ĂŒberall einen der Hauptanziehungspunkte fĂŒr alle ehrgeizigen und machtlĂŒsternen Menschen, die in der Beamten oder FĂŒhrerfunktion eine willkommene Gelegenheit sehen zur Befriedigung ihres Erhöhungsdranges oder MachtbedĂŒrfnisses.

Wenn man in Russland glaubte, ein Mittel zur Vermeidung oder Abwehr dieser Erscheinungen in der Arbeiterkontrolle gefunden zu haben, so vergaß man, dass die Auslese der Arbeiterkontrolleure in keiner Hinsicht nach psychologischen Gesichtspunkten erfolgte. Die Psychologie genoss und genießt in den Parteien ĂŒberhaupt eine stiefmĂŒtterliche Behandlung. Besonders die VulgĂ€r-Marxisten witterten in ihr eine gefĂ€hrliche Konkurrenz gegen die materialistisch-ökonomische Orientierung der marxistischen Doktrin. Leider kannten sie diese aber nur aus zweiter und dritter Hand. Bei Marx selbst wĂŒrden sie gefunden haben, dass gerade er in den revolutionĂ€ren Konzeptionen seiner Lehre dem psychologischen Moment das allergrĂ¶ĂŸte Gewicht beimaß.

Auch die Kommunistische Partei stand aller Psychologie mit banausischer Überheblichkeit gegenĂŒber und lehnte jede BerĂŒcksichtigung ihrer Erkenntnisse fĂŒr die Praxis fast feindselig ab. Infolgedessen hatte selbst der wohlgemeinte, von ernster Besorgnis diktierte Kampf gegen die schlechte BĂŒrokratie bei den durchschnittlichen Parteimenschen keine psychologische StĂŒtze. Er blieb ein Scheinkampf und musste ein solcher bleiben, auch wenn der tiefere Grund hierfĂŒr den Parteileuten nicht zum Bewusstsein kam. Denn ein wirklicher Kampf gegen das bĂŒrokratische System hĂ€tte die Partei selbst zum Ziel haben mĂŒssen. Damit geriet die Behandlung des russischen Problems wieder zu dem alten verhĂ€ngnisvollen Zirkel, der, einmal fehlerhaft begonnen, immer wieder und auf alle FĂ€lle fehlerhaft auslĂ€uft.

Die praktische Anwendung der Psychologie als eines Mittels im Kampfe gegen die BĂŒrokratie setzt nicht nur voraus, dass man ĂŒber psychologische Kenntnisse verfĂŒgt, sondern auch, dass man das entsprechende Milieu vorfindet, das ihre richtige Anwendung gestattet. Denn nicht jeder Deckel passt auf jeden Topf, nicht jede Doktrin auf jede Situation. In Russland lagen die Dinge jedenfalls so, dass die soziale und politische Gesamtsituation der Anwendung moderner psychologischer Verfahren entschieden widersprach.

Das russische Volk war nach langer und tiefer Knechtschaft zu politischer Freiheit und Emanzipation aufgestiegen. Im Antagonismus des historischen Wechsels konnte auf die These des feudalistischen Patriarchalismus zunĂ€chst nur die Antithese des bĂŒrgerlichen Liberalismus folgen. Dieser aber ist untrennbar verbunden mit Individualismus, Persönlichkeitsstreben, Erhöhungsdrang, Entwicklung und Steigerung des Geltungsstrebens und MachtgefĂŒhls. Der liberale Mensch ist der strebende, unternehmende, dem individuellen Wettkampf konkurrierende, im Wirtschaftsleben auf egoistische Bereicherung, in der Politik auf Macht und FĂŒhrung ausgehende Mensch. Der Mensch des kapitalistischen Zeitalters. Der wirtschaftliche Tummelplatz dieses Menschen ist GeschĂ€ft und Markt. Der politische Tummelplatz Partei und Parlament.

Indem sich die sozialistische Arbeiterbewegung in Russland als kommunistische Partei konstituierte, schuf sie den historisch richtigen Bewegungsspielraum fĂŒr den Menschen der anbrechenden individualistischen Epoche. Indem aber der neue Sowjetstaat zugleich sozialistisch sein wollte, das Privateigentum konfiszierte, die kapitalistische Produktion mit ihren individuellen Erwerbsmöglichkeiten aufhob und außerdem das Parlament beseitigte, entzog sie dem individualistischen Menschen fast alle Gelegenheiten, seine individuellen Energien zu entfalten und erfolgreich zu gebrauchen. Die Versuche, ihn zu einem sozialistischen Menschen zu erziehen, ihn in Sowjets, Wirtschaftskollektivs und Kommunen einzugliedern und fĂŒr eine kollektivistisch orientierte Wirklichkeit nutzbar zu machen, schlugen fehl. So blieb dem individualistischen Menschen nur ein einziges Gebiet, auf dem er zum Bewusstsein und Erlebnis seiner Persönlichkeit kommen konnte: die Partei. Das Leben der Partei wurde so zum Inhalt seines Lebens. Der russische Mensch nach 1917 wurde der typische, klassische Parteimensch mit allen VorzĂŒgen und Fehlern, allen parteimĂ€ĂŸigen Tugenden und Vollkommenheiten Lastern, Einseitigkeiten und Unausstehlichkeiten.

Wie der russische Mensch nicht fĂŒr die Sowjets getaugt hatte, so taugten die Sowjets nicht fĂŒr ihn. Als feudaler Mensch war er zu unfĂ€hig. Als individualistischer Mensch zu sehr Individualist. Er fand hier nicht seinen Platz.

Aber in der Partei stieß er auf das Element, das ihm zusagte. Von hier aus fĂŒhrte ihn sein Geltungstrieb zur BĂŒrokratie. Von der Parteimacht stieg er zur Staatsmacht empor. Denn indem sich die ParteibĂŒrokratie zur StaatsbĂŒrokratie verwandelte, entwickelte sich der individualistische Mensch zum BĂŒrokraten. Damit wurde er Mitglied jener „privilegierten, den Menschen entfremdeten, ĂŒber den Massen stehenden Schicht“, jener Klasse, die, als Element bĂŒrgerlicher KlassengegensĂ€tzlichkeit, dem Proletariat sozusagen von Natur aus feindlich gegenĂŒbersteht.

Diese ganze Entwicklung wurde begĂŒnstigt durch die besonderen sozialen und kulturellen VerhĂ€ltnisse Russlands, die allgemeine RĂŒckstĂ€ndigkeit und zahlenmĂ€ĂŸige Kleinheit des Proletariats, die tiefe politische und ökonomische ZerrĂŒttung infolge des langen BĂŒrgerkrieges, die stĂ€ndig drohende Gefahr des Zusammenbruchs der Staatsmacht, die Kriege der Invasionsarmeen an den Landesgrenzen und den ganzen provisorischen Charakter des von Experiment zu Experiment tappenden sozialistischen Regimes.

Nach Lenins Konzeption hatte die Staatsmacht eigentlich abgebaut werden sollen. Nun setzte man alles daran, sie aufzubauen und zu sichern. Wenn sie aber aufgebaut und gesichert sein wĂŒrde, dann sollte sie wirklich abgebaut werden. Wer sollte das verstehen, wer vermochte diese merkwĂŒrdige Doktrin zu begreifen? Der Widerspruch zwischen Theorie und Praxis war handgreiflich. Doch es gab viele solcher WidersprĂŒche. Auch der Kampf gegen die BĂŒrokratie und das ĂŒppige Wachstum der BĂŒrokratie gehörten dazu.

Die Massen konnten nicht sehr ĂŒber diese WidersprĂŒche nachdenken. Sie hatten tausend Sorgen um ihr nacktes Leben. Außerdem duldete die Diktatur keinen Widerspruch. Diese Diktatur des Proletariats, die mit jedem Tage mehr zu einer Diktatur ĂŒber das Proletariat wurde.

Die FĂŒhrer setzten ihre ganze Hoffnung auf den GlĂŒckstreffer der Weltrevolution. Von ihr musste die schließliche Rettung der Sowjetmacht kommen. Sie arbeiteten das Rezept dieser Weltrevolution bis in alle Details aus, ganz nach russischem Muster, und priesen es dem Proletariat aller LĂ€nder und Völker an.

Aber die Weltrevolution kam nicht. Russland war in eine Sackgasse geraten. Das Revolutionsmodell stimmte nicht. Die Prognose stimmte nicht. Die Staatsdoktrin stimmte nicht. Die Unterscheidung zwischen guter und schlechter BĂŒrokratie stimmte nicht. Die Aufbaupraxis stimmte nicht. Der ganze Bolschewismus stimmte nicht.

Wenn sich in der Geschichte herausstellt, sagt Marx, dass zwischen Theorie und Praxis etwas nicht stimmt, so liegt der Fehler immer bei der Theorie. Die bolschewistische Theorie hatte die geschichtliche Entwicklung nicht zwingen können, nach ihren Intentionen zu verlaufen.

So zwang die geschichtliche Entwicklung den Bolschewismus, sich nach ihren Tatsachen umzuformen.

Schon hatte Lenin den Marxismus in den Leninismus verwandelt. Nun verwandelte Stalin den Leninismus in den Stalinismus.

Das war nicht die ErfĂŒllung der Revolution, sondern ihr Ende.

Streitfragen unter Theoretikern

Der Bolschewismus hatte vor seiner Machtergreifung keinen guten Start. Er zÀhlte nicht nur eine lÀcherlich kleine Sekte von AnhÀngern. Es wurde ihm auch von vielen Gegnern aufs heftigste zugesetzt.

Dass Bourgeoisie, Agrarier, KleinbĂŒrger, Bauern den Bolschewismus, soweit sie von seiner Existenz als Theorie ĂŒberhaupt etwas wussten, wie den Tod fĂŒrchteten und bekĂ€mpften, ist selbstverstĂ€ndlich. Davon soll hier nicht die Rede sein.

Auch nicht von den Sozialdemokraten, die, indem sie ihren Opportunismus und Verrat fortsetzten, mit dem Kampfe gegen den Bolschewismus die GeschĂ€fte der bĂŒrgerlichen Klasse besorgten.

Ebensowenig von den radikalsozialistischen, kommunistischen und anarchistischen Kreisen, die, obwohl revolutionĂ€r, weder die bolschewistische Doktrin akzeptierten, noch mit der bolschewistischen Praxis einverstanden waren. Es wĂ€re ĂŒberflĂŒssig, heute noch auf all die GegensĂ€tze, Abweichungen und Verschiedenheiten der theoretischen Meinungen und taktischen Verhaltungsweisen einzugehen, die einander im Wirrwarr des politischen Hexenkessels jener Zeit begegneten und das Geltungsrecht streitig machten.

Wichtig scheint nur, eine Richtungsdifferenz ins Auge zu fassen, die weniger wÀhrend des aktuellen Ablaufs der Ereignisse als vielmehr in deren nachtrÀglicher Kritik eine Rolle gespielt hat und teilweise noch spielt. Sie ist besonders unter dem Schlagwort Rosa Luxemburg contra Lenin zu einem Vorwand benutzt worden, die revolutionÀren Taktiken der Bolschewisten und der deutschen Linken gegeneinander auszuspielen. Dabei ist alles Mögliche an historischen Entstellungen und schiefen Beurteilungen geleistet worden, um die jeweils verfochtene Auffassung auf Kosten der Àndern zu beweisen. Wie immer in solchen FÀllen ist beiden Seiten entgangen, dass sie beide recht und unrecht haben.

Weil die Kontroverse ein wahres Schulbeispiel dafĂŒr ist, wie Menschen, einmal im Parteisystem festgefahren, selbst unter gĂŒnstigsten persönlichen und politischen Voraussetzungen nicht imstande sind, den völlig unrevolutionĂ€ren Charakter der Partei zu sehen und zu begreifen, soll hier die Kontroverse ihrem Inhalt wie ihrer Bedeutung nach kurz resĂŒmiert werden.

Sowohl Lenin wie Rosa Luxemburg kamen auf dem Wege ĂŒber die Sozialdemokratie zur modernen Arbeiterbewegung.

Die Sozialdemokratie war damals die einzige Partei, die den Klassenkampf des Proletariats im marxistischen Sinne fĂŒhrte. Und sie fand ihre theoretisch wie organisatorisch entwickeltste, um nicht zu sagen klassische Form in Deutschland. Als ihre prominentesten FĂŒhrer galten August Bebel und Karl Kautsky. Sowohl Lenin wie Rosa Luxemburg zĂ€hlten zu den unbedingten Bewunderern dieser FĂŒhrer. Sie sahen in ihnen ebenso unbestrittene AutoritĂ€ten wie in der deutschen Partei das Muster einer marxistisch geschulten, vortrefflich auf- und ausgebauten, taktisch richtig operierenden und von revolutionĂ€rem Geiste erfĂŒllten Organisation. Rosa Luxemburg, die das Schwergewicht ihres Wirkens in Deutschland fand und die Partei aus nĂ€chster NĂ€he kennenlernte, war jedoch bald von ihr in mehr als einer Hinsicht enttĂ€uscht und begann von 1904 an, eine kritische Stellung ihr gegenĂŒber einzunehmen.

Lenin hingegen entwickelte als russischer Emigrant, ganz nach Emigrantenart, eine revolutionĂ€re TĂ€tigkeit, die sich ganz auf Russland konzentrierte und einzig auf den Sturz des Zarismus abzielte. Von den kritischen Rissen, die sich im GefĂŒge der deutschen Sozialdemokratie zu markieren begannen, nahm er keine Notiz. Erst bei Beginn des Weltkrieges wurde er durch das katastrophale Versagen der von ihm bewunderten Partei aus allen Wolken seiner Illusionen gerissen.

Rosa Luxemburg erkannte den im Grunde konservativen, bĂŒrokratisch verknöcherten und sterilen Charakter der deutschen Partei, ihre strategische UnelastizitĂ€t, ihre traditionelle Enge, ihre Unlust und UnfĂ€higkeit zur Erfassung neuer Probleme, ihre Preisgabe des revolutionĂ€ren Elans zugunsten sozialpolitischer SchachergeschĂ€fte und Abschlagszahlungen, ihre Verspießerung und VerbĂŒrgerlichung im Element der FĂŒhrergarnitur. Sie fĂŒhrte daher, nur von einer kleinen Gefolgschaft unterstĂŒtzt, einen ununterbrochenen, zĂ€hen Kampf gegen die Parteileitung, einen Teil der Parteipresse und die immer mehr verwĂ€ssernde Taktik der Parlamentsfraktion. 1910 ging sie zu einem Frontalangriff gegen das bĂŒrokratisch-doktrinĂ€re Offiziösentum Kautskys und den anspruchsvollen, aber leerlaufenden Routinismus des Parteiapparats ĂŒber. Damit scheuchte sie alle Opportunisten und Banausen, alle selbstgefĂ€lligen HohlschwĂ€tzer und dunklen GeschĂ€ftemacher zu wĂŒstem Spektakel auf.

So mutig diese Attacke war, fehlte ihr doch die Kraft, aufs Ganze zu gehen. Rosa Luxemburg scheute davor, einen Bruch herbeizufĂŒhren oder etwa gar zur Etablierung einer selbstĂ€ndigen Linksbewegung mit wirklich revolutionĂ€rem Programm zu schreiten. Denn sie selbst war bis in die Knochen Parteimensch, und Disziplinbruch erschien ihr als TodsĂŒnde. Die Unerschrockenheit ihrer Kritik war nicht steigerungsfĂ€hig bis zur großen Konzeption einer revolutionĂ€ren Konkurrenzbewegung. Und die Parteileitung war klug genug, sie nicht durch Ausschluss vor ein fait accompli zu stellen. Noch gegen Ende des Weltkriegs, inmitten des vollen Bruchs mit der Partei, als sie die Programm-Thesen des Spartakusbundes entwarf, reichte ihre Entschlossenheit zum Äußersten nur bis zu dem Gedanken an die GrĂŒndung einer neuen Partei. Der Funke der in Russland bereits agitatorisch und praktisch aktualisierten RĂ€teidee hatte in ihr ĂŒberhaupt nicht gezĂŒndet. Es bedurfte vieler Diskussionen und starker Nötigungen, um sie in ihrem Programm-Konzept wenigstens zu dem ZusĂ€tze zu bewegen, dass die neue Partei „keine Partei im bisherigen Sinne“ sein solle. Der tiefste revolutionĂ€re Kern aller proletarischen Kampforganisationen blieb auch ihr unerschlossen.

Noch befremdender verhielt sich Lenin. In all den Jahren vor dem Weltkrieg widmete er der Opposition Rosa Luxemburgs gegen die deutsche Partei nicht die geringste Aufmerksamkeit. Weder fĂŒhlte er sich als links orientierter Sozialdemokrat verpflichtet, seine ziemlich isolierte Kampfgenossin in einer sehr prekĂ€ren Situation zu unterstĂŒtzen, was fĂŒr ihn ohne jedes persönliche Risiko gewesen wĂ€re, da er ja außerhalb der deutschen Partei stand. Noch machte er den leisesten Versuch, seine bolschewistische Theorie und Taktik in die KanĂ€le der deutschen Linken zu leiten, um diese fĂŒr eine konsequent revolutionĂ€re Haltung zu gewinnen oder doch zu ermuntern. Selbst der Konflikt von 1910, der zum vollen persönlichen Bruch zwischen Rosa Luxemburg und Kautsky fĂŒhrte, gab ihm keinen Anstoß zu einer decisiven oder gar aggressiven Stellungnahme gegenĂŒber der deutschen Partei. Er blieb bedingungsloser Bewunderer Kautskys und verharrte in seiner partikularistisch-nationalen Russlandpolitik. Ja selbst hier, auf seinem eigensten Gebiet, wurde er sich der Wichtigkeit koordinierter taktischer Verbundenheit mit der deutschen Partei oder der polnischen Partei, die mehr oder weniger unter der geistigen FĂŒhrung Rosa Luxemburgs stand, fĂŒr den Fall einer russischen Revolution nicht bewusst.

Es ist erstaunlich, wie wenig der Blick Lenins in die Breite der proletarischen Gesamtbewegung ging, wie stark sich sein als unbestechlich gerĂŒhmter Geist von ephemeren OberflĂ€chenerscheinungen tĂ€uschen ließ und wie gering sein VerstĂ€ndnis dafĂŒr entwickelt war, StĂŒtzpunkte fĂŒr seine revolutionĂ€re Politik in den Außenbezirken zu schaffen, die beim Zusammenbruch des Zarismus sofort in Mitleidenschaft gezogen werden mussten.

Vor allem aber ist erstaunlich, dass er bei der Aufstellung seiner revolutionÀren Prinzipien, beim Ausbau seiner revolutionÀren Strategie und bei der Entwicklung seiner revolutionÀren Taktik zu Ergebnissen kam, die im direkten Gegensatz zu den Konsequenzen standen, die Rosa Luxemburg aus ihren kritischen Beobachtungen und Erfahrungen in der deutschen Sozialdemokratie zog.

Es ergab sich das höchst merkwĂŒrdige Resultat, dass von den stĂ€rksten und gereiftesten revolutionĂ€ren Persönlichkeiten jener Zeit die eine, Rosa Luxemburg, aufs Haar genau dieselben Prinzipien aufstellte, Forderungen erhob und Thesen verfocht, die die andere, Lenin, mit aller SchĂ€rfe und polemischer Kraft als verfehlt, untauglich und unrevolutionĂ€r ablehnte, verurteilte und verwarf. Es wĂ€re unmarxistisch, diesen Gegensatz als Zufall anzusehen oder ihn aus einem Gegensatz der intellektuellen Erkenntnis, der subjektiven Charakterhaltung oder des revolutionĂ€ren Temperaments erklĂ€ren zu wollen. Ebenso unmarxistisch wĂŒrde es sein, bei der Stellungnahme zu diesem Gegensatz einen rein abstrakten Maßstab anzulegen und sich nach einem normativen Wertschema fĂŒr das eine oder andere System zu entscheiden. Beide Fehler werden gleichwohl hĂ€ufig gemacht. Sie können nur vorkommen, wenn man bei der Behandlung der Frage undialektisch verfĂ€hrt.

Rosa Luxemburg war bei ihrer kritischen Betrachtung des Parteiapparats zuerst auf die hohle, subalterne und in ihrer unsachlichen Gewichtigkeit höchst verderbliche AutoritĂ€t des BerufsfĂŒhrertums gestoßen. Von da aus hatte sie in der BĂŒrokratie den Krebsschaden der ganzen Bewegung erkannt. Indem sie dann von der Außenseite dieser Erscheinung aus die Entstehungsursachen des Übels zu untersuchen begann, wurde ihr klar, dass letzten Endes alle Schuld bei dem Prinzip der zentralistischen FĂŒhrung zu suchen war.

Aus diesem Beobachtungsergebnis leitete sie die Forderung ab, das Gewicht der Bewegung mehr in die Massen zu verlegen, der inneren Arbeiterdemokratie grĂ¶ĂŸeren Spielraum zu erobern, eine allgemeine Auflockerung der Konsistenz des Parteilebens anzubahnen. Alle diese Ziele fasste sie in dem Satze zusammen, dass die Sozialdemokratie als eigene Bewegung der Arbeiterklasse anzusehen sei. Diese Formulierung war zu allgemein, zu abstrakt, zu unsubstantiell, gab infolgedessen zu vielen MissverstĂ€ndnissen und Missdeutungen Anlass. WĂ€re Rosa Luxemburg auf den konkreten Vorschlag zugekommen, das Parteisystem als Organisationsform durch das RĂ€tesystem abzulösen, hĂ€tten alle Diskussionen sofort ihre klare Plattform, alle Verwirrungen ihre KlĂ€rung gefunden. Leider kam sie zu diesem positiven Vorschlag nicht.

Vielleicht nicht so sehr deshalb, weil der Gedanke des RĂ€tesystems ihrem Geiste nicht vertraut genug gewesen wĂ€re. Eher wohl deshalb, weil sie als Parteimensch vor dem Gedanken zurĂŒckschreckte, diesen grundsĂ€tzlichen Bruch mit dem ganzen System, der ganzen Vergangenheit und dem ganzen Inhalt ihrer politischen Welt zu riskieren. Es fehlte ihr in diesem Punkt das ĂŒberparteiliche Format und der historische Mut zum Außerordentlichen. Ihr grĂ¶ĂŸter Vorzug wurde hier zu ihrem grĂ¶ĂŸten Mangel: sie war zu sehr Kind jener Epoche, die immer groß in der Analyse und Kritik, aber immer klein in der Synthese und im Entschluss zum Neuen war.

Das persönliche Verhalten Rosa Luxemburgs in der Revolution 1918/19 scheint dies zu bestĂ€tigen. Sie stand der wuchtig, hoffnungsvoll und erfolgreich einsetzenden RĂ€tebewegung ziemlich ratlos, inkonsequent und unaktiv gegenĂŒber. Auf dem GrĂŒndungskongress der Kommunistischen Partei fiel sie sogar haltlos zurĂŒck in die verrĂ€terische Parteiparole, die der deutschen RĂ€tebewegung den Dolch in den RĂŒcken stieß. Wieviel Schwung, Konzentration und Zielklarheit hĂ€tte sie der RĂ€tebewegung geben können, wenn sie sich an deren Spitze gestellt und den Bruch mit aller Partei demonstrativ zur revolutionĂ€ren Losung erhoben hĂ€tte.

Heute macht die Kritik sie fĂŒr die Niederlage der Linken in der deutschen Revolution verantwortlich, mit der irrigen Motivierung, dass der von ihr propagierte RĂ€tegedanke nicht die erforderliche revolutionĂ€re Tragkraft entwickelt habe.

In Wirklichkeit hĂ€tte die damalige Linke allen Grund, sich darĂŒber zu beklagen, dass Rosa Luxemburg sich in jenen KĂ€mpfen nicht energisch, leidenschaftlich und zielbewusst genug fĂŒr die RĂ€teidee wie fĂŒr die Schaffung einer RĂ€tebewegung und eines RĂ€tesystems eingesetzt hat.

Lenin hĂ€tte einen solchen Vorwurf nie verdient gehabt. Denn aus seiner Doktrin ließ sich keineswegs eine Verpflichtung zum RĂ€tesystem ableiten. Seine Vorbereitung der russischen Revolution rechnete niemals mit einer Massenbewegung. Auch hatte er niemals mit den Massenbewegungen seiner GastlĂ€nder auch nur das Geringste zu tun. Er lebte als Emigrant in völliger Isolation. Und seine revolutionĂ€re Strategie war eine reine Schreibstubenangelegenheit.

Soweit er sein System in die Praxis umsetzte, kam er nur mit einem Generalstab auserlesener BerufsfĂŒhrer in BerĂŒhrung, die er in revolutionĂ€ren Kursen militĂ€risch einexerzierte, um sie spĂ€ter an die Spitze der von Hunger, Empörung und Demagogie aufgewĂŒhlten und auf die Beine gebrachten Massen zu stellen. Sie hatten die Aufgabe, die Revolution nach einem genau vorgezeichneten Plan und Schema durchzufĂŒhren, als straff zentralistisch organisierte und geschulte Minderheit die zufĂ€llige, unklare Mehrheit mit sich zu reißen und ins Treffen zu fĂŒhren. Dort sollte das heiße Eisen der revolutionĂ€ren Materie nach den exakt studierten, erprobten und mit mathematischer Sicherheit wirkenden Methoden des revolutionĂ€ren Geistes zu Erfolgen geschmiedet werden.

Eine tiefe Verachtung, zum mindesten GeringschĂ€tzung der Massen spricht aus diesem Revolutionssystem. Die Proletarier sind – wie im bĂŒrgerlichen Heer – nur Kanonenfutter, nur Kulis – wie im kapitalistischen Betrieb. Worauf es ankommt, das sind die Offiziere, die GeneralstĂ€bler, die Ingenieure und Techniker. Nach dem Schema der Klassenwissenschaft: sind Kraft und Stoff, Geist und Materie streng geschieden. Das autoritĂ€ts-zentralistische FĂŒhrungsprinzip in zugespitztester AusprĂ€gung feiert seine glĂ€nzendsten Triumphe.

In der Tat – rufen die AnhĂ€nger Lenins aus –, nicht nur in der Theorie, sondern auch in der Praxis.

Denn in der Revolution hat sich das System Lenins glÀnzend bewÀhrt. Mit ihm hat Lenin in Russland den Sieg erfochten.

Rosa Luxemburg hingegen ist in der deutschen Revolution unterlegen. Ihre Strategie und Taktik haben versagt.

Die Beweiskraft dieser GegenĂŒberstellung scheint ĂŒberzeugend. Sie wird denn auch von allen Verfechtern des autoritĂ€r-zentralistischen Systems immer mit ĂŒberlegener Geste ausgespielt.

Und doch ist sie falsch, beruht sie auf einem Denkirrtum, einer völlig undialektischen BeweisfĂŒhrung.

Der Gegensatz zwischen Lenin und Rosa Luxemburg ist in Wirklichkeit nicht der Gegensatz zweier Personen, zweier Geister, zweier Systeme als Produkte dieser Geister und Personen. Er ist der Gegensatz zweier historischer Situationen, zweier Zeitalter und damit zweier Systeme, die sich aus den Bedingungen zweier verschiedener Zeitalter ergeben.

Jedes dieser Zeitalter verfĂŒgt ĂŒber andere Waffen und kĂ€mpft nach anderen Methoden. Jedes Zeitalter hat sein ihm entsprechendes System.

Bei der russischen Revolution handelt es sich um die Ablösung des feudalistischen Zarismus durch den bĂŒrgerlichen Kapitalismus.

Bei der deutschen Revolution ging es um die Ablösung des bĂŒrgerlichen Kapitalismus durch den proletarischen Sozialismus.

In der russischen Revolution siegte Lenin. Er siegte gegenĂŒber dem Feudalismus mit der typischen Parteitaktik der bĂŒrgerlichen Klasse. Das war im Februar. Und im Oktober siegte er gegenĂŒber der Bourgeoisie mit den RĂ€ten, die er den Menschewiki aus den HĂ€nden genommen hatte. Er siegte zweimal, einmal auf bĂŒrgerliche und ein anderes Mal auf proletarische Weise.

Aber indem er nach dem Siege die RĂ€te wieder abbaute, ging ihm auch der proletarische Sieg wieder verloren. Er blieb historisch nur Sieger der bĂŒrgerlichen Revolution.

In der deutschen Revolution unterlag Rosa Luxemburg. Sie unterlag nicht, weil sie nicht auch, wie Lenin in Russland, parteimĂ€ĂŸig kĂ€mpfte. Vielmehr unterlag sie, weil in Deutschland die unhistorisch gewordene Parteitaktik versagte und sie selbst nicht vermochte, die der proletarischen Klasse in ihrem Revolutionskampfe entsprechende RĂ€tekampfwaffe zur Anwendung zu bringen. HĂ€tte Rosa Luxemburg das deutsche Proletariat unter dem Banner des RĂ€tesystems in den Kampf gefĂŒhrt, wĂ€re ihr wahrscheinlich der Sieg sicher gewesen. So siegte die Sozialdemokratie, die nur die Vollendung der bĂŒrgerlichen Demokratie mit Hilfe der Partei wollte. Und als die Zeit dieser Demokratie abgelaufen war, verwandelte sich ihr Sieg in eine Niederlage, die schließlich zum Faschismus Hitlers fĂŒhrte.

Das gleiche Schicksal hatte der Bolschewismus in Russland. Der Parteisieg Lenins reichte eben fĂŒr die Aufrichtung des Kapitalismus aus, nicht aber fĂŒr die Verwirklichung des Sozialismus. Nicht des Kapitalismus im alten Sinne, sondern gemĂ€ĂŸ der allgemeinen kapitalistischen Entwicklung als Staatskapitalismus. Und in voller Kongruenz zu dieser wirtschaftlichen Notwendigkeit erschien der russische Faschismus in Gestalt der Diktatur Stalins.

Ziehen wir das Fazit:

Lenin war seiner historischen Berufung nach der Mann der bĂŒrgerlichen Revolution Russlands. Insoweit er die Grenzen dieser Berufung ĂŒberschritt, erlitt er sein Fiasko.

Rosa Luxemburg war ihrer historischen Berufung nach die FĂŒhrerin der proletarischen Revolution in Deutschland. Insoweit sie hinter den AnsprĂŒchen dieser Revolution zurĂŒckblieb, erlitt auch sie ihr Fiasko.

Man kann in der Revolution an dem Platze, an den man von der Geschichte gestellt ist, zuviel oder zuwenig tun. Worauf es ankommt, ist, im richtigen Moment und im richtigen Maß das Richtige zu tun.

Alles Unrichtige wird von der Geschichte unerbittlich korrigiert. Und die Menschen, die das Unrichtige tun, werden von ihr gerichtet.

Der Bolschewismus wird konterrevolutionÀr

WĂ€hrend die russische Revolution, wenigstens in ihrer ersten Zeit, allen Ernstes bemĂŒht war, zu einem Kompromiss zwischen Parteisystem und Sowjetsystem zu kommen, konnte davon in der deutschen Revolution keine Rede sein.

Die im Grunde völlig unrevolutionĂ€re Sozialdemokratie stand dem Bolschewismus und seinen revolutionĂ€ren Methoden in tödlicher Feindschaft gegenĂŒber. Otto Braun hatte schon im Jahre 1917 im offiziellen Organ der Partei, der Neuen Zeit, kategorisch erklĂ€rt, dass zwischen der Sozialdemokratie und dem Bolschewismus nur ein dicker Trennungsstrich gezogen werden könne. Und den bis ins Mark verspießerten und korrumpierten GewerkschaftsfĂŒhrern erschien schon die Verbundenheit mit einer Klassenkampfpartei als eine fast unertrĂ€gliche Zumutung. Die Grenzen waren scharf gezogen.

Als es nun aber 1918 doch, gegen den Willen der Partei, zu einer revolutionĂ€ren Erhebung kam und die Leidenschaft der Massen in dem Rufe nach dem RĂ€tesystem Feuer fing, hĂ€tte man glauben sollen, dass dieser Moment von den russischen Bolschewisten als willkommene Gelegenheit benutzt werden wĂŒrde, um dem RĂ€tegedanken auch in Deutschland zum Sieg zu verhelfen.

Aber sowenig frĂŒher Lenin daran gedacht hatte, den Radikalismus Rosa Luxemburgs zu unterstĂŒtzen und zu einer wirklich revolutionĂ€ren Bewegung auszubauen, sowenig fĂŒhlte er sich jetzt veranlasst, der deutschen Linken mit revolutionĂ€ren RatschlĂ€gen oder tatkrĂ€ftigen Mitteln zu Hilfe zu kommen.

Rosa Luxemburg versagte, so sagen heute ihre bolschewistischen Kritiker, aus Mangel an Konsequenz. Ihrer richtigen Analyse des deutschen Opportunismus fehlte der Mut zum Äußersten. Nun wohl. Ihre Konsequenz und ihr Mut hĂ€tten sich nach zwei Richtungen hin entladen können.

Einmal konnte Rosa Luxemburg die Opposition in der deutschen Sozialdemokratie zu einer scharf zentralistisch organisierten Eigenbewegung zusammenfassen, um dem Opportunismus in Partei und Gewerkschaften die Spitze zu bieten. Das wÀre ihre Aufgabe im Sinne des Bolschewismus vor dem Weltkrieg gewesen.

Oder aber, sie konnte sich in der Revolution der RĂ€tebewegung bemĂ€chtigen und diese mit großer Wucht dem offiziellen, in vollen Misskredit geratenen Partei- und Gewerkschaftsapparat entgegenwerfen. Das war die Aufgabe, die ihr die Revolution stellte und die ebenfalls der Praxis des Bolschewismus entsprochen hĂ€tte, der ja in Russland das gleiche getan hatte.

Rosa Luxemburg entschied sich weder fĂŒr das eine noch fĂŒr das andere. Ihr Mangel an Konsequenz und Mut sind unverkennbar. Aber was hat der Bolschewismus, der heute als Kritiker Rosa Luxemburgs auftritt, getan, um diesen Mangel im Interesse der deutschen Revolution zu beheben? Wie hat sich im besonderen der Bolschewismus, der in Russland zur Macht gekommen war, gegenĂŒber den Erscheinungen verhalten, die das Versagen von Rosa Luxemburg in Deutschland zur Folge hatte? Hat er sie ignoriert, wie Lenin in der Vorkriegsepoche, oder hat er zu ihrer Korrektur praktisch eingegriffen, um die Revolution zu retten?

Der Bolschewismus hatte in Russland mit einer winzig kleinen Partei und einer in kurzer Zeit zu ungeheuren Dimensionen angeschwollenen Sowjetbewegung gesiegt. Auch der deutsche Spartakusbund, zu dessen FĂŒhrern Rosa Luxemburg gehörte, war im Grunde nur eine kleine, lockere Gruppe. HĂ€tte es da nicht nahegelegen, sie nach russischem Muster durch eine gewaltige, aus der Erde gestampfte RĂ€tebewegung zu ergĂ€nzen, zu verstĂ€rken und in ihrer Aggressivkraft so unwiderstehlich zu machen, dass der Sieg nicht ausbleiben konnte?

Selbst wenn Lenin, was nicht erwiesen ist, damals in der Sowjetbewegung schon ein nur zufĂ€lliges Mittel gesehen hĂ€tte, dessen man sich bedient, um die Macht zu erobern, und das man spĂ€ter wieder beiseite wirft – selbst in diesem Fall wĂ€re es seine revolutionĂ€re Pflicht gewesen, die deutsche Linke zu dem gleichen Vorgehen zu ermutigen, sie zur Schaffung’ einer RĂ€tebewegung zu drĂ€ngen, ja nötigenfalls sie sogar durch moralischen Druck dazu zu zwingen.

Aber nichts von alledem. Lenin wie der Bolschewismus nahmen genau die entgegengesetzte Haltung ein. Kaum, dass in der deutschen Revolution die RĂ€teidee in den Massen gezĂŒndet hatte und im Begriff war, eine revolutionĂ€re Macht zu werden, deren Konstituierung nur der beratenden und formenden Hilfe bedurfte, fiel man ihr von Russland her in den RĂŒcken.

Der revolutionĂ€re Lautsprecher „Alle Macht den RĂ€ten!“ fand nicht nur von Russland her kein Echo, sondern wurde von einer sofort einsetzenden LĂ€rmkanonade bolschewistischer Störungsmaschinen auf alle erdenkliche Weise unverstĂ€ndlich gemacht, sabotiert und in seiner Werbekraft behindert. Kein anfeuernder und ermutigender Widerhall. Nicht „Besetzung der Betriebe!“ Nicht „Verankerung der Revolution in den ProduktionswerkstĂ€tten!“ Nicht „Ergreifung der Wirtschaftsmacht unmittelbar durch die werktĂ€tigen Massen!“ Nicht „GrundsĂ€tzliche Änderung des gesamten legislativen und exekutiven Systems!“ Nicht „Der Wille der Massen ist das höchste Gesetz!“ Nichts von alledem.

Statt dessen die unglaubliche, unmögliche Parole, die auf alle revolutionĂ€ren KĂ€mpfer nur wie eine Mystifikation, ein Schlag vor den Kopf, ein ungeheuerlicher Verrat wirken konnte: „Wieder zurĂŒck in die Partei! ZurĂŒck in die Gewerkschaften! ZurĂŒck in die Parlamente!“ Es war ein regelrechter Dolchstoß. Mitten im Anlauf zu neuen, revolutionĂ€ren Zielen dieser Überfall! Mitten im mĂŒhsam geweckten, entflammten und hochgepeitschten Bewusstsein der eigenen Kraft, im schönsten Sturmangriff der zu RevolutionĂ€ren gewordenen Kriegsproleten dieses tĂŒckische Feuer im RĂŒcken! Mitten in der glĂŒhenden Ekstase endlich erzielter revolutionĂ€rer AktivitĂ€t dieses donnernde Halt! Und dieses konsternierende Kommando von einer Stelle aus, die als Hochburg der Revolution galt, den Massen als Olymp aller revolutionĂ€ren Weisheit, Tatkraft und Erfahrung galt! Es ist nicht auszusprechen, wie diese Retraite wirkte!

Also keine Sowjetparole? Kein RĂ€tesystem? Kein Bruch mit der Vergangenheit? Aber warum nicht? Warum in Russland und nicht in Deutschland? Wie konnte hier eine Dummheit und ein Verbrechen sein, was dort eine Genieleistung und ein Triumph der Revolution war?

Was bedeutete diese plötzliche Schwenkung? Was ging da vor? Ein Irrtum? Ein MissverstĂ€ndnis? Eine Intrige der Sozialdemokratie? Eine Kontremine der Bourgeoisie? Ein Überfall aus dem Hinterhalt? Ein Verrat?

Doch nein! Alles war viel schlimmer. Die Gegenparole gegen die RĂ€telosung war ein ganz legaler Akt bolschewistischer Politik. Lenin deckte sie mit seinem Namen. Und der ganze bolschewistische Generalstab stand hinter dieser Chamade, die vordem eine Fanfare gewesen war.

Radek erschien als bolschewistischer Kommissar auf deutschem Boden und erklĂ€rte im Namen seiner Auftraggeber die RĂ€teparole fĂŒr einen Wahnsinn, die VerkĂŒnder und Verfechter dieser Parole fĂŒr Narren und Verbrecher, die Idee einer RĂ€teregierung in Deutschland fĂŒr eine lĂ€cherliche Groteske und ein unheilvolles Abenteuer.

Und in seiner Gefolgschaft warf sich ein von Russland bezahltes Heer bolschewistischer Agenten dem revolutionĂ€ren Sturm entgegen. Der mit ĂŒberwĂ€ltigender Mehrheit gefasste Beschluss des GrĂŒndungskongresses der Kommunistischen Partei, dass diese im Sinne des RĂ€tegedankens – antizentralistisch, antiparlamentarisch und antigewerkschaftlich – aufgebaut werden und funktionieren solle, wurde sabotiert, ohne Gegenbeschluss ĂŒber den Haufen geworfen und durch GrĂŒndung einer straff autoritĂ€r-zentralistischen Partei im leninistischen Sinne ad absurdum gefĂŒhrt. Ein Massenaufgebot bolschewistischer Agitatoren mit Dollarsold und eine unerschöpfliche Flut bolschewistischer FlugblĂ€tter ĂŒberschwemmte den ganzen Kriegsschauplatz der deutschen Revolution. Alle Schleusen wĂŒstester Propaganda waren geöffnet. Und alles brĂŒllte mit Lungenkraft die Gegenparole: „Nieder mit der RĂ€tebewegung! Schluss mit der Sowjetkomödie! ZurĂŒck in Partei, Gewerkschaft und Parlament!“

Die Massen waren verwirrt, verstört, wie niedergedonnert, verzweifelt. Das GelĂ€chter der ReaktionĂ€re umheulte sie. Die Partei- und Gewerkschaftsbonzen wetzten grinsend an ihnen ihren Spott. Die Presse goss KĂŒbel von Verleumdungen ĂŒber die Misswirtschaft der RĂ€te, ihre „Prassereien, Unterschlagungen, KassendiebstĂ€hle und Weibergeschichten“ aus. Wo Widerstand geleistet wurde, sorgten Denunziationen, PolizeiĂŒberfĂ€lle, Schnellgerichte und Einkerkerungen fĂŒr die Beseitigung der Ordnungsfeinde. Überall traten bolschewistische FunktionĂ€re oder ParteigĂ€nger als Spitzel, Angeber, ZutrĂ€ger, Zeugen, Helfershelfer und Typen eines Gangstertums auf, das man erlebt haben muss, um zu verstehen, aus welchen Arsenalen sich spĂ€ter die KnĂŒppelgarden des Faschismus so rasch rekrutieren konnten.

Unter der konzentrischen Wirkung aller dieser Methoden der Ächtung, Verleumdung, Isolierung, VerdĂ€chtigung, Bespitzelung, ZermĂŒrbung, NiederbrĂŒllung und Niedermachung ging die deutsche RĂ€tebewegung langsam, aber unaufhaltsam zugrunde. Liebknecht, Rosa Luxemburg, Jogiches und fast alle ĂŒbrigen BegrĂŒnder des Spartakusbundes wurden ermordet. Andere saßen zu Tausenden in den Kerkern. Noske tötete in StraßenkĂ€mpfen und Polizeikellern Abertausende. Viele flohen aus der Barbarei dieses Zusammenbruchs, in dem sich westliche KonterrevolutionĂ€re und östliche RevolutionĂ€re so eintrĂ€chtig gegen den „RĂ€tewahnsinn“ der verhassten „Ultralinken“ fanden.

Auf den TrĂŒmmern der deutschen RĂ€tebewegung aber und dem Grabe der deutschen Revolution pflanzten die alte Sozialdemokratie, die alten Gewerkschaften und die alten Parlamente unter dem Segen des bolschewistischen Sowjetstaates die politische Macht des schwarz-rot- goldenen Nachkriegsdeutschlands auf.

Diktatur ĂŒber das Proletariat

Die Aufbauarbeit nach dem Weltkrieg war in allen LĂ€ndern schwer. Am schwersten aber wohl in Russland. Hier vereinigten sich die Verwesungsreste des verfaulten Zarismus mit den Blutorgien des Kriegs, die VerwĂŒstungen des Revolutionsorkans mit den Exzessen eines langen und schrecklichen BĂŒrgerkriegs zu einem unheilvollen Chaos.

Die gesamte Wirtschaft lag schwer darnieder. Nur die elementarsten BedĂŒrfnisse konnten notdĂŒrftigst befriedigt werden. Überall herrschten Massenelend, Unkultur, VerwĂŒstung, Verfall, Untergang. Man lebte wie in einer belagerten Festung von den letzten, armseligen VorrĂ€ten einer provisorischen und bis zur völligen LeistungsunfĂ€higkeit zerrĂŒtteten und zusammengebrochenen Kriegswirtschaft.

Eine straffe Reglementierung des Verbrauchs war unerlĂ€sslich, um einigermaßen Ordnung in die Verteilung und den Konsum der vorhandenen LebensgĂŒter zu bringen. Dieser Kriegskommunismus brauchte also Institutionen mit Dekretierungs- und Exekutivgewalt, eine behördliche Apparatur und eine bĂŒrokratische Befehlshaberschaft, um des allgemeinen Mangels, Wirrwarrs, Durcheinanders und Gegeneinanders im Kampf um den armseligsten Hungerbissen Herr zu werden.

Wohl schwebte der Regierung immer vor, den Kriegskommunismus zu einem Planwirtschaftssystem zu entwickeln. Aber es gab da vielfĂ€ltige Hindernisse zu ĂŒberwinden, um diese Entwicklung in Gang setzen zu können: den allgemeinen RĂŒckgang des Getreideanbaus, der Industrieproduktion und des Handels, die stĂ€ndige Beunruhigung durch den BĂŒrgerkrieg, die VerschĂ€rfung der Beziehungen zwischen Stadt und Land infolge der mit großer RĂŒcksichtslosigkeit durchgefĂŒhrten Zwangsrequirierungen, das Auseinanderstreben der Industrie- und Agrarpreise, die ZerstĂŒckelung der Bauernwirtschaft infolge der Landaufteilung, den Mangel an Saatgut, DĂŒnger und Arbeitsvieh, die Lethargie der Massen, nachdem die ErfĂŒllung ihrer sozialistischen Hoffnungen ausgeblieben war, die allgemeine Erschöpfung infolge Hunger, Angst, Kampf und Unsicherheit. Nicht zum letzten auch die notorische UnfĂ€higkeit der leitenden Stellen fĂŒr Organisationsaufgaben großen Stils. So versank das Land in immer tieferem Chaos.

Lenin suchte Rettung vor dem Untergang in der zeitweiligen RĂŒckkehr zu den Methoden der vorrevolutionĂ€ren Privatwirtschaft. Aber auch sie brachte den erhofften Aufschwung nicht. So musste die NEP wieder liquidiert werden. Die Kollektivierung der Landwirtschaft wurde in Angriff genommen. Die Industrialisierungskampagne begann. Das Geldwesen wurde in Ordnung gebracht. Schließlich setzte die Planwirtschaft ein. Langsam arbeitete sich die Wirtschaft aus der Tiefe ihres Verfalls und ihrer Agonie empor. Aber noch immer kamen DĂŒrre, Missernte, Hungerjahre. Millionen wurden dahingerafft. Die Energie und Widerstandskraft der Massen vermochte weitere Geduldproben und Experimente nicht mehr zu ertragen. Sie sah sich im Ă€ußersten Zustande der Erschöpfung.

In allen Phasen dieser Entwicklung hatte die Armut, der Hunger, der allgemeine Mangel immer und immer wieder an die Hilfe der lokalen Behörden, der legislativen und administrativen Verwaltung des Landes, der amtlichen Stellen und der Staatsregierung appelliert. Die Not erzwang Regulative, Dekrete, Zwangsmaßnahmen, Kontrollen, exekutive Eingriffe aller Art. Das ergab sich ja auch aus dem Wesen der Diktatur, die zur herrschenden Regierungsform erklĂ€rt worden war.

Zwar sollte diese Diktatur – nach der bolschewistischen Doktrin – vom Proletariat ĂŒber die Reste der Bourgeoisie ausgeĂŒbt werden. Ihre Organe sollten die Vertretungen des Proletariats, die Sowjets, sein. Aber die Sowjets versagten in den meisten FĂ€llen. So mussten ParteifunktionĂ€re oder besondere Kommissare ihre Funktionen ĂŒbernehmen. Die BĂŒrokratisierung der Partei, wie sie die ganze Arbeiterbewegung der kapitalistischen LĂ€nder kennzeichnet, ĂŒbertrug sich in Russland auf das gesamte öffentliche Leben. Und sie nahm um so gröbere, hĂ€rtere und gewaltsamere Formen an, je grĂ¶ĂŸer die Armut, je rĂŒckstĂ€ndiger die Bevölkerung und je offener der Widerstand waren. Der Verwaltungsbeamte, der Mann hinter dem Schalter, der Gendarm, der Kommissar mit Armbinde und Aktentasche wurden zu typischen, ebenso gefĂŒrchteten als verhassten Vertretern der staatlichen Gewalt. Die bĂŒrokratische AutoritĂ€t in alter Gestalt war wieder am Werk und beherrschte die Massen. Diktatur ĂŒber das Proletariat! So sah der verheißene Sozialismus aus!

„Und es ist kein Zweifel“, sagte Trotzki in seiner Verratenen Revolution „wenn die proletarische Revolution in Deutschland triumphiert hĂ€tte – ihren Sieg verhinderte allein die Sozialdemokratie –, die Wirtschaftsentwicklung der Sowjetunion wie auch Deutschlands hĂ€tte solche Riesenschritte gemacht, dass das Schicksal Europas und der Welt heute viel gĂŒnstiger aussĂ€he !“ In der Tat: es hĂ€tte schon damals gĂŒnstiger ausgesehen, und vor allem wĂŒrde Russland zu einem Sozialismus gekommen sein. Aber Trotzki irrt, wenn er meint, dass die deutsche Sozialdemokratie allein die Schuld fĂŒr die Verlorene Revolution trage. Das ist eine von Moskau aus in die Welt gesetzte Legende, die die mindestens ebenso große Schuld der damaligen Sowjetmachthaber verdecken soll. Die deutsche RĂ€tebewegung wĂ€re das Mittel gewesen, den Verrat der Sozialdemokratie zu korrigieren und zu kompensieren. Aber sie wurde durch das Eingreifen Russlands gestĂŒrzt. Und das ist Russlands unsĂŒhnbare Schuld, die sich zuerst und am hĂ€rtesten an Russland selbst rĂ€chte.

NatĂŒrlich geht die ĂŒberaus ungĂŒnstige Situation Russlands in jener Epoche auf noch tiefere Ursachen zurĂŒck. Es fehlte die Höchstentwicklung der Technik, die Höchstergiebigkeit der ArbeitsproduktivitĂ€t, die relative Höchstentwicklung der Menschen, die nun einmal nötig sind, um den Sozialismus zu verwirklichen. Es fehlte die ganze kapitalistische Epoche, die in ihrem Verlauf allmĂ€hlich Technik, ArbeitsproduktivitĂ€t; und Menschen auf den Grad der Reife bringt, dass eine sozialistische Wirtschafts- und Gesellschaftsform möglich und durchfĂŒhrbar wird. In, Russland wollte man ein ganzes Jahrhundert organischer Prozesse mit ihren materiellen Resultaten und menschlichen QualitĂ€ten durch ĂŒberspitzte Theorie, schlaue Spekulation, scheinlogische Überlistung, bombastische ÜberredungskĂŒnste, ausgeklĂŒgelte Manöver, straffe Organisation, hochgeschraubte AutoritĂ€t und ein ganzes System von Zwang, Gewalt und Diktatur ersetzen. Man kann mit all diesen Mitteln bis zu einem gewissen Grade die Natur bĂ€ndigen und vergewaltigen. Aber die Geschichte nicht. Auch der Bolschewismus hat damit seinen Schiffbruch erlitten.

Lenin sann Tag und Nacht darĂŒber nach, wie er – der Grundforderung von Marx und Engels und seiner eigenen Überzeugung entsprechend – das Aufkommen einer parasitĂ€ren und entwicklungshemmenden BĂŒrokratie verhindern und zur Organisation einer wirklichen sozialistischen Neugestalt der Gesellschaft gelangen könne. Aber alles stand ihm im Wege: die PrimitivitĂ€t der Wirtschaft, die RĂŒckstĂ€ndigkeit der Sozialstruktur, die Tiefe des Kulturniveaus, die Unreife der Menschen. Vor allem sein eigener großer Mangel: dass er Marx und das Problem der historischen Dialektik in Wirklichkeit nie begriffen hatte.

In Anlehnung an die von Marx und Engels aufgestellten Forderungen hatte Lenin, um die Entstehung einer BĂŒrokratie zu vermeiden, als Maßnahmen vorgesehen: 1. nicht nur WĂ€hlbarkeit, sondern auch Absetzbarkeit zu jeder Zeit; 2. eine den Arbeitslohn nicht ĂŒbersteigende Bezahlung; 3. Verwandlung der Aufsicht und Kontrolle zu allgemeinen Funktionen, die im bestimmten Turnus von allen zu verrichten sind, „damit alle eine Zeitlang BĂŒrokraten werden, so dass niemand BĂŒrokrat werden kann“.

Aber die Praxis des Lebens war stĂ€rker als sein Projekt aus der Schreibstube. In all den schweren Notzeiten musste man die Massen versorgen, an unterschiedliche Bezugssysteme gewöhnen, zur DurchfĂŒhrung der angeordneten Maßnahmen anlernen; man musste sie dabei ĂŒberwachen, unterstĂŒtzen, ermuntern, eventuell zwingen oder strafen. Zugleich musste man ihre Gesinnung kontrollieren, ihrer Kritik begegnen, ihren Widerstand brechen, ihre Opposition bekĂ€mpfen, ihren Übergang ins feindliche Lager der Konterrevolution verhindern. Aufkommende Revolten mussten unterdrĂŒckt, Zwangsrequirierungen mit Gewalt durchgefĂŒhrt, Bauernkriege mit militĂ€rischen Mitteln niedergeschlagen werden. Der Analphabetismus wollte ĂŒberwunden sein, kirchliche und religiöse Bindungen galt es zu beseitigen, es gab Seuchen im Land. Selbst Sommerhitze und WinterkĂ€lte schienen sich gegen das Sowjetsystem verschworen zu haben.

So hatte die BĂŒrokratie alle HĂ€nde voll zu tun. Auf allen Gebieten des Lebens erwuchsen ihr neue und immer grĂ¶ĂŸere Aufgaben und Möglichkeiten sich zu betĂ€tigen, zu bewĂ€hren, als nĂŒtzlich zu gelten und ihre Uentbehrlichkeit zu beweisen. Sie war es, die die Ordnung aufrechterhielt, die Massen im Zaum hielt und den Staat rettete. Ohne ihre Tatkraft und Wachsamkeit wĂ€re er nicht zu halten gewesen. NatĂŒrlich musste man ihr dankbar sein. So kam es, dass die zum Absterben bestimmte BĂŒrokratie schon nach wenigen Jahren zu einem Zwangsapparat ausgewachsen war, wie ihn die Geschichte noch niemals gekannt hat.

Im Laufe der Jahre traten unter den FĂŒhrern, besonders seit Lenins Tode, große Meinungsverschiedenheiten ĂŒber die politische Taktik im allgemeinen und die Lösung wichtiger Lebensfragen des Staates im besonderen auf. Es entwickelte sich von rechts und links eine wachsende Opposition gegen die herrschende Regierungsclique und die Vormachtstellung der BĂŒrokratie. Diese, direkt angegriffen und in ihrer Existenz bedroht, stellte sich der Regierungsmacht rĂŒckhaltlos zur VerfĂŒgung und bildete deren zuverlĂ€ssigste Kampfkader. Allein der Umstand, dass Stalin, als GeneralsekretĂ€r der Partei, Hunderttausende von persönlich ausgesuchten, angestellten und auf ihn verpflichteten ParteisekretĂ€ren ins Treffen fĂŒhren konnte, sicherte ihm ein ungeheures Übergewicht bei allen Entscheidungen. RĂŒckwirkend brachte diese persönliche Machtsteigerung wiederum einen Machtzuwachs der BĂŒrokratie. Mit raschen Schritten und wechselseitigen Überhöhungen verstĂ€rkte sich der Einfluss der StaatsfunktionĂ€re und der Staatsspitze auf die Art der StaatsfĂŒhrung und Gesamtpolitik, wie umgekehrt diese wieder auf die Machtsteigerung der BĂŒrokratie zurĂŒckwirkte.

So verwandelte sich zusehends die Diktatur des Proletariats in die Diktatur eines politischen KlĂŒngels, schließlich zur Diktatur einer ganz kleinen Gruppe, zuletzt zur Diktatur einer allmĂ€chtigen Einzelperson, von der man nie weiß, inwieweit sie selbst nur die Gefangene der BĂŒrokratie ist.

In demselben Umfange und in derselben Progression verlor die Arbeiterdemokratie sowohl in den Organisationen wie in den StaatsgeschĂ€ften an Boden und Spielraum. Ihre Bedeutung schwand. Ihr politisches Mitbestimmungsrecht stand nur noch auf dem Papier und wurde schließlich auch da beseitigt. Ihre Autonomie wurde zur Farce. Die Sowjets sanken zu reinen Attrappen herab. Auch die Partei wurde ausgehöhlt, ein leerlaufender Mechanismus. ParteisekretĂ€re und andere FunktionĂ€re durften nicht mehr von den Mitgliedschaften gewĂ€hlt werden, sondern wurden von den Zentralstellen ernannt. Ebenso wurden die Redaktionen von oben besetzt, die Mandate vergeben. Parolen, Resolutionen, Manifeste wurden nicht mehr von den Genossen aus theoretischen Diskussionen und praktischer Parteiarbeit entwickelt, sondern von den ParteibĂŒros aus dekretiert. Ein straff organisierter Informationsdienst vermittelt klischeehaft die Meinung und Haltung in jeder Frage. Er schreibt auch jede Initiative, MeinungsĂ€nderung, Schwenkung, Achsendrehung vor. Und dies so summarisch, mit so bedingungsloser und sturer Gleichschaltung, dass die Agitationsphrasen, Aktionsparolen, Operationstaktiken fĂŒr den Ural wie fĂŒr Sachsen, Asturien, Kanada und Feuerland die gleichen sind. Nie gab es einen schlimmeren Helotismus, eine Ă€rgere ZĂŒchtung von Kadavergesinnung en masse als hier.

Die Mitglieder der Partei bilden nur noch die Staffage bei Meetings, Abstimmungskomödien und feierlichen AnlĂ€ssen. Ihre politische Sklavenrolle gestattet ihnen nur noch unbeschrĂ€nkte Freiheit in der BeweihrĂ€ucherung der FĂŒhrer. Stalin, der Vater der Völker, unterscheidet sich hierin in keinem Zuge von Hitler, dem Retter der Nation.

Lenin bekÀmpft die deutsche Linke

„Das besondere GlĂŒck der Bolschewiki in Russland war, dass sie fĂŒnfzehn Jahre Zeit hatten, planmĂ€ĂŸig und konsequent den Kampf gegen die Menschewiki (d.h. die Opportunisten und Zentristen) und die Linken zu Ende zu fĂŒhren, also lange vor dem unmittelbaren Kampf der Massen um die Diktatur des Proletariats. In Europa und Amerika mĂŒssen wir jetzt dieselbe Arbeit im Eiltempo durchfĂŒhren.“ So schrieb Lenin in einem Artikel aus dem Jahre 1920.

In demselben Jahre ließ er seine BroschĂŒre Der Radikalismus, die Kinderkrankheit des Kommunismuserscheinen, die diesen Kampf einleiten und begrĂŒnden sollte. Sie trug in ihren ersten Ausgaben noch den Ă€ußerst gewagten und anfechtbaren, darum spĂ€ter wohl auch fortgelassenen Untertitel Versuch einer populĂ€ren Darstellung der marxistischen Strategie und Taktik.

Den direkten Antrieb zu dieser Arbeit bot unausgesprochen in erster Linie der Umstand, dass die bolschewistische Partei in fast drei Jahren nicht imstande gewesen war, ein wirkliches Sowjetsystem aufzubauen. Sie hatte zwar mit Hilfe der ihr wesensfremden RĂ€tebewegung die politische Macht erobert und die proletarische Diktatur proklamiert, war aber in der Stabilisierung ihrer Macht und im Aufbau ihrer Wirtschaft kaum einen Schritt weitergekommen. Vor allem hatte sie nicht vermocht, das RĂ€tesystem, eben weil es ihr wesensfremd war, in den Komplex ihrer staatspolitischen Maßnahmen, die sie fĂŒr sozialistisch hielt, erfolgreich einzubauen. Mit Sehnsucht hatte sie wĂ€hrenddessen auf die Weltrevolution gehofft, von der sie annahm, dass einzig sie ihre Macht sichern könne. Aber die Wehrevolution unterstand nicht der russischen Diktatur, sie war nicht gekommen.

Da erkannte Lenin, dass es dringend nötig sei, endlich das Weltproletariat fĂŒr die bolschewistische Theorie und Praxis, Strategie und Taktik zu gewinnen. Es war beunruhigend, dass das Weltproletariat trotz des rauschenden Triumphes, den der Bolschewismus in Russland erzielt hatte, sichtlich geringe Neigung zeigte, sich mit der bolschewistischen Methode zu befreunden. Noch beunruhigender war, dass die Dritte Internationale, einzig zu Propagandazwecken im Interesse Russlands gegrĂŒndet, so gut wie völlig versagte. Entweder blieben die Massen in der alten Sozialdemokratie oder ihre revolutionĂ€re AktivitĂ€t trieb sie zum Anschluss an die in vielen LĂ€ndern aufgekommene, besonders aber in Deutschland, Holland und England stark entwickelte RĂ€tebewegung.

Diese RĂ€tebewegung war das, was Lenin fĂŒr Russland nicht gebrauchen konnte. Sie widerstrebte auch jedem Versuch, sich fĂŒr eine revolutionĂ€re Erhebung nach bolschewistischem Muster gewinnen zu lassen. Wohl war von Moskau aus eine riesige Agitationsmaschine in Gang gesetzt worden. Aber die radikalen, ultralinken Agitatoren verstanden – wie Lenin selbst bezeugt – ihre Sache besser als die Sendboten der Kommunistischen Partei. Sie waren zwar weniger gut bezahlt, dafĂŒr aber ehrlicher ĂŒberzeugt. So kam es, dass die Kommunistische Partei immer nur ein kleines, schreiendes und sich wild gebĂ€rdendes HĂ€uflein zwischen zwei großen Lagern blieb. Rechts von ihm gewann die Sozialdemokratie einen großen Teil des proletarisierten Abfalls der Bourgeoisie, soweit er nicht zu den reaktionĂ€ren RevancheverbĂ€nden lief. Links von ihm zog die RĂ€tebewegung mit wahrhaft magnetischer Kraft alles revolutionĂ€re Element im Proletariat an sich.

Da musste mehr Dampf hinter die bolschewistische Agitation gemacht werden! Vor allem galt es, gegen die Ultralinken krĂ€ftig vom Leder zu ziehen! Denn sie hatten, seit man sie aus der Kommunistischen Partei hinausgeworfen und nach bolschewistischer Manier mit Schimpf und Schande bedeckt hatte, bei den Massen nur an Vertrauen und Ansehen gewonnen. Hatte das RĂ€tesystem in Russland versagt – wie konnte sich jetzt eine Konkurrenzbewegung erfrechen, der Welt beweisen zu wollen, dass das RĂ€tsesystem mit der bolschewistischen Methode gewiss unvereinbar, mit einer anderen Methode jedoch sehr wohl durchfĂŒhrbar ist! Also Pech und Schwefel ĂŒber diese Konkurrenz!

So setzte sich Lenin wutgeladen in den Sessel und schrieb ein geharnischtes Pamphlet. Rasende Angst vor dem Verlust der Macht und glĂŒhende Empörung ĂŒber den Erfolg der Ketzer fĂŒhrten ihm die Feder. WĂ€re er Stalin gewesen – er hĂ€tte sie allesamt als Volksfeinde erster Klasse prozessiert und fĂŒsiliert. So verfasste er nur eine BroschĂŒre: Der Radikalismus, die Kinderkrankheit des Kommunismus, mit dem Untertitel Versuch einer populĂ€ren Darstellung der marxistischen Strategie und Taktik, der spĂ€ter fortfiel, wohl weil man sich des unlauteren Bluffs schĂ€mte. Denn die Berufung auf Marx war nichts als Bluff.

Die BroschĂŒre Lenins war eine polemische Schrift, voller Gift und Galle, aggressiv, grob, von Verdrehungen, VerdĂ€chtigungen und FĂ€lschungen strotzend, gehĂ€ssig und verfolgungssĂŒchtig wie eine pĂ€pstliche Bannbulle, ein wahres Herrenfressen fĂŒr jeden KonterrevolutionĂ€r. Aber doch zugleich unter allen bolschewistischen Programmschriften diejenige, die das Wesen des Bolschewismus am schonungslosesten enthĂŒllt, am reinsten darstellt. Der Bolschewismus ganz ohne Maske! Als Hitler in Deutschland 1933 die gesamte sozialistische und kommunistische Literatur unterdrĂŒckte, war diese Schrift die einzige, deren Weitererscheinen er gestattete. Er wusste, warum.

Von dem Inhalt der Schrift interessiert hier nicht, was Lenin ĂŒber die russische Revolution, die Geschichte der Bolschewiki, deren Auseinandersetzungen mit anderen Strömungen der Arbeiterbewegung und Bedingungen der bolschewistischen Erfolge in Russland sagt. Alles ist einseitig dargestellt, anfechtbar und fordert zur Diskussion heraus. Doch dazu ist hier nicht der Platz. Hier sollen nur die Hauptpunkte der bolschewistischen Strategie und Taktik erörtert werden, in denen sich der entscheidende Gegensatz zwischen Bolschewismus und Ultralinken ausdrĂŒckt.

Lenin sah den aktuellen Wert der Schrift in der Aufzeigung dieses Gegensatzes und besorgte diese Aufzeigung auf seine Weise. Die Ultralinken haben ihrerseits dazu Stellung genommen und den Gegensatz von ihrem Standpunkt aus beleuchtet. Der bolschewistischen Agitation, die mit ungeheuren materiellen Mitteln arbeitete, war es ein leichtes, die ultralinke Gegenschrift so gut wie völlig aus der Öffentlichkeit zu verdrĂ€ngen. Es kam ihr nicht auf ehrliche Rede und Gegenrede, sondern auf brutale Mundtotmachung an. Das entsprach ihren damaligen BedĂŒrfnissen.

Aber die BedĂŒrfnisse haben sich geĂ€ndert. Nicht in Russland, aber in der ĂŒbrigen Welt. Damals setzte ein erheblicher Teil der Weltöffentlichkeit seine Hoffnung auf eine bessere Zukunft, auf das bolschewistische Russland. Heute ist fĂŒr die Überzahl diese Hoffnung verflogen. Sie hat sich dem Faschismus zugewandt. Und da liegt es nahe, Bolschewismus und Faschismus miteinander zu vergleichen. Was aber stellt sich bei diesem Vergleich heraus?

Eine verblĂŒffende Übereinstimmung in den Grundanlagen der Systeme – in der Machtdoktrin, dem AutoritĂ€tsprinzip, dem Diktaturapparat, der Gleichschaltungsdynamik, den Gewaltmethoden. Es wird von alledem noch ausfĂŒhrlicher die Rede sein.

Hier soll nur gesagt werden, dass die Schrift Lenins wieder einmal einem aktuellen politischen BedĂŒrfnis entspricht, nĂ€mlich dem BedĂŒrfnis sich – mit dem Faschismus im Hintergrund – ĂŒber das Wesen des Bolschewismus klar zu werden. Dieser KlĂ€rung leistete Lenin den wichtigsten Dienst. Indem er die Ultralinken zu erschlagen glaubte, hielt er den Scheinsozialismus des Bolschewismus fĂŒr gerettet. Indem er aber den Scheinsozialismus rettete, begrĂŒndete er den Faschismus. Sein von Hitlers Hass verschontes Buch zeugt gegen ihn.

Partei – wann und wozu?

Lenins Polemik gegen Ultralinks konzentriert sich auf vier Punkte: Partei – Gewerkschaften – Parlament – Kompromisse.

Zuerst also die Partei.

Lenin hatte seine Partei, die ursprĂŒnglich russische Sozialdemokratie hieß und eine Sektion der Zweiten Internationale bildete, nicht in Russland, sondern in der Emigration, im Ausland aufgebaut. Seit der Spaltung in London 1903 war der bolschewistische FlĂŒgel nur noch eine kleine Sekte mit wenig Mitgliedern, deren fĂ€higste die unmittelbare Avantgarde Lenins bildete. Die bolschewistischen Massen standen nicht einmal nur auf dem Papier, sie fĂŒhrten lediglich ein phantastisches Dasein in den revolutionĂ€ren KalkĂŒls der FĂŒhrer. Die Avantgarde wurde wissenschaftlich geschult, straff diszipliniert, revolutionĂ€r einexerziert, stĂ€ndig kontrolliert und durch fortgesetzte Purifikation konform gehalten. So war die kleine Partei eine Art Kriegsakademie der revolutionĂ€ren Vorbereitung. Ihre wichtigsten ErziehungsgrundsĂ€tze waren: unbedingte FĂŒhrerautoritĂ€t, strengste Zentralisation, eiserne Disziplin, unablĂ€ssiger Drill zu GesinnungstĂŒchtigkeit, Kampfeifer und Selbstaufopferung, völliges Aufgehen der Persönlichkeit im Parteiinteresse.

Was Lenin auf diese Weise schuf, war ein Offizierskorps, eine Elite von Intellektuellen, eine Spitze, eine Avantgarde, die, in die Revolution geworfen, deren FĂŒhrung an sich zu reißen und sich des errungenen Erfolgs zu bemĂ€chtigen hatte.

Ob diese Art der Revolutionsvorbereitung richtig oder falsch ist, kann durch logisch-abstrakte Überlegung nicht entschieden werden. Die Frage ist nur dialektisch zu lösen. Also durch Stellung und Beantwortung von Unterfragen: Um welche historische Revolution handelt es sich? Welches Ziel soll die Revolution haben? Geht es um die bĂŒrgerliche oder um die proletarische Revolution?

Lenins FĂŒhrerpartei und FĂŒhrerideologie war richtig in Russland, wo ,es sich um die verspĂ€tete bĂŒrgerliche Revolution handelte. Dort hatte die Partei die historische Aufgabe, das Feudalsystem des Zarismus zu stĂŒrzen und die bĂŒrgerliche Gesellschaft zu schaffen. Je straffer in dieser Revolution der Wille der fĂŒhrenden Partei konzentriert ist, je bewusster und zielgerichteter ihr Zugriff bei der Eroberung und Gestaltung der Macht ist, desto erfolgreicher ist der Prozess der bĂŒrgerlichen Staatsbildung, desto aussichtsvoller die Position der proletarischen Klasse in der neuen Staatsordnung.

Was aber fĂŒr eine bĂŒrgerliche Revolution als glĂŒckliche Lösung des Revolutionsproblems gilt, kann nicht gleichzeitig auch fĂŒr die proletarische Revolution als solche gelten. Schon deshalb nicht, weil beide verschiedene Aufgaben haben, mit verschiedenen Bedingungen und Mitteln rechnen mĂŒssen, verschiedene Ziele verfolgen.

Nach Lenins Revolutionsmethode bilden die FĂŒhrer den Kopf der Massen. Sie verkörpern die absolvierte revolutionĂ€re Schulung, den Intellekt als dirigierendes Element, die geistige Überlegenheit im Erfassen der Situation und im Kommando ĂŒber die vorhandenen KampfkrĂ€fte. Sie sind die studierten Fachleute der Revolution, die Berufsstrategen, die GenerĂ€le der Schlacht.

Nun entspricht aber die Scheidung in Kopf und Körper, Geist und Masse, Offizier und Truppen dem Dualismus der Klassengesellschaft, dem charakteristischen Oben und Unten der bĂŒrgerlichen Ordnung. Eine Klasse oder Schicht oben – zum Herrschen erzogen, vorbereitet, bestimmt. Und eine andere Klasse oder Schicht unten – im voraus als Gefolgschaft gedacht, zum Gehorsam verpflichtet, einem fremden Willen unterworfen. Aus diesem alten Klassenschema ist die Parteivorstellung Lenins geboren. Seine Partei ist ein verkleinerter Abklatsch der bĂŒrgerlichen Wirklichkeit und ihrer Existenzgesetze.

Wer eine bĂŒrgerliche Ordnung will, findet in der Scheidung von FĂŒhrer und Masse, Avantgarde und Proletariat die richtige, der Aufgabe und dem Ziel entsprechende Voraussetzung und Vorbereitung der Revolution. Und er hat die besten Chancen fĂŒr seine Aktion, je intelligenter, geschulter und ĂŒberlegener die FĂŒhrerschaft ist, je williger, gehorsamer sich die Massen den Überlegungen und Weisungen der FĂŒhrer unterordnen. Lenin wollte die bĂŒrgerliche Revolution in Russland, also war seine Avantgarde als Partei richtig am Platz. Als freilich die Revolution ihren Charakter Ă€nderte und sich zur proletarischen entwickelte, Lenin jedoch seine Revolutionsmethode nicht Ă€nderte, sondern beibehielt, begannen seine strategischen und taktischen KĂŒnste zu versagen. Wenn er schließlich doch siegte, dankte er dies nicht seiner Avantgarde, sondern der RĂ€tebewegung, die aus dem Lager der Menschewiki kam. Und als er nach dem Siege die RĂ€tebewegung wieder abdankte, fiel der gesamte Revolutionserfolg unaufhaltsam wieder zurĂŒck in die SphĂ€re der BĂŒrgerlichkeit, deren letzter Erbe und Vollstrecker heute Stalin ist. Der mit lauten Posaunen verkĂŒndete Sowjetstaat sieht heute den faschistischen Staaten zum Verwechseln Ă€hnlich, und die sozialistischen Schnörkel und sowjetischen Bluffdekors Ă€ndern an seiner wahren Natur nicht das Geringste.

Man muss den Mut haben, es auszusprechen, dass Lenin ein völlig undialektischer Geist war, ganz außerstande, die Dinge und Prozesse ihrem historischen Zusammenhange und in ihrer dialektischen Bedingtheit zu sehen. Sein Denken funktionierte absolut mechanistisch, in starren Gesetzen, in stabilen, genormten Geleisen. FĂŒr ihn gab es eine wirklich revolutionĂ€re Partei – die bolschewistische. Nur eine wirkliche Revolution – die russische. Nur eine sichere, erfolgreiche, Revolutionsmethode – die leninistische. Was fĂŒr Russland galt, hatte auch fĂŒr Deutschland, Holland, Frankreich, England, Amerika, China, Somliland und Hindustan zu gelten. Was in der bĂŒrgerlichen Revolution Russlands richtig gewesen war, musste auch fĂŒr die proletarische Revolution der ganzen Welt richtig sein. In egozentrischen Kreisen bewegte sich mit monomanischer Eintönigkeit die Dynamik einer einmal gefundenen Formel, unbekĂŒmmert um die Unterschiede von Zeit und Raum Material und Milieu, Entwicklungsgrad und Kulturhöhe, Menschen und Ideen. Er war die verkörperte Diktatur des Maschinenzeitalters in der Politik, der Techniker und Monteur der Revolution, der Erfinder Gleichschaltung im sozialen Sein, der stĂ€hlerne Roboter als RevolutionĂ€r. Darum blieb ihm fĂŒr immer verborgen der tiefe revolutionĂ€re Sinn einer grundsĂ€tzlichen Abkehr von der Tradition der Partei. Nie begiff er das Geheimnis der sozialistischen Neuorientierung im RĂ€tesystem, das ihm immer nur gelegentliches Instrument, nie aber Ankergrund der sozialistischen Konzeption ĂŒberhaupt war. Nie verstand er die Verneinung der Gewalt, des Zwanges, des Terrors der Diktatur als Mittels menschlichen Befreiung. Immer bestand seine politische Welt aus zwei HemisphĂ€ren: AutoritĂ€t, FĂŒhrung, Gewalt auf der einen, Gehorsam, Kaderbildung und Subordination auf der Ă€ndern Seite. Diktatur und Disziplin sind die in seinen Schriften am hĂ€ufigsten vorkommend Worte.

So ist es begreiflich, dass er fassungslos und voller Empörung vor der ultralinken Bewegung stand, die es wagte, sich seiner Revolutionsstrategie zu widersetzen. So ist es möglich, dass er fĂŒr ihr Verhalten niemals sachliche GrĂŒnde sah, sondern nur Unverstand, BeschrĂ€nktheit, Gedankenverwirrung, Dummheit, Leichtsinn, Niedertracht, Bosheit und Gemeinheit. So ist es erklĂ€rlich, dass seine Ă€rgsten und zĂŒgellosesten WutausbrĂŒche ausgelöst wurden durch jene Forderung, die den RĂ€tekommunisten das AllerselbstverstĂ€ndlichste war: dass endlich einmal die Proletarier ihr eigenes Schicksal in ihre eigenen HĂ€nde nehmen dĂŒrfen.

Revolutionierung der Gewerkschaften

Das eigene Schicksal in die eigenen HĂ€nde zu nehmen – das bildet ĂŒberhaupt das Stichwort aller Fragen, den Angelpunkt aller GegensĂ€tze in den Auffassungen zwischen Bolschewiken und Ultralinken.

Wie in der Parteifrage, so auch in der Gewerkschaftsfrage.

Die Ultralinken waren der Meinung, dass revolutionĂ€re Arbeiter in reaktionĂ€ren Gewerkschaften nichts mehr zu suchen hĂ€tten. Ihre Aufgabe sei, eine eigene Form des kĂ€mpferischen Zusammenschlusses zu entwickeln, die sich aus ihrer Zusammenarbeit im Betrieb zu ergeben habe. So traten sie fĂŒr die Betriebsorganisation ein, die das Fundament der RĂ€teorganisation bilden sollte.

Lenin war ĂŒber diese Forderung so erbost, dass er sich in VorwĂŒrfen und WutausbrĂŒchen förmlich ĂŒberschrie. Alte, erfahrene und erprobte KĂ€mpfer wurden von ihm abgekanzelt, als ob er Feldwebel und sie Rekruten auf einem deutschen Kasernenhofe wĂ€ren. NatĂŒrlich glaubte er sachlich im Recht zu sein. Er war es auch, aber nur in dem Sinne, in dem die bĂŒrgerliche Ordnungspolizei der Arbeiterbewegung gegenĂŒber recht hat, die sich polizeiwidrig verhĂ€lt, indem sie eine eigene, andere Ordnung verlangt.

So laut sein Geschrei und so krĂ€ftig seine Stimme, so schwach waren seine Argumente und so unhaltbar sein eigener Standpunkt. Um die Stellung der Ultralinken als falsch und konterrevolutionĂ€r zu beweisen, konnte er immer nur wieder mit den Erfahrungen der Bolschewiken in Russland antreten. Aber die HollĂ€nder waren keine Russen und die Deutschen hatten es mit der deutschen Revolution zu tun. Darum konnten sie mit Recht die undialektische Arroganz ablehnen, die spezifische Erfahrungen einer bestimmten Epoche in einem bestimmten Land und unter bestimmten UmstĂ€nden als alleinseligmachende und universell gĂŒltige Weisheit dem ganzen Weltall diktatorisch vorschreiben wollte. Und sie konnten sich mit LĂ€cheln ĂŒber einen DĂŒnkel hinwegsetzen, der die geistige Autarkie so weit trieb, dass er nur dem historischen und revolutionĂ€ren Wert zuerkannte, was auf seinem Mist gewachsen, in seinem Backtrog geknetet und in seinem Backofen gebacken war.

Dass Gewerkschaften am Anfang der Arbeiterbewegung meist eine große Bedeutung fĂŒr den Klassenkampf haben und zu starken StĂŒtzpunkten der proletarischen Emanzipation werden können, gehört zum ABC der sozialistischen Erfahrung. Darum brauchte es nicht erst von Lenin der aufhorchenden Welt als neueste Entdeckung mitgeteilt zu werden. Außerdem war das nur eine halbe Weisheit. Wer sich nicht bloß mit den Erfahrungen der bolschewistischen Sekte und des rĂŒckstĂ€ndigen Russland begnĂŒgte, wusste noch einiges mehr. NĂ€mlich, dass die Gewerkschaften, die am Beginn ihrer Laufbahn Vehikel des Fortschritts und Motore der Entwicklung sind, zum Schluss meist zu Bremsen der Entwicklung und Agenturen der Reaktion zu werden pflegen. Hatte nicht Lenin selbst auf die „unbestreitbare Tatsache“ hingewiesen, dass sich im Laufe der Zeit eine Schicht „einer nur gewerkschaftlichen, bornierten, eitlen, verknöcherten, egoistischen, kleinbĂŒrgerlichen, imperialistisch gestimmten und vom Imperialismus bestochenen, demoralisierten Arbeiteraristokratien“ herausgebildet habe? Nun also! Gerade diese Korruptionsgilde, dieses GangsterfĂŒhrertum aber beherrscht die Gewerkschaftsbewegung. Sie trieb besonders wĂ€hrend der deutschen Revolution auf Kosten der Massen ihre moderne Piraterie. Von ihr ist die Rede,’ wenn die Ultralinken forderten, dass die Arbeiter keine Gemeinschaft mehr mit ihnen haben sollten.

Lenin wollte absolut nicht begreifen, um was es ging. Er setzte den alten Gewerkschaften mit ihren Lastern die jungen Gewerkschaften Russlands mit ihren Tugenden entgegen. Dort sei vieles schlecht bestellt – meinte er –, hier aber alles gut. Also mĂŒsse man sich an das Gute halten. Das heißt: um keusch zu bleiben, darf man die Jungfrauschaft nicht verlieren. Ein ausgezeichnetes Rezept! Ist das nur noch Mangel an dialektischem Denken, oder beginnt da schon die Taschenspielerei?

An das Gute halten war fĂŒr Lenin gleichbedeutend mit dem Verbleiben in den Gewerkschaften. Denn man muss – nach Lenin – dort arbeiten, wo die Massen sind. Wo aber sind die Massen? In den GewerkschaftsbĂŒros? In den Zirkeln der Bonzen? In den Geheimsitzungen des Generalrats mit den Kapitalisten hinter verschlossenen TĂŒren? In den Banken, wo die Leader ihre Schecks fĂŒr geleistete Dienste empfangen? Oder auch nur in den gewöhnlichen Mitgliederversammlungen? Nirgendwo, an keinem dieser PlĂ€tze sind die Massen.

Sie sind einzig und allein, vollzĂ€hlig und ausnahmslos zu finden in ihren Betrieben, ihren ProduktionsstĂ€tten, ihren Belegschaften, ihren BĂŒros und auf ihren ArbeitsplĂ€tzen.

Dort ist in Wirklichkeit der Platz, wo man zu arbeiten hat. Der Kampf ist keine Angelegenheit außerhalb der Fabrik, des ArbeitsverhĂ€ltnisses, keine Feierabendpflicht und kein Sonntagssport, sondern eine Sache, die mit der Lohnarbeit, dem ArbeitsverhĂ€ltnis, dem sozialen Schicksal des Arbeiters identisch ist. Arbeitssklave sein und Klassenkampf fĂŒhren sind in der Idee eins und sollen auch in der Praxis zur Einheit werden.

Wo also ist die Magna Charta der proletarischen Forderungen auszuspielen? Keineswegs in GewerkschaftsbĂŒros mit Kampfmanifesten, auf BiersĂ€len mit Protestresolutionen, in Straßen und Parks mit Meetings, vor den Toren der Fabriken mit Streiks. Wohl aber in den Betrieben selbst mit der Betriebsorganisation, die auf der Basis des RĂ€tesystems aufgebaut ist. Aufgebaut durch den Kapitalisten selbst, dessen Arbeitsorganisation in den HĂ€nden der Arbeiter und nach ihrem bewussten Willen automatisch zur Kampforganisation wird.

In dieser Betriebsorganisation gibt es kein BerufsfĂŒhrertum, keine Scheidung. Von FĂŒhrer und Masse, keine Rangordnung zwischen Intelligenz und Arbeit, Kopf und Hand, keinen Boden fĂŒr Egoismus, Parasitentum, Demoralisation und Korruption, ÜberlegenheitsdĂŒnkel, Verknöcherung und Verspießerung. Hier ist jeder, weil Arbeitskollege, zugleich Kampfkollege des anderen, immer im gegenseitigen Kontakt, im wechselseitigen Antrieb des Kampfeifers, unter allgemeiner Kontrolle und im stets lebendigen Bewusstsein der Verantwortung.

Hier haben die Arbeiter ihr Schicksal wirklich in ihrer eigenen Hand.

Aber Lenin wollte von dieser Lösung der Gewerkschaftsfrage nichts wissen. Seine Lösung bestand einzig darin, dass er die Gewerkschaften von innen reformieren oder revolutionieren wollte. Und wie sollte das geschehen? Einfach dadurch, dass sich an die Stelle der sozialdemokratischen Bonzen kĂŒnftig bolschewistische Bonzen setzen sollten. Das Ei des Kolumbus!

Lenin blieb seinem naiven Glauben, dass es eine schlechte und eine gute BĂŒrokratie gebe, unter allen UmstĂ€nden treu. Die schlechte wĂ€chst auf sozialdemokratischem Boden, die gute auf dem Boden des Bolschewismus. Das ist ein Naturgesetz, beinahe eine metaphysische PrĂ€destination.

Eine zwanzigjĂ€hrige Erfahrung mit der bolschewistischen Gewerkschaftspolitik hat inzwischen die Torheit und LĂ€cherlichkeit dieses Glaubens praktisch enthĂŒllt. Entsprechend der Direktive Lenins haben die Kommunisten alles darangesetzt, die Revolutionierung der Gewerkschaften durchzufĂŒhren. Mit welchem Erfolg? Die Revolutionierung der Gewerkschaften ist völlig misslungen. Der Versuch einer eigenen GewerkschaftsgrĂŒndung war ein einziges Fiasko. Denn der revolutionĂ€re Wetteifer zwischen sozialdemokratischen und bolschewistischen FĂŒhrern entpuppte sich in der Praxis nur als Wetteifer der Korruption.

So wurden die wertvollen Kampfenergien der Arbeiterschaft, anstatt sie gegen den Imperialismus und Faschismus zu werfen, zwanzig Jahre lang in sinn- und aussichtslosen Experimenten verzettelt. So wurde das Vertrauen der Massen in ihr eigenes Können systematisch von der Erprobung zurĂŒckgehalten, in seiner BetĂ€tigung irregefĂŒhrt, durch Fehlleistungen entmutigt, um seine Erfolge betrogen.

Schon im Jahre 1918 hat Rosa Luxemburg bitter beklagt, dass „der grĂ¶ĂŸte moralische Fonds, den die Arbeiterklasse je gesammelt hat“, von den Bolschewiki „unnĂŒtz und nie wiederbringlich geopfert“ wurde. Heute ist diese Klage um das Tausendfache berechtigter.

Doch nicht nur dies. Der Bolschewismus hat durch seine Methoden auch dem Faschismus direkt in die HĂ€nde gearbeitet. Jeden Schritt der Massen diktieren, lenken, kontrollieren, korrigieren, jedes Erwachen der SelbstĂ€ndigkeit verhindern und sabotieren, jede Regung des Selbstvertrauens durch kĂŒnstlich herbeigefĂŒhrte Misserfolge enttĂ€uschen, schwĂ€chen und von weiteren Versuchen abschrecken – das ist der gerade Weg, der in die schließlich widerstandslose Unterwerfung unter die Macht des Faschismus fĂŒhrte.

Der Sieg des Faschismus konnte so leicht sein, weil ihm die ArbeiterfĂŒhrer in Gewerkschaften und Parteien das Menschenmaterial schon so gedrillt, so korrumpiert und so entmannt hatten, dass es eine willige Beute der Unterjochung wurde, durch deren Schule es jahrzehntelang gegangen war.

Unter den Schuldigen muss Lenin als einer der Schuldigsten genannt werden.

Parlamentarismus

In der Frage des Parlamentarismus wiederholt sich klischeehaft die Rolle Lenins als Verteidigers und Erhalters einer ĂŒberlebten politischen Institution, die zum Hemmschuh der politischen Entwicklung, zur Gefahr fĂŒr die revolutionĂ€re Emanzipation der proletarischen Massen geworden ist.

Und er wird immer wieder in diese Rolle gedrĂ€ngt durch den Umstand, dass er eine andere Revolution meint als seine Diskussionspartner und dass er partout nicht einsehen will, dass fĂŒr die bĂŒrgerliche Revolution andere Gesetze gelten als fĂŒr die proletarische.

WĂ€hrend daher die Ultralinken die Absage an den Parlamentarismus in jeder Form, die Verweigerung der Beteiligung an parlamentarischen Wahlen und die Anerkennung parlamentarischer BeschlĂŒsse vertraten, setzte sich Lenin mit streitbarem Eifer fĂŒr die Teilnahme am Parlamentarismus, an Wahlen und parlamentarischen Aktionen ein.

Die Ultralinken erklĂ€rten den Parlamentarismus fĂŒr historisch ĂŒberholt. Er habe seinen Wert als AgitationstribĂŒne lĂ€ngst verloren, bilde einen gefĂ€hrlichen Korruptionsherd fĂŒr FĂŒhrer und Massen, schlĂ€fere im besten Falle das politische und revolutionĂ€re Bewusstsein durch die Illusion legaler Reformen ein, bilde in schlimmeren FĂ€llen das Zentrum und Hauptorgan der Gegenrevolution. Deshalb mĂŒsse er zerstört, sofern dies aber noch nicht möglich sei, sabotiert und negiert werden, um ihm im Bewusstsein der Massen seine traditionelle Bedeutung zu nehmen, die eine Hinterlassenschaft aus besserer bĂŒrgerlicher Vergangenheit sei.

DemgegenĂŒber rettete sich Lenin, um eine StĂŒtze fĂŒr seine entgegengesetzte Meinung zu finden, in den Kniff, einen Unterschied zu machen zwischen historischem und politischem Überholtsein.

Der Parlamentarismus, so argumentierte er, hat sich historisch ĂŒberholt, darum ist er prinzipiell abzulehnen. Aber er hat sich noch nicht politisch ĂŒberholt, darum muss man praktisch mit ihm rechnen, indem man sich an ihm beteiligt, also wĂ€hlt, ins Parlament geht, parlamentarische Aktionen anerkennt. Welch ein genialer Dreh, der so ziemlich jeder Frage das Doppelgesicht listiger ZwiespĂ€ltigkeit gestattet.

Da ist der Kapitalismus, zwar historisch, aber noch nicht politisch ĂŒberholt. Also machen wir ein Kompromiss mit ihm! Treiben wir Opportunismus! Ihn revolutionĂ€r zu bekĂ€mpfen, etwa gar ihn abschaffen zu wollen, wĂ€re sinnlos und verkehrt, solange er noch nicht politisch ĂŒberholt ist.

Da ist die Monarchie, zwar historisch, aber noch nicht politisch ĂŒberholt. Solange dies der Fall ist, hat das Proletariat kein Recht, sie abzudanken. Es kann mit ihr diskutieren, ĂŒber ihr Existenzrecht abstimmen, MehrheitsbeschlĂŒsse fassen, theoretisch die Republik fordern. Aber nicht mehr! Vielleicht kann es sogar mit der Monarchie paktieren und ihr vor der Republik den Vorzug geben. Lenin wĂŒrde damit einverstanden sein.

Da ist die Kirche, zwar historisch, aber noch nicht politisch ĂŒberholt. Denn die Massen – und das ist fĂŒr Lenin ein wichtiges Kriterium – gehören ihr noch in großer Mehrheit an. Also ist es revolutionĂ€re Pflicht, sie gewĂ€hren zu lassen und mitzumachen. Mögen Freidenker und Atheisten sie bekĂ€mpfen, sie handeln töricht und unrevolutionĂ€r. Der echte RevolutionĂ€r nimmt sein Gebetbuch unter den Arm und geht zur Messe, solange die Kirche noch nicht politisch ĂŒberholt ist.

WĂ€hrenddessen kann der Kapitalismus die Knechtung der Massen mit UnterstĂŒtzung von Monarchie und Kirche so steigern, dass ihnen der revolutionĂ€re Atem ausgeht, alle republikanischen und atheistischen GelĂŒste schwinden. Das Proletariat hat nur zu warten, bis Kapitalismus, Monarchie und Kirche politisch ĂŒberholt sind. Worin diese politische Überholung besteht und wie sie erfolgt, ist das Geheimnis von Lenin.

Die Ultralinken meinen, dass man der Schlange den Kopf abschlagen muss, wo immer man ihr begegnet. Lenin aber gebietet, sie leben zu lassen, mit ihr zu politisieren und Parlament zu spielen, bis sie soviel Kraft und Mut gewonnen hat, dass ihr giftiger Biss den Tod ihres einfĂ€ltigen Feindes herbeifĂŒhrt.

Immer wieder stoßen wir auf die peinliche Beobachtung, dass Lenin unfĂ€hig ist, bĂŒrgerliche und proletarische Revolution als zwei historisch völlig verschiedene Kategorien auseinanderzuhalten. Er beruft sich auf die „Erfahrungen einer ganzen Reihe, wenn nicht aller Revolutionen“, die ihm beweisen, „dass es in revolutionĂ€ren Zeiten besonders nĂŒtzlich ist, die Massenaktionen außerhalb des reaktionĂ€ren Parlaments mit der TĂ€tigkeit einer fĂŒr die Revolution sympathisierenden (oder noch besser: die Revolution direkt unterstĂŒtzenden) Opposition innerhalb dieses Parlaments zu verbinden“. Aber was fĂŒr Revolutionen sind das, die Lenin seinen Beweis liefern? Durchweg bĂŒrgerliche Revolutionen. Bei diesen ist es selbstverstĂ€ndlich, dass die oppositionellen Gruppen oder Fraktionen die Aktionen der Straße unterstĂŒtzen oder zu den ihren machen. Denn Parlament und Parteien – siehe England und Frankreich als klassische Beispiele! – sind die Aktionszentren und Hauptinstrumente dieser Revolution. Ganz anders jedoch in der proletarischen Revolution, auf die sich die Forderung der Ultralinken bezieht. Hier ist das Parlament kein Schauplatz, keine Kampfarena, kein Aktionszentrum mehr. Es ist nur noch altes, morsches Gerumpel, das ins Feuer geworfen werden muss.

Lenin kann sich nicht von dem Aberglauben befreien, dass es in revolutionĂ€ren Epochen auch darum geht, bei Parlamentswahlen große Siege zu erringen und dann im Parlament starke und lungenkrĂ€ftige Fraktionen zu bilden. Er sieht noch immer einen Erfolg darin, bei Abstimmungen mit allen Tricks und Manövern eine Mehrheit hinter einen Antrag gebracht zu haben. Welch kleinbĂŒrgerliche Anschauung und GenĂŒgsamkeit!

Die bĂŒrgerliche Klasse hat trotz aller Wahlsiege, FraktionsstĂ€rke und Abstimmungserfolge der Linken noch immer Mittel und Wege genug, um den Willen der Reaktion außerhalb des Parlaments ohne oratorische Tiraden und theatralischen Kulissenzauber, ohne Befragung der Deputierten und ohne RĂŒcksicht auf die Abstimmungsresultate zur Geltung zu bringen. In revolutionĂ€ren Zeiten hat jeder Parlamentssieg aufgehört, ein Sieg, ja auch nur eine Aktion zu sein. Immerhin aber genĂŒgt die Tatsache der Existenz des Parlaments auch in revolutionĂ€ren Situationen einer großen Mehrheit der Bevölkerung als Symbol dafĂŒr, dass die Rolle der Bourgeoisie noch nicht ausgespielt, ihre Sache noch nicht ganz verloren ist. Dieser Stimulus ist entscheidend fĂŒr die Massenpsyche, fĂŒr die seelische Reaktion der Öffentlichkeit. Denn letzten Endes weiß so ziemlich jedermann, dass hinter dem Parlament als stĂ€rkere Waffen fĂŒr alle FĂ€lle die Kanonen stehen. Nur Lenin scheint das vergessen zu haben.

Er lebt sogar noch in einer Vorstellungswelt, die ihm die Illusion ermöglicht, im Parlament eine Schule der FĂŒhrer zu sehen, die diese bildet, erprobt und zu revolutionĂ€rer Arbeit erzieht. Ihm schwebt dabei immer nur das Parlament der bĂŒrgerlichen FrĂŒhzeit und die revolutionĂ€re TĂ€tigkeit der bĂŒrgerlichen Parlamentsmitglieder vor. Das Parlament der bĂŒrgerlichen Verfallsepoche aber ist ein Korruptionssumpf, ein Pestherd, aus dem ununterbrochen der Brodem der VerbĂŒrgerlichung, Entartung, Demoralisation, Revolutionsunlust und Revolutionsfeindschaft aufsteigt. Und die Infektion, die von ihm ausgeht, ist eine große Gefahr, wenn nicht direkt fĂŒr die Massen, so indirekt auf dem Wege ĂŒber die bestochenen, korrumpierten, eingeschĂŒchterten, um ihre PfrĂŒnden besorgten FĂŒhrer. Es gab z. B. in Deutschland eine Zeit, wo die Reaktion im Reichstag jeden Beschluss durchsetzen konnte durch die Drohung, dass im Weigerungsfalle die Auflösung des Parlaments erfolgen werde. Vor dieser Auflösung und dem damit verbundenen Verlust der DiĂ€ten zitterten die Kommunisten in der gleichen schlotternden Angst wie die Sozialdemokraten, so dass sie hemmungslos zu allem Ja und Amen sagten. Hier wĂ€re der Sturm auf die Parlamentsbastille der Anfang einer wahren Befreiung der Massen von dem System einer stĂ€ndigen moralischen Vergiftung gewesen. Und nur die völlige Beseitigung dieser Kloake hĂ€tte noch Rettung bringen können. Aber dies wĂ€re gegen das Revolutions-Reglement Lenins gewesen.

Lenin kam es nicht auf die Erlösung der Menschen aus der Sklaverei ihres Intellekts, der Vergiftung ihres Willens, der Verworrenheit ihres Bewusstseins an. Ihm war nicht die geistige und seelische Umformung des Menschen, seine Befreiung aus der Welt der Selbstentfremdung und den AbgrĂŒnden seines Unmenschseins die eigentliche, wahre und tiefe Aufgabe der Revolution. Er rechnete wie ein BĂŒrger mit Viel und Weniger, Soll und Haben, Profit und Verlust. Und er stellte sich bei all diesen geschĂ€ftsmĂ€ĂŸigen Rechenoperationen immer Ă€ußere, konkrete Dinge vor: Mitgliedsziffern, WĂ€hlerstimmen, Parlamentssessel, Abstimmungserfolge, SiegestrophĂ€en. Der rechnende BĂŒrger als politischer GeschĂ€ftsmann, als revolutionĂ€rer Spekulant.

Dieser Zug seines Wesens tritt besonders klar in die Erscheinung, wenn man seine Stellung zur Frage des Parlamentarismus in Russland untersucht.

In Deutschland war das Parlament – nach Lenins Meinung – noch nicht politisch ĂŒberholt. Wie aber stand es damit in Russland? War es dort fĂŒr die Massen, die erst im Vorhof der kapitalistisch-bĂŒrgerlichen Epoche standen, schon ĂŒberholt? Nein, sagt Lenin, „wir haben uns im September-November 1917 an den Wahlen zum bĂŒrgerlichen Parlament, zur Konstituante beteiligt“. Das ist richtig, ja noch mehr: die Bolschewiken haben auch die Einberufung der Konstitutionsversammlung stĂŒrmisch gefordert und sogar ein eigenes Wahlrecht ausgearbeitet. Also in jeder Hinsicht ein Bekenntnis zum Parlamentarismus. Als aber die Konstituante tatsĂ€chlich gewĂ€hlt war – was geschah? Sie wurde von denselben Bolschewiken auseinandergetrieben. Und warum? Weil sich inzwischen eine Linksschwenkung der Massen vollzogen hatte, so dass ihre Zusammensetzung der neuen Sachlage nicht mehr entsprach. Die Bolschewiken hatten also mit ihrer Wahlbeteiligung schlecht spekuliert. Das Experiment war schiefgegangen. So schlugen sie, um ihre Position zu retten, das Parlament kaputt. Sie taten genau das, was die Ultralinken auch in Deutschland wollten.

In Deutschland war – nach Lenin – das Parlament politisch noch nicht ĂŒberholt. Also musste es auch fĂŒr die RevolutionĂ€re noch beibehalten bleiben. In Russland dagegen war es in einer Nacht, von gestern zu heute, fĂŒr die Abschaffung reif geworden. Was bei einer politisch hoch entwickelten und geschulten, in der Mehrheit industriellen Arbeiterschaft eine Dummheit, ein Irrtum und ein Verbrechen war, das war bei den zu 80% analphabetischen, feudalistisch verkĂŒmmerten und politisch ahnungslosen Bauern und Landproleten eine historisch richtige und revolutionĂ€r glorreiche Tat. Welch ein Wunder!

Wenn die Konstituante in ihrer Struktur nicht mehr ĂŒbereinstimmt mit der politischen Struktur der Bevölkerung, so hĂ€tte es nahegelegen neue Wahlen auszuschreiben und eine neue Konstituante wĂ€hlen zu lassen. Wenigstens wĂ€re dies logisch im Sinne der Leninschen Auffassung von der historischen Existenzberechtigung des Parlamentarismus gewesen. Aber nichts davon! Die Konstituante wurde sofort und ganz und ein fĂŒr allemal abgeschafft. Denn ein Sowjetstaat brauchte – nach Lenin – keinen Parlamentarismus mehr.

Aber war denn Russland im November 1917 ein Sowjetstaat? Er hatte bestenfalls die Absicht, ein solcher zu werden. Wie sich herausstellte, war diese Absicht einer kĂŒhnen, um nicht zu sagen tollkĂŒhnen Überspanntheit einer kleinen FĂŒhrerclique entsprungen, die, um zur Macht zu kommen, mit GlĂŒck auf Sowjets spekuliert hatte. In Wirklichkeit trat das Sowjetsystem nie in Erscheinung, es sei denn als Fiasko, als politischer Fehlschlag. So wurde der gewollte Sowjetstaat zum tatsĂ€chlichen Parteistaat, zum BĂŒrokratenstaat. Zu einem Staat, der seinem im Grunde bĂŒrgerlichen Wesen nach notwendig eines Parlaments bedurfte.

Die russischen Machthaber hĂ€tten, als sich das Sowjetsystem als unanwendbar erwies, zum parlamentarischen System ĂŒbergehen mĂŒssen. Dann wĂ€ren sie dem organischen BedĂŒrfnis der historischen Entwicklung gerecht geworden. Gewiss wĂ€re dies eine Konzession an das bĂŒrgerliche Prinzip gewesen. Aber war nicht auch der Weg der ökonomischen und sozialen Entwicklung in Russland mit unzĂ€hligen Konzessionen an die BĂŒrgerlichkeit gepflastert? Und wĂ€re das offene Bekenntnis zum Parlamentarismus nicht ehrlicher und anstĂ€ndiger gewesen als die LĂŒge des Sowjetstaats? Nein – war die Antwort aus Russland. Wir sind fĂŒr Beibehaltung des Parlamentarismus in Deutschland, obwohl er fĂŒr die Abschaffung reif ist, und fĂŒr eine Abschaffung in Russland, obwohl er historisch und praktisch notwendig ist. Wir sind fĂŒr die Errichtung des RĂ€tesystems in Russland, obwohl ihm hier alle Existenzvoraussetzungen und Funktionsmöglichkeiten fehlen, und fĂŒr seine Verhinderung in Deutschland, obwohl dort das Parteien- und Parlamentssystem am Ende seiner Epoche angelangt war und auf Ablösung drĂ€ngte. Welch ein GestrĂŒpp von Konfusionen und WidersprĂŒchen!

Das viele Gerede Lenins ĂŒber Dialektik war nur die Kompensation seines tiefsten Mangels. Er war – auch in der Frage des Parlamentarismus – durchaus unfĂ€hig zu dialektischem Denken und Handeln. Parlament war ihm Parlament. Im luftleeren RĂ€ume, ein abstrakter Begriff, sich immer gleich bei allen Völkern, in allen Zonen, zu allen Zeiten. Wohl weiß er, dass der Parlamentarismus viele Stadien der Entwicklung durchmacht. In seiner Schrift weist er selbst auf die VariabilitĂ€t des Begriffs Parlament und die Vielfalt seiner konkreten Erscheinungsformen hin. Aber Wissen ist nicht Können. Darum macht er in seiner revolutionĂ€ren Strategie und Taktik von der Dialektik keinerlei Gebrauch. Und in der Polemik stellt er immer das junge Parlament aus der Zeit des bĂŒrgerlichen Aufschwungs dem alten Parlament aus der Zeit des bĂŒrgerlichen Verfalls gegenĂŒber. Darum ist bei ihm das Parlament ein progressiver Faktor der Revolution, wĂ€hrend es in den alten KapitallĂ€ndern – und damit in der Politik der Ultralinken – ein retardierendes Element ist, das die proletarische Revolution so rasch als möglich zu beseitigen, oder doch zu negieren und zu sabotieren hat. Statt eine Schule und ein Exerzierplatz fĂŒr revolutionĂ€re FĂŒhrer zu sein – wie Lenin meint –, ist es mit seiner vorherrschenden Sozialpolitik ein Nest des Opportunismus und Reformismus, eine Dunkelkammer der Entartung und Korruption. In allen Parteien und Gewerkschaften, allen Revolutionen geht die Welle der Kampferlahmung, der Kompromisse, des Renegatentums und Verrats von den Parlamentariern, Mandatsinhabern, PfrĂŒndenbesitzern,: WĂŒrdentrĂ€gern, ParvenĂŒs und Parasiten der Arbeiterbewegung aus.

Lenin wollte, dass ehrgeizige und auf Erfolg gedrillte FĂŒhrer auch noch im Sumpf, in den Pestgebieten revolutionĂ€re Eroberungen machen sollten, ungeachtet der Opfer, mit denen diese bezahlt werden mĂŒssen.

Die Ultralinken hingegen wollten, dass die SĂŒmpfe rechtzeitig trockengelegt werden, damit die Menschen gesund, befreit von allem Grind und Aussatz der Vergangenheit, als neue Menschen in eine neue Zeit eingehen können.

Kompromisspolitik

Die deutschen Sozialdemokraten hatten im Weltkrieg die Sache der Arbeiterbewegung schĂ€ndlich verraten. Dann waren sie – wider Willen – zu Erben der deutschen Revolution geworden. Aber sie verstanden weder den Sinn dieser Revolution, noch billigten sie ihre Ziele. Ihr tief bĂŒrgerliches Wesen, das sich in entscheidenden Stunden von seinen demagogischen VerhĂŒllungen befreit hatte, drĂ€ngte sie wieder auf den opportunistischen Weg. Das war der Weg des Burgfriedens, der VerstĂ€ndigung von Klasse zu Klasse, der Volksfront mit Demokraten und Klerikalen. Die Scheidelinie zwischen Proletariat und Bourgeoisie wurde in die bĂŒrgerliche Klasse selbst, zwischen Klein- und GroßbĂŒrgertum verlegt. Das Proletariat hatte keine eigentliche Vertretung mehr. Der Klassenkampf wurde nur noch in Scheingefechten gefĂŒhrt, war praktisch liquidiert. Gegen diesen neuen, offenen Verrat protestierten die Ultralinken mit der Forderung: Keine Kompromisse mit der Konterrevolution! ZurĂŒck zur klaren Linie des Klassenkampfes!

Es handelte sich also um einen ganz konkreten Fall, um eine politische Stellungnahme zu einer bestimmten Frage in einem bestimmten Zeitpunkt und unter bestimmten VerhĂ€ltnissen, die in Deutschland zur Entscheidung drĂ€ngten. Nicht um ein Programm fĂŒr die Ewigkeit, fĂŒr das Universum, fĂŒr die Geschichte aller zukĂŒnftigen Revolutionen. Nein, einfach um die Haltung der revolutionĂ€ren Vorhut der deutschen Arbeiterklasse im Jahre 1919 gegenĂŒber der sozialdemokratischen Kompromisspolitik. Die Angelegenheit war geradezu ein dialektischer Schulfall.

Aber Lenin, unfÀhig, sie als solchen zu erkennen, erhob die nur dialektisch zu beantwortende Frage zu einer Generalfrage und machte aus der nur dialektisch zu behandelnden Forderung eine abstrakte Kardinalforderung.

Seiner alten polemischen Methode treu bleibend, stellte er dem Problem der proletarischen Revolution in Deutschland als Korrektiv die Erfahrungen der bĂŒrgerlichen Revolution in Russland gegenĂŒber.

So schrieb er: „Die russischen revolutionĂ€ren Sozialdemokraten haben bis zum Sturze des Zarismus wiederholt die Dienste der bĂŒrgerlichen Liberalen in Anspruch genommen, d.h. sie haben mit ihnen eine Menge praktischer Kompromisse abgeschlossen
 gleichzeitig es aber verstanden, einen unaufhörlichen, rĂŒcksichtslosen ideologischen und politischen Kampf gegen den bĂŒrgerlichen Liberalismus und gegen die geringsten Äußerungen seines Einflusses innerhalb der Arbeiterbewegung zu fuhren. Die Bolschewik! sind stets dieser Politik treu geblieben.“

Also: im Kampfe gegen den Zarismus gingen Sozialisten und Liberale mehr oder weniger Hand in Hand. Denn beide wollten den Sturz des Zarismus. Das ist eine taktische SelbstverstĂ€ndlichkeit. Was aber hat das mit der Forderung der Ultralinken in Deutschland zu tun? Wollten etwa die Demokraten und Klerikalen auch den Sturz des Kapitalismus? Nicht einmal die Sozialdemokratie wollte ihn. Und da sollten die Ultralinken, die im Gegensatz zu ihnen den Sturz des Kapitalismus wollten, das Kompromiss der drei konterrevolutionĂ€ren Parteien billigen und unterstĂŒtzen? Nur deshalb, weil fĂŒr die Bolschewiken unter ganz anderen Bedingungen und in ganz anderen Situationen gelegentliche Kompromisse mit Liberalen möglich waren? Diese Zumutung ist wirklich zu dumm, als dass sie noch eines Wortes der Widerlegung wert wĂ€re.

Nicht besser ist es um die anderen Argumente Lenins bestellt. „Nach der ersten sozialistischen Revolution des Proletariats“, schreibt er, „nach dem Sturz der Bourgeoisie in einem Lande, bleibt das Proletariat dieses Landes lange Zeit schwĂ€cher als die Bourgeoisie, schon allein wegen der ungeheuren internationalen Verbindungen der Bourgeoisie, dann aber auch wegen der elementar und stĂ€ndig vor sich gehenden Wiederherstellung, Wiederbelebung des Kapitalismus und der Bourgeoisie durch die kleinen Warenerzeuger des Landes, das die Bourgeoisie gestĂŒrzt hat. Einen mĂ€chtigeren Gegner kann man nur unter grĂ¶ĂŸter Anspannung der KrĂ€fte und nur dann besiegen, wenn man unbedingt, aufs angelegentlichste, sorgsamste, vorsichtigste, geschickteste sowohl jeden, selbst den kleinsten Riss zwischen den Feinden, jeden Interessengegensatz zwischen der Bourgeoisie der verschiedenen LĂ€nder, zwischen den verschiedenen Gruppen oder Schichten der Bourgeoisie innerhalb der einzelnen LĂ€nder als auch jede, selbst die kleinste Möglichkeit ausnutzt, um einen VerbĂŒndeten unter den Massen zu gewinnen, mag das auch ein zeitweiliger, schwankender, unsicherer, unzuverlĂ€ssiger, bedingter VerbĂŒndeter sein. Wer das nicht begriffen hat, der hat auch nicht einen Deut vom Marxismus und vom wissenschaftlichen, modernen Sozialismus ĂŒberhaupt begriffen.

Lenin bespricht hier die Kompromiss-Taktik nach dem Siege der Revolution. Er hat dabei eine siegreiche Partei vor Augen, die die Revolution wollte, fĂŒr sie kĂ€mpfte und alles daransetzte, um den Sieg zu erringen. So mochte das in Russland gewesen sein. Aber in Deutschland war es ganz anders.

In Deutschland war die Sozialdemokratie von Anfang an Gegner der Revolution. Sie widersetzte sich ihr mit allen Mitteln, bremste sie ab, wo sie konnte, warf die bĂŒrgerliche Soldateska gegen sie und erstickte sie in Blut. Die Sozialdemokratie war in jeder Minute VerbĂŒndete, Helfershelferin und Spießgesellin der Konterrevolution. Und sie krönte ihre revolutionsfeindliche Haltung durch ein BĂŒndnis mit bĂŒrgerlichen Reaktionsparteien, um gemeinsam mit ihnen zu Nutz und Frommen der Konterrevolution zu regieren.

Wer auch nur einen Deut von Marxismus versteht, wird begreifen, dass die Billigung eines solchen Kompromisses die Billigung des sozialdemokratischen Verrats in sich schließt. Und dass jede BefĂŒrwortung eines solchen Kompromisses auf die UnterstĂŒtzung der Konterrevolution hinauslĂ€uft. Diese Konsequenz und Wirkung hĂ€tte die Kompromissformel Lenins damals in Deutschland gehabt. Darum lehnten die Ultralinken sie ab. Darum riefen sie den UnabhĂ€ngigen, den Kommunisten, den revolutionĂ€ren Massen zu: HĂ€nde weg von Kompromissen! Es gibt in Deutschland keine Parteien, die im Sinne der Revolution fĂŒr euch bĂŒndnisfĂ€hig wĂ€ren! Ihre Losung war die einzige, die dem Gebot der Revolution in dieser Situation gerecht wurde.

So löst sich die Polemik Lenins in eitel Dunst auf. Seine Schimpferei und Polterei hat keinerlei Bezug zur Wirklichkeit. Er rennt gegen politische Gegner an, die nur in seinen Halluzinationen existieren. Er macht sich lĂ€cherlich durch einen Kampf gegen WindmĂŒhlen.

Soweit Kompromisse nötig sind, um die Revolution vorwĂ€rtszutreiben, haben auch die Ultralinken nichts gegen sie einzuwenden. Aber sie bekĂ€mpfen Kompromisse mit KonterrevolutionĂ€ren, die geschlossen werden, um die Revolution zu verhindern, zu bekĂ€mpfen oder um ihren Sieg zu prellen. So war die Sachlage in Deutschland 1919. Sie standen mit beiden FĂŒĂŸen auf dem Boden der Revolution. Lenin aber stand jenseits der Barrikade.

Liest man heute das Kapitel der Schrift Lenins ĂŒber die Kompromisse noch einmal durch und zieht man Vergleiche zwischen den polemischen ErgĂŒssen Lenins und den spĂ€teren Resultaten der leninistischen Kompromisspolitik Stalins, so findet man keine TodsĂŒnde der bolschewistischen Strategie, die unter Stalin nicht bolschewistische Praxis geworden wĂ€re.

Da ist der Vertrag von Versailles, fĂŒr dessen Unterzeichnung die Ultralinken nach Lenins Meinung hĂ€tten eintreten mĂŒssen – wĂ€hrend spĂ€ter Stalins Vasallen laut und kĂ€mpferisch an der Seite der Hitlergarden gegen die Unterzeichnung protestierten.

Da ist der Nationalbolschewismus Laufenbergs und Wolffheims, nach Lenin eine „himmelschreiende AbsurditĂ€t“ – wĂ€hrend spĂ€ter Radek unter Stalins Segen den Nazispion Schlageter als Nationalhelden feierte und der Nationalbolschewismus in der russischen Politik wahre Orgien auffĂŒhrte.

Da ist der Völkerbund, nach Lenin eine rĂ€uberische Gesellschaft von Ausbeutern und Banditen, mit der das Proletariat keine Gemeinschaft haben dĂŒrfe – wĂ€hrend spĂ€ter Stalin gemĂ€ĂŸ der Kompromisstaktik Lenins um Sitz und Stimme in dieser honetten Gesellschaft bat, und sich bis zu seinem Ausschluss wohl darin fĂŒhlte.

Da ist die Kategorie Volk, nach Lenin eine strĂ€fliche Konzession an die konterrevolutionĂ€re Ideologie des BĂŒrgertums – wĂ€hrend spĂ€ter ein Dimitroff auf Stalins Befehl eine waschechte Kompromisspolitik in Gestalt der Volksfront-Bewegung aufzog.

Da ist – doch wozu noch weitere Beispiele und Gegenbeispiele dafĂŒr, zu welchen Verwirrungen und Verirrungen, WidersprĂŒchen und Unbegreiflichkeiten, reaktionĂ€ren Konsequenzen und Niederlagen die unselige Kompromisspolitik Lenins gefĂŒhrt hat. Ihr Ende war ĂŒberall: Fiasko, Blamage, Verlust des revolutionĂ€ren Prestiges, Fahnenflucht der Massen, volle politische Katastrophe.

Nicht nur die russische, sondern auch die deutsche Geschichte hat den Ultralinken im vollen Umfange recht gegeben. Dort mit Stalin, hier mit Hitler. Und die Geschichte hat aus der zeitbedingten Zweckforderung der Ultralinken von damals eine politische Standardforderung fĂŒr die RevolutionĂ€re von heute gemacht. Jeder Kompromiss zwischen RevolutionĂ€ren und KonterrevolutionĂ€ren schwĂ€cht nach allen historischen Erfahrungen im Zuge der proletarischen Revolution nicht die KonterrevolutionĂ€re, sondern die RevolutionĂ€re.

Jede SchwĂ€chung der Revolution durch ein Kompromiss endet aber zwangslĂ€ufig im vorzeitigen Zusammenbruch oder im schließlichen Bankrott der revolutionĂ€ren Bewegung.

Jede Kompromisspolitik in der proletarischen Revolution fĂŒhrt daher in die unabwendbare Niederlage.

Was die deutsche Sozialdemokratie als Kompromiss begann, endete beim Faschismus. Was Lenin mit seiner Kompromisstheorie begann, endete praktisch beim Stalinismus.

Da wie dort Konterrevolution. Kompromiss und Konterrevolution sind heute Anfang und Ende eines politischen Synonyms.

Lenin schoss mit großen Kanonen gegen die Ultralinken.

Heute treffen sie die deutsche Sozialdemokratie, den Stalinismus, die bolschewistische Partei in der ganzen Welt.

Und ihr letzter Schuss trifft Lenin selbst.

Bolschewistische Außenpolitik

Nichts könnte diese fĂŒr den Bolschewismus vernichtende Tatsache mit stĂ€rkerer Beweiskraft illustrieren als die nachrevolutionĂ€re russische Außenpolitik, deren Weg von Anfang bis Ende mit Kompromissen gepflastert ist.

Wie bei den Bolschewiken meist, so war auch hier der theoretische Ausgangspunkt richtig, die Praxis jedoch die Verneinung der Theorie.

Im ersten Weltkrieg formulierte Lenin das Antikriegs- und Revolutionsprogramm der Bolschewiken mit folgenden Hauptgesichtspunkten: Der Weltkrieg ist ein imperialistischer Krieg. Er kann nur durch die antiimperialistische Revolution in allen LĂ€ndern beendet werden. In Russland ist der Zarismus durch eine radikal-bĂŒrgerliche Revolution der Arbeiter und Bauern zu stĂŒrzen. Diese Revolution kann die Weltrevolution auslösen. Dazu ist nötig, dass in Europa das Proletariat zur sozialen Revolution, die Bauernmasse in Asien zu einer national-bĂŒrgerlichen Revolution kommt. Das Industrieproletariat der Welt muss mit den unterdrĂŒckten Nationen im Kampf um die Befreiung zusammenwirken.

Seinen ersten praktischen Niederschlag fand dieses Programm 1917 im Kampfe gegen Kerenski in folgenden Forderungen: Kein Separatfriede mit Deutschland, revolutionÀre Beendigung des Kriegs an allen Fronten, BekÀmpfung aller Annektionen, Selbstbestimmungsrecht aller Völker bis zur Loslösung von Russland.

Zur Macht gelangt, erhoben die Bolschewiki dieses Programm durch Dekret vom 8. November 1917 zum Friedensprogramm, um mit allen kriegfĂŒhrenden Völkern und ihren Regierungen zu einem „gerechten und demokratischen Frieden“ und zum „Hebelpunkt der Weltrevolution“ zu gelangen.

Doch schon dieser erste Akt der bolschewistischen Außenpolitik fĂŒhrte zu einer Niederlage. Erstens kam es nicht zu einer revolutionĂ€ren Waffenstreikbewegung an allen Fronten. Zweitens musste Russland selbst mit Deutschland einen Separatfrieden schließen, der hĂ€rter war als der spĂ€tere Vertrag von Versailles fĂŒr Deutschland. Drittens fĂŒhrte die Abtrennung der Randstaaten von Russland zur Niederschlagung der revolutionĂ€ren Bewegung in diesen Staaten. Viertens wurde dadurch das AufmarschgelĂ€nde fĂŒr die konterrevolutionĂ€re Invasion der imperialistischen MĂ€chte und den BĂŒrgerkrieg in Russland geschaffen. FĂŒnftens erfĂŒllten sich die Hoffnungen auf eine Weltrevolution nicht. Also ein außenpolitisches Fiasko auf der ganzen Linie. Ein zweites folgte bald.

Die bolschewistische Regierung hatte sofort alle zaristischen VertrĂ€ge annulliert und die ErfĂŒllung aller daraus entstandenen Verpflichtungen verweigert. Folgerichtig lehnte sie daher auch die RĂŒckzahlung der zaristischen und kerenskischen Kriegsschulden an die WestmĂ€chte ab. Da sie sich aber mit ihrer Weigerung auf keine sichere Macht stĂŒtzen konnte, erklĂ€rte sie sich im Oktober 1918 und im Januar 1919 zu Verhandlungen ĂŒber die Schuldenfrage, im Februar 1919 zu Gegenleistungen in Form von Konzessionen an die GlĂ€ubigermĂ€chte bereit.

Im MĂ€rz 1919 erfolgte die GrĂŒndung der III. Internationale. Darin sahen die reaktionĂ€ren WeltmĂ€chte eine Provokation, die sie zu neuer feindlicher Aktion anspornte. Die Bolschewiki antworteten mit verdoppelter Revolutionspropaganda, flĂŒchteten aber praktisch in den Opportunismus, den sie bereits vorbereitet hatten, indem sie z. B. in Deutschland die revolutionĂ€ren Massen wieder in die alten Parteien, Gewerkschaften und Parlamente zurĂŒcktrieben. Im Zusammenhang damit verwandelte sich die Politik der Komintern, die als eine Politik des revolutionĂ€ren Antriebs gedacht war, in eine Politik des Zauderns, des Aufschubs und schließlich des Verzichts. Von hier an ist der konterrevolutionĂ€re Charakter der russischen Außenpolitik, die sich nunmehr ganz auf der Linie von Kompromissen und RĂŒckzĂŒgen bewegt, offen sichtbar.

Im Innern war diese Schwenkung begleitet von dem Massaker in Kronstadt, wo die Avantgarde der Revolution gegen die Beseitigung der RĂ€te und den Terror der bolschewistischen Machthaber rebellierte, den blutigen Metzeleien gegen die Machnowbewegung, die den Bauern zur ErfĂŒllung der ihnen gemachten Versprechungen verhelfen wollte, und dem völligen Zusammenbruch des Kriegskommunismus, der als ehrlicher Versuch zu einer sozialistischen Wirtschaft ins Werk gesetzt worden war. DafĂŒr tauschte die Außenpolitik nationale Erfolge ein: die Sowjetregierung, die eben aufhörte, eine solche zu sein, wurde von Estland, Lettland, Litauen und Finnland anerkannt. Lenin proklamierte das „direkte BĂŒndnis mit den kleinen Staaten“ und stellte befriedigt fest, dass „die Bolschewiki die schwankende Bourgeoisie fortgeschrittener LĂ€nder fĂŒr sich gewonnen“ hĂ€tte – eine schöne SelbsttĂ€uschung, die er dringend brauchte. Denn der revolutionĂ€re Kampf versackte immer mehr in dem System der VerstĂ€ndigung, des Kompromisses, der willigen Einschaltung in den diplomatischen Schacher der BourgeoismĂ€chte. Die Revolution verblasste zur ideologischen Tradition. Die Praxis ging resolut auf eine Politik der BĂŒndnisse zu, um zu einem Frieden mit „den Todfeinden des Proletariats“ zu gelangen. Der Verzicht auf unmittelbare revolutionĂ€re Weltpolitik wurde nicht mehr verschleiert.

Indem seit dem zweiten Kongress der III. Internationale die Sache Sowjetrusslands zur Sache der Internationale erhoben war, wurde die Komintern zum offiziellen Organ der bolschewistischen Außenpolitik. Damit wurde die Zerstörung des revolutionĂ€ren Impulses durch die Moskauer FĂŒhrung aus einer Sache Russlands zu einer Sache der ganzen Welt. Von jetzt an ist das Bestreben der Komintern unverkennbar darauf gerichtet, unter keinen UmstĂ€nden in irgendwelchem Lande der Welt eine revolutionĂ€re Bewegung aufkommen und siegreich werden zu lassen.

In den nĂ€chsten Jahren hatte Russland die nun ĂŒblichen diplomatischen Erfolge: NeutralitĂ€ts- und Nichtangriffspakte mit Persien, Afghanistan und der TĂŒrkei, Protektorat ĂŒber die Mongolei, Handelsabkommen mit England, Deutschland, Norwegen, Österreich, Italien und der Tschechoslowakei, dazu die entsprechenden staatlichen Anerkennungen. Russland, das eben erst die gewaltsame Annektion von Georgien mit seiner revolutionĂ€ren Pflicht zur Bolschewisierung des Landes entschuldigt hatte, versprach in allen diesen FĂ€llen feierlich, „sich jeder gegen die Regierung, die staatlichen oder anderen öffentlichen Einrichtungen oder gegen das soziale System des Ă€ndern Vertragsteiles gerichteten Propaganda zu enthalten und sich an politischen und sozialen Streitigkeiten, die in diesem Staate entstehen könnten, nicht zu beteiligen“. England verlangte und erhielt noch das besondere Versprechen, „weder mit Geldmitteln noch sonstiger Form Personen, Körperschaften oder Agenturen zu unterstĂŒtzen, deren Ziel es ist, in irgendeinem Teil des britischen Empire, eingeschlossen alle Protektorate, protektorierten Staaten und Territorien mit britischem Mandat, Unzufriedenheit zu verbreiten oder AufstĂ€nde anzustiften, und allen ihren Offizieren und Beamten die vollstĂ€ndige und dauernde Beobachtung dieser Bedingungen einzuprĂ€gen“. So wurde die revolutionĂ€re TĂ€tigkeit abgeschworen zugunsten diplomatischer Beziehungen, bĂŒrgerlicher Honorigkeit und politischer Reputation.

Unter dem Rechtskurs dieser Außenpolitik ging die politische Entwicklung im gesamten westeuropĂ€ischen Proletariat geraden Wegs auf einen Opportunismus zu, der sich von der Haltung der Sozialdemokratie nicht mehr unterschied. Vor einem deutschen Gericht erklĂ€rte um diese Zeit der des Hochverrats angeklagte kommunistische Parteichef Brandler, dass er die Diktatur des Proletariats auf der Grundlage der Verfassung von Weimar verwirklichen wolle.

Die Preisgabe der revolutionĂ€ren Prinzipien bewĂ€hrte sich: sie verschaffte den Sowjetpolitikern endlich den erstrebten Zugang zu den Zirkeln der internationalen Großmachtspolitik mit ihren Wirtschaftskonferenzen, AufbauplĂ€nen, Kapitalinvestitionen, Weltwirtschaftszielen. Russland wurde zugelassen, man nahm keinen Anstoß mehr an dem Ludergeruch seiner Vergangenheit. Und sofort suchte es die kapitalistischen Unternehmungen fĂŒr seinen Aufbau zu gewinnen. Es erklĂ€rte sich bereit, „freiwillig seine Grenzen fĂŒr internationale Transitwege zu öffnen, Millionen Hektar fruchtbarster Erde der Kultur zur VerfĂŒgung zu stellen, Wald-, Steinkohlen- und Erzkonzessionen zu vergeben, fĂŒr die Zusammenarbeit zwischen Europas Industrie und Landwirtschaft und derjenigen Sibiriens zu sorgen und den auslĂ€ndischen Unternehmern jede Art Garantie und eventuell Schadensersatz zu leisten.“ Als es mit diesem Angebot nicht den gewĂŒnschten Erfolg hatte, ĂŒberraschte es auf der Konferenz in Genua die Welt durch einen Sonderpakt mit Deutschland, den Rapallo-Vertrag, mit dem es in das Anti-Versailles-BĂŒndnis eintrat und dem deutschen Kapital die TĂŒr nach Russland öffnete. Damit, machte es sich zum heimlichen VerbĂŒndeten der deutschen AufrĂŒstungspolitik gegen Frankreich, der deutschen Revanchebewegung, der faschistischen Befreiungs-Kampagne. Nicht nur, dass in Russland geheim Giftgase und Flugzeuge fĂŒr die deutsche Armee hergestellt wurden, es wurde auch ein MilitĂ€rbĂŒndnis zwischen der Reichswehr und der Roten Armee ernstlich in ErwĂ€gung gezogen. Russland war Partner und Helfershelfer des deutschen Imperialismus geworden.

Die kommunistischen Parteien in Deutschland und Frankreich warfen nun auf Befehl von Moskau alle Masken ab. Deutschland wurde als „national unterdrĂŒcktes Land“ erklĂ€rt, das deutsche Proletariat hatte sich auf einen „nationalen Befreiungskrieg“ vorzubereiten, gegen den Vertrag von Versailles wurde gemeinsam mit den nationalen VerbĂ€nden krĂ€ftig vom Leder gezogen, gegen die Ruhrbesetzung durch Frankreich wurde eine „nationale Abwehr“ organisiert, Radek pries den Nazispitzel Schlageter als „nationalen Helden“, Sozialdemokratie und Kommunisten fanden sich in der „Einheitsfront“ und in Koalitionsregierungen, der Nationalbolschewismus feierte Orgien. Wenn die Bedingungen fĂŒr eine VerbrĂŒderung zwischen Hitler und Stalin damals noch nicht gegeben waren, so lag dies nicht an Stalin, der damals noch Lenin hieß.

Als die Befreiungs- und Putschabsichten dieses kuriosen Nationalismus scheiterten, zog sich Russland auf einen Pazifismus zurĂŒck, der kĂŒnftig weder durch kriegerische noch durch revolutionĂ€re Aktionen gestört sein wollte. Es kam die Ära der Nichtangriffspakte, die „demokratisch-pazifistische Phase“, die Politik des „.wahren Friedens“, der systematischen Niederhaltung jeder revolutionĂ€ren Bewegung. Die englischen Bergarbeiter, durch das anglo-russische Komitee um die Hilfe eines Generalstreiks gebracht, verbluteten nach neunmonatigem Kampfe als Opfer dieses verrĂ€terischen DefĂ€tismus. Und die chinesische Revolution ging nach furchtbaren Niederlagen, die die Komintern provoziert hatte, in den Massenabschlachtungen Tschiang-Kai-Tscheks, der heute Freund und Bruder Stalins ist, nach dem Beispiel der Pariser Kommune grausam zugrunde.

Der Verrat lohnte sich. Es gelang Russland endlich, Zugang zu jenen Veranstaltungen zu finden, bei denen die Taschenspieler, Akrobaten und Jongleure der bĂŒrgerlichen Politik ihre volksbetrĂŒgerischen KĂŒnste spielen lassen. So wurde es zu den diversen AbrĂŒstungskonferenzen in Genf zugelassen, wo es eine höchst zweideutige Rolle spielte. Um so eindeutiger trat in der Folgezeit sein Bestreben, um jeden Preis mit in das imperialistisch-diplomatische GeschĂ€ft zu kommen, zutage. Erfolge stellten sich ein. HandelsvertrĂ€ge mit England und Italien, Teilnahme an Agrar- und Exportkonferenzen, Erweiterung des deutschen RussengeschĂ€fts waren die Hauptbeute, die man heimbrachte. Die bĂŒrgerliche Welt begann zu begreifen, dass auch fĂŒr die roten RevolutionĂ€re Gesinnung und GeschĂ€ft zwei verschiedene Dinge waren, die nichts miteinander zu tun hatten – wie man sagte. In Wirklichkeit freilich ging die Gesinnung im GeschĂ€ft auf. Das zeigte sich besonders deutlich, als die an Deutschland erteilten großen AuftrĂ€ge die bankrotte Kapitalswirtschaft in der Weltkrise noch einmal auf die Beine brachte und im letzten Moment vor dem Zusammenbruch rettete. Erst das GeschĂ€ft und dann -noch lange nicht – die Revolution!

Wirtschaftspakte, NeutralitĂ€tspakte, Nichtangriffspakte, VerstĂ€ndigungspakte, Gemeinschaftspakte, Gegenseitigkeitspakte, Zusammenarbeitspakte – das war von nun an der ausschließliche Inhalt des außenpolitischen Programms. Der Faschismus tobte und wetterte gegen den Bolschewismus. Die Kerker fĂŒllten sich von kommunistischen HochverrĂ€tern und Verbrechens. Hitler drohte, dass er dereinst „Köpfe rollen lassen“ werde. Unterdessen saßen die Vertreter Russlands mit den halb- oder ganzfaschistischen Vertretern Deutschlands am Verhandlungstisch, feierten Bankette und tauschten VerbrĂŒderungstelegramme aus.

Ihre Krönung fand diese Friedensdiplomatie und Politik der Aussöhnung mit dem Kapitalismus in dem großen Wirtschaftspakt, der ein paar Tage nach Hitlers Machtantritt mit Deutschland abgeschlossen wurde, und dem Beitritt Russlands zum Völkerbund. Damit war der definitive und offizielle Eintritt in das Allerheiligste der kapitalistischen Welt erfolgt.

Auch dem Faschismus war die Bruderhand entgegengestreckt. Damit Hitler seine KriegsaufrĂŒstung durchfĂŒhren konnte, lieferte ihm Russland in wachsenden Mengen das fĂŒr die Kriegsstahlproduktion erforderliche Manganerz. Die Schimpfkanonaden Hitlers in NĂŒrnberg gegen die „rote Banditenregierung“ waren nur Ablenkungsmanöver, wĂ€hrend sich hinter den Kulissen die Auguren lĂ€chelnd begegneten. Zur vollen Harmonie zwischen Berlin und Moskau fehlte nur noch ein MilitĂ€r- und KriegsbĂŒndnis gegen die sozialistische Revolution.

Der Tag sollte kommen, an dem auch dieses zur historischen Wahrheit werden sollte.

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[Ausblick]

[Die Konsequenzen lassen] sich durch folgende LeitsÀtze skizzieren:

Der Erste Weltkrieg versetzte dem Privatkapitalismus im Prinzip den Todesstoß. Aber weder Sieger noch Besiegte wurden sich dieser Tatsache bewusst. Darum versĂ€umte die Bourgeoisie die Schaffung eines internationalen Föderativ-Kollektivismus auf monopolkapitalistischer Grundlage, und die Sozialisten versĂ€umten die Nationalisierung oder Sozialisierung des Privateigentums und die entsprechende Umformung von Wirtschaft und Gesellschaft.

Die Weltkrise enthĂŒllte die Fehler dieser VersĂ€umnisse und stellte den Kapitalismus als System vor die Entscheidung: Sein oder Nichtsein.

Wieder war das Proletariat infolge der ideologischen, organisatorischen, strategischen und taktischen RĂŒckstĂ€ndigkeit seines Klassenkampfes nicht imstande, die Krise durch eine Revolution zu lösen.

Da sprang der Faschismus in die Bresche, um eine Ersatzlösung mit modifizierten kapitalistischen Mitteln zugunsten der Bourgeoisie zu versuchen.

Er setzte an die Stelle der unrentabel gewordenen Produktion fĂŒr den Konsumbedarf die Produktion fĂŒr RĂŒstungs- und Kriegsbedarf und machte anstelle der zivilen, in ihrer Kaufkraft geschwĂ€chten Konsumentenmassen den Staat mit seiner omnipotenten Kaufkraft und ZahlungsfĂ€higkeit zum einzigen Konsumenten. Die Folge war eine staatlich im grĂ¶ĂŸten Stil subventionierte Konjunktur, die weiterhin den Staat zum Auftraggeber, Rohstofflieferanten, Investitionskapitalisten, Wirtschaftsleiter und Disponenten ĂŒber den Kapitalprofit machte. Diese Entwicklung trieb automatisch zur Großraumwirtschaft, zur Quoten- und Zonenpolitik, zur Standardisierung und Planwirtschaft, zur schrankenlosen Ausbeutung der Produzenten- wie Konsumentenschaft, zum Ultraimperialismus und schließlich zum Krieg.

TrĂ€ger dieser Umformung und Umschichtung wurde der Faschismus mit der unbeschrĂ€nkten VerfĂŒgungsgewalt ĂŒber den Staat, also mit Gleichschaltung, Terror, Diktatur, totalitĂ€rer Dynamik, Militarismus und ideologischer Staatsvergottung. Die BĂŒrokratie regiert. Alles wird Befehl, Gebot, Leitung, Vorschrift, Kontrolle, Überwachung, Disziplin. Die Arbeitslosigkeit ist verschwunden. Die Krise scheint gelöst. Das Ich der alten Gesellschaft weicht mehr und mehr der Zwangsgemeinschaft. Das Privatleben schrumpft ein. Der Mensch wird ein öffentliches Herden- und Maschinenwesen. Die ganze Gesellschaft ist technisiert, rationalisiert, mechanisiert, standardisiert, normiert. Auch das Denken, die MentalitĂ€t, der Wille, die Phantasie, die SexualitĂ€t, die Beziehungen zu Kunst, Sport und Natur, die VergnĂŒgungen und Wunschziele erliegen dem Gesetz der Vermassung, die von oben dirigiert und von unten als unabwendbares Schicksal erlebt wird.

Aber die Lösung der Krise ist nur scheinbar. Sie bedarf, um wirklich zu sein, der permanenten RĂŒstungs- und Kriegsindustrie, ja des Krieges selbst. Der Krieg jedoch sprengt das faschistische System, enthĂŒllt seine falsche Mechanik, erhebt die Massen zu TrĂ€gern und Vollstreckern der Gewalt, zeigt der Bourgeoisie ihre lĂ€ngst vollzogene Expropriierung auf, vereint alle Opfer des Systems zur Mehrheit der Gegner des Systems. Der Krieg ist das Ende des Faschismus und damit das Ende der kapitalistischen Epoche. Daher bei stĂ€ndiger RĂŒstung zum Krieg zugleich das stĂ€ndige Ausweichen vor dem Krieg. Gelingt das Ausweichen oder kommt eine VerstĂ€ndigung, ein Frieden mit den Gegnern zustande, so hört die RĂŒstungs- und Kriegsindustrie auf. Das aber bedeutet, dass sofort die Konjunktur zu Ende und die Krise wieder da ist. Es offenbart sich die Scheinlösung der Krise, der Schwindel des Faschismus, sein Bankrott als Retter des Kapitalismus. Der Monopolismus steht vor seinem Zusammenbruch, ist zum Untergang verurteilt.

Aber auch die Demokraten als Gegner des Faschismus sind mit ihrem System zu Ende. Denn auch ihr Privatkapitalismus ist bankrott. Auch ihnen bleibt als einzige Möglichkeit der Weiterentwicklung nur der Staatskapitalismus. Und dieser kann sich nur in der Macht halten mit den Methoden des Faschismus. Diese Methoden aber sind von der Geschichte bereits ad absurdum gefĂŒhrt.

WĂ€hrend in Deutschland sich diese Entwicklung abspielte und ganz Europa in das Chaos zu stĂŒrzen im Begriff ist, schuf in Russland der Bolschewismus ohne Privateigentum und Privatkapitalismus durch ein großzĂŒgiges Experiment eine Staatswirtschaft, die als Sozialismus gedacht war, aber als Staatskapitalismus endete. In Russland war die bĂŒrgerliche Revolution mit der sozialen Revolution zusammengefallen, ein Umstand, der die Bolschewiken zu der trĂŒgerischen Hoffnung verleitete, den Sozialismus schaffen zu können. Da aber im bolschewistischen Parteisystem kein Raum und in der russischen Wirklichkeit keine Möglichkeit zur Anwendung des RĂ€tesystems ist, das RĂ€tesystem aber das einzige Instrument zum Aufbau des Sozialismus bildet, gingen alle Errungenschaften der sozialen Revolution wieder verloren. Es blieb nur der tragische und verhĂ€ngnisvolle Irrtum, dass die Bolschewiken nach wie vor ihre Revolution fĂŒr eine soziale Revolution hielten und aus ihr die Gesetze fĂŒr die soziale Revolution in aller Welt abzuleiten suchten. Das wurde zu einer Quelle fĂŒr tausenderlei IrrtĂŒmer, MissverstĂ€ndnisse, FehlschlĂ€ge, Konflikte, Katastrophen, zuletzt zur Quelle des Stalinismus, des Verrats am Sozialismus, des Paktes mit dem Faschismus, des russischen Imperialismus und des schließlichen Untergangs der bolschewistischen Diktaturherrschaft, der als Folge des Zweiten Weltkriegs noch bevorsteht. Der Bolschewismus, ein Staatskapitalismus und eine BĂŒrokratendiktatur wie der Faschismus, wird und muss das gleiche Schicksal haben wie dieser.

Auch die demokratischen MĂ€chte werden im Bankrott enden, wenn sie versuchen, ihren etwaigen Sieg im Zweiten Weltkrieg dazu zu benutzen, das alte liberale Wirtschafts- und Gesellschaftssystem fĂŒr weitere Dauer zu retten und zu verewigen. Die Entscheidung fĂ€llt im Zweiten Weltkrieg, entweder zugunsten eines verspĂ€teten Föderativ-Kollektivismus auf staatskapitalistischer Basis, also einer Faschisierung der gesamten Kapitalswelt, oder zugunsten einer sozialen Revolution, die den Weg zum Sozialismus freimacht.

Solange freilich die Arbeiterbewegung an ihren alten Organisationsformen, parlamentarischen und pseudoklassenkĂ€mpferischen Methoden, taktischen und strategischen Überholtheiten festhĂ€lt, wird ihr der Sieg in der Revolution versagt sein.

Erst wenn sie dazu ĂŒbergeht, den Gesamteinsatz ihrer großen Zahl, ihre entscheidende Rolle im Produktionsprozess, die Emanzipation von einer verbĂŒrgerlichten FĂŒhrerschaft und die Freiheit ihrer eigenen Initiative und Selbstbestimmung durch das Mittel des RĂ€tesystems in die Waagschale zu werfen, wird sie zu einem Sozialismus gelangen, „wo die Freiheit eines jeden die Bedingung fĂŒr die freie Entwicklung aller ist“.




Quelle: Panopticon.blackblogs.org