April 27, 2021
Von Graswurzel Revolution
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Anton Brokow-Loga und Frank Eckardt: Stadtpolitik fĂŒr alle. StĂ€dte zwischen Pandemie und Transformation. Verlag Graswurzelrevo-lution, Heidelberg 2021, 67 Seiten, 9,90 Euro, ISBN 978-3-939045-45-8

Wir erleben aktuell, wie Pandemie und Klimakatastrophe das Leben in den StĂ€dten beeintrĂ€chtigen und viele Menschen auf eine harte Probe stellen. Schon lange bestehende Probleme werden unter diesen Bedingungen verstĂ€rkt. Die beiden Autoren dieses BĂŒchleins, Anton Brokow-Loga und Frank Eckardt, verfallen deswegen allerdings nicht in einen lĂ€hmenden Pessimismus, sondern arbeiten optimistisch und mutmachend heraus, wie unter krisenhaften Bedingungen die Bereitschaft erwĂ€chst, aus aktuellen Erfahrungen zu lernen und eingefahrene Wachstumspfade verlassen werden können, um Neues auszuprobieren. ZunĂ€chst jedoch stellen die beiden Autoren fest, dass ein Teil der Menschen auf die jetzigen komplexen Krisen mit OhnmachtsgefĂŒhlen reagiert und sich einige autoritĂ€ren ErklĂ€rungsversuchen und Verschwörungstheorien zuwenden. BegĂŒnstigt wird dieses Verhalten durch das Schwinden des Zusammenhalts in den Stadtgesellschaften, den Kommunikationsverlust und die Polarisierung zwischen den unterschiedlichen Schichten, Gruppen und „Blasen“. WĂ€hrend es beispielsweise den Einen aufgrund ihrer Mittelstandzugehörigkeit relativ einfach gelingt, Tempo 30-Zonen fĂŒr ihre schöne Wohngegend durchzusetzen, fĂ€llt es Ă€rmeren Stadtteilen schwerer, einen zufriedenstellenden Zugang zum öffentlichen Nahverkehr zu erkĂ€mpfen. Welche verblĂŒffenden Potentiale eine Krise freisetzen kann, wird in dem Bereich MobilitĂ€t herausgearbeitet. Da sich wĂ€hrend der Pandemie der Autoverkehr deutlich reduzierte, konnten FahrrĂ€der und FußgĂ€ngerInnen den nun freigewordenen Raum zurĂŒckerobern und hierdurch die staatlich geförderte Dominanz des Autos zurĂŒckdrĂ€ngen. Dies drĂŒckt sich in manchen GroßstĂ€dten sogar in neu ausgewiesenen breiteren Fahrradwegen auf den Autostraßen aus. Es eröffneten sich mit der Umverteilung des Straßenraumes neue Möglichkeiten, die von den Menschen erlebt und genossen werden konnten und durch administratives stĂ€dtisches Handeln flankiert wurden. WĂ€hrend der Pandemie zeigt sich deutlich, dass die beengte Wohnsituation eine fĂŒr viele Ă€rmere Menschen besonders bedrĂŒckende Situation darstellt, weil durch Homeschooling, Homeoffice und AusgangsbeschrĂ€nkungen die ohnehin bestehenden Probleme durch Übernutzung und fehlende RĂŒckzugsorte verstĂ€rkt wurden. Unter diesen Bedingungen ist die ungleiche Verteilung von Wohnraum und die Segregation zwischen Arm und Reich nicht zu ĂŒbersehen. Obwohl es wĂ€hrend der Anfangsphase der Pandemie eine Diskussion ĂŒber ZwangsrĂ€umungen von Mieter*innen oder die Situation von GeflĂŒchteten und Nichtsess-haften gab, geriet dieses Thema relativ schnell wieder aus dem Blickfeld der öffentlichen Diskussion. Einen grĂ¶ĂŸeren Raum widmen die Autoren der gegenseitigen Hilfe, dem Abbau von Vorurteilen und dem Entstehen von VerstĂ€ndnis und Empathie innerhalb der Stadtgesellschaft, um exklusive SolidaritĂ€t nur innerhalb von Gruppen und damit gegenseitige AusschlĂŒsse einzudĂ€mmen. Im gemeinsamen Lebensraum Stadt soll im Gegensatz zum neoliberalen „Konzern Stadt“ ein partizipatorischer Raum entstehen, indem Hierarchien abgebaut, Macht hinterfragt und gesellschaftliche Teilhabe vom Geldbeutel der Einzelnen entkoppelt wird. Eine Absage erteilen die Autoren den herkömmlichen neoliberalen Optimierungsoptionen wie der Beschleunigungs-Logik, bei der basisdemokratische GrundsĂ€tze verloren gehen und dem „Scaling Up“, bei dem lediglich eine schlichte wachstumsfixierte VergrĂ¶ĂŸerung von Projekten stattfindet. Kritisiert wird ebenfalls die Vision der wachstumsaffinen „Smart City“, die zu hohem Rohstoffverbrauch, massiven UmweltschĂ€den, AnfĂ€lligkeit fĂŒr CyberkriminalitĂ€t und digitaler Kontrolle fĂŒhrt und damit einer sozialen und ökologisch orientierten Stadtgesellschaft diametral entgegensteht. Bei der im Buch vorgeschlagenen Vorgehensweise steht hingegen die gesamte Stadt auf dem PrĂŒfstand, wie sie sich auf das globale Ökosystem und auf das Leben der Menschen in der restlichen Welt auswirkt. Klar ist, dass eine BeschrĂ€nkung auf eine lediglich technisch-ökologische Modernisierung ohne Infragestellung der bisherigen „imperialen Lebensweise“ den heutigen krisenhaften VerhĂ€ltnissen nicht gerecht werden kann. Eine erfolgreiche Transformation der Stadtgesellschaft erfordert eine Ausweitung der Selbstorganisation sowie mehr Zusammenarbeit und NĂ€he. Hierbei sind neue Formen der Planung und Entscheidungsfindung in Interaktion mit den „alten“ MĂ€chten wie Verwaltung und Kommunalparlament notwendig, deren Möglichkeiten ausfĂŒhrlich erlĂ€utert werden. Auf nur 67 Seiten gelingt es den beiden Wissenschaftlern der Bauhaus-UniversitĂ€t Weimar, die von Rudolf Rocker nach dem zweiten Weltkrieg formulierten AnsĂ€tze von „Gemein-desozialismus“ und den libertĂ€rem Kommunalismus Murray Bookchins mit besonderem Fokus auf Coronapandemie und Klimakatastrophe weiterzuentwickeln und neue konkrete Impulse zu geben. Es ist ein sehr gelungener Auftakt zur neuen Buchserie „Auf den Punkt“, mit der der Verlag Graswurzelrevolution auf aktuelle politische Entwicklungen eingeht.




Quelle: Graswurzel.net