November 17, 2020
Von Anarchistische Gruppe LĂŒbeck
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Zur Frage von Demonstrationen und Covid-19

Seit wir als Gesellschaft mit dieser Pandemie konfrontiert wurden, hat sich auch bald zeigt, was sie von uns fordert und wie viele von uns diesen Forderungen nachkommen. Um diese Pandemie bestmöglich ĂŒberstehen zu können, braucht es von uns vor allem viel SolidaritĂ€t. Konkret heißt das, um sich und andere nicht unnötig zu gefĂ€hrden, bleibt mensch fern von anderen Menschen. Viele taten genau das nicht.

Um uns nicht auf eine Stufe mit all jenen, welche komplett rĂŒcksichtslos durch diese Zeit gehen, zu stellen und um unseren Anspruch an eine Solidargemeinschaft aufrecht zu erhalten, sollten wir uns alle fragen, ob es wirklich notwendig ist, jede Demo und Kundgebung, die stattfindet, auch zu besuchen. Denn wennn wir ehrlich mit uns selbst sind, mĂŒssten wir eigentlich einsehen, dass trotz Hygienekonzepts die Situation auf Massenveranstaltungen hĂ€ufig zu unsicher und unkoordiniert ist, als dass die Einhaltung solcher Konzepte möglich wĂ€re. Dazu sei erwĂ€hnt, dass selbst das bestĂŒberlegte Hygienekonzept mit der grĂ¶ĂŸten Bereitschaft, dies einzuhalten, eine Infektion nicht ausschließen kann. Desweiteren macht mensch sich durch eine Teilnahme an Demos u.Ä. auch leichter angreifbar fĂŒr Repressionen, als es vor der Pandemie noch der Fall war. Das zeigt sich vor allem darin, dass Versammlungen viel leichter aufgelöst werden können und der Staat noch eine Anzeige wegen Verstoßes gegen das Infektionsschutzgesetz stellen kann. Trotz dieser Bedingungen werden weiterhin Massenveranstaltungen im großen Stil besucht, ohne dass nach Ausweichmöglichkeiten Ausschau gehalten wird. Damit ist nicht gemeint, dass mensch in diesen Zeiten komplett auf jede Teilhabe an der lebensphilosophischen RealitĂ€tsgestaltung verzichten solle. Auch soll dieser Text nicht dazu anregen, Demonstrationen zu meiden. Vielmehr soll im Folgenden aufgezeigt werden, dass unsere Aktionsmöglichkeiten vielfĂ€ltig und breit gefĂ€chert sind und dass eine grĂ¶ĂŸere Verteilung auf unterschiedliche Aktionsformen erstrebenswerter ist als ein alleiniger Fokus auf Demos.

Die Tatsache, dass auch wĂ€hrend der Pandemie hauptsĂ€chlich zu Demonstrationen mobilisiert wird, zeugt von einer gewissen InflexibilitĂ€t in der Szene, wo uns doch gerade jetzt, da der Staat Verordnungen nicht einmal ansatzweise demokratisch beschließt, klar sein sollte, dass wir keinen Einfluss auf unsere LebensrealitĂ€t im Parlamentarismus haben, wenn wir weiterhin nur symbolische und rechtlich tolerierte Aktionen praktizieren. Eigentlich sollte uns klar sein, dass Demonstrationen vor allem deshalb staatlich toleriert sind, weil sie eine sehr geringe Chance haben, direkt und unverzĂŒglich etwas zu Ă€ndern. Ihr Wert beruht maßgeblich in der Symbolik. Doch ist es uns wert fĂŒr Symbolik die Ausbreitung einer potentiell tödlichen Krankheit voranzutreiben?

Schon zu lange lĂ€sst es sich bedauerlicherweise beobachten, dass die Szene zunehmend in die LegalitĂ€t abrutscht. Dieser Prozess an sich ist schon sehr kritisch zu betrachten, im Kontext der aktuellen Situation jedoch ist er Ă€ußerst bedenklich. Will mensch wirklich weiterhin nur so agieren, wie es das System erlaubt, auch wenn Leben dabei auf dem Spiel stehen?

Im Angesicht dessen, dass gerade auch polizeiliche AutoritĂ€t in den Corona-Verordnungen eine starke Existenz- und AuslebungsbegrĂŒndung gefunden hat, muss die SubversitĂ€t dem entgegengehalten werden. Wir mĂŒssen zwar darauf achten, dass unsere KĂ€mpfe nicht in den Schatten der Pandemie gedrĂ€ngt werden. Jedoch lĂ€sst sich gesellschaftliche Aufmerksamkeit nicht nur durch eine möglichst hohe Personenzahl generieren. Sabotage und direkter Angriff auf die Staats- und Wirtschaftsordnung erzeugt ebenso viel – wenn nicht manchmal mehr – Aufmerksamkeit. Ebensolche direkten Aktionen erwecken bei der AusĂŒbung nicht das Bild, mensch könne nur öffentlich und konform agieren, sondern zeigen, dass wir nicht nur Bitten und Forderungen stellen, sondern die Geschehnisse der Welt selbst in die Hand nehmen. DafĂŒr muss es nicht einmal nur der Angriff sein. Aktionen wir Nachbarschaftshilfe und -vernetzung, Foodsharing und selbstorganisierte Medizin- und Lebensmittelbeschaffung, sowie deren Verteilung setzen ein genauso sichtbares Zeichen wie brennende Polizeiautos im Dunkel der Nacht. Diese Solidarmaßnahmen, sowie auch der offensive Kampf gegen bestehende AutoritĂ€tssysteme lassen sich alle dezentral organisieren und ausfĂŒhren. Deshalb sei erwĂ€hnt, dass derartige Aktionen eine wesentlich geringere Personenzahl erfordern. Somit verringert DezentralitĂ€t nicht nur das Risiko, Repression zu erfahren. Wenn diese dezentrale Organisierung dann auch noch auf die Insurrektion (Aufhebung, aufstĂ€ndische UmwĂ€lzung) der HerrschaftsverhĂ€ltnisse aus ist, wird sie deutlich effektiver sein, als eine aufmerksamkeitsbezogene Symbolik. Außerdem lassen sich direkte Aktionen im kleinen Rahmen wesentlich konstanter und in erhöhter RegelmĂ€ĂŸigkeit durchfĂŒhren, da sie keinen langen Mobilisierungsaufwand benötigen. Zum Beispiel ziviler Ungehorsam kann auch von Individuen ohne viele Mitteilnehmende oder Organisation verĂŒbt werden. Auch Demos sind nicht a priori ein Ding der Unmöglichkeit. Nur sollten sie wohlĂŒberlegt und im besten Falle klein, laut und sehr aktiv vollzogen werden.

Dies sind besondere Zeiten, das lĂ€sst sich nicht abstreiten. Doch wir dĂŒrfen uns nicht in Ohnmacht fliehen, unsere KĂ€mpfe komplett niederlegen oder nur dasselbe wie immer praktizieren. Es findet tĂ€glich ein neuer Umbruch statt und wir mĂŒssen dieses Momentum nutzen, spontan und kreativ werden. Inspiration lĂ€sst sich ĂŒberall finden. Auch schon frĂŒher lösten sich Nazi-, Bonzen- und Bullenkarren in Rauch auf, selbstorganisierte Hilfe und Attacke auf allen Ebenen sind keine neuen Konzepte. Mensch muss nur offen fĂŒr Inspiration sein.

Lasst uns den ganzen Facettenreichtum unseres Handlungssprektrums erkennen und unser volles Potential ausnutzen!




Quelle: Aghl.noblogs.org