Februar 12, 2021
Von Paradox-A
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Lesedauer: 6 Minuten

zuerst veröffentlicht auf: untergrund-blÀttle.ch

KĂŒrzlich, am 8. Februar war der 100. Todestag von Peter Kropotkin, dem bekanntesten Denker des anarchistischen Kommunismus. Mit seinen theoretischen Arbeiten zur Humangeographie, zu SolidaritĂ€t und gegenseitigen Hilfe, zur Entstehung des Staates, zur französischen Revolution und zu einer materialistischen Ethik prĂ€gte er die Grundbegriffe des libertĂ€ren Sozialismus mit. Sein Anliegen war der Nachweis darĂŒber, dass eine Gesellschaft, die wirkliche Freiheit und Gleichheit gewĂ€hrleistet möglich und rational begrĂŒndbar ist.

Diese konkrete Utopie wurde im Konzept der Föderation dezentraler, autonomer Kommunen verkörpert. Eine anarcho-kommunistische Gesellschaft entsteht nicht einfach von selbst, sondern kann nur durch soziale Bewegungen erkÀmpft und mittels Alternativstrukturen aktiv aufgebaut werden. Kropotkin vertrat die Ansicht, dass die Entwicklung der Gesellschaft anhand der Auseinandersetzung zwischen autoritÀren, staatlichen, zentralistischen Tendenzen einerseits und libertÀren, selbstorganisierten, föderalen Bewegungen andererseits verlÀuft.

Auch wenn sich hieraus keine historische GesetzmĂ€ssigkeit ableiten lĂ€sst, war er dennoch zutiefst davon ĂŒberzeugt, dass soziale Fortschritte möglich sind – auch wenn dies viele Jahrhunderte brauche. Mit dieser Überzeugung engagierte sich Kropotkin auch fĂŒr die Organisation und Bewusstseinsbildung der selbstorganisierten, radikalen Sozialist*innen.

Dass Kropotkins Theorien auch heute und aktuell (wieder) eine grosse Relevanz aufweisen, dafĂŒr spricht zum Beispiel die Neuerscheinung von Marina Sitrin und dem Colectiva Sembrar. Darin beziehen sie sich explizit auf die anarchistischen Konzepte von SolidaritĂ€t und gegenseitiger Hilfe mit welchen sich soziale Bewegungen im Hier und Jetzt organisieren, als zugleich auch die erstrebenswerte solidarische Gesellschaft vorwegnehmen können.

Solidarische Strukturen und Beziehungen werden im Sammelband implizit als greifbare Alternative zur staatlichen – und oft repressiv durchgesetzten – PandemiebekĂ€mpfung gerahmt. Menschen nĂ€hen selbstĂ€ndig Masken und verteilen sie, organisieren Betreuung fĂŒr Kinder und Alte, unterstĂŒtzen und wertschĂ€tzen Arbeitende im Gesundheitssektor, wehren sich kollektiv gegen staatliche Zumutungen, finden selbst Regeln, um AbstĂ€nde einzuhalten, organisieren Lebensmittelverteilungen, unterstĂŒtzen sich in der psychischen Belastung wĂ€hrend der Pandemie, entwickeln kreative Formen um sich gegenseitig selbst zu bilden, produzieren und teilen kulturelle GĂŒter


Da gibt es so vieles, was unter anderem in der Zeit seit Ausbruch der Covid-19-Pandemie geschehen ist. Und was oft nicht in unser Blickfeld gerĂ€t. Wir neigen dazu all diese Graswurzelinitiativen zu ĂŒbersehen – ob sie von politisierten Gruppierungen getragen werden oder von welchen Gemeinschaften und Personen auch immer. Einer der GrĂŒnde dafĂŒr ist, dass wir nicht wertschĂ€tzen, was uns als selbstverstĂ€ndlich erscheint, obwohl es in staatlichen Vorgaben und Massnahmen gar nicht aufgeht, ja, deren Rahmen sogar aufsprengt. Ein anderer, dass die kapitalistischen Medien nur sehr selten von Geschichten und Zeugnisse der AlltagsunterstĂŒtzung berichten.

Schliesslich mag ein dritter Grund fĂŒr die Unsichtbarkeit solidarischer Praktiken auch darin liegen, dass die alltagsweltliche Selbstorganisation oft viel schneller und bisweilen deutlich effektiver zur PandemiebekĂ€mpfung und ihren Folgeerscheinungen beitrĂ€gt, als die staatliche Regulierung es jemals könnte. Die Frage nach der gesamtgesellschaftlichen Relevanz von Graswurzelbewegungen, deren Initiativen und Praktiken ist eine Frage nach der Perspektive, die wir einnehmen – und welche wir stark machen wollen.

An dieser Stelle spinnt sich der Faden recht eindeutig zu Kropotkins Denken zurĂŒck. Mit Pandemic Solidarity schauen die Autor*innen dorthin, wo Hoffnung gerade im Zusammenbruch wĂ€chst. Und dass es sich hierbei nicht lediglich um die Kompensation des durch die Herrschaftsordnung produzierten Elends handelt, sondern die neue Gesellschaft nur in der Schale der alten aufgebaut werden kann, ist ihr unausgesprochenes Argument.

Der Sammelband ist wertvoll, weil er eine Vielzahl von Autor*innen versammelt, die derartige GraswurzelansĂ€tze in den Vordergrund stellen und ihnen Anerkennung zollen. Spannend darin ist insbesondere, dass sich darin BeitrĂ€ge aus aller Welt finden. Von Praktiken der gegenseitigen Hilfe und SolidaritĂ€t aus Rojava, der TĂŒrkei, dem Irak, Taiwan, Korea, Indien, SĂŒdafrika, Portugal, Italien, Griechenland, Grossbritannien, Argentinien und Brasilien können wir dort erfahren.

Damit wird mit dem Buch ganz klar die Notwendigkeit verdeutlicht, dass radikale GesellschaftsverĂ€nderung – ebenso wie die BewĂ€ltigung der Pandemie – nur global gedacht werden kann. Dies fĂŒhrt zu einer BeschĂ€ftigung mit der merkwĂŒrdigen Gleichzeitigkeit und Unterschiedlichkeit in welcher verschiedene Menschen sich weltweit befinden. Ebenso wird damit die AbhĂ€ngigkeit und Angewiesenheit aufeinander verdeutlicht – aus welchen StĂ€rke in der Auseinandersetzungen fĂŒr eine lebenswerte Zukunft fĂŒr alle erwachsen kann. Daher zeigt sich in der Zusammensetzung der BeitrĂ€ge auch eine klare postkoloniale Herangehensweise.

Das Vorwort schrieb die Autorin und Journalistin Rebecca Solnit, welche unter anderem durch ihre BeschĂ€ftigung mit dem durch Menschen geförderten Desaster der VerwĂŒstung von New Orleans durch den Hurrican Katrina 2005, bekannt wurde. In einem Beitrag aus dem Mai letzten Jahres schrieb sie im britischen Guardian:

„Eine der grössten Klischees ĂŒber Katastrophen ist, dass sie aufzeigen wĂŒrden, wie dĂŒnn die Fassade der Zivilisation wĂ€re, unter welcher die brutale menschliche Natur liegen wĂŒrde. Aus dieser Perspektive wĂ€re selbstsĂŒchtige EigennĂŒtzigkeit das Beste, was wir fĂŒr die meisten Menschen in der Krise hoffen könnten. Schlimmstenfalls wĂŒrden sie schleunigst zur nackten Gewalt umschwenken. Unsere schlimmsten Instinkte mĂŒssten demnach unterdrĂŒckt werden. Diese Ansicht dient [bekannterweise] als Rechtfertigung fĂŒr Autoritarismus und strenger Kontrolle. [
] Doch Studien historischer Katastrophen haben gezeigt, dass dies nicht die Weise ist, wie sich die meisten Menschen tatsĂ€chlich verhalten. Nahezu ĂŒberall gibt es eigennĂŒtzige und zerstörerische Menschen. Oftmals befinden sie sich an der Macht, weil sie ein System erschaffen haben, welche diese Art Persönlichkeit und derartige Prinzipien belohnt. Doch in gewöhnlichen Katastrophen verhĂ€lt sich die grosse Mehrheit der Leute auf Weisen, die alles andere als egoistisch sind. Wenn wir in der Metapher der Fassade bleiben, offenbart sich bei ihrem Zusammenbrechen, eine ungeheure KreativitĂ€t, grosszĂŒgiger Altruismus und Graswurzelorganisierung. Mit der globalen Pandemie erscheint dieses empathische DrĂ€ngen und Handeln weiter, tiefgreifender und konsequenter denn je vorhanden zu sein“.

https://www.theguardian.com/world/2020/may/14/mutual-aid-coronavirus-pandemic-rebecca-solnit

Mit dieser Herangehensweise wird meiner Ansicht nach deutlich, was auch fĂŒr den westeuropĂ€ischen Kontext lĂ€ngst ĂŒberfĂ€llig ist: Die notwendige Einsicht darin, dass es sich eine irgendwie geartete gesellschaftliche Linke, dass es sich kritisch eingestellte Intellektuelle und linksradikale Gruppen nicht mehr leisten sollten, in ihren Abstraktionen und GrabenkĂ€mpfen, ihren rein negativen Kritiken und ihrem desaströsen Zynismus zu verharren.

Menschen, die von anarchistischen Gedanken inspiriert sind oder mit ihnen sympathisieren, richten sich nach der konkreten Utopie einer erstrebenswerten Gesellschaft aus, versuchen sich nach ihr zu organisieren und aufzuzeigen, wo sie bereits anbricht und gelebte Wirklichkeit ist. Dies ist keine Sichtweise von idealistischen TrÀumer*innen oder naiven Gutmenschen, mit welcher der BrutalitÀt und TotalitÀt der herrschenden VerhÀltnisse nichts entgegen gesetzt werden könnte.

Vielmehr handelt es sich realistischerweise um die einzige echte Option, die Menschen haben, um HerrschaftsverhĂ€ltnisse umfassend abzubauen und ihnen solidarische, egalitĂ€re Institutionen und Beziehungen entgegen zu setzen. Jene, die stattdessen weiter „Auweia Anarchisten!“ schreien wollen, sei dies unbenommen[1] – ĂŒberdeutlich wird aber, dass sie die Zeichen der Zeit nicht erkannt haben und lieber ihren Rechthabereien und der Ohnmacht ihrer totalen Ängsten frönen, als endlich aus dem verrotteten GebĂ€ude des staatlich Kapitalismus auszubrechen und ein neues aufzubauen.

In diesem Sinne gebe ich noch einen Einblick in Pandemic Solidarity aus dem Vorwort von Marina Sitrin:

„Es gibt eine konstante, allumfassende Angst, eine kollektive Angst, die wir als gegenwĂ€rtig lebende Menschen noch nicht zu diesem Grad an KollektivitĂ€t erfahren haben. Und, ja, wĂ€hrend wir alle im selben schrecklichen Sturm sind, der Covid-19 heisst, sitzen wir nicht alle im selben Boot. In Krisen und Katastrophen zeigen sich strukturelle Ungleichheiten und die aktuelle Situation offenbart die HĂ€sslichkeit und systematische UnterdrĂŒckung und Ungleichheit, auf welche ein Grossteil unserer Gesellschaften aufgebaut ist, in welchen sehr wenige privilegiert werden und der Rest von uns gegen einander aufgehetzt und ausgespielt wird. [
] Darin finden wir etwas Tiefgreifendes, welches mit der Wahrheit verbunden ist, wer wir wirklich sind, nicht, was uns gesagt wurde, wer wir seien. Ja, wir haben Angst. Ja, wir empfinden Angst und Verletzbarkeit und was wir damit tun – immer und immer wieder, durch die gesamte Geschichte und heute mehr als jeweils –, ist, uns nacheinander auszustrecken und Wege zu finden, fĂŒreinander zu sorgen. Wir empfinden alle diese Dinge und dies ist ein UND. Wir brauchen uns nicht zwischen Angst oder Hilfe, zwischen Verletzlichkeit und Offenheit, beschĂŒtzend und beschĂŒtzend zu entscheiden. Wir können und wir tun alle diese Dinge und dies ist es, was diese Situation auf eine zutiefst hoffnungsvolle Weise gleichzeitig erschreckend UND transformativ macht. [
] Die Geschichten in dieser Textauswahl zeigen uns auf unterschiedliche Weise eine Art von Gesellschaft, die wir haben könnten und welche wir faktisch bereits haben. Unsere Einladung an euch auf diesen Seiten, unsere lieben Lesenden, ist Inspirationen und konkrete Ideen zu sammeln, wie ihr euch in die bereits existierenden Projekte einbringen und sie ausweiten könnt. Diese Pandemie erzeugt kleine und grosse Risse – was wir mit diesen Spalten machen, liegt an uns. Die neue Welt ist bereits erschaffen, es ist an uns, diese Schöpfung auszudehnen, sie kontinuierlich immer weiter in die Höhe zu spinnen 
 bis zu einem Punkt, den wir noch nicht kennen“[3].

Marina Sitrin, Introduction, Xvi-xxiv.

https://www.untergrund-blÀttle.ch/politik/deutschland/mit-der-autonomen-selbstorganisation-gegen-die-covid-pandemie-vorgehen-6161.html




Quelle: Paradox-a.de