November 25, 2020
Von Non Fides
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Man glaubte sich schon an den tĂ€glichen Anblick gewöhnt zu haben
 Tausende von den Verdammten dieser Erde, die den Entschluss gefasst haben, ihre Familien, Freunde und Angehörigen zurĂŒckzulassen und die mit der Erwartung auf Hoffnung in den Strassen Paris` gelandet sind. Das Elend, das keinesfalls neu ist, befindet sich nun also durch den Zufall der UmstĂ€nde vor den Augen aller. In diesem Elend, das die Verwalter „den Migrations-Parcours“ nennen, sind die Camps nicht der erste und auch nicht der letzte Schritt.

Nun ist es geregelt: die Gewalt des Gesetzes wurde mobilisiert, um die Armen einzuladen und abzutransportieren, niemand weiss wohin, weg von unserem tĂ€glichen Blickfeld, weg von unseren kleineren oder grösseren Sorgen der Trauer, der Empörung, der Übertreibung, der Machtlosigkeit oder der GleichgĂŒltigkeit. Das Leben ist endlich wieder zur NormalitĂ€t zurĂŒckgekehrt: Die Jugend kann sich wieder dem Sport zuwenden, so wie sie es gemacht hatte, die Familien können wieder unter dem Geruch der Tannen spazieren gehen, und all das in der Sicherheit der vom BĂŒrgermeisteramt aufgestellten Gitter.

Das Elend besteht weiterhin, so, wie es auch schon vor den Camps in den Strassen von Stalingrad bestanden hat. Die Bullen, die regelmĂ€ssig kamen, um zu kontrollieren, wegzuschicken, zu schlagen oder einfach, um die Menschen zu terrorisieren, haben ihre dreckige Arbeit nicht ausgesetzt. Die Behörden des OFPRA (Office française de protection des rĂ©fugiĂ©s et apatrides, Französisches Amt zum Schutz von FlĂŒchtlingen und Heimatlosen) haben nicht aufgehört, unter denjenigen Einteilungen vorzunehemen, die es, nach ihnen, verdienen, als FlĂŒchtlinge angesehen zu werden und dem Rest, dem die Kontrollen, die Einsperrung in den CRAs, die Abschiebungen und in der Zwischenzeit auch die beschleunigte Ausbeutung und der soziale Ausschluss vorenthalten werden. Die Bau- und Unterhaltungsfirmen der CRAs, wie Vinci, die Banken, die die Sans-Papiers verpfeifen, wie LCL, La Poste und BNP, diejenigen, die abschieben, wie SNCF oder Air France, sowie eine ganze Palette an Zeitarbeitsfirmen, bilden ein GeschĂ€ftsfeld, fĂŒr das die Misere der Migranten nur eine weitere rentable MarktlĂŒcke ist. Und nicht zu vergessen die netten, karitativen und kommunalen Geister, das BĂŒrgermeisteramt an vorderster Stelle, die alles dafĂŒr tun, dass dieser Schrecken hinter den sportlichen und familiĂ€ren AktivitĂ€ten vergessen geht.

Und nun?

Ein Schritt

Auch wenn wir in einer Zeit leben, in der die ganze Welt, von der extremen Rechten bis zur extremen Linken, uns nach Herkunft, dem schwachsinnigen Glauben, der ins Unendliche teilbaren Leiter der sozialen Hierarchie, den IdentitĂ€ten, die eine leerer als die andere, nach den „Rassen“ einzuteilen versucht, halten wir daran fest, dass die SolidaritĂ€t von allen Verdammten dieser Erde geteilt wird. Wir weisen es zurĂŒck, die Migranten ohne Papiere als getrennt von uns selbst zu betrachten. Wir akzeptieren es nicht, „wir“ ohne AnfĂŒhrungszeichen zu sagen.

Angesichts des extremen Elends, wie diesen Sommer in den Strassen rund um Stalingrad, kann das GefĂŒhl der SolidaritĂ€t mit uneingestandem Mitleid, ungeschickter Herablassung, ohnmĂ€chtiger Verzweiflung wirr durchsetzt sein. Das ist nicht heroisch aber auch keine Schande.

Aber kann man nur mit denen solidarisch sein, die „uns“ Ă€hnlich sind? Vielleicht. Sollte man betonen, dass die Ausbeutung der Migranten eine intensivere Version dessen ist, was jeder Prolet bei der Arbeit erlebt? Oder dass auch die GefĂ€ngnisse, gleich wie die CRAs, fĂŒr all diejenigen reserviert sind, die es nicht schaffen zu beweisen, dass sie einen Platz in dieser „bessten“ aller Gesellschaften haben? Man weiss es nicht.

Es sollte jedoch nicht darum gehen, aufgrund der Ähnlichkeit des Elends ein Argument fĂŒr die SolidaritĂ€t zu machen. Und dies fĂŒr einen guten Grund: Unser Problem ist weniger das Elend, sondern vielmehr seine Akkzeptanz. Die SolidaritĂ€t stĂŒtzt sich demnach nicht auf der gemeinsamen Misere, sondern auf der geteilten Ablehnung derjenigen.

Angesichts der in letzter Zeit kĂŒnstlich erzeugten Leere, war die Gleichung eine einfache: Dem lebendigen Mensch folgt ein nach Tanne riechender Wald, danke der Poesie – angesicht der Leere also, erfordert die Idee der SolidaritĂ€t mehr von allen: Sie erfordert einen bewussten Schritt, eine aktive Bejahung. Der falsche Inhalt und die reale Leere der Strassen im Quartier um Stalingrad antworten nicht mehr auf die alltĂ€glichen Gesten der Empathie und dies aus dem gleichen Grund, der sie unzureichend, ja, auch wenn bis vor ein paar Wochen verstĂ€ndlich, sogar lĂ€cherlich machte: Es ist der Staat und seine Zöllner der menschlichen Ware, die tausende von Menschen dazu bringen, sich auf den Strassen niederzulassen; es sind die EigentĂŒmer und die Ausbeuter, die sie davon abhalten, von dort aufzubrechen; es ist der Staat und seine WĂ€rter, die sie schliesslich einsammeln, einsperren und abschieben.

Die federfĂŒhrenden AutoritĂ€ten bringen diese menschliche Katastrophe hervor und haben dann die Frechheit, sich bei denen zu bedanken, die, angetrieben von der menschlichen Empathie, das Elend „austragen“, das sie geschaffen haben?

Zweiter Schritt

Was tun also? Werden wir es der makaberen Inszenierung vergeben, die alles tut, damit man die Katastrophe vergisst, wenn man durch die Strassen Paris` schlendert? Werden wir uns bei unseren Herren bedanken, die das Elend verborgen haben, wĂ€hrend wir weiterhin in den KnĂ€sten, in den Strassen und an den Grenzen zu Grunde gehen? Werden wir uns weiterhin an die fĂŒr diesen Zustand verantwortliche Gewalt wenden und auf eine unwahrscheinliche Lösung ihrerseits lauern?

Nein. Beginnen wir mit dem.

Die Strassen von Stalingrad bis JaurĂšs sind leer, wenden wir den Blick ab, folgen wir der Aussicht der klaren Gegenwart, ziehen wir eine Grenze, ziehen wir die Schlussfolgerungen. Wir erachten all diejenigen fĂŒr verantwortlich, die, schlicht durch ihren Beruf, andere zum Elend verdammen, das in Stalingrad bis vor kurzem sichtbar war. Wir erachten all diejenigen fĂŒr verantwortlich, die in der Inhaftierung und den Abschiebungen einen profitablen Markt gefunden haben. Wir erachten diejenigen fĂŒr verantwortlich, die das groteske Maskenspiel anfĂŒhren, dessen Ziel das Vergessen und die Entlastung aus der Verantwortung ist. Wir erachten sie fĂŒr verantwortlich fĂŒr das uns gemeinsame Elend.

Wir appellieren nicht an die Beseitigung des Leids. Wir appellieren nicht an die abstrakte und leere Liebe zwischen allem und allen. Doch schlagen wir die Absage von all dem vor, was sich gegen die Möglichkeit des GlĂŒcks, der menschlichen SolidaritĂ€t und der Freiheit richtet.

Die aktive Absage, die jeder auf seine eigene Art und Weise finden und realisieren kann.

Das Elend ist uns gemeinsam, doch teilen wir nur die Wut, die sich gegen das GegenĂŒber richtet.

Auf das alles, was dies hervorbringt, untergeht.

Dritter Schritt

[ĂŒbersetzt von non-fides. Translation by Aus dem Herzen der Festung.]




Quelle: Non-fides.fr