MĂ€rz 4, 2021
Von SchwarzerPfeil
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Im folgenden ein Beitrag von bell hooks (engl. „Understanding Patriarchy“), der auch wenn er kein unmittelbar anarchistisches VerstĂ€ndnis des Patriarchats liefert, meines Erachtens nach wertvoll darin ist, pauschale und identitĂ€re Geschlechtszuweisungen, wie sie etwa in Anklagen wie „Ein Aufruf an ‚radikale‘ cis (het) MĂ€nner und ihre UnzulĂ€nglichkeit in Gender KĂ€mpfen“ und Ă€hnlichen Texten (wenn auch gewissermaßen verstĂ€ndlicherweise) immer wieder zum Ausdruck gebracht werden, auch in der theoretischen Betrachtung des Patriarchats zu ĂŒberwinden. Denn die Analyse, die letztlich nur die passiven, unterdrĂŒckten IdentitĂ€ten (ob Frauen, FLINT, queers, usw.) vs. aktive unterdrĂŒckende IdentitĂ€ten (ob MĂ€nner, cis, hetero, usw.) kennt, scheint mir in eine Sackgasse zu fĂŒhren, in der sich der Kampf um Befreiung in nichts anderem, als einem stumpfen Moralismus zu verlieren droht und in dem die einzige Befreiungsperspektive schließlich darin liegen wird, anzuklagen und aus einer Opferrolle heraus zu agieren (vielleicht schicke ich zu dem Thema demnĂ€chst noch einen gesonderten Text).

Meiner Meinung nach zeigt bell hooks deutlich auf, warum Patriarchat nicht mit (cis) MaskulinitĂ€t gleichzusetzen ist, warum Weiblichkeit (und das lĂ€sst sich auch auf queere IdentitĂ€ten ĂŒbertragen) eben nicht automatisch in einer bloß passiven UnterdrĂŒcktenrolle zu betrachten ist.

Ich will mit diesem Text eine kleine Reihe von Texten vorlegen, die ein solches VerstÀndnis aufbrechen und ein alternatives VerstÀndnis von Patriarchat und Geschlecht aufzeigen.



Teil 1: Das Patriarchat verstehen
Teil 2: Gender Nihilismus – Ein Anti-Manifest
Teil 3: NegativitÀt als Waffe: In Richtung des queersten aller Angriffe
Teil 4: Jenseits einer weiteren GeschlechteridentitÀt
Teil 5: Sicherheit ist eine Illusion
Teil 6: Was ist Anarchafeminismus?

Beginnend ab 4. MÀrz wird jeden Tag ein Teil der 6teiligen Serie veröffentlicht und hier daraufhin verlinkt.


Das Patriarchat verstehen

Das Patriarchat ist die lebensbedrohlichste soziale Krankheit, die den mĂ€nnlichen Körper und den Geist unserer Nation bedroht. Und doch benutzen die wenigsten MĂ€nner den Ausdruck vom “Patriarchat” in ihrer Alltagssprache. Die meisten MĂ€nner denken nie ĂŒber das Patriarchat nach, was es bedeutet, wie es entsteht und wodurch es am Leben gehalten wird. Viele MĂ€nner können dieses Wort nicht einmal buchstabieren oder es richtig aussprechen. Das Wort “Patriarchat” kommt in ihrem Alltagsleben und in ihren Alltagsgedanken eben nicht vor. MĂ€nner, die dieses Wort schon einmal gehört haben und kennen, verbinden es mit der Befreiung der Frau, mit Feminismus, und verwerfen es damit, weil es irrelevant sei und mit ihren eigenen Erfahrungen nichts zu tun habe. Seit ĂŒber 30 Jahre stehe ich nun schon auf BĂŒhnen und rede ĂŒber das Patriarchat. Ich selbst benutze dieses Wort tĂ€glich, und MĂ€nner, die mir zuhören, fragen mich oft, was ich damit meine.

Die alte anti-feministische These von den allmĂ€chtigen MĂ€nnern wird durch nichts besser widerlegt als durch die Tatsache, dass MĂ€nner eine Hauptkomponente unsere politischen Systems grundlegend ignorieren, welche aber mĂ€nnliche IdentitĂ€t und mĂ€nnliches Selbstempfinden von der Geburt bis zum Tod formt und zu dem macht, was es ist. Oft benutze ich den Begriff vom “imperialistischen, rassistischen [white supremacist], kapitalistischen Patriarchat” um die ineinandergreifenden politischen Systeme deutlich zu machen, die der Politik unseres Staates zugrundeliegen. In unserer Kindheit und Jugend prĂ€gt uns von all diesen Systemen das Patriarchat am meisten, selbst wenn wir von diesem Wort noch nie gehört haben. Als Kinder werden uns patriarchale Rollenbilder zugeschrieben und unser Leben lang wird uns gezeigt, wie wir die am besten ausfĂŒllen.

Das Patriarchat ist ein politisches-soziales System, das darauf besteht, dass MĂ€nner von Geburt an dominanter sind, dass sie allem und jedem, die*der dazu verdammt sind, schwach zu sein, ĂŒberlegen sind, vor allem Frauen. MĂ€nner seien mit dem Recht ausgestattet worden, dominant zu sein und ĂŒber die Schwachen zu herrschen. Diese Dominanz wird durch verschiedene Arte von Psychoterror und Gewalt aufrecht gehalten. Mein Ă€lterer Bruder und ich wurden im Abstand von einem Jahr geboren und das Patriarchat bestimmte darĂŒber, wie wir beide von unseren Eltern behandelt wurden. Unsere Eltern glaubten an das Patriarchat, durch ihre Religion waren ihnen patriarchale Denkstrukturen beigebracht worden.

In der Kirche hatten sie gelernt, dass Gott die MĂ€nner geschaffen hĂ€tte um die Welt zu beherrschen und alles, was es so in dieser Welt gibt, und dass es die Aufgabe von Frauen sei, den MĂ€nnern dabei zu helfen, zu gehorchen und immer eine untergeordnete Rolle im Vergleich zu den mĂ€chtigen MĂ€nnern zu spielen. Ihnen wurde beigebracht, dass Gott mĂ€nnlich ist. Jede Institution, der sie in ihrem Leben begegneten, bestĂ€rkte dieses Denken, seien es Schulen, Gerichte, Klubs, Sportarenen oder Kirchen. Indem sie das patriarchale Denken annahmen, so wie alle anderen um sie herum auch, gaben sie es auch an ihre Kinder weiter, weil es wie der “natĂŒrliche” Weg wirkte, das Leben zu organisieren.

Als ihre Tochter wurde mir beigebracht, dass es meine Rolle sei, zu dienen, schwach zu sein, frei von der BĂŒrde, denken zu mĂŒssen, sich um andere zu kĂŒmmern und sie zu erziehen. Meinem Bruder wurde beigebracht, dass es seine Rolle sei, bedient zu werden, stark zu sein, zu denken, strategisch zu sein, PlĂ€ne fĂŒr sein Leben zu entwickeln und sich zu weigern, sich um andere zu kĂŒmmern oder sie zu erziehen. Mir wurde beigebracht, dass es sich fĂŒr Frauen nicht gehöre, gewalttĂ€tig zu sein, dass das “unnatĂŒrlich” sei. Meinem Bruder wurde beigebracht, dass sich sein Wert in seiner Willem, Gewalt auszuĂŒben bemesse (wenn auch nur in angemessenen Umgebungen). Ihm wurde beigebracht, dass es fĂŒr Jungen gut sei, Gefallen an Gewalt zu finden (wenn auch nur in angemessenen Umgebungen). Ihm wurde beigebracht, dass ein Junge seine GefĂŒhle nicht ausdrĂŒcken sollte. Mir wurde beigebracht, dass MĂ€dchen GefĂŒhle ausdrĂŒcken können und sollen, jedenfalls manche GefĂŒhle. Wenn ich wĂŒtend darauf reagierte, dass mir irgendein Spielzeug vorenthalten wurde, wurde mir, einem MĂ€dchen in einem patriarchalen Haushalt, gesagt, dass Wut kein angemessenes feminines GefĂŒhl sein, dass dieses GefĂŒhl nicht nur nicht ausgedrĂŒckt, sondern gĂ€nzlich ausgelöscht werden sollte. Wenn mein Bruder wĂŒtend darauf reagierte, dass ihm irgendein Spielzeug vorenthalten wurde, wurde ihm, einem Jungen in einem patriarchalen Haushalt, gesagt, dass seine FĂ€higkeit, wĂŒtend zu sein, gut sei, dass er aber lernen mĂŒsste, einzuschĂ€tzen, wann die beste Gelegenheit sei, Gewalt freien Lauf zu lassen. Er lernte, dass Wut nicht das richtige Mittel sei, um gegen die WĂŒnsche seiner Eltern zu rebellieren. Aber spĂ€ter, als er erwachsen wurde, wurde ihm beigebracht, dass Wut sehr wohl erlaubt sei und dass, wenn er es zuließe, durch seine Wut provoziert zu werden, ihm dies helfen wĂŒrde, sein Zuhause und seinen Staat zu verteidigen.

Wir lebten damals auf dem Land, weit entfernt von anderen Leuten. Unsere Vorstellung von Geschlechterrollen ĂŒbernahmen wir von unseren Eltern, dadurch, dass wir durch ihr jeweiliges Verhalten beeinflusst wurden. Sowohl mein Bruder als auch ich erinnern uns an unsere Verwirrheit, was die Geschlechterrollen betraf. In Wirklichkeit war ich nĂ€mlich stĂ€rker als mein Bruder, schnell lernten wir, dass das nicht gut sei. Obwohl wir also oft verwirrt waren, wussten wir eine Sache mit Sicherheit: Wir konnten nicht so sein, und uns nicht so verhalten, wie wir wollten, und nicht das tun, was wir wollten. FĂŒr uns war klar, dass unser Verhalten einem vorgeschriebenen, gegenderten Skript folgen musste. Erst in unserem Erwachsenenalter lernten wir das Wort “Patriarchat” kennen, und wir kamen zu der Erkenntnis, dass dieses Skript, dass bestimmt hatte, wie wir zu sein hatten, und was unsere IdentitĂ€t ausmachen sollte, auf patriarchalen Wert- und Glaubensvorstellungen beruhte.

Mir war immer mehr als meinem Bruder daran gelegen, das Patriarchart anzufechten, weil es mich dazu zwang, nicht an Sachen teilnehmen zu können, an denen ich aber teilnehmen wollte. Murmeln waren in unserer Familie war in den 50ern ein Spiel fĂŒr Jungen. Mein Bruder hatte seine Murmeln von mĂ€nnlichen Familienangehörigen vererbt bekommen, er besaß eine Zinnbox, in der er sie alle aufbewahrte. FĂŒr mich waren diese Murmeln, in allen möglichen GrĂ¶ĂŸen und Formen und wunderschön bemalt, das Schönste auf der Welt. Wir spielten zusammen Murmeln, wobei ich mich oft aggressiv an die Murmeln klammerte, die ich am schönsten fand und mich weigerte, sie zu teilen. Wenn mein Papa arbeiten war, fand es meine Mama, eine Hausfrau, schön, uns so zusammen spielen zu sehen. Aber Papa, der unser Spiel von einer patriarchalen Sichtweise aus begutachtete, missfiel, was er sah. Seine Tochter, aggressiv und wetteifernd bei der Sache, war eine bessere Spielerin als sein Sohn. Sein Sohn verhielt sich passiv, dem Junge schien es nicht wirklich wichtig zu sein, wer von beiden das Spiel gewann und war sogar damit einverstanden, Murmeln auszuhĂ€ndigen, wenn er dazu aufgefordert wurde. Papa entschied, dass dieses Spiel beendet werden mĂŒsste, dass sowohl mein Bruder als auch ich eine Lektion in Sachen Geschlechterrollen verdient hĂ€tten.

Eines Abends hatte mein Vater meinem Bruder mal wieder erlaubt, die Zinnschachtel mit den Murmeln hervorzuholen. Ich wollte beim Spiel mitmachen und wurde von meinem Bruder belehrt “dass MĂ€dchen nicht mit Murmeln spielen”, dass es sich um ein Jungenspiel handeln wĂŒrde. Dieser Gedanke wollte nicht in meinen 4- oder 5-jĂ€hrigen Kopf hinein und ich beharrte darauf, mitzuspielen, indem ich Murmeln aufhob und herumbolzte. Mein Vater mischte sich ein und befohl mir, damit aufzuhören. Ich hörte nicht auf ihn. Er wurde lauter und lauter. Dann plötzlich hob er mich hoch, brach eine Holzlatte aus unserer HaustĂŒr heraus und fing an, mich damit zu verprĂŒgeln. Dabei schrie er mich an: “Du bist nur ein kleines MĂ€dchen. Wenn ich dir sage, dass du etwas tun sollst, dann meine ich das auch so.” Er schlug und schlug mich, er wollte, dass ich mein Vergehen einsah. Sein Zorn, seine Gewalt, zog die Aufmerksamkeit der ganzen Familie auf sich. Sie saßen außerstande sich zu rĂŒhren, in den Bann gezogen von dieser Pornographie der patriarchalen Gewalt. Nach dem PrĂŒgeln wurde ich verbannt – dazu gezwungen, alleine im Dunkeln zurĂŒckzubleiben. Mama kam ins Schlafzimmer, um meinen Schmerz zu lindern, und erklĂ€rte mir in ihrem sanften SĂŒdstaatenakzent: “Ich hab versucht, dich zu warnen. Du musst akzeptieren, dass du nur ein kleines MĂ€dchen bist und MĂ€dchen können nicht die gleichen Dinge tun wie Jungs.” Ganz im Sinne des Patriarchats war es nun ihre Aufgabe, zu bekrĂ€ftigen, dass Papa richtig gehandelt hatte, in dem sie mich auf meinen angedachten Platz verwies, indem sie natĂŒrliche soziale Ordnung wieder herstellte.

Ich erinnere mich deshalb so gut an diese traumatischen Geschehnisse, weil sie zu einer Geschichte wurde, die in unserer Familie immer wieder erzĂ€hlt wurde. Es kĂŒmmerte niemanden, dass das andauernde WiedererzĂ€hlen bei mir posttraumatischen Stress auslösen könnte; das WiedererzĂ€hlen war nötig, sowohl um die dahinterstehende Botschaft zu verfestigen als auch die Erinnerung an meinen Zustand der absoluten Machtlosigkeit. Die RĂŒckbesinnung auf diese brutale PrĂŒgelattacke einer kleine Tochter, ausgefĂŒhrt von einem großen starken Mann, war mehr als nur eine Mahnung, die mich an meinen angestammten Geschlechterplatz erinnern sollte, es war eine Mahnung an alle, die zuhörten und sich erinnerten, an alle meine Geschwister und meine lĂ€ngst erwachsene Mutter, dass unser patriarchale Vater der Herrscher unserer Familie war. Wir sollten uns daran erinnern, dass wir bestraft wĂŒrden, sogar mit dem Tode bestraft, sollten wir uns nicht an seine Regeln halten. Auf diese Art und Weise lernen wir durch Erfahrungen die Kunst des Patriarchats kennen.

Nichts an dieser Geschichte ist einzigartig oder außergewöhnlich. Hört mensch auf die ErzĂ€hlungen vieler verwundeter jetzt erwachsener Kinder, die in patriarchalen Haushalten groß geworden sind, wird mensch verschiedene Versionen der immer gleichen Geschichte zu Ohren bekommen. Es geht um den Einsatz von Gewalt, um die Indoktrination durch und die Akzeptanz vom Patriarchat zu bestĂ€rken. In seiner Schrift “Wie gelange ich zu dir durch?” berichtet Familientherapeut Terrence Real davon, wie seine Söhne in patriarchale Denkweisen hineingezogen wurden, obwohl die Familie versuchte, ein liebendes Zuhause mit antipatriarchalen Werten zu schaffen. Er erzĂ€hlt von seinem kleinem Sohn Alexander, der solange Spaß daran hat, sich als Barbie zu verkleiden, bis andere Jungen, die mit seinem Ă€ltere Sohn spielen, das einmal mitbekommen und ihm durch Blicke und schockierten, missbilligendem Schweigen zu verstehen geben, dass sein Benehmen völlig inakzeptabel ist.

“Ohne es auch nur ein bisschen böse zu meinen, ĂŒberbrachten ihre Blicke meinem Sohn eine Botschaft. So hat man sich nicht zu benehmen. Das Medium, durch welches diese Botschaft ĂŒbermittelt wurde, war eine starke Emotion: NĂ€mlich Scham. Im Alter von drei Jahren wurden Alexander die Regeln klar. Ein zehnsekĂŒndiger, wortloser Vorfall war mĂ€chtig genug, meinen Sohn von seiner LieblingsbeschĂ€ftigung abzubringen. Ich nenne solche einflussreichen Momente die “normale Traumatisierung” von Jungen. “

Um Jungen mit den Regeln des Patriarchats zu indoktrinieren zwingen wir sie dazu, Schmerzen zu erleiden und ihre GefĂŒhle zu verleugnen.

Meine Erlebnisse ereigneten sich in den 50er Jahren, die Erlebnisse, die Real widergibt, spielen im Hier und Jetzt. Aber beide heben die Tyrannei patriarchaler Denkweisen hervor, die Macht der patriarchalen Kultur, die uns gefangen hĂ€lt. Real ist einer der vorurteilsfreisten Denker auf dem Gebiet der patriarchalen MaskulinitĂ€t unseres Landes, und trotzdem schafft er es nicht, seine Jungs aus den Klauen des Patriarchats herauszuhalten. Sie leiden unter dessen Angriffen, so wie es alle Jungen und MĂ€dchen mal mehr, mal weniger tun. Kein Zweifel, indem Real ein liebevolles Zuhause schafft, das nicht patriarchal ist, lĂ€sst er seinen Jungs wenigstens die Wahlfreiheit: Sie können sich entscheiden, ob sie so sein wollen, wie sie sind, oder ob sie in KonformitĂ€t mit patriarchalen Rollenbildern leben wollen. Real benutzt hier den Begriff des “psychologischen Patriarchats”, um das patriarchalen Denken zu beschreiben, das bei MĂ€nnern und Frauen so verbreitet ist. Trotz dem zeitgenössischer und visionĂ€ren feministischen Denken, das klarstellt, dass patriarchaler Denker*innen nicht zwingend mĂ€nnlich sein mĂŒssen, glauben die meisten Leute noch immer, dass das Problem am Patriarchat die MĂ€nner seien. Das stimmt einfach nicht. Frauen können genauso eng mit patriarchalen Denkweisen und Handlungen verbunden sein wie MĂ€nner.

NĂŒtzlich ist die scharfsichtige Definition des Patriarchats von Psychotherapeut John Bradshaw in der Schrift “Liebe erschaffen”: “Das Lexikon definiert Patriarchat als eine “soziale Ordnung, gekennzeichnet durch die Vorherrschafts des Vaters im Clan oder der Familie, sowohl in hĂ€uslichen also auch religiösen Beziehungen”. Das Patriarchat wird durch mĂ€nnliche Vorherrschaft und Macht charaktersiert. Weiter fĂ€hrt er fort, dass “die Regeln des Patriarchats immer noch die meisten Weltreligionen, Schulsysteme und Familiensysteme beherrschen”. Die schĂ€dlichste dieser Regeln ist fĂŒr Bradshaw “blinder Gehorsam – das ist das Fundament auf dem das Patriarchat gebaut ist; die UnterdrĂŒckung aller GefĂŒhle, außer der Furcht, die Zerstörung der Willenskraft eines jede*n einzele*n, und die UnterdrĂŒckung des Denkens, sobald es von der Denkweise einer AutoritĂ€tsfigur abweicht.” Patriarchales Denken prĂ€gt die Werte unserer Gesellschaft. Wir werden in diesem System sozialisiert, Frauen wie auch MĂ€nner. Die meisten von uns haben patriarchale Einstellungen in unserer Herkunftsfamilie kennengelernt, normalerweise werden sie uns von unseren MĂŒttern beigebracht. In der Schule und religiösen Einrichtungen werden solche Einstellungen dann noch verstĂ€rkt. GegenwĂ€rtig gibt es viele Haushalte, die von Frauen gefĂŒhrt werden, was dazu fĂŒhrt, dass viele Leute meinen, dass Kinder in solchen Haushalten nicht mit patriarchalen Werten in BerĂŒhung kommen, weil keine mĂ€nnliche Person anwesend ist. Sie glauben, dass es nur die MĂ€nner sind, die patriarchales Denken vermitteln. Aber viele FrauengefĂŒhrte Haushalte vermitteln viel stĂ€rkere patriarchale Denkweisen als Haushalte, in denen beide Elternteile anwesend sind. Frauen in Einzelhaushalten neigen viel stĂ€rker dazu, die patriarchale mĂ€nnliche Rolle und den patriarchalen Mann zu verklĂ€ren, als Frauen, die tĂ€glich mit patriarchalen MĂ€nnern zusammenleben, da sie keine reale Erfahrung haben, an denen sich ihre Fantasien messen könnten. Wir mĂŒssen die Rolle, die Frauen bei der FortfĂŒhrung und bei der Erhaltung des Patriarchats spielen, deutlicher hervorheben, um zu verstehen, dass das Patriarchat ein System ist, das gleichermaßen von Frauen und MĂ€nnern unterstĂŒtzt wird, selbst wenn MĂ€nner mehr Vorteile von diesem System haben. Patriarchale Kultur muss in Zusammenarbeit von Frauen und MĂ€nnern abgebaut und geĂ€ndert werden.

Solange wir den Einfluss von so einem System auf unser Leben kollektiv verneinen, können wir so ein System offentsichtlich nicht niederreißen. Das Patriarchat fordert unbedingte mĂ€nnliche Dominanz, somit unterstĂŒtzt, begĂŒnstigt und billigt es sexuelle Gewalt. Sexuelle Gewalt wird meistens nur in öffentlichen Debatten ĂŒber Vergewaltigungen und Misshandlungen durch LebensgefĂ€hrten angefĂŒhrt. Dabei findet patriarchale Gewalt alltĂ€glich in Familien statt und zwar zwischen patriarchalen Eltern und ihren Kindern. Solche Gewalt wird meistens angewendet, um Dominanz einer AutoritĂ€tsfigur zu stĂ€rken, die als Herrscher ĂŒber Machtlose erachtet wird und die das Recht hat, diese Herrschaft durch das Fordern von Unterwerfung, Unterordnung und Gehorsam aufrecht zu erhalten.

Unter anderem dadurch, dass Frauen und MĂ€nner dazu gebracht werden, ĂŒber solche VorgĂ€nge in ihren Familien zu schweigen, wird das Patriarchat aufrechterhalten. Eine ĂŒberwĂ€ltigende Mehrheit von Individuen erzwingt so eine unausgesprochene Regel in der ganzen Gesellschaft, die besagt, dass wir die Geheimnisse des Patriarchats fĂŒr uns behalten sollen, womit wir die Rolle des Vaters schĂŒtzen. Mensch sieht, wie diese Regel des Schweigens hochgehalten wird, wenn sogar ein einfacher Zugang zu einem Wort wie “Patriarchat” verhindert wird. Die meisten Kinder lernen kein Wort fĂŒr dieses System der institutionalisierten Geschlechterrollen, da wir es in unserer Alltagssprache so selten ĂŒberhaupt gebrauchen. Dieses Schweigen fördert Verneinung. Und wie schaffen wir es, uns zu organisieren und ein System anzugreifen, dass nicht einmal benannt wird?

Es ist kein Zufall, dass Feminist*innen angefangen haben, dass Wort “Patriarchat” anstelle von den gelĂ€ufigeren Worten wie “mĂ€nnlicher Chauvinismus” und “Sexismus” zu verwenden. Diese mutigen Stimmen wollten, dass Frauen und MĂ€nner besser verstehen, dass das Patriarchats uns alle betrifft. Auf dem Höhepunkt des modernen Feminismus wurde dieses Wort in der Popkultur kaum benutzt. Anti-mĂ€nnliche Aktivistinnen waren genauso wenig daran interessiert, dass patriarchale System und dessen Wirkweisen zu benennen, wie ihre mĂ€nnlichen sexistischen Gegenspieler.

Denn dadurch wĂ€re es unabdingbar geworden, offen zu legen, dass MĂ€nner allmĂ€chtig und Frauen machtlos sind, dass MĂ€nner alle unterdrĂŒcken und Frauen immer und einzig Opfer sind. Indem die Schuld am Fortbestand von Seximus alleine den MĂ€nnern zugeschoben wird, können Frauen damit fortfahren, das Patriarchat zu erhalten und ihrer eigenen Begierde nach Macht freien Lauf lassen. Sie kaschieren diese Begierde nach Herrschen damit, dass sie sich in die Opferrollen begeben. Wie viele visionĂ€re radikalen Feminist*innen habe ich diese Idee von MĂ€nnern “als Feinde” angefochten, die von Frauen vertreten wurden, die einfach keine Lust mehr auf Ausbeutung und UnterdrĂŒckung durch MĂ€nner hatten. Schon 1984 fĂŒgte ich meinem Buch “Feministische Theorie: Vom Abseits ins Zentrum” ein Kapitel mit dem Titel “MĂ€nner: KampfgefĂ€hrten” hinzu, in dem ich Vertreter*innen feministischer Politik dringend darum bat, eine Rhetorik, die allein MĂ€nner fĂŒr den Fortbestand des Patriarchats und mĂ€nnliche UnterdrĂŒckung verantworlich machte, zu hinterfragen:

“Separatistische Ideologie ermuntert Frauen dazu, die negativen Folgen, die Sexismus auf die mĂ€nnliche Persönlichkeit hat, zu ignorieren. Sie legt einen besonderen Wert auf Polarisation zwischen den Geschlechtern. Laut Joy Justice, vertreten Separatist*innen die Auffassung, dass es “zwei grundlegenden Perspektiven” gibt, wenn es darum geht, die Opfer von Sexismus zu benennen: “Es gibt die Perspektive, dass MĂ€nner Frauen unterdrĂŒcken. Und dann gibt es die Perspektive, dass Menschen Menschen sind und dass wir alle durch rigide Rollenvorstellungen verletzt werden. “
 Beide Perspektiven beschreiben akkuart die ZwickmĂŒhle, in der wir uns befinden. In der Tat unterdrĂŒcken MĂ€nner Frauen. Leute werden durch rigide Rollenmuster verletzt, diese beiden RealitĂ€ten existieren nebeneinander. MĂ€nnliche UnterdrĂŒckung von Frauen kann nicht dadurch entschuldigt werden, dass anerkannt wird, dass es durchaus möglich ist, dass MĂ€nner auf verschieden Weise durch sexistische Rollenmuster verletzt werden. Feministischen Aktivist*innen sollten diese Verletzungen anerkennen und auf VerĂ€nderung hinarbeiten. MĂ€nnliche Mitwirkung am Patriarchat, die Aufrechterhaltung mĂ€nnlicher Macht, indem MĂ€nner Frauen in einer Art und Weise ausbeuten und unterdrĂŒcken, die immer noch schlimmer ist, als der große psychologische Stress und der emotionale Schmerz, der durch den mĂ€nnlichen Anpassungsdruck an rigide sexistische Rollenbilder ausgelöst wird, wird dadurch weder ausgelöscht noch weniger.

Immer wieder habe ich in diesem Aufsatz betont, dass FĂŒrsprecher*innen fĂŒr Frauenrechte insgeheim zu dem Schmerz der MĂ€nner, die durch das Patriarchat verwundet wurden, beitragen, wenn sie MĂ€nner fĂ€lschlicherweise als immer und als einzige MĂ€chtige darstellen, die immer und als einzige VergĂŒnstigungen vom Patriarchat bekommen, indem sie ihm blind gehorchen. Ich habe betont, dass die patriarchale Ideologie MĂ€nnern einer GehirnwĂ€sche unterzieht, sodass sie glauben, dass ihre Dominanz gegenĂŒber Frauen fĂŒr sie Vorteile hat, auch wenn das nicht stimmt:

Feministische Aktivist*innen bestĂ€tigen diese Logik oft, obwohl wir solche Taten immer als AusdrĂŒcke von pervertierten MachtverhĂ€ltnissen sehen sollten, als ein generelles Fehlen von Kontrolle ĂŒber die eigenen Handlungen, als emotionale Hilflosigkeit, extreme IrrationalitĂ€t und in vielen FĂ€llen als unverblĂŒmten Wahnsinn. Dadurch, dass MĂ€nner sexistische Ideologie rein passiv absorbieren, interpretieren sie ihr gestörtes Verhalten als etwas Positives. Solange MĂ€nnern einer solche GehirnwĂ€sche unterzogen werden, sodass sie gewalttĂ€tige Herrschaft und Missbrauch von Frauen fĂŒr ein Privileg halten, solange werden sie nicht verstehen, wie viel Schaden ihnen und anderen dabei zugefĂŒgt wird, und keine Motivation haben, sich zu Ă€ndern.

Das Patriarchat fordert von MĂ€nnern, zu emotionalen KrĂŒppeln werden und zu bleiben. Da es sich um ein System handelt, dass MĂ€nnern freien Zugang zu ihrer Willensfreiheit verweigert, ist es fĂŒr jeden Mann, welcher Klasse auch immer, schwierig, gegen das Patriarchat zu rebellieren und illoyal gegenĂŒber einem patriarchalen Elternteil zu sein, sei das nun eine Frau oder ein Mann.

Der Mann, der fĂŒr zwölf Jahre meine Hauptbezugsperson war, wurde durch die patriarchalen Dynamiken in seiner Herkunftsfamilie traumatisiert. Als ich ihn kennenlernte, war er in seinen Zwanzigern. Seine frĂŒhen Jahre hatte er in Gesellschaft seines gewalttĂ€tigen, alkoholkranken Vaters verbracht, aber die UmstĂ€nde Ă€nderten sich, als er zwölf war und er ab dann alleine mit seiner Mutter lebte. In den ersten Jahren unserer Beziehung redete er offen ĂŒber seinen Hass und seine Wut auf seinen ihn misshandelnden Vater. Er hatte kein Interesse daran, ihm zu verzeihen, oder die UmstĂ€nde anzuerkennen, die das Leben von seinem Vater geprĂ€gt und beeinflusst hatten, weder in dessen Kindheit, noch in dessen beruflicher Laufbahn oder wĂ€hrend dessen Zeit beim MilitĂ€r.

In den ersten Jahren unserer Beziehung war er extrem kritisch gegenĂŒber mĂ€nnlicher Dominanz ĂŒber Frauen und Kinder. Obwohl er das Wort “Patriarchat” nicht kannte, wusste er, was es ist, und lehnte es ab. Andere Leute ignorierten ihn oft, hielten ihn fĂŒr schwach und hilflos, weil er eine sanfte, ruhige Art an sich hatte. Als er 30 wurde, begann er, sich eine Macho Persönlichkeit zuzulegen, wobei er sich das Herrschaftsmodell zu eigen machte, dass er einst abgelehnt hatte. Indem er den Mantel des Patriarchats anlegte, erlangte er mehr Respekt und mehr Sichtbarkeit. Mehr Frauen fĂŒhlten sich zu ihm hingezogen. In der Öffentlichkeit wurde er deutlicher wahrgenommen. Seine Kritik an mĂ€nnlicher Dominanz schwĂ€chte sich ab. Und tatsĂ€chlich begann er dem Patriarchat nach dem Mund zu reden, sagte sexistische Sachen, die ihn in der Vergangenheit angeekelt hĂ€tten.

Diese VerĂ€nderungen in seinem Denken und seinem Verhalten wurden dadurch ausgelöst, dass er den Wunsch hatte, an seiner patriarchalen Arbeitsstelle akzeptiert zu werden und beruflich aufzusteigen. Seine Geschichte ist nicht ungewöhnlich. Jungen, die durch das Patriarchat verrohen und ihm zum Opfer fallen, werden spĂ€ter oft selber patriarchal, und nehmen die missbrĂ€uchliche, patriarchale MaskulinitĂ€t an, von der sie frĂŒher ganz offen zu sagen wussten, dass sie falsch ist. Nur wenige MĂ€nner, die als Kinder im Namen patriarchaler MĂ€nnlichkeit brutal missbraucht wurden, schaffen es, der GehirnwĂ€sche standzuhalten und spĂ€ter sich selber treu zu bleiben Die meisten MĂ€nner aber beugen sich auf die eine oder andere Weise dem Patriarchat.

TatsĂ€chlich ist radikale feministische Kritik am Patriarchat in unserer Gesellschaft praktisch zum Schweigen gebracht worden. Sie ist zu einem subkulturellen Diskurs geworden, verfĂŒgbar nur den gut ausgebildeten Eliten. Selbst in diesen Kreisen gilt das Wort “Patriarchat” als passĂ©. Wenn ich in meinen Vorlesungen den Begriff vom “imperialistischen, rassistischen [white supremacist], kapitalistischen Patriarchat” benutze, um das politische System unseres Landes zu beschreiben, lacht das Publikum oft. Niemensch hat mir je erklĂ€rt, warum es lustig ist, dieses System beim Namen zu nennen. Das Lachen selber ist schon eine Waffe des patriarchalen Terrorismus. Es dient als eine GegenerklĂ€rung, schmĂ€lert die Bedeutung dessen, was beim Namen genannt wurde. Es suggeriert, dass die Worte selber das Problem seien, und nicht das System, das sie beschreiben. Ich interpretiere dieses GelĂ€chter als ein Ausdruck von Unwohlsein des Publikums, wenn es aufgefordert wird, sich mit antipatriarchalen, ungehorsamen Menschen zu verbĂŒnden. Dieses GelĂ€chter erinnert mich daran, dass, wenn ich mich traue, das Patriarchat offen anzugreifen, ich risikiere, nicht ernst genommen zu werden.

BĂŒrger*innen dieses Landes fĂŒrchten sich davor, das Patriarchat herauszufordern, selbst wenn ihnen nicht offen bewusst ist, dass sie Angst haben, so tief eingebettet sind die Regeln des Patriarchats im kollektiven Unbewusstsein. Oft erklĂ€re ich dem Publikum, dass, wenn wir von TĂŒr zu TĂŒr gingen und fragten, ob mĂ€nnliche Gewalt gegenĂŒber Frauen aufhören solle, die meisten Menschen uneingeschrĂ€nkt zustimmen wĂŒrden. Dann, wenn wir ihnen sagen wĂŒrden, dass mĂ€nnliche Gewalt gegenĂŒber Frauen nur dadurch gestoppt werden kann, dass mĂ€nnliche Dominanz ein Ende findet und das Patriarchat aufgelöst wird, wĂŒrden sie anfangen zu zögern und ihre Meinung zu Ă€ndern. Trotz der vielen Verdienste der modernen Feminismusbewegung – mehr Gleichheit fĂŒr Frauen am Arbeitsplatz, mehr Toleranz fĂŒr den Abbau veralteter rigider Genderrollen – bleibt das Patriarchat selbst unangegriffen und viele Leute glauben weiterhin, dass es gebraucht wird, soll die menschliche Spezies ĂŒberleben. Das scheint ironisch angesichts der Tatsache, dass durch patriarchale Methoden, Nationen zu organisieren, besonders bei der Beharrung auf Gewalt als ein Mittel der sozialen Kontrolle, genau genommen zur der Hinschlachtung von Millionen von Menschen auf diesem Planeten gefĂŒhrt hat. Solange wir es nicht schaffen, gemeinsam anzuerkennen, welchen Schaden und welches Leiden das Patriarchat verursacht, können wir mĂ€nnlichen Schmerz nicht in Angriff nehmen. Wir können nicht fĂŒr MĂ€nner das Recht einfordern, unversehrt zu bleiben, Leben zu geben und aufrechtzuerhalten. Es ist offentsichtlich, dass einige patriarchale MĂ€nner verlĂ€ssliche und sogar gutmeinende FĂŒrsorger und ErnĂ€hrer sind, aber trotzdem werden sie von einem System gefangen gehalten, dass ihre mentale Gesundheit untergrĂ€bt. Das Patriarchat fördert Wahnsinn. Es ist die Wurzel vieler psychologischer Probleme, die MĂ€nner in unsere Gesellschaft umtreibt. Trotzdem gibt es keine Massenaufschrei ob der schlimmen Lage der MĂ€nner. Susan Faludi bezieht nur eine sehr kurze Diskussion ĂŒber das Patriarchat in ihrem Buch “Der Verrat am amerikanischen Mann” mit ein:

“Fragt mensch Feminist*innen, was das Problem vieler MĂ€nner sei, bekommt mensch oft eine sehr deutliche Antwort: MĂ€nner befinden sich in einer Krise, weil Frauen die Vorherrschaft der MĂ€nner ernsthaft in Frage stellen. Frauen wollen, dass MĂ€nner ihre öffentliche Vormachtstellung teilen, und MĂ€nner können das nicht aushalten. Fragt mensch Antifeminist*innen, bekommt mensch eine Antwort, die der vorherigen in einer Hinsicht Ă€hnelt. MĂ€nner seien verunsichert, sagen viele konservative Expert*innen, weil viele Frauen ĂŒber das Ziel nach Gleichbehandlung hinausgeschossen seien, und nun versuchten, die Macht zu ĂŒbernehmen und MĂ€nnern die Kontrolle zu entreißen. Die darunter liegende Botschaft: MĂ€nner können keine MĂ€nner sein, lediglich Eunuchen, wenn sie nicht die Kontrolle haben. Sowohl die feministische als auch die antifeministische Sichtweise sind in einem eigentĂŒmlichen modernen amerikanischen SelbstverstĂ€ndnis verwurzelt, nachdem mĂ€nnlich sein beinhaltet, jederzeit die Kontrolle zu behalten.”

Faludi hinterfragt diese Idee der Kontrolle nie. Sie kommt nicht auf den Gedanken, dass es falsch ist, dass, bevor die moderne Frauenbewegung aufkam, MÀnner immer die Kontrolle hatten, mÀchtig waren und mit ihren Leben zufrieden.

Das Patriarchat als System veweigert MĂ€nnern den Zugang zu einem emotionalem Wohlbefinden, was nicht das gleiche ist, wie sich belohnt, erfolgreich oder mĂ€chtig zu fĂŒhlen, weil man Kontrolle ĂŒber andere ausĂŒben kann. Um uns ernsthaft mit mĂ€nnlichem Schmerz und mĂ€nnlichen Krisen auseinanderzusetzen, muss unserere Gesellschaft dazu bereit sein, die harsche RealitĂ€t aufzudecken, nĂ€mlich dass das Patriarchat MĂ€nner in der Vergangenheit geschĂ€digt hat und das auch heute noch immer tut. Wenn das Patriarchat wirklich so belohnend gegenĂŒber MĂ€nnern wĂ€re, wĂŒrde die Gewalt und die AbhĂ€ngigkeiten im Familienleben, die so allgegenwĂ€rtig sind, nicht existieren. Diese Gewalt wurde nicht von Feminist*innen erschaffen. Wenn das Patriarchat belohnend wĂ€re, wĂŒrde die ĂŒberbordende Unzufriedenheit nicht existieren, die die meisten MĂ€nner in ihrem Arbeitsleben verspĂŒren, eine Unzufriedenheit, die im dem Werk von Studs Terkel gut dokumentiert ist und ihren Nachhall auch Faludis Abhandlung findet. In vielerlei Hinsicht ist “Der Verrat am amerikanischen Mann” gleich noch ein Verrat an den amerikanischen MĂ€nnern, weil Faludi so viel Aufwand betreibt, das Patriarchat eben nicht anzugreifen, gelingt es ihr nicht, die Notwendigkeit zu betonen, dass Patriarchat abzuschaffen, um dadurch die MĂ€nner zu befreien. Stattdessen schreibt sie:

“Anstatt mich zu fragen, warum sich MĂ€nner dem Kampf der Frauen fĂŒr ein freieres und gesĂŒnderes Leben widersetzen, begann ich mich zu fragen, warum MĂ€nner nicht ihren eigenen Kampf aufnehmen. Warum, abgesehen von einigen zufĂ€lligen WutanfĂ€llen, haben sie keine methodische, durchdachte Antwort auf ihre missliche Lage gefunden? Warum revoltieren MĂ€nner nicht, bei all diesen haltlosen und von Natur aus beleidigenden Forderungen, die in unserer Gesellschaft an sie gestellt werden? Warum antworten MĂ€nner nicht Ă€hnlich wie die Frauen auf all diese Verrate, die ihnen in ihrem Leben begegnen, auf die Verfehlungen ihrer VĂ€ter, die versprochen haben, dass sie ein gutes Leben fĂŒhren wĂŒrden?”

Bemerkenswert ist hier, dass Faludi sich vor dem Zorn feministischer Frauen auf der einen Seite fĂŒrchtet, indem sie eben nicht vorschlĂ€gt, dass MĂ€nner eine Befreiung in der feministischen Bewegung finden könnten, und sich auf der anderen Seite vor einer ZurĂŒckweisung von potentiellen mĂ€nnlichen Lesern fĂŒrchtet, die solide antifeministisch eingestellt sind, sodass auch nicht vorschlĂ€gt, dass es ihnen etwas bringen könnte, sich in der Feminismusbewegung zu engagieren.

In unserer Gesellschaft ist im Moment die visionĂ€re feministische Bewegung, die einzige soziale Gerechtigkeitsbewegung, die die Notwendigkeit betont, das Patriarchat abzuschaffen. Weder hat eine Frauenmassenbewegung das Patriarchat angezweifelt, noch hat sich eine MĂ€nnergruppe zusammengefunden, um den Kampf anzufĂŒhren. Die Krise, die MĂ€nner betrifft, ist nicht eine Krise der MaskulinitĂ€t, es ist eine Krise der patriarchalen MaskulinitĂ€t. Solange diese Unterscheidung nicht fĂŒr alle klar ist, werden MĂ€nner weiterhin befĂŒrchten, dass jede Kritik am Patriarchat eine Bedrohung fĂŒr sie darstellt. Der Therapeut Terrence Real macht deutlich, dass das Patriarchat, das uns alle verletzt, sich tief in unsere Psychen eingegraben hat, wobei er dies zu einem politischen Patriarchat abgrenzt, das vor allem damit beschĂ€ftigt ist, Sexismus abzuschaffen:

“Das psychologische Patriarchat kann als die Dynamik beschrieben werden, die zwischen solchen Eigenschaften herrscht, die als “mĂ€nnlich” und als “weiblich” gelten. Die HĂ€lfte dieser menschlichen Eigenschaften wird ĂŒberhöht, die andere HĂ€lfte abgewertet. Sowohl MĂ€nner als auch Frauen haben Anteil an diesem gepeinigten Wertesystem. Das psychologische Patriarchat ist ein “Tanz der Verachtung”, eine perverse Form einer Verbindung, das wahre IntimitĂ€t vertauscht mit komplexen, verborgenen Schichten von Dominanz und Unterwerfung, Absprachen und Manipulation. Es ist das nicht anerkannte Musterbeispiel von Beziehungen, unter dem die westliche Zivilisation seit Generationen leidet, welches beide Geschlechter verformt und das leidenschaftliche Band zwischen ihnen zerstört.”

Durch die Hervorhebung des psychologischen Patriarchats, wird bemerkbar, dass wir alle davon betroffen sind, und so können wir die falsche Wahrnehmung ablegen, dass MĂ€nner der Feind seien. Um das Patriarchat abzuschaffen, mĂŒssen wir sowohl seine psychologischen als auch seine konkreten AuswĂŒchse im tĂ€glichen Leben anzweifeln. Es gibt Leute, die das Patriarchat kritisieren, aber unfĂ€hig sind, in einer antipatriarchalen Art und Weise zu handeln. Um den Schmerz, den MĂ€nner erfahren, zu beenden, um effektiv auf Krisen von MĂ€nnern reagieren zu können, mĂŒssen wir das Problem beim Namen nennen. Wir mĂŒssen sowohl anerkennen, dass das Patriarchat das Problem ist, als auch darauf hinarbeiten, es zu beenden. Terrence Real liefert dazu folgende wertvolle Einsicht:

“Die RĂŒckforderung von Unversehrtheit ist etwas, was fĂŒr MĂ€nner noch problematischer ist als fĂŒr Frauen, noch schwieriger und fĂŒr unsere jetzige Kultur noch deutlich bedrohlicher. Wenn MĂ€nner all das Gute zurĂŒckfordern, was MĂ€nnlichkeit ausmachen kann, wenn sie wieder Zugang zu Offenherzigkeit und emotionaler AusdrucksfĂ€higkeit erhalten, was fundamental fĂŒr das Wohlergehen ist, mĂŒssen wir uns Alternativen zu patriarchaler MaskulinitĂ€t vergegenwĂ€rtigen. Wir mĂŒssen uns alle Ă€ndern.”

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Quelle: Schwarzerpfeil.de