MĂ€rz 7, 2021
Von SchwarzerPfeil
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Wo die Probleme der Fortschreibung vergeschlechtlicher IdentitĂ€ten offenbar werden, lĂ€sst sich immer wieder auch die Bildung neuer IdentitĂ€tsbezeichnungen, die dann inklusiver als die alten sein sollen, beobachten. Statt weibliche IdentitĂ€ten als unterdrĂŒckte des Patriarchats zu betrachten, wĂ€hlt man etwa die inklusiveren Begriffe FLINT, FLINTA, usw. Allerdings fĂŒhren solche vereinfachten Betrachtungsweisen, die wiederum eine UnterdrĂŒcker*innen und eine UnterdrĂŒckte IdentitĂ€t zu schaffen anstreben, hĂ€ufig zu einer neuen BinaritĂ€t, zu einer neuen Grenze zwischen IdentitĂ€ten, die Schauplatz einer entsprechenden Polizierung ist. Der folgende Beitrag von Lena Kafka beschreibt dieses Problem.


Teil 1: Das Patriarchat verstehen
Teil 2: Gender Nihilismus – Ein Anti-Manifest
Teil 3: NegativitÀt als Waffe: In Richtung des queersten aller Angriffe
Teil 4: Jenseits einer weiteren GeschlechteridentitÀt
Teil 5: Sicherheit ist eine Illusion
Teil 6: Was ist Anarchafeminismus?

Beginnend ab 4. MÀrz wird jeden Tag ein Teil der 6teiligen Serie veröffentlicht und hier daraufhin verlinkt.


Jenseits einer weiteren GeschlechterbinaritÀt

Ich gebrauche die Begriffe Patriarchat und Gender in einem austauschbaren Sinne, da ich Gender als einen Herrschafts- und UnterdrĂŒckungsapparat betrachte, der sich mit dem Apparat des Patriarchats ĂŒberlappt und untrennbar mit ihm verbunden ist. Um mehr ĂŒber diese Betrachtungsweise zu erfahren, empfehle ich die LektĂŒre von Gender-Nihilismus – Ein Anti-Manifest und Destroy Gender.

Gegen Femme, Gegen Gender, Gegen alle BinaritÀten

In den letzten Jahren war innerhalb radikaler Millieus der Trend zu beobachten, den Begriff Femme anstelle von Frau zu gebrauchen. Die GrĂŒnde fĂŒr diese VerĂ€nderung der Sprache variieren von Person zu Person, je nachdem wen du fragst, aber der allgemeine Grund fĂŒr diese VerĂ€nderung ist es, „unser“ VerstĂ€ndnis von Patriarchat inklusiver zu machen, um all diejenigen zu integrieren, die sich nicht exakt als Frauen definieren. Wikipedia definiert Femme folgendermaßen:

„Femme ist eine IdentitĂ€t, die von Frauen (inklusive trans Frauen) und nichtbinĂ€ren Menschen in Bezug auf ihre Weiblichkeit gebraucht wird. Als Gender-IdentitĂ€t markiert sie ĂŒblicherweise ein Individuum, das ’nichtbinĂ€r ist oder queeren femme Geschlechts und adressiert ganz besonders und in sich feminitĂ€tsfeindlichkeit [femmephobia] und die systematische Abwertung von Weiblichkeit als Teil ihrer Politik‘. Die Bezeichnung wird ausschließlich fĂŒr queere Personen benutzt, unabhĂ€ngig davon, ob diese sich als weiblich definieren oder nicht.“

Dieser [begriffliche] Austausch ist nicht nur semantischer Natur. Er ist das Ergebnis davon, dass nicht mehr nur Frauen als die unterdrĂŒckten Subjekte des Patriarchats gesehen werden, sondern alle femme oder weiblichen Personen. Er ist auch Ausdruck davon, dass UnterdrĂŒckung nicht lĂ€nger nur als die eigene Beziehung zu vergeschlechtlichter Gewalt, sondern auch als die eigene Beziehung zu Ästhetik, Weiblichkeit, Verhaltensweisen und sozialen Normen gesehen wird.

Zuvor bestand „unser“ VerstĂ€ndnis von Patriarchat darin, dass nur Frauen vom Patriarchat und (ver)geschlecht(lichter Gewalt) unterdrĂŒckt werden konnten. Das heißt, dass unser VerstĂ€ndnis von Patriarchat niemals tief genug ging, um zu verstehen, dass es eine Vielzahl von Erfahrungen und SubjektivitĂ€ten gibt, die nicht einfach in eine von zwei Kategorien (UnterdrĂŒckte und UnterdrĂŒcker*innen, MĂ€nnlich oder Weiblich, etc.) gepresst werden können. FĂŒr jede*n, die*der solche Ideen vertrat, ist es eine positive Entwicklung von dieser strohdummen Analyse des Patriarchats und des Apparats von Geschlecht [Gender] hin zu einer Interpretation, die mehr Erfahrungen als diese beinhaltet. Aber wie alle Interpretationen und Theorien, greift auch diese in ihren Zielen und ihrer Analyse zu kurz. Zu der Bezeichnung femme ĂŒberzugehen bewirkt wenig, wenn nicht nichts, im Hinblick auf patriarchale Kategorisierung/Identifikation/Normalisierung, BinaritĂ€ten, die Reproduktion des Patriarchats oder seiner ökonomischen Grundlagen und es schafft nicht wirklich eine Theorie von UnterdrĂŒckung, die alle SubjektivitĂ€teten/Erfahrung einzubeziehen vermag.

Was bedeutet es, Femme zu sein?

Wer ist femme? Wer ist tatsĂ€chlich unterdrĂŒckt? Wer ist femme genung, um als unterdrĂŒckt zu gelten? Sind alle Frauen femme?

Wie bei allen Theorien der UnterdrĂŒckung gilt auch hier: wenn es ein/e unterdrĂŒckte/s Subjekt/Klasse gibt, dann muss es auch ein/e unterdrĂŒckende/s Subjekt/Klasse geben (wie weiße, die nicht-weiße unterdrĂŒcken oder die Reichen/Bourgeoisie, die die Armen/das Proletariat unterdrĂŒcken). Unter dem vorherigen VerstĂ€ndnis von Patriarchat, in dem Frauen die einzige Klasse bildeten, die von Gender unterdrĂŒckt wurden, wurden MĂ€nner als die unterdrĂŒckende Klasse betrachtet. Dem gegenwĂ€rtigen VerstĂ€ndnis von Patriarchat zufolge sind Femme die unterdrĂŒckte Klasse und Mascs die UnterdrĂŒcker*innen. Alle IdentitĂ€ten werden dadurch definiert, wer von anderen fĂŒr wen gehalten wird.

Der Webseite everydayfeminism.com zufolge ist femme „eine explizit queere Bezeichnung, eine Gender-Expression die eine große Bandbreite an IdentitĂ€ten umfasst. Homosexuelle und queere cis-MĂ€nner, trans MĂ€nner und genderqueere Leute werden oft als femme identifiziert. Zu sagen, dass Femme nur Frauen wĂ€ren, transportiert eine vergeschlechtlichte BinaritĂ€t, die viele Menschen ausschließt.“ Neben der fragwĂŒrdigen Verwendung des Begriffs queer als Sammelbegriff versucht diese Definition von femme die Erfahrungen vieler einzubeziehen, die sich nicht als Frauen definieren. WĂ€hrend sie einige femme homosexuelle/trans MĂ€nner und nichtbinĂ€re Personen einschließt, schließt sie andererseits Frauen, die nicht femme sind, aus. Frauen, die nicht femme sind, wie butch Frauen und trans Frauen, die ihr Geschlecht verbergen, werden beiseite gelassen, entweder um sie vollstĂ€ndig zu ignorieren oder um als „mĂ€nnlich“ und somit UnterdrĂŒcker*innen klassifiziert zu werden. Als ob butch Frauen fĂŒr die KĂ€mpfe von femmes verantwortlich wĂ€ren, als ob eine*r als femme homosexueller Mann nicht ein Verfechter patriarchaler Kontrolle sein könne, als ob unsere realen Erfahrungen mit Gender und Gewalt unseren persönlichen Bezeichnungen untergeordnet wĂ€ren.

Weder Masc, noch Femme, sondern Einzigartig

Dieser Gedankengang bricht nicht damit, eine „GeschlechterbinaritĂ€t“ zu transportieren, sondern erfindet diese neu, durch die Einteilung der Menschen entlang der Grenzen zwischen UnterdrĂŒckt/Femme und UnterdrĂŒcker*in/Masc, auch wenn diese Einteilung nicht so strikt auf Gender und Biologismen basiert wie die vorherige (und noch immer dominante) GeschlechterbinaritĂ€t. Er teilt die Menschen basierend auf Ästhetik und Verhaltensweisen statt basierend auf Biologismen oder Selbstverortung in Kategorien ein. Beinahe alles ist eine Verbesserung zu biologischem Determinismus, aber diese VerĂ€nderung geht nicht weit genug, um binĂ€res Denken zu beenden. Bevor mich irgendwer in der Szene nach meinem Namen und meinem Pronomen fragt, werde ich als „Masc“ eingestuft wegen meiner Gesichtsbehaarung und aufgrund der Art und Weise wie ich mich kleide. Meine persönlichen Erfahrungen mit vergeschlechtlichter Gewalt werden nur dann ernst genommen, wenn ich mich als als trans Frau oute. Unsere Theorien sollten vom Ausgangspunkt dessen starten, wie wir vergeschlechtlichte Gewalt in unseren alltĂ€glichen Leben erlebt haben, nicht von IdentitĂ€ten. Unsere Beziehungen zueinander sollten auf unseren AffinitĂ€ten und Ähnlichkeiten zueinander bassieren, anstatt auf den Kategorien einer kleinster-gemeinsamer-Nenner-Politik. Das alltĂ€gliche Leben ist viel zu kompliziert, um in zwei Kategorien reduziert zu werden.

Lerne die neue BinaritÀt kennen, sie ist die gleiche wie die alte

Einige Jahre zuvor, bevor die Bezeichnung Femme die allgemein gebrĂ€uchliche inklusive Form der Benennung von Personen, die vom Patriarchat unterdrĂŒckt werden, wurde, war in radikalen Millieus die Bezeichnung „nicht-MĂ€nner“ gebrĂ€uchlich. Die theoretischen MĂ€ngel von nicht-MĂ€nnern sind Ă€hnlich zu denen des Begriffs Femme. Baedan, ein antizivilisatorisches, nihilistisches und anarchistisches Magazin, das die Themen Gender, Queerness und Domestizierung behandelt, hat diese theoretischen MĂ€ngel herausgearbeitet. Sie kritisieren die Bezeichnung nicht-mĂ€nner dafĂŒr, dass sie nicht die Art von inklusiver Bezeichnung sei, die sie vorgibt zu sein, da sie nicht ĂŒber binĂ€re Kategorien hinausgeht und sie das Policing der Kategorisierung fortsetzt.

„Eine jĂŒngere Antwort auf diese Kritiken war die EinfĂŒhrung des Konzepts nicht-MĂ€nner. Die meisten Versuche, diese Kategorie zu definieren, sind extrem unbeholfen. Manchmal soll dieser Begriff nicht-cismĂ€nner bezeichnen, manchmal bedeutet er, dass Schwule bei bestimmten Treffen nicht erwĂŒnscht sind. Manchmal bedeutet er schlicht Frauen plus trans Personen. Einige Feminist*innen haben sogar gesagt, dass die Kategorie manchmal ‚emaskulierte MĂ€nner of Color‘ umfasse. FĂŒr gewöhnlich ist der Begriff nur eine postmoderne Umschreibung fĂŒr Frauen [1]. Wie andere Kategorien funktioniert auch diese nur dann, wenn sie eine klare Grenze hat und diese Grenze wird immer Schauplatz von Policing sein. Auf jeder Ebene ist dies ununterbrochen problematisch. Die am wenigsten problematischen Definitionen [
] sind so vage, dass sie keinerlei praktischen Nutzen haben. Und in der praktischen Anwendung entfalten diese Theorien immer ihre Gewalt. Die Aussicht, dass eine politische Organisation aus vorrangig cisgeschlechtlichen Frauen bestimmen, welche genderqueeren oder transfemininen Individuen nicht-mĂ€nnlich genug sind, um Teil ihrer Gruppen zu werden ist geradezu ekelerregend. Dieses kategoriale Policing spiegelt all die anderen wider. Lerne die neue BinaritĂ€t kennen, sie ist die gleiche wie die alte. Ein Weg aus diesem Dilemma könnte sein, nicht von IdentitĂ€ten auszugehen, sondern vielmehr von Erfahrungen. Sich die Mitverschwörer*innen aufgrund geteilter Erfahrungen einer Bandbreite an vergeschlechtlichter Gewalt auszusuchen. Einige BefĂŒrworter*innen der Bezeichnung nicht-MĂ€nner haben das Ă€hnlich definiert („die, die vergewaltigt werden“, „die, die die Carearbeit leisten“), aber keine dieser Erfahrungen sind auf die IdentitĂ€t beschrĂ€nkt und ein phĂ€nomenologisches oder empirisches Bezugssystem zu akzeptieren wĂŒrde die NĂŒtzlichkeit dieser Kategorie vollkommen zunichte machen. Wenn das Konzept aber entweder nutzlos oder problematisch ist, warum wurde/wird dann so viel Aufwand in den Versuch, das Konzept zu bewahren gesteckt? Was wir hier tatsĂ€chlich sehen ist der verzweifelte Versuch, binĂ€re Kategorien zu bewahren, in einer Welt, in der diese lĂ€ngst begonnen haben, zu zerfallen.“

Against the gendered Nightmare, Beadan 2: A Queer Journal of Heresy.

Egal ob es sich um MÀnner/Frauen, mÀnnlich/weiblich, afab/amab, nicht-MÀnner/MÀnner oder femme/masc handelt, alle BinaritÀten erfordern Policing und Ausschluss um aufrechterhalten und definiert zu werden. BinÀre Kategorisierung ist nur eine Methode, die vom Apparat des Genders genutzt wird, um zu herrschen. BinÀre Kategorien erfordern Policing, Ausschluss, Regulierung, Normalisierung und Hierarchie.

Kein dritter Weg

„Die Revolution zielte auf neue Einrichtungen, die Empörung fĂŒhrt dahin, Uns nicht mehr einrichten zu lassen, sondern Uns selbst einzurichten, und setzt auf »Institutionen« keine glĂ€nzende Hoffnung.“ [2]Der Einzige und sein Eigentum, Max Stirner

Die Probleme hinter der Femme/Masc-BinaritÀt beginnen weder mit ihrer Verbreitung in dem Millieu, noch werden sie damit enden, dass eine andere Begrifflichkeit an ihre Stelle tritt. Ich schlage keine Alternativen oder Erweiterungen dieser Kategorien vor, sondern ihre totale Aufgabe. Das kann nur durch einen aufstÀndischen Bruch mit Gender passieren. Aufstand wÀre die totale Untergrabung der Steuerung: Den Apparat der Steuerung aufzugeben und zu zerstören und unsere Angelegenheiten in die eigenen HÀnde zu nehmen.

„Um konkreter zu werden, bedeutet das, dass wir Communities und RĂ€ume haben, die nicht nur sicher sind, sondern gefĂ€hrlich fĂŒr diejenigen, die unseren Verlangen und unseren RĂ€umen im Wege stehen. Nicht nur ein Lesekreis Safespace, sondern zurĂŒckgewonnenen Territorien, in denen die BedĂŒrfnisse der Arbeiter*innen/Frauen/der Ausgeschlossenen (frei von Geschlecht/vergeschlechtlichter Gewalt) erfĂŒllt werden können. Diese RĂ€ume können uns nicht einfach durch eine höhere Macht gegeben werden. Durch Besetzungen von Grenzregionen und ProduktionsstĂ€tten oder weniger formelle Territorien des Widerstands, wie Freund*innen, die einander den RĂŒcken freihalten, werden wir  die GemeingĂŒter schaffen oder sie zurĂŒckerobern.“

Destroy Gender

Anmerkungen

[1] Ich denke in vielen anarchistischen Kontexten des deutschsprachigen Raums lĂ€sst sich diese Kritik guten Gewissens auf die Bezeichnung „FLINT*“ ĂŒbertragen bzw. zuweilen auch auf das vielerorts gebrĂ€uchliche „Frauen*“, auch wenn beide Begriffe vielleicht leicht abweichende Besonderheiten mit sich bringen. (Anm. d. Übers.)

[2] Dieses Zitat ist der ursprĂŒngliche Wortlaut aus dem Einzigen und sein Eigentum. Im englischen Artikel ist eine recht ungenaue Übersetzung zitiert, die sich etwa folgendermaßen ins Deutsche rĂŒckĂŒbersetzen lĂ€sst und die den Unterschied, den Stirner zwischen Revolution und Empörung macht, außen vor lĂ€sst: „Der Aufstand verlangt von uns, uns nicht lĂ€nger einrichten zu lassen, sondern uns selbst einzurichten und keine glĂ€nzenden Hoffnungen auf Institutionen zu setzen.“ (Anm. d. Übers.)

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Quelle: Schwarzerpfeil.de