MĂ€rz 8, 2021
Von SchwarzerPfeil
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Und noch einmal lohnt es sich, auf das Konzept des Safe-Spaces zurĂŒckzukommen. WĂ€hrend sich in den Konzepten Community Accountability und der hießigen Awareness Strategien zur BekĂ€mpfung von Übergriffen zunehmend institutionalisieren, wird dabei oft die Frage danach zurĂŒckgestellt, inwiefern diese Institutionen ĂŒberhaupt in der Lage sind, UnterstĂŒtzung zu bieten. Ihre Infragestellung ist hĂ€ufig ein Sakrileg und wird nicht selten „bestraft“ bzw. sanktioniert, als wĂ€re die jeweils Kritik ĂŒbende Person selbst ĂŒbergriffig gewesen. Dabei mehren sich mit der Institutionalisierung von Safe-Spaces, die vor allem auf dem Papier, das sie proklamiert, zu bestehen scheinen auch die offensichtlichen FĂ€lle des Missbrauchs. Es ist unbequem darĂŒber zu sprechen, aber doch gibt es unzĂ€hlige FĂ€lle in denen Menschen alleine in den letzten Jahren fĂ€lschlicherweise und wie sich im Nachhinein manchmal herausstellte sogar mit bösartiger Absicht beschuldigt wurden, TĂ€ter*innen gewesen zu sein. Dieser Missbrauch entsprechender Safe-Space-Institutionen höhlt dieses Konzept so sehr aus, dass man es kaum wagt, diese FĂ€lle in einer Offenheit zu diskutieren, mit der man sonst tatsĂ€chliche oder vermeintliche TĂ€ter*innen benennt. Da stellt sich die Frage: Inwiefern sind es nicht diese Safe-Space-Institutionen oder gar der Gedanke eines Safe-Spaces, die diese „MachtmissbrĂ€uche“ bedingen?

Der folgende Text erschien als eine Art Abrechnung einer langjĂ€hrigen BefĂŒrworter*in solcher Konzepte und wirft die sicher unbequeme aber nichtsdestotrotz Ă€ußerst brisante Frage danach auf, ob man sich mit diesen Konzepten nicht die ganze Zeit ĂŒber einer Illusion hingegeben hat.


Teil 1: Das Patriarchat verstehen
Teil 2: Gender Nihilismus – Ein Anti-Manifest
Teil 3: NegativitĂ€t als Waffe: In Richtung des queersten aller Angriffe
Teil 4: Jenseits einer weiteren GeschlechteridentitÀt
Teil 5: Sicherheit ist eine Illusion
Teil 6: Was ist Anarchafeminismus?

Beginnend ab 4. MÀrz wird jeden Tag ein Teil der 6teiligen Serie veröffentlicht und hier daraufhin verlinkt.


Reflektionen zu Community Accountability

Ich wurde von einer*m lieben Freund*in gefragt, diesen Text ĂŒber accountability in radikalen Communities zu schreiben – Einblicke zu geben, angesichts der Jahre, die wir gemeinsam damit verbracht haben, gegen Rape Culture zu kĂ€mpfen. Allerdings vertrete ich das Konzept von Accountability nicht lĂ€nger. Ich will klar machen, dass meine Wut und meine Hoffnungslosigkeit ĂŒber das derzeitige Modell ebenso groß ist, wie meine Hingabe, mit der ich es in der Vergangenheit befĂŒrwortet habe. Accountability ist fĂŒr mich wie ein*e bittere*r Ex-Geliebte*r. In den letzten zehn Jahren habe ich versucht, diese Beziehung am Leben zu halten, aber weißt du was?

Es gibt soetwas wie Accountability in radikalen Communities nicht, weil es soetwas wie Community nicht gibt – nicht, wenn sexueller Missbrauch und sexuelle Übergriffe passieren. Mach doch gelegentlich mal eine ehrliche Umfrage und du wirst feststellen, dass wir uns nicht einig werden. Es gibt keinen Konsens. Community ist in dieser Hinsicht ein mystischer, oft genutzter und ziemlich missbrauchter Begriff. Ich will mit ihm nichts mehr zu tun haben.

Ich denke es ist an der Zeit, diese falschen sprachlichen Spiele, die wir spielen, zu beenden und zum alten Modell zurĂŒckzukehren. Ich vermisse die Tage, als es als angemessen galt, die Menschen schlicht halbtot zu prĂŒgeln und sie in den nĂ€chsten Zug aus der Stadt zu setzen – zumindest war dieser Austausch klar und ehrlich. Ich habe sowohl mit Überlebenden, als auch mit TĂ€ter*innen zu viel Zeit verbracht, in der sie in einer Flut von Worten ertranken, die weder Heilung bewirkten, noch eine verdammte LĂ€uterung.

Ich bin es Leid, dass die Sprache der Accountability dazu genutzt wird, sich gegenseitig ausschließende Kategorien von “Scheißkerlen” und “GeschĂ€digten” zu kreieren. Ich finde die Begriffe “Überlebende*r” und “TĂ€ter*in” abstoßend, da sie nicht im Ansatz geeignet sind, all die Arten zu beschreiben, auf die missbrĂ€uchliches Verhalten eine Dynamik zwischen zwei Parteien ist. (Dennoch werde ich diese Begriffe in diesem Text benutzen, weil sie der ĂŒblichen Sprachpraxis entsprechen.)

Wir können uns alle darauf einigen, dass Anarchist*innen nicht vor den Dynamiken missbrĂ€uchlichen Verhaltens gefeit sind, aber ich bin mehr und mehr zu der Erkenntnis gelangt, dass wir uns gegenseitig nicht schĂŒtzen können. Über Konzepte gegenseitigen EinverstĂ€ndnisses zu reden mag ein guter Anfang sein, aber das wird niemals genug sein; die Sozialisierung von Geschlecht, Monogamie – die LĂŒgen der ExklusivitĂ€t und die Berufung auf “Liebe” als Angemessenheit sind zu stark. Die Menschen entscheiden sich fĂŒr diesen Grad an IntensitĂ€t, wenn eine LiebesaffĂ€re frisch ist, wenn sich diese obsessive IntimitĂ€t gut anfĂŒhlt und wissen spĂ€ter nicht, wie sie ein Umschlagen der Zuwendung verhindern können.

So ist das mit dem Patriarchat, es ist verdammt nochmal allgegenwĂ€rtig, und so ist das ein*e Anarchist*in zu sein, oder mit dem Versuch frei, wild und ohne Reue zu leben – nichts davon schĂŒtzt dich vor Gewalt. Es gibt keinen Ort, den wir in einer beschĂ€digten Welt wie der in der wir leben, schaffen könnten, in dem es keine Gewalt gibt. Dass wir ĂŒberhaupt denken, dass das möglich sei, sagt mehr ĂŒber unsere Priviligeien aus, als ĂŒber irgendetwas anderes. Unsere einzige Autonomie liegt darin, wie wir Macht und Gewalt unsererseits vermeiden und gebrauchen.

Ich will folgendes besonders betonen: Es gibt nicht soetwas wie einen Safe Space unter dem Patriarchat, dem Kapitalismus, angesichts all der sexistischen, hetero-normativen, rassistischen, klassistischen, usw. Vorherrschaft, unter der wir leben. Je mehr wir vorzugeben versuchen, dass Sicherheit innerhalb einer Community existieren könne, desto enttĂ€uschter und verratener werden unsere Freund*innen und Liebhaber*innen sein, wenn sie Gewalt erfahren und keine UnterstĂŒtzung erhalten. In diesem Moment sprechen wir von einem guten Spiel, aber die Ergebnisse stellen sich nicht ein.

Es gibt eine Vielzahl von Problemen mit dem derzeitigen Modell – die sehr verschiedenen Erfahrungen von sexuellen Übergriffen und missbrĂ€uchlichen Beziehungen werden miteinander vermischt. Accountability-Prozesse befördern Trangulation anstatt direkter Kommunikation – und weil der Konflikt nicht angeschoben wird, wird die aufrichtigste Kommunikation vermieden. Direkte Konfrontation ist eine gute Sache! Sie zu vermeiden ermöglicht keine neuen VerstĂ€ndnisse, lĂ€uternde Befreiungen oder eine eventuelle Vergebung, zu denen der Austausch von Person zu Person fĂŒhren kann.

Wir haben ein Modell geschaffen, in dem alle Parteien ermutigt werden, lediglich darĂŒber zu verhandeln, wie sie sich nie wieder sehen oder den gleichen Raum teilen mĂŒssen. Einige unmögliche Forderungen/Versprechungen werden ausgeteilt und im Namen der Vertraulichkeit werden aufgrund von AllgemeinplĂ€tzen Linien im Sand gezogen. Findet einen Umgang mit euren Problemen, aber sprecht nicht ĂŒber die Details dessen, was schief gegangen ist und sprecht nicht miteinander. Das derzeitige Modell schafft tatsĂ€chlich mehr Schweigen – nur wenige, spezialisierte Personen erhalten Informationen darĂŒber, was geschehen ist, aber von allen anderen wird dennoch erwartet sich ein Urteil zu bilden. Es gibt nur wenig Transparenz in diesen Prozessen.

In dem nachvollziehbaren Versuch, keinen weiteren Schmerz zu triggern oder zu schaffen, reden wir uns in immer abstraktere Kreise, wobei ein Ereignis oder eine Dynamik zwischen zwei Menschen kristallisiert wird und sich weder verĂ€ndert oder weiterentwickelt. “TĂ€ter*innen” werden zur Summe ihrer schlechtesten Momente. “Überlebende” schaffen sich eine IdentitĂ€t um Erfahrungen von Gewalt, die sie hĂ€ufig in diesen emotionalen Momenten stecken bleiben lĂ€sst. Die vorsichtige, nicht-gewaltsame Kommunikation der Accountability fĂŒhrt nicht zur Heilung. Ich habe diese Prozesse eine Vielzahl von Szenen spalten sehen, aber ich habe sie niemals Menschen dabei helfen gesehen, UnterstĂŒtzung zu bekommen, Macht wiederzuerlangen oder sich wieder sicher zu fĂŒhlen.

Vergewaltigung zerbricht dich – der Verlust der Kontrolle ĂŒber deinen Körper, wie dieses GefĂŒhl der Machtlosigkeit dich heimsucht, wie es dirt jede Illusion von Sicherheit oder VernĂŒnftigkeit raubt. Wir brauchen Modelle, die Menschen dabei helfen, die Macht zurĂŒckzuerlangen und wir mĂŒssen die Vergeltung, Kontrolle und Verbannung des derzeitigen Modells beim Namen nennen: Rache. Rache ist in Ordnung, aber lasst uns nicht so tun, als ginge es dabei nicht um Macht! Wenn Anprangerung und vergeltende Gewalt das ist, mit dem wir arbeiten wollen, dann lasst uns diesbezĂŒglich ehrlich sein. Lasst uns diese Mittel nur dann wĂ€hlen, wenn wir aufrichtig sagen können, dass es das ist, was wir tun wollen. Inmitten dieses Krieges mĂŒssen wir besser darin werden, in Konflikt zu leben.

Missbrauch und Vergewaltigung sind unvermeidbare Konsequenzen der kranken Gesellschaft, in der wir zu leben gezwungen sind. Wir mĂŒssen sie vernichten und zerstören, aber in der Zwischenzeit können wir uns nicht vor ihr verstecken – oder davor, wie sie unsere persönlichsten Beziehungen beeinflusst. Ich erinnere mich noch daran, was fĂŒr ein großer Fortschritt es in meinem Kampf um Befreiung war, meinen Frieden mit den schlimmsten Konsequenzen meines persönlichen Angriffs auf das Patriarcht zu schließen. Damit klarzukommen, vergewaltigt zu werden, war ein wichtiger Bestandteil darin, zu verstehen, was es bedeutet, sich im Krieg mit dieser Gesellschaft zu befinden.

Vergewaltigung wurde schon immer als dieses Werkzeug der Kontrolle genutzt – dargeboten als Drohung was passieren wĂŒrde, wenn ich in meiner queerness und geschlechtlichen Uneindeutigkeit weiter auf die Art und weise, die ich gewĂ€hlt hatte, leben, arbeiten, mich kleiden, reisen, lieben oder mich wiedersetzen wĂŒrde. Diese Warnungen hatten fĂŒr mich keinerlei Hand und Fuß – in meinem Herzen wusste ich, dass es nur eine Frage der Zeit wĂ€re, unabhĂ€ngig davon, welche Art von Leben ich wĂ€hlen wĂŒrde, da mein sozial vorgegebenes Geschlecht mich einem bestĂ€ndigen Risiko der Vergewaltigung aussetzen wĂŒrde. Ich wurde in der Arbeit vergewaltigt und es brauchte eine ganze Weile, um diesen Übergriff wirklich als Vergewaltigung zu benennen. Nachdem es passiert war, war das was ich vor allem fĂŒhlte, nachdem der Schmerz, die Wut und der Ärger abgeklungen waren, Erleichterung. Erleichterung, dass es endlich passiert war. Ich hatte mein gesamtes Leben darauf gewartet, dass es passieren wĂŒrde, es war ein paar Mal beinahe geschehen und endlich wusste ich, wie es sich anfĂŒhlte und ich wusste, dass ich es ĂŒberstehen konnte.

Ich brauchte diesen faulen Trick. Ich brauchte einen konkreten Anlass fĂŒr das gehetzte GefĂŒhl, das aus der einige Jahre zurĂŒckliegenden Vergewaltigung, Ermordung und VerstĂŒmmelung einer*s Freund*in von mit stammte. Ich brauchte es, dass mich jemand verletzte und ich erkannte, dass ich sowohl das Verlangen hatte, ihn*sie zu töten, als auch die persönliche Kontrolle, mich davon abzuhalten. Ich musste nach Hilfe suchen und enttĂ€uscht werden. Das ist wie es lĂ€uft – Frag die Überlebenden, die du kennst, die meisten Menschen, die das durchleben, fĂŒhlen sich nicht unterstĂŒtzt. Wir haben Erwartungen geweckt, aber die Erfahrung des echten Lebens ist immer noch beschissen.

Ich war auf Reisen im Ausland, als es passierte. Die einzige Person, der ich davon erzĂ€hlte, rief gegen meinen Wunsch die Bullen. Sie durchsuchten den Ort des “Verbrechens” ohne meine Einwilligung und stellten DNA-Beweise sicher, da ich sie nicht beseitigt hatte. Zu wissen, dass ich mich in einem Moment der Verletzlichkeit unter Druck setzen und zwingen ließ, gegen meinen politischen Willen am Prozess der Polizei teilzunehmen, fĂŒhlte sich sogar noch schlechter an, als vergewaltigt worden zu sein. Ich verließ die Stadt kurz darauf, damit ich von meiner*m “Freund*in” nicht weiter unter Druck gesetzt werden konnte, mit den Bullen mehr als ich es ohnehin schon hatte, zusammenzuarbeiten. Der einzige Weg, auf dem ich irgendeine pseudo-balance der Kontrolle in dieser Periode empfand, war als ich die Rache an meinem Vergewaltiger in die eigenen HĂ€nde nahm.

Ich begriff, dass auch ich Bedrohungen, Wut und implizite Gewalt als Waffe gebrauchen konnte. Nach meiner ersten Erfahrung der “UnterstĂŒtzung” entschied ich, das alleine zu tun. Ich konnte in diesem Moment keine*n um UnterstĂŒtzung bitte, aber das war in Ordnung, weil ich begriff, dass ich es selbst tun konnte. An den meisten anderen Orten, denke ich, hĂ€tte ich einige meiner Freund*innen um Hilfe bitten können. Die Kultur der Nicht-Gewalt durchdringt nicht alle Communities, in denen ich mich bewege. Das Fehlen von AffinitĂ€t, das ich empfand, war dem geschuldet, dass ich nur vorrĂŒbergehend in dieser Stadt war, aber ich glaube nicht, dass meine Erfahrung, Mediation statt Konfrontation angeboten zu bekommen besonders einzigartig ist.

Ich denke im Falle eines sexuellen Übergriffs ist rĂ€chende Gewalt angemessen und ich denke nicht, dass es darĂŒber irgendeinen Konsens geben mĂŒsse. Modelle zu fördern, die Vermittlung versprechen, anstatt Konfrontation zu erlauben ist vereinzelnd und entfremdend. Ich wollte keine Mediation, weder durch legale KanĂ€le oder auf irgendeine andere Weise. Ich wollte Rache. Ich wollte, dass er sich ebenso machtlos, verĂ€ngstigt und verletzlich fĂŒhlte, wie er mich fĂŒhlen ließ. Es gibt wirklich keine Sicherheit nach einem sexuellen Übergriff, aber es kann Konsequenzen geben.

Wir können Überlebenden keinen Safe Space bieten – Safe Spaces in einem allgemeinen Sinne, außerhalb enger Freundschaften, einigen Familien und gelegentlichen AffinitĂ€ten existieren einfach nicht. Unsere derzeitigen Modelle von Accountability leiden unter einer ÜberfĂŒlle an Hoffnung. Fick die falschen Versprechen von Safe Spaces – wir werden niemals jede*n auf die gleiche Seite diesbezĂŒglich bringen. Lasst uns damit zurechtkommen, wie schwer Heilung ist und wie wahnhaft jede Erwartung einer radikalen VerĂ€nderung des Verhaltens im Falle von Übergriffen ist. Wir mĂŒssen zwischen physischen Übergriffen und emotionalem Missbrauch unterscheiden – sie unter der allgemeinen Rubrik interpersoneller Gewalt zusammenzuwerfen hilft nicht.

Zyklische Muster des Missbrauchs verschwinden nicht einfach. Dieser Scheiß sitzt wirklich, wirklich tief – viele Missbraucher wurden selbst missbraucht und viele missbrauchte werden zu Missbrauchern. Die letzten paar Jahre habe ich mit Schrecken beobachtet, wie die Sprache der Accountability zu einem leichten Angriffspounkt einer neuen Generation emotionaler Manipulator*innen wurde. Sie wurde genutzt, um eine neue Form von raubtierhaftem Querdenker zu perfektionieren – denjenigen, der*die in der Sprache der SensibilitĂ€t geschult ist –, indem sie die Illusion von Accountability als Sozialkapital nutzt.

Also woher kommt echte Sicherheit? Wie können wir sie messen? Sicherheit kommt von Vertrauen und Vertrauen ist etwas persönliches. Es kann nicht vermittelt oder von einer Community abgestempelt werden. Mein*e “sichere*r” Liebhaber*in kann dein*e geheime*r Missbraucher*in sein und mein*e Ă€tzende*r KoabhĂ€ngige*r Ex kann dein*e gesunde*r, erprobte*r und wahre*r Vertraute*r sein. Rape Culture kann nicht einfach gelöst werden, aber sie ist kontextabhĂ€ngig.

Menschen in Beziehung zueinander schaffen einen gesunden oder ungesunden Austausch. Es gibt kein universelles “beschissen”, “geheilt” oder “sicher” – es verĂ€ndert sich mit der Zeit, den LebensumstĂ€nden und jeder neuen Liebesbeziehung. Ich habe mit Unbehagen beobachtet, wie das Dammbruchargument des “emotionalen” Missbrauchs zu einem gĂ€ngigen Grund wurde, um einen Accountability-Prozess anzustoßen.

Das Problem dabei, dieses Modell fĂŒr emotionalen Missbrauch zu gebrauchen ist, dass es sich dabei um eine ungesunde Dynamik zwischen zwei Personen handelt. Also wer hat das Recht sie anzuprangern? Wer erhĂ€lt diese Macht in der Community? (Und lasst uns ehrlich sein: Es liegt Macht darin, jemand zu einem Accountability-Prozess einzubestellen.) Personen in ungesunden Beziehungen benötigen einen Weg, aus diesen rauszukommen, ohne dass dies ein Urteil der Community gegen die*denjenige*n, wer auch immer unglĂŒcklich genug war, eine ungute Dynamik nicht zu bemerken oder sie nicht zuerst missbrĂ€uchlich zu nennen, beinhaltet. Diese Prozesse verschĂ€rfen hĂ€ufig nur die gegenseitigen ungesunden Machtspiele zwischen verletzten Parteien. Die Menschen werden ermutigt, eine Seite zu wĂ€hlen und dennoch bringt kein direkter Konflikt diese Art der Verstrickungen zu irgendeiner Lösung.

Accountability-Modelle zu nutzen, die Jahre zuvor entwickelt wurden, um mit Serienvergewaltigern in der radikalen Szene umzugehen, hat nicht gerade geholten, Menschen aus dem Treibsand beschĂ€digter und koabhĂ€ngiger Beziehungen zu befreien. Emotionaler Missbrauch ist ein verdammt vager und schwer zu definierender Begriff. Er hat fĂŒr jede Person eine unterschiedliche Bedeutung.

Wenn dich jemand verletzt und du sie*ihn zurĂŒck verletzen willst – dann tue es, aber tue nicht so, als ob es dabei um gegenseitige Heilung ginge. Nenne einen Machtwechsel beim Namen. Es ist in Ordnung, die Macht zurĂŒckzuwollen und es ist in Ordnung, sie sich zu nehmen, aber tue niemals jemand anderem etwas an, von dem du es nicht verdauen könntest, wenn diese Person es dir antun wĂŒrde, wenn die Seiten vertauscht wĂ€ren.

Diejenigen, die dazu neigen, physische BrutalitĂ€t zu gebrauchen, um Macht zu erlangen, mĂŒssen eine Lektion in einer Sprache erteilt bekommen, die sie verstehen. Der Sprache der physischen Gewalt. Diejenigen, die unter ungesunden Beziehungen leiden, benötigen Hilfe dabei, eine wechselseitige Dynamik zu erforschen und daraus auszubrechen – nicht dabei, Schuldzuweisungen auszusprechen. Keine*r kann entscheiden, wer MitgefĂŒhl verdient und wer nicht, außer denjenigen, die direkt involviert sind.

Es gibt keinen Weg, Rape Culture durch nicht-gewaltsame Kommunikation zu zerstören, weil es keinen Weg gibt, Rape Culture zu zerstören, ohne die Gesellschaft zu zerstören. In der Zwischenzeit lasst uns damit aufhören, von Menschen das Beste oder das Schlimmste zu erwarten.




Ich habe Accountability und seine fehlende Transparenz satt.

Ich habe es satt, zu Trangulieren.

Ich habe es Satt, einen Machtwechsel zu verschleiern.

Ich habe die Hoffnung satt.

Ich wurde vergewaltigt.

Ich war ein*e unfaire*r Manipulator*in der Macht In einigen meiner intimen Beziehungen.

Ich hatte sexuellen Austausch, der Teil einer Lernkurve fĂŒr besseren Konsens war.

Ich habe in mir das Potenzial beides zu sein, Überlebende*r und TĂ€ter*in – Missbrauchte*r und Missbraucher*in –, so wie wir alle.




Diese essentialistischen Kategorien bringen uns nicht weiter. Es gibt Menschen, die vergewaltigen – die wenigsten Menschen sind Vergewaltiger*innen in jedem sexuellen Austausch. Menschen missbrauchen einander – dieser Missbrauch ist oft wechselseitig und zyklisch – aus KreislĂ€ufen ist nur schwer, waber nicht unmöglich auszubrechen. Diese Verhaltensweisen verĂ€ndern sich je nach Kontext. Daher gibt es soetwas wie einen Safe Space nicht.

Ich will, dass wir uns eingestehen, dass wir uns im Krieg befinden – mit uns selbst, mit unseren Liebhaber*innen und mit unserer “radikalen” Community, weil wir uns im Krieg mit der Welt als Ganzes befinden und diese Ranken der Herrschaft in uns existieren und sie so vieles von dem was wir berĂŒhren, denjenigen, die wir lieben und denjenigen, die wir verletzen betreffen. Aber wir sind nicht nur der Schmerz, den wir anderen zufĂŒgen oder die Gewalt, die uns angetan wird.

Wir brauchen mehr direkte Kommunikation und wenn das nicht hilft brauchen wir direktes Engagement in all seiner schrecklichen chaotischen Pracht. Solange wir uns selbst anderen gegenĂŒber verletzlich machen, werden wir niemals sicher im absoluten Sinne des Wortes sein.




Es bleibt nur AffinitĂ€t und Vertrauen ĂŒbrig.

Es gibt nur gebrochenes Vertrauen und Konfrontation.

Der Krieg wird nicht bald vorbei sein

Lasst uns besser darin werden, in Konflikt zu sein.

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Quelle: Schwarzerpfeil.de