Juli 21, 2022
Von Soligruppe FĂŒr Gefangene
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Einleitung von der Soligruppe fĂŒr Gefangene,

zu unseren kommenden Text – KEIN ANARCHISTISCHES PROGRAMM, Eine Kritik an „anarchistischem“ Idealismus, Ideologien und Reformismus – setzen wir fort mit der Reihe an Texten, alles Übersetzungen, die sich mit der Thematik des Reformismus auseinandersetzen, dieses Mal aber vor allem das Thema Krieg und die Teilnahme oder nicht-Teilnahme, die BefĂŒrwortung oder die Ablehnung im selben. Denn eins sollte nicht vergessen werden, außer der sozialen Revolution, dem Klassenkrieg oder dem sozialen Krieg, sind alle Kriege immer die des Kapitalismus.

Wir fahren also mit einer Übersetzung aus dem Buch von Paul Mattick fort, nĂ€mlich Marxism. Last Refuge of the Bourgeoisie?. Letztes Mal veröffentlichten wir den Kapital Nummer Drei, Die Grenzen der Reform, sowie den Kapitel Nummer Acht, Ideologie und Klassenbewusstsein, dieses Mal haben wir uns das Kapital Nummer Zwei aus dem Englischen vorgenommen, Reform oder Revolution. Weiterhin ist unser Wissen nach, dieses Buch noch nicht ins Deutsche ĂŒbersetzt worden. Wir haben die zufĂ€llige Gelegenheit beim Schopf gepackt, da vieles was der gute Paul auf diesen Kapitel schreibt lĂ€sst einen ĂŒber den jetzigen Krieg in der Ukraine ĂŒber vieles nachdenken.


Marxism. Last Refuge of the Bourgeoisie?

Kapitel Zwei, Reform oder Revolution. Von Paul Mattick

Die politische Revolution der Bourgeoisie war der Höhepunkt eines langwierigen Prozesses sozialer VerĂ€nderungen in der ProduktionssphĂ€re. Dort, wo die aufsteigende kapitalistische Klasse die vollstĂ€ndige Kontrolle ĂŒber den Staat erlangte, garantierte dies eine rasche Entfaltung des VerhĂ€ltnisses zwischen Kapital und Arbeit. Der feudalistische Widerstand gegen diese Transformation/Umgestaltung war in den verschiedenen LĂ€ndern unterschiedlich stark ausgeprĂ€gt. Obwohl der Kapitalismus allgemein auf dem Vormarsch war, war seine Entwicklung sowohl von Gewalt als auch von Kompromissen gekennzeichnet, wobei sich das Neue und das Alte sowohl politisch als auch ökonomisch ĂŒberlagerten. Die herrschenden Klassen teilten sich in einen reaktionĂ€ren und einen fortschrittlichen FlĂŒgel, wobei letzterer nach politischer Kontrolle durch einen demokratischen kapitalistischen Staat strebte. Die Spaltung zwischen einer gefestigten Autokratie und der liberalen Bourgeoisie spiegelte das ungleiche Tempo der kapitalistischen Entwicklung wider und weitete die internen Unterschiede zwischen Reaktion und Fortschritt auf die Nationen selbst und ihre politischen Institutionen aus.

Die sozialistische Bewegung entstand in einer unvollstĂ€ndigen bourgeoisen Gesellschaft in einer Welt von Nationen, die noch mehr oder weniger im Bann der reaktionĂ€ren KrĂ€fte der Vergangenheit standen. Diese Situation fĂŒhrte zu einem zweckmĂ€ĂŸigen, aber unnatĂŒrlichen BĂŒndnis zwischen Bourgeoisie und Proletariat. Historisch gesehen musste der Gegensatz zwischen Arbeit und Kapital zunĂ€chst als InteressenidentitĂ€t erscheinen, um die ProduktionskrĂ€fte freizusetzen, die das Proletariat zu einer eigenstĂ€ndigen sozialen Klasse machen wĂŒrden. An den bourgeoisen Revolutionen mit eigenen Forderungen teilzunehmen, widersprach nicht dem postulierten „historischen Ziel“ der Arbeiterklasse, sondern war eine unvermeidliche Voraussetzung fĂŒr ihren zukĂŒnftigen Kampf gegen die Bourgeoisie.

Obwohl oft behauptet wurde, dass es die Angst vor dem Proletariat war, die die Bourgeoisie dazu veranlasste, ihren eigenen Kampf gegen die feudale Autokratie einzuschrĂ€nken, war es vielmehr die Erkenntnis ihrer eigenen, noch begrenzten Macht gegenĂŒber dem reaktionĂ€ren Feind, die sie von radikalen Maßnahmen zugunsten ihrer eigenen politischen Bestrebungen zurĂŒcktreten ließ. Die Bourgeoisie fand zwar UnterstĂŒtzung in der werktĂ€tigen Bevölkerung, war sich aber sicher, dass sie die UnterstĂŒtzung der reaktionĂ€ren KrĂ€fte finden wĂŒrde, sollte sich dies als notwendig erweisen, um die revolutionĂ€re Initiative der Arbeiterklasse zu zerstören. Auf jeden Fall war die Zeit auf der Seite der Bourgeoisie, denn die feudalen Schichten der Gesellschaft passten sich dem Prozess der Kapitalisierung an und integrierten sich in die kapitalistische Produktionsweise. Die Integration der scheinbar unvereinbaren Interessen der konservativen Elemente, die sich weitgehend auf die Landwirtschaft stĂŒtzten, und der fortschrittlichen demokratischen KrĂ€fte, die das industrielle Kapital vertraten, verwirklichte schließlich die Ziele der gescheiterten bourgeoisen Revolutionen von 1848, die fast alle Nationen Westeuropas erfasst hatten. Das Jahr 1848 hatte Hoffnungen auf eine baldige proletarische Revolution geweckt, vor allem wegen der verheerenden ökonomischen Krisenbedingungen, die die politische GĂ€rung ĂŒberhaupt erst ausgelöst hatten. Aber die Jahre der Depression gingen vorbei und mit ihnen auch die sozialen UmwĂ€lzungen gegen alles, was dem sozialen Wandel im Wege zu stehen schien. Das Kapital akkumulierte sich nicht weniger in LĂ€ndern, die von politisch reaktionĂ€ren Regimen regiert wurden, als in solchen, in denen der Staat die liberale Bourgeoisie begĂŒnstigte.

Der moderne Nationalstaat ist eine Schöpfung des Kapitalismus, der die Umwandlung schwacher in lebensfĂ€hige Staaten verlangt, um die Produktionsbedingungen zu schaffen, die einen erfolgreichen Wettbewerb auf dem Weltmarkt ermöglichen. Der Nationalismus war damals das Hauptanliegen der revolutionĂ€ren Bourgeoisie. Die kapitalistische Expansion und die nationale Einigung wurden als komplementĂ€re Prozesse betrachtet, obwohl der Nationalismus in seiner ideologischen Form als eigenstĂ€ndiger Wert angesehen wurde. In dieser Form nahm er ĂŒberall dort revolutionĂ€re ZĂŒge an, wo bestimmte Nationen, wie Irland und Polen, unter Fremdherrschaft geraten waren. Da der Kapitalismus die Bildung von Nationen voraussetzte, befĂŒrworteten die BefĂŒrworter des ersten notwendigerweise den zweiten, wenn auch nur als weitere Voraussetzung fĂŒr eine kĂŒnftige proletarische Revolution, die ihrerseits die nationalen Trennungen der weltweiten Ökonomie beenden sollte. In diesem Sinne traten Marx und Engels fĂŒr die Bildung von Nationen ein, die stark genug waren, um eine rasche kapitalistische Entwicklung zu gewĂ€hrleisten.

NatĂŒrlich spielte es keine Rolle, ob Marx und Engels die Bildung kapitalistisch lebensfĂ€higer Nationalstaaten befĂŒrworteten oder nicht, denn ihr Einfluss auf die tatsĂ€chlichen Ereignisse war weniger als minimal. Alles, was sie tun konnten, war, ihre eigenen GefĂŒhle und PrĂ€ferenzen in Bezug auf die verschiedenen nationalen KĂ€mpfe auszudrĂŒcken, die die Kapitalisierung des europĂ€ischen Kontinents begleiteten. In diesen KĂ€mpfen konnten die Arbeiter bisher nur Kanonenfutter fĂŒr Klasseninteressen liefern, die nicht oder nur indirekt ihre eigenen waren, da eine rasche kapitalistische Entwicklung eine Verbesserung ihrer Bedingungen innerhalb ihrer LohnabhĂ€ngigkeit versprach. Ihre Beteiligung an den damaligen nationalrevolutionĂ€ren UmwĂ€lzungen und den darauf folgenden nationalen Kriegen war nur im historischen Sinne zu rechtfertigen, denn sie konnten damals nur den spezifischen Klasseninteressen der aufstrebenden und konkurrierenden Bourgeoisie dienen. Doch auch wenn die Geschichte von der Bourgeoisie gemacht wurde, machte es die Tatsache, dass deren Existenz die Existenz und Entwicklung des Proletariats voraussetzte, zwingend erforderlich, diesen Prozess auch vom Standpunkt der Arbeiterklasse aus zu betrachten und eine Politik zu formulieren, die vermutlich ihre Interessen innerhalb der kapitalistischen Entwicklung fördern wĂŒrde.

Da die Bildung lebensfĂ€higer Nationalstaaten mit der Absorption weniger lebensfĂ€higer nationaler Einheiten einherging, wurde eine Unterscheidung zwischen Nationen getroffen, die das Potenzial fĂŒr eine umfassende kapitalistische Entwicklung besaßen, und anderen, die nicht so ausgestattet waren. Friedrich Engels beispielsweise unterschied zwischen Nationen, die dazu bestimmt waren, den Lauf der Geschichte zu beeinflussen, und anderen, die nicht in der Lage waren, eine unabhĂ€ngige Rolle in der historischen Entwicklung zu spielen1. Seiner Meinung nach war der Nationalismus als solcher keine revolutionĂ€re Kraft, außer indirekt in Situationen, in denen er einer raschen kapitalistischen Entwicklung diente. In der sich entfaltenden kapitalistischen Welt gab es keinen Platz fĂŒr kleine oder rĂŒckstĂ€ndige Nationen. Nationale Bestrebungen konnten also entweder revolutionĂ€r oder reaktionĂ€r sein, je nachdem, ob sie sich positiv oder negativ auf die wachsenden gesellschaftlichen ProduktionskrĂ€fte auswirkten. Nur soweit nationale Bewegungen die allgemeine kapitalistische Entwicklung unterstĂŒtzten, konnten sie als fortschrittlich und damit fĂŒr die Arbeiterklasse von Interesse angesehen werden, denn der Nationalismus war nur die kapitalistisch widersprĂŒchliche Form einer Entwicklung, die den Weg fĂŒr die Internationalisierung der Kapitalproduktion und damit auch fĂŒr den proletarischen Internationalismus bereitete.

NatĂŒrlich musste diese allgemeine Auffassung empirisch konkretisiert werden, indem man in den tatsĂ€chlichen nationalen Bewegungen und nationalen Kriegen des neunzehnten Jahrhunderts zumindest verbal Partei ergriff. Je nach dem Grad ihrer kapitalistischen Entwicklung oder der klaren Notwendigkeit und dem Wunsch nach einer konkurrenzfĂ€higen Position einer solchen Nation innerhalb der weltweiten Ökonomie bedeutete ihre Verteidigung die Verteidigung der Nation, und sei es nur, um das bereits Erreichte zu sichern. Je fortschrittlicher die Arbeiterklasse sich selbst einschĂ€tzte, desto deutlicher identifizierte sie sich mit dem vorherrschenden Nationalismus. Dort, wo die Arbeiter die kapitalistischen GesellschaftsverhĂ€ltnisse ĂŒberhaupt nicht in Frage stellten, wie in England und den Vereinigten Staaten, war ihre Akzeptanz des bourgeoisen Nationalismus mit seinen imperialistischen Implikationen vollkommen. Wo es zumindest eine ideologische Opposition gegen das kapitalistische System gab, wie in der marxistischen Bewegung, wurden nationalistische GefĂŒhle in einer eher heuchlerischen Weise gepriesen, nĂ€mlich als Mittel zur Umwandlung der Nation in eine sozialistische Nation, die stark genug war, um einem möglichen Ansturm externer konterrevolutionĂ€rer KrĂ€fte standzuhalten. Es wurde nun unterschieden zwischen Nationen, die sich eindeutig auf dem Weg zum Sozialismus befanden, wie die wachsende Macht der sozialistischen Organisationen und ihr zunehmender Einfluss auf die Gesellschaft insgesamt zeigten, und Nationen, die noch völlig unter der Herrschaft ihrer traditionellen herrschenden Klassen standen und hinter der allgemeinen gesellschaftlichen Entwicklung auf dem sozialistischen Weg zurĂŒckblieben.

Eine bestimmte Nation konnte so zu einer Art „Avantgarde-Nation2“ werden, die durch ihr Beispiel dazu bestimmt war, andere Nationen zu fĂŒhren. Diese Rolle, die Frankreich in der bourgeoisen Revolution gespielt hatte, wurde nun im Hinblick auf die sozialistische Revolution fĂŒr Deutschland beansprucht, dank seiner schnellen kapitalistischen Entwicklung, seiner geopolitischen Lage und seiner Arbeiterbewegung, dem Stolz der Zweiten Internationale. Eine Niederlage dieser Nation in einem kapitalistischen Krieg wĂŒrde nicht nur die Entwicklung Deutschlands und seiner Arbeiterbewegung zurĂŒckwerfen, sondern damit auch die Entwicklung des Sozialismus als solchen. Im Namen des Sozialismus setzte sich daher beispielsweise Friedrich Engels fĂŒr die Verteidigung der deutschen Nation gegen weniger fortgeschrittene LĂ€nder wie Russland und sogar gegen fortgeschrittenere kapitalistische Nationen wie Frankreich ein, falls diese sich mit dem potenziellen russischen Gegner verbĂŒnden sollten. Und es war August Bebel, der populĂ€re AnfĂŒhrer der deutschen Sozialdemokratie, der seine Bereitschaft bekundete, fĂŒr das deutsche Vaterland zu kĂ€mpfen, wenn dies notwendig sein sollte, um dessen ununterbrochene sozialistische Entwicklung zu sichern.

In einer Welt konkurrierender kapitalistischer Nationen sind die Gewinne einiger Nationen die Verluste anderer, auch wenn alle ihr Kapital mit der VergrĂ¶ĂŸerung des Weltmarktes vermehren. Der Prozess der Kapitalkonzentration schreitet sowohl international als auch national voran. Da die Konkurrenz zur Monopolisierung fĂŒhrt, wird der theoretisch „freie Weltmarkt“ zu einem teilweise kontrollierten Markt, und die Instrumente zu diesem Zweck – Protektionismus, Kolonialismus, Militarismus und Imperialismus – werden eingesetzt, um nationale Privilegien innerhalb der expandierenden kapitalistischen und weltweiten Ökonomie zu sichern. Monopolisierung und Imperialismus bieten somit ein gewisses Maß an bewusster Einmischung in den Marktmechanismus, wenn auch nur zum Zwecke der nationalen VergrĂ¶ĂŸerung. Da die bewusste Kontrolle der Ökonomie jedoch auch ein Ziel des Sozialismus ist, wurde die ökonomische Regulierung durch die Monopolisierung des Kapitals und seine imperialistischen AktivitĂ€ten von einigen Sozialisten und Sozialreformern, wie den Fabians in England, als fortschrittlicher Schritt zur Entwicklung einer rationaleren Gesellschaft angesehen.

Da ein relativ ungestörtes Wachstum der Arbeiterorganisationen im aufsteigenden Kapitalismus eine Kapitalakkumulationsrate voraussetzt, die gleichzeitig ausreichende Profite und eine allmĂ€hliche Verbesserung der Bedingungen der arbeitenden Klassen ermöglicht, kann die national organisierte Arbeiterbewegung, ob sie nun auf soziale Reformen oder nur auf höhere Löhne aus ist, nicht umhin, die Expansion des nationalen Kapitals zu begĂŒnstigen. Ob man es nun zugibt oder nicht, der internationale Kapitalwettbewerb betrifft sowohl die Arbeiterklasse als auch das Kapital. Auch der sozialistische FlĂŒgel der Arbeiterbewegung wird sich diesem Ă€ußeren Druck nicht entziehen können, um den Kontakt zur RealitĂ€t nicht zu verlieren und seinen Einfluss auf die Arbeiterklasse aufrechtzuerhalten, ungeachtet aller ideologischen Lippenbekenntnisse zum proletarischen Internationalismus als dem endgĂŒltigen, aber fernen Ziel der sozialistischen Bewegung.

Die nationale Aufteilung der kapitalistischen Produktion nationalisiert auch den proletarischen Klassenkampf. Dies ist nicht nur eine Frage der Ideologie, d.h. der unkritischen Übernahme des bourgeoisen Nationalismus durch die Arbeiterklasse, sondern auch eine praktische Notwendigkeit, denn der Klassenkampf wird im Rahmen der nationalen Ökonomie gefĂŒhrt. Da die Einheit der Menschheit ein weit entferntes und vielleicht utopisches Ziel ist, bestimmen der sich historisch entwickelnde Nationalstaat und sein Erfolg in der Konkurrenz um das Kapital das Schicksal seiner Arbeiterbewegung und das der Arbeiterklasse in Bezug auf die Bedingungen ihrer Existenz. Wie alle Ideologien muss auch der Nationalismus, um wirksam zu sein, einen gewissen Bezug zu den realen BedĂŒrfnissen und Möglichkeiten haben, und zwar nicht nur fĂŒr die direkt mit ihm verbundenen Klasseninteressen, sondern auch fĂŒr diejenigen, die seiner Herrschaft unterworfen sind.

Einmal etabliert und systematisch aufrechterhalten, verselbstĂ€ndigt sich die Ideologie des Nationalismus wie das Geld und behauptet ihre Macht, ohne die spezifischen materiellen Klasseninteressen offenzulegen, die zu ihrer Entstehung gefĂŒhrt haben. So wie nicht der gesellschaftliche Produktionsprozess, sondern seine fetischistische Erscheinungsform die bewusste Wahrnehmung der kapitalistischen Gesellschaft strukturiert, so erscheint die nationalistische Ideologie, losgelöst von den ihr zugrunde liegenden klassenbestimmten gesellschaftlichen VerhĂ€ltnissen, als Teil des falschen Bewusstseins, das die gesamte Gesellschaft beherrscht. Der Nationalismus erscheint nun als ein Wert an sich und als die einzige Form, in der eine Art von „SozialitĂ€t/Gesellschaftlichkeit“ in einer ansonsten asozialen und atomisierten Gesellschaft verwirklicht werden kann. Er ist eine abstrakte Form der SozialitĂ€t anstelle einer realen SozialitĂ€t, aber er zeugt von dem subjektiven BedĂŒrfnis des isolierten Individuums, seine Menschlichkeit als soziales Wesen zu behaupten. Als solche ist sie der ideologische Reflex der kapitalistischen Gesellschaft als einem System der gesellschaftlichen Produktion zum privaten Nutzen, das auf der Ausbeutung einer Klasse durch eine andere beruht. Sie ergĂ€nzt oder ersetzt die Religion als kohĂ€sive Kraft der sozialen Existenz, da in diesem Stadium der Entwicklung der sozialen ProduktionskrĂ€fte keine andere Form des Zusammenhalts möglich ist. Es handelt sich also um ein historisches PhĂ€nomen, das so „natĂŒrlich“ zu sein scheint wie die kapitalistische Produktion selbst und ihr eine Aura von SozialitĂ€t verleiht, die sie in Wirklichkeit nicht besitzt.

Die Zweideutigkeit von Ideologien, einschließlich des Nationalismus, ist sowohl ihre SchwĂ€che als auch ihre StĂ€rke. Um ihre Wirksamkeit auf Dauer zu bewahren, muss die Ideologie unermĂŒdlich gepflegt werden. Die Verinnerlichung des ideologischen Nationalismus kann nicht dem widersprĂŒchlichen Sozialisationsprozess selbst ĂŒberlassen werden, sondern muss systematisch propagiert werden, um jeden aufkommenden Zweifel an seiner GĂŒltigkeit fĂŒr die Gesellschaft als Ganzes zu bekĂ€mpfen. Da aber die Mittel der Indoktrination zusammen mit denen der Produktion und der unmittelbaren physischen Kontrolle in den HĂ€nden der Bourgeoisie liegen, sind die Ideen der herrschenden Klasse die gesellschaftlich herrschenden Ideen und entsprechen in dieser Form dem subjektiven BedĂŒrfnis des Einzelnen nach Integration in eine grĂ¶ĂŸere und schĂŒtzende Gemeinschaft.

Das Kapital operiert international, konzentriert aber seine Profite auf das Inland. Seine Internationalisierung erscheint somit als ein imperialistischer Nationalismus, der auf die Monopolisierung der Quellen des Mehrwerts abzielt. Dies ist zugleich ein politischer und ein ökonomischer Prozess, auch wenn der Zusammenhang zwischen beiden nicht immer klar erkennbar ist, weil die nationalistische Ideologie relativ unabhĂ€ngig existiert und die ihr zugrunde liegenden spezifisch kapitalistischen Interessen verschleiert. Diese Tarnung funktioniert umso besser, als die gesamte bekannte Geschichte die Geschichte von PlĂŒnderungen und Kriegen verschiedener Völker war, die damit beschĂ€ftigt waren, die eine oder andere ethnische Gruppe, das eine oder andere Imperium aufzubauen oder zu zerstören. „Nationale“ Sicherheit oder „nationale“ Sicherheit durch Expansion scheint der Stoff zu sein, aus dem die Geschichte ist, ein nie endender „darwinistischer“ Kampf ums Dasein, unabhĂ€ngig von der historischen Besonderheit der Klassenbeziehungen innerhalb der „nationalen“ Einheiten.

So wie Monopolisierung und Wettbewerb oder Freihandel und Protektionismus Aspekte ein und derselben historischen Entwicklung sind, sind auch Nationalismus und Imperialismus untrennbar miteinander verbunden, auch wenn letzterer verschiedene Formen annehmen kann, von direkter Herrschaft bis zu indirekter ökonomischer und finanzieller Kontrolle. Politisch gesehen erscheint die Kapitalakkumulation als konkurrierende Expansion der Nationen und somit als imperialistischer Kampf um grĂ¶ĂŸere Anteile an den ausbeutbaren Ressourcen der Welt, seien sie real oder imaginĂ€r. Dieser Prozess, der der kapitalistischen Produktion innewohnt, teilt die Welt in mehr oder weniger erfolgreiche kapitalistische Nationen auf. Der spezifisch kapitalistische imperialistische Imperativ oder sogar die bloße Gelegenheit zur imperialistischen Expansion wurde von einigen Nationen frĂŒher als von anderen aufgegriffen, wie z. B. von England und Frankreich im achtzehnten Jahrhundert, und wurde von Nationen wie Deutschland und den Vereinigten Staaten bis zum neunzehnten Jahrhundert verzögert. Einige kleinere Nationen waren ĂŒberhaupt nicht in der Lage, in den imperialistischen Wettbewerb einzutreten und mussten sich in eine von den großen kapitalistischen MĂ€chten beherrschte Weltstruktur einfĂŒgen. Das wechselnde GlĂŒck der imperialistischen Nationen in ihrem Kampf um grĂ¶ĂŸere Anteile an den weltweiten Profiten zeigt sich ökonomisch in der Konzentration des weltweit wachsenden Kapitals auf eine abnehmende Zahl von Nationen. Dies wĂŒrde sich schließlich auch aus der Expansion des Kapitals ohne imperialistische Interventionen seitens der konkurrierenden nationalen Kapitale ergeben: Nicht die Konkurrenz bestimmt den Verlauf der kapitalistischen Entwicklung, sondern die kapitalistische Produktion bestimmt den Verlauf der Konkurrenz und die blutige Geschichte des Kapitalismus.

Das Ziel der nationalen RivalitĂ€ten ist die AnhĂ€ufung von Kapital, auf dem alle politische und militĂ€rische Macht beruht. Die Ideologie des Nationalismus beruht nicht auf der Existenz der Nation, sondern auf der Existenz des Kapitals und dessen Selbstexpansion. In diesem Sinne vermittelt der Nationalismus die Internationalisierung der Kapitalproduktion, ohne zu einer einheitlichen weltweiten Ökonomie zu fĂŒhren, so wie die Konzentration und Monopolisierung des nationalen Kapitals dessen Charakter als Privateigentum nicht aufhebt. Sowohl die nationale als auch die internationale kapitalistische Produktion schafft die weltweite Ökonomie durch die Schaffung des Weltmarktes. Diesem allgemeinen Wettbewerbsprozess liegt ein tatsĂ€chliches, wenn auch noch abstraktes BedĂŒrfnis nach einer weltweiten Organisation von Produktion und Verteilung zum Nutzen der gesamten Menschheit zugrunde. Dies nicht nur, weil die Erde fĂŒr eine solche Organisation viel besser geeignet ist, sondern auch, weil nur durch eine uneingeschrĂ€nkte internationale Zusammenarbeit ohne RĂŒcksicht auf partikulĂ€re Interessen die gesellschaftlichen ProduktivkrĂ€fte weiter entwickelt und die Gesellschaft von Not und Elend befreit werden kann. Die zwingende gegenseitige AbhĂ€ngigkeit, die eine fortschreitende gesellschaftliche Entwicklung mit sich bringt, setzt sich jedoch kapitalistisch in einem nicht enden wollenden Kampf um imperialistische Kontrolle durch. Um die Jahrhundertwende war nicht der Nationalismus, sondern der Imperialismus das große Thema. Die deutschen „nationalen“ Interessen waren nun imperialistische Interessen, die mit den Imperialismen anderer Nationen konkurrierten. Die französischen „nationalen“ Interessen waren die des französischen Imperiums, so wie die britischen die des britischen Imperiums waren. Die Kontrolle ĂŒber die Welt und die Aufteilung und Neuaufteilung dieser Kontrolle zwischen den großen imperialistischen MĂ€chten und sogar zwischen weniger bedeutenden Nationen bestimmten die „nationale“ Politik und gipfelten im ersten weltweiten Krieg.

So wie die Krise die grundlegenden WidersprĂŒche der Kapitalproduktion offenbart, offenbart der kapitalistische Krieg den imperialistischen Charakter des Nationalismus. Der Imperialismus stellt sich jedoch als ein nationales BedĂŒrfnis dar, eine Krisensituation in einem Verteidigungskampf gegen die imperialistischen PlĂ€ne anderer Nationen zu verhindern oder zu ĂŒberwinden. Wo es solche Nationen nicht gibt, nimmt der Imperialismus den Anschein einer Maßnahme an, um das Wohlergehen der Nation zu erhalten und gleichzeitig seine „zivilisatorische“ Mission in neue Gebiete zu tragen. Es ist nicht allzu schwierig, die Zustimmung einer mehr oder weniger an die kapitalistischen VerhĂ€ltnisse gewöhnten und somit unter dem Einfluss des Nationalismus stehenden Arbeiterklasse fĂŒr jedes imperialistische Abenteuer zu erhalten. Der Zustand der absoluten AbhĂ€ngigkeit der Arbeiter lĂ€sst sie spĂŒren, dass ihr Los auf Gedeih und Verderb untrennbar mit dem der Nation verbunden ist. Da sie noch nicht in der Lage und daher auch nicht willens sind, fĂŒr irgendeine Art von Selbstbestimmung zu kĂ€mpfen, gelingt es ihnen, sich davon zu ĂŒberzeugen, dass die Belange ihrer Herren auch ihre eigenen sind. Dies umso mehr, als sie sich nur auf diese Weise als vollwertige Mitglieder der Gesellschaft sehen können und als BĂŒrger des Staates die „WĂŒrde“ und „WertschĂ€tzung“ erhalten, die ihnen als Angehörige der Arbeiterklasse verwehrt bleibt.

Es ergibt keinen Sinn, sich ĂŒber diesen Zustand zu Ă€rgern und die Arbeiterklasse als dumme Klasse abzutun, die nicht in der Lage ist, ihre eigenen Interessen von denen der Bourgeoisie zu unterscheiden. Denn sie teilt lediglich die nationale Ideologie mit dem Rest der Gesellschaft, der sich ebenso wenig bewusst ist, dass der Nationalismus, wie frĂŒher die Religion und wie der Glaube an die Wohltaten der Marktbeziehungen, nur ein ideologischer Ausdruck fĂŒr die Selbstexpansion des Kapitals ist, d.h. fĂŒr die hilflose Unterwerfung der Gesellschaft unter „ökonomische Gesetze“, die ihren Ursprung in den ausbeuterischen sozialen Beziehungen der kapitalistischen Produktion haben. Zwar profitiert zumindest die herrschende Klasse von dem unsozialen Produktionsprozess der Gesellschaft, aber sie tut dies ebenso blind, wie die Arbeiterklasse ihr Leiden akzeptiert. Aus dieser Blindheit heraus erklĂ€rt sich die scheinbar unabhĂ€ngige Kraft des ideologischen Nationalismus, der sich so ĂŒber die gesellschaftlichen KlassenverhĂ€ltnisse hinwegsetzen kann.

Die materialistische Geschichtsauffassung versucht, sowohl das Fortbestehen einer bestimmten Gesellschaftsform als auch die GrĂŒnde fĂŒr ihren möglichen Wandel zu erklĂ€ren. Die AnhĂ€nger des materialistischen Geschichtskonzepts sollten sich nicht ĂŒber die WiderstandsfĂ€higkeit einer bestimmten Gesellschaft wundern, die sich in ihrer kontinuierlichen Reproduktion und der damit einhergehenden Erneuerung der herrschenden Ideologie zeigt. VerĂ€nderungen innerhalb des Status quo können lange Zeit kaum wahrnehmbar oder in ihren zukĂŒnftigen Auswirkungen unerkennbar sein. Das Vorhandensein von KlassenwidersprĂŒchen erklĂ€rt sowohl die soziale StabilitĂ€t als auch die InstabilitĂ€t, die von Bedingungen abhĂ€ngt, die weder von den Herrschenden noch von den Beherrschten kontrolliert werden können. Im Unterschied zu vorangegangenen Gesellschaftsformen beschleunigt das Kapital-Arbeits-VerhĂ€ltnis der gesellschaftlichen Produktion jedoch kontinuierlich die VerĂ€nderungen der ProduktivkrĂ€fte, wĂ€hrend die grundlegenden gesellschaftlichen ProduktionsverhĂ€ltnisse erhalten bleiben, und lĂ€sst somit eine baldige Konfrontation der konkurrierenden sozialen Klassen erwarten. Dies war jedenfalls die Schlussfolgerung, die die marxistische Bewegung aus der zunehmenden Polarisierung der kapitalistischen Gesellschaft und aus den inneren WidersprĂŒchen ihres Produktionsprozesses zog. Die Klasseninteressen wĂŒrden an die Stelle der bourgeoisen Ideologie treten und somit das Klassenbewusstsein der Bourgeoisie dem des Proletariats gegenĂŒberstellen.

Wie bereits erwĂ€hnt, waren diese Erwartungen nicht unrealistisch und wurden auch von der Bourgeoisie gehegt, die auf das Aufkommen sozialistischer Bewegungen und die zunehmende Militanz der LohnkĂ€mpfe mit repressiven Maßnahmen reagierte, die ihre Furcht vor der Möglichkeit einer neuen sozialen Revolution verrieten. Das Klassenbewusstsein schien tatsĂ€chlich den nationalen Konsens und den Einfluss der bourgeoisen Ideologie auf die arbeitende Bevölkerung zu zerstören. Bis etwa 1880 fand die Theorie von der Verarmung der Arbeiterklasse im Zuge der Kapitalakkumulation und der daraus resultierenden VerschĂ€rfung des Klassenkampfes ihre BestĂ€tigung in den realen gesellschaftlichen VerhĂ€ltnissen und begrĂŒndete die Radikalisierung der arbeitenden Massen. Dieselbe Periode, die einer lang anhaltenden sozialen Krisensituation glich, legte jedoch auch den Grundstein fĂŒr eine neue und sich beschleunigende Phase der Kapitalexpansion, die mit gelegentlichen Unterbrechungen fast bis zum Vorabend des Ersten Weltkriegs andauerte. Sie schuf die objektiven Bedingungen fĂŒr die Legalisierung der organisierten Arbeit und ihre Integration in das kapitalistische System, sowohl in ökonomischer als auch in politischer Hinsicht.

NatĂŒrlich war die Akzeptanz der organisierten Arbeiterschaft und der sozialistischen Organisationen kein Geschenk, das der Arbeiterklasse von einer großzĂŒgigeren Bourgeoisie aus freien StĂŒcken gemacht wurde, sondern sie war das Ergebnis von – wenn auch begrenzten – KlassenkĂ€mpfen, die der Bourgeoisie und ihrem Staat ZugestĂ€ndnisse abtrotzten, die die materiellen Bedingungen der Arbeiter verbesserten und ihren sozialen Status innerhalb der bourgeoisen Demokratie aufwerteten. Diese ZugestĂ€ndnisse konnten nicht ohne einen raschen Anstieg der ArbeitsproduktivitĂ€t und eine damit einhergehende Beschleunigung des Akkumulationsprozesses gemacht werden. Dennoch erschienen sie als Ergebnisse der Selbstanstrengung der werktĂ€tigen Bevölkerung, einer im Rahmen des Kapitalismus aufstrebenden Klasse, die der wachsenden Illusion Vorschub leistete, dass die wachsende Macht der organisierten Arbeiterschaft die Arbeiterklasse schließlich zur gesellschaftlich dominierenden Klasse machen und die Bourgeoisie verdrĂ€ngen wĂŒrde. In Wirklichkeit bedeuteten die sich verbessernden Bedingungen der Arbeiterklasse nichts anderes als ihre zunehmende Ausbeutung, d.h. die Abnahme des Wertes der Arbeitskraft im VerhĂ€ltnis zum Gesamtwert des Sozialprodukts. Aber sowohl die Kapitalisten als auch die Arbeiter denken im Alltag nicht in gesellschaftlichen WertverhĂ€ltnissen, sondern in der Menge der Produkte, die ihnen fĂŒr die Zwecke der Kapitalexpansion oder des allgemeinen Konsums zur VerfĂŒgung stehen. Die Tatsache, dass die Verbesserung der Bedingungen der Arbeiterklasse aus dem beschleunigten Wachstum ihrer ProduktivitĂ€t resultierte, schmĂ€lerte nicht die Bedeutung der Verbesserung ihres Lebensstandards und deren Niederschlag in ihren ideologischen Verpflichtungen.

EnttĂ€uscht von der langsamen Entwicklung des proletarischen Klassenbewusstseins in den fĂŒhrenden kapitalistischen Nationen und beunruhigt von der FĂ€higkeit der letzteren, ihre Krisensituationen zu ĂŒberstehen und somit immer grĂ¶ĂŸere Höhen der Selbstexpansion zu erreichen, mussten die Sozialisten zugeben, dass die Vorhersagen von Marx ĂŒber die Verarmung der Arbeiterklasse und die Entwicklung eines revolutionĂ€ren Klassenbewusstseins als Auswuchs ihres Klassenkampfes durch die tatsĂ€chlichen Ereignisse unbegrĂŒndet schienen. Friedrich Engels beispielsweise versuchte, diesen trostlosen Zustand mit der (spĂ€ter von Lenin nachgeplapperten) Behauptung einer von der Bourgeoisie bewusst geförderten „Korruption“ der Arbeiterklasse zu erklĂ€ren, die es einem wachsenden Teil des Industrieproletariats ermöglichte, in gewissem Umfang an der Beute des Imperialismus teilzuhaben. Nach dieser Auffassung schwĂ€chte eine wachsende „Arbeiteraristokratie“ innerhalb der internationalen Arbeiterklasse die fĂŒr einen konsequenten Kampf gegen die Bourgeoisie notwendige KlassensolidaritĂ€t und trug die bourgeoise Ideologie, und hier insbesondere ihren nationalistischen Aspekt, in die Reihen des Proletariats. Der Niedergang des revolutionĂ€ren Klassenbewusstseins zeigte sich in der stetigen Zunahme eines opportunistischen Reformismus, der auf der Akzeptanz der kapitalistischen ProduktionsverhĂ€ltnisse und der bourgeoisen Demokratie beruhte.

Auf jeden Fall gab es keine direkte Verbindung zwischen dem ökonomischen Klassenkampf und der Revolutionierung des Arbeiterbewusstseins. Die Erwartung, dass die immer wiederkehrenden Auseinandersetzungen zwischen Arbeit und Kapital um Profite und Löhne zu der Erkenntnis fĂŒhren wĂŒrden, dass das Lohnsystem selbst abgeschafft werden muss, um die Sisyphusarbeit der Arbeiter fĂŒr dieses System zu beenden, wurde enttĂ€uscht, weil dies in diesem Stadium der kapitalistischen Entwicklung einfach nicht möglich war. Solange Gewinne und Löhne gleichzeitig – wenn auch unverhĂ€ltnismĂ€ĂŸig – steigen konnten und die Klassenverteilung des Sozialprodukts durch die soziale Gesetzgebung beeinflusst werden konnte, auch wenn dies ökonomische und politische KĂ€mpfe mit sich brachte, wurde der Charakter dieser KĂ€mpfe durch die begrenzten Forderungen des Teils der arbeitenden Bevölkerung bestimmt, der noch unter der Herrschaft der bourgeoisen Ideologie stand. Obwohl ihre Zahl und ihr gesellschaftlicher Einfluss wuchsen, blieben die Gewerkschaften/Syndikate und die sozialistischen Parteien in der Gesamtbevölkerung und sogar in der Arbeiterklasse insgesamt eine Minderheit.

Nicht nur, dass die Erwartungen an einen möglichen revolutionĂ€ren Wandel nun in weite Ferne gerĂŒckt waren, auch das Wachstum der sozialistischen Bewegung wurde als langfristige, prosaische Erziehungsmaßnahme betrachtet, um die arbeitende Bevölkerung fĂŒr die Akzeptanz der sozialistischen Ideologie zu gewinnen. Ungeachtet der KĂ€mpfe um Löhne und Sozialreformen, die ihrerseits als Lernprozesse verstanden wurden, wurde der Klassenkampf hauptsĂ€chlich als ideologischer Kampf angesehen: Am Ende wĂŒrden die Menschen den Sozialismus bevorzugen, weil er die sich entwickelnde RealitĂ€t besser erfassen wĂŒrde. Man musste nur den Zeitpunkt abwarten, an dem die objektiven Bedingungen selbst die sozialistische Kritik am kapitalistischen System bestĂ€tigten und damit die subjektive Unterwerfung des Proletariats unter die herrschende Ideologie beendeten.

Als organisierte Ideologie stellte sich der Sozialismus der vorherrschenden bourgeoisen Ideologie entgegen; der Klassenkampf wurde im Großen und Ganzen zu einem Kampf der Ideen und damit zur Sache der Verfechter von Ideologien. Die Ideologien konkurrierten um die Gunst der Massen, die als EmpfĂ€nger und nicht als Produzenten der konkurrierenden Ideologien betrachtet wurden. Die Ideologen waren auf der Suche nach einer AnhĂ€ngerschaft, um ihre Ziele durchzusetzen. Die Arbeiterklasse, die offensichtlich nicht in der Lage war, aus eigener Kraft eine sozialistische Ideologie zu entwickeln, wurde als abhĂ€ngig von der Existenz einer ideologischen FĂŒhrung betrachtet, die in der Lage war, die Sophistereien der herrschenden Klasse zu bekĂ€mpfen. Aufgrund der gesellschaftlichen Klassenstruktur und der damit verbundenen Arbeitsteilung lag die ideologische FĂŒhrung in den HĂ€nden der Bildungsbourgeoisie, die sich fĂŒr die BedĂŒrfnisse der Arbeiter und die Ziele des Sozialismus einsetzte.

Die parlamentarischen Erfolge der sozialistischen Parteien, die eine wachsende Zahl von Vertretern der Arbeiterklasse in die politischen Institutionen des Kapitalismus brachten, veranlassten nicht nur eine wachsende Zahl von gebildeten Fachleuten, in die sozialistischen Organisationen einzutreten, sondern verschafften diesen auch ein Maß an SeriositĂ€t, das in einem frĂŒheren Stadium der sich entwickelnden sozialistischen Bewegung unbekannt war, wie begrenzt sie auch waren. Die Ausbreitung der sozialistischen Ideologie, die den Gewerkschaften/Syndikaten die ökonomischen KĂ€mpfe ĂŒberließ, wurde nun an der Zahl ihrer Vertreter im Parlament und an ihrer FĂ€higkeit gemessen, der Nation „die Sache des Sozialismus“ zu prĂ€sentieren und die soziale Gesetzgebung zur Verbesserung der Bedingungen der Arbeiterklasse zu initiieren und zu unterstĂŒtzen. Politische Aktionen wurden nun als parlamentarische AktivitĂ€ten verstanden, die von den Arbeitern durch ihre Vertreter durchgefĂŒhrt wurden, wobei der „Basis“ nur noch die Rolle der passiven UnterstĂŒtzung blieb. In relativ kurzer Zeit war die Unterwerfung der Arbeiter unter ihre intellektuellen Vorgesetzten in den Parlamenten und der Parteihierarchie so weit fortgeschritten, dass sich dieses beginnende Klassenbewusstsein in ein politisches Bewusstsein verwandelte, das von dem ihrer gewĂ€hlten FĂŒhrung abgeleitet war.

Was zunĂ€chst eine Tendenz innerhalb der sozialistischen Bewegung war, nĂ€mlich die Ersetzung der proletarischen Selbstbestimmung durch eine nichtproletarische FĂŒhrung, die im Namen der Arbeiterklasse handelt, wurde spĂ€ter zur Überzeugung und Praxis aller Zweige des Sozialismus, sowohl des reformistischen als auch des revolutionĂ€ren. Nicht nur die Rechtsrevisionisten, sondern auch der so genannte Zentrist Karl Kautsky und der Linke Lenin waren davon ĂŒberzeugt, dass die Arbeiterklasse allein nicht in der Lage sei, ein revolutionĂ€res Bewusstsein zu entwickeln, und dass dieses von außen, von Mitgliedern der Bildungsbourgeoisie, an sie herangetragen werden mĂŒsse, die allein die FĂ€higkeit und die Möglichkeit hĂ€tten, die Feinheiten des kapitalistischen Systems zu verstehen und somit eine sinnvolle Gegenideologie zur herrschenden kapitalistischen Ideologie zu entwickeln und so den Kampf der Arbeiterklasse zu fĂŒhren. NatĂŒrlich war diese elitĂ€re Vorstellung selbst ein Produkt des rasanten Aufstiegs der Arbeiterbewegung, die immer mehr Elemente aus der Mittelschicht (middle class) in ihre Reihen aufnahm. Ideologisch gesehen war der Sozialismus jedenfalls nicht mehr das ausschließliche Anliegen des erwachenden Proletariats, sondern wurde zu einer sozialen Bewegung, die auch fĂŒr Angehörige der Mittelschicht (middle class) attraktiv war.

Diese Klasse befand sich in einem Transformationsprozess, gefangen zwischen den MĂŒhlsteinen der Kapitalkonzentration und der sozialen Polarisierung. Die alte Mittelschicht (middle class) verlor ihren Eigentumscharakter und wurde in zunehmendem Maße zu einer Angestelltenklasse im Dienste der Großbourgeoisie und ihres Staatsapparats. Sie wurde zu einer Managerklasse/Verwaltungsklasse, die die Kluft zwischen Bourgeoisie und Proletariat fĂŒllte, und in den verschiedenen Berufen zu einer Klasse, die die persönlichen und kulturellen BedĂŒrfnisse der geteilten Gesellschaft bediente. Die Vermittlungsfunktion der neuen Mittelschicht (middle class) zur UnterstĂŒtzung der bestehenden gesellschaftlichen ProduktionsverhĂ€ltnisse spiegelt sich in der sozialistischen Bewegung in der Bestimmung ihrer Theorie und Praxis durch ihre intellektuelle FĂŒhrung wider. Zwar gelang es einigen Arbeitern, in ihren Organisationen in fĂŒhrende Positionen aufzusteigen, doch wurde der Ton ihrer Politik, der sich in einer angeblichen Vorherrschaft der Theorie gegenĂŒber der Praxis ausdrĂŒckte, von der intellektuell emanzipierten, aus der Mittelschicht (middle class) stammenden FĂŒhrung bestimmt. Dabei ging es weniger um das VerhĂ€ltnis zwischen Theorie und Praxis als vielmehr um das VerhĂ€ltnis zwischen den FĂŒhrenden und den GefĂŒhrten. Die Politik wurde von einer gewĂ€hlten FĂŒhrung gemacht und fand ihre parlamentarische und außerparlamentarische UnterstĂŒtzung in der disziplinierten Befolgung der Programme ihrer Organisationen und ihrer zeitbedingten Variationen durch die Masse der Arbeiter. Die fĂŒr das kapitalistische System so notwendige Trennung zwischen geistiger und manueller Arbeit war somit auch ein Merkmal der Arbeiterbewegung.

Der rasche Zustrom bourgeoiser Elemente in die FĂŒhrungspositionen der sozialistischen Bewegung beunruhigte selbst ihre intellektuellen BegrĂŒnder. Ungeachtet seiner eigenen reformistischen Neigungen war zum Beispiel Friedrich Engels sehr besorgt ĂŒber die zunehmende Unterwerfung der SelbsttĂ€tigkeit der Arbeiterklasse unter die politische Initiative der wohlmeinenden petite bourgeoisie (Kleinbourgeoisie). Sein eigener Reformismus sei schließlich eine bloße Strategie und keine Frage des Prinzips, wĂ€hrend der Reformismus der Kleinbourgeoisie dazu neige, den Klassenkampf im Gehorsam gegenĂŒber „den Regeln“ der bourgeoisen Demokratie gĂ€nzlich zu eliminieren. „Seit der GrĂŒndung der Internationale“, schreibt er an August Bebel, „lautet unser Schlachtruf: Die Emanzipation der Arbeiterklasse kann nur das Werk der Arbeiter selbst sein. Wir können einfach nicht mit Leuten zusammenarbeiten, die offen erklĂ€ren, dass die Arbeiter nicht genĂŒgend gebildet sind, um sich selbst zu befreien, und deshalb von einer philanthropischen Bourgeoisie von oben befreit werden mĂŒssen“3 Er schlug vor, diese Elemente aus den sozialistischen Organisationen herauszuwerfen, um ihren proletarischen Charakter zu wahren.

Die Arbeiter selbst zeigten sich jedoch unbeeindruckt, wenn nicht gar geschmeichelt von der Aufmerksamkeit, die ihnen von einigen der „besseren Leute“ zuteil wurde. Außerdem spĂŒrten sie das BedĂŒrfnis nach VerbĂŒndeten in ihrem eher ungleichen Klassenkampf.

Aber in jedem Fall ging der revolutionĂ€re Charakter des Sozialismus nicht wegen der von seiner nichtproletarischen FĂŒhrung entwickelten klassenkollaborationistischen Ideen verloren, sondern weil die „Strategie“ des Reformismus als einzig mögliche praktische TĂ€tigkeit zum Prinzip der Organisationen bei ihren Versuchen wurde, ihren Einfluss innerhalb der kapitalistischen Gesellschaft zu festigen und zu vergrĂ¶ĂŸern. Die deutsche Sozialdemokratie z.B. hatte 1913 fast eine Million Mitglieder und konnte bei nationalen Wahlen 4,5 Millionen Stimmen auf sich verbuchen. Sie schickte 110 Abgeordnete in den Reichstag. Die Gewerkschaften/Syndikate zĂ€hlten rund 2,5 Millionen Mitglieder und verfĂŒgten ĂŒber ein Finanzvermögen von 88 Millionen Mark. Die Sozialdemokratische Partei selbst investierte 20 Millionen Mark in die Privatindustrie und in Staatsdarlehen. Sie beschĂ€ftigte mehr als 4.000 BerufsfunktionĂ€re und 11.000 Angestellte und kontrollierte 94 Zeitungen und verschiedene andere Publikationen. Die Partei zu erhalten und ihr ungestörtes weiteres Wachstum zu sichern, war die erste Überlegung derjenigen, die sie kontrollierten, eine Haltung, die in den rein proletarischen Gewerkschaften/Syndikate noch stĂ€rker ausgeprĂ€gt war.

Es ergibt keinen Sinn, diesen Prozess in anderen LĂ€ndern zu beschreiben, auch wenn sich deren Arbeiterbewegungen in der einen oder anderen Hinsicht von denen in Deutschland unterscheiden. Die Sozialdemokratie und die Gewerkschafts-, Syndikatsbewegung entwickelten sich – wenn auch meist langsamer als in Deutschland – in allen entwickelten kapitalistischen LĂ€ndern und weckten damit das Gespenst einer sozialistischen Bewegung, die schließlich mit reformistischen oder revolutionĂ€ren Mitteln oder beidem den Kapitalismus in eine klassenlose, ausbeutungsfreie Gesellschaft verwandeln könnte. In der Zwischenzeit war es dieser Bewegung jedoch erlaubt, ja durch die UmstĂ€nde sogar gezwungen, sich so grĂŒndlich wie möglich in das kapitalistische GefĂŒge zu integrieren, als eine besondere Interessengruppe unter denjenigen, die zusammen die kapitalistische Marktökonomie bilden. Das Gespenst des Sozialismus, das von der Bourgeoisie benutzt wurde, um die politischen und ökonomischen Bestrebungen der Arbeiterklasse einzugrenzen, blieb eine bloße Erscheinung, die nicht in der Lage war, das Selbstbewusstsein der herrschenden Klassen in Bezug auf ihre materielle oder ideologische Kontrolle der Gesellschaft zu zerstören. Die organisierte Arbeiterbewegung blieb, in welchem Gewand auch immer, eine kleine Minderheit innerhalb der Arbeiterklasse und zeigte damit, dass eine entscheidende SchwĂ€chung der bourgeoisen Ideologie den tatsĂ€chlichen Zerfall des Kapitalismus voraussetzt. Erst wenn sich die Diskrepanz zwischen Ideologie und RealitĂ€t in einer anhaltenden Verschlechterung der ökonomischen und sozialen VerhĂ€ltnisse offenbart, wird der ansonsten recht komfortable ideologische Konsens neuen, den neuen Notwendigkeiten entsprechenden Ideen weichen.

Es besteht auch ein ziemlicher Unterschied zwischen einer Ideologie, die sich auf die Tradition und die tatsĂ€chlichen UmstĂ€nde stĂŒtzt, und einer Ideologie, die sich auf nicht existierende Bedingungen stĂŒtzt, mit Bezug auf eine Zukunft, die eine vernĂŒnftige Erwartung sein kann oder auch nicht. In dieser Hinsicht ist die sozialistische Ideologie gegenĂŒber der herrschenden kapitalistischen Ideologie im Nachteil. Ein starkes Auftreten der letzteren zum Zwecke der KriegsfĂŒhrung oder auch aus internen GrĂŒnden wird selbst bei einigen ihrer konsequentesten AnhĂ€nger ernsthafte Zweifel an der GĂŒltigkeit oder Wirksamkeit der sozialistischen Ideologie hervorrufen. Das aufkommende GefĂŒhl der Unsicherheit, gemischt mit der Angst vor dem Unbekannten, das die Massenhysterie bei Kriegsausbruch erklĂ€rt, wird auch die Sozialisten beeinflussen und sie dazu veranlassen, ihre eigenen ideologischen Verpflichtungen erneut zu hinterfragen. Ihre kritische Haltung gegenĂŒber der herrschenden Ideologie, um es noch einmal zu sagen, entbindet sie nicht davon, so zu handeln, als stĂŒnden sie unter deren Einfluss, wĂ€hrend sich ihre sozialistischen Überzeugungen unter den gegebenen Bedingungen ihrer Existenz nicht verwirklichen lassen. Sie können sich von der scheinbaren Euphorie der aufgewĂŒhlten Massen mitreißen lassen und ihre eigenen Zweideutigkeiten im trĂŒben Meer des Nationalismus ertrĂ€nken, indem sie spontan ihre latenten, aber noch nicht verlorenen LoyalitĂ€ten wieder bekrĂ€ftigen.

Hinzu kommt die objektive Tatsache der nationalen Form des Kapitalismus und damit seiner Arbeiterbewegung, die nicht durch ein rein ideologisches Bekenntnis zum Internationalismus ĂŒberwunden werden kann, wie es ein loses beratendes Gremium wie die Zweite Internationale leisten kann. Die verschiedenen nationalen Organisationen, aus denen sich diese Institution zusammensetzte, unterschieden sich untereinander hinsichtlich ihrer effektiven KrĂ€fte in ihren jeweiligen LĂ€ndern und damit auch hinsichtlich ihrer Möglichkeiten, die nationale Politik zu beeinflussen. Was wĂŒrde geschehen, wenn es der sozialistischen Bewegung eines Landes gelĂ€nge, die Bourgeoisie an der KriegfĂŒhrung zu hindern, wĂ€hrend dies der Bewegung eines anderen Landes nicht gelĂ€nge? Auch wenn „der Hauptfeind im eigenen Land steht“, kann ein auslĂ€ndischer Feind dennoch eine Nation angreifen, die durch ihre sozialistische Opposition wehrlos geworden ist.

Die Erkenntnis, dass der Weg zum Sozialismus in der ungleichen kapitalistischen Entwicklung, die sich auch im ungleichen Klassenbewusstsein der arbeitenden Bevölkerung zeigt, ein Hindernis findet, veranlasste Marx und Engels, in imperialistischen Konflikten das eine oder andere Land zu bevorzugen und sich auf die Seite derjenigen zu stellen, die die grĂ¶ĂŸten Aussichten auf eine sozialistische Zukunft haben. Sie konnten sich eine kapitalistische Entwicklung ohne nationale Kriege nicht vorstellen, und sie zögerten nicht, ihre PrĂ€ferenzen hinsichtlich des Ausgangs dieser Kriege zu Ă€ußern. Der Pazifismus ist keine marxistische Tradition. Es war also nicht allzu schwierig, die sozialistische Akzeptanz des Krieges zu rationalisieren und sogar die Namen von Marx und Engels zu ihrer UnterstĂŒtzung anzufĂŒhren.

Ungeachtet der scheinbar allgemeinen Erkenntnis, dass im Zeitalter des Imperialismus alle Kriege Eroberungskriege sind, war es den Sozialisten immer noch möglich zu behaupten, dass sie aus ihrer Sicht auch defensiver Natur sein können, insofern sie die Zerstörung fortschrittlicherer Nationen durch sozial weniger fortgeschrittene LĂ€nder verhindern, was einen RĂŒckschlag fĂŒr den Sozialismus im Allgemeinen bedeuten wĂŒrde. In der Tat wurde dies fĂŒr die Mehrheit der Sozialisten in allen kriegfĂŒhrenden Nationen zur fadenscheinigen Rechtfertigung fĂŒr die Teilnahme am imperialistischen Krieg, wobei jede nationale Organisation ihre eigenen fortschrittlicheren Bedingungen gegen die RĂŒckstĂ€ndigkeit des feindlichen Landes verteidigte. Angeblich war es die Barbarei des russischen autokratischen Gegners, die die Verteidigung einer kultivierten Nation wie Deutschland verlangte, so wie es der barbarische aggressive Militarismus des noch halbfeudalen Deutschlands war, der die Verteidigung demokratischerer Nationen wie England und Frankreich rechtfertigte. Aber solche Rationalisierungen verdeckten lediglich die tatsĂ€chliche UnfĂ€higkeit und den Unwillen, sich dem kapitalistischen Krieg auf die einzig wirksame Weise zu widersetzen, nĂ€mlich durch revolutionĂ€re Aktionen. Die internationale Arbeiterbewegung war nicht mehr oder noch nicht eine revolutionĂ€re Bewegung, sondern eine, die sich mit sozialen Reformen zufrieden gab und deshalb von einer Bourgeoisie geduldet wurde, die diese ZugestĂ€ndnisse noch ohne Schaden fĂŒr sich selbst gewĂ€hren konnte. Die Antikriegsresolutionen, die auf den Kongressen der Internationale verabschiedet wurden, waren nicht mehr als ein Pfeifen im Dunkeln und so undurchsichtig formuliert, dass sie praktisch unverbindlich waren.

1909, in der ersten BlĂŒte seiner sozialistischen Bekehrung, schrieb Upton Sinclair ein Manifest, in dem er die Sozialisten und die Arbeiter Europas und der Vereinigten Staaten aufrief, sich der Gefahr des herannahenden Weltkriegs bewusst zu werden und sich zu verpflichten, dieses Unheil durch die Androhung eines Generalstreiks in allen LĂ€ndern zu verhindern. Er schickt das Manifest an Karl Kautsky zur Veröffentlichung in der sozialistischen Presse. Hier ist Kautskys Antwort:

„Ihr Manifest gegen den Krieg habe ich mit großem Interesse und herzlicher Sympathie gelesen. Dennoch bin ich nicht in der Lage, es zu veröffentlichen, und Sie werden weder in Deutschland noch in Österreich oder Russland jemanden finden, der es wagen wĂŒrde, Ihren Aufruf zu veröffentlichen. Er wĂŒrde sofort verhaftet werden und einige Jahre GefĂ€ngnis wegen Hochverrats bekommen
. Mit der Veröffentlichung des Manifests wĂŒrden wir unsere eigenen Genossen in die Irre fĂŒhren, ihnen mehr versprechen, als wir erfĂŒllen können. Niemand, auch nicht der revolutionĂ€rste unter den Sozialisten in Deutschland, denkt daran, sich dem Krieg durch Insurrektion und Generalstreik zu widersetzen. Wir sind zu schwach, um das zu tun
. Ich hoffe, dass wir nach einem Krieg, nach dem Debakel einer Regierung, stark genug sein werden, um die politische Macht zu erobern
. Das ist nicht nur meine persönliche Meinung, in diesem Punkt ist sich die ganze Partei, ohne Ausnahme, einig
. Sie können sicher sein, dass niemals der Tag kommen wird, an dem die deutschen Sozialisten ihre AnhĂ€nger auffordern werden, fĂŒr das Vaterland zu den Waffen zu greifen. Was Bebel ankĂŒndigte, wird nie geschehen, denn heute gibt es keinen Feind, der die UnabhĂ€ngigkeit des Vaterlandes bedroht. Wenn es heute Krieg geben wird, dann nicht zur Verteidigung des Vaterlandes, sondern zu imperialistischen Zwecken, und ein solcher Krieg wird die gesamte Sozialistische Partei Deutschlands in energischer Opposition finden. Das können wir versprechen. Aber wir können nicht so weit gehen und versprechen, dass diese Opposition die Form der Insurrektion oder des Generalstreiks annehmen wird, wenn es nötig ist, noch können wir versprechen, dass unsere Opposition in jedem Fall stark genug sein wird, um den Krieg zu verhindern. Es wĂ€re schlimmer als nutzlos, mehr zu versprechen, als wir erfĂŒllen können4.“

WĂ€hrend sich Kautskys Pessimismus in Bezug auf die Möglichkeit, den herannahenden Krieg zu verhindern, als richtig erwies, erwies sich seine optimistische EinschĂ€tzung der Antikriegsposition der deutschen Arbeiterbewegung als völlig irrig. Im Übrigen war dies keine deutsche Besonderheit, sondern hatte, mit leichten Abwandlungen, in allen kriegfĂŒhrenden Nationen seinen Äquivalent. NatĂŒrlich gab es Ausnahmen von der Regel, aber der tatsĂ€chliche Ausbruch des Krieges zeigte, dass die großen Mehrheiten innerhalb der organisierten Arbeiterschaft und innerhalb der Arbeiterklasse insgesamt nicht nur bereit waren, den imperialistischen Krieg zu unterstĂŒtzen, sondern dies sogar mit Begeisterung taten, was Kautsky dazu zwang, sich mit der Tatsache abzufinden, dass „die Internationale ein Instrument des Friedens, aber in Zeiten des Krieges unbrauchbar war.“ So einfach es war, ĂŒber die Verhinderung eines Krieges zu diskutieren, so schwierig war es, zu handeln, wenn er kam. Der fait acompli (A.d.Ü., vollendete Tatsache) der herrschenden Klassen reichte aus, um Bedingungen zu schaffen, die eine internationale Bewegung ĂŒber Nacht zerstörten, die jahrzehntelang versucht hatte, den bourgeoisen Nationalismus durch die Entwicklung von proletarischem Klassenbewusstsein und Internationalismus zu ĂŒberwinden.

In Anlehnung an einen alten Slogan, der sich auf die französische Nation bezog, erklĂ€rte Marx einst: „Das Proletariat ist revolutionĂ€r oder es ist nichts.“ Im Jahr 1914 war es offensichtlich ein Nichts, da es sich anschickte, sein Leben fĂŒr die imperialistischen Vorstellungen der Bourgeoisie hinzugeben. Die sozialistische Ideologie erwies sich als nur oberflĂ€chlich, unfĂ€hig, dem konzertierten Ansturm der gewohnten bourgeoisen Ideologie zu widerstehen, die das nationale mit dem allgemeinen Interesse identifiziert. Die Arbeiterklasse als Ganzes stellte sich den herrschenden Klassen fĂŒr Kriegszwecke zur VerfĂŒgung, wĂ€hrend sie in Friedenszeiten ihre Klassenposition akzeptierte. Die kapitalistische RealitĂ€t wiegt schwerer als die sozialistische Ideologie, die noch keine tatsĂ€chliche, sondern nur eine potenzielle gesellschaftliche Kraft darstellt. So schwierig es auch ist, die vereinheitlichende Kraft der bourgeoisen Ideologie und ihren Einfluss auf die breiten Massen zu verstehen, so sehr Ă€ndert diese Schwierigkeit selbst nichts an der Kraft der traditionellen Ideologie. Erstaunlich war vielmehr, wie schnell sich die sozialistische Bewegung selbst den Erfordernissen des imperialistischen Krieges unterwarf und damit aufhörte, eine sozialistische Bewegung zu sein. Es war, als ob es ĂŒberhaupt keine sozialistische Bewegung gegeben hĂ€tte, sondern nur eine Scheinbewegung ohne die Absicht, nach ihren Überzeugungen zu handeln.

Der Zusammenbruch der sozialistischen Bewegung und der Zweiten Internationale wurde propagandistisch als „Verrat“ an den Prinzipien und an der Arbeiterklasse dargestellt. Dies ist natĂŒrlich ein RĂŒckgriff auf Idealismus und eine Leugnung der materialistischen Geschichtsauffassung. TatsĂ€chlich hatten, wie wir oben festgestellt haben, die VerĂ€nderungen, die die Bewegung im Rahmen der allgemeinen kapitalistischen Entwicklung durchlaufen hatte, alle programmatischen Prinzipien lĂ€ngst in die rein ideologische SphĂ€re verbannt, wo sie jeden Zusammenhang mit dem opportunistischen Verhalten der Bewegung verloren. Der pragmatische Opportunismus der reformistischen Bewegung besaß keine Prinzipien mehr, die er „verraten“ konnte, sondern passte seine AktivitĂ€ten an das an, was im Rahmen des Kapitalismus möglich war. Zweifelsohne waren die auf den internationalen Kongressen und in den einzelnen LĂ€ndern geĂ€ußerten Antikriegshaltungen echte Überzeugungen und die Sehnsucht nach einem immerwĂ€hrenden Frieden ein echter Wunsch, und zwar bereits aufgrund der weit verbreiteten BefĂŒrchtung, dass der Krieg zur Zerstörung der sozialistischen Bewegung fĂŒhren wĂŒrde, da der bourgeoise Staat seine interne Opposition unterdrĂŒcken könnte, um den Krieg effektiver zu fĂŒhren. Nicht gegen den Krieg zu sein, schien eine Möglichkeit zu sein, sich persönlich und organisatorisch abzusichern, aber das allein erklĂ€rt noch nicht den Eifer, mit dem die sozialistischen Parteien und Gewerkschaften/Syndikate ihre Dienste fĂŒr den Krieg und sein erhofftes siegreiches Ende anboten. Dahinter steckte die Tatsache, dass diese Organisationen zu beachtlichen bĂŒrokratischen Institutionen geworden waren, die ihre eigenen Interessen im kapitalistischen System und im Nationalstaat verfolgten. Diese Errungenschaft wiederum hatte sowohl den Lebensstil als auch die allgemeine Einstellung derjenigen verĂ€ndert, die die bĂŒrokratischen Positionen innerhalb der Arbeiterorganisationen besetzten. Waren sie einst Proletarier gewesen, die sich ihrer Klasseninteressen bewusst waren, so waren sie es nun nicht mehr, sondern fĂŒhlten sich als Angehörige der Mittelschicht (midde class) und Ă€nderten ihre Sitten und Gewohnheiten entsprechend. Abgegrenzt von der eigentlichen Arbeiterklasse und einem bequemen Routinismus verfallen, waren sie weder willens noch in der Lage, ihre AnhĂ€ngerschaft zu ernsthaften AntikriegsaktivitĂ€ten zu bewegen. Selbst ihre harmlosen Mahnungen fĂŒr den Frieden fanden mit der KriegserklĂ€rung ein jĂ€hes Ende.

Sicherlich gab es Minderheiten innerhalb der FĂŒhrung, der Basis und der Arbeiterklasse, die gegen die Kriegshysterie, die die breiten Massen erfasste, immun blieben, aber sie fanden keine Möglichkeit, ihre Standhaftigkeit in bedeutende Aktionen umzusetzen. Als der Krieg RealitĂ€t wurde, sahen sich selbst die konsequentesten internationalen Sozialisten wie Keir Hardie von der britischen Independent Labour Party gezwungen, zuzugeben, „dass die Jungs, wenn sie erst einmal losgezogen sind, um die Schlachten ihres Landes zu schlagen, nicht durch Uneinigkeit zu Hause entmutigt werden dĂŒrfen“5. Da Sozialisten und Nicht-Sozialisten gemeinsam in den gegnerischen SchĂŒtzengrĂ€ben standen, schien es nur vernĂŒnftig, „die Jungs“ zu unterstĂŒtzen und sie mit dem Nötigsten fĂŒr die KriegsfĂŒhrung zu versorgen. Der Krieg gegen den auslĂ€ndischen Feind erforderte, kurz gesagt, die Beendigung des Klassenkampfes im Inland.

Der Triumph der Bourgeoisie ist ebenso absolut wie allgemein. NatĂŒrlich begann die Minderheit, die an sozialistischen Prinzipien festhielt, sofort, wenn auch nur im Verborgenen, den Widerstand gegen den Krieg zu organisieren und die internationale sozialistische Bewegung neu zu grĂŒnden. Aber es dauerte Jahre, bis ihre BemĂŒhungen ein wirksames Echo fanden, zunĂ€chst in der Arbeiterklasse und dann in der Bevölkerung insgesamt.





Quelle: Panopticon.blackblogs.org