Mai 4, 2021
Von ZĂŒndlumpen
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An sich ist es ja sehr schön, dass am 24. April ein Punkkonzert in der Rigaer Straße statthatte. Und um MissverstĂ€ndnissen vorzubeugen, ich bin bedingungslos solidarisch mit allen linken HĂ€usern dieser Straße, nicht nur mit der Nummer 94. Genauso mit der KĂžpi, der Potse, dem Drugstore, den WĂ€glern aller PlĂ€tze. Und ich war es mit dem Syndikat, der Liebig 34 und mehr noch mit der Meuterei. Solidarisch deswegen, weil diese sich momentan unter starkem Druck befindende Subkultur doch ein wenig einen negativen Geist vertritt und ein wenig ein Stachel im Fleisch der Eigentumsbestien bleibt. Stay rude, stay rebel. Bedingungslos deshalb, weil diese diffuse politische Richtung kaum irgendwelchen Bedingungen standhalten wĂŒrde, die mir so einfielen. Ich bin Kommunist und deshalb ein Sektierer. Mein Kommunismus funktioniert nur allein. Folgende Anmerkungen und Beschreibungen sind daher keine solidarische Kritik, wie man es nennt. Eigentlich gar keine Kritik, da ich es nicht anders erwartet habe. Im Gegenteil war ich von den Besuchern des Konzerts teilweise positiv ĂŒberrascht. Wahrscheinlich schreibe ich deswegen. Ach, und unabhĂ€ngig davon, ob es mir und den Meinen da gefĂ€llt oder ob wir auf deren öffentlichen Festen geduldet werden: Diese HĂ€user sollen alle bleiben. Was soll man kritteln, vor allem als Zaungast.

Aber zur Sache: Weil es eben schön war, dass es mal wieder ein Punkkonzert gab, bin ich mit einer Gruppe von Freunden hingegangen. Ein friedrichshainer Schnorrer hatte uns schon einige Tage vorher darauf aufmerksam gemacht. Schleimkeim spielte zwar nicht, aber es schien uns doch eine willkommene Abwechslung. Schon im Eingangsbereich des Konzertes auf der Straße wurden Passanten wie Besucher ruppig darauf hingewiesen, dass sie diese jetzt in Mode geratene Partikelmaske tragen sollten. An der freien Luft. Wir taten das als typische punkberliner Schnauze ab, vor allem weil der Blick in die Menge zeigte, dass erfreulicherweise eine gute Proportion der Besucher, wenn nicht sogar deren Mehrheit, keinen Wert auf diese verordnete Maske legte und ergo keine trug. Soweit fĂŒhlten wir uns willkommen, da wir selbst ohne Zwang keine tragen. Der zweite uns ansprechende und an einer Armbinde erkennbare Schutztyp hat es dann auch korrekt formuliert: Die Polizei – mit der man hatte lange verhandeln mĂŒssen, um dieses Konzert ĂŒberhaupt genehmigt zu bekommen – hatte zur Auflage neben dem obligatorischen Abstand eben die ulkige Entenmaske gemacht. Also wĂŒrden sie dieser Auflage genĂŒgen, indem sie alle Teilnehmer bestĂ€ndig auf sie hinwiesen. Ob die Besucher sich dann aber auch daran hielten, dass wĂ€re ihre eigene Angelegenheit. Er werde niemanden zwingen. Ein Standpunkt, der als Kompromiss in der gegenwĂ€rtigen gesellschaftlichen Hysterie durchaus akzeptabel ist, wenn auch der folgende stĂ€ndige Kontakt mit solchen Ordnern etwas schrĂ€g und lĂ€stig war, fĂŒr ein Punkkonzert. Und wegen dem waren wir da, nicht fĂŒr unsinnige Maskendebatten. Also blieben wir erstmal und einige beteiligten sich am schĂŒchternen Tanz, der Rest rauchte Kette und trank Bier.

Die Stimmung des verhaltenen Festes war verhĂ€ltnismĂ€ĂŸig lose und diese vom Staat verordnete Maske wurde wie erwĂ€hnt zunĂ€chst von vielen nicht oder nur schlampig getragen. Etwa am Kinn. Wir hoben uns deswegen nicht ab und waren nicht weniger amĂŒsiert als die anderen. Abstand? Einmal hat eine Band den ernsthaft eingefordert und sofort stieb die verschreckte Tanzmasse auseinander, nur um nach kurzer Zeit noch dichter beieinander zu stehen und etwas zu pogen. Die Polizei war auch nur mĂ€ĂŸig prĂ€sent. Aber der stĂ€ndig in der Menge herumstromernde Ordnungsdienst der Punker hatte mit seiner Arbeit schnellen Erfolg: Viele der Besucher zogen sofort die Maske auf, sobald einer der WĂ€chter kam. Etwas zu hektisch, etwas zu schnell. Ein Verhalten, dass man aus den U-Bahnen kennt, wenn der dort tĂ€tige Ordnungsdienst patrouilliert und etwa Leute aus dem migrantischen Spektrum erwischt, die diese Maske nicht immer willig tragen. Ein Fingerzeig, ein Spruch und schon ist die Maske ĂŒber der Nase. Ganz ohne Bußgeld. Schnell war auf diese Weise auch das ganze Konzert mit Partikelmasken ausgestattet. Wohlgemerkt nicht, weil man testen wollte, ob diese Art von Maske gegen Pfefferspray hilft, das Pfefferspray sollte vielmehr im Keim verhindert werden, indem man eben der Polizeiauflage genĂŒgte. Ein Grund fĂŒr mangelnde Reibung im Vollzug dieser Maßnahme war vielleicht auch das durch die allgegenwĂ€rtige Propaganda verursachte schlechte Gewissen: Wenn schon der in der offiziellen Darstellung wichtigere Abstand nicht eingehalten wird, so trĂ€gt man doch wenigstens Partikelmasken. Ein anderer Grund war vielleicht, dass so ’ne Punkschnauze nicht unbedingt angenehm ist und eine latente Gewaltdrohung mitschwang. Warum auch immer: Es war jedenfalls nicht schön anzugucken, wie die Polizeiarbeit auf diese Weise selbstverwaltet durchgefĂŒhrt und befolgt wurde.

Meine lose Gruppe von Freunden wiederum sah keinen Grund, eine Maske zu tragen. Wir wollten ja nichts Illegales, sondern Punk. Darauf wurden wir stĂ€ndig vom Ordnungsdienst beobachtet und zunehmend provoziert. Befehlston: „Wollt ihr eine Maske tragen?“ Nein wollen wir nicht! Die etwas Ă€ngstlicheren Leute von uns zogen daraufhin sogar irgendwelche Masken auf und guckten unglĂŒcklich. Oder hatten sie am Kinn kleben. Im Grunde wollten wir ja einfach das Konzert besuchen und keinen Streß mit dem Schutz. Um Masken ging es uns an diesem Tag nun wirklich nicht. Wenn jemand sie dort tragen will, ist das völlig okay, egal was wir davon denken mögen. Am Ende kam dann jedenfalls ein ganzer Trupp des selbstverwalteten Ordnungsdienstes und wir wurden mit sanfter Gewalt und einigem Geschrei vom Konzert entfernt. Im Publikum gab es durchaus auch mit uns sympathisierende Blicke. Einige Ordner trugen immerhin Sticker, auf denen der Staatszwang abstrakt abgelehnt wurde, wĂ€hrend sie doch konkret Gehorsam leisteten. Etwas Selbstwiderspruch ist anscheinend vorhanden. Sofort kamen, angelockt von der durch den selbstverwalteten Ordnungsdienst begonnenen Schubserei, auch Vertreter des echten Ordnungsdienstes. Die Polizisten fragten, was los sei und wurden vom outgesourcten Ordnungsdienst korrekt darauf hingewiesen, dass man gerade Maskenverweigerer entfernte. Worauf die Polizisten sich ihrerseits befriedigt entfernten. Wir haben uns natĂŒrlich auch entfernt und woanders weiteres Bier getrunken. Auch Schnaps. Bis in die Nacht. Halt wieder im eigenen Sumpf, aber gut gelaunt. Bisschen Punk und Adrenalin war ja doch gewesen. Sogar dumme SprĂŒche.

Wie gesagt, muss diese Subgruppe der Berliner Linken im Ganzen selbst mit sich und mit ihren fĂŒr Sympathisanten mitunter unverstĂ€ndlichen Ritualen klarkommen. Wir sind ja auch alles andere als frei von sowas. Und Punkkonzerte organisieren wir auch nicht. Es sei aber doch fĂŒr Interessierte angemerkt und daran erinnert, dass sich im nordamerikanischen Anarchismus der Ausdruck „Peace Police“ eingebĂŒrgert hat, um diese Polizeiarbeit innerhalb der Bewegung zu benennen. Sie hat den Vorteil, dass die nun in die Bewegung verlegte Repression weniger schmerzhaft ist, da mindestens keine Verfahren und keine Strafgelder folgen. Auch die physische Gewalt ist meist weniger grob, da Ordnungswidrigkeiten innerhalb der zerstrittenen linken Familie geregelt werden und die Polizei nur darĂŒber wachen muss, ob dies im ausreichenden Maße gelingt. ErgĂ€nzt werden können solche inneren Ordnungsdienste dann etwa durch Kommunikationsteams auf Seiten der Polizei, auch Anti-Konflikt-Teams genannt. Und natĂŒrlich durch internalisierte Instanzen innerhalb der einzelnen Individuen selbst. Diese mĂŒssen sich bekanntlich bestĂ€ndig selbst regulieren, nicht zuletzt wegen der skalierbaren Ă€ußeren Strafandrohung. Im durch die UmstĂ€nde und durch die allgemeine Defensive erzwungenen Maße wird dies in gegenwĂ€rtigen, repressiven Gesellschaft immer auf die eine oder andere Weise notwendig sein und oft geht es nur um kleine oder grĂ¶ĂŸere Verschiebungen der jeweiligen Eskalationsgrenzen, wĂ€hrend das KrĂ€fteverhĂ€ltnis im Ganzen von vornherein klar ist. Der sichtliche Nachteil – wenn man sich zu eifrig auf solches Spiel einlĂ€ĂŸt – ist, dass man im Ganzen befriedet wird. Momentan kann ja jede genehmigte Demo oder Versammlung aufgelöst werden. Wenn nicht wegen der Maskensache, so doch wegen dem Abstand. Wenn das eine durchgesetzt ist, kann der andere Vorwand verwendet werden. Auf lĂ€ngere Sicht sinkt so die Eingriffsschwelle der Polizei, wenn man keinen Gegendruck aufbaut. Sie ist ja schon gesunken, indem nun andauernd friedliche Demonstranten gehauen und zerstreut werden, wĂ€hrend man frĂŒher dafĂŒr wenigstens Scheinbesetzer oder Spontandemonstrant sein musste. Wenn nicht gar scheingewalttĂ€tig. Die HĂ€user dieser Subszene werden dann um so leichter abgerĂ€umt und die braveren oder brav gemachten Aspekte derselben können dafĂŒr sogar einstweilen bleiben.

Einer der verwiesenen Besucher des Konzerts




Quelle: Zuendlumpen.noblogs.org