Januar 5, 2022
Von InfoRiot
197 ansichten


Die am Standort Plantage aktive Stadtgesellschaft jeglicher Couleur steht vor einer scheinbar unlösbaren Aufgabe. Gegenseitiges Misstrauen und Missverstehen erschweren das Zuhören und Hinsehen in den komplexen Fragestellungen zur Aufarbeitung von Geschichte sowie zu unseren heutigen Haltungen und Zielen. Vor diesem Hintergrund haben die Beteiligten von Stadt, Kirche und Rechenzentrum – auf Initiative des OberbĂŒrgermeisters und nach Stadtverordnetenbeschluss – einen beachtlichen Weg zurĂŒckgelegt. Jede der Seiten hat „SelbstrĂŒcknahme“, so die Worte von Mike Schubert, praktiziert und damit den Weg zu einem gemeinsamen Lösungsansatz freigemacht, angesichts der an diesem Ort besonders ausschwingenden Emotionen eine beachtliche Leistung!

Man muss respektieren, dass dies zunĂ€chst nur in kleinem Kreis möglich war. Doch es wĂ€re tragisch, wenn die hinter den Beteiligten des Verhandlungsteams stehenden Gruppierungen nun in ihren Beratungen nichts weiter zustande brĂ€chten, als die alten BeschlĂŒsse und Vorstellungen zu zitieren. Das wĂ€re zwar verstĂ€ndlich, identifizieren sich doch hochengagierte Menschen mit der Vision eines im Stadtraum freiwirkenden Kirchenbauwerkes und andere ebenso Engagierte mit einer unverĂ€ndert fortgesetzten Nutzung im Rechenzentrum. Doch ist dies nicht nur unvereinbar, es gibt auch fĂŒr beides so keine reale Chance.

Saskia HĂŒneke, stellvertretende Fraktionsvorsitzende der GrĂŒnen im Stadtparlament.Foto: Andreas Klaer

“Wir alle sind Teil der Geschichte, die hier verarbeitet werden muss”

Wir kommen dagegen weiter, wenn wir die Vielfalt der widerstreitenden Positionen nicht als Last, sondern als Reichtum begreifen. Hier zeigt sich so viel: Jede der sich Ă€ußernden Personen bringt Herkommen aus unterschiedlichen gesellschaftlichen Kontexten mit. Wir alle sind Teil der Geschichte, die hier verarbeitet werden muss. Der Versuch, sich gegenseitig zu verstehen und Lösungen zu finden, ist die Grundlage fĂŒr die dann idealerweise nach breiter öffentlicher Beteiligung zustande kommenden MehrheitsbeschlĂŒsse. Das ist Demokratie und sie ist gerade hier gefragt.

Zur Überwindung des Dilemmas, in dem der Turm fĂŒr die einen und das Rechenzentrum fĂŒr die anderen gleichermaßen unertrĂ€glich wirkt, können Perspektivwechsel hilfreich sein. Mir erscheint dafĂŒr berufsbedingt die Bilderwelt der Kunstwerke am Bau besonders geeignet: Man kann sich den fertigen Turm mit den Rekonstruktionen der Bildwerke aus der Zeit um 1735 und die Mosaike des Rechenzentrums nebeneinander vorstellen. Wenn man den persönlichen Kunstgeschmack an die Seite legt und den Blick öffnet, wird man es sehen: Beide Kunstensembles sind agitatorisch und fĂŒhren die ambivalenten Ideale vergangener Gesellschaften vor Augen. 

[Wenn Sie aktuelle Nachrichten aus Potsdam und Brandenburg live auf Ihr Handy haben wollen, empfehlen wir Ihnen unsere App, die sie hier fĂŒr Apple und  Android-GerĂ€te herunterladen können.]

Sie treffen sich ĂŒber ihre große Verschiedenheit hinweg und werfen hochaktuelle Fragen auf, etwa wenn es um das Miteinander in der Gesellschaft, um Rechtsstaatlichkeit und MilitĂ€r, das VerhĂ€ltnis von Macht und Ethik oder Staat und Individuum geht. Diese Kunstwerke werden zukĂŒnftig die Betrachtung der Geschichte des Ortes und das Nachdenken ĂŒber unsere Gesellschaft auf einzigartige Weise anregen. Zusammen mit der kritischen Aufarbeitung der Ereignisse im 19. und 20. Jahrhundert fĂŒhren sie in den Diskurs unserer Gegenwart – womit wir wieder beim Ort der Demokratie angekommen wĂ€ren.

Daran anknĂŒpfend kann auch der stĂ€dtebaulich-architektonische Konflikt an dieser Stelle produktiv weitergefĂŒhrt werden. Selten hat ein so pragmatischer Vorschlag wie der, auf dem GrundstĂŒck des ehemaligen Kirchenschiffes den ohnehin geplanten und damit finanzierten Plenarsaal der Stadtverordnetenversammlung zu errichten, ein solch ideelles Potenzial aufzuweisen!

“Eine geöffnete Entwicklung des Gesamtstandortes kann allen Seiten helfen”

Angeregt durch diese Idee entsteht die Vision fĂŒr ein modernes multifunktionales Tagungszentrum mit einem großen Saal und kleineren Tagungs- und AusstellungsrĂ€umen, das auch fĂŒr die vielfĂ€ltigen Formen der BĂŒrgerbeteiligung nutzbar ist. Sozio-kreative Arbeit sowie beispielsweise die Abteilung des Potsdam-Museums mit der DDR-Kunstsammlung sowie dem Ausstellungsteil zur Geschichte des 20. Jahrhunderts wĂ€ren am Ort des Rechenzentrums schlĂŒssig angesiedelt. Nicht zuletzt umfasst das bestehende Nutzungskonzept des Turmes christliches Leben in Verantwortung gegenĂŒber der Geschichte. Die FĂŒlle der sich andeutenden BezĂŒge zeigt es: Eine geöffnete Entwicklung des Gesamtstandortes kann allen Seiten helfen und zugleich zu einer neuen, lebendigen Symbiose fĂŒhren.

Es lohnt sich also, die Trias aus Nutzungsbedarf, StÀdtebau und Architektur in konkurrierenden Varianten unvoreingenommen auszuloten und die Ergebnisse öffentlich zu diskutieren. Dann wird es auch gelingen, die Fragen zu Rechtskonstrukten, Finanzierungsoptionen und ZeitablÀufen zu beantworten.

FĂŒr die kommenden GesprĂ€che braucht es Offenheit, dafĂŒr werbe ich – in alle Richtungen.

Saskia HĂŒneke, Jahrgang 1953, ist Kunsthistorikerin und stellvertretende Fraktionsvorsitzende der GrĂŒnen im Stadtparlament. Zudem sitzt sie im Aufsichtsrat der kommunalen SanierungstrĂ€ger Potsdam GmbH.




Quelle: Inforiot.de