Februar 13, 2021
Von Anarchistische Bibliothek
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Vorwort

Auf den Reisen, die ich in meiner Jugend durch das östliche Sibirien und die nördliche Mandschurei machte, empfing ich zwei starke EindrĂŒcke aus dem Reiche des Tierlebens. Der eine war die außerordentliche HĂ€rte des Kampfes um die Existenz, den die meisten Tierarten wider eine raue Natur zu fĂŒhren haben; die in ungeheuren Dimensionen stattfindende Vernichtung von Lebewesen, die periodisch aus natĂŒrlichen Ursachen erfolgt, und die daraus sich ergebende spĂ€rliche Verteilung von Lebewesen ĂŒber jenes weite Gebiet, das Gegenstand meiner Beobachtungen wurde. Den anderen Eindruck zeitigte folgende Bemerkung: selbst an den wenigen Orten, wo das Tierleben ĂŒppig gedieh, konnte ich, obwohl ich emsig darauf achtete, nicht jenen erbitterten Kampf um die Existenzmittel zwischen Tieren, die zur gleichen Art gehören, entdecken. Und es war dieser Kampf, der seitens der meisten Darwinisten – keineswegs aber stĂ€ndig von Darwin selbst – als das typische Kennzeichen des Kampfes ums Dasein und als der Hauptfaktor der Entwickelung betrachtet wurde. Die furchtbaren SchneestĂŒrme, die ĂŒber das nördliche Eurasien im SpĂ€twinter toben, und das Glatteis, das ihnen hĂ€ufig folgt; die Fröste und SchneestĂŒrme, die alljĂ€hrlich in der zweiten HĂ€lfte des Mai wiederkehren, wenn die BĂ€ume bereits in voller BlĂŒte stehen und das Insektenleben sich ĂŒberall regt; die zeitigen Fröste sowie die schweren SchneefĂ€lle, die vielfach im Juli und August eintreten und mit einem Schlage Myriaden von Insekten, sowie die zweite Brut der Vögel in den PrĂ€rien vernichten; die starken Regen – eine Folge der Monsune -, die in den milderen Gegenden im August und September niedergehen und Überschwemmungen hervorrufen, wie man sie nur in Amerika und im östlichen Asien kennt und die auf den Hochebenen FlĂ€chen von der GrĂ¶ĂŸe der europĂ€ischen Staaten in Morast verwandeln; und endlich die schweren SchneefĂ€lle im Anfang Oktober, die vielfach ein Gebiet so groß wie Frankreich oder Deutschland völlig unbewohnbar fĂŒr WiederkĂ€uer machen und sie zu Tausenden vernichten – dies waren die Bedingungen, unter denen ich das Tierleben im nördlichen Asien ringen sah. Sie lehrten mich frĂŒhzeitig verstehen, welch ĂŒberwiegende Bedeutung das von Darwin als »die natĂŒrlichen Hemmnisse gegen die Übervölkerung« bezeichnete Moment hat im VerhĂ€ltnis zu dem Kampfe um die Existenzmittel zwischen Individuen der gleichen Art, einem Kampfe, der hie und da in einem gewissen Umfange statt hat, aber niemals die Bedeutung des ersten Moments erreicht. SpĂ€rliche Verteilung von Lebewesen auf weitem Raum, Untervölkerung und nicht Übervölkerung war das deutliche Charakteristikum jenes ungeheuren Teiles der Erde – Nordasiens -, und so regten sich damals in mir ernsthafte Zweifel – die nachfolgende Studien bestĂ€tigten – an der Wirklichkeit jenes furchtbaren Kampfes um Nahrung und Leben innerhalb jeder Spezies, der fĂŒr die meisten Darwinisten ein Glaubensartikel war und nach ihnen eine ausschlaggebende Rolle in der Entwicklung neuer Arten spielte.

Auf der anderen Seite, wo ich auch immer das Tierleben in reicher FĂŒlle auf engem Raum beobachtete, wie z. B. auf den Seen, wo unzĂ€hlige Arten und Millionen von Individuen zusammenkamen, um ihre Nachkommenschaft aufzuziehen; wie in den Kolonien der Nagetiere; wie bei den Wanderungen von Vögeln, die zu jener Zeit in wahrhaft amerikanischem Maßstabe dem Usuri entlang erfolgten; wie namentlich bei einer Wanderung von Damhirschen, die ich am Amur beobachten konnte und wĂ€hrend deren Tausende dieser intelligenten Tiere von einem unermesslichen Gebiete sich sammelten, um dem drohenden Schnee zu entfliehen und den Amur an seiner schmalsten Stelle zu ĂŒberschreiten – in all diesen Szenen des Tierlebens, die sich vor meinen Augen abspielten, sah ich gegenseitige Hilfe und gegenseitige UnterstĂŒtzung sich in einem Maße betĂ€tigen, dass ich in ihnen einen Faktor von grĂ¶ĂŸter Wichtigkeit fĂŒr die Erhaltung des Lebens und jeder Spezies, sowie ihrer Fortentwickelung zu ahnen begann.

Endlich sah ich bei den halbwilden Rindern und Pferden in s Transbaikalien, ĂŒberall bei den wilden WiederkĂ€uern, bei den Eichhörnchen und in zahlreichen anderen FĂ€llen, dass, wo Tiere infolge der oben erwĂ€hnten Ursachen mit Mangel an Futter zu kĂ€mpfen hatten, der gesamte Teil der Spezies, der von dem UnglĂŒck betroffen war, aus der PrĂŒfung derartig gebrochen an Kraft und Gesundheit hervorgeht, dass keine fortschrittliche Entwickelung der Art auf solche Perioden heftigen Kampfes zurĂŒckgefĂŒhrt werden kann.

Ich konnte daher, als spĂ€ter meine Aufmerksamkeit auf die Beziehungen zwischen Soziologie und Darwinismus gelenkt wurde, mit keinem der Werke oder Schriften, die ĂŒber diesen wichtigen Gegenstand geschrieben waren, ĂŒbereinstimmen. Sie suchten alle zu beweisen, dass die Menschheit dank ihrer höheren Intelligenz und Kenntnis die StĂ€rke des Kampfes ums Dasein unter den Menschen wohl mildern könne; aber sie erkannten zur gleichen Zeit an, dass der Kampf um die Existenzmittel bei jedem Tier gegen seine Artgenossen und bei jedem Menschen gegen seine Mitmenschen ein »Naturgesetz« sei. Diesen Standpunkt konnte ich nicht akzeptieren, da ich ĂŒberzeugt war, dass die Annahme dieses erbarmungslosen BĂŒrgerkrieges in jeder Spezies und die Wertung dieses Krieges als Bedingung des Fortschrittes etwas zugeben hieß, was nicht nur nicht bewiesen war, sondern auch der BestĂ€tigung durch direkte Wahrnehmung ermangelte.

DemgegenĂŒber war ein Vortrag Â»Ăœber das Gesetz der gegenseitigen Hilfe«, der im Januar 1880 auf einem russischen Naturforscherkongress von dem berĂŒhmten Zoologen Professor Keßler, dem damaligen Dekan der Petersburger UniversitĂ€t, gehalten wurde und den ich im Jahre 1883 las, fĂŒr mich von Bedeutung. Er warf ein neues Licht auf die Frage. Keßlers Ansicht war, dass neben dem Gesetz des gegenseitigen Kampfes in der Natur das Gesetz der gegenseitigen Hilfe walte und dass dieses letzte fĂŒr den Erfolg des Kampfes ums Leben und speziell fĂŒr die fortschreitende Entwickelung der Arten bei weitem wichtiger sei als das Gesetz des gegenseitigen Streites. Diese Anregung, die in Wirklichkeit nichts anderes als eine Fortentwickelung der von Darwin in »der Abstammung des Menschen« selbst ausgesprochenen Idee war, erschien mir so richtig und von so großer Wichtigkeit, dass ich seitdem Material zum weiteren Ausbau dieser Idee zu sammeln begann, die Keßler in seinem Vortrag nur flĂŒchtig skizziert hatte, deren eingehende Bearbeitung ihm jedoch nicht vergönnt war. Er starb im Jahre 1881.

Nur in einem Punkt konnte ich Keßlers Ansichten nicht völlig akzeptieren. Ihm erschien das »ElterngefĂŒhl« und die Sorge fĂŒr die Nachkommenschaft als die Quelle der gegenseitigen Neigungen bei Tieren. Ich glaube, die Bestimmung, inwieweit diese beiden GefĂŒhle wirklich zu der Entwickelung von sozialen Instinkten beigetragen haben und inwieweit andere Instinkte in der gleichen Richtung tĂ€tig waren, ist eine ganz neue und eine zu weitgreifende Frage, als dass wir sie jetzt schon diskutieren könnten. Erst wenn wir das Tatsachenmaterial fĂŒr die gegenseitige Hilfe bei den verschiedenen Tierklassen gesammelt und die Bedeutung dieser Hilfe fĂŒr die Entwickelung klargestellt haben, werden wir untersuchen können, was in der Entwickelung der sozialen GefĂŒhle auf ElterngefĂŒhle oder auf reinen sozialen Trieb zurĂŒckzufĂŒhren ist. Dieser hat offenbar seinen Ursprung in den frĂŒhesten Stadien der Entwickelung der Tierwelt, vielleicht schon im Stadium der »Koloniebildung«. Ich richtete also mein Hauptaugenmerk darauf, vor allem die Bedeutung der gegenseitigen Hilfe als Entwickelungsfaktor nachzuweisen, und ĂŒberlasse es spĂ€terer Forschung, den Ursprung des Instinkts der gegenseitigen Hilfe aufzuklĂ€ren.

Die Bedeutung des Faktors der gegenseitigen Hilfe – »wenn seine Allgemeinheit nur bewiesen werden könnte« – entging nicht einem Naturforschergenie wie Goethe. Als Eckermann einst Goethe erzĂ€hlte – es war im Jahre 1827 -, dass ihm zwei kleine, flĂŒgge gewordene Zaunkönige davongeflogen seien und dass er sie am nĂ€chsten Tage in dem Nest eines Rotkehlchens gefunden hatte, das die beiden mit seinen eigenen Jungen zusammen fĂŒtterte, geriet Goethe ĂŒber dieses Faktum in förmliche Erregung. Er sah darin die BestĂ€tigung seiner pantheistischen Anschauungen und sagte: »WĂ€re es wirklich, dass dieses FĂŒttern eines Fremden als etwas Allgemeingesetzliches durch die Natur ginge, so wĂ€re damit manches RĂ€tsel gelöst.« Er kam am gleichen Tage auf die Angelegenheit zurĂŒck und legte es Eckermann dringend nahe, eine Spezialstudie ĂŒber diesen Gegenstand zu machen, und fĂŒgte hinzu, er wĂŒrde sicherlich »zu ganz unschĂ€tzbaren Resultaten« gelangen. Leider wurde diese Studie niemals gemacht. Immerhin ist es aber möglich, dass Brehm, der in seinen Werken eine solche FĂŒlle von Material bezĂŒglich der gegenseitigen Hilfe unter Tieren aufgehĂ€uft hat, durch Goethes Bemerkung angeregt worden ist.

Mehrere Werke von Bedeutung wurden in den Jahren 1872 bis 1886 veröffentlicht, die von der Intelligenz und dem Geistesleben der Tiere handelten. Drei derselben beschĂ€ftigten sich spezieller mit unserem Gegenstand, und zwar »Les societes animales« von Espinas (Paris 1877); »La lutte pour lâ€șexistence et lâ€șassociation pour la lutte«, ein Vortrag von J. Lanessan (April 1881), und Ludwig BĂŒchners Buch »Liebe und Liebesleben in der Tierwelt«, dessen erste Ausgabe im Jahre 1879, dessen zweite, um vieles erweiterte Ausgabe 1885 erschien. Doch so ausgezeichnet jedes einzelne dieser Werke ist, so bleibt doch Raum fĂŒr ein Werk, in dem »die gegenseitige Hilfe« nicht allein als Argument zugunsten eines vormenschlichen Ursprungs moralischer Instinkte, sondern auch als Naturgesetz und als Faktor der Entwickelung betrachtet werden soll. Espinas widmete seine Aufmerksamkeit namentlich solchen tierischen Gesellschaften (Ameisen, Bienen), die auf einer physiologischen Arbeitsteilung beruhen; und obgleich sein Werk voller trefflicher Winke nach allen möglichen Richtungen ist, so war es doch zu einer Zeit geschrieben, wo die Entwickelung menschlicher Gesellschaften noch nicht vom Standpunkt der Kenntnisse, die wir heute besitzen, behandelt werden konnte. Lanessans Vortrag hat mehr den Charakter einer geistreich entwickelten allgemeinen Disposition zu einem Werke, das das Prinzip der gegenseitigen UnterstĂŒtzung behandeln, mit den Felsen im Meere beginnen und dann die Pflanzenwelt, Tierwelt und endlich die Menschheit an sich vorĂŒberziehen lassen wĂŒrde. Auch dem Werke BĂŒchners, so anregend und so reich es an Tatsachen ist, konnte ich wegen seines Grundgedankens nicht zustimmen. Das Buch beginnt mit einem Hymnus auf die Liebe, und nahezu alle AusfĂŒhrungen und Beispiele bezwecken, die Existenz der Liebe und der Sympathie zwischen Tieren nachzuweisen. Den sozialen Trieb bei Tieren auf Liebe und Sympathie zurĂŒckzufĂŒhren, heißt aber seine Allgemeinheit und Bedeutung herabsetzen. Auch die menschliche Ethik, sofern sie sich auf Liebe und persönliche Sympathie grĂŒndete, hat nur bewirkt, dass der Begriff des MoralgefĂŒhls zu eng genommen wurde. Es ist nicht Liebe zu meinem Nachbarn – den ich vielfach gar nicht kenne -, was mich treibt, den Wassereimer zu ergreifen und nach seinem brennenden Hause zu eilen; was mich treibt, ist ein viel weiteres, wenn auch unklares GefĂŒhl, es ist ein menschlicher SolidaritĂ€ts- und Sozialtrieb. Ebenso ist es bei den Tieren. Es ist nicht Liebe oder etwa Sympathie (im eigentlichen Sinne), was eine Herde von WiederkĂ€uern oder Pferden einen Ring schließen lĂ€sst, um dem Angriff von Wölfen zu widerstehen, nicht Liebe, was die Wölfe sich zu Jagdzwecken zusammenrotten lĂ€sst, nicht Liebe, was KĂ€tzchen oder LĂ€mmer zum Spiel treibt oder ein Dutzend verschiedener Arten von Vögeln die Tage im Herbst gemeinschaftlich verleben heißt, und es ist weder Liebe noch persönliche Sympathie, was viele Tausende, ĂŒber ein Gebiet von der GrĂ¶ĂŸe Frankreichs zerstreut lebende Damhirsche treibt, zahlreiche getrennte Herden zu bilden, die alle einem bestimmten Orte zueilen, um dort gemeinschaftlich den Fluss zu ĂŒberschreiten. Es ist ein GefĂŒhl, unendlich weiter als Liebe und persönliche Sympathie – ein Instinkt, der sich langsam bei Tieren und Menschen im Verlaufe einer außerordentlich langen Entwickelung ausgebildet hat und der Menschen und Tiere gelehrt hat, welche StĂ€rke sie durch die BetĂ€tigung gegenseitiger Hilfe gewinnen und welche Freuden sie im sozialen Leben finden können.

Wer die Tierpsychologie oder die menschliche Ethik studiert hat, wird bereitwillig die Wichtigkeit dieser Unterscheidung anerkennen. Liebe, Sympathie und Selbstaufopferung haben sicherlich einen großen Anteil an der fortschreitenden Entwickelung unserer MoralgefĂŒhle. Doch ist es nicht Liebe und auch nicht Sympathie, worauf die menschliche Gesellschaft beruht. Es ist das Bewusstsein – und sei es nur in dem Entwickelungsstadium eines Instinkts – von der menschlichen SolidaritĂ€t. Man hat erkennen gelernt – mag es auch nicht ĂŒber die Schwelle des Bewusstseins getreten sein -, welche StĂ€rke jedes Glied der Gesellschaft der BetĂ€tigung gegenseitiger Hilfe verdankt, welche enge AbhĂ€ngigkeit zwischen dem GlĂŒck des einen und dem aller besteht und welche Achtung vor den Rechten anderer sich bei den Individuen infolge eines Sinnes fĂŒr Gerechtigkeit oder Gleichheit entwickelt hat. Auf dieser breiten und unerlĂ€sslichen Grundlage haben sich die höheren MoralgefĂŒhle entwickelt. Aber dieser Gegenstand liegt nicht im Bereich des vorliegenden Werkes und ich begnĂŒge mich damit, hier auf eine Vorlesung ĂŒber »Gerechtigkeit und Moral« hinzuweisen, die ich als Erwiderung auf Huxleys »Ethik« gehalten habe und worin der Gegenstand einigermaßen ausfĂŒhrlich behandelt ist.

In ErwĂ€gung alles dessen glaubte ich, dass ein Buch ĂŒber gegenseitige Hilfe als Naturgesetz und Entwickelungsfaktor eine wesentliche LĂŒcke ausfĂŒllen wĂŒrde. Als Huxley im Jahre 1888 sein »Kampf ums Dasein«-Manifest (Struggle for Existence and its Bearing upon Man) erscheinen ließ – es war nach meiner Meinung eine völlige Entstellung der wirklichen Tatsachen der Natur, wie man sie in Feld und Wald beobachtet -, setzte ich mich mit dem Herausgeber des »Nineteenth Century« in Verbindung und fragte, ob er mir fĂŒr eine ausfĂŒhrliche Antwort auf die Ansichten jenes hervorragenden Darwinisten den Raum seiner Zeitschrift zur VerfĂŒgung stellen wollte. Mr. James Knowles empfing meinen Vorschlag mit voller Sympathie. Ich sprach auch mit W. Bates darĂŒber. »Ja, gewiss, das ist wahrer Darwinismus« – war seine Antwort. »Es ist schrecklich, was â€șmanâ€č aus Darwin gemacht hat. Schreiben Sie die Artikel, und wenn sie gedruckt sind, werde ich Ihnen einen Brief zwecks Veröffentlichung ĂŒbergeben. « Leider brauchte ich sieben Jahre, diese Artikel zu schreiben, und als der letzte veröffentlicht wurde, war Bates nicht mehr am Leben.

Nachdem ich in meinen Artikeln die Bedeutung der gegenseitigen Hilfe in den verschiedenen Tierklassen besprochen hatte, war ich naturgemĂ€ĂŸ gezwungen, die Bedeutung dieses Faktors fĂŒr die Entwickelung der Menschheit zu erörtern. Dies war umso notwendiger, als eine ganze Zahl von AnhĂ€ngern der Entwickelungstheorie wohl die Bedeutung der gegenseitigen Hilfe bei den Tieren anerkennen, sie aber, wie Herbert Spencer, fĂŒr die Menschheit leugnen. FĂŒr den primitiven Menschen war – so behaupten sie – der Krieg aller gegen alle das Gesetz des Lebens.

Inwiefern diese Behauptung, die seit Hobbes‘ Tagen ohne genĂŒgende Kritik immer wiederholt worden ist, durch das, was wir ĂŒber die ersten Stadien der menschlichen Entwickelung wissen, unterstĂŒtzt wird, ist in den Kapiteln ĂŒber die Wilden und Barbaren untersucht. Die zahlreichen und wichtigen Institutionen der gegenseitigen Hilfe entwickelten sich infolge des schöpferischen Geistes der wilden und halbwilden Massen wĂ€hrend der frĂŒhesten Periode, wo noch der Stamm die Gesellschaftsform war, und weiter in den Zeiten der Dorfgemeinde. Der ungeheure Einfluss, den diese frĂŒhzeitig geschaffenen Institutionen auf die nachfolgende Entwickelung bis zu den heutigen Tagen herab ausgeĂŒbt haben, veranlasste mich, meine Forschungen auch auf spĂ€tere historische Perioden auszudehnen, im Besonderen jene höchst interessante Epoche der freien mittelalterlichen StĂ€dterepubliken zu studieren, deren Allgemeinheit und Einfluss auf unsere heutige Zivilisation noch nicht genĂŒgend gewĂŒrdigt wurde. Endlich habe ich auch kurz auf die wichtige Rolle hingewiesen, die die Instinkte der gegenseitigen UnterstĂŒtzung – erworben und vererbt in einer ungeheuer langen Entwickelung – noch in unserer gegenwĂ€rtigen Gesellschaft spielen, die vermeintlich auf dem Prinzip: »jeder fĂŒr sich, und der Staat fĂŒr alle« beruht, doch der es nie gelang noch gelingen wird, dieses Prinzip durchzusetzen.

Man mag gegen dieses Buch den Vorwurf erheben, dass darin Tiere wie Menschen in einem zu gĂŒnstigen Lichte dargestellt werden, dass ihre sozialen FĂ€higkeiten hervorgehoben, wĂ€hrend ihre antisozialen Instinkte und der Instinkt individueller Selbstbehauptung kaum berĂŒhrt werden. Dies war indessen unvermeidlich. Wir haben in den letzten Jahren so viel von dem »harten, erbarmungslosen Kampf ums Dasein« gehört, der von jedem Tier gegen alle anderen Tiere, von jedem »Wilden« gegen alle anderen »Wilden« und von jedem zivilisierten Menschen gegen alle seine MitbĂŒrger gefĂŒhrt wird, und diese Behauptungen sind in einem Grade Glaubensartikel geworden, dass es erst einmal notwendig war, ihnen eine lange Reihe von Tatsachen gegenĂŒberzustellen, die Tier- und Menschenleben in einem anderen Lichte zeigen. Es war notwendig, auf die ĂŒberwĂ€ltigende Bedeutung hinzuweisen, die soziale Gewohnheiten fĂŒr die Natur, sowie fĂŒr die fortschreitende Entwickelung der Tierarten und der menschlichen Wesen haben, zu beweisen, dass sie den Tieren einen wirksameren Schutz vor ihren Feinden, sehr hĂ€ufig eine Erleichterung fĂŒr die Beschaffung der Nahrung (Winterproviant, Wanderungen usw.), Langlebigkeit und damit eine grĂ¶ĂŸere Möglichkeit fĂŒr die Entwickelung geistiger FĂ€higkeiten gesichert haben, und dass sie den Menschen neben solchen Vorteilen die Möglichkeit gewĂ€hrt haben, jene Institutionen auszuarbeiten, auf Grund deren sie in dem harten Kampfe wider die Natur ĂŒberleben und trotz aller WechselfĂ€lle ihrer Geschichte fortschreiten konnten. Es ist ein Buch ĂŒber das Gesetz der gegenseitigen Hilfe als eines der hauptsĂ€chlichsten Entwickelungsfaktoren und nicht ein Buch ĂŒber alle Entwickelungsfaktoren und deren Wert. Dieses Buch musste erst geschrieben werden, bevor das andere möglich sein wird.

Ich bin sicherlich der letzte, der die Rolle unterschĂ€tzte, die die Selbstbehauptung des Individuums in der Entwickelung der Menschheit gespielt hat. Dieser Gegenstand erfordert indessen, wie ich glaube, eine tiefer dringende Behandlung, als ihm bisher zuteil geworden ist. In der Geschichte der Menschheit war hĂ€ufig und ist jetzt noch die individuelle Selbstbehauptung etwas ganz anderes und etwas viel Weiteres und Tieferes als jene kleinliche, törichte Kurzsichtigkeit, welche fĂŒr eine große Klasse von Schriftstellern als »Individualismus« oder »Selbstbehauptung« gilt. Auch gehörten die Individuen, die die Geschichte gemacht haben, nicht allein zu der Klasse von Menschen, die die Historiker als Heroen hingestellt haben. Aus diesen GrĂŒnden ist es meine Absicht, falls die UmstĂ€nde es erlauben, den Anteil, den die Selbstbehauptung des Individuums in der fortschreitenden Entwickelung der Menschheit gehabt hat, in einem besonderen Buche zu erörtern. Ich kann an dieser Stelle nur die folgende allgemeine Bemerkung machen. Als die Institutionen der gegenseitigen Hilfe – der Stamm, die Dorfgemeinde, die Gilden, die mittelalterliche Stadt – im Laufe der Geschichte ihren ursprĂŒnglichen Charakter verloren und sich infolge parasitischen Wachstums zersetzten und auf diese Weise ein Hindernis des Fortschritts wurden, nahm die Rebellion der Individuen gegen diese Institutionen zwei verschiedene Formen an. Die einen erhoben sich, um die alten Institutionen zu reinigen oder eine höhere Form der Gemeinschaft auf Grund eben der Prinzipien gegenseitiger Hilfe auszuarbeiten. Sie versuchten beispielsweise, das Prinzip der »EntschĂ€digung« an Stelle der Lex talionis, oder spĂ€ter die Verzeihung fĂŒr Vergehungen, oder ein noch höheres Ideal der Gleichheit vor dem menschlichen Gewissen an Stelle der »EntschĂ€digung« nach Maßgabe des Klassenwertes einzufĂŒhren. Zur gleichen Zeit bemĂŒhte sich aber stets ein anderer Teil individueller Rebellen, die schĂŒtzenden Institutionen der gegenseitigen Hilfe niederzureißen in der Absicht, ihren eigenen Reichtum und ihre eigene Macht zu vermehren. In dem Streit zwischen diesen drei Komponenten, zwischen den beiden Klassen revoltierender Individuen und den Verteidigern des Bestehenden, liegt die Wirklichkeitstragödie der Geschichte. Aber die Aufgabe, diesen Streit zu schildern und die Rolle festzustellen, die jede der drei KrĂ€fte in der Entwickelung der Menschheit spielte, wĂŒrde mindestens ebenso viele Jahre erfordern, als ich zum Schreiben dieses Buches gebraucht habe.

Von Werken, die sich annĂ€hernd mit demselben Gegenstand beschĂ€ftigen und seit der Veröffentlichung meiner Artikel ĂŒber die gegenseitige Hilfe bei den Tieren erschienen sind, muss ich erwĂ€hnen: »The Lowell Lectures on the Ascent of Man« von Henry Drummond (London 1894) und »The Origin and Growth of the Moral Instinct« von A. Sutherland (London 1898). Beide bewegen sich im Wesentlichen auf denselben Bahnen wie BĂŒchners »Liebe«, und in dem zweiten Werk wird das Eltern und FamiliengefĂŒhl als einzig wirksame Kraft in der Entwickelung des moralischen Sinnes einigermaßen ausfĂŒhrlich behandelt. Ein drittes Werk, das sich mit dem Menschen beschĂ€ftigt und vom selben Standpunkt ausgeht, ist »The Principles of Sociology« von Prof. F. A. Giddings, dessen erste Ausgabe 1896 in New York und London erschien, wĂ€hrend die leitenden Gedanken von dem Autor bereits 1894 in einer BroschĂŒre skizziert wurden. Ich muss indessen der Kritik die Aufgabe ĂŒberlassen, die Punkte der Übereinstimmung, Ähnlichkeit oder GegensĂ€tzlichkeit zwischen diesen Werken und meinem zu erörtern.

Die verschiedenen Kapitel dieses Buches wurden zuerst im »Nineteenth Century« veröffentlicht (»Gegenseitige Hilfe bei den Tieren«, September und November 1890; »Gegenseitige Hilfe bei den Wilden«, April 1891; »Gegenseitige Hilfe bei den Barbaren«, Januar 1892; »Gegenseitige Hilfe in der Stadt des Mittelalters«, August und September 1894; »Gegenseitige Hilfe bei den Menschen unserer Zeit« im Januar und Juni 1896). Bei der Herausgabe in Buchform war meine erste Absicht, die Masse Material und ebenso die Erörterung einiger untergeordneter Punkte, die in den Zeitschriftartikeln ĂŒbergangen werden mussten, einem Anhang einzuverleiben. Es zeigte sich indessen, dass der Anhang den Umfang des Buches verdoppelt hĂ€tte, und ich sah mich genötigt, seine Veröffentlichung aufzugeben oder wenigstens zu verschieben. Der jetzige Anhang enthĂ€lt nur die Erörterung einiger weniger Punkte, die in den letzten paar Jahren Gegenstand wissenschaftlicher Debatte gewesen sind; und dem Text habe ich nur insoweit neuen Stoff hinzugefĂŒgt, als geschehen konnte, ohne den Aufbau des Werkes zu Ă€ndern.

Bromley (Kent).
Peter Kropotkin

1. Gegenseitige Hilfe bei den Tieren

Kampf ums Dasein. – Gegenseitige Hilfe, ein Naturgesetz und wesentlicher Faktor der fortschreitenden Entwicklung. Invertebrata. – Ameisen und Bienen. – Vögel: Jagd und Fischvereinigungen. – Geselligkeit. – Gegenseitiger Schutz bei kleinen Vögeln. – Kraniche, Papageien

Das Prinzip des Kampfes ums Dasein als eines Faktors der Entwicklung, das von Darwin und Wallace in die Wissenschaft eingefĂŒhrt wurde, hat uns erlaubt, ein ungeheuer ausgedehntes Gebiet von Erscheinungen in einen einzigen Allgemeinbegriff zusammenzufassen, der dann bald geradezu die Grundlage unserer philosophischen, biologischen und soziologischen Spekulationen geworden ist. Eine außerordentliche Menge der verschiedensten Tatsachen: Anpassungen im Leben und Bau organischer Wesen an ihre Umgebung; physiologische und anatomische Entwicklung; geistiger Fortschritt und sogar moralische Weiterbildung, lauter Dinge, die wir frĂŒher auf die verschiedensten Ursachen zurĂŒckzufĂŒhren pflegten, wurden von Darwin unter einen allgemeinen Begriff gestellt. Wir fassten sie als fortgesetzte BemĂŒhungen auf – als einen Kampf gegen feindliche UmstĂ€nde – zugunsten einer solchen Entwicklung von Individuen, Rassen, Arten und Gesellschaften, wie sie sich in möglichst großer VollstĂ€ndigkeit, Verschiedenartigkeit und IntensitĂ€t des Lebens ergeben konnte. Es kann sein, dass zu Beginn Darwin selbst sich die Allgemeinheit des Faktors nicht völlig vergegenwĂ€rtigte, den er zuerst in Anspruch nahm, um nur eine einzige Tatsachenreihe, die sich auf die AnhĂ€ufung individueller Verschiedenheiten bei beginnenden Arten bezog, zu erklĂ€ren. Aber er wusste von vornherein, dass die Bezeichnung, die er in die Wissenschaft einfĂŒhrte, ihre philosophische und ihre einzig wahre Bedeutung verlieren musste, wenn sie allein in ihrem engen Sinn anzuwenden war – im Sinn eines Kampfes zwischen verschiedenen Individuen um die bloßen Existenzmittel. Und gleich im Beginn seines berĂŒhmten Werkes betonte er, dass der Ausdruck in seinem »weiten und metaphorischen Sinne« zu nehmen sei, dass er »die AbhĂ€ngigkeit eines Wesens von einem anderen einschließe, und (was wichtiger ist) sich nicht bloß auf das Leben des Individuums beziehe, sondern ebenso auf die Möglichkeit, Nachkommen zu hinterlassen«.

WĂ€hrend er selbst den Ausdruck hauptsĂ€chlich fĂŒr seine besonderen Zwecke im engen Sinne gebrauchte, warnte er seine Nachfolger vor dem Irrtum (den er selbst einmal begangen zu haben scheint), diesen engen Sinn zu ĂŒberschĂ€tzen. In der »Abstammung des Menschen« schrieb er einige entscheidende Seiten, um den eigentlichen, weiteren Sinn des Ausdrucks zu illustrieren. Er legte dar, wie in zahlreichen Tiergesellschaften der Kampf um die Existenzmittel zwischen den einzelnen Individuen verschwindet, wie der Kampf ersetzt wird durch Zusammenwirken, und wie dieser Ersatz schließlich zu der Entwicklung der geistigen und moralischen FĂ€higkeiten fĂŒhrt, die der Art die besten Bedingungen des Überlebens sichert. Er betonte, dass die Geeignetsten in solchen FĂ€llen weder die körperlich StĂ€rksten noch die Listigsten seien, sondern solche, die gelernt haben, sich so zu verbinden, dass sie sich, ob stark oder schwach, gegenseitig unterstĂŒtzen, um des Wohles der Gemeinschaft willen. »Die Gemeinschaften«, schrieb er, »die die grĂ¶ĂŸte Zahl aufs Beste miteinander harmonierender Mitglieder umschlossen, gediehen am besten und erzielten die grĂ¶ĂŸte Zahl Nachkommen« (2. Ausgabe, S. 163). Der Ausdruck, der aus der engen Malthusianischen Vorstellung von der Konkurrenz zwischen jedem und jedem hervorgegangen war, verlor so seine Enge im Geist eines Mannes, der die Natur kannte. UnglĂŒcklicherweise aber wurden diese Bemerkungen, die die Grundlage höchst fruchtbarer Forschungen hĂ€tten abgeben können, durch die Massen von Tatsachen ĂŒberschattet, die gesammelt waren, um die Folgen eines wirklichen Kampfes ums Dasein zu illustrieren. Außerdem versuchte Darwin niemals, die Bedeutung einer jeden der zwei Erscheinungsformen, die der Kampf ums Dasein im Tierreich zeigt, einer genaueren Untersuchung zu unterziehen, und er schrieb niemals das Werk, das er ĂŒber die natĂŒrlichen Vorkehrungen gegen die Übervermehrung schreiben wollte, obwohl dieses Werk das entscheidende Wort ĂŒber die wirkliche Bedeutung des individuellen Kampfes hĂ€tte sprechen können. Ja, auf den Seiten sogar, die ich eben erwĂ€hnte, mitten unter Daten, die die enge Malthusianische Vorstellung vom Kampfe widerlegten, tauchte das alte Malthusianische Gift doch wieder auf – nĂ€mlich in Darwins Bemerkungen ĂŒber den angeblichen Nachteil der Erhaltung der »geistig und körperlich Schwachen« in unseren zivilisierten Gesellschaften (5. Kapitel). Als ob nicht Tausende von körperlich schwachen und hinfĂ€lligen Dichtern, Gelehrten, Erfindern und Reformatoren, zusammen mit wiederum Tausenden sogenannter »Narren« und »geistesschwachen Enthusiasten« die wertvollsten Truppen wĂ€ren, die die Menschheit in ihrem Kampf ums Dasein mit geistigen und moralischen Waffen gebraucht, die doch gerade Darwin in eben denselben Kapiteln der »Abstammung des Menschen« so emphatisch betont hatte.

Es ging mit Darwins Theorie, wie es allen Theorien geht, die irgendwie sich auf menschliche Einrichtungen beziehen. Anstatt sie seinen eigenen Winken entsprechend zu erweitern, haben sie seine Nachfolger noch enger gemacht. Und wĂ€hrend Herbert Spencer, der auf eigenen, aber dicht benachbarten Bahnen ging, den Versuch machte, die Untersuchung zu der großen Frage zu erweitern: »Wer sind die Geeignetsten?« besonders im Anhang der dritten Ausgabe der »Tatsachen der Ethik«, wĂ€hrenddessen drĂŒckten die zahlreichen Nachfolger Darwins den Begriff des Kampfes ums Dasein möglichst eng zusammen. Sie gelangten schließlich dazu, sich das Reich der Tiere als eine Welt fortwĂ€hrenden Kampfes zwischen halbverhungerten Individuen vorzustellen, jedes nach des anderen Blut dĂŒrstend. Die moderne Literatur widerhallte von dem Kriegsruf: »Wehe den Besiegten!« als ob das das letzte Wort moderner Biologie wĂ€re. Sie erhoben den »erbarmungslosen« Kampf um persönliche Vorteile zu der Höhe eines biologischen Prinzips, dem der Mensch sich ebenfalls unterwerfen mĂŒsse, aus Gefahr, andernfalls in einer Welt, die sich auf gegenseitige Vernichtung grĂŒndete, zu unterliegen. Auch wenn wir die Nationalökonomen beiseitelassen, die von der Naturwissenschaft nur ein paar Schlagworte kennen, die sie aus populĂ€rwissenschaftlichen BĂŒchern entnommen haben, so mĂŒssen wir doch zugeben, dass selbst die anerkanntesten Verfechter des Darwinismus ihr Bestes taten, diese falschen Ideen zu vertreten. Und in der Tat, wenn wir Huxley nehmen, der sicherlich als einer der tĂŒchtigsten ErklĂ€rer der Entwicklungstheorie gilt – lehrt er uns nicht, in einer Schrift ĂŒber den »Kampf ums Dasein und seine Bedeutung fĂŒr den Menschen«, dass »vom Gesichtspunkt des Moralisten die Tierwelt ungefĂ€hr auf demselben Niveau ist wie der Gladiatorenkampf. Die KĂ€mpfer werden gut genĂ€hrt und zum Kampf losgelassen, wobei der stĂ€rkste, BehĂ€ndeste und Geriebenste leben bleibt, um noch am nĂ€chsten Tag zu kĂ€mpfen. Der Zuschauer braucht seinen Daumen nicht zu senken, denn kein Pardon wird gegeben.«

Oder, weiter unten in demselben Artikel, sagte er uns nicht, dass, wie unter Tieren, so unter primitiven Menschen »die SchwĂ€chsten und DĂŒmmsten den KĂŒrzeren zogen, wĂ€hrend die ZĂ€hesten und Verschlagensten, die am besten ausgerĂŒstet waren, im Kampf mit den Ă€ußeren UmstĂ€nden die Oberhand zu gewinnen, wenn sie auch sonst nicht die besten waren, ĂŒberlebten. Das Leben war ein bestĂ€ndiger wilder Kampf und außer den beschrĂ€nkten und zeitweiligen Beziehungen der Familie war der Hobbessche Krieg aller gegen alle der normale Daseinszustand.«

Inwieweit diese Auffassung der Natur auf TatsĂ€chliches gestĂŒtzt ist, soll dem Leser hier in Bezug auf die Tierwelt und den primitiven Menschen vorgefĂŒhrt werden. Aber es muss hier gleich bemerkt werden, dass Huxleys Auffassung der Natur ebenso wenig Anspruch darauf hat, als eine wissenschaftliche BeweisfĂŒhrung angesehen zu werden, wie die entgegengesetzte Anschauung Rousseaus, der in der Natur nur Liebe, Friede und Harmonie erblickte, in die der Mensch erst Zerstörung hineintrug. In der Tat, der erste Spaziergang in den Wald, die erste Beobachtung irgendwelcher Tiergemeinschaft oder nur das Studium eines ernsten Werkes ĂŒber das Leben der Tiere (D‘Orbigny, Audubon, Le Vaillant, gleichviel welches), muss den Naturforscher zum Nachdenken veranlassen, welchen großen Raum das Gesellschaftsleben im Leben der Tiere einnimmt und ihn verhindern, in der Natur nichts als ein Schlachtfeld zu sehen oder, im Sinne Rousseaus, nichts als Harmonie und Friede. Rousseau hatte den Irrtum begangen, den Schnabel und Krallenkampf außer Acht zu lassen; und Huxley beging den entgegengesetzten Irrtum. Aber weder Rousseaus Optimismus noch Huxleys Pessimismus kann als unparteiische Auslegung der Natur gelten.

Sobald wir die Tiere zu unserem Studium machen, nicht nur in Laboratorien und Museen, sondern in WĂ€ldern und PrĂ€rien, in den Steppen und im Gebirge, bemerken wir sofort, dass trotz ungeheurer Vernichtungskriege zwischen den verschiedenen Arten und besonders zwischen den verschiedenen Klassen der Tiere, zugleich in ebenso hohem Maße, ja vielleicht noch mehr, gegenseitige UnterstĂŒtzung, gegenseitige Hilfe und gegenseitige Verteidigung unter Tieren, die zu derselben Art oder wenigstens zur selben Gesellschaft gehören, zu finden ist. Geselligkeit ist ebenso ein Naturgesetz wie gegenseitiger Kampf. NatĂŒrlich wĂ€re es außerordentlich schwierig, auch nur ungefĂ€hr die relative numerische Wichtigkeit dieser beiden Reihen von Tatsachen zu bestimmen. Aber wenn wir uns an einen indirekten Beweis halten und die Natur fragen: »Wer sind die Passendsten: sie, die fortwĂ€hrend miteinander Krieg fĂŒhren, oder sie, die einander unterstĂŒtzen«, so sehen wir sofort, dass diejenigen Tiere, die. Gewohnheiten gegenseitiger Hilfe annehmen, zweifellos die Passendsten sind. Es bestehen fĂŒr sie die meisten Möglichkeiten zu ĂŒberleben, und sie erlangen in den betreffenden Klassen die höchste Entwicklung der Intelligenz und körperlichen Organisation. Wenn wir die zahllosen Tatsachen, womit diese Ansicht gestĂŒtzt werden könnte, in Betracht ziehen, so können wir ruhig sagen, dass gegenseitige Hilfe ebenso ein Gesetz in der Tierwelt ist als gegenseitiger Kampf; jene aber als Entwicklungsfaktor höchstwahrscheinlich eine weit grĂ¶ĂŸere Bedeutung hat, insofern sie die Entfaltung solcher Gewohnheiten und EigentĂŒmlichkeiten begĂŒnstigt, die die Erhaltung und Weiterentwicklung der Arten, zusammen mit dem grĂ¶ĂŸten Wohlstand und Lebensgenuss fĂŒr den Einzelnen, beim geringsten Kraftaufwand, sichern.

Der erste unter den wissenschaftlichen Nachfolgern Darwins, der, soviel ich weiß, die ganze Tragweite der gegenseitigen Hilfe als eines Naturgesetzes und Hauptfaktors der Entwicklung begriff, war ein wohlbekannter russischer Zoologe, der verstorbene Dekan der Petersburger UniversitĂ€t, Prof. Keßler. Er stellte seine Ideen in einer Rede dar, die er auf einem Kongress russischer Naturforscher im Jahre 1880, wenige Monate vor seinem Tode, hielt. Aber wie so manches Gute, das in russischer Sprache veröffentlicht wird, blieb diese merkwĂŒrdige Rede fast gĂ€nzlich unbekannt.

»Als langjĂ€hriger Zoologe« fĂŒhlte er sich verpflichtet, gegen den Missbrauch eines Wortes – der Kampf ums Dasein – zu protestieren, das aus der Zoologie entlehnt sei, oder mindestens gegen die ÜberschĂ€tzung seiner Bedeutung. Die Zoologie, so sagte er, und die entsprechenden Wissenschaften, die vom Menschen handeln, betonen immer das, was sie den erbarmungslosen Kampf ums Dasein nennen.

Aber sie vergessen das Vorhandensein eines anderen Gesetzes, das als Gesetz der gegenseitigen Hilfe bezeichnet werden kann, das, wenigstens fĂŒr die Tiere, wesentlicher ist als das erste. Er betonte, dass die Notwendigkeit, Nachkommen zu hinterlassen, die Tiere notwendigerweise einander zufĂŒhrt, und »je mehr die Tiere sich zueinander halten, umso mehr unterstĂŒtzen sie einander, und umso besser sind die Aussichten, dass die Art ĂŒberlebt und weitere Fortschritte in der Entwicklung ihres Verstandes macht«. »Alle Klassen des Tierreichs«, fuhr er fort, »und besonders die höheren Tiere, ĂŒben gegenseitige Hilfe«, und er machte seinen Gedanken durch Beispiele anschaulich, die er dem Leben der TotengrĂ€berkĂ€fer und dem Gesellschaftsleben der Vögel und einiger SĂ€ugetiere entnahm. Der Beispiele waren es wenig, wie in einer kurzen Ansprache zu erwarten war, aber die Hauptpunkte waren klar festgestellt; und noch der ErwĂ€hnung, dass in der Entwicklung der Menschheit die gegenseitige Hilfe eine noch hervorragendere Rolle spielte, schloss Professor Keßler, wie folgt: »NatĂŒrlich leugne ich den Kampf ums Dasein nicht, aber ich behaupte, dass die fortschreitende Entwicklung des Tierreiches und insbesondere der Menschheit weit mehr durch gegenseitige UnterstĂŒtzung als durch gegenseitigen Kampf gefördert wird … Alle organischen Wesen haben zwei wesentliche BedĂŒrfnisse: das der ErnĂ€hrung und das der Fortpflanzung der Art. Das erste bringt sie zum Kampf und zu gegenseitiger Vertilgung, wĂ€hrend das BedĂŒrfnis, die Art zu erhalten, sie zu gegenseitiger AnnĂ€herung und UnterstĂŒtzung bringt. Aber ich neige mich zu der Idee, dass in der Entwicklung der organischen Welt – in der fortschreitenden VerĂ€nderung der organischen Wesen – die gegenseitige Hilfe unter den Individuen eine viel wichtigere Rolle spielt als ihr gegenseitiger Kampf.

Die Richtigkeit dieser Ansichten fiel den meisten anwesenden russischen Zoologen auf, und Syewertsoff, dessen Werk Ornithologen s und Geographen wohlbekannt ist, trat ihnen bei und illustrierte sie durch ein paar weitere Beispiele. Er erwĂ€hnte einige Falkenarten, »die fĂŒr den Raub fast ideal organisiert und dennoch im Aussterben sind, wĂ€hrend andere Falkenarten, die die gegenseitige Hilfe praktizieren, gedeihen. »Man nehme andererseits«, sagte er, »einen geselligen Vogel, die Ente, er ist im ganzen Ă€rmlich von der Natur ausgestattet, aber er ĂŒbt gegenseitige Hilfe und verbreitet sich fast ĂŒber die ganze Erde, wie man an seinen zahllosen VarietĂ€ten und Arten sehen kann.«

Die Bereitwilligkeit der russischen Zoologen, Keßlers Ansichten beizupflichten, scheint ganz natĂŒrlich, weil beinahe alle unter ihnen Gelegenheit hatten, die Tierwelt in den weiten unbewohnten Gegenden Nordasiens und Ostrusslands zu beobachten; und es ist unmöglich, solche Gegenden zu erforschen, ohne auf dieselben Ideen zu kommen. Ich erinnere mich an den Eindruck, den die Tierwelt Sibiriens auf mich machte, als ich die Gegenden des Witim in Gesellschaft eines so vorzĂŒglichen Zoologen, wie es mein Freund Polyakoff war, erforschte. Wir standen beide unter dem frischen Eindruck der »Entstehung der Arten«, aber vergeblich hielten wir Umschau nach dem wilden Kampf zwischen Tieren derselben Art, den die LektĂŒre von Darwins Werk uns erwarten ließ, auch wenn wir die Bemerkungen des dritten Kapitels (S. 54) in Betracht zogen. Wir sahen eine Menge Anpassungen, um – hĂ€ufig in Gemeinschaft – gegen die feindlichen UmstĂ€nde des Klimas zu kĂ€mpfen, oder gegen zahlreiche Feinde, und Polyakoff schrieb manche treffliche Seite ĂŒber die gegenseitige AbhĂ€ngigkeit der Fleischfresser, WiederkĂ€uer und Nagetiere von ihrer geographischen Verteilung; wir bemerkten zahlreiche Tatsachen von gegenseitiger Hilfe, besonders wĂ€hrend der Wanderungen von Vögeln und WiederkĂ€uern; aber selbst in den Gegenden des Amur und Usuri, wo es verschwenderisch von tierischem Leben wimmelt, kamen Tatsachen wirklichen Kampfes und Zwiespalts zwischen höheren Tieren derselben Art sehr selten zu meiner Kenntnis, obwohl ich eifrig nach ihnen suchte. Derselbe Eindruck ist in den Werken der meisten russischen Zoologen zu finden, und das erklĂ€rt wahrscheinlich, warum Keßlers Meinungen von den russischen Darwinisten so begrĂŒĂŸt wurden, wĂ€hrend sonst unter den Nachfolgern Darwins in Westeuropa solche Meinungen nicht im Sehwange sind.

Das erste, was uns aufstĂ¶ĂŸt, sowie wir uns an das Studium des Kampfes ums Dasein in seinen beiden Formen – direkt und metaphorisch – machen, ist die FĂŒlle von Tatsachen gegenseitiger Hilfe, nicht nur zum Aufziehen der Nachkommenschaft, was von den meisten Evolutionisten anerkannt wird, sondern ebenso fĂŒr die Sicherheit des Einzelwesens und fĂŒr seine Versorgung mit der nötigen Nahrung. In sehr weiten Gebieten des Tierreiches ist gegenseitige Hilfe die Regel. Gegenseitige Hilfe wird selbst bei den niedersten Tieren angetroffen, und wir mĂŒssen darauf gefasst sein, eines Tages von den Mikroskopikern Tatsachen von unbewusster gegenseitiger UnterstĂŒtzung selbst aus dem Leben der Mikroorganismen mitgeteilt zu bekommen. NatĂŒrlich ist unser Wissen vom Leben der Invertebrata, außer den Termiten, den Ameisen und den Bienen Ă€ußerst beschrĂ€nkt; und doch können wir, auch was die niederen Tiere angeht, ein paar Tatsachen sicher festgestellten Zusammenwirkens zusammenstellen. Die zahllosen Vereinigungen von Heuschrecken, Vanessen, Cicindelen, Cicaden usw. sind leider in der Tat völlig unerforscht; aber schon die Tatsache ihres Vorhandenseins zeigt, dass sie sich auf dieselben Prinzipien grĂŒnden mĂŒssen, wie die zeitweiligen Vereinigungen von Ameisen und Bienen zu Wanderungszwecken. Was die KĂ€fer angeht, so haben wir völlig wohlbeobachtete Tatsachen fĂŒr die gegenseitige Hilfe unter den TotengrĂ€bern (Necrophorus). Sie mĂŒssen irgendwelche verwesende organische Materie haben, um ihre Eier hineinzulegen und so ihre Larven mit Nahrung zu versehen; aber diese Materie darf nicht sehr schnell verwesen. Daher pflegen sie die Leichen aller möglichen kleinen Tiere, die sie gelegentlich bei ihren StreifzĂŒgen finden, in die Erde zu graben. In der Regel fĂŒhren sie ein isoliertes Leben, aber wenn einer von ihnen den toten Körper einer Maus oder eines Vogels entdeckt hat, den er schwerlich allein begraben könnte, dann ruft er vier, sechs oder zehn andere KĂ€fer, um das Werk mit vereinten KrĂ€ften zu vollbringen; wenn nötig, schaffen sie die Leiche nach einem geeigneten Ort mit lockerem Boden; und sie bestatten sie sehr bedĂ€chtig, ohne sich darĂŒber zu zanken, wer von ihnen das Vorrecht haben soll, seine Eier in den bestatteten Körper zu legen. Und als Gleditsch einen toten Vogel an ein Kreuz befestigte, das aus zwei StĂŒckchen Holz gemacht war, oder eine Kröte an einem Stock befestigte, der in die Erde gepflanzt war, da vereinigten sich die kleinen KĂ€fer in derselben freundschaftlichen Weise, um mit ihrer gemeinsamen Intelligenz das kĂŒnstliche Hindernis des Menschen zu ĂŒberwinden. Dieselbe Vereinigung der Anstrengungen ist bei den MistkĂ€fern beobachtet worden.

Selbst bei Tieren, die auf einer etwas niedrigeren Organisationsstufe stehen, können wir Ă€hnliche Beispiele finden. Einige Landkrebse von Westindien und Nordamerika verbinden sich zu großen SchwĂ€rmen, um zur See zu wandern und dort ihren Laich zu hinterlassen; und jede solche Wanderung bedingt VerstĂ€ndigung, Zusammenwirken und gegenseitigen Beistand. Was den großen Molukkenkrebs (Limulus) angeht, so war ich (1882, im Aquarium zu Brighton) erstaunt ĂŒber die Ausdehnung der gegenseitigen UnterstĂŒtzung, die diese plumpen Tiere einem Kameraden gegenĂŒber im Falle der Not leisten können. Einer von ihnen war in einer Ecke des Beckens auf den RĂŒcken gefallen, und sein schwerer topfartiger RĂŒckenschild verhinderte ihn, in die natĂŒrliche Stellung zurĂŒckzukehren, was umso weniger gelang, als dort in der Ecke eine Eisenstange war, die den Versuch noch erschwerte. Seine Kameraden kamen zu Hilfe, und eine Stunde lang beobachtete ich, wie sie sich bemĂŒhten, ihrem Mitgefangenen zu helfen. Es kamen gleichzeitig zwei an, hoben ihren Freund von unten an, und nach heftigen Anstrengungen gelang es ihnen, ihn aufzurichten; aber dann hinderte die Eisenstange sie, das Rettungswerk zu vollenden, und der Krebs fiel noch einmal heftig auf den RĂŒcken. Nach vielen Versuchen begab sich einer der Helfenden in die Tiefe des Beckens und holte zwei andere Krebse, die mit frischen KrĂ€ften dasselbe Heben und Aufrichten ihres hilflosen Freundes begannen. Wir blieben mehr als zwei Stunden im Aquarium, und als wir es verließen, warfen wir noch einen Blick in das Becken: das Rettungswerk war noch nicht zu Ende! Seit ich das gesehen habe, kann ich mich nicht enthalten, der von Dr. Erasmus Darwin berichteten Beobachtung Glauben zu schenken – nĂ€mlich, dass »der gemeine Krebs in der Zeit, in der die Schalen erneuert werden, eine Schildwache aufstellt, die nicht in der HĂ€utung oder hartschalig ist, um Feinde aus dem offenen Wasser zu verhindern, die Krebse in ihrem ungeschĂŒtzten Zustand zu verletzen.«

Tatsachen, die die gegenseitige Hilfe unter Termiten, Ameisen und Bienen belegen, sind den Lesern so allgemein bekannt, insbesondere durch die Werke von Romanes, L. BĂŒchner und Sir John Lubbock, dass ich meine Bemerkungen auf ein paar Hinweise beschrĂ€nken darf. 6 Wenn wir einen Ameisenhaufen betrachten, dann sehen wir nicht nur, dass alle mögliche Arbeit – Pflege der Nachkommenschaft, Sammeln der VorrĂ€te, HĂ€userbauen, Pflege der BlattlĂ€use usw. – gemĂ€ĂŸ den Prinzipien der freiwilligen gegenseitigen Hilfe geleistet wird; wir mĂŒssen auch mit Forel zugeben, dass der wesentliche, der Grundzug des Lebens vieler Arten von Ameisen, die Tatsache und die Verpflichtung fĂŒr jede Ameise ist, ihre Nahrung, wenn sie bereits verschluckt und zum Teil verdaut ist, mit jedem Glied der Gemeinschaft, das darauf Anspruch macht, zu teilen. Zwei Ameisen, die zu zwei verschiedenen Arten oder zu feindlichen Haufen gehören, vermeiden einander, wenn sie sich gelegentlich treffen. Aber zwei Ameisen, die demselben Haufen oder derselben Kolonie von Haufen angehören, nĂ€hern sich einander, tauschen ein paar Bewegungen mit den Antennen aus, und »wenn eine von ihnen hungrig oder durstig ist, und besonders, wenn die andere sich vollgegessen hat, verlangt sie sofort Nahrung«. Das Individuum, an das diese Aufforderung herantritt, entzieht sich ihr nie; es öffnet seine Kinnbacken, nimmt eine besondere Stellung ein, und bringt einen Tropfen durchsichtige FlĂŒssigkeit wieder herauf, der von der hungrigen Ameise aufgeleckt wird. Das Wiederherausbringen der Nahrung fĂŒr andere Ameisen ist ein so hervorragender Zug im Leben der Ameisen (in Freiheit) und es tritt so fortwĂ€hrend ein, sowohl zur ErnĂ€hrung hungriger Genossen, wie zum FĂŒttern der Larven, dass Forel annimmt, dass der Verdauungsapparat der Ameisen aus zwei verschiedenen Teilen besteht, von denen der hintere dem besonderen Gebrauch des Individuums dient, wĂ€hrend der vordere hauptsĂ€chlich fĂŒr die Gemeinschaftszwecke bestimmt ist. Wenn eine Ameise, die gesĂ€ttigt ist, selbstisch genug gewesen ist, die ErnĂ€hrung eines Genossen zu verweigern, wird sie als Feind oder noch schlimmer behandelt. Wenn die Weigerung geschehen ist, wĂ€hrend ihre Verwandten mit einer anderen Gruppe kĂ€mpften, wenden sie sich heftiger gegen das geizige Individuum als gegen die Feinde selbst. Und wenn eine Ameise sich nicht geweigert hat, eine andere Ameise, die zu einer feindlichen Gruppe gehört, zu fĂŒttern, wird sie von den Verwandten der letzteren als Freund behandelt. All das ist durch sehr genaue Beobachtung und entscheidende Experimente festgestellt.

In dieser ungeheuren Abteilung des Tierreiches, die mehr als tausend Arten umfasst und so zahlreich ist, dass die Brasilianer behaupten, Brasilien gehöre den Ameisen, nicht den Menschen, gibt es keinen Kampf zwischen den Mitgliedern desselben Haufens oder der Kolonie von Haufen. Wie schrecklich auch der Krieg zwischen verschiedenen Arten tobt, was da fĂŒr Grausamkeiten in Kriegszeiten verĂŒbt werden, innerhalb der Gemeinschaft ist gegenseitige Hilfe, zur Gewohnheit gewordene Hingabe, und sehr oft Selbstaufopferung fĂŒrs allgemeine Wohl die Regel. Die Ameisen und Termiten haben auf den »Hobbesschen Krieg« verzichtet, und sie stehen sich besser dabei. Ihre wundervollen »Haufen«, ihre GebĂ€ude, deren relative GrĂ¶ĂŸe die der menschlichen ĂŒberragt; ihre gepflasterten Straßen und brĂŒckenartig gewölbten Galerien; ihre gerĂ€umigen Hallen und Speicher; ihre Kornfelder, ihre Ernten und ihr »VermĂ€lzen« des Kornes;8 ihre rationellen Methoden, ihre Eier zu erhalten und Larven zu fĂŒttern und besondere Nester zu bauen, um die BlattlĂ€use aufzuziehen, die Linne so anschaulich »die KĂŒhe der Ameisen« genannt hat; und schließlich ihr Mut und ihr ĂŒberlegener Verstand – all das ist die natĂŒrliche Folge der gegenseitigen Hilfe, die sie in jedem Stadium ihres geschĂ€ftigen und arbeitsamen Lebens ĂŒben. Diese Art zu leben, fĂŒhrte ebenso notwendig zur Entwicklung eines anderen wesentlichen Zuges im Leben der Ameisen: der ungemeinen Entwicklung der individuellen Initiative, die ihrerseits wieder offenbar zur Entfaltung der hohen und vielseitigen Intelligenz fĂŒhrte, die den menschlichen Beobachter verblĂŒffen muss.

Wenn wir nichts anderes vom Tierleben kennten, als was wir ĂŒber die Ameisen und Termiten wissen, dann könnten wir doch schon sicher vermuten, dass gegenseitige Hilfe (die zu gegenseitigem Vertrauen, der ersten Bedingung fĂŒr Tapferkeit, fĂŒhrt) und individuelle Initiative (die erste Bedingung fĂŒr den Fortschritt des Intellekts) zwei unendlich wertvollere Faktoren in der Entwicklung des Tierreiches sind, als gegenseitiger Kampf. In der Tat gedeihen die Ameisen, ohne irgendeine der »Schutzanpassungen« zu haben, die von Tieren, die isoliert leben, nicht entbehrt werden können. Ihre Farbe macht sie ihren Feinden bemerkbar, und die stattlichen Haufen vieler Arten sind in Wiesen und WĂ€ldern auffallend. Sie ist nicht durch einen .1ĆŸ harten Schild geschĂŒtzt; und ihr Stachel, der freilich gefĂ€hrlich ist, wenn Hunderte in das Fleisch eines Tieres gebohrt werden, ist fĂŒr die Verteidigung des Einzelwesens von geringem Wert; wĂ€hrend die Eier und Larven der Ameisen fĂŒr viele Bewohner der WĂ€lder ein Leckerbissen sind. Und doch werden die Ameisen in ihren Tausenden nicht viel von Vögeln geschĂ€digt, nicht einmal von den Ameisenfressern, und sie werden von viel stĂ€rkeren Insekten gefĂŒrchtet. Als Forel einen Sack voll Ameisen auf eine Wiese schĂŒttete, sah er, dass »die Grillen entflohen und ihre Löcher verließen, die von den Ameisen geplĂŒndert wurden; die GrashĂŒpfer und Grillen flohen nach allen Richtungen; die Spinnen und KĂ€fer ließen ihre Beute, um nicht selbst zur Beute zu werden«; selbst die Wespennester wurden nach einer Schlacht, in der viele Ameisen fĂŒr das Gemeinwohl untergingen, von den Ameisen erobert. Selbst die schnellsten Insekten können ihnen nicht entrinnen, und Forel sah oft Schmetterlinge, MĂŒcken, Fliegen und dergleichen von den Ameisen gefangen und getötet werden. Ihre StĂ€rke beruht in gegenseitigem Beistand und Vertrauen. Und wenn die Ameisen mit ihren intellektuellen Gaben an der Spitze der ganzen Klasse der Insekten stehen; wenn ihre Tapferkeit nur von den tapfersten Wirbeltieren erreicht wird; wenn ihr Hirn – mit Darwin zu sprechen – »zu den wunderbarsten Teilen der Materie in der Welt gehört, vielleicht noch mehr als das des Menschen« – ist dem nicht so dank der Tatsache, dass die gegenseitige Hilfe in den Gemeinschaften der Ameisen völlig an Stelle des gegenseitigen Kampfes getreten ist?

dasselbe trifft in Bezug auf die Bienen zu. Diese kleinen Insekten, die so leicht die Beute vieler Vögel werden können, und deren Honig in allen Klassen des Tierreiches, vom KĂ€fer bis zum BĂ€ren, so viele Liebhaber hat, haben ebenfalls keine der aus Mimikry oder sonst woher stammenden Schutzvorrichtungen, ohne die ein isoliert lebendes Insekt schwerlich der völligen Vernichtung entgehen könnte; und doch haben sie dank der gegenseitigen Hilfe, die sie ausĂŒben, die weite Verbreitung, die wir kennen, und die Intelligenz, die wir bewundern. Dadurch, dass sie gemeinsam arbeiten, multiplizieren sie ihre EinzelkrĂ€fte; dadurch, dass sie eine zeitweilige Arbeitsteilung eintreten lassen, verbunden mit der FĂ€higkeit jeder Biene, wenn nötig jede Art Arbeit zu leisten, erreichen sie eine so hohe Stufe des Wohlstandes und der Sicherheit, wie sie kein isoliert lebendes Tier je zu erreichen hoffen kann, es mag noch so stark oder gut bewaffnet sein. In ihren Kombinationen sind sie oft glĂŒcklicher als der Mensch, wenn er verabsĂ€umt, aus einer wohlgeordneten gegenseitigen Hilfeleistung Vorteil zu ziehen. Wenn z. B. ein neuer Bienenschwarm daran geht, den Stock zu verlassen, um eine neue Wohnung zu suchen, wird eine Anzahl Bienen zur vorlĂ€ufigen Erkundung der Nachbarschaft ausfliegen, und wenn sie einen passenden Wohnort finden – sagen wir, einen alten Korb oder etwas der Art – dann nehmen sie davon Besitz, reinigen ihn und bewachen ihn, manchmal eine ganze Woche hindurch, bis der Schwarm kommt und sich darin niederlĂ€sst. Aber wie viele menschliche Auswanderer gehen in neuen LĂ€ndern zugrunde, einfach weil sie nicht die Notwendigkeit verstanden haben, ihre KrĂ€fte zu verbinden! Dadurch, dass sie ihre individuellen Intelligenzen miteinander verbinden, gelingt es ihnen, mit widrigen UmstĂ€nden, auch ganz unvorhergesehenen und ungewöhnlichen, fertig zu werden, wie z. B. die Bienen auf der Pariser Ausstellung, die mit ihrem harzigen Wachs eine Glasplatte festmachten, die man in ihren Korb getan hatte. Außerdem entfalten sie keinen der sanguinischen Triebe und keinerlei Neigung zu unnĂŒtzem Streit, womit manche Schriftsteller die Tiere so bereitwillig ausstatten. Die Posten, die den Eingang bewachen, töten ohne Gnade die rĂ€uberischen Bienen, die den Versuch machen, in den Korb einzudringen; aber solche Bienen, die irrtĂŒmlich zu dem Stock kommen, werden unbelĂ€stigt gelassen, besonders wenn sie mit Pollen beladen sind oder wenn es junge Tiere sind, die sich leicht verirren können. Es wird nicht mehr Krieg gefĂŒhrt, als unumgĂ€nglich notwendig ist.

Die Geselligkeit der Bienen ist umso lehrreicher, als rĂ€uberische Instinkte und TrĂ€gheit immer noch daneben unter den Bienen auftreten und jedes Mal sich zeigen, wo ihr Wachsen durch besondere UmstĂ€nde begĂŒnstigt wird. Es ist bekannt, dass es immer eine Anzahl Bienen gibt, die dem tĂ€tigen Leben der Arbeitsbiene ein RĂ€uberleben vorziehen; und dass sowohl Zeiten des Mangels wie der ungewöhnlich reichen VorrĂ€te zu einer Vermehrung der RĂ€uberklasse fĂŒhren. Wenn unsere Ernten eingefĂŒhrt sind und auf unseren Wiesen und Feldern nur noch wenig zu sammeln ist, dann trifft man die RĂ€uberbienen hĂ€ufiger; wĂ€hrend andererseits in der NĂ€he der Zuckerpflanzungen Westindiens und der Zuckerfabriken Europas RĂ€uberei, TrĂ€gheit und sehr oft Trunksucht bei den Bienen ganz gewöhnlich werden. Wir sehen also, die antisozialen Instinkte existieren immer noch bei den Bienen; aber die natĂŒrliche Auslese muss sie immer mehr austilgen, weil sich schließlich die Praxis der SolidaritĂ€t als viel vorteilhafter fĂŒr die Art erweist, als die Entwicklung von Individuen, die rĂ€uberische Neigungen haben. Der Schlauste und der GefĂ€hrlichste werden zugunsten von denen ausgerottet, die die Vorteile des geselligen Lebens und der gegenseitigen Hilfe verstehen.

Gewiss haben weder die Ameisen noch die Bienen noch sogar die Termiten sich zu der Vorstellung einer höheren SolidaritĂ€t erhoben, die die Gesamtheit der Art umfasst. In dieser Hinsicht haben sie offenbar einen Grad der Entwicklung nicht erreicht, den wir selbst unter unseren politischen, wissenschaftlichen und religiösen FĂŒhrern nicht finden. Ihre sozialen Instinkte gehen schwerlich ĂŒber den Stock oder den Haufen hinaus. Indessen sind Kolonien von nicht weniger als zweihundert Haufen, die zu zwei verschiedenen Arten gehörten (Formica exsecia und F. pressilabris), von Forel auf dem Mont Tendre und Mont Saleve beobachtet worden; und Forel behauptet, dass jedes Mitglied dieser Kolonien jedes andere Mitglied der Kolonie erkennt, und dass sie alle an gemeinsamer Verteidigung teilnehmen; wĂ€hrend in Pennsylvanien Mr. Mac Cook eine ganze Nation von 1600–1700 Ansiedelungen der WĂ€lle bauenden Ameisen sah, die alle in vollstĂ€ndigem VerstĂ€ndnis lebten; und Mr. Bates hat die HĂŒgel der Termiten beschrieben, die große FlĂ€chen in den »Campos« bedecken – bei denen einige Ansiedelungen zwei oder drei verschiedenen Arten als Wohnung dienen und die meisten darunter durch gewölbte Galerien oder Arkaden verbunden sind. Einige Schritte zur Verschmelzung grĂ¶ĂŸerer VerbĂ€nde der Art zu Zwecken des gemeinsamen Schutzes sind also selbst unterhalb der Wirbeltiere schon getan.

Wenn wir jetzt zu den höheren Tieren ĂŒbergehen, so finden wir weitaus mehr Beispiele von zweifellos bewusster gegenseitiger Hilfe zu allen möglichen Zwecken, obwohl wir sofort bemerken, dass unsere Kenntnis auch von dem Leben der höheren Tiere noch immer sehr unvollkommen ist. Eine große Zahl Tatsachen ist von Beobachtern ersten Ranges zusammengestellt worden, aber es gibt weite Gebiete des Tierreiches, von denen wir fast nichts wissen. GlaubwĂŒrdige Nachrichten, was die Fische angeht, sind ĂŒberaus spĂ€rlich, teils infolge der Schwierigkeiten der Beobachtung und teils, weil dem Gegenstand bisher noch keine besondere Aufmerksamkeit geschenkt wurde. Was die SĂ€ugetiere betrifft, so bemerkte schon Keßler, wie wenig wir von ihren Lebensgewohnheiten wissen. Viele von ihnen fĂŒhren ein Nachtleben; andere verstecken sich unter der Erde; und solche WiederkĂ€uer, deren Gesellschaftsleben und deren Wanderungen das grĂ¶ĂŸte Interesse gebieten, lassen den Menschen ihren Herden nicht nahekommen. HauptsĂ€chlich ĂŒber die Vögel haben wir die besten Mitteilungen, und doch bleibt auch da das Gesellschaftsleben von sehr vielen Arten noch sehr ungenĂŒgend bekannt. Und doch brauchen wir uns nicht ĂŒber den Mangel an festgestellten Tatsachen zu beklagen, wie man aus dem Folgenden ersehen wird.

Ich brauche mich bei den Vereinigungen von MĂ€nnchen und Weibchen zur Pflege der Nachkommen, zu ihrer Versorgung mit Nahrung wĂ€hrend ihrer ersten Schritte ins Leben nicht aufzuhalten und auch nicht bei ihrer Vereinigung zur Jagd; obwohl nebenbei erwĂ€hnt werden kann, dass solche Vereinigungen selbst bei den am wenigsten geselligen fleischfressenden und Raubvögeln die Regel sind, und dass sie ein besonderes Interesse einflĂ¶ĂŸen, weil die ersteren das Gebiet sind, wo sich zartere GefĂŒhle selbst bei sonst sehr grausamen Tieren einstellen. Es kann auch hinzugefĂŒgt werden, dass die Seltenheit solcher Vereinigungen, die ĂŒber die Familie hinausgehen, bei den fleischfressenden und Raubvögeln zwar oft die Folge eben ihrer A t sich zu nĂ€hren ist, aber doch auch bis zu gewissem Grade als Ergebnis der VerĂ€nderung erklĂ€rt werden kann, die im Tierreich durch die schnelle Vermehrung der Menschheit hervorgerufen wurde. Auf jeden Fall ist es bemerkenswert, dass es Arten gibt, die ein ganz isoliertes Leben in dichtbevölkerten Gegenden fĂŒhren, wĂ€hrend dieselben Arten oder ihre nĂ€chsten Verwandten in unbewohnten Gegenden Herden bilden. Wölfe, FĂŒchse und mehrere Raubvögel können als Beispiele dafĂŒr angefĂŒhrt werden.

Indessen sind Vereinigungen, die nicht ĂŒber die Schranken der Familie hinausgehen, in unserem Falle verhĂ€ltnismĂ€ĂŸig wenig interessant, umso weniger, als wir eine große Zahl Vereinigungen zu mehr allgemeinen Zwecken kennen, wie z.B. zum Jagen, zum gegenseitigen Schutz und selbst nur zur Verschönerung des Lebens. Audubon erwĂ€hnte bereits, dass Adler sich manchmal zur Jagd zusammentun, und seine Beschreibung der zwei Fischadler, MĂ€nnchen und Weibchen, die am Mississippi jagen, ist wegen ihrer Anschaulichkeit mit Recht bekannt. Aber eine der wertvollsten Beobachtungen der Art stammt von Syewertsoff. WĂ€hrend seiner Erforschung der Fauna der russischen Steppen sah er einmal einen Adler, der zu einer völlig geselligen Art gehörte ( der weißschwĂ€nzige Adler, H aliaetos albicilla), hoch in die LĂŒfte steigen; eine halbe Stunde lang beschrieb er schweigend seine weiten Kreise, als sich plötzlich sein lauter Schrei hören ließ. Bald wurde er von einem anderen Adler beantwortet, der heranflog, und ihm folgte ein dritter, ein Vierter usw., bis neun oder zehn Adler beisammen waren und bald verschwanden. Am Nachmittag begab sich Syewertsoff nach dem Platz, wohin er die Adler hatte fliegen sehen; er nĂ€herte sich ihnen, gedeckt von einer Steppenerhebung, und entdeckte, dass sie sich um die Leiche eines Pferdes versammelt hatten. Die Alten, die in der Regel das Mahl zuerst beginnen – das sind ihre Schicklichkeitsregeln – saßen bereits auf den Heuschobern der Nachbarschaft und hielten Wache, wĂ€hrend die jĂŒngeren noch am Mahle waren, von KrĂ€henscharen umgeben. Aus dieser und Ă€hnlichen Beobachtungen schloss Syewertsoff, dass die weißschwĂ€nzigen Adler sich zur Jagd verbinden; wenn sie sich alle in große Höhe erhoben haben, sind sie, wenn sie zehn sind, imstande, eine FlĂ€che von mindestens 40 Quadratkilometern zu ĂŒberblicken; und sowie einer von ihnen etwas entdeckt hat, ruft er die anderen. NatĂŒrlich könnte man einwenden, dass ein einfacher instinktiver Schrei des ersten Adlers, oder auch nur seine Bewegungen, dieselbe Wirkung hĂ€tten, mehrere Adler zu der Beute zu fĂŒhren; aber in diesem Fall ist der Beweis streng zugunsten des gegenseitigen Rufens gefĂŒhrt, weil die zehn Adler zusammenkamen, bevor sie sich auf die Beute herabließen, und Syewertsoff hatte spĂ€terhin öfters Gelegenheit, festzustellen, dass die weißschwĂ€nzigen Adler sich immer versammeln, um ein Aas zu verzehren, und dass einige von ihnen (zuerst die jĂŒngeren) immer Wache halten, wĂ€hrend die anderen essen. In der Tat ist der weißschwĂ€nzige Adler – eines der kĂŒhnsten und besten Jagdtiere – ein völlig geselliger Vogel, und Brehm sagt, dass er in der Gefangenschaft sehr schnell Freundschaft mit seinen WĂ€rtern schließt.

Geselligkeit findet man als weitverbreiteten Zug bei sehr vielen anderen Raubvögeln. Der brasilianische Milan, einer der» unverschĂ€mtesten« RĂ€uber, ist trotzdem ein sehr geselliger Vogel. Seine Jagdgenossenschaften sind von Darwin und anderen Naturforschern beschrieben worden, und es ist Tatsache, dass er, wenn er sich einer Beute bemĂ€chtigt hat, die zu groß ist, fĂŒnf oder mehr Freunde herbeiruft, um sie wegzuschleppen. Nach einem angestrengten Tag versammeln sich diese Gabelweihen immer, wenn sie sich zur Nachtruhe auf einen Baum oder ins GebĂŒsch zurĂŒckziehen, in Scharen, wobei sie manchmal zehn oder mehr Meilen weit herkommen, und sie tun sich oft mit anderen Vögeln, Geiern, zusammen, besonders mit den Percnopteri, die, wie D‘Orbigny sagt, »ihre richtigen Freunde« sind. In einem anderen Kontinent, in den WĂŒsten jenseits des kaspischen Meeres, haben sie nach Zarudnyi dieselbe Gewohnheit des gemeinsamen Nistens. Der Gesellschaftsgeier, einer der stĂ€rksten, hat sogar seinen Namen von seiner Liebe zur Gesellschaft. Sie leben in großen Scharen und lieben entschieden die Geselligkeit; Scharen von ihnen vereinigen sich bei ihren HochflĂŒgen zum VergnĂŒgen. »Wie es scheint«, sagt Le Vaillant, »leben die Mitglieder einer Ansiedelung im besten Einvernehmen miteinander. Ich habe in einer Höhle bisweilen zwei bis drei Horste gesehen, einen dicht bei dem anderen.« Die Urubu-Geier Brasiliens sind ebenso gesellig, wenn nicht mehr als die KrĂ€hen. Die kleinen Ă€gyptischen Geier leben in enger Freundschaft. Sie schweifen in Scharen durch die Luft, sie kommen zur Nachtruhe zusammen, und am Morgen halten sie sich alle zusammen, um ihre Nahrung zu suchen, und nie entsteht der geringste Zwist zwischen ihnen; so bezeugt Brehm, der reichlich Gelegenheit hatte, ihr Leben zu beobachten. Der rotbrĂŒstige Falke wird ebenso in zahlreichen Scharen in den WĂ€ldern Brasiliens getroffen, und der Turmfalke (Tinnunculus cenchris) versammelt sich, wenn er Europa verlassen hat und im Winter die Steppen und WĂ€lder Asiens erreicht hat, in zahlreichen Gesellschaften. In den Steppen SĂŒdrussland ist er (oder besser war er) so gesellig, dass Nordmann sie in zahlreichen Scharen mit anderen Falken zusammen vorfand (Falco tinnunculus, F. aesulon und F. subbuteo ), die an jedem schönen Nachmittag um 4 Uhr zusammenkamen und sich bis tief in die Nacht zusammen vergnĂŒgten. Sie flogen, alle auf einmal auf, in gerader Linie einem bestimmten Punkte zu und kehrten, wenn sie ihn erreicht hatten, sofort auf derselben Linie ·zurĂŒck, um denselben Flug dann zu wiederholen.

In ZĂŒgen zu fliegen bloß um des VergnĂŒgens willen, ist unter allen Arten Vögeln ganz gewöhnlich. »HauptsĂ€chlich im Gebiet des Humber«, so schreibt Ch. Dixon, »erscheinen oft große Scharen Rotkehlchen ĂŒber den sumpfigen Stellen gegen Ende August und bleiben den Winter ĂŒber … Die Bewegungen dieser Vögel sind sehr interessant, da ein großer Flug mit ebenso viel PrĂ€zision schwenkt, auseinanderschwirrt und wieder die Reihen schließt wie gedrillte Truppen. Unter ihnen verstreut sind oft einzelne Seelerchen und Sanderlinge und Regenpfeifer.

Es wĂ€re ganz unmöglich, hier die verschiedenen Jagdgenossenschaften der Vögel aufzuzĂ€hlen; aber die Fischereigenossenschaften der Pelikane sind sicher um der bemerkenswerten Ordnung und der Intelligenz willen, die von diesen plumpen Vögeln entwickelt wird, erwĂ€hnenswert. Sie gehen immer in großen Scharen zum Fischen, und nachdem sie eine geeignete Bucht ausgesucht haben, bilden sie einen großen Halbkreis gegenĂŒber dem Ufer und machen ihn enger, indem sie dem Ufer zuwaten, und so fangen sie alle Fische, die gerade in dem Kreis eingeschlossen sind. An engen FlĂŒssen und KanĂ€len teilen sie sich sogar in zwei Partien, von denen jede einen Halbkreis bildet, und beide waten so weit, bis sie einander treffen, gerade wie wenn zwei Partien von Menschen, die zwei große Netze ausgeworfen haben, vorrĂŒckten, um alle Fische, die zwischen den Netzen sind, dadurch wegzufangen. Wenn die Nacht kommt, fliegen sie zu ihren RuheplĂ€tzen – immer derselbe fĂŒr jeden Zug – und niemand hat sie je um den Besitz einer Bucht oder des Ruheplatzes kĂ€mpfen sehen. In SĂŒdamerika versammeln sie sich in ZĂŒgen von vierzig bis fĂŒnfzigtausend, von denen ein Teil sich des Schlafes erfreut, wĂ€hrend die anderen Wache halten und andere wieder ans Fischen gehen. Und schließlich wĂŒrde ich den viel verleumdeten Sperlingen unrecht tun, wenn ich nicht erwĂ€hnte, wie treulich jeder von ihnen alles Futter, das er findet, mit den Mitgliedern der Gesellschaft, zu der er gehört, teilt. Die Tatsache war den Griechen bekannt, und es ist der Nachwelt ĂŒberliefert worden, wie einst ein griechischer Redner ausrief (ich zitiere aus dem GedĂ€chtnis): »WĂ€hrend ich zu euch spreche, ist ein Sperling gekommen, um den andern Sperlingen zu sagen, dass ein Sklave einen Sack Korn auslaufen ließ, und sie gehen alle hin, um das Korn aufzupicken.« Umso mehr ist man erfreut, diese alte Beobachtung in einem neuen BĂŒchlein von Mr. Gurney bestĂ€tigt zu finden, der nicht bezweifelt, dass die Sperlinge immer einander benachrichtigen, wo Nahrung zu stehlen ist; er sagt: »Wenn irgendwo noch so entfernt vom Hof gedroschen worden ist, dann haben die Sperlinge im Hof immer ihren Kropf voller Korn gehabt. Allerdings sind die Sperlinge Ă€ußerst darauf aus, ihr Gebiet vor dem Eindringen von Fremdlingen zu bewahren; so bekĂ€mpfen die Sperlinge vom Jardin du Luxembourg bitter alle anderen Sperlinge, die den Versuch machen, sich auch des Gartens und seiner Besucher zu erfreuen; aber innerhalb ihrer eigenen Gemeinschaften ĂŒben sie vollstĂ€ndig gegenseitigen Beistand, obwohl natĂŒrlich manchmal auch unter den besten Freunden einiger Streit vorkommt.

Zusammen jagen und gemeinsam Nahrung suchen, ist in der gefiederten Welt so sehr Gewohnheit, dass weitere Belege kaum mehr nötig sein dĂŒrften: die Tatsache muss als feststehend gelten. Was die StĂ€rke angeht, die aus solchen Vereinigungen hervorgeht, so leuchtet das ohne weiteres ein. Die stĂ€rksten Raubvögel sind gegenĂŒber den Vereinigungen unserer kleinsten Vögelchen machtlos. Selbst Adler selbst der mĂ€chtige und schreckliche Steinadler und der Königsadler, der stark genug ist, einen Hasen oder eine junge Antilope in seinen Krallen wegzutragen – selbst sie mĂŒssen ihre Beute den Scharen dieser armseligen Weihen ĂŒberlassen, die den Adler förmlich verfolgen, sowie sie sehen, dass er im Besitze einer guten Beute ist. Die Weihen verfolgen ebenso den schnellen Fischadler und rauben ihm den Fisch, den er gefangen hat; aber niemand hat je gesehen, dass die Weihen unter sich um den Besitz der so gestohlenen Beute gekĂ€mpft hĂ€tten. Auf der Kerguelen-Insel sah Dr. Coues den Buphagus – das Meerhuhn der Seeleute – wie er Möwen verfolgte, damit sie ihre Nahrung wieder ausspien, wĂ€hrend andererseits die Möwen und die Seeschwalben sich vereinigten, um die Raubmöve wegzutreiben, sowie es ihren WohnstĂ€tten nahekam, besonders zur Zeit des Nistens. Die kleinen, aber Ă€ußerst schnellen Kiebitze (Vanellus cristatus) greifen die Raubvögel kĂŒhn an. »Es ist ein höchst anziehendes Schauspiel, Kiebitze zu beobachten, die einen Bussard, eine Weihe, einen nach den Eiern lĂŒsternen Raben oder einen Adler anfallen: man glaubt ihnen die Siegesgewissheit, und dem RĂ€uber den Ärger anzumerken. Einer unterstĂŒtzt dabei den anderen, und der Mut steigert sich, je mehr Angreifer durch den LĂ€rm herbeigezogen werden.« Der Kiebitz ·hat den Namen »Gute Mutter«, den ihm die Griechen gaben, wohlverdient, denn er unterlĂ€sst nie, andere Wasservögel vor den Angriffen ihrer Feinde zu schĂŒtzen. Aber selbst die kleinen weißen Bachstelzen (Motacilla alba), die wir in unseren GĂ€rten gut kennen und die kaum zwanzig Zentimeter groß sind, zwingen den Sperber, seine Beute zu lassen. »Ich habe hierbei oft ihren Mut und ihre Gewandtheit bewundert«, schreibt der alte Brehm, »und bin fest ĂŒberzeugt, dass ihnen nur die schnellsten Edelfalken etwas anhaben können. Wenn ein Schwarm dieser Vögel einen Raubvogel in die Flucht geschlagen hat, dann ertönt ein lautes Freudengeschrei, und mit diesem zerstreuen sie sich wieder.« Sie kommen also zu dem bestimmten Zwecke zusammen, ihren Feind zu verfolgen, gerade wie wir es sehen, wenn die ganze Vogelwelt eines WĂ€ldchens von der Kunde aufgeschreckt worden ist, dass ein Nachtvogel wĂ€hrend des Tages aufgetaucht ist, und alle zusammen – Raubvögel und kleine harmlose Singvögel – den Fremdling verfolgen und in sein Versteck zurĂŒckjagen.

Was fĂŒr ein ungeheurer Unterschied zwischen der Kraft einer Weihe, eines Bussard oder eines Habichts und so kleinen Vögeln wie die Wiesenbachstelze: und doch zeigen sich diese Vögelchen durch ihr gemeinsames tapferes Vorgehen den starkbeschwingten und bewaffneten RĂ€ubern ĂŒberlegen! In Europa verfolgen die Bachstelzen nicht nur die Raubvögel, die ihnen gefĂ€hrlich werden könnten, sondern sie verfolgen auch den Fischadler, »eher zum Spaß als weil er ihnen Schaden zufĂŒgt«, so wie in Indien, nach Dr. Jerdons Zeugnis, die Dohlen die Gowinda-Weihe »einfach zu ihrem VergnĂŒgen« verfolgen. Prinz Wied sah, wie der brasilianische Adler (Urubitinga) von zahlreichen Scharen Tukane und HaubenstĂ€rlinge (ein Vogel, der unserer KrĂ€he nahe verwandt ist) umringt war, die ihn neckten.

»Der Adler«, fĂŒgt er hinzu, »ertrĂ€gt gewöhnlich diese BelĂ€stigungen sehr ruhig, aber von Zeit zu Zeit fĂ€ngt er einen dieser boshaften Verfolger.« In all solchen FĂ€llen erweisen sich die kleinen Vögel, obwohl dem Raubvogel an Kraft sehr nachstehend, ihm durch ihre gemeinsame Aktion ĂŒberlegen.

Die auffallendsten Wirkungen des Gemeinschaftslebens jedoch fĂŒr die Sicherheit des Individuums, seinen Genuss des Lebens und fĂŒr die Entwicklung seiner geistigen FĂ€higkeiten, werden bei zwei großen Familien der Vögel beobachtet, bei den Kranichen und den Papageien. Die Kraniche sind Ă€ußerst gesellig und leben in guter Freundschaft nicht bloß mit ihren Verwandten, sondern ebenso mit den meisten Wasservögeln. Ihre Vorsicht ist in der Tat erstaunlich, und so auch ihr Verstand; sie erfassen die neuen UmstĂ€nde im Augenblick und handeln entsprechend. Ihre Posten halten immer Wache um eine Gruppe, die frisst oder schlĂ€ft, und die JĂ€ger wissen sehr gut, wie schwer es ist, sich ihnen zu nĂ€hern. Wenn es einem Menschen geglĂŒckt ist, sie zu ĂŒberraschen, dann kehren sie nie auf denselben Platz zurĂŒck, ohne zuerst einen einzelnen und dann mehrere Kundschafter auszusenden; und wenn die Rekognoszierungstruppe zurĂŒckkehrt und berichtet, dass es keine Gefahr hat, wird eine zweite Truppe ausgeschickt, um den ersten Bericht zu erhĂ€rten, bevor das ganze Korps vorwĂ€rts rĂŒckt. Mit verwandten Arten halten die Kraniche wirkliche Freundschaft; und in der Gefangenschaft gibt es keinen Vogel, außer dem ebenso geselligen und hochintelligenten Papagei, der eine so echte Freundschaft mit dem Menschen schließt.

»Er sieht in seinem Gebieter nicht bloß den Brotherrn, sondern auch den Freund, und bemĂŒht sich dies kundzugeben«, zu diesem Schluss kommt Brehm aus einer reichen persönlichen Erfahrung. Der Kranich ist von frĂŒh morgens bis in die spĂ€te Nacht hinein fortwĂ€hrend in Bewegung; aber er verwendet nur ein paar Vormittagsstunden fĂŒr die Arbeit, seine Nahrung zu suchen, die hauptsĂ€chlich aus Pflanzen besteht. Der ganze Rest des Tages ist dem Gesellschaftsleben gewidmet. »Wie im Übermut nimmt er Steinchen und HolzstĂŒckchen von der Erde auf, schleudert sie in die Luft, sucht sie wieder aufzufangen, bĂŒckt sich rasch nacheinander, lĂŒftet die FlĂŒgel, tanzt, springt, rennt eilig hin und her, drĂŒckt durch die verschiedensten GebĂ€rden seine unendliche Freudigkeit des Wesens aus: aber er bleibt immer anmutig, immer schön.« Da er in Gesellschaft lebt, hat er fast keine Feinde, und obzwar Brehm einmal sah, wie einer von ihnen von einem Krokodil gefangen wurde, so betonte er doch, dass er außer dem Krokodil keine Feinde des Kranichs kenne. Er meidet sie alle dank seiner sprichwörtlichen Vorsicht; und er erreicht in der Regel ein sehr hohes Alter. Kein Wunder, dass der Kranich fĂŒr die Erhaltung der Art keine zahlreichen Nachkommen aufzuziehen hat; er brĂŒtet gewöhnlich nur zwei Eier aus. Was seine ĂŒberlegene Intelligenz angeht, so genĂŒgt es, zu sagen, dass alle Beobachter einstimmig versichern, seine intellektuellen Gaben erinnerten einen sehr oft an die des Menschen.

Der andere, Ă€ußerst gesellige Vogel, der Papagei, steht, wie bekannt, mit der Entwicklung seiner Intelligenz durchaus an der Spitze des Vogelreiches. Brehm hat die Lebensgewohnheiten des Papageis so vortrefflich zusammengefasst, dass ich nichts Besseres tun kann, als die folgende Stelle hier wiederzugeben: »Außer der Brutzeit leben die meisten Papageien in Gesellschaften oder in oft Ă€ußerst zahlreichen Scharen. Sie erwĂ€hlen sich einen Ort des Waldes zur Siedelung und durchstreichen von ihm aus tagtĂ€glich ein weites Gebiet. Die Gesellschaften halten treuinnig zusammen und teilen gemeinsam Freud und Leid. Sie verlassen gleichzeitig am frĂŒhen Morgen ihren Schlafplatz, fallen auf einem Baume oder Felde ein, um sich von deren FrĂŒchten zu nĂ€hren, stellen Wachen aus, die fĂŒr das Wohl der Gesamtheit sorgen mĂŒssen, achten genau auf deren Warnungen, ergreifen alle zusammen oder wenigstens kurz nacheinander die Flucht, stehen sich in Gefahr treulich bei und suchen sich gegenseitig nach KrĂ€ften zu helfen, kommen zusammen auf demselben Schlafplatze an, benutzen ihn so viel wie möglich gemeinschaftlich, brĂŒten auch, falls es irgendwie angeht, in Gesellschaft.«

Sie freuen sich ebenso auch der Gesellschaft anderer Vögel. In Indien kommen die HĂ€her und KrĂ€hen aus meilenweiter Entfernung zusammen, um die Nacht in der Gesellschaft der Papageien in den BambusgebĂŒschen zu verbringen. Wenn die Papageien zur Jagd aufbrechen, entfalten sie die erstaunlichste Intelligenz, Vorsicht und FĂ€higkeit, sich den UmstĂ€nden anzupassen. Man nehme z. B. eine Bande weiße Papageien in Australien. Bevor sie aufbrechen, um ein Kornfeld zu plĂŒndern, schieben sie zuerst eine Rekognoszierungstruppe aus, die die höchsten BĂ€ume in der Nachbarschaft des Feldes besetzt, wĂ€hrend andere Posten oben auf den zwischen Feld und Wald gelegenen BĂ€umen sitzen und die Signale ĂŒbermitteln. Wenn der Bericht lautet: »Alles in Ordnung«, dann trennen sich ein paar Kakadus vom Gros der Bande, machen einen Flug in die Luft und fliegen dann auf die BĂ€ume zu, die dem Feld am nĂ€chsten liegen. Auch sie untersuchen die Nachbarschaft lange Zeit, und erst dann geben sie das Signal zum allgemeinen VorrĂŒcken, worauf die ganze Bande auf einmal aufbricht und das Feld im Augenblick plĂŒndert. Die australischen Ansiedler haben die grĂ¶ĂŸte Schwierigkeit, die Vorsicht der Papageien zu ĂŒberlisten; aber wenn es dem Menschen mit all seiner List und seinen Waffen gelungen ist, einige von ihnen zu töten, dann werden die Kakadus so vorsichtig und wachsam, dass sie von da ab alle AnschlĂ€ge vereiteln.

Es kann kein Zweifel sein, das; es die Gewohnheit, in Gesellschaft zu leben, ist, die die Papageien befĂ€higt, diese außerordentlich hohe Stufe von fast menschlicher Intelligenz und auch fast menschlichen FĂŒhlens, wie wir es an ihnen kennen, zu erreichen. Ihre hohe Intelligenz hat die besten Naturforscher dazu gebracht, einige Arten, namentlich den grauen Papagei, als den »Vogelmenschen« zu bezeichnen. Was ihre AnhĂ€nglichkeit aneinander angeht, so ist es bekannt, dass, wenn ein Papagei von einem JĂ€ger getötet worden ist, die anderen mit klagenden Schreien ĂŒber den Leichnam ihres Genossen fliegen und »als Opfer ihrer Freundschaft selbst zu Boden fallen«, wie Audubon sagte; und wenn zwei gefangene Papageien, auch wenn sie zu verschiedenen Arten gehören, Freundschaft miteinander geschlossen haben, so ist dem einen der beiden Freunde manchmal der andere im Tode gefolgt vor Kummer und Schmerz ĂŒber den gestorbenen Freund. Es ist nicht weniger feststehend, dass sie in ihren Gesellschaften unendlich mehr Schutz finden, als sie in irgendeiner idealen VerĂ€nderung des Schnabels oder der Klauen finden wĂŒrden. Sehr wenige Raubvögel oder SĂ€ugetiere wagen es, andere als die kleinen Arten der Papageien anzugreifen, und Brehm hat vollstĂ€ndig recht, wenn er von den Papageien sagt, was er auch von den Kranichen und den gesellig lebenden Affen versichert, dass sie schwerlich außer dem Menschen Feinde haben, und er fĂŒgt hinzu: »Es ist sehr wahrscheinlich, dass die grĂ¶ĂŸeren Papageien hauptsĂ€chlich dem hohen Alter erliegen, eher als dass sie unter den Klauen von Feinden sterben.« Nur dem Menschen, dank seiner noch grĂ¶ĂŸeren Intelligenz und den ĂŒberlegenen Waffen, was beides auch vom Zusammenschluss kommt, gelingt es, sie zum Teil auszurotten. Ihre außerordentliche Langlebigkeit wĂŒrde so als Ergebnis ihres sozialen Lebens erscheinen. Könnten wir nicht dasselbe von ihrem wundervollen GedĂ€chtnis sagen, das auch in seiner Ausbildung durch Gesellschaftsleben und langes Leben gefördert werden muss, zusammen mit dem vollen Genuss der körperlichen und geistigen FĂ€higkeiten bis in ein sehr hohes Alter?

Wie aus dem Gesagten hervorgeht, ist der Kampf aller gegen alle nicht das Naturgesetz. Gegenseitige Hilfe ist ebenso wohl ein Naturgesetz wie gegenseitiger Kampf, und dieses Gesetz wird noch augenscheinlicher werden, wenn wir einige andere Vereinigungen von Vögeln und die der SĂ€ugetiere untersucht haben. Einige Hinweise auf die Bedeutung des Gesetzes der gegenseitigen Hilfe fĂŒr die Entwicklung des Tierreiches sind schon auf den vorhergehenden Seiten gegeben worden; aber ihre Tragweite wird noch besser erkannt werden, wenn wir nach einigen weiteren Beispielen imstande sein werden, aus dem Gesagten unsere SchlĂŒsse zu ziehen.

2. Gegenseitige Hilfe bei den Tieren (Fortsetzung)

Wanderungen von Vögeln. – Brutgenossenschaften. – Herbstgesellschaften. – SĂ€ugetiere: kleine Zahl ungeselliger Arten. – Jagdvereinigungen von Wölfen, Löwen usw. – Gesellschaften von Nagetieren; von WiederkĂ€uern; von Affen. – Gegenseitige Hilfe im Kampf ums Dasein. – Darwins – Beweise, um den Kampf ums Dasein innerhalb der Art zu zeigen. – NatĂŒrliche Hemmungen der Übervermehrung. – Angenommene Vernichtung von Zwischengliedern. – Überwindung des Kampfes in der Natur

Sobald das FrĂŒhjahr in den gemĂ€ĂŸigten Zonen wiederkehrt, kommen Myriaden und Myriaden Vögel, die in den wĂ€rmeren Gegenden des SĂŒdens zerstreut waren, in zahllosen Scharen zusammen und eilen voll Kraft und Freude nordwĂ€rts, um ihre Nachkommen zur Welt zu bringen. Jede Hecke, jedes WĂ€ldchen, jede Klippe im Ozean und jeder von den Seen und Teichen, von denen Nordamerika, Nordeuropa und Nordasien ĂŒbersĂ€t sind, erzĂ€hlen uns um diese Jahreszeit die Geschichte von der Bedeutung der gegenseitigen Hilfe fĂŒr die Vögel, welche Kraft, Energie und welchen Schutz sie jedem lebenden Wesen gewĂ€hrt, mag es auch sonst noch so schwach und wehrlos sein. Nehmen wir z. B. einen von den zahllosen Seen der russischen und sibirischen Steppen. Seine Ufer sind mit Myriaden von Wasservögeln bevölkert, die mindestens zu zwanzig verschiedenen Arten gehören und doch alle in völligem Frieden beisammen leben – alle einander beschĂŒtzend.

»Mehrere hundert Meter vom Ufer entfernt wimmelt die Luft von Möwen und Seeschwalben wie von Schneeflocken an einem Wintertag. Tausende von Regenpfeifern und StrandlĂ€ufern rennen ĂŒber den Strand, suchen ihr Futter, pfeifend und sich des Lebens freuend. Weiterhin, fast auf jeder Welle, schaukelt eine Ente, und weiter außen sieht man die Scharen der RostgĂ€nse. ĂŒberschwĂ€ngliches Leben schwĂ€rmt allenthalben. «

Und da sind die Raubtiere – die stĂ€rksten, die listigsten, die »die idealsten Organe fĂŒr RĂ€uberei haben«. Und man hört ihre hungrigen, wĂŒtenden, grĂ€sslichen Schreie, wie sie Stunden hintereinander auf die Gelegenheit warten, aus diesen Massen von Lebewesen ein einziges ungeschĂŒtztes Individuum zu verpacken. Aber sowie sie sich nĂ€hern, wird ihre Gegenwart von Dutzenden freiwilliger Posten signalisiert, und Hunderte von Möwen und Seeschwalben machen sich daran, den RĂ€uber zu verfolgen. Toll vor Hunger vergisst der RĂ€uber bald seine gewöhnliche Vorsicht: er stĂŒrzt plötzlich unter die lebendige Masse; aber von allen Seiten angegriffen, wird er wieder in die Flucht geschlagen. Aus purer Verzweiflung fĂ€llt er unter die Wildenten; aber die verstĂ€ndigen, geselligen Vögel sammeln sich sofort zu einem Zug und fliegen davon, falls der RĂ€uber ein Seeadler ist; sie tauchen unter, wenn er ein Falke ist, oder sie wirbeln das Wasser in die Höhe und erschrecken den Angreifer, wenn er eine Weihe ist. Und wĂ€hrend das Leben an dem See weiterschwĂ€rmt, fliegt der RĂ€uber mit wĂŒtendem Geschrei davon und hĂ€lt Umschau nach einem StĂŒck Aas oder einem jungen Vogel oder jungen Feldmaus, die noch nicht gewohnt sind, zur rechten Zeit auf die Warnung ihrer Genossen zu hören. Angesichts ĂŒberreichen Lebens, muss der ideal bewaffnete RĂ€uber sich mit dem Abfall dieses Lebens zufrieden geben.

Weiter nördlich, in den arktischen Inselmeeren, »kann man viele Meilen weit der KĂŒste entlang fahren, und alle Riffe, alle Klippen und Kanten der Berghöhen bis zu einer Höhe zwischen zwei und fĂŒnfhundert Fuß sieht man buchstĂ€blich mit Seevögeln bedeckt, deren weiße BrĂŒste gegen die dunklen Felsen aussehen, als ob die Felsen mit dichten Kalkflecken bespritzt wĂ€ren. Die Luft ist nah und fern erfĂŒllt von Vögeln.«

Jeder solche »Vogelberg~«~ ist eine lebende Illustration der gegenseitigen Hilfe und desgleichen der unendlichen Verschiedenartigkeit der Charaktere, der Individuen wie der Arten, die sich aus dem sozialen Leben der Tiere ergibt. Der Austerfischer ist berĂŒhmt dafĂŒr, dass er die Raubvögel angreift. Der SumpflĂ€ufer ist fĂŒr seine Wachsamkeit bekannt, und er wird leicht der FĂŒhrer von friedlicheren Vögeln. Der Morinell ĂŒberlĂ€sst es, wenn er von Genossen umgeben ist, die zu energischeren Arten gehören, ihnen, die Gesellschaft zu verteidigen, und ist sogar ein fast furchtsamer Vogel, aber wenn er von kleineren Vögeln umgeben ist, nimmt er es auf sich, fĂŒr die Sicherheit der Gemeinschaft Wache zu halten und fordert von ihnen Gehorsam. Hier habt ihr die herrischen Schweine, dort die Ă€ußerst friedlichen islĂ€ndischen Möwen, unter denen Streitigkeiten selten und kurz sind, die reizenden Polarlummen, die fortwĂ€hrend zĂ€rtlich zueinander sind, die egoistische Gans, die die Waisen eines getöteten Genossen zurĂŒckgewiesen hat, und ihr zur Seite ein anderes Weibchen, das jedermanns Waisen adoptiert und nun, von fĂŒnfzig oder sechzig Jungen umgeben, dahinplĂ€tschert, die sie fĂŒhrt und hegt, als ob sie alle ihre eigene Brut wĂ€ren. Seite an Seite neben den Pinguinen, die einander die Eier stehlen, habt ihr die Mornellen, deren Familienbeziehungen so »reizend und rĂŒhrend« sind, dass selbst passionierte JĂ€ger sich scheuen, ein Weibchen zu schießen, das von seinen Jungen umgeben ist, oder die Eiderenten, bei denen (gleich den Samtenten oder den Koroyas der Savannahs) mehrere Weibchen zusammen in einem Neste brĂŒten, oder die Lummen, die abwechselnd ĂŒber den Eiern sitzen. Die Natur ist die Mannigfaltigkeit selbst, sie enthĂ€lt alle möglichen Charakterstufen, von den niedersten bis zu den höchsten, und darum kann sie nicht mit einer allgemeinen Behauptung abgeschildert werden. Noch weniger kann sie vom Gesichtspunkt des Moralisten aus beurteilt werden, denn die Ansichten des Moralisten sind selbst ein – meist unbewusstes – Resultat der Beobachtung der Natur.

Zur Zeit des Nistens zusammenzukommen, ist so gewöhnlich bei den meisten Vögeln, dass weitere Beispiele kaum nottun. Unsere BĂ€ume sind mit Gruppen von KrĂ€hennestern gekrönt, unsere Hecken sind voller Nester kleinerer Vögel, unsere BauernhĂ€user geben Schwalbenkolonien Unterschlupf, unsere alten TĂŒrme sind die WohnstĂ€tte von Hunderten von Nachtvögeln und Seiten könnten mit Beschreibungen des Friedens und der Eintracht angefĂŒllt werden, die in fast all diesen Nistvereinigungen herrschen. Der Schutz, den die schwĂ€chsten Vögel in ihrem Zusammenschluss finden, ist einleuchtend. Der ausgezeichnete Beobachter Dr. Coues sah z. B. die kleinen Uferschwalben in der NĂ€he des PrĂ€riefalken (Falco polyargus) nisten. Der Falke hatte sein Nest auf der Spitze eines der Minarets aus Lehm, die in den Kanons von Kolorado so hĂ€ufig sind, wĂ€hrend eine Schwalbenkolonie direkt unter ihm wohnte. Die kleinen friedlichen Vögel hatten keine Furcht vor ihrem rĂ€uberischen Nachbar; sie ließen ihn nie an ihre Kolonie herankommen. Sie umringten ihn sofort und verfolgten ihn, so dass er schleunig ablassen musste.

Das Leben in Gesellschaften hört nicht auf, wenn die Nistperiode vorbei ist; es beginnt dann in neuer Form. Die junge Brut versammelt sich untereinander, wobei im allgemeinen verschiedene Arten beisammen sind. Das Gesellschaftsleben wird in dieser Zeit hauptsĂ€chlich um seiner selbst willen beliebt – zum Teil fĂŒr die Sicherheit, aber hauptsĂ€chlich um des VergnĂŒgens willen, das es mit sich bringt. So sehen wir in unseren WĂ€ldern diese Gesellschaften, die die jungen Blauspechte (Sitta caesia) zusammen mit Meisen, Buchfinken, Zaunkönigen, Baumhackern oder einigen Buntspechten bilden. In Spanien wird die Schwalbe in Gesellschaft von Turmfalken, FliegenschnĂ€ppern und sogar Tauben getroffen. Im fernen Westen Amerikas leben die jungen Haubenlerchen in großen Gesellschaften, zusammen mit einer anderen Lerche (Spragues), der Feldlerche, dem Savannahsperling und verschiedenen Arten Spierschwalben. Wahrhaftig, es wĂ€re viel leichter, die Arten zu beschreiben, die isoliert leben, als bloß die Arten aufzĂ€hlen, die sich den Herbstvereinen der jungen Vögel anschließen – nicht zu Jagd- oder Nistzwecken, sondern lediglich, um das Leben in Gesellschaft zu genießen und ihre Zeit mit Spiel und Sport zu vertreiben, nachdem sie ein paar Stunden tĂ€glich darauf verwandt haben, ihr Futter zu suchen.

Und schließlich haben wir noch die enorme Entfaltung der gegenseitigen Hilfe unter Vögeln – ihre Reisen – auf die ich an dieser Stelle kaum eingehen kann. Es genĂŒgt, zu sagen, dass Vögel, die monatelang in kleinen Gruppen ĂŒber ein weites Gebiet zerstreut gelebt haben, nun zu Tausenden sich versammeln; sie kommen an einem bestimmten Platze zu einer bestimmten Zeit des Jahres zusammen, mehrere Tage hintereinander, bevor sie aufbrechen, und augenscheinlich erörtern sie die Einzelheiten der Reise. Einige Arten widmen jeden Nachmittag den VorbereitungsflĂŒgen fĂŒr die große Reise. Alle warten auf ihre saumseligen Verwandten und schließlich reisen sie in einer gewissen wohlgewĂ€hlten Richtung ab – das Ergebnis gehĂ€ufter Kollektiverfahrung – wobei die stĂ€rksten an der Spitze des Zuges fliegen und einander in dieser schwierigen Aufgabe ablösen. Sie fliegen in großen ZĂŒgen, die zugleich aus großen und kleinen Vögeln zusammengesetzt sind, ĂŒber das Meer, und wenn sie im nĂ€chsten FrĂŒhjahr zurĂŒckkehren, so treffen sie wieder auf demselben Fleck ein, und in den meisten FĂ€llen ergreift jeder von ihnen von genau demselben Nest Besitz, das er im vorigen Jahr gebaut oder ausgebessert hatte.

Das ist ein so weites Gebiet und doch so ungenĂŒgend erforscht; es zeigt so viele ĂŒberraschende Beispiele fĂŒr Gewohnheiten gegenseitiger Hilfe, die zu der Grundtatsache der Wanderung hinzukommenvon denen jedes indessen eine Spezialstudie erfordern wĂŒrde – dass ich es mir versagen muss, hier in weitere Einzelheiten einzugehen. Ich kann nur flĂŒchtig auf die zahlreichen und lebhaften Versammlungen hinweisen, die immer am selben Ort stattfinden, bevor sie ihre langen Reisen nordwĂ€rts oder sĂŒdwĂ€rts antreten, und ebenso auf die, die man im Norden sieht, nachdem die Vögel an ihren BrutstĂ€tten am Yenisei oder in den nördlichen Grafschaften Englands angelangt sind. Viele Tage hintereinander – manchmal einen Monat lang – kommen sie jeden Morgen eine Stunde zusammen, bevor sie sich auf die Suche nach Futter begeben – vielleicht besprechen sie, an welchen Orten sie ihre Nester bauen wollen. Und wenn wĂ€hrend der Reise ihre Reihen von einem Sturm ĂŒberrascht werden, bringt das gemeinsame UnglĂŒck Vögel der allerverschiedensten Arten zusammen. Die Vögel, die keine eigentlichen Zugvögel sind, sondern sich mit den Jahreszeiten allmĂ€hlich nach SĂŒden oder Norden begeben, vollziehen ebenfalls diese Wanderungen in Gruppen. Weit entfernt, einzeln zu reisen, um etwa jedem Individuum getrennt die Vorteile besserer Nahrung oder Wohnung, die in einem anderen Bezirk zu finden sind, zu sichern – warten sie immer aufeinander, und versammeln sich gruppenweise, bevor sie nach Norden oder SĂŒden ziehen, je nach den Jahreszeiten.

Wenn wir jetzt zu den SĂ€ugetieren ĂŒbergehen, so ist das erste, was uns ausfĂ€llt, wie ungeheuer die Zahl der geselligen Arten ĂŒber die wenigen Fleischfresser, die sich nicht vereinigen, ĂŒberwiegt. Die Hochebenen, die AlpenlĂ€nder und die Steppen der alten und neuen Welt wimmeln von Herden Rotwild, Antilopen, Gazellen, Damwild, BĂŒffeln, wilden Ziegen und Schafen, die alle gesellige Tiere sind. Als die EuropĂ€er anfingen, sich in Amerika niederzulassen, fanden sie es so dicht mit BĂŒffeln bevölkert, dass die Vorschreitenden ihren Marsch unterbrechen mussten, wenn eine Schar reisender BĂŒffel den Weg, den sie gingen, kreuzten; es dauerte manchmal zwei oder drei Tage, bis der Marsch des gedrĂ€ngten Zuges vorĂŒber war. Und als die Russen von Sibirien Besitz ergriffen, fanden sie es so dicht mit Rotwild, Antilopen, Eichhörnchen und anderen geselligen Tieren bevölkert, dass die eigentliche Eroberung Sibiriens eine Jagdexpedition war, die zweihundert Jahre dauerte; und die Grasebenen von Ostafrika sind noch mit Herden von Zebras, Hartebeestern und anderen Antilopen bedeckt.

Vor nicht langer Zeit waren die kleinen FlĂŒsse Nordamerikas und Nordsibiriens von Biberkolonien bevölkert, und bis zum 17. Jahrhundert wimmelte Nordrussland von ebensolchen Kolonien. Die FlachlĂ€nder der vier großen Kontinente sind noch mit zahlreichen Kolonien von MĂ€usen, Erdhörnchen, Murmeltieren und anderen Nagetieren bedeckt. In den niedrigeren Breiten von Asien und Afrika sind die WĂ€lder noch der Aufenthalt von zahlreichen Elefanten- und Rhinozerosfamilien und Affengesellschaften. Im hohen Norden sammeln sich die Renntiere in zahllosen Herden und noch weiter nördlich finden wir die Herden von Moschusochsen und unzĂ€hligen Banden PolarfĂŒchsen. Die KĂŒsten des Ozeans sind von Trupps Robben und Walrossen belebt, seine Wasser von Scharen geselliger Walfische und selbst auf den Höhen des großen Plateaus von Zentralasien finden wir Herden von wilden Pferden, wilden Eseln, wilden Kamelen und wilden Schafen. All diese SĂ€ugetiere leben in Gesellschaften und Völkern, die manchmal Hunderte oder Tausende Individuen umfassen, obwohl wir jetzt nach drei Jahrhunderten Schießpulverkultur nur noch die TrĂŒmmer der ungeheuren Scharen von einst vorfinden. Wie winzig ist im Vergleich mit ihnen die Zahl der Fleischfresser! Und wie falsch ist daher die Ansicht derer, die von der Tierwelt so sprechen, als ob in ihr nichts zu sehen wĂ€re als Löwen und HyĂ€nen, die ihre blutigen ZĂ€hne ins Fleisch ihrer Opfer bohren! Man könnte ebenso fabeln, das ganze menschliche Leben sei von Anfang bis zu Ende nichts als Kriegsgemetzel.

Vereinigung und gegenseitige Hilfe ist die Regel bei den SĂ€ugetieren. Wir finden soziale Gewohnheiten auch bei den Raubtieren, und nur die Familie der Katzen (Löwen, Tiger, Leoparden usw.) können wir als eine Abteilung bezeichnen, deren Glieder entschieden die Isolierung der Gesellschaft vorziehen, und nur selten in kleinen Gruppen getroffen werden. Und doch ist es selbst unter Löwen »ein sehr gewöhnlicher Brauch, gemeinsam zu jagen«. 33 Die beiden Familien der Zibetkatzen (Viverridae) und der Wiesel (Mustelidae) könnten auch als isoliert lebend bezeichnet werden, aber es ist Tatsache, dass wĂ€hrend des letzten Jahrhunderts das gemeine Wiesel geselliger war als es jetzt ist; es wurde frĂŒher in grĂ¶ĂŸeren Gruppen in Schottland und im Kanton Unterwalden in der Schweiz getroffen. Was die große Familie der Hunde angeht, so ist sie hervorragend gesellig, und Vereinigung zu Zwecken der Jagd kann als Ă€ußerst charakteristisch fĂŒr ihre zahlreichen Arten betrachtet werden. Es ist in der Tat wohlbekannt, dass Wölfe sich rottenweise zur Jagd versammeln, und von Tschudi haben wir eine vorzĂŒgliche Beschreibung, wie sie sich in einem Halbkreis aufstellen, eine Kuh umringen, die an einem Bergabhang grast, und dann plötzlich mit lautem Bellen erscheinen, so dass die Kuh in den Abgrund stĂŒrzt. Audubon sah in den dreißiger Jahren die Labradorwölfe ebenfalls in Rudeln jagen, und wie ein Rudel einen Mann in seine HĂŒtte verfolgte und die Hunde tötete. In strengen Wintern werden die Rudel der Wölfe so zahlreich, dass sie eine Gefahr fĂŒr menschliche Ansiedelungen werden, wie es in Frankreich vor etlichen fĂŒnfundvierzig Jahren der Fall war. In den russischen Steppen greifen sie die Pferde nie anders als rudelweise an, und doch haben sie bittere KĂ€mpfe zu bestehen, wĂ€hrend deren die Pferde (nach Kohls Zeugnis) manchmal zur Offensive ĂŒbergehen, und wenn in diesen FĂ€llen die Wölfe sich nicht schleunig zurĂŒckziehen, laufen sie Gefahr, von den Pferden umzingelt und von ihren Hufen zertreten zu werden. Die PrĂ€riewölfe (Canis latrans) sind bekannt dafĂŒr, dass sie sich in Rudeln von zwanzig bis dreißig zusammentun, wenn sie einen BĂŒffel jagen, der sich einmal von seiner Herde entfernt hat. 35 Schakale, die sehr tapfer sind und zu den intelligentesten Vertretern der Familie der Hunde gehören, jagen immer rudelweise; in solcher Vereinigung haben sie keine Angst vor den grĂ¶ĂŸeren Raubtieren. Was die wilden Hunde Asiens betrifft (die Kholsums oder Dholes), so sah Williamson, dass ihre großen Rudel alle grĂ¶ĂŸeren Tiere mit Ausnahme der Elefanten und Rhinozerosse angriffen, wobei sie BĂ€ren und Tiger besiegten. HyĂ€nen leben ebenfalls in Gesellschaften und jagen in Rudeln, und die Jagdvereinigungen der gefleckten Lykaons werden von Cumming sehr gepriesen. Ja, sogar FĂŒchse, die in der Regel in unseren KulturlĂ€ndern isoliert leben, hat man zu Jagdzwecken vereinigt gesehen. Was den Polarfuchs angeht, so ist er – oder besser: war er zu Stellers Zeit – eines der geselligsten Tiere; und wenn man Stellers Beschreibung des Krieges liest, auf den sich die unglĂŒckliche Mannschaft Behrings gegen diese intelligenten kleinen Tiere einließ, weiß man nicht, was man am meisten bewundern soll: die außergewöhnliche Intelligenz der FĂŒchse und die gegenseitige Hilfe, die sie sich leisteten, als sie Nahrung ausgruben, die unter SteinhĂŒgeln versteckt oder auf einem Pfeiler untergebracht war (ein Fuchs kletterte hinauf, um die Nahrung seinen Genossen hinunterzuwerfen) oder die Grausamkeit des Menschen, der durch die zahlreichen Rudel FĂŒchse zur Verzweiflung getrieben war. Selbst einige BĂ€ren leben in Gesellschaften, wo sie vom Menschen nicht gestört werden. So sah Steller den schwarzen BĂ€ren von Kamtschatka in zahlreichen Rudeln, und die EisbĂ€ren werden manchmal in kleinen Gruppen vorgefunden. Selbst die unintelligenten Insektenfresser verschmĂ€hen die Vereinigung nicht immer.

Indessen finden wir hauptsĂ€chlich bei den Nagetieren, den Huftieren und den WiederkĂ€uern eine hochentwickelte Praxis gegenseitiger Hilfe. Die Eichhörnchen sind bis zu hohem Grade Individualisten. Jedes von ihnen baut sein eigenes bequemes Nest und sammelt seine eigenen VorrĂ€te. Sie haben Neigung zum Familienleben, und Brehm fand, dass eine Familie von Eichhörnchen nie so glĂŒcklich ist, als wenn die zwei WĂŒrfe desselben Jahres zusammen mit ihren Eltern in einem versteckten Waldwinkel hausen können. Und doch unterhalten sie soziale Beziehungen. Die Bewohner der einzelnen Nester bleiben in naher Verbindung, und wenn die Tannenzapfen in einem Wald, den sie bewohnen, selten werden, dann wandern sie in Scharen aus. Die schwarzen Eichhörnchen des fernen Westens sind Ă€ußerst gesellig. Abgesehen von den paar Stunden tĂ€glich, die sie zum Nahrungsuchen verwenden, verbringen sie ihr Leben in zahlreichen Spielgesellschaften. Und wenn sie sich in einer Gegend zu schnell vermehren, dann versammeln sie sich in Abteilungen, die fast so zahlreich sind, wie die der Heuschrecken, und reisen sĂŒdwĂ€rts, wobei sie die WĂ€lder, Felder und GĂ€rten verwĂŒsten; FĂŒchse, Iltisse, Falken und Nachtraubvögel folgen ihren dichten Scharen und leben von den Vereinzelten, die zurĂŒckbleiben. Das Erdhörnchen – eine nah verwandte Gattung – ist noch geselliger. Es ist dem Sammeln ergeben und stapelt in seinen unterirdischen Hallen große Massen eßbare Wurzeln und NĂŒsse auf, die gewöhnlich im Herbst vom Menschen geplĂŒndert werden. Nach einigen Beobachtern muss es die Freuden des Geizes kennen. Und doch bleibt es gesellig. Es lebt immer in großen Kolonien, und Audubon, der einige seiner Wohnungen im Winter öffnete, fand mehrere Individuen im selben Raum; sie mĂŒssen ihre VorrĂ€te mit gemeinsamen Anstrengungen gesammelt haben.

Die artenreiche Familie der Murmeltiere, die die drei großen Gattungen Arctomys, Cynomys und Spermophilus umfasst, ist noch geselliger und noch intelligenter. Sie ziehen auch vor, dass jedes seine eigene Wohnung hat; aber sie leben in großen Kolonien. Der schreckliche Feind der Ernten in SĂŒdrussland – der Suslik (Ziesel) von dem in jedem Jahr vom Menschen allein einige zehn Millionen vernichtet werden, lebt in unzĂ€hligen Kolonien; und wĂ€hrend die russischen Provinzialtage ernsthaft beraten, wie sie diesen Feind der Gesellschaft loswerden können, freut er sich zu Tausenden auf die vergnĂŒglichste Art seines Lebens. Ihr Spiel ist so reizend, dass kein Beobachter sich enthalten konnte, ihnen sein Lob zu spenden und die melodiösen Konzerte zu erwĂ€hnen, die aus dem grellen Pfeifen der MĂ€nnchen und dem melancholischen Pfeifen der Weibchen entstehen, bevor er sich plötzlich auf seine BĂŒrgerpflicht besinnt und sich daran macht, die teuflischsten Mittel zur Ausrottung der kleinen RĂ€uber zu ersinnen. Nach dem alle Arten von Raubvögeln und Raubtieren sich ohnmĂ€chtig gezeigt haben, ist das letzte Wort der Wissenschaft in diesem Kriege die Einimpfung der Cholera! Die Kolonien der PrĂ€riehunde in Amerika bilden einen entzĂŒckenden Anblick. Soweit das Auge die PrĂ€rie ĂŒbersehen kann, gewahrt es Erdhaufen, und auf jedem von ihnen steht ein PrĂ€riehund, der mit Hilfe eines kurzen Gebells eine lebhafte Unterhaltung mit seinen Nachbarn fĂŒhrt. Sowie das Herannahen eines Menschen signalisiert wird, verschwinden sie alle im Augenblick in ihre Wohnungen; alle sind wie durch ZauberkĂŒnste verschwunden. Aber wenn die Gefahr vorĂŒber ist, erscheinen die kleinen Geschöpfe bald wieder. Ganze Familien kommen aus ihren GĂ€ngen heraus und geben sich dem Spiel hin. Die Jungen kratzen einander, zausen einander und zeigen aufrechtstehend ihre ganze Grazie, wĂ€hrend mittlerweile die Alten Wache halten. Sie machen einander Besuche, und die gebahnten Pfade, die alle ihre Haufen verbinden, zeigen, wie hĂ€ufig diese Besuche stattfinden. Kurz, die ersten Naturforscher haben einige ihrer besten Seiten mit der Beschreibung des PrĂ€riehundes in Amerika und ihrer Gesellschaften, der Babaks in der alten Welt und der Alpenmurmeltiere, gefĂŒllt. Und doch muss ich bei den Murmeltieren dieselbe Bemerkung machen, wie bei den Bienen. Sie haben ihre streitbaren Instinkte bewahrt, und diese Instinkte treten in der Gefangenschaft wieder zum Vorschein. Aber in ihren großen Vereinigungen angesichts der freien Natur haben die ungeselligen Instinkte keine Gelegenheit, sich zu entwickeln, und das allgemeine Resultat ist Friede und Eintracht.

Selbst so bissige Tiere wie die Ratten, die in unseren Kellern fortwĂ€hrend miteinander kĂ€mpfen, sind einsichtig genug, wenn sie unsere Speisekammern plĂŒndern, nicht zu streiten, sondern einander bei ihren PlĂŒnderungszĂŒgen und Wanderungen zu helfen, ja sogar ihre Invaliden zu fĂŒttern. Was die Biberratten oder Bisamratten von Kanada angeht, so sind sie Ă€ußerst gesellig. Audubon bewunderte »ihre friedlichen Gemeinschaften, die nichts begehren, als in Frieden gelassen zu werden, um heiter zu genießen«. Gleich allen geselligen Tieren sind sie lebhaft und spielerisch, sie verbinden sich leicht mit anderen Arten, und sie haben einen sehr hohen Grad von intellektueller Entwickelung erreicht. In ihren Kolonien, die sie immer an den Ufern von Seen und FlĂŒssen anlegen, ziehen sie den wechselnden Wasserstand in Rechnung; ihre gewölbten HĂ€user, die aus festgetretenem Lehm in Verbindung mit Schilfrohr bestehen, haben bestimmte Ecken fĂŒr den Unrat, und ihre Hallen sind zur Winterszeit gut mit Teppichen belegt; sie sind warm und trotzdem gut gelĂŒftet. Was die Biber angeht, die, wie bekannt, einen sehr sympathischen Charakter haben, so sind ihre erstaunlichen DĂ€mme und Dörfer, in denen Generationen leben und sterben, ohne einen anderen Feind zu kennen als die Otter und den Menschen, ein so wundervolles Beispiel dafĂŒr, was gegenseitige Hilfe fĂŒr die Sicherheit der Art, die Entwicklung der sozialen Gewohnheiten und die Entwicklung der Intelligenz erreichen kann, dass sie allen, die am Tierleben Interesse haben, vertraut sind. Ich will nur bemerken, dass wir bei den Bibern, den Bisamratten und einigen anderen Nagetieren bereits den Zug finden, der auch fĂŒr menschliche Gemeinschaften bezeichnend sein wird: gemeinsame Arbeit.

Ich ĂŒbergehe die beiden Familien, welche die SpringmĂ€use, die Chinchilla, die Viscacha und den Tuschkan oder Pferdespringer SĂŒdrussland umfassen, obwohl alle diese kleinen Nagetiere vortreffliche Beispiele fĂŒr die Freuden abgeben könnten, die den Tieren aus dem Gesellschaftsleben entspringen. Wirklich, die Freuden; denn es ist Ă€ußerst schwierig, zu sagen, was Tiere zus mmenbringt – das BedĂŒrfnis gegenseitigen Schutzes oder bloß die Freude, sich in der NĂ€he seiner Verwandten zu fĂŒhlen. Unsere gewöhnlichen Hasen jedenfalls, die sich nicht zu gemeinsamem Leben zusammenschließen und die auch nicht mit starken ElterngefĂŒhlen ausgestattet sind, können nicht leben, ohne zum Spiel zusammenzukommen. Dietrich aus dem Winckell, der als einer der besten Kenner der Lebensgewohnheiten der Hasen gilt, beschreibt sie als leidenschaftliche Spieler, die so von ihrem Spiel trunken werden, dass man einen Hasen gekannt hat, der einen dazukommenden Fuchs fĂŒr einen Spielkameraden hielt. 1-ĆŸ Was das Kaninchen angeht, so lebt es in Gesellschaften, und sein Familienleben baut sich vollstĂ€ndig nach dem Vorbild der alten patriarchalischen Familie auf; die Jungen mĂŒssen dem Vater und selbst dem Großvater unbedingt gehorchen.4 1 Und hier haben wir das Beispiel zweier sehr nah verwandter Arten, die einander nicht ausstehen können – nicht weil sie von nahezu demselben Futter leben, wie dergleichen FĂ€lle zu oft erklĂ€rt werden, sondern sehr wahrscheinlich, weil der leidenschaftliche, Ă€ußerst individualistische Hase mit diesem sanften, ruhigen und unterwĂŒrfigen Geschöpf, dem Kaninchen, keine Freundschaft haben kann. Ihre Temperamente sind zu weit auseinander, als dass Freundschaft zwischen ihnen möglich wĂ€re.

Das Leben in Gesellschaften ist wiederum die Regel bei der großen Familie der Pferde, die die Wildpferde und Wildesel Asiens, das Zebra, die Mustangs, die Cimarrones der Pampas und die halbwilden Pferde Mongoliens und Sibiriens umfasst. Sie leben alle in zahlreichen Vereinigungen, die aus vielen Gruppen zusammengesetzt sind, von denen jede aus einer Zahl Stuten unter der FĂŒhrung eines Hengstes besteht. Diese zahllosen Bewohner der alten und neuen Welt, die im ganzen fĂŒr den Widerstand gegen ihre vielen Feinde und die widrigen klimatischen VerhĂ€ltnisse schlecht ausgestattet sind, wĂ€ren bald von der ErdoberflĂ€che verschwunden gewesen, wenn sie nicht ihren sozialen Geist gehabt hĂ€tten. Wenn ein Raubtier sich ihnen naht, vereinigen sich sofort mehrere Gruppen; sie schlagen das Tier zurĂŒck und verfolgen es manchmal: und weder der Wolf noch der BĂ€r und nicht einmal der Löwe kann ein Pferd oder nur ein Zebra wegfangen, solange sie sich nicht von der Herde entfernt haben. Wenn eine Trockenheit das Gras der PrĂ€rien verbrannt hat, sammeln sie sich in Herden von manchmal 10.000 Individuen und wandern aus. Und wenn ein Schneesturm in den Steppen tobt, dann hĂ€lt sich jede Gruppe eng zueinander und wendet sich einer geschĂŒtzten Schlucht zu. Aber wenn die Zuversicht verschwindet oder die Gruppe von einer Panik ergriffen wird und sich auflöst, dann gehen die Pferde zugrunde und die ĂŒberlebenden werden nach dem Sturm halb tot vor Ermattung aufgefunden. Vereinigung ist ihre Hauptwaffe im Kampf ums Leben, und der Mensch ist ihr Hauptfeind. Vor seiner wachsenden Zahl haben es die Vorfahren unserer HausPferde (der Equus Przewalskii, von Polyakoff so genannt) vorgezogen, sich in die wildesten und unzugĂ€nglichsten Plateaus an den Grenzen Tibets zurĂŒckzuziehen, wo sie, umgeben von Raubtieren, unter einem Klima, das so böse ist wie in den Polargegenden, aber in einer Gegend, die dem Menschen unzugĂ€nglich ist, weiterleben.

Viele vorzĂŒgliche Beispiele sozialen Lebens könnten dem Leben der Renntiere entnommen werden, und besonders aus der großen Abteilung der WiederkĂ€uer, die die Rehe, Damhirsche, Antilopen, Gazellen und Steinböcke und in der Tat die ganzen drei Familien der Antilopiden, Capri den und Oviden umfasst. Ihre Wachsamkeit ĂŒber die Sicherung ihrer Herden gegen Angriffe der Raubtiere; die Ängstlichkeit, die alle Individuen in einer Gemsenherde an den Tag legen, solange nicht alle eine schwierige Stelle ĂŒber steile Felsklippen hinter sich haben; die Adoption von Waisen; die Verzweitlung der Gazelle, wenn ihr Gatte oder auch ein Genosse desselben Geschlechts getötet worden ist; die Spiele der Jungen, und viele andere ZĂŒge könnten erwĂ€hnt werden. Aber vielleicht das auffallendste Beispiel gegenseitiger Hilfe liegt in den Wanderungen der Hirsche vor, wie ich einst eine am Amur gesehen habe. Als ich auf meinem Wege von Transbaikalien nach Merghen das Hochplateau und sein Grenzgebirge, den großen Khingan, durchquerte und weiter ĂŒber die HochprĂ€rien zum Amur reiste, da konnte ich mich ĂŒberzeugen, wie dĂŒnn diese meist unbewohnten Landstriche von Hirschen bevölkert sind.43 Zwei Jahre spĂ€ter reiste ich auf dem Amur, und Ende Oktober erreichte ich das untere Ende der malerischen Schlucht, die der Amur in den Dousse-alin (Klein-Khingan) bohrt, bevor er ins Flachland tritt und sich mit dem Sungari vereinigt. Ich fand die Kosaken in den Dörfern der Schlucht in der grĂ¶ĂŸten Aufregung, weil Tausende und Abertausende von Hirschen ĂŒber den Amur schwammen, wo er am engsten ist, um das Flachland zu erreichen. 11ĆŸ Mehrere Tage hintereinander, auf eine LĂ€nge von einigen vierzig Meilen flußaufwĂ€rts, schlachteten die Kosaken die Hirsche, wenn sie den Amur kreuzten, in dem bereits ziemlich viel Eis schwamm. Tausende wurden jeden Tag getötet, und der Zug ging trotzdem weiter. Ähnliche Wanderungen sind weder vorher noch seitdem gesehen worden, und dieser muss durch einen frĂŒhen und heftigen Schneefall im GroßKhingan hervorgerufen worden sein, der die Hirsche zwang, einen verzweifelten Versuch zu machen, das Flachland im Osten der Dousse-Berge zu erreichen. In der Tat war ein paar Tage spĂ€ter der Dousse-alin ebenfalls zwei bis drei Fuß tief unter Schnee begraben. Wenn man sich nun das ungeheure Gebiet vorstellt (beinahe so groß wie Großbritannien), aus dem die zerstreuten Gruppen der Hirsche sich fĂŒr eine Reise gesammelt haben mĂŒssen, die unter dem Druck von Ausnahmsereignissen unternommen wurde, und wenn man sich die Schwierigkeiten vorstellt, die zu ĂŒberwinden waren, bevor alle Hirsche auf die gemeinsame Idee kamen, den Amur weiter sĂŒdlich, wo er am engsten ist, zu ĂŒberschreiten, dann muss man das soziale Empfinden dieser intelligenten Tiere aufs tiefste bewundern. Die Tatsache ist um nichts weniger erstaunlich, wenn wir uns erinnern, dass die BĂŒffel Nordamerikas dieselbe Macht der Vereinigung entfalten. Man sah sie in großen Scharen auf den Ebenen grasen, aber die Scharen bestanden aus außerordentlich vielen kleinen Gruppen, die sich nie untereinander vermengten. Und doch kamen, wenn die Notwendigkeit eintrat, alle Gruppen, obwohl sie ĂŒber ein ungeheures Gebiet zerstreut waren, zusammen und bildeten die mĂ€chtigen Scharen, die aus Hunderttausenden von Individuen zusammengesetzt waren, wie ich sie frĂŒher erwĂ€hnt habe. Ich sollte auch einige Worte wenigstens ĂŒber die »FamilienverbĂ€nde« der Elefanten sagen, ihre gegenseitige AnhĂ€nglichkeit, ihre Vorsicht im Postenstellen und die Sympathien, die bei solcher gegenseitigen Hilfsbereitschaft entfaltet werden.44 Ich könnte auch die geselligen Triebe jener verrufenen Tiere, der Wildschweine, erwĂ€hnen, und ein Wort des Lobes fĂŒr ihre FĂ€higkeit, bei Angriffen von Raubtieren Verbindungen einzugehen, finden. Das Nilpferd und das Rhinozeros mĂŒĂŸten gleichfalls einen Platz in einem Buch einnehmen, das den Geselligkeitsanlagen der Tiere gewidmet ist. Mehrere ĂŒberraschende Beispiele mĂŒĂŸten die gegenseitige AnhĂ€nglichkeit und Geselligkeit der Seehunde und Walrosse verzeichnen, und schließlich mĂŒĂŸte man die außerordentlichen GefĂŒhle erwĂ€hnen, die unter den geselligen Walfischen bestehen. Aber ich habe jetzt noch einige Worte ĂŒber die Gesellschaften der Affen zu sagen, die ein erhöhtes Interesse noch dadurch erregen, dass sie das Verbindungsglied sind, das zu den Gesellschaften der primitiven Menschen fĂŒhrt.

Es bedarf kaum der ErwĂ€hnung, dass diese SĂ€ugetiere, die auf der höchsten Stufe der Tierwelt stehen und durch ihren Bau und Verstand dem Menschen am meisten Ă€hnlich sind, außerordentlich gesellig sind. Offenbar mĂŒssen wir darauf vorbereitet sein, in einer so großen Abteilung des Tierreiches, die Hunderte von Arten umfasst, alle Verschiedenheiten des Charakters und der Gewohnheiten anzutreffen. Aber alles erwogen, muss gesagt werden, dass Geselligkeit, gemeinsames Handeln, gegenseitiger Schutz und eine hohe Entwicklung jener GefĂŒhle, die das notwendige Ergebnis sozialen Lebens sind, fĂŒr die meisten Affen charakteristisch sind. Von den kleinsten Arten bis zu den grĂ¶ĂŸten ist Geselligkeit eine Regel, von der wir nur wenige Ausnahmen kennen. Die nĂ€chtlichen Affen ziehen das einsame Leben vor; die Kapuzineraffen (Cebus capucinus), die Monos und die BrĂŒllaffen leben in nur kleinen Familien, und die OrangUtans sind von A. R. Wallace nie anders gesehen worden, als entweder vereinzelt oder in sehr kleinen Gruppen von drei bis vier Individuen, wĂ€hrend die Gorillas sich nie zu Herden vereinigen. Aber alle ĂŒbrigen Abkömmlinge des Affenstammes – der Schimpanse, der Sai, der Saki, der Mandrill, der Pavian usf. – sind gesellig im höchsten Grade. Sie leben in großen Herden und vereinigen sich sogar mit anderen Arten als ihrer eigenen. Die meisten von ihnen werden ganz unglĂŒcklich, wenn sie allein sind. Ertönt ein Notschrei eines von der Herde, so rottet sich sofort die ganze Herde zusammen und sie stoßen kĂŒhn die Angriffe der Raubtiere und Raubvögel zurĂŒck. Selbst Adler wagen nicht sie anzugreifen. Sie plĂŒndern unsere Felder immer in Scharen, indem die Alten die Sorge fĂŒr die Sicherheit der Gesamtheit ĂŒbernehmen. Die kleinen Uistitis, deren kindliche, niedliche Gesichter auf Humboldt solchen Eindruck machten, umarmen und beschĂŒtzen sich, wenn es regnet, indem sie ihre SchwĂ€nze ĂŒber die HĂ€lse ihrer zitternden Kameraden rollen. Einige Arten entfalten die grĂ¶ĂŸte Besorgnis, wenn einer von ihren Kameraden verwundet ist und verlassen ihn nicht an der ZufluchtsstĂ€tte, bis sie sicher sind, dass er tot ist und sie unfĂ€hig sind, ihn zum Leben zurĂŒckzurufen. So erzĂ€hlt James Forbes in seinen Oriental Memoirs, wie sie von seiner Jagdgesellschaft den Leichnam einer Äffin mit solcher Beharrlichkeit zurĂŒckgefordert hĂ€tten, dass man vollkommen begreift, warum »die Zeugen dieser außerordentlichen Szene beschlossen, nie wieder auf einen vorn Affenstamm zu schießen«.

Bei einigen Arten verbinden sich mehrere Individuen, um einen Stein zu heben, unter dem sie Ameiseneier suchen. Die Hamadryas stellen nicht nur Schildwachen auf, man hat auch gesehen, wie sie eine Kette bildeten, um die Beute nach einem sicheren Platz zu schaffen; und ihre Tapferkeit ist bekannt. Brehrns Beschreibung des regelrechten Kampfes, den seine Karawane bestehen musste, bevor die Harnadryas ihn seine Reise im Mensatal in Abessynien wieder aufnehmen ließen, ist klassisch geworden. Der Mutwille der geschwĂ€nzten Affen und die gegenseitige AnhĂ€nglichkeit, die in den Familien der Schimpansen besteht, sind den Lesern auch bekannt. Und wenn wir unter den höchststehenden Affen zwei Arten finden, Vereinigung wird in der Tierwelt auf allen Stufen der Entwicklung gefunden; und Kolonien gab es, entsprechend der großen Idee Herbert Spencers, die in Perriers Colonies Animales so glĂ€nzend entwickelt wurde, im allerersten Anfang der Entwicklung im Tierreich. Aber je mehr wir die Stufenfolge der Entwicklung hinangehen, umso mehr sehen wir, wie die Vereinigung eine bewusste wird. Sie verliert ihren bloß physischen Charakter, sie hört auf, bloß instinktiv zu sein, sie wird ĂŒberlegt. Bei den höheren Wirbeltieren ist sie periodisch oder sie entschließen sich zu ihr, um ein bestimmtes BedĂŒrfnis zu befriedigen – Fortpflanzung der Art, Wanderung, Jagd oder ge15ĆŸ meinsame Verteidigung. Sie wird sogar gelegentlich bewerkstelligt, wenn Vögel sich gegen ein Raubtier vereinigen oder SĂ€ugetiere, um unter dem Druck von AusnahmsvorfĂ€llen auszuwandern. In diesem letzten Fall wird sie ein freiwilliges Abgehen von den sonstigen Lebensgewohnheiten. Die Vereinigung erscheint manchmal in zwei oder mehr Stufenfolgen: zuerst die Familie, dann die Gruppe und schließlich die Vereinigung von Gruppen, die gewöhnlich zerstreut sind, aber im Fall der Not sich vereinigen, wie wir es bei den Wisents und anderen WiederkĂ€uern gesehen haben. Sie nimmt auch höhere Formen an, unter denen dem Individuum mehr UnabhĂ€ngigkeit gesichert ist, ohne dass es der Wohltaten des sozialen Lebens beraubt wĂŒrde. Bei den meisten Nagetieren hat das Individuum seine eigene Wohnung, in die es sich zurĂŒckziehen kann, wenn es vorzieht, allein zu sein; aber die Wohnungen sind in Dörfern und StĂ€dten angelegt, so dass allen Bewohnern die Vorteile und Freuden sozialen Lebens zugute kommen. Und schließlich wird in manchen Arten, wie bei Ratten, Murmeltieren, Hasen usw. das soziale Leben durchgefĂŒhrt, trotz der streitsĂŒchtigen oder sonst egoistischen Neigungen des isolierten Individuums. So ist die Vereinigung nicht, wie es bei den Ameisen und Bienen der Fall ist, schon durch die physiologische Struktur der Individuen aufgezwungen; sie wird um der Vorteile gegenseitiger Hilfe willen oder wegen ihrer GenĂŒsse gepflegt. Und all das tritt natĂŒrlich mit allen möglichen Abstufungen und mit der grĂ¶ĂŸten Mannigfaltigkeit des Individualund Artcharakters in die Erscheinung – wobei gerade diese Mannigfaltigkeit des sozialen Lebens eine Folge und fĂŒr uns ein weiterer Beweis ihrer allgemeinen Verbreitung ist.

Geselligkeit – das heißt das BedĂŒrfnis des Tieres, sich mit seinesgleichen zu vereinigen – die Liebe zur Gesellschaft um der Gesellschaft willen, vereinigt mit der »Lebensfreude«, zieht erst jetzt die notwendige Aufmerksamkeit des Zoologen auf sich. 2-ĆŸ Wir wissen jetzt, dass alle Tiere, zu beginnen mit den Ameisen, ĂŒber die Vögel weg zu den höchsten SĂ€ugetieren, es lieben zu spielen, miteinander zu balgen, hintereinander herzurennen, einander zu haschen, einander zu necken usw. Und wĂ€hrend manche Spiele sozusagen fĂŒr die Jungen eine Vorschule fĂŒr das richtige Benehmen im reiferen Lebensalter sind, gibt es wieder andere, die, abgesehen von ihren nĂŒtzlichen Zwecken, zugleich mit Tanzen und Singen bloße Äußerungen ĂŒberschĂŒssiger Kraft sind – der »Lebensfreude« und ein Wunsch, auf eine oder die andere Weise mit anderen Individuen derselben oder anderer Arten zu verkehren – kurz, recht eigentlich eine Äußerung der Geselligkeit, die ein Charakterzug der gesamten Tierwelt ist. 5 1 Ob es das GefĂŒhl der Furcht ist, etwa beim Herannahen eines Raubvogels, oder ein Strahl des GlĂŒckes, wenn die Tiere sich gesund und vor allem jung fĂŒhlen, oder bloß das BedĂŒrfnis, einem Überschuß des Empfindens und der Lebenskraft Luft zu machen – die Notwendigkeit, GefĂŒhle mitzuteilen, zu spielen, zu schwatzen oder einfach zu empfinden, dass andere befreundete Wesen in der NĂ€he sind, erfĂŒllt die ganze Natur, und ist ebenso wie irgendeine andere physiologische Funktion ein notwendiger Bestandteil des Lebens und des Bewusstseins.

Dieses BedĂŒrfnis nimmt eine höhere Entwicklung und erreicht einen schöneren Ausdruck bei den SĂ€ugetieren, besonders bei ihren so Jungen, und noch mehr bei den Vögeln; aber es erfĂŒllt die ganze Natur, und ist von den besten Naturforschern, auch von Pierre Huber bei den Ameisen, beobachtet worden, und offenbar ist es derselbe Instinkt, der die großen Scharen Schmetterlinge zusammenfĂŒhrt, die bereits erwĂ€hnt worden sind.

Die Gewohnheit der Vögel, zum Tanz zusammenzukommen und die PlĂ€tze zu schmĂŒcken, wo sie gewöhnlich ihre TĂ€nze ausfĂŒhren, ist natĂŒrlich von den Seiten, die Darwin in der » Abstammung des Menschen« (Kap. XIII) darĂŒber schrieb, bekannt. Aber diese Tanzgewohnheit scheint viel mehr verbreitet als man frĂŒher glaubte, und W. Hudson gibt in seinem Meisterwerk ĂŒber La Plata eine sehr interessante. Beschreibung, die man im Original lesen muss, von den komplizierten TĂ€nzen, die eine ganze Anzahl Vögel ausfĂŒhren: Spottvögel, J akamare, Kiebitze usw. Die Gewohnheit, zusammen zu singen, die bei mehreren Vogelarten vorkommt, gehört zur selben Kategorie sozialer Instinkte. Sie ist sehr auffallend beim Tschaja (Palamedea chacaria) entwickelt, dem die EnglĂ€nder ( und die Deutschen) den ganz irrefĂŒhrenden, hĂ€ĂŸlichen Namen Schreivogel gegeben haben. Diese Vögel versammeln sich manchmal in ungeheuren ZĂŒgen, und in solchen FĂ€llen singen sie hĂ€ufig ein Konzert zusammen. W. H. Hudson fand sie einmal in großer Zahl beisammen, alle in wohlabgeteilten ZĂŒgen rund um einen Pampassee geordnet, etwa 500 Vögel in einem Zug.

»Auf einmal begann«, so schreibt er, »ein Zug neben mir zu singen und fĂŒhrte seinen mĂ€chtigen Chor etwa drei bis vier Minuten lang auf; als sie aufhörten, nahm der nĂ€chste Zug den Gesang auf, und nach ihm der nĂ€chste usw., bis die Töne von den ZĂŒgen jenseits der Wasser noch einmal klar und deutlich zu mir strömten – dann verhallte das Lied, wurde schwĂ€cher und schwĂ€cher, bis der Gesang wieder zu meiner Seite zurĂŒckgekehrt war und mich noch einmal erreichte.«

Ein andermal sah derselbe Autor die Ebene mit einer endlosen Schar dieser Vögel bedeckt, aber nicht eng beisammen, sondern in Paare und kleine Gruppen zerstreut. Um neun Uhr abends »begann auf einmal die ganze Menge der Vögel, die die Marsch meilenweit in der Runde erfĂŒllten, ein gewaltiges Abendlied anzustimmen …

Es war ein Konzert, um deswillen man hĂ€tte hundert Meilen weit reisen dĂŒrfen.« Es mag hinzugefĂŒgt werden, dass der Chakar wie alle geselligen Vögel leicht zahm wird und dem Menschen sehr anhĂ€nglich wird. »Es sind sanfte Vögel, die sich selten zanken«, heißt es, obwohl sie mit furchtbaren Waffen versehen sind. Das Gesellschaftsleben macht diese Waffen zwecklos.

Dass das Gesellschaftsleben im Kampf ums Dasein – im weitesten Sinne des Wortes – die mĂ€chtigste Waffe ist, ist auf den vorhergehenden Seiten an mehreren Beispielen gezeigt worden, und wenn weiteres nötig wĂ€re, könnten noch endlose Beispiele dafĂŒr gebracht werden. Das Gesellschaftsleben setzt die schwĂ€chsten Insekten, Vögel und SĂ€ugetiere instand, den schrecklichen Vögeln und Raubtieren Widerstand zu leisten oder sich vor ihnen zu schĂŒtzen, es verschafft langes Leben, es setzt die Art instand, ihre Nachkommen mit möglichst geringem Kraftaufwand aufzuziehen und ihre Zahl ungeachtet sehr langsam einander folgender Geburten zu behaupten; es befĂ€higt die Herdentiere, sich auf der Suche nach neuen Wohnungen auf die Wanderschaft zu begeben. Daher behaupten wir, obwohl wir völlig zugeben, dass Kraft, Schnelligkeit, Schutzfarben, List und Ausdauer im Ertragen von Hunger und KĂ€lte, die von Darwin und Wallace angefĂŒhrt werden, lauter Eigenschaften sind, die das Individuum oder die Art in bestimmten FĂ€llen zu den geeignetsten machen, dass in allen FĂ€llen die Geselligkeit der grĂ¶ĂŸte Vorteil im Kampf ums Dasein ist. Solche Arten, die sie freiwillig oder gezwungen aufgeben, sind zum Niedergange verurteilt, wĂ€hrend solche Tiere, die es am besten verstehen, sich zusammenzuschließen, die grĂ¶ĂŸten Aussichten haben zu ĂŒberleben und sich weiter zu entwickeln, auch wenn sie weniger als andere mit jeder von den Eigenschaften (mit Ausnahme der intellektuellen FĂ€higkeiten) begabt sind, die Darwin und Wallace aufzĂ€hlen. Die höchsten Wirbeltiere und besonders die Menschen sind der beste Beweis fĂŒr diese Behauptung. Was die Gabe des Intellekts angeht, so wird jeder Darwinist, ebenso wie er mit Darwin erklĂ€rt, dass er die mĂ€chtige Waffe im Kampf ums Dasein und der mĂ€chtigste Faktor zu fernerer Entwicklung ist, zugeben, dass die Intelligenz eine eminent soziale Eigenschaft ist. Sprache, Nachahmung und gehĂ€ufte Erfahrung sind lauter Elemente der wachsenden Intelligenz, deren das unsoziale Tier beraubt ist. Daher finden wir an der Spitze jeder Tierklasse die Ameisen, die Papageien und die Affen, die alle die grĂ¶ĂŸte Geselligkeit mit der höchsten Verstandesentwicklung vereinigen. Die geeignetsten – die, die im Kampfe gegen alle widrigen UmstĂ€nde am besten gerĂŒstet sind – sind also die geselligsten Tiere, und Geselligkeit erscheint als der Hauptfaktor der Entwicklung, sowohl direkt dadurch, dass das Wohlergehen der Art mit möglichst geringem Kraftaufwand gesichert wird, wie indirekt dadurch, dass die Entwicklung des Verstandes begĂŒnstigt wird.

Des ferneren ist es klar, dass das Gesellschaftsleben völlig unmöglich wĂ€re, wenn ihm nicht eine Entwicklung der sozialen GefĂŒhle und hauptsĂ€chlich eines gewissen Kollektivsinnes fĂŒr Gerechtigkeit, der mehr und mehr zur Gewohnheit wird, entsprĂ€che. Wenn jedes Individuum fortwĂ€hrend seine persönlichen Vorteile ausnutzte, ohne dass die anderen zugunsten der GeschĂ€digten Einspruch erhöhen, wĂ€re kein Gesellschaftsleben möglich. Und das GefĂŒhl fĂŒr Gerechtigkeit entwickelt sich mehr oder minder bei allen Herdentieren. Die Entfernung, aus der die Schwalben oder die Kraniche heimkehren, mag noch so groß sein, alle kehren sie zu dem Nest zurĂŒck, das sie im letzten Jahr gebaut oder ausgeflickt haben. Wenn ein fauler Sperling die Absicht hat, das Nest, das ein Genosse baut, sich anzueignen oder auch nur ein paar Strohhalme daraus stiehlt, dann wendet sich die Gruppe gegen den faulen Genossen; und es ist klar, dass keine Nestgenossenschaften von Vögeln ohne die Regel dieser Einmischung existieren könnten. Getrennte Gruppen von Pinguinen haben getrennte RuheplĂ€tze und getrennte FischplĂ€tze und fĂŒhren keinen Kampf um sie. Die Viehherden in Australien haben besondere Stellen, zu denen jede Gruppe zur Nacht zurĂŒckkehrt und von denen keine je abgeht, usw. 53 Wir haben eine große Zahl direkter Beobachtungen ĂŒber den Frieden, der in den Nestgenossenschaften der 20ĆŸ Vögel, den Dörfern der Nagetiere und den Herden der Grasfresser herrscht, wĂ€hrend wir andererseits wenig gesellige Tiere kennen, die sich so fortwĂ€hrend streiten wie die Ratten in unseren Kellern oder wie die Walrosse, die um den Besitz eines sonnigen Uferplatzes kĂ€mpfen. Geselligkeit setzt so dem körperlichen Kampf eine Schranke und schafft Raum fĂŒr die Entwicklung besseren moralischen FĂŒhlens. Die hohe Entwicklung der Elternliebe in allen Klassen des Tierreiches, selbst bei Löwen und Tigern, ist allgemein bekannt. Was die jungen Vögel und SĂ€ugetiere angeht, die wir fortwĂ€hrend sich vereinigen sehen, so erreicht die Sympathie – nicht Liebe – in ihren Vereinigungen eine weitere Stufe. Wenn wir die wirklich rĂŒhrenden Tatsachen gegenseitiger AnhĂ€nglichkeit und MitgefĂŒhls beiseite lassen, die hinsichtlich unserer Haustiere und in Gefangenschaft gehaltener Tiere berichtet worden sind, haben wir eine Reihe gut bezeugter Tatsachen ĂŒber das MitgefĂŒhl unter wilden Tieren in Freiheit. Max Perty und L. BĂŒchner haben eine Reihe solcher Tatsachen zusammengestellt.54 J. T. Woods ErzĂ€hlung von einem Wiesel, das einen verletzten Genossen aufhob und wegtrug, genießt wohlverdiente PopularitĂ€t. Ebenso die Beobachtung des KapitĂ€n Stansbury auf seiner Reise nach Utah, die von Darwin angefĂŒhrt wird; er sah einen blinden Pelikan, der von allen Pelikanen mit Fischen gefĂŒttert, und zwar gut gefĂŒttert wurde, die aus einer Entfernung von dreißig Meilen hergeholt werden mussten. Und als eine Herde Vicunhas von JĂ€gern hitzig verfolgt wurde, sah H. A. Weddell mehr als einmal wĂ€hrend seiner Reise nach Bolivia und Peru, wie die starken MĂ€nnchen den RĂŒckzug der Herde deckten und im Hintergrund langsam gingen, um den RĂŒckzug zu schĂŒtzen.

Die Tatsachen des MitgefĂŒhls fĂŒr verwundete Genossen werden regelmĂ€ĂŸig von allen Zoologen, die in freier Natur forschen, berichtet. Solche Tatsachen sind ganz natĂŒrlich. Das Mitleid ist ein notwendiges Produkt des sozialen Lebens. Aber Mitleid bedeutet auch einen betrĂ€chtlichen Fortschritt der allgemeinen Intelligenz und EmpfindungsfĂ€higkeit. Es ist der erste Schritt zur Entwicklung der höheren sozialen GefĂŒhle. Es ist wiederum ein mĂ€chtiger Faktor zur Weiterentwicklung.

Wenn die Anschauungen, die auf den vorhergehenden Seiten niedergelegt sind, richtig sind, so erhebt sich die Frage, inwiefern sie mit der Theorie des Kampfes ums Dasein im Einklang sind, wie sie von Darwin, Wallace und ihren Nachfolgern entwickelt wurde, und ich will nun kurz auf diese wichtige Frage antworten. Vor allem: kein Naturforscher wird bezweifeln, dass die Idee eines Kampfes ums Dasein, durch die ganze organische Natur durchgefĂŒhrt, die grĂ¶ĂŸte Synthese unseres Jahrhunderts ist. Das Leben ist Kampf; und in diesem Kampf ĂŒberlebt der Geeignetste. Aber die Antworten auf die Fragen: »Mit welchen Waffen wird dieser Kampf hauptsĂ€chlich gefĂŒhrt?« und »Wer sind die Geeignetsten in diesem Kampf?« werden stark voneinander verschieden sein, je nachdem die zwei verschiedenen Formen des Kampfes betont werden: der direkte, der um Nahrung und Sicherheit zwischen getrennten Individuen gefĂŒhrt wird und der andere, den Darwin »metaphorisch« nannte – der Kampf, der, sehr oft gemeinsam, gegen feindliche UmstĂ€nde gefĂŒhrt wird. Niemand wird leugnen, dass es innerhalb jeder Art bis zu einem gewissen Grad wirklichen Streit um die Nahrung gibt – wenigstens zu gewissen Zeiten. Aber die Frage ist, ob der Kampf in dem Maße wirksam ist, wie es Darwin oder auch nur Wallace behaupten, und ob dieser Kampf in der Entwicklung des Tierreiches die Rolle gespielt hat, die ihm zugeschrieben wird.

Der Gedanke, der durch Darwins Werk hindurchgeht, ist sicher der eines wirklichen Kampfes, der sich innerhalb jeder Tiergruppe um Nahrung, Sicherheit und Möglichkeit, Nachkommen zu hinterlassen, abspielt. Er spricht oft von Gegenden, die bis zur Ă€ußersten Grenze mit tierischem Leben angefĂŒllt sind, und aus dieser ĂŒberfĂŒlle schließt er auf die Notwendigkeit des Kampfes. Aber wenn wir uns in seinem Werk nach wirklichen Beweisen fĂŒr diesen Kampf umsehen, mĂŒssen wir gestehen, dass wir sie nicht genĂŒgend ĂŒberzeugend finden. Wenn wir zu dem Abschnitt »Kampf ums Dasein sehr scharf zwischen Individuen und VarietĂ€ten derselben Art« greifen, so finden wir in ihm nichts von der FĂŒlle von Beweisen und Beispielen, die wir sonst in allem, was Darwin schrieb, zu finden gewohnt sind. Der Kampf zwischen Individuen derselben Art ist in diesem Abschnitt nicht durch ein einziges Beispiel belegt, er wird als zugegeben genommen, und der Kampf zwischen engverbundenen tierischen Arten ist nur durch fĂŒnf Beispiele belegt, von denen wenigstens eins (bezĂŒglich der zwei Drosselarten) jetzt zweifelhaft geworden ist. Aber wenn wir uns nach nĂ€heren Einzelheiten umsehen, um festzustellen, inwiefern die Abnahme einer Art wirklich von der Zunahme der anderen veranlasst wird, so sagt uns Darwin mit seiner gewohnten Offenheit: »Wir können undeutlich wahrnehmen, warum der Kampf zwischen benachbarten Formen, die fast denselben Platz in der Natur ausfĂŒllen, sehr scharf sein muss, aber wahrscheinlich in keinem Fall können wir prĂ€zis sagen, warum eine Art in der großen Schlacht des Lebens ĂŒber die andere den Sieg davongetragen hat.«

Was Wallace angeht, der dieselben Tatsachen unter einem leicht modifizierten Titel vortrĂ€gt (»Kampf ums Dasein zwischen engverwandten Tieren und Pflanzen oft sehr scharf«), so macht er die folgende Bemerkung (die gesperrten Stellen sind von mir hervorgehoben), die den angefĂŒhrten Tatsachen ein ganz anderes Aussehen gibt:

»In einigen FĂ€llen herrscht ohne Zweifel wirklicher Krieg zwischen den beiden, wobei der StĂ€rkere den SchwĂ€cheren tötet; aber dies ist keineswegs notwendig, und es kann FĂ€lle geben, in denen, physisch gesprochen, die schwĂ€chere Art durch ihre schnellere rermehrung, ihren besseren Widerstand gegen die WechselfĂ€lle des Klimas und ihre grĂ¶ĂŸere Gewandtheit, den Angriffen gemeinsamer Feinde zu entgehen, sich behauptet.«

In solchen FĂ€llen braucht, was als Kampf bezeichnet wird, nicht im geringsten Kampf zu sein. Eine Art unterliegt, nicht weil sie von der anderen Art vernichtet oder ausgehungert wird, sondern weil sie sich selbst neuen Bedingungen nicht gut anpaßt, wĂ€hrend die andere es tut. Der Ausdruck »Kampf ums Dasein« wird wiederum in seinem metaphorischen Sinn angewandt und kann keinen anderen haben. Was den wirklichen Kampf zwischen Individuen derselben Art angeht, der an anderer Stelle durch das Beispiel des sĂŒdamerikanischen Viehes wĂ€hrend einer Trockenheitsperiode belegt werden soll, so ist der Wert dieses Beispieles dadurch beeintrĂ€chtigt, dass es sich auf Haustiere bezieht. Wisente wandern unter gleichen UmstĂ€nden aus, um den Kampf zu vermeiden. So scharf auch der Kampf unter Pflanzen ist – und dies ist reichlich bewiesen – so mĂŒssen wir doch Wallaces Wort wiederholen: »Pflanzen leben, wo sie können«, wĂ€hrend die Tiere in hohem Maße die Macht haben, ihre Wohnung zu wĂ€hlen. So dass wir wiederum uns fragen: In welchem Maße besteht tatsĂ€chlicher Kampf innerhalb einer Tierart? Worauf grĂŒndet sich die Annahme?

Dieselbe Bemerkung gilt fĂŒr die indirekte BeweisfĂŒhrung zugunsten eines scharfen Kampfes ums Dasein innerhalb jeder Art, die man aus der »Vernichtung vorĂŒbergehender VarietĂ€ten«, wie sie Darwin so oft erwĂ€hnt, ableiten kann. Es ist bekannt, dass Darwin sich lange Zeit mit der Schwierigkeit plagte, die er darin erblickte, dass eine geschlossene Kette von Zwischengliedern zwischen nahverwandten Arten fehlte, und es ist bekannt, dass er die Lösung dieser Schwierigkeit in der Annahme der Austilgung der Zwischenglieder fand.

Indessen bringt einen das aufmerksam Lesen der verschiedenen Kapitel, in denen Darwin und Wallace ĂŒber dieses Thema sprechen, bald zu dem Schluss, dass das Wort »Vertilgung« nicht wirkliche Vertilgung bedeutet; dieselbe Bemerkung, die Darwin hinsichtlich des Ausdruckes »Kampf ums Dasein« machte, ist offenbar auch auf das Wort »Vertilgung« (Extermination) anzuwenden. Es kann durchaus nicht in seiner ursprĂŒnglichen Bedeutung verstanden, muss vielmehr »in seinem metaphorischen Sinne« genommen werden.

Wenn wir von der Voraussetzung ausgehen, dass ein bestimmtes Gebiet von Tieren so erfĂŒllt ist, dass es sie nicht mehr ernĂ€hren kann, und dass ein scharfer Kampf um die nackte Existenz infolgedessen zwischen all seinen Bewohnern herrscht – wo jedes Tier gezwungen ist, gegen alle Artgenossen zu kĂ€mpfen, um seine tĂ€gliche Nahrung zu finden – dann wĂŒrde in der Tat die Erscheinung einer neuen, glĂŒcklichen VarietĂ€t in vielen FĂ€llen (nicht in allen) die Erscheinung von Individuen bedeuten, die imstande sind, mehr als den ihnen zukommenden Anteil von den Existenzmitteln sich anzueignen, und das Resultat wĂ€re, dass diese Individuen sowohl die ursprĂŒngliche Form, die die neue VerĂ€nderung nicht besitzt, wie die Zwischenformen, die sie nicht im selben Grad besitzen, aushungern wĂŒrde. Es kann sein, dass ursprĂŒnglich Darwin die Erscheinungen neuer VarietĂ€ten in diesem Sinne auffasste; wenigstens macht der hĂ€ufige Gebrauch des Wortes »Austilgung« diesen Eindruck. Aber er wie Wallace kannten die Natur zu gut, um nicht zu wissen, dass das durchaus nicht der einzig mögliche und notwendige Lauf der Dinge ist.

Wenn die physikalischen und biologischen Bedingungen eines bestimmten Gebietes, der Umfang des Gebietes, das von einer bestimmten Art bewohnt wird, und die Gewohnheiten aller Glieder der letzteren unverĂ€ndert blieben – dann könnte die plötzliche Erscheinung einer neuen VarietĂ€t das Aussterben und die Vertilgung aller der Individuen bedeuten, die nicht in genĂŒgendem Maße die neuen Eigenschaften besĂ€ĂŸen, durch die die neue VarietĂ€t charakterisiert wird. Aber ein solches Zusammentreffen von UmstĂ€nden ist genau das, was wir in der Natur nicht wahrnehmen. Jede Art strebt immer danach, ihren Bezirk zu erweitern; die Wanderung nach neuen WohnstĂ€tten ist die Regel, bei der langsamen Schnecke ebenso wie beim schnellen Vogel; physische VerĂ€nderungen gehen fortwĂ€hrend auf jedem bestimmten Gebiet vor sich, und neue VarietĂ€ten entstehen bei den Tieren in einer außerordentlichen Zahl von FĂ€llen vielleicht in der Mehrheit – nicht dadurch, dass ihnen neue Waffen wachsen, um ihren Verwandten das Futter vom Munde wegzufangen das Futter ist nur eine aus den hundert verschiedenen Lebensnotwendigkeiten – sondern, wie Wallace selbst in einem reizenden Abschnitt ĂŒber die »Verschiedenheit der Charaktere« (Darwinism, S. 107) zeigt, dadurch, dass sich neue Gewohnheiten herausbilden, dass neue WohnstĂ€tten ausgesucht werden und dass neue Arten Futter genommen werden. In allen solchen FĂ€llen wird es keine Vernichtung geben, nicht einmal Kampf – die neue Anpassung löst den Kampf ab, wenn er je da war, und doch werden nach etlicher Zeit gewisse Verbindungsglieder fehlen, weil bloß die ĂŒberlebten, die fĂŒr die neuen Bedingungen die geeignetsten sind – ebenso sicher, wie bei der Hypothese der Austilgung der Vorfahrenform. Es braucht kaum hinzugefĂŒgt zu werden, dass, wenn wir mit Spencer, allen Lamarckianern und Darwin selbst den modifizierenden Einfluss der Umgebung auf die Art annehmen, dass dann noch weniger die Notwendigkeit einer Vernichtung der Zwischenglieder vorliegt.

Die Bedeutung der Wanderung und der damit zusammenhĂ€ngenden Isolierung von Tiergruppen fĂŒr das Entstehen neuer VarietĂ€ten und schließlich neuer Arten, auf die von Moritz Wagner hingewiesen wurde, war von Darwin selbst völlig anerkannt worden. SpĂ€tere Forschungen haben die Bedeutung dieses Faktors nur noch mehr hervortreten lassen, und sie haben gezeigt, wie der Umfang des Gebietes, das von einer bestimmten Art besiedelt ist – den Darwin mit vollem Recht fĂŒr so bedeutungsvoll fĂŒr das Auftreten neuer VarietĂ€ten hielt – mit der Isolierung bestimmter Teile der Art, infolge von örtlichen geologischen VerĂ€nderungen oder infolge von örtlichen Hindernissen, in Verbindung stehen kann. Es wĂ€re unmöglich, hier in eine Erörterung dieser ausgedehnten Frage einzutreten, aber ein paar Beispiele werden die kombinierte Wirkung dieser beiden Faktoren ansehnlich machen können. Es ist bekannt, dass Teile einer bestimmten Art oft zu einer neuen Art Futter ĂŒbergehen. Die Eichhörnchen z. B. ziehen, wenn in den LĂ€rchenwĂ€ldern die Zapfen knapp werden, in die Kiefernwaldungen, und dieser Wechsel in der Nahrung ĂŒbt auf die Eichhörnchen gewisse bekannte physiologische Wirkungen aus. Wenn diese VerĂ€nderung in den Gewohnheiten nicht von Dauer ist – wenn nĂ€chstes Jahr in den dunkeln LĂ€rchenwĂ€ldern wieder reichlich Zapfen sind – dann entsteht natĂŒrlich dadurch keine neue VarietĂ€t Eichhörnchen. Aber wenn ein Teil des weiten Gebietes, das die Eichhörnchen besiedeln, in seiner physischen Natur anders zu sein beginnt – sagen wir, infolge eines milderen Klimas oder grĂ¶ĂŸerer Trockenheit – beide UmstĂ€nde bewirken, dass die FichtenwĂ€lder sich im Vergleich zu den LĂ€rchenwaldungen vermehren – und wenn noch einige andere UmstĂ€nde dazu kommen, die die Eichhörnchen veranlassen, jenseits der Gegend, die der Trockenheit ausgesetzt ist, zu wohnen – dann werden wir eine neue VarietĂ€t haben, das heißt, eine beginnende neue Eichhörnchenart, ohne dass irgendetwas vorhanden gewesen wĂ€re, was den Namen Austilgung bei den Eichhörnchen verdienen wĂŒrde. Jedes Jahr wĂŒrde ein grĂ¶ĂŸerer Teil Eichhörnchen der neuen, besser angepassten Art am Leben bleiben, und die Zwischenglieder wĂŒrden im Laufe der Zeit aussterben, ohne dass sie durch malthusianische kĂ€mpfende Konkurrenten ausgehungert wĂŒrden. Genau das sehen wir wĂ€hrend der großen physischen VerĂ€nderungen sich ereignen, die in weiten Gebieten Zentralasiens infolge der Trockenheit vor sich gehen, die dort seit der Eiszeit mehr und mehr zunimmt.

Nehmen wir ein anderes Beispiel. Es ist von den Geologen bewiesen worden, dass unser jetziges wildes Pferd (Equus Przewalski) langsam in den spĂ€teren Zeiten der TertiĂ€r- und der QuaternĂ€rperiode sich entwickelt hat, aber dass seine Vorfahren nicht auf ein bestimmtes, begrenztes Gebiet des Erdballs beschrĂ€nkt waren. Sie wanderten ĂŒber die alte und neue Welt und kehrten aller Wahrscheinlichkeit zufolge nach einiger Zeit zu den Weiden zurĂŒck, die sie im Laufe ihrer Wanderungen frĂŒher verlassen hatten. Wenn wir also jetzt in Asien nicht alle Verbindungsglieder zwischen dem jetzigen Wildpferd und seinen asiatischen Post-TertiĂ€r-Vorfahren finden, so bedeutet das nicht im Geringsten, dass die Verbindungsglieder vernichtet worden sind. Keine solche Vernichtung hat je stattgefunden. Nicht einmal eine ausnahmsweise Sterblichkeit braucht es unter den Vorfahrenarten gegeben zu haben: die Individuen, die zu verbindenden VarietĂ€ten und Arten gehörten, sind im ĂŒblichen Lauf der Geschehnisse gestorben – oft inmitten reichlicher Nahrung, und ihre Überreste wurden ĂŒber den ganzen Erdball weg der Erde ĂŒbergeben. Kurz, wenn wir diese Sache genau untersuchen und achtsam noch einmal lesen, was Darwin selbst darĂŒber schrieb, so sehen wir, dass das Wort »Austilgung«, wenn es ĂŒberhaupt aus vorĂŒbergehenden VarietĂ€ten anzuwenden ist, in seinem metaphorischen Sinne verstanden werden muss. Was die »Konkurrenz« (competition) angeht, so ist auch dieser Ausdruck von Darwin immer als Bild oder eine Art zu sprechen angewandt worden (siehe z. B. den Abschnitt Â»Ăœber Vernichtung«), aber nicht mit der Absicht, die Vorstellung eines wirklichen Kampfes und einer Konkurrenz zwischen zwei Teilen derselben Art um die Existenzmittel zu erzeugen. In jedem Fall ist das Fehlen von Verbindungsformen kein Beweis zugunsten dieser Annahme.

In Wirklichkeit ist das Hauptargument zugunsten einer scharfen Konkurrenz, die fortwĂ€hrend um der Existenzmittel willen in jeder Tierart vor sich gehen soll – um den Ausdruck des Professor Geddes zu gebrauchen – das von Malthus entlehnte »arithmetische Argument«.

Aber dieses Argument ist durchaus kein Beweis dafĂŒr. Wir könnten ebenso gut eine Anzahl Dörfer im sĂŒdöstlichen Russland nehmen, deren Einwohner sich einer FĂŒlle von Nahrung erfreuen, aber nicht die geringsten hygienischen Einrichtungen haben; wenn wir nun sehen, dass wĂ€hrend der letzten achtzig Jahre die Geburtsziffer sechzig von tausend war, wĂ€hrend die Bevölkerung heute ist, was sie vor achtzig Jahren war – wĂŒrden wir daraus den Schluss ziehen: hier muss eine mörderische Konkurrenz unter den Einwohnern stattgefunden haben? Die Wahrheit ist, dass von Jahr zu Jahr die Bevölkerung stationĂ€r blieb, aus dem einfachen Grunde, weil ein Drittel der Neugeborenen starb, bevor sie sechs Monate alt waren; die HĂ€lfte starb innerhalb der nĂ€chsten vier Jahre, und von je hundert Geburten erreichten nur etwa siebzehn das Alter von zwanzig Jahren. Die Neuangekommenen gingen fort, bevor sie alt genug waren, um Konkurrenten zu sein. Es ist klar, dass dasselbe, was bei den Menschen der Fall ist, noch mehr bei den Tieren zutrifft. Im Vogelreich geht die Zerstörung der Eier in so fĂŒrchterlichem Maße vor sich, dass Eier die Hauptnahrung verschiedener Arten im FrĂŒhsommer sind; nicht zu reden von den StĂŒrmen und Überschwemmungen, die Millionen von Nestern in Amerika zerstören, und den plötzlichen WitterungsumschlĂ€gen, die den jungen SĂ€ugetieren verhĂ€ngnisvoll sind. Jeder Sturm, jede Überschwemmung, jeder Besuch einer Ratte in einem Vogelnest, jeder plötzliche Umschlag der Temperatur nimmt die Konkurrenten und KĂ€mpfer weg, die in der Theorie so schrecklich scheinen.

Was die Tatsachen der Ă€ußerst schnellen Vermehrung der Pferde und Rinder in Amerika, der Schweine und Kaninchen in Neuseeland und selbst der aus Europa eingefĂŒhrten wilden Tiere angeht (in Europa wird ihre Zahl vom Menschen niedergehalten, nicht von der Konkurrenz), so scheinen sie eher gegen die Übervölkerungstheorie zu sprechen. Wenn Pferde und Rinder sich in Amerika so Ă€ußerst schnell vermehren konnten, so bewies das nur, dass trotz der zahllosen BĂŒffel und anderer WiederkĂ€uer, die zu der Zeit in der neuen Welt lebten, die grasessende Bevölkerung doch weit unter dem blieb, was die PrĂ€rien ernĂ€hren konnten. Wenn Millionen von Eindringlingen reichlich Nahrung gefunden haben, ohne dass sie die frĂŒhere Bevölkerung der PrĂ€rien aushungerten, so mĂŒssen wir eher schließen, dass die EuropĂ€er in Amerika zu wenig Grasfresser vorfanden, nicht zu viel. Und wir haben allen Grund zu der Annahme, dass Mangel an tierischer Bevölkerung der natĂŒrliche Stand der Dinge in der ganzen Welt ist, mit nur wenigen vorĂŒbergehenden Ausnahmen von der Regel. Die jeweilige Anzahl von Tieren in einer Gegend bestimmt sich nicht durch das Maximum dessen, was die Gegend an Nahrung aufbringen kann, sondern durch das, was unter den ungĂŒnstigsten UmstĂ€nden an Nahrung da ist, so dass, aus diesem Grund allein, die Konkurrenz schwerlich ein normaler Zustand sein kann, aber es kommen noch andere GrĂŒnde dazu, die die tierische Bevölkerung selbst unter diese niedrige Grenze hinabdrĂŒcken. Wenn wir die Pferde und Rinder als Beispiel nehmen, die den ganzen Winter hindurch in den Steppen Transbaikaliens grasen, so finden wir sie am Ende des Winters sehr abgemagert und erschöpft. Aber sie werden nicht darum erschöpft, weil nicht genug Nahrung fĂŒr sie alle da ist – das Gras, das unter einer dĂŒnnen Schneeschicht verschĂŒttet ist, wĂ€chst ĂŒberall in FĂŒlle – sondern um der Schwierigkeit willen, es unter dem Schnee hervorzuholen, und diese Schwierigkeit ist fĂŒr alle Pferde in gleicher Weise dieselbe. Außerdem sind im ersten FrĂŒhjahr hĂ€ufig Tage mit strengem Frost, und wenn mehrere solche Tage hintereinanderkommen, werden die Pferde noch mehr erschöpft. Aber dann kommt ein Schneesturm, der die schon geschwĂ€chten Tiere zwingt, mehrere Tage ohne jede Nahrung zu bleiben, und sie sterben in sehr großer Zahl. Die Verluste wĂ€hrend des FrĂŒhjahrs sind so groß, dass sie, wenn die Jahreszeit unfreundlicher gewesen ist als in der Regel, nicht einmal durch die neuen Geburten ausgeglichen werden – umso mehr, als alle Pferde erschöpft sind, und die jungen FĂŒllen in schwĂ€cherer Verfassung geboren werden. Die Zahl der Pferde und Rinder bleibt so immer unter dem, was sie andernfalls sein könnte; das ganze Jahr ist Nahrung fĂŒr fĂŒnf- oder sechsmal soviel Tiere vorhanden, und doch wĂ€chst ihre Menge Ă€ußerst langsam. Aber sowie der burĂ€tische Besitzer einen kleinen Vorrat Heu in die Steppen tut und ihn wĂ€hrend der strengen Frosttage oder der heftigeren SchneefĂ€lle aufschĂŒttelt, sieht er sofort, dass seine Herde zunimmt. Fast alle frei lebenden Grasfresser und viele Nagetiere in Asien und Amerika leben unter sehr Ă€hnlichen Bedingungen und so können wir getrost sagen, dass ihre Zahl nicht durch die Konkurrenz niedergehalten wird, dass sie zu keiner Zeit des Jahres um die Nahrung streiten können und dass der Grund, warum sie nie einen Zustand erreichen, der so etwas wie Übervölkerung ist, am Klima liegt, aber nicht an der Konkurrenz.

Die Bedeutung der natĂŒrlichen Hemmungen gegen die Übervermehrung und besonders ihre Tragweite hinsichtlich der Konkurrenz Hypothese scheint nie genug beachtet worden zu sein. Die Hemmungen oder besser: einige von ihnen werden erwĂ€hnt, aber ihre Wirksamkeit wird selten in ihren Einzelheiten erforscht. Wenn wir indessen die Wirksamkeit der natĂŒrlichen Hemmnisse mit der der Konkurrenz vergleichen, so mĂŒssen wir sofort zugestehen, dass die letzte nicht den geringsten Vergleich mit den anderen Hemmungen aushĂ€lt. So erwĂ€hnt Mr. Bates die wirklich erstaunliche Ziffer der fliegenden Ameisen, die wĂ€hrend ihres Ausfluges vernichtet werden. Die toten oder halbtoten Körper der Formica de fuego (Myrmica saevissima), die wĂ€hrend einer starken Brise in den Fluss geweht worden waren, »waren einen oder zwei Zoll hoch und ebenso breit in einer Linie aufgehĂ€uft, die ohne Unterbrechung meilenweit am Saum des Wassers weiterging«. Myriaden von Ameisen werden so inmitten einer Natur zerstört, die hundertmal so viel erhalten könnte, als gegenwĂ€rtig leben. Dr. Altum, ein deutscher Forstmann, der ein sehr interessantes Buch ĂŒber die Tiere schrieb, die unseren WĂ€ldern schĂ€dlich sind, gibt auch viele Tatsachen, die die außerordentliche Bedeutung natĂŒrlicher Hindernisse zeigen. Er sagt, dass aufeinanderfolgende StĂŒrme oder kaltes und nasses Wetter wĂ€hrend des Ausfluges des Kiefernspinners (Bombyx pini) ihn in unglaublichen Massen zerstören, und wĂ€hrend des FrĂŒhlings im Jahre 1871 verschwanden diese Spinner alle auf einmal, wahrscheinlich durch aufeinanderfolgende kalte NĂ€chte getötet. Viele Ă€hnliche Beispiele hinsichtlich verschiedener Insekten könnten aus verschiedenen Teilen Europas genannt werden. Dr. Altum erwĂ€hnt auch die Vögel, die dem Kiefernspinner feindlich sind, und die FĂŒchse, die massenhaft ihre Eier zerstören, aber er fĂŒgt auch hinzu, dass die parasitĂ€ren Pilze, die ihn zuzeiten ĂŒberfallen, ein weitaus schrecklicherer Feind sind als irgendein Vogel, weil sie den Spinner aus sehr großen Gebieten auf einmal zerstören. Was mehrere MĂ€usearten angeht (Mus sylvaticus, Arvicola arvalis und A. agrestis), so gibt derselbe Verfass er eine lange Liste ihrer Feinde, aber bemerkt dazu: »Die schrecklichsten Feinde der MĂ€use jedoch sind nicht andere Tiere, sondern die schrecklichen Witterungswechsel, wie sie in jedem Jahre vorkommen. « Abwechselnd kaltes und warmes Wetter zerstört sie in zahllosen Mengen; »ein einziger plötzlicher Wechsel kann Tausende von MĂ€usen auf die Zahl von ein paar Individuen verringern«. Andererseits bewirkt ein warmer Winter oder ein Winter, der allmĂ€hlich einsetzt, dass sie sich in bedrohlichem Maße vermehren, trotz allen Feinden; das war der Fall in den Jahren 1876 und 1877. Die Konkurrenz erscheint also im Falle der MĂ€use als ganz unbedeutender Faktor im Vergleich mit dem Wetter. Andere Tatsachen, die dasselbe beweisen, werden auch fĂŒr die Eichhörnchen mitgeteilt.

Was die Vögel angeht, so ist es bekannt, wie sie unter plötzlichen WitterungsumschlĂ€gen leiden. spĂ€te SchneestĂŒrme sind fĂŒr das Leben der Vögel auf den englischen Heiden ebenso verderblich wie in Sibirien; und Ch. Dixon sah das Schneehuhn wĂ€hrend einiger ausnahmsweise strenger Winter so bedrĂ€ngt, dass sie die Heiden in Scharen verließen, »und wir haben dann erfahren, dass sie jetzt in den Straßen von Sheffield gefangen werden. Anhaltende NĂ€sse«, fĂŒgt er hinzu, »ist fast ebenso verhĂ€ngnisvoll fĂŒr sie.«

Andererseits zerstören die ansteckenden Krankheiten, die fortwĂ€hrend die meisten Tierarten heimsuchen, die Tiere in solchen Massen, dass die Verluste oft jahrelang nicht wieder eingebracht werden können, selbst bei den Tieren, die sich Ă€ußerst schnell vermehren. So verschwanden vor einigen sechzig Jahren die Susliks plötzlich aus der Nachbarschaft von Sarepta in SĂŒdostRussland infolge von epidemischen Krankheiten, und jahrelang wurden in diesen Gegenden keine Ziesel gesehen. Es dauerte viele Jahre, bis sie wieder so zahlreich wurden, wie sie frĂŒher waren.

Ähnliche Tatsachen, die alle geeignet sind, die Bedeutung des Konkurrenzkampfes zu verringern, könnten massenhaft aufgefĂŒhrt werden. NatĂŒrlich könnte mit Darwins Worten erwidert werden, dass trotzdem jedes organische Wesen »in einer bestimmten Periode seines Lebens, wĂ€hrend einer bestimmten Jahreszeit, wĂ€hrend jeder Generation oder in ZwischenrĂ€umen, ums Leben zu kĂ€mpfen hat und große Vernichtung erdulden muss«, und dass die Geeignetsten wĂ€hrend solcher Zeiten des harten Kampfes ums Dasein ĂŒberleben. Aber wenn die Entwicklung des Tierreiches ausschließlich oder auch nur hauptsĂ€chlich auf das Überleben der Geeignetsten in Zeiten des UnglĂŒckes sich grĂŒndete, wenn die natĂŒrliche Auslese in ihrer Wirksamkeit auf Zeiten ausnahmsweiser Trockenheit oder plötzlicher TemperaturumschlĂ€ge oder Überschwemmungen beschrĂ€nkt wĂ€re, dann wĂ€re der RĂŒckschritt die Regel im Tierreich. Solche Individuen, die eine Hungersnot oder eine heftige Choleraepidemie oder die Pocken oder die Diphtherie, wie wir sie in unzivilisierten Gegenden vorfinden, ĂŒberleben, sind weder die stĂ€rksten noch die gesĂŒndesten, noch die intelligentesten. Kein Fortschritt könnte sich auf solches ĂŒberleben grĂŒnden – umso weniger, als alle ĂŒberlebenden gewöhnlich aus der PrĂŒfung mit geschwĂ€chter Gesundheit hervorgehen, wie die eben erwĂ€hnten Pferde aus Transbaikalien oder die Mannschaften einer Nordpolfahrt oder die Garnison einer Festung, die ein paar Monate lang gezwungen war, von halben Rationen zu leben, und aus dieser Leidenszeit mit gebrochener Gesundheit hervorgeht und infolgedessen eine ganz abnorme Sterblichkeit aufweist. Alles, was die natĂŒrliche Auslese in Zeiten des UnglĂŒckes tun kann, ist, dass die Individuen geschont werden, die mit der grĂ¶ĂŸten Ausdauer im Ertragen von Entbehrungen allerart begabt sind. So geschieht es bei den sibirischen Pferden und Rindern. Sie sind ausdauernd, sie können im Fall der Not sich von der Polarbirke ernĂ€hren, sie widerstehen der KĂ€lte und dem Hunger. Aber kein sibirisches Pferd ist imstande, auch nur die halbe Last zu tragen, die ein europĂ€isches Pferd mit Leichtigkeit trĂ€gt; keine sibirische Kuh gibt halb so viel Milch als eine Kuh von Jersey, und keine Eingeborenen aus unzivilisierten LĂ€ndern können den Vergleich mit EuropĂ€ern aushalten. Sie mögen Hunger und KĂ€lte besser ertragen, aber ihre physische Kraft ist sehr tief unter der eines wohlgenĂ€hrten EuropĂ€ers, und ihr intellektueller Fortschritt ist verzweifelt langsam. »Das Übel kann kein Gutes hervorbringen«, wie Tschernyschewskij in einem bemerkenswerten Essay ĂŒber den Darwinismus geschrieben hat.

GlĂŒcklicherweise ist Konkurrenz weder im Tierreich noch in der Menschheit die Regel. Sie beschrĂ€nkt sich unter Tieren auf Ausnahmezeiten, und die natĂŒrliche Auslese findet bessere Gelegenheiten zu ihrer Wirksamkeit. Bessere ZustĂ€nde werden geschaffen durch die Überwindung der Konkurrenz durch gegenseitige Hilfe. In dem großen Kampf ums Dasein – fĂŒr die möglichst große FĂŒlle und IntensitĂ€t des Lebens mit dem geringsten Aufwand an Kraft – sucht die natĂŒrliche Auslese fortwĂ€hrend ausdrĂŒcklich die Wege aus, auf denen sich die Konkurrenz möglichst vermeiden lĂ€sst. Die Ameisen vereinigen sich in Haufen und Völkern, sie stapeln ihre VorrĂ€te auf, sie halten sich ihr Vieh – und vermeiden so die Konkurrenz; und die natĂŒrliche Auslese wĂ€hlt aus der Familie der Ameisen die Arten aus, die es am besten verstehen, die Konkurrenz mit ihren unabwendbar verderblichen Folgen zu vermeiden. Die meisten unter unseren Vögeln wenden sich langsam nach SĂŒden, wenn der Winter kommt, oder versammeln sich in zahllosen Gesellschaften und unternehmen lange Reisen – und vermeiden so die Konkurrenz. Viele Nagetiere fallen in Schlaf, wenn die Zeit kommt, wo sonst die Konkurrenz eintreten wĂŒrde; und wieder andere Nagetiere stapeln Nahrung fĂŒr den Winter auf und versammeln sich in großen Kolonien, um den nötigen Schutz zu haben, wĂ€hrend sie an der Arbeit sind. Die Renntiere wandern, wenn die Flechten im Innern des Landes vertrocknet sind, gegen die See. BĂŒffel durchqueren einen ungeheuren Kontinent, um reichlich Nahrung zu finden. Und wenn die Biber an einem Fluss zahlreich werden, teilen sie sich in zwei Partien und gehen, die Alten flussabwĂ€rts und die Jungen flussaufwĂ€rts – und vermeiden die Konkurrenz. Und wenn Tiere weder in Schlaf verfallen noch auswandern, noch VorrĂ€te sammeln, noch selbst ihre Nahrung zĂŒchten können wie die Ameisen, dann tun sie, was die Meise tut, und was Wallace (Darwinismus, Kap. V) so reizend beschrieben hat: sie gehen zu einer neuen Art Nahrung ĂŒber – und vermeiden so ebenfalls die Konkurrenz.

»Streitet nicht! – Streit und Konkurrenz ist der Art immer schĂ€dlich, und ihr habt reichlich die Mittel, sie zu vermeiden!« Das ist die Tendenz der Natur, die nicht immer völlig verwirklicht wird, aber immer wirksam ist. Das ist die Parole, die aus dem Busch, dem Wald, dem Ruß, dem Ozean zurĂŒckkommt. »Daher vereinigt euch – ĂŒbt gegenseitige Hilfe! Das ist das sicherste Mittel, um all und jedem die grĂ¶ĂŸte Sicherheit, die beste Garantie der Existenz und des Fortschrittes zu geben, körperlich, geistig und moralisch.« Das ist es, was die Natur uns lehrt, und das ist es, was alle die Tiere, die die höchste Stufe in ihren Klassen erreicht haben, getan haben. Das ist es auch, was der Mensch – der primitivste Mensch – getan hat; und darum hat der Mensch die Stufe erreicht, auf der wir jetzt stehen, wie wir in den folgenden Kapiteln sehen werden, die der gegenseitigen Hilfe in menschlichen Gesellschaften gewidmet sind.

3. Gegenseitige Hilfe bei den Wilden

Annahme eines Kampfes aller gegen alle. – Die Entstehung der menschlichen Gesellschaft aus dem Stamm. – SpĂ€tes Auftreten der getrennten Familie. – BuschmĂ€nner und Hottentotten. – Australier, Papuas. – Eskimos, Aleuten. – Das Leben der Wilden in seinen Besonderheiten fĂŒr EuropĂ€er schwer zu verstehen. – Des Dayaks Auffassung von der Gerechtigkeit. – Gemeines Recht

Die ungeheure Rolle, die die gegenseitige Hilfe in der Entwicklung des Tierreiches spielt, ist in den vorhergehenden Kapiteln kurz untersucht worden. Wir haben jetzt auf die Rolle einen Blick zu werfen, die dieselben TriebkrĂ€fte in der Entwicklung der Menschheit spielen. Wir sahen, wie gering an Zahl die Tierarten sind, die ein isoliertes Leben fĂŒhren, und wie zahllos die, die in Gesellschaften leben, entweder zur gegenseitigen Verteidigung, oder zur Jagd und zum Einsammeln der Nahrung, oder zum Aufziehen der Jungen oder einfach zum gemeinsamen Lebensgenuss. Wir sahen auch, dass zwar ein gut Teil Krieg zwischen verschiedenen Klassen oder verschiedenen Arten oder selbst verschiedenen StĂ€mmen derselben Art herrscht, dass aber Friede und gegenseitiger Beistand innerhalb des Stammes oder der Art die Regel sind, und dass die Arten, die es am besten verstehen, sich zu vereinigen und die Konkurrenz zu vermeiden, die besten Aussichten haben, zu ĂŒberleben und eine weitere fortschreitende Entwickelung zu nehmen. Sie gedeihen, wĂ€hrend die ungeselligen Arten zugrunde gehen.

Es ist klar, dass es ganz im Gegensatz zu allem, was wir von der Natur wissen, stĂŒnde, wenn die Menschen eine Ausnahme von einer so allgemeinen Regel wĂ€ren: wenn ein Geschöpf, das so wehrlos ist, wie es der Mensch in seinen AnfĂ€ngen war, seinen Schutz und seinen Weg zum Fortschritt nicht in gegenseitigem Beistand gefunden hĂ€tte gleich anderen Tieren, sondern in rĂŒcksichtslosem Kampf um persönliche Vorteile, ohne sich um die Interessen der Art zu kĂŒmmern. Einem Geist, der an die Idee der Einheit in der Natur gewöhnt ist, erkennt eine solche Vorstellung Ă€ußerst unhaltbar. Und doch, so unwahrscheinlich und unphilosophisch sie ist, hat es ihr nie an Verteidigern gefehlt. Es hat immer Schriftsteller gegeben, die eine pessimistische Ansicht von der Menschheit hatten. Sie nahmen ihre Kenntnisse, mehr oder weniger oberflĂ€chlich, aus ihrer eigenen beschrĂ€nkten Erfahrung; sie wussten von der Geschichte, was die Chronisten, die immer auf Kriege, Grausamkeit und UnterdrĂŒckung achteten, von ihr berichteten, und wenig darĂŒber hinaus, und sie schlossen daraus, die Menschheit sei nichts als eine lose Ansammlung von Lebewesen, die immer bereit seien, miteinander zu kĂ€mpfen, und nur durch das Eingreifen einer Gewalt daran verhindert wĂŒrden. Hobbes nahm diese Stellung ein, und wĂ€hrend einige seiner Nachfolger im 18. Jahrhundert sich bemĂŒhten, zu zeigen, dass in keiner Epoche ihrer Existenz – nicht einmal in ihren primitivsten ZustĂ€nden – die Menschheit in einem Zustand bestĂ€ndigen Krieges lebte, dass die Menschen auch im »Naturzustand« gesellig gewesen sind, und dass eher Mangel an Kenntnissen als die natĂŒrlichen bösen Neigungen des Menschen die Menschheit zu all den GrĂ€ueln ihrer geschichtlichen FrĂŒhzeit brachte, war im Gegensatz dazu ihre Idee, dass der sogenannte »Naturzustand« nichts war als ein fortwĂ€hrender Krieg zwischen Individuen, die durch eine bloße Laune ihrer tierischen Existenz durcheinandergewĂŒrfelt waren. Zwar hat die Wissenschaft seit den Zeiten Hobbes‘ einige Fortschritte gemacht, und wir stehen auf festerem Grund als die Spekulationen von Hobbes oder Rousseau. Aber die Hobbessche Philosophie hat noch eine Menge AnhĂ€nger, und wir haben erst in letzter Zeit eine ganze Schriftstellerschule gehabt, die mehr von Darwins Schlagworten als von seinen leitenden Gedanken Besitz ergriffen und daraus ein Argument zugunsten Hobbesscher Anschauungen ĂŒber den primitiven Menschen machten und denen es sogar gelang, ihnen ein wissenschaftliches Aussehen zu geben. Huxley ĂŒbernahm bekanntlich die FĂŒhrung dieser Schule, und in einem Aufsatz, den er im Jahre 1888 schrieb, stellte er die primitiven Menschen als eine Art Tiger oder Löwe dar, die aller ethischen Vorstellungen bar seien, den Kampf ums Dasein bis zum bitteren Ende durchfĂŒhrten und ein Leben »bestĂ€ndigen rĂŒcksichtslosen Kampfes« fĂŒhrten; um seine eigenen Worte zu zitieren: »abgesehen von den beschrĂ€nkten und nur zeitweiligen Beziehungen der Familie war der Hobbessche Krieg aller gegen alle der normale Zustand, zu existieren.«

Es ist mehr als einmal bemerkt worden, dass der Hauptirrtum Hobbes‘ und ebenso sehr der Philosophen des 18. Jahrhunderts darin bestand, dass sie sich einbildeten, die Menschheit habe ihr Leben in Gestalt kleiner umherstreifender Familien begonnen, so Ă€hnlich wie die »beschrĂ€nkten und zeitweiligen« Familien der grĂ¶ĂŸeren Raubtiere, wĂ€hrend wir jetzt positiv wissen, dass das in Wirklichkeit nicht der Fall war. NatĂŒrlich haben wir keinen unmittelbaren Beweis fĂŒr die Formen des Lebens bei den ersten menschenartigen Geschöpfen. Wir sind noch nicht einmal einig ĂŒber die Zeit ihres ersten Auftretens, da die Geologen jetzt geneigt sind, ihre Spuren im PliozĂ€n oder gar MiozĂ€n, Ablagerungen der TertiĂ€rperiode, zu sehen. Aber wir haben die indirekte Methode, die es uns erlaubt, selbst auf dieses entlegene Altertum etwas Licht zu werfen. WĂ€hrend der letzten vierzig Jahre ist eine sehr sorgfĂ€ltige Forschung ĂŒber die sozialen Einrichtungen der niedrigsten Rassen im Gange gewesen und sie hat unter den gegenwĂ€rtigen Einrichtungen primitiver Völker einige Spuren noch Ă€lterer Einrichtungen aufgedeckt, die lange verschwunden sind, aber trotzdem unverkennbare Spuren ihres frĂŒheren Daseins hinterlassen haben. Eine ganze Wissenschaft, die der Embryologie der menschlichen Einrichtungen gewidmet ist, hat sich so unter den HĂ€nden von Bachofen, Mac Lennan, Morgan, E. B. Tylor, Maine, Post, Kowalewsky, Lubbock und vielen anderen herausgebildet. Und diese Wissenschaft hat es ĂŒber allen Zweifel erhoben, dass die Menschheit ihr Leben nicht in Gestalt kleiner isolierter Familien begonnen hat.

Weit entfernt, eine primitive Form der Organisation zu sein, ist die Familie vielmehr ein sehr spĂ€tes Produkt menschlicher Entwicklung. Soweit wir in der PalĂ€o-Ethnologie der Menschheit zurĂŒckgehen können, finden wir Menschen, die in Gesellschaften leben – in StĂ€mmen Ă€hnlich denen der höchsten SĂ€ugetiere; und eine Ă€ußerst langsame und lange Entwicklung war erforderlich, um diese Gesellschaften zur Gentil- oder Clanorganisation zu bringen, die ihrerseits wiederum eine andere, auch sehr lange Entwicklung durchmachen musste, ehe die ersten Keime der Familie, der polygamen oder monogamen, auftreten konnten. Gesellschaften, Horden oder StĂ€mme – nicht Familien – waren also die ursprĂŒngliche Form der Organisation der Menschheit und ihrer frĂŒhesten Vorfahren. Dazu ist die Ethnologie nach ihren unermĂŒdlichen Untersuchungen gelangt. Und damit kam sie lediglich zu dem, was der Zoologe hĂ€tte vorhersehen können. Keines der höheren SĂ€ugetiere, außer ein paar Raubtieren und ein paar unzweifelhaft in Verfall geratenen Affenarten (Orang-Utans und Gorillas), lebt in kleinen Familien, die sich isoliert in den WĂ€ldern herumtreiben. Alle anderen leben in Gesellschaften. Und Darwin verstand so gut, dass isoliert lebende Affen niemals sich in menschenĂ€hnliche Wesen hatten entwickeln können, dass er eher geneigt war, den Menschen als Abkömmling einer verhĂ€ltnismĂ€ĂŸig schwachen, aber sozialen Art, wie des Schimpansen, zu betrachten, als ihn von einer stĂ€rkeren, aber unsozialen Art, wie der Gorilla es ist, abstammen zu lassen. Die Zoologie und PalĂ€o- Ethnologie betrachten also ĂŒbereinstimmend die Herde, nicht die Familie, als frĂŒheste Form des sozialen Lebens. Die ersten Menschengesellschaften waren lediglich eine Weiterentwicklung der Gesellschaften, die das eigentliche Lebenselement der höheren Tiere bilden.

Wenn wir jetzt zu positiven Beweisen ĂŒbergehen, so sehen wir, dass die frĂŒhesten Spuren des Menschen, die aus der Eiszeit oder der frĂŒhesten Periode nach der Eiszeit stammen, unverkennbare Zeugnisse dafĂŒr liefern, dass der Mensch schon damals in Gesellschaften gelebt hat. Isolierte Funde von SteingerĂ€ten, selbst aus der alten Steinzeit, sind sehr selten; im Gegenteil, ĂŒberall, wo ein Flintwerkzeug entdeckt worden ist, kann man darauf rechnen, auch andere zu finden, oft in sehr großen Mengen. In einer Zeit, wo die Menschen in Höhlen oder unter zufĂ€llig vorstehenden Felsen, in Gesellschaft jetzt ausgestorbener SĂ€ugetiere wohnten und kaum imstande waren, die rohesten Sorten Feuersteinbeile zu verfertigen, kannten sie schon die Vorteile des Gesellschaftslebens. In den TĂ€lern der NebenflĂŒsse der Dordogne ist an einigen Stellen die Außenseite der Felsen mit Höhlen förmlich ĂŒbersĂ€t, die von Steinzeitmenschen bewohnt waren. Manchmal sind die Höhlenwohnungen wie Stockwerke ĂŒbereinander gelagert, und jedenfalls erinnern sie viel mehr an Nestkolonien der Schwalben als an die Höhlen der Raubtiere. Was die Steinwerkzeuge angeht, die in diesen Höhlen gefunden wurden, so kann man mit Lubbocks Worten »ohne Übertreibung sagen, dass sie zahllos sind«. dasselbe gilt fĂŒr andere FundstĂ€tten aus der Steinzeit. Es geht auch aus Lartets Forschungen hervor, dass die Bewohner des Kreises Aurignac in SĂŒdfrankreich an StammesmĂ€hlern bei der Beerdigung ihrer Toten teilnahmen. Die Menschen also lebten auch in dieser Ă€ußerst entfernten Zeit in Gesellschaften und hatten AnfĂ€nge eines Stammeskultus.

Das nĂ€mliche ist viel besser bewiesen hinsichtlich des spĂ€teren Teiles der Steinzeit. Spuren des Steinzeitmenschen sind in unzĂ€hligen Mengen gefunden worden, so dass wir seine LebensfĂŒhrung bis zu hohem Grade rekonstruieren können. Als die Eiskappe, die sich von den PolarlĂ€ndern bis nach Mittelfrankreich, Mitteldeutschland und Mittelrussland erstreckt haben und Kanada sowohl wie einen großen Teil der Vereinigten Staaten bedeckt haben muss, wegzuschmelzen begann, waren die vom Eis befreiten Gegenden zuerst mit SĂŒmpfen und Marschen, spĂ€terhin mit unzĂ€hligen Seen bedeckt.

Seen fĂŒllten alle Talsenkungen aus, ehe ihre Wasser sich die dauernden KanĂ€le gruben, die in einer· spĂ€teren Epoche unsere FlĂŒsse wurden. Und ĂŒberall, in Europa, Asien oder Amerika, wo wir die Ufer dieser buchstĂ€blich zahllosen Seen dieser Periode erforschen, deren wahrer Name die Seenzeit wĂ€re, finden wir die Spuren der Steinzeitmenschen. Sie sind so zahlreich, dass wir ĂŒber die verhĂ€ltnismĂ€ĂŸige Bevölkerungsdichtigkeit jener Zeit uns nur wundern können. Die »Standorte« des Steinzeitmenschen folgen dicht hintereinander auf den Terrassen, die jetzt die Ufer der frĂŒheren Seen bezeichnen. Und an jeder dieser StĂ€tten kommen Steinwerkzeuge in solchen Mengen zum Vorschein, dass ĂŒber den Zeitraum, wĂ€hrend dessen sie von recht zahlreichen StĂ€mmen bewohnt waren, kein Zweifel möglich ist. Ganze WerkstĂ€tten mit Flintwerkzeugen, die von der Zahl der Arbeiter zeugen, die zusammenzukommen pflegten, sind von den ArchĂ€ologen entdeckt worden.

Spuren einer etwas vorgerĂŒckteren Periode, die bereits durch den Gebrauch mancher Töpfereien charakterisiert ist, werden in den Muschelhaufen DĂ€nemarks gefunden. Sie zeigen sich, wie wohl bekannt ist, in Form von Haufen, die 1,50 bis 3 Meter dick, 30 bis 60 Meter breit und 300 oder mehr Meter lang sind, und sie sind an manchen Teilen der MeereskĂŒste so allgemein, dass man sie lange Zeit fĂŒr natĂŒrliche Gebilde gehalten hat. Und doch »enthalten sie nichts, was nicht auf die eine oder andere Weise dem Gebrauch des Menschen gedient hat«, und sie sind so vollgestopft mit Erzeugnissen der menschlichen TĂ€tigkeit, dass Lubbock wĂ€hrend eines zweitĂ€gigen Aufenthaltes in Meilgaard nicht weniger als 191 StĂŒcke von Steinwerkzeugen und vier BruchstĂŒcke von Töpfereien ausgrub. Die GrĂ¶ĂŸe und Ausdehnung der Muschelhaufen aber beweist, dass viele Generationen hindurch DĂ€nemark von Hunderten kleiner StĂ€mme bewohnt war, die sicher ebenso friedlich zusammenlebten, wie die feuerlĂ€ndischen StĂ€mme, die auch solche Muschelhaufen aufstapeln, es zu unseren Zeiten tun. Die Haufen von KĂŒchenabfĂ€llen vor einer Plateaus Frankreichs wird ohne Frage von den französischen Geologen zugegeben werden, wenn sie den Ablagerungen der Eiszeit ĂŒberhaupt mehr Beachtung schenken. FĂŒr die Vogesen wurde sie neulich von Bleicher nachgewiesen.

WohnstĂ€tte der jĂŒngeren Steinzeit in einer Spalte der Hastingsklippe, die von Lewis Abbott so trefflich untersucht worden sind, gehören in dieselbe Kategorie. Sie weisen den interessanten Zug auf, dass man in diesen Haufen keine Waffen, die man als Kriegswaffen ansehen könnte, gefunden hat.

Die Seewohnungen der Schweiz, die eine noch vorgeschrittenere Kulturstufe reprĂ€sentieren, zeigen uns noch deutlicher das Leben und Arbeiten in Gesellschaften. Es ist bekannt, dass schon wĂ€hrend der Steinzeit die Ufer der Schweizer Seen mit Dörfern besĂ€t waren, von denen jedes aus mehreren HĂŒtten bestand und auf einer Plattform gebaut war, die durch viele PfĂ€hle im See gestĂŒtzt war. Nicht weniger als vierundzwanzig, meistens Steinzeitdörfer, wurden an den Ufern des Genfer Sees entdeckt, zweiunddreißig am Bodensee, sechsundvierzig am Neuenburger See usf., und jedes von ihnen fĂŒhrt uns die außerordentliche Arbeitsleistung vor Augen, die vorn Stamm gemeinsam vollbracht wurde, nicht von der Familie. Es ist sogar behauptet worden, dass das Leben der Seebewohner bemerkenswert frei von Kriegen gewesen sein muss. Und das war es auch wahrscheinlich, besonders wenn wir an das Leben der primitiven Völker denken, die noch heutzutage in Ă€hnlichen Dörfern leben, die auf PfĂ€hlen an den Seeufern gebaut sind.

Man sieht so, selbst aus diesen flĂŒchtigen Andeutungen, dass unsere Kenntnisse vorn primitiven Menschen eigentlich nicht so dĂŒrftig sind, und dass sie, soweit unser Wissen reicht, den Spekulationen 43ĆŸ Hobbes‘ eher widersprechen als zustimmen. Überdies können sie in hohem Maße durch die unmittelbare Beobachtung solcher primitiver StĂ€mme ergĂ€nzt werden, die jetzt auf derselben Kulturstufe stehen,

wie die Bewohner Europas in der prÀhistorischen Zeit.

Dass diese primitiven StĂ€mme, die wir jetzt vorfinden, nicht degenerierte Vertreter des Menschengeschlechtes sind, die frĂŒher höher zivilisiert waren, wie gelegentlich behauptet worden ist, ist zur GenĂŒge von Edward Tylor und Lubbock gezeigt worden. Jedoch mag den Argumenten, die der Degenerationstheorie bereits entgegengestellt wurden, noch das folgende zugefĂŒgt werden. Mit Ausnahme von ein paar StĂ€mmen, die in wenig zugĂ€nglichen HochlĂ€ndern hausen, stellen die »Wilden« einen GĂŒrtel dar, der die mehr oder weniger zivilisierten Völker umschließt, und sie bewohnen die Außenteile unserer Kontinente, die zum grĂ¶ĂŸten Teil noch jetzt den Charakter einer der Eiszeit unmittelbar folgenden Periode haben oder ihn bis vor kurzem gehabt haben. So die Eskimos und ihre Verwandten in Grönland, dem arktischen Amerika und Nordsibirien, und in der sĂŒdlichen Halbkugel die Australier, die Papuas, die FeuerlĂ€nder und zum Teil die BuschmĂ€nner, wĂ€hrend innerhalb der zivilisierten Zone Ă€hnliche primitive Völker nur im Himalaja, den HochlĂ€ndern Australiens und den brasilianischen Hochebenen gefunden werden. Nun muss man sich ins GedĂ€chtnis zurĂŒckrufen, dass die Eiszeit nicht auf einmal auf der ganzen ErdoberflĂ€che zu Ende war. Sie dauert in Grönland noch fort. Daher verblieben zu einer Zeit, wo die KĂŒstenlĂ€nder des Indischen Ozeans, des Mittelmeeres oder des Golfs von Mexiko schon ein wĂ€rmeres Klima genossen und die Spitze höherer Kultur wurden, ungeheure Gebiete in Mitteleuropa, Sibirien und Nordamerika und ebenso in Patagonien, SĂŒdafrika und dem sĂŒdlichen Australasien unter den VerhĂ€ltnissen der ersten auf die Eiszeit folgenden Periode, durch die sie den zivilisierten Völkern der tropischen und subtropischen Zone unzugĂ€nglich blieben. Sie waren zu der Zeit, was die schrecklichen »Urmans« Nordwestsibiriens heute sind, und ihre Bevölkerung, die der Zivilisation unzugĂ€nglich war und von ihr nicht berĂŒhrt wurde, bewahrte den Charakter der Postglacialzeit. SpĂ€terhin, als durch die zunehmende Trockenheit diese Gebiete geeigneter fĂŒr die Landwirtschaft wurden, wurden sie von zivilisierteren Einwanderern besiedelt; und wĂ€hrend ein Teil ihrer frĂŒheren Bewohner von den neuen Ankömmlingen assimiliert wurde, wanderte ein anderer Teil weiter und ließ sich da nieder, wo wir sie finden. Die Gebiete, die sie jetzt bewohnen, sind noch, oder waren es vor kurzem, der Eiszeit nahe, was ihre physikalischen Seiten angeht; ihre Handwerke und GerĂ€te sind die der Steinzeit; und trotz ihren Rassenverschiedenheiten und den Entfernungen, die sie trennen, weisen ihre Lebensgewohnheiten und sozialen Einrichtungen eine auffallende Ähnlichkeit auf. So können wir nicht umhin, sie als Überbleibsel der frĂŒheren postglacialen Bevölkerung des jetzt zivilisierten Gebietes zu betrachten.

Das erste, was uns auffÀllt, sowie wir die primitiven Völker zu erforschen beginnen, ist die Kompliziertheit der Organisation der EheverhÀltnisse, die ihr Leben beherrscht. Bei den meisten von ihnen ist die Familie in dem Sinn, den wir ihr beilegen, kaum in ihren ersten Spuren zu finden. Aber sie sind keineswegs lose Haufen von MÀnnern und Frauen, die etwa augenblicklichen Launen zufolge sich unordentlich zusammenfÀnden. Alle unter ihnen stehen unter einer gewissen Organisation, die von Morgan in ihren allgemeinen Umrissen als »Gentil-« oder Clan-Organisation geschildert worden ist.

Um die Sache so kurz als möglich vorzutragen, ist es kaum zu bezweifeln, dass das Menschengeschlecht in seinen AnfĂ€ngen durch ein Stadium hindurchgegangen ist, das man als »Gemeinehe« bezeichnen kann; das heißt, der ganze Stamm hatte EhemĂ€nner und Ehefrauen gemeinsam ohne viel RĂŒcksicht auf Blutverwandtschaft. Aber es ist ebenso gewiss, dass schon zu sehr frĂŒher Zeit dieser freien Vermischung gewisse EinschrĂ€nkungen auferlegt wurden. Es wurde bald verboten, dass die Söhne einer Mutter und ihre, das heißt der Mutter Schwestern, Enkelinnen und Tanten einander heirateten. SpĂ€terhin wurde die Ehe zwischen den Söhnen und Töchtern derselben Mutter verboten, und weitere BeschrĂ€nkungen blieben nicht aus. Der Begriff einer Gens oder eines Clans, der alle vermuteten Abkömmlinge einer Herkunft umfasste (oder besser: alle, die sich zu einer Gruppe zusammenschlossen) wurde ausgebildet. Und wenn eine Gens zu zahlreich wurde, und sich in mehrere Gentes teilte, wurde jede von ihnen in Klassen eingeteilt (gewöhnlich vier) und die Ehe war nur zwischen bestimmten abgegrenzten Klassen erlaubt. Das ist das Stadium, das wir jetzt bei den Kamilaroi-sprechenden Australiern vorfinden. Was die Familie angeht, so erscheinen ihre ersten AnfĂ€nge mitten unter der Clan-Organisation. Eine Frau aus einem anderen Clan, die im Kriege gefangen wurde und die frĂŒher der ganzen Gens gehört hĂ€tte, konnte in einer spĂ€teren Zeit von dem Eroberer behalten werden, unter gewissen Verpflichtungen gegen den Stamm. Sie kann ihm in eine besondere HĂŒtte folgen, nachdem sie dem Clan einen gewissen Tribut geleistet hat, und so bildet sich innerhalb der Gens eine besondere Familie, deren Auftreten ohne Zweifel eine ganz neue Epoche der Kultur eröffnete. [60] Aber nie konnte einer mit einer Frau aus dem Clan selbst eine neue, private patriarchalische Familie begrĂŒnden.

Wenn wir nun bedenken, dass diese komplizierte Organisation sich unter Menschen ausbildete, die auf einer so niedrigen Stufe der Entwicklung standen, wie wir eine niedrigere nicht kennen, und dass sie sich in Gesellschaften behauptete, die keine andere Gewalt bannten, als die Gewalt der öffentlichen Meinung, so sehen wir sofort, wie tief selbst auf ihren untersten Stufen die sozialen Instinkte in der Menschennatur eingewurzelt gewesen sein mĂŒssen. Ein Wilder, der imstande ist, unter einer solchen Organisation zu leben und sich den Regeln, die fortwĂ€hrend mit seinen persönlichen WĂŒnschen zusammenstoßen, freiwillig zu unterwerfen, ist jedenfalls nicht eine Bestie, die der ethischen GrundsĂ€tze bar ist und fĂŒr seine Leidenschaften keine ZĂŒgel kennt. Aber die Tatsache wird noch auffallender, wenn wir das ungeheure Alter der Clanorganisation ins Auge fassen. Es ist bekannt, dass die primitiven Semiten, die Griechen Homers, die prĂ€historischen Römer, die Germanen des Tacitus, die ersten Kelten und Slawen alle ihre eigene Periode der Clanorganisation gehabt haben, die der der Australier, der Indianer, der Eskimos und der anderen Bewohner des »wilden GĂŒrtels« sehr nahekommt. So mĂŒssen wir entweder annehmen, dass die Entwicklung der Ehegesetze sich bei allen Menschenrassen auf denselben Linien bewegte, oder dass die Überbleibsel der Clanbestimmungen bei irgendwelchen gemeinsamen Vorfahren der Semiten, Arier, Polynesier usw. vor ihrer Scheidung in verschiedene Rassen ausgebildet wurden, und dass diese Bestimmungen bis zum heutigen Tag bei Rassen in Geltung blieben, die sich lange vorher von dem gemeinsamen Stamm abtrennten. Beide Annahmen bedingen aber eine in gleicher Weise auffallende ZĂ€higkeit der Einrichtung – eine solche ZĂ€higkeit, dass keinerlei individuelle Auflehnung sie wĂ€hrend der Tausende und Abertausende von Jahren, wo sie in Geltung war, bezwingen konnte. Gerade die Beharrlichkeit der Clanorganisation zeigt, wie Ă€ußerst falsch es ist, sich die primitiven Menschen als eine unordentlich durcheinandergewĂŒrfelte Ansammlung von Individuen vorzustellen, die nur ihren individuellen Leidenschaften folgen, und gegen alle anderen Vertreter der Art sich des Vorteiles ihrer persönlichen Kraft und Verschlagenheit bedienen. UngezĂŒgelter Individualismus ist ein modernes GewĂ€chs, aber er ist kein Merkmal der primitiven Menschen.

Wenn wir nun zu den lebenden Wilden ĂŒbergehen, so wollen wir mit den BuschmĂ€nnern beginnen, die auf einer sehr niedrigen Kulturstufe stehen – so niedrig in der Tat, dass sie keine Wohnungen haben und in Löchern schlafen, die sie in die Erde gegraben haben, und die sie gelegentlich durch eine Art Wand schĂŒtzen. Es ist bekannt, dass die BuschmĂ€nner, als die EuropĂ€er sich in ihrem Gebiet niederließen und das Wild vernichteten, anfingen, das Vieh der Ansiedler zu stehlen, worauf ein Vernichtungskrieg, der zu schrecklich war, als dass ich ihn hier erzĂ€hlen möchte, gegen sie gefĂŒhrt wurde. FĂŒnfhundert BuschmĂ€nner wurden im Jahre 1774, dreitausend 1808 und 1809 durch die Allianz der Farmer niedergemetzelt, und so weiter. Sie wurden ĂŒberall, wo man sie traf, gleich Ratten vergiftet, von JĂ€gern getötet, die hinter einem toten Tier im Hinterhalt lagen. Daher kommt es, dass unser Wissen von den BuschmĂ€nnern, das hauptsĂ€chlich von denselben Leuten stammt, die sie ausrotteten, notwendigerweise beschrĂ€nkt ist. Aber doch wissen wir, dass die BuschmĂ€nner, als die EuropĂ€er kamen, in kleinen StĂ€mmen (oder Clans) lebten, die manchmal miteinander verbĂŒndet waren, dass sie gemeinsam zu jagen pflegten und die Beute ohne Streit verteilten, dass sie ihre Verwundeten nie verließen und starke Liebe zu ihren Genossen zeigten. Lichtenstein berichtet eine sehr rĂŒhrende Geschichte von einem Buschmann, der beinahe in einem Fluss ertrunken wĂ€re und von seinen GefĂ€hrten gerettet wurde. Sie zogen ihre Felle aus, um ihn zuzudecken und zitterten selbst vor KĂ€lte; sie trockneten ihn ab, rieben ihn am Feuer und bestrichen seinen Körper mit warmem Fett, bis sie ihn zum Leben zurĂŒckgerufen hatten. Und als die BuschmĂ€nner in Johan van der Walt einen Mann fanden, der sie gut behandelte, da bezeigten sie ihre Dankbarkeit durch eine sehr rĂŒhrende AnhĂ€nglichkeit an diesen Menschen. Burchell und Moffat schildern sie beide als gutherzig, uneigennĂŒtzig, zuverlĂ€ssig in ihren Versprechungen und dankbar, so alles Eigenschaften, die sich nur dadurch entwickeln konnten, dass sie innerhalb des Stammes geĂŒbt wurden. Was ihre Liebe zu Kindern angeht, so genĂŒgt es, wenn ich sage, dass ein EuropĂ€er, der eine Frau der BuschmĂ€nner zur Sklavin wollte, nur ihr Kind zu stehlen brauchte: er war sicher, dass die Mutter sich in die Sklaverei begeben wĂŒrde, um das Los ihres Kindes zu teilen. 81

Dieselben sozialen Sitten charakterisieren die Hottentotten, die nur weniger entwickelt sind als die BuschmĂ€nner. Lubbock bezeichnet sie als »die schmutzigsten Tiere«, und schmutzig sind sie in der Tat. Ein Fell, das um den Hals gehĂ€ngt wird und so lange getragen wird, bis es in StĂŒcke fĂ€llt, bildet ihre ganze Kleidung; ihre HĂŒtten sind ein paar zusammengestellte Stangen, die mit Matten bedeckt sind, und Möbel gibt es keinerlei darin. Und obwohl sie Ochsen und Schafe hielten und den Gebrauch des Eisens gekannt zu haben scheinen, bevor sie die Bekanntschaft der EuropĂ€er machten, so nehmen sie doch eine der niedrigsten Stufen in der menschlichen Entwicklung ein. Und doch priesen die, die sie kannten, aufs lebhafteste ihre Geselligkeit und ihre Bereitschaft, einander zu helfen. Wenn einem Hottentotten irgendetwas gegeben wird, dann teilt er es sofort unter alle Anwesenden – dieselbe Gewohnheit, die bekanntlich Darwin bei den FeuerlĂ€ndern so sehr auffiel. Er kann nicht allein essen, und wenn er noch so hungrig ist, ruft er VorĂŒbergehende herbei, um sein Mahl zu teilen. Und als Kolben sein Erstaunen darĂŒber ausdrĂŒckte, erhielt er die Antwort: »Das ist Brauch bei den Hottentotten.« Aber es ist nicht bloß hottentottischer Brauch: es ist eine Gewohnheit, die man bei den »Wilden« fast allenthalben antrifft. Kolben, der die Hottentotten gut kannte und ihre MĂ€ngel nicht schweigend ĂŒberging, konnte ihre Stammesmoral nicht genug rĂŒhmen.

»Ihr Wort ist heilig«, schrieb er. Sie wissen »nichts von der Verderbtheit und den treulosen KĂŒnsten Europas.« – »Sie leben in großem Frieden und haben selten Krieg mit ihren Nachbarn. « Sie sind »alle freundlich und gutmĂŒtig zueinander« … »Eine ihrer grĂ¶ĂŸten Freuden finden die Hottentotten sicher in ihren gegenseitigen Geschenken und GefĂ€lligkeiten. « – »Die Redlichkeit der Hottentotten, ihre pĂŒnktliche und schnelle Justiz und ihre Keuschheit, in diesen Dingen ĂŒbertreffen sie alle oder die meisten Völker der Erde. «

Tachart, Barrow und Moodie8 3 bestĂ€tigen Kolbens Zeugnis vollstĂ€ndig. Ich will nur bemerken, dass Kolben, wenn er schrieb »sie sind gewiss gegeneinander die freundlichsten, gĂŒtigsten und wohlwollendsten Leute, die es je auf Erden gegeben hat« (I, 332), damit einen Satz ausgesprochen hat, der seitdem fortwĂ€hrend in der Beschreibung der Wilden wiedergekehrt ist. Wenn die EuropĂ€er zuerst mit primitiven Rassen zusammentreffen, machen sie gewöhnlich eine Karikatur aus ihrem Leben; aber wenn ein intelligenter Mann sich bei ihnen lĂ€ngere Zeit aufgehalten hat, dann schildert er sie gewöhnlich als »freundlichste « oder »edelste« Rasse auf der Erde. Genau diese selben Worte sind von ersten AutoritĂ€ten angewandt worden: in Bezug auf die Ostjaken, die Samojeden, die Eskimos, die Dayaks, die Aleuten, die Papuas und so weiter. Ich erinnere mich auch, sie in Bezug auf die Tungusen, die Tschuktschen, die Sioux und verschiedene andere gelesen zu haben. Diese HĂ€ufigkeit solch großen Lobes spricht schon an und fĂŒr sich BĂ€nde.

Die Eingeborenen Australiens stehen auf keiner höheren Kulturstufe als ihre sĂŒdafrikanischen BrĂŒder. Ihre HĂŒtten haben denselben Charakter; sehr oft sind eine Art Schirme der einzige Schutz gegen kalte Winde. In ihrer Nahrung sind sie sehr wahllos: sie verzehren schrecklich verfaulte Leichen und in Zeiten des Mangels nehmen sie ihre Zuflucht zum Kannibalismus. Als die EuropĂ€er sie zuerst entdeckten, hatten sie nur Werkzeuge aus Stein und Knochen, und diese waren von der rohesten Art. Einige StĂ€mme hatten nicht einmal Boote und kannten den Tauschhandel nicht. Und doch, als ihre Sitten und BrĂ€uche sorgsam erforscht wurden, stellte sich heraus, dass sie unter derselben komplizierten Clan-Organisation lebten, wie ich sie vorhin erlĂ€utert habe.

Das Gebiet, das sie bewohnen, wird gewöhnlich unter den verschiedenen Gentes oder Clans verlost; aber die Jagd- und Fischgebiete jedes Clans sind Gemeinbesitz, und der Ertrag der Fischerei und Jagd gehört dem ganzen Clan; und desgleichen die Fisch- und JagdgerÀte. Die Mahlzeiten werden gemeinsam eingenommen. Gleich vielen anderen Wilden halten sie sich an gewisse Bestimmungen hinsichtlich der Jahreszeiten, zu denen bestimmte Gummiarten und GrÀser gesammelt werden können. 86 Was ihre Moral im ganzen angeht, können wir nichts Besseres tun, als die folgenden Antworten abschreiben, die Lumholtz, ein Missionar, der in Nordqueensland lebte, auf die Fragen der Pariser Anthropologischen Gesellschaft gegeben hat:

»Das GefĂŒhl der Freundschaft ist unter ihnen bekannt; es ist stark. Schwache Leute werden gewöhnlich unterstĂŒtzt; Kranke werden sehr gut gepflegt; sie werden nie ausgesetzt oder getötet. Diese StĂ€mme sind Menschenfresser, aber sie essen sehr selten Mitglieder ihres eigenen Stammes (ich vermute, dass sie es tun, wenn es sich um religiöse Opfer handelt); sie essen nur Fremde. Die Eltern lieben ihre Kinder, spielen mit ihnen und sind zĂ€rtlich zu ihnen. Tötung eines Kindes kommt bei allgemeiner Zustimmung vor. Greise werden sehr gut behandelt, nie getötet. Die Ehe ist polygam. Streitigkeiten, die innerhalb des Stammes ausbrechen, werden auf dem Wege des Zweikampfs mit hölzernen Schwertern und Schilden ausgefochten. Sklaven gibt es nicht; keinen Anbau irgendwelcher Art; keine Töpferei; keine Kleidung, außer einer SchĂŒrze, die manchmal von Frauen getragen wird. Der Clan besteht aus zweihundert Individuen, die in vier MĂ€nner- und vier Frauenklassen eingeteilt sind; die Ehe ist nur innerhalb der ĂŒblichen Klassen erlaubt und nie innerhalb der Gens.«

FĂŒr die Papuas, die den eben geschilderten nahe verwandt sind, haben wir das Zeugnis G. L. Binks, der von 1871 bis 1883 sich in Neuguinea, hauptsĂ€chlich in Geelwink Bay, aushielt. Hier ist der Hauptinhalt seiner Antworten an dieselben Fragesteller:

»Sie sind gesellig und heiter; sie lachen sehr viel. Eher furchtsam als mutig. Freundschaft ist verhĂ€ltnismĂ€ĂŸig stark unter Personen, die zu verschiedenen StĂ€mmen gehören, und noch stĂ€rker innerhalb des Stammes. Ein Freund zahlt oft die Schulden seines Freundes, wobei sie ausmachen, dass der letztere den Betrag ohne Zinsen den Kindern des Darleihers zurĂŒckzahlt. Sie pflegen die Kranken und Greise; alte Leute werden nie ausgesetzt und in keinem Fall getötet, wenn es nicht ein Sklave ist, der lange Zeit krank war. Kriegsgefangene werden manchmal gegessen. Die Kinder werden sehr zĂ€rtlich behandelt und geliebt. Alte und schwache Kriegsgefangene werden getötet, die andern als Sklaven verkauft. Sie haben keine Religion, keine Götter, keine Götzen, keine Regierung irgendeiner Art; der Ă€lteste Mann in der Familie ist der Richter. In FĂ€llen des Ehebruchs wird Strafe bezahlt; ein Teil davon geht in die Negaria (die Gemeinschaft). Der Boden ist Gemeinbesitz; aber die Ernte gehört denen, die sie gebaut haben. Sie haben Töpferei und kennen den Tauschhandel, wobei es Brauch ist, dass der Kaufmann ihnen die Waren gibt, worauf sie in ihre HĂ€user gehen und die heimischen GĂŒter bringen, die der Kaufmann verlangt; wenn letztere nicht aufzubringen sind, werden die europĂ€ischen GĂŒter zurĂŒckgegeben. Sie sind KopfjĂ€ger, und auf diese Weise ĂŒben sie Blutrache aus. â€șManchmalâ€č, sagt Finsch, â€șwird die Angelegenheit dem Rajah von Namototte vorgelegt, der sie dadurch erledigt, dass er eine Geldstrafe auferlegt.â€č«

Wenn sie gut behandelt werden, sind die Papuas sehr gutmĂŒtig.

Miklucho-Maclay landete, von einem einzigen Mann begleitet, an der OstkĂŒste von Neuguinea, wohnte etwa zwei Jahre lang unter StĂ€mmen, die fĂŒr Menschenfresser gelten und verließ sie mit Bedauern; er kehrte noch einmal zurĂŒck, um ein weiteres Jahr bei ihnen zu wohnen, und niemals hatte er sich ĂŒber den kleinsten Konflikt zu beklagen. Allerdings war sein Prinzip, niemals – unter keinerlei Vorwand – irgendetwas zu sagen, was nicht wahr war, oder irgendein Versprechen zu machen, das er nicht halten konnte. Diese armen Geschöpfe, die nicht einmal Feuer zu machen verstehen und es in ihren HĂŒtten Ă€ngstlich hĂŒten, dass es nicht ausgeht, leben unter ihrem primitiven Kommunismus ohne irgendwelche OberhĂ€upter; und innerhalb ihrer Dörfer haben sie keine irgend nennenswerten Streitigkeiten. Sie arbeiten gemeinsam, gerade genug, um die tĂ€gliche Nahrung zu erlangen; sie ziehen ihre Kinder gemeinsam auf; und in den Abendstunden kleiden sie sich so kokett als möglich an und tanzen. Wie alle Wilden lieben sie das Tanzen. Jedes Dorf hat seinen barla oder barlai – das »lange Haus«, »longue maison« oder »grande maison« – fĂŒr die unverheirateten MĂ€nner, fĂŒr gesellige ZusammenkĂŒnfte, und fĂŒr die Besprechung der gemeinsamen Angelegenheiten – wiederum ein Zug, der den meisten Bewohnern der Inseln des Stillen Ozeans, den Eskimos, den Indianern usw. gemeinsam ist. Ganze Gruppen von Dörfern leben in guten Beziehungen und besuchen einander als Gesamtheit.

UnglĂŒcklicherweise sind Fehden nicht selten – nicht infolge von Â»Ăœbervölkerung des Gebiets« oder »scharfer Konkurrenz« oder Ă€hnlichen Erfindungen eines Jahrhunderts der Kaufleute, sondern hauptsĂ€chlich infolge von Aberglauben. Sowie irgendjemand krank wird, kommen seine Freunde und Verwandten zusammen und untersuchen grĂŒndlich, wer die Schuld an der Krankheit tragen könnte. Alle denkbaren Feinde werden in ErwĂ€gung gezogen, jeder gibt seine eigenen kleinen StreitfĂ€lle an, und schließlich wird die wahre Ursache entdeckt. Ein Feind aus dem nĂ€chsten Dorf hat die Krankheit herbeigewĂŒnscht, und ein Kriegszug gegen dieses Dorf wird beschlossen.

E4ĆŸ Daher sind Fehden ziemlich hĂ€ufig, selbst unter den KĂŒstendörfern, nicht zu reden von den kannibalischen Bergbewohnern, die als richtige Zauberer und Feinde betrachtet werden, obwohl sie sich bei nĂ€herer Bekanntschaft als genau dieselbe Art Menschen erweisen, wie ihre Nachbarn von der MeereskĂŒste. 90

Vieles Bezeichnende könnte beigebracht werden ĂŒber die Harmonie, die in den Dörfern der Inseln des Stillen Ozeans mit polynesischen Einwohnern herrscht. Aber sie gehören zu einer vorgeschrittenen Kulturstufe. Daher werden wir jetzt unsere Beispiele aus dem hohen Norden nehmen. Ich muss jedoch, ehe wir die sĂŒdliche Halbkugel verlassen, erwĂ€hnen, dass selbst die FeuerlĂ€nder, die frĂŒher in so ĂŒblem Ruf standen, in einem viel besseren Licht erscheinen, seit man angefangen hat, sie besser zu kennen. Ein paar französische Missionare, die unter ihnen wohnten, »wussten sich ĂŒber keinen Akt der Böswilligkeit zu beklagen«. In ihren Clans, die aus 120 bis 150 Seelen bestehen, ĂŒben sie denselben primitiven Kommunismus wie die Papuas; sie teilen alles gemeinsam, und behandeln ihre Greise sehr gut. Unter diesen StĂ€mmen ist der Friede vorherrschend.

Durch die Eskimos und ihre nĂ€chsten Verwandten, die Thlinkets, die Koloschen und Aleuten erhalten wir eines der treffendsten Beispiele fĂŒr das, was der Mensch wĂ€hrend der Eiszeit gewesen sein mag. Ihre Werkzeuge unterscheiden sich kaum von denen des ersten Steinzeitmenschen, und einige ihrer StĂ€mme kennen das Fischen noch nicht; sie spießen den Fisch einfach mit einer Art Harpune auf. Sie kennen die Verwendung des Eisens, aber sie erhalten es von den EuropĂ€ern oder finden es auf gescheiterten Schiffen. Ihre soziale Organisation ist von sehr primitiver Art, obwohl sie bereits ĂŒber den Zustand der »Gemeinehe«, auch der mit den GentilbeschrĂ€nkungen, hinausgekommen sind. Sie leben in Familien, aber die Familienbande werden oft gebrochen; Gatten und Weiber werden oft getauscht. Die Familien indessen bleiben in Clans vereinigt, und wie könnte es anders sein? Wie könnten sie den harten Kampf ums Dasein aushalten, wenn sie nicht ihre KrĂ€fte fest vereinigten? Dies tun sie, und die Stammesbande sind am engsten, wo der Kampf ums Dasein am hĂ€rtesten ist, nĂ€mlich in Nordostgrönland. Das »lange Haus« ist ihre gewöhnliche Wohnung, und mehrere Familien wohnen darin, die durch kleine ScheidewĂ€nde aus zottigen Fellen voneinander getrennt sind; vorn befindet sich ein gemeinsamer Gang. Manchmal hat das Haus die Gestalt eines Kreuzes, und in diesem Fall wird in der Mitte ein gemeinsames Feuer unterhalten. Die deutsche Expedition, die einen Winter dicht bei einem von diesen langen HĂ€usern zubrachte, konnte feststellen, dass »kein Streit den Frieden störte, dass kein Zank um die Benutzung dieses engen Raumes entstand«, den ganzen Winter ĂŒber nicht. »Schelten, oder auch nur unfreundliche Worte werden fĂŒr ungehörig angesehen, wenn sie nicht in der offiziellen Form des Prozessverfahrens vorgebracht werden, nĂ€mlich in Form einer besonderen Art Gesang.« Enges Zusammenwohnen und enge gegenseitige AbhĂ€ngigkeit sind genĂŒgend, um Jahrhundert auf Jahrhundert den tiefen Respekt vor den Interessen der Gemeinschaft zu erhalten, der fĂŒr das Eskimoleben bezeichnend ist. Selbst in den grĂ¶ĂŸeren Gemeinden der Eskimos »bildete die öffentliche Meinung den eigentlichen Gerichtshof, da die allgemeine Strafe darin besteht, dass die, die sich vergangen haben, vor den Augen des Volkes beschĂ€mt werden.« Das Leben der Eskimos grĂŒndet sich auf den Kommunismus. Was durch Jagen und Fischen erlangt wird, gehört dem Clan. Aber in mehreren StĂ€mmen, besonders im Westen, dringt unter dem Einfluss der DĂ€nen das Privateigentum in ihre Institutionen ein. Jedoch haben sie ein originelles Mittel, um den SchĂ€dlichkeiten, die aus einer persönlichen AnhĂ€ufung von Reichtum entstehen, die bald ihre Stammeseinheit zerstören wĂŒrde, zu begegnen. Wenn ein Mann reich geworden ist, beruft er das Volk seines Clans zu einem großen Fest, und nach reichlichem Essen verteilt er sein ganzes Vermögen unter sie. Am Yukonfluß sah Dali eine Aleutenfamilie, die auf diese Weise zehn Flinten, zehn vollstĂ€ndige PelzanzĂŒge, 200 PerlenschnĂŒre, zahlreiche Decken, zehn Wolfspelze, 200 Biber und 500 Zobel verteilte. Danach zogen sie ihre Festkleider aus, gaben sie weg, zogen alte zottige Felle an und richteten ein paar Worte an ihre Verwandten, worin sie sagten, dass sie zwar jetzt Ă€rmer seien als irgendeiner von ihnen, aber dafĂŒr ihre Freundschaft gewonnen hĂ€tten. Ähnliche Verteilungen der Vermögen scheinen eine regelrechte Gewohnheit der Eskimos zu sein und zu einer bestimmten Jahreszeit stattzufinden, nach einer Ausstellung all dessen, was wĂ€hrend des Jahres erzielt worden ist. Nach meiner Ansicht bergen diese Verteilungen eine sehr alte Einrichtung, die zeitlich mit dem ersten Auftreten des persönlichen Reichtums zusammenfĂ€llt; sie mĂŒssen ein Mittel gewesen sein, um die Gleichheit unter den Mitgliedern des Clans wiederherzustellen, nachdem sie durch die Bereicherung von wenigen gestört worden war. Die periodische Wiederverteilung von Land und der periodische Erlass aller Schulden, die in historischen Zeiten unter so vielen verschiedenen Rassen stattfanden (Semiten, Arier usw.), mĂŒssen ein Überrest dieses alten Brauches gewesen sein. Und die Gewohnheit, alles was einem Verstorbenen persönlich gehörte, entweder mit dem Toten zu verbrennen oder auf seinem Grab zu vernichten – eine Gewohnheit, die wir bei allen primitiven Rassen antreffen – muss denselben Ursprung gehabt haben. In der Tat, wĂ€hrend alles, was dem Toten persönlich gehörte, verbrannt oder auf seinem Grab zerbrochen wird, wird nichts von dem zerstört, was ihm gemeinsam mit dem Stamm gehörte, wie die Boote oder die FischgerĂ€te der Gemeinde. Die Zerstörung erstreckt sich nur auf persönliches Eigentum. In einer spĂ€teren Epoche wird diese Gewohnheit eine religiöse Zeremonie: sie erhĂ€lt eine mystische Deutung, und wird von der Religion auferlegt, wenn die öffentliche Meinung allein sich unfĂ€hig zeigt, ihre allgemeine Anerkennung zu erzwingen. Und schließlich wird die Gewohnheit ersetzt: entweder dadurch, dass bloß Abbilder vom Eigentum des Verstorbenen verbrannt werden (wie in China), oder dadurch, dass sein Eigentum bloß zum Grab getragen und nach Beendigung der Beerdigungszeremonie wieder nach Hause genommen wird – eine Gewohnheit, die in Bezug auf Degen, Orden und andere Zeichen öffentlicher Ehrung noch jetzt bei den EuropĂ€ern herrscht.

Der hohe Stand der Stammesmoral bei den Eskimos ist oft in der allgemeinen Literatur erwĂ€hnt worden. Trotzdem werden die folgenden Bemerkungen ĂŒber die Sitten der Aleuten – die den Eskimos nahverwandt sind – die Moral der Wilden im Ganzen besser anschaulich machen. Sie wurden nach einem zehnjĂ€hrigen Aufenthalt unter den Aleuten von einem sehr bemerkenswerten Mann geschrieben – dem russischen Missionar Veniaminoff. Ich fasse sie zusammen, meistens mit seinen eigenen Worten:

Aushalten können und Standhaftigkeit, so schrieb er, ist ihr Hauptcharakterzug. Sie sind einfach fabelhaft. Nicht nur baden sie jeden Morgen im eiskalten Meer und stehen nackt am Strand und atmen den kalten Wind ein, sondern ihre FĂ€higkeit zu ertragen, auch bei harter Arbeit und ungenĂŒgender Nahrung, ĂŒbersteigt alles, was man sich vorstellen kann. WĂ€hrend einer anhaltenden Knappheit der Lebensmittel sorgt der Aleute zuerst fĂŒr seine Kinder; er gibt ihnen alles, was er hat, er selbst fastet. Sie haben keine Neigung zum Stehlen; dies wurde schon von den ersten russischen Einwanderern bemerkt. Nicht dass sie niemals stehlen; jeder Aleute wĂŒrde gestehen, dass er gelegentlich etwas gestohlen hat; aber es ist immer eine Kleinigkeit; das Ganze ist Kinderei. Die AnhĂ€nglichkeit der Eltern an die Kinder ist rĂŒhrend, obwohl sie nie mit Worten oder zĂ€rtlichem Gebaren ausgedrĂŒckt wird. Der Aleute ist schwer dazu zu bewegen, ein Versprechen zu geben, aber wenn er es einmal getan hat, dann hĂ€lt er es, mag kommen, was will. (Ein Aleute machte Veniaminoff getrocknete Fische zum Geschenk, aber sie wurden in der Hast der Abreise am Strand vergessen. Er nahm sie wieder mit nach Hause. Die nĂ€chste Gelegenheit, sie nach der Missionsstation zu schicken, war im Januar; und im November und Dezember war die Nahrung in der Niederlassung der Aleuten sehr knapp. Aber die Fische wurden von den hungernden Leuten nie berĂŒhrt, und im Januar wurden sie an ihren Bestimmungsort geschickt.) Ihr Moralkodex ist ebenso verschiedenartig wie streng. Es wird als Schande betrachtet, vor unvermeidlichem Tod Angst zu haben; einen Feind um Pardon zu bitten; zu sterben, ohne je einen Feind getötet zu haben; des Stehlens ĂŒberfĂŒhrt zu werden; ein Boot im Hafen kentern zu lassen; Angst zu haben, bei stĂŒrmischem Wetter ins Meer hinauszufahren; in einer Gesellschaft auf einer langen Reise der erste zu sein, dem infolge Nahrungsmangels schwach wird; Gier zu zeigen, wenn die Beute verteilt wird, in welchem Fall jeder einzelne dem Gierigen seinen eigenen Anteil gibt, um ihn zu beschĂ€men; ein Geheimnis der Allgemeinheit seinem Weib mitzuteilen; wenn zwei Personen auf eine Jagdexpedition gegangen sind, nicht das beste Wild seinem Partner anzubieten; sich seiner eigenen Taten zu rĂŒhmen, insbesondere wenn sie erfunden sind; irgendjemanden verĂ€chtlich zu beschimpfen. Auch zu betteln; zu seinem Weib in anderer Leute Gegenwart zĂ€rtlich zu sein und mit ihr zu tanzen; persönlich Handel zu treiben: der Verkauf muss immer durch einen Dritten bewerkstelligt werden, der den Preis festsetzt. FĂŒr eine Frau ist es eine Schande, nicht nĂ€hen und tanzen zu können und was sonst der Frau zukommt; zu ihrem Mann und ihren Kindern zĂ€rtlich zu sein oder nur mit dem Mann zu sprechen, wenn ein Fremder dabei ist.

Dies ist die Moral der Aleuten, die an Hand ihrer Sagen und Legenden noch weiter vorgefĂŒhrt werden könnte. Es sei noch hinzugefĂŒgt, dass zu der Zeit, als Veniaminoff schrieb (1840), ein einziger Mord seit dem letzten Jahrhundert in einer Bevölkerung von 60.000 Seelen vorgekommen war, und dass unter 1800 Aleuten nicht ein einziger Verstoß gegen das gemeine Recht in vierzig Jahren bekannt geworden war. Dies wird nicht auffallend erscheinen, wenn wir beachten, dass Schelten, Beschimpfen und der Gebrauch roher Worte im Leben der Aleuten völlig unbekannt ist. Selbst ihre Kinder streiten sich niemals und beschimpfen sich nie mit Worten. Alles, was sie vielleicht sagen, ist: »Deine Mutter kann nicht nĂ€hen« oder: »Dein Vater ist blind auf einem Auge.«

Manche ZĂŒge des Lebens der Wilden bleiben jedoch EuropĂ€ern ein RĂ€tsel. Die hohe Entwicklung der StammessolidaritĂ€t und die GutmĂŒtigkeit, von der die Primitiven gegeneinander beseelt sind, könnte durch beliebig viele zuverlĂ€ssige Zeugnisse erhĂ€rtet werden. Und doch ist es nichtsdestoweniger sicher, dass diese selben wilden ihre Kinder töten; dass sie in manchen FĂ€llen ihre Greise aussetzen, und dass sie den Regeln der Blutrache streng gehorchen. Wir mĂŒssen also das Nebeneinandervorkommen von Tatsachen erklĂ€ren, die dem Geist des EuropĂ€ers zuerst so widersprechend vorkommen. Ich habe eben angefĂŒhrt, wie der aleutische Vater tage- und wochenlang

hungert und seinem Kind alles gibt, was essbar ist; und wie die Frau der BuschmĂ€nner Sklavin wird, um ihrem Kind zu folgen; und ich könnte mit Beispielen fĂŒr die wirklich zĂ€rtlichen Beziehungen zwischen Wilden und ihren Kindern Seiten fĂŒllen. Reisende erwĂ€hnen sie fortwĂ€hrend. Da liest man ĂŒber die tiefe Liebe einer Mutter; dort sieht man einen Vater, der wild durch den Wald rennt und auf den Schultern ein Kind trĂ€gt, das von einer Schlange gebissen wurde; oder ein Missionar erzĂ€hlt uns die Verzweiflung der Eltern beim Verlust eines Kindes, das er ein paar Jahre vorher davor bewahrt hatte, bei der Geburt geopfert zu werden; man hört, dass die »wilden« MĂŒtter ihre Kinder gewöhnlich stillen, bis sie vier Jahre alt sind, und dass auf den Neuhebriden die Mutter oder Tante beim Verlust eines besonders geliebten Kindes sich selbst töten will, um es in der andern Welt zu behĂŒten. Und so weiter.

Ähnliche Tatsachen trifft man in Mengen an, so dass wir, wenn wir sehen, dass diese selben liebevollen Eltern manchmal Neugeborene töten, genötigt sind, anzuerkennen, dass die Gewohnheit (was sie auch spĂ€ter fĂŒr Formen angenommen haben mag) ursprĂŒnglich einfach unter dem Druck Ă€ußerster Not entstanden sein muss, als eine Verpflichtung gegen den Stamm und ein Mittel, die bereits heranwachsenden Kinder aufziehen zu können. Die Wilden vermehren sich in der Regel nicht »schrankenlos«, wie manche englische Schriftsteller es hinstellen. Im Gegenteil, sie wenden alle möglichen Vorsichtsmaßregeln an, um die Zahl der Geburten zu verringern. Eine ganze Reihe von BeschrĂ€nkungen, die die EuropĂ€er sicher ĂŒbertrieben fĂ€nden, werden zu diesem Zweck auferlegt und streng befolgt. Aber trotzdem können die Primitiven nicht all ihre Kinder aufziehen. Jedoch ist bemerkt worden, dass sie, sowie es ihnen gelingt, ihre regelmĂ€ĂŸigen Existenzmittel zu vermehren, sofort das Töten der Kinder einstellen. Im Ganzen gehorchen die Eltern dieser Verpflichtung widerstrebend, und so wie sie es schaffen können, greifen sie zu allen möglichen Auskunftsmitteln, um das Leben ihrer Neugeborenen zu retten. Wie von meinem Freund Elie Reclus so richtig betont worden ist, 102 erfinden sie glĂŒckliche und unglĂŒckliche Geburtstage und schonen die Kinder, die an GlĂŒckstagen geboren sind; sie versuchen, das Urteil um ein paar Stunden zu verschieben und sagen dann, wenn das kleine Kind einen Tag gelebt habe, mĂŒsse es sein ganzes natĂŒrliches Leben haben.. – 0ĆŸ Sie hören das Schreien der Kleinen, wenn sie aus dem Wald kommen, und behaupten, dass es, wenn es gehört wĂŒrde, ein UnglĂŒck fĂŒr den Stamm bedeute; und da sie keine Kleinkinderbewahranstalten und keine Engelmacherinnen haben, um die Kinder loszuwerden, schrickt jeder von ihnen vor der Notwendigkeit zurĂŒck, das grausame Urteil vollziehen zu mĂŒssen; sie setzen das Kind lieber im Wald aus, als dass sie ihm gewaltsam das Leben nehmen. Unwissenheit, nicht Grausamkeit hat die Sitte des Kindertötens aufrecht erhalten; und anstatt den Wilden Moralpredigten zu halten, wĂŒrden die Missionare besser tun, dem Beispiel Veniaminoffs zu folgen, der in jedem Jahr bis in sein hohes Alter in einem elenden Boot ĂŒbers Ochotskische Meer fuhr oder mit Hunden zu seinen Tschuktschen reiste und sie mit Brot und FischgerĂ€ten versorgte. Er hatte dadurch in der Tat dem Töten der Kinder ein Ende gemacht.

Dasselbe gilt fĂŒr das, was oberflĂ€chliche Beobachter als Vatermord schildern. Wir haben eben vorhin gesehen, dass die Sitte, Greise auszusetzen, nicht so weit verbreitet ist, wie manche Schriftsteller behauptet haben. Sie ist Ă€ußerst ĂŒbertrieben worden; aber man findet sie zuzeiten bei fast allen Wilden; und in solchen FĂ€llen hat sie denselben Ursprung wie das Aussetzen der Kinder. Wenn ein »Wilder« fĂŒhlt, dass er seinem Stamm zur Last ist; wenn an jedem Morgen sein Anteil an der Nahrung den Kindern vom Munde weggenommen wird – und die Kleinen sind nicht so stoisch wie ihre VĂ€ter: sie schreien, wenn sie hungrig sind; wenn er jeden Tag auf den Schultern jĂŒngerer MĂ€nner ĂŒber den steinigen Strand oder durch den jungfrĂ€ulichen Wald getragen werden muss – es gibt im Lande der wilden keine Krankenwagen, auf denen sie gefahren werden können – dann fĂ€ngt er an zu wiederholen, was der russische Bauer noch heutzutage sagt: »Tschujoi welk zayedayu, Pora na pokoi!« (»Ich lebe anderen das Leben weg: es ist Zeit zu gehen!«) Und er geht. Er tut, was in gleichem Fall der Soldat tut. Wenn die Rettung seiner Abteilung von ihrem weiteren VorrĂŒcken abhĂ€ngt und er nicht mehr weiterkann und weiß, dass er sterben muss, wenn er zurĂŒckbleibt, dann bittet der Soldat seinen besten Freund, ihm den letzten Dienst zu leisten, bevor er das Lager verlĂ€sst. Und der Freund erschießt mit zitternder Hand seinen Freund. Das tun die Wilden. Der alte Mann verlangt selbst zu sterben; er besteht selbst auf dieser letzten Pflicht gegen die Gemeinschaft und verlangt die Zustimmung des Stammes; er grĂ€bt selbst sein Grab; er ladet seine Verwandten zum letzten Abschiedsmahl. Sein Vater hat dasselbe getan; nun ist er an der Reihe; und er verabschiedet sich von seinen Angehörigen mit allen Zeichen der Liebe. Der Wilde betrachtet so sehr den Tod als einen Teil seiner Pflichten gegen die Gemeinschaft, dass er es nicht nur ablehnt, gerettet zu werden (wie Moffat berichtet hat), sondern als eine Frau, die am Grab ihres Gatten geopfert werden sollte, von Missionaren gerettet und auf eine Insel gebracht worden war, entfloh sie in der Nacht, schwamm ĂŒber einen breiten Meeresarm und erreichte ihren Stamm, um an dem Grabe zu sterben. 104 Der Tod ist bei ihnen eine religiöse Angelegenheit geworden. Aber den Wilden widerstrebt es gewöhnlich so sehr, jemandem anderswo als in der Schlacht das Leben zu nehmen, dass keiner von ihnen es auf sich nehmen will, Blut zu vergießen, und sie nehmen ihre Zuflucht zu allen möglichen Kunstgriffen, die so sehr falsch ausgelegt worden sind. In den meisten FĂ€llen lassen sie den alten Mann im Wald allein, nachdem sie ihm mehr als seinen Anteil an der gemeinsamen Nahrung gegeben haben. Nordpolexpeditionen haben dasselbe getan, wenn sie ihre kranken Genossen nicht mehr weiterschleppen konnten. »Lebe noch ein paar Tage! vielleicht gibt es noch eine unerwartete Rettung!«

Wenn westeuropĂ€ische Gelehrte auf diese Dinge kommen, sind sie absolut unfĂ€hig, zu ihnen Stellung zu nehmen; sie können sie nicht mit einer hohen Entwicklung der Stammesmoral vereinbaren, und sie ziehen lieber die Genauigkeit absolut zuverlĂ€ssiger Beobachter in Zweifel, als dass sie den Versuch machten, das Nebeneinanderbestehen dieser beiden Tatsachenreihen zu erklĂ€ren: eine hochentwickelte Stammesmoral und zugleich das Aussetzen von Eltern und Kindesmord. Aber wenn diese selben EuropĂ€er einem Wilden sagen wollten, es gĂ€be Leute, die Ă€ußerst liebenswĂŒrdig seien und ihre Kinder liebten und die so sensitiv seien, dass sie weinten, wenn sie im Theater ein UnglĂŒck gespielt sĂ€hen, und diese selben Leute lebten in Europa nicht weiter als einen BĂŒchsenschuss entfernt von Höhlen, in denen Kinder aus bloßem Mangel an Nahrung zugrunde gehen dann wĂŒrde der Wilde sie auch nicht verstehen. Ich erinnere mich, wie vergeblich ich mich bemĂŒhte, einigen meiner tungusischen Freunde unsere Kultur des Privateigentums verstĂ€ndlich zu machen: sie konnten es nicht verstehen, und sie versuchten es mit Hilfe der abenteuerlichsten Ideen. Die Sache ist die, dass ein Wilder, der in den Ideen der StammessolidaritĂ€t in allem, sei‘s gut oder schlimm, aufgewachsen ist, ebenso unfĂ€hig ist, einen »moralischen« EuropĂ€er zu verstehen, der nichts von dieser SolidaritĂ€t weiß, als der DurchschnittseuropĂ€er unfĂ€hig ist, den Wilden zu verstehen. Aber wenn unser Gelehrter inmitten eines halbverhungerten Stammes gelebt hĂ€tte, der insgesamt fĂŒr die nĂ€chsten Tage nicht einmal die Nahrung eines einzigen Menschen besitzt, dann verstĂŒnde er wahrscheinlich ihre Motive. So verstĂŒnde vielleicht auch der Wilde, wenn er unter uns gewohnt und unsere Erziehung gehabt hĂ€tte, unsere europĂ€ische GleichgĂŒltigkeit gegen unsere Nachbarn und unsere »Royal Commissions« zur VerhĂŒtung des Engelmachens. »SteinhĂ€user machen Steinherzen«, sagt der russische Bauer. Aber er sollte erst in einem Steinhaus leben.

Ähnliche Bemerkungen mĂŒssen ĂŒber die Menschenfresserei gemacht werden. Wenn wir alle Tatsachen beachten, die wĂ€hrend einer Kontroverse ĂŒber den Gegenstand in der Pariser Anthropologischen Gesellschaft vor kurzem bekannt geworden sind, und ebenso viele gelegentliche Bemerkungen, die in der Literatur ĂŒber die Wilden zerstreut sind, so mĂŒssen wir anerkennen, dass dieser Brauch durch Ă€ußerste Not entstanden ist, dass er aber durch Aberglauben und Religion in dem Maß sich weiterentwickelt hat, wie es auf den Fidschi-Inseln oder in Mexiko der Fall war. Es ist eine Tatsache, dass bis zum heutigen Tag viele Wilde genötigt sind, Aas im vorgerĂŒckten Stadium der FĂ€ulnis zu verzehren und dass in FĂ€llen absoluten Mangels einige von ihnen selbst wĂ€hrend einer Epidemie menschliche Leichen wieder ausgraben und aufessen mussten. Dies sind festgestellte Tatsachen. Aber wenn wir uns nun in die Lage versetzen, der der Mensch wĂ€hrend der Eiszeit gegenĂŒberstand, in einem feuchten und kalten Klima, mit nur wenig Pflanzennahrung, die zu seiner VerfĂŒgung stand; wenn wir die schrecklichen Verheerungen in Betracht ziehen, die der Skorbut noch jetzt bei unterernĂ€hrten Eingeborenen anrichtet, und uns erinnern, dass Fleisch und frisches Blut die einzigen StĂ€rkungsmittel sind, die sie kennen: dann mĂŒssen wir einrĂ€umen, dass der Mensch, der frĂŒher ein körnerfressendes Tier war, wĂ€hrend der Eiszeit ein Fleischesser geworden ist. Er fand wĂ€hrend dieser Zeit eine Menge Wild, aber das Wild wandert oft in den arktischen Gegenden, und manchmal verlassen sie ein Gebiet fĂŒr eine Reihe von Jahren. In solchen FĂ€llen verschwanden seine letzten Nahrungsmittel. WĂ€hrend Ă€hnlicher harter PrĂŒfungen haben sich auch EuropĂ€er zum Kannibalismus gewandt, und zu ihm wandten sich die Wilden. Bis zur gegenwĂ€rtigen Zeit verzehren sie manchmal die Leichen ihrer eigenen Toten: sie mĂŒssen damals die Körper derer verzehrt haben, die sowieso dem Tode nahe waren. Alte Leute starben mit der Überzeugung, dass sie durch ihren Tod dem Stamme einen letzten Dienst erwiesen. Datum wird der Kannibalismus von einigen StĂ€mmen als göttlichen Ursprungs betrachtet, als etwas, das durch einen Himmelsboten befohlen wurde. Wahrscheinlich, als die Schamanen die Notdurft sahen, haben sie den Kannibalismus als eine vom Himmel vorgeschriebene Maßregel (Opfer) befohlen. Aber spĂ€terhin verlor er den Charakter der Notwendigkeit und blieb als Aberglaube erhalten. Feinde musste man verzehren, um ihre Tapferkeit zu erben; und in einer viel spĂ€teren Epoche wurde das Auge oder das Herz des Feindes zum selben Zweck gegessen; und in anderen StĂ€mmen, die bereits eine zahlreiche Priesterschaft und eine ausgebildete Mythologie hatten, wurden böse Götter erfunden, die es nach Menschenblut dĂŒrstete und die durch die Priester Menschenopfer verlangten, um die Götter zu besĂ€nftigen. In dieser religiösen Phase seiner Existenz erlangte der Kannibalismus seine empörendsten ZĂŒge. Mexiko ist ein bekanntes Beispiel; und auf den Fidschi-Inseln, wo der König jeden seiner Untertanen verspeisen konnte, finden wir auch eine mĂ€chtige Priesterkaste, eine verwickelte Theologie und eine völlig entwickelte Autokratie. UrsprĂŒnglich aus der Notwendigkeit hervorgegangen, wurde der Kannibalismus in spĂ€terer Zeit eine religiöse Einrichtung, und in dieser Form blieb er am Leben, lange nachdem er unter StĂ€mmen verschwunden war, die ihn gewiss in frĂŒheren Zeiten geĂŒbt hatten, die aber die theokratische Entwicklungsstufe nicht erreichten. Dieselbe Bemerkung gilt auch fĂŒr den Kindesmord und das Aussetzen der Eltern. In manchen FĂ€llen haben sie sich auch als Überrest alter Zeiten erhalten, als religiös-pietĂ€tvoll bewahrte Tradition der Vorzeit.

Ich will zum Schluss meiner Bemerkungen einen anderen Brauch erwĂ€hnen, der ebenfalls eine Quelle sehr irriger Schlussfolgerungen ist. Ich meine die AusĂŒbung der Blutrache. Alle Wilden stehen unter dem Eindruck, dass vergossenes Blut durch Blut gerĂ€cht werden muss. Wenn jemand getötet worden ist, muss der Mörder sterben; wenn jemand verwundet worden ist, muss des Angreifers Blut fließen. Es gibt fĂŒr diese Regel keine Ausnahme, nicht einmal fĂŒr Tiere; daher wird das Blut des JĂ€gers bei, seiner RĂŒckkehr ins Dorf vergossen, wenn er das Blut eines Tieres vergossen hat. Das ist der Gerechtigkeitsbegriff der Wilden – welcher Begriff in Westeuropa in bezug auf den Mord noch herrschend ist. Wenn jetzt der Verletzende und der Verletzte zum selben Stamm gehören, dann erledigen der Stamm und die Person, die verletzt worden ist, die Angelegenheit. Aber wenn der Verletzende einem anderen Stamm angehört und dieser Stamm aus einem oder dem andern Grund eine EntschĂ€digung ablehnt, dann entscheidet sich der verletzte Stamm, die Rache selbst zu ĂŒbernehmen. Primitive Völker betrachten so sehr jedermanns Handlungen als Angelegenheit des Stammes, die von der Zustimmung des Stammes abhĂ€ngt, dass sie leicht den Stamm als verantwortlich fĂŒr jedermanns Handlungen ansehen. Daher kann die schuldige Rache an jedem Mitglied des Clans des Schuldigen oder seinen Verwandten genommen werden. Es mag indessen oft vorkommen, dass die Vergeltung weiter geht als der Angriff. Beim Versuch, eine Wunde zuzufĂŒgen, töten sie vielleicht den Schuldigen, oder sie verwunden ihn gefĂ€hrlicher, als sie beabsichtigt hatten, und dies wird Anlaß zu einer neuen Fehde, so dass die primitiven Gesetzgeber darauf bedacht waren, festzusetzen, dass die Vergeltung zu beschrĂ€nken sei auf Auge um Auge, Zahn um Zahn, Blut um Blut.

Es ist indessen bemerkenswert, dass bei den meisten primitiven Völkern solche Fehden unendlich viel seltener sind als erwartet werden könnte, obwohl sie bei einigen unter ihnen abnorme HĂ€ufigkeit erlangen können, besonders bei Bergbewohnern, die durch fremde Eindringlinge in die HochlĂ€nder getrieben worden sind, wie die Bergbewohner Kaukasiens und besonders die von Borneo – die Dayaken. Bei den Dayaken – so berichtete man uns jĂŒngst – waren die Fehden so weit gegangen, dass ein junger Mann weder heiraten noch fĂŒr volljĂ€hrig erklĂ€rt werden konnte, ehe er nicht den Kopf eines Feindes erobert hatte. Dieser schreckliche Brauch wurde in einem neueren englischen Buch ausfĂŒhrlich geschildert. Es scheint jedoch, dass diese Behauptung eine grobe Übertreibung war. Außerdem aber erlangt das »Kopfjagen« der Dayaken ein ganz anderes Aussehen, wenn wir erfahren, dass der angebliche »KopfjĂ€ger« nicht im geringsten von persönlicher Leidenschaft angetrieben wird. Er handelt, angetrieben von dem, was er als moralische Verpflichtung gegen den Stamm betrachtet, just ebenso wie der europĂ€ische Richter, der gemĂ€ĂŸ demselben offenbar falschen Prinzip »Blut um Blut« den verurteilten Mörder dem Henker ĂŒberantwortet. Sowohl der Dayak wie der Richter wĂŒrden sogar Gewissensbisse haben, wenn das MitgefĂŒhl sie vermöchte, den Mörder zu schonen. Darum auch werden die Dayaken, abgesehen von den Morden, die sie begehen, wenn sie von ihrem Gerechtigkeitsbegriff getrieben werden, von allen, die sie kennen, als sehr sympathisches Volk geschildert. So schreibt Carl Bock, derselbe Autor, der eine so schreckliche Schilderung vom Kopfjagen gegeben hat:

»Was die Moral angeht, so bin ich verpflichtet, den Dayaken einen hohen Rang in der Stufenfolge der Kultur anzuweisen … RĂ€ubereien und Diebstahl sind unter ihnen gĂ€nzlich unbekannt. Sie sind auch sehr wahrheitsliebend … Wenn ich nicht immer die »ganze Wahrheit« von ihnen erhielt, so erhielt ich wenigstens immer nichts als Wahrheit von ihnen. Ich wollte, ich könnte dasselbe von den Malaien sagen« (S. 209 und 210).

Bocks Zeugnis wird von dem Ida Pfeiffers vollstÀndig bekrÀftigt.

»Ich erkannte völlig an« , schrieb sie, »dass es mir eine Freude wĂ€re, lĂ€nger in ihrem Lande zu reisen. Ich fand sie gewöhnlich ehrlich, gut und zurĂŒckhaltend … viel mehr als irgendein anderes Volk, das ich kenne. « Stoltze wandte fast dieselben AusdrĂŒcke an, als er von ihnen sprach. Die Dayaken haben gewöhnlich nur eine Frau und behandeln sie gut Sie sind sehr gesellig, und jeden geht der ganze Clan aus, um in großen Gesellschaften zu fischen, jagen oder den Garten zu bestellen. Ihre Dörfer bestehen aus großen HĂŒtten, von denen jede von einem Dutzend Familien bewohnt ist, und manchmal von mehreren hundert Personen, die friedlich zusammenleben. Sie zeigen große Achtung vor ihren Frauen und lieben ihre Kinder; und wenn einer von ihnen krank wird, pflegen ihn die Frauen der Reihe nach. In der Regel sind sie sehr mĂ€ĂŸig im Essen und Trinken. So ist der Dayak in seinem wirklichen tĂ€glichen Leben.

Es wĂ€re eine ermĂŒdende Wiederholung, wenn mehr Beispiele aus dem Leben der Wilden gegeben wĂŒrden. ĂŒberall, wohin wir gehen, finden wir dieselben geselligen Sitten, denselben Geist der SolidaritĂ€t. Und wenn wir uns bemĂŒhen, in die Dunkelheit vergangener Zeiten einzudringen, finden wir dasselbe Stammesleben, dieselben, wenn auch primitiven, Vereinigungen von Menschen zu gegenseitigem Beistand. Daher hatte Darwin ganz recht, wenn er in den sozialen Eigenschaften des Menschen den Hauptfaktor fĂŒr seine weitere Entwicklung sah, und Darwins vulgarisierende Nachfolger haben völlig unrecht, wenn sie das Gegenteil behaupten.

»Die geringe Kraft und Schnelligkeit des Menschen«, so schrieb er, »sein Mangel an natĂŒrlichen Waffen usw. sind mehr als aufgewogen erstens durch seine geistigen FĂ€higkeiten« (die, wie er an anderer Stelle bemerkte, hauptsĂ€chlich oder gar ausschließlich zum Wohl der Gemeinschaft erlangt sind), »und zweitens durch seine sozialen Eigenschaften, die ihn dazu brachten, seinen Mitmenschen Hilfe zu leisten und von ihnen Hilfe zu empfangen.«

Im letzten Jahrhundert waren der »Wilde« und »sein Leben im Naturzustand« idealisiert worden. Aber jetzt sind viele Gelehrte zum entgegengesetzten Extrem ĂŒbergegangen, besonders seit einige von ihnen im Eifer, den tierischen Ursprung des Menschen zu beweisen, aber nicht vertraut mit den sozialen Seiten des tierischen Lebens, anfingen, den Wilden mit allen denkbaren »bestialischen« Eigenschaften zu belasten. Es ist jedoch klar, dass diese Übertreibung noch unwissenschaftlicher ist als Rousseaus Idealisierung. Der Wilde ist nicht ein Ideal an Tugend, aber er ist auch kein Ideal an »Wildheit«. Aber der primitive Mensch hat eine Eigenschaft, die gerade durch die Notwendigkeiten seines harten Kampfes ums Dasein ausgebildet und erhalten wurde – er identifiziert sein eigenes Dasein mit dem seines Stammes; und ohne diese Eigenschaft hĂ€tte die Menschheit nie ihre jetzige Stufe erreicht.

Primitive Völker identifizieren, wie bereits gesagt wurde, ihr Leben so sehr mit dem des Stammes, dass jede ihrer Handlungen, mag sie noch so unbedeutend sein, als Angelegenheit des Stammes betrachtet wird. Ihr ganzes Benehmen wird von einer unendlichen Reihe ungeschriebener Anstandsregeln geordnet, die die Frucht ihrer gemeinsamen Erfahrung ĂŒber das sind, was gut oder schlecht ist – d. h. nĂŒtzlich oder schĂ€dlich fĂŒr ihren eigenen Stamm. NatĂŒrlich sind die ErwĂ€gungen, auf die ihre Anstandsregeln sich grĂŒnden, manchmal aufs Ă€ußerste absurd. Viele davon wurzeln im Aberglauben; und im ganzen sieht der Wilde in allem, was er tut, nur die unmittelbaren Folgen seiner Handlungen; er kann ihre indirekten und weiteten Folgen nicht vorhersehen – und ĂŒbertreibt so lediglich einen Fehler, den Bentham den zivilisierten Gesetzgebern vorgeworfen hat. Aber, absurd oder nicht, der Wilde gehorcht den Vorschriften des gemeinen Rechtes, so unbequem sie auch sein mögen. Er gehorcht ihnen noch blinder als der zivilisierte Mensch den Vorschriften des geschriebenen Rechtes gehorcht. Sein gemeines Recht ist seine Religion; es ist die Regel seiner LebensfĂŒhrung. Die Idee des Clans ist seinem Geist immer gegenwĂ€rtig; und SelbstbeschrĂ€nkung und Selbstaufopferung im Interesse des Clans kommen tĂ€glich vor. Wenn der Wilde eine von den kleineren Stammesregeln ĂŒbertreten hat, wird er von den Neckereien der Frauen verfolgt. Wenn die Übertretung schwer ist, wird er Tag und Nacht von der Furcht gepeinigt, ein UnglĂŒck ĂŒber seinen Stamm heraufbeschworen zu haben. Wenn er durch einen unglĂŒcklichen Zufall einen aus seinem eigenen Clan verwundet und so das grĂ¶ĂŸte aller Verbrechen begangen hat, zeigt er sich ganz jammervoll: er flĂŒchtet sich in die WĂ€lder und ist bereit, Selbstmord zu begehen, wenn der Stamm ihn nicht dadurch losspricht, dass er ihm einen physischen Schmerz zufĂŒgt und etwas von seinem eigenen Blut vergießt. 112 Innerhalb des Stammes ist alles Gemeinbesitz; jeder Bissen wird unter alle Anwesenden geteilt; und wenn der Wilde allein in den WĂ€ldern ist, fĂ€ngt er nicht zu essen an, ehe er nicht laut dreimal jeden, der seine Stimme vernehmen kann, eingeladen hat, sein Mahl zu teilen.

Kurz, innerhalb des Stammes ist die Regel »jeder fĂŒr alle« das oberste Gesetz, solange nicht die abgesonderte Familie bereits die Stammeseinheit zerbrochen hat. Aber diese Regel erstreckt sich nicht auf die benachbarten Clans oder StĂ€mme, auch wenn sie zu gegenseitigem Schutz verbĂŒndet sind. Jeder Stamm oder Clan ist eine besondere Einheit. Gerade wie bei den SĂ€ugetieren und Vögeln wird das Gebiet oberflĂ€chlich unter verschiedene StĂ€mme verteilt, und außer in Kriegszeiten werden die Grenzen respektiert. Wenn man das Gebiet seiner Nachbarn betritt, muss man zeigen, dass man keine bösen Absichten hat. Je lauter man sein Kommen ankĂŒndigt, umso mehr Vertrauen gewinnt man; und wenn einer ein Haus betritt, muss er am Eingang sein Beil niederlegen. Aber kein Stamm ist verpflichtet, seine Nahrung mit den anderen zu teilen: er kann es tun, aber er braucht es nicht. Daher ist das Leben der Wilden in zwei Reihen von Handlungen geteilt und tritt unter zwei verschiedenen ethischen Formen in die Erscheinung: die Beziehungen innerhalb des Stammes, und die Beziehungen zu den Außenstehenden; und das »intertribale« Recht weicht (wie unser Völkerrecht) sehr vom gemeinen Recht ab. Wenn es daher zu einem Krieg kommt, mögen die empörendsten Grausamkeiten die höchste Bewunderung des Stammes hervorrufen.

Diese doppelte Moral geht durch die ganze Entwicklung der Menschheit hindurch und hat sich bis zum heutigen Tag erhalten. Wir EuropĂ€er haben einige Fortschritte – jedenfalls keine ĂŒberwĂ€ltigenden – zur Ausrottung dieses doppelten Moralbegriffes gemacht; aber es muss auch gesagt werden, dass wir zwar – wenigstens in der Theorie – bis zu gewissem Grad unsere Vorstellungen von SolidaritĂ€t ĂŒber die Nation und manchmal auch ĂŒber andere Nationen erstreckt haben, dass wir aber die Bande der SolidaritĂ€t innerhalb unserer eigenen Völker und selbst innerhalb unserer eigenen Familien gelockert haben.

Das Auftreten einer abgesonderten Familie unter dem Clan stört notwendigerweise die feste Einheit. Eine besondere Familie bedeutet besonderes Eigentum und AufhĂ€ufen von Vermögen. Wir sahen, wie die Eskimos solchen UnzutrĂ€glichkeiten begegnen; und es gehört zu den interessantesten Gebieten des Studiums, im Lauf der Zeiten den verschiedenen Einrichtungen zu folgen (Markgenossenschaft, Gilden usw.), mittels derer die Massen sich bemĂŒhten, die Stammeseinheit trotz der TriebkrĂ€fte, die daran arbeiteten, sie zu vernichten, aufrecht zu erhalten. Andererseits wurden die ersten BruchstĂŒcke des Wissens, die in dieser Ă€ußerst entfernten Epoche zum Vorschein kamen und mit Zauberei vermengt waren, ebenfalls eine Waffe in den HĂ€nden des Individuums, die gegen den Stamm benutzt werden konnte. Sie wurden Ă€ngstlich geheim gehalten und nur den Binger weihten in den GeheimbĂŒnden der Zauberer, Schamanen und Priester ĂŒbermittelt, die wir bei allen Wilden antreffen. Zur selben Zeit schufen Kriege und EroberungszĂŒge die militĂ€rische AutoritĂ€t und auch Kriegerkasten, deren Vereinigungen große Macht erlangten. Indessen waren zu keiner Zeit der Existenz von Menschen Kriege der normale Zustand des Lebens. WĂ€hrend die Krieger sich gegen seitig ausrotteten und die Priester ihre Gemetzel segneten und feierten, wĂ€hrend dessen setzten die Massen ihr tĂ€gliches Leben fort, gingen ihrer tĂ€glichen Arbeit nach. Und es gehört zu den interessantesten Aufgaben des Studiums, diesem Leben der Massen nachzugehen; die Mittel zu erforschen, durch die sie ihre eigene soziale Organisation aufrecht erhielten, die sich auf ihre eigenen Vorstellungen von Gleichheit und gegenseitiger Hilfe grĂŒndete – mit einem Wort, auf das gemeine Recht, selbst wenn sie der wildesten Theokratie oder Autokratie im Staat unterworfen waren.

4. Gegenseitige Hilfe unter den Barbaren

Die großen Wanderungen. – Die Notwendigkeit neuer Organisation stellt sich heraus. – Die Dorfmarkgenossenschaft. – Gemeindearbeit. – Gerichtsverfahren. – RechtsverhĂ€ltnisse zwischen den StĂ€mmen. – Belege aus dem Leben unserer Zeitgenossen. – Buriaten. – Kabylen. – Kaukasische Bergvölker. -Afrikanische StĂ€mme

Wenn man die primitiven Menschen erforscht, muss man tiefe EindrĂŒcke von der Geselligkeit bekommen, die sie schon bei ihren ersten Schritten ins Leben ĂŒbten. Spuren von Menschengesellschaften findet man in den Überresten der Ă€ltesten wie spĂ€teren Steinzeit; und wenn wir daran gehen, die Wilden zu beobachten, deren Lebensgewohnheiten noch die der spĂ€teren Steinzeitmenschen sind, so finden wir sie durch eine Ă€ußerst alte Clanorganisation eng miteinander verbunden, die sie instand setzt, ihre schwachen individuellen KrĂ€fte zu vereinigen, das Leben gemeinsam zu genießen und fortzuschreiten. Der Mensch ist keine Ausnahme von der Natur. Er ist ebenfalls dem großen Prinzip der gegenseitigen Hilfe unterworfen, dass denen die besten Aussichten des Überlebens gewĂ€hrt, die einander am besten im Kampf ums Dasein unterstĂŒtzen. Dies waren die Ergebnisse, zu denen wir in den bisherigen Kapiteln gelangt sind.

So wie wir jedoch zu einer höheren Stufe der Zivilisation gelangen und uns der Geschichte zuwenden, die ĂŒber diese Stufe bereits etwas zu sagen hat, sind wir bestĂŒrzt ĂŒber die KĂ€mpfe und ZusammenstĂ¶ĂŸe, die sie enthĂŒllt. Die alten Bande scheinen völlig zerrissen. Man sieht StĂ€mme, die gegen StĂ€mme kĂ€mpfen, Clans gegen Clans, Individuen gegen Individuen; und aus diesem chaotischen Streit feindlicher KrĂ€fte geht die Menschheit in Kasten geteilt hervor, von Despoten zu Sklaven gemacht, in Staaten getrennt, die immer bereit sind, gegeneinander Krieg zu fĂŒhren. Und mit dieser Geschichte der Menschheit in HĂ€nden erklĂ€rt der pessimistische Philosoph triumphierend, dass Krieg und UnterdrĂŒckung der eigentliche Inhalt der Menschennatur seien; dass die kriegerischen und rĂ€uberischen Instinkte des Menschen nur durch eine starke Regierungsgewalt, die Frieden erzwingt und so den Wenigen und Edleren Gelegenheit gibt, der Menschheit fĂŒr kommende Zeiten ein besseres Leben zu bereiten, in gewissen Grenzen gehalten werden können.

Und doch, sowie das Alltagsleben des Menschen wĂ€hrend der historischen Periode einer nĂ€heren PrĂŒfung unterzogen wird – und dies ist in letzter Zeit durch viele ausdauernde Erforscher sehr frĂŒher Institutionen geschehen – erscheint es auf einmal in einem ganz anderen Lichte. Wenn wir die vorgefassten Meinungen der meisten Historiker und ihre ausgesprochene Vorliebe fĂŒr die dramatischen Momente der Geschichte beiseitelassen, dann sehen wir, dass die Dokumente, die sie gewohnheitsmĂ€ĂŸig erforschen, so beschaffen sind, dass durch sie die Rolle, die der Kampf im Menschenleben spielt, ĂŒbertrieben wird, und ihre friedlichen Seiten unterschĂ€tzt werden. Die hellen und sonnigen Tage werden in StĂŒrmen und Orkanen aus dem Gesicht verloren. Selbst in unserer eigenen Zeit leiden die massenhaften Erinnerungen, die wir kĂŒnftigen Historikern in unserer Presse, unseren GerichtsgebĂ€uden, unseren RegierungsĂ€mtern und selbst in unseren Romanen und Dichtungen aufbewahren, an derselben Einseitigkeit. Sie ĂŒbermitteln der Nachwelt die eingehendsten Beschreibungen jedes Krieges, jeder Schlacht und jedes ScharmĂŒtzels, jedes Streites und jeder Gewalttat, jeder Art individuellen Erduldens; aber sie enthalten kaum eine Spur von den zahllosen Akten gegenseitigen Beistandes und der Hingebung, die jeder nur aus seiner eigenen Erfahrung kennt; sie nehmen kaum Notiz von dem, was den eigentlichen Inhalt unseres tĂ€glichen Lebens ausmacht: von unseren sozialen Instinkten und Sitten. Kein Wunder also, dass die Berichte aus der Vergangenheit so unvollstĂ€ndig sind. Die alten Chronisten verfehlten nie, die kleinen Kriege und UnglĂŒcksfĂ€lle zu berichten, mit denen ihre Zeitgenossen sich quĂ€lten; aber sie schenkten dem Leben der Massen nicht die geringste Aufmerksamkeit, obwohl die Massen hauptsĂ€chlich friedlich zu arbeiten pflegten, wĂ€hrend die Wenigen im Streit lagen. Die epischen Gedichte, die Inschriften auf DenkmĂ€lern, die FriedensvertrĂ€ge – fast alle historischen Dokumente tragen denselben Charakter; sie handeln von FriedensbrĂŒchen, nicht vom Frieden selbst. Daher kommt es, dass ein Historiker, der die besten Absichten hat, unbewusst ein entstelltes Bild von den Zeiten gibt, die er schildern will, und um das richtige VerhĂ€ltnis zwischen Zusammenstoß und Vereinigung wieder herzustellen, sind wir jetzt genötigt, in eine genaue Untersuchung von Tausenden kleiner Tatsachen und schwacher Andeutungen einzutreten, die uns in den Überresten der Vergangenheit zufĂ€llig aufbewahrt geblieben sind, sie mit Hilfe der vergleichenden Ethnologie auszulegen, und -nachdem wir so viel von dem gehört haben, was die Menschen zu trennen pflegte -Stein um Stein die Einrichtungen zu rekonstruieren, die sie zu verbinden pflegten.

Binnen kurzem muss die Geschichte neu geschrieben werden und sie muss diese beiden Strömungen des Menschenlebens in Betracht ziehen und die Rolle wĂŒrdigen, die jede von beiden in der Entwicklung gespielt hat. Aber mittlerweile mögen wir von der reichen vor-bereitenden Arbeit Gebrauch machen, die in letzter Zeit geleistet worden ist, um die GrundzĂŒge der zweiten solange vernachlĂ€ssigten Strömung aufzudecken. Aus den besser bekannten Perioden der Geschichte können wir einige Beispiele fĂŒr das Leben der Massen nehmen, um die Rolle zu zeigen, die die gegenseitige Hilfeleistung wĂ€hrend dieser Zeiten gespielt hat; und wenn wir das tun, können wir (um der KĂŒrze willen) davon absehen, bis zum Ă€gyptischen oder auch nur griechischen und römischen Altertum zurĂŒckzugehen. Denn in der Tat hat die Entwicklung der Menschheit nicht den Charakter einer einzigen, nie abgebrochenen Kette gehabt. Verschiedene Male kam die Kultur in einer bestimmten Gegend, unter einer bestimmten Rasse, zu einem Ende, und begann anderswo, unter neuen Rassen von neuem. Aber bei jedem frischen Beginnen begann sie wiederum mit denselben Clan-Institutionen, die wir unter den Wilden angetroffen haben. Daher kommt es, dass wir, wenn wir das letzte Anheben unserer eigenen Kultur nehmen, als es in den ersten Jahrhunderten unserer Zeitrechnung von frischem unter denen, die die Römer Barbaren nannten, begann, die ganze Stufenfolge der Entwicklung haben, beginnend mit den Gentes und mit unseren eigenen Institutionen aufhörend. Diesen Belegen werden die folgen-den Seiten gewidmet sein.

Die MĂ€nner der Wissenschaft sind noch nicht ganz einig ĂŒber die GrĂŒnde, die vor einigen zweitausend Jahren ganze Völker von Asien nach Europa getrieben haben und zu den großen Wanderungen der Barbaren fĂŒhrten, die dem weströmischen Reich ein Ende machten. Eine Ursache indessen drĂ€ngt sich dem Geographen naturgemĂ€ĂŸ auf, wenn er die Ruinen volkreicher StĂ€dte in den WĂŒsten Zentralasiens betrachtet, oder wenn er den alten Betten jetzt verschwundener FlĂŒsse folgt und den weiten Ufern von Seen, die jetzt bloß noch die GrĂ¶ĂŸe von Teichen haben. Die Ursache ist: Austrocknung, eine Austrocknung ganz neuen Datums, die jetzt noch weitergeht, und zwar mit einer Geschwindigkeit, die wir frĂŒher nicht geneigt gewesen wĂ€ren zuzugeben. Gegen sie war der Mensch wehrlos. Als die Einwohner Nordwestmongoliens und Ostturkestans sahen, dass das Wasser sie im Stiche ließ, hatten sie keinen anderen Ausweg, als den breiten TĂ€lern entlang zu ziehen, die in die TieflĂ€nder fĂŒhrten, und die Einwohner der Ebenen nach Westen zu schieben. StĂ€mme auf StĂ€mme wurden so nach Europa geworfen, die andere StĂ€mme zwangen, Jahrhunderte hintereinander hin und her zu ziehen, nach Westen und Osten, auf der Suche nach neuen, mehr oder weniger dauernden Wohnsitzen. Rassen mischten sich wĂ€hrend dieser Wanderungen mit Rassen, Eingeborene mit Einwanderern, Arier mit Ural-Altaiischen Völkern; und es wĂ€re kein Wunder gewesen, wenn die sozialen Einrichtungen, die sie in ihren MutterlĂ€ndern zusammengehalten hatten, wĂ€hrend der Aufeinanderschichtung von Rassen, die in Europa und Asien stattfand, völlig vernichtet worden wĂ€ren. Aber sie wurden nicht vernichtet; sie erlitten lediglich die Modifikation, die unter den neuen Lebensbedingungen notwendig war.

Die alten Deutschen, die Kelten, die Skandinavier, die Slawen und andere waren, als sie zuerst in BerĂŒhrung mit den Römern kamen, in einem Übergangsstadium ihrer sozialen Organisation. Die ClanverbĂ€nde, die sich auf einen wirklichen oder angenommenen gemeinsamen Ursprung grĂŒndeten, hatten sie viele Tausende von Jahren zusammengehalten. Aber diese VerbĂ€nde konnten ihrem Zwecke nur so lange entsprechen, als es innerhalb der Gens oder des Clans selbst keine abgesonderten Familien gab. Indessen hatte sich aus bereits erwĂ€hnten GrĂŒnden die besondere patriarchalische Familie langsam, aber stetig innerhalb der Clans entwickelt, und auf die LĂ€nge bedeutete das natĂŒrlich die individuelle AnhĂ€ufung von Vermögen und Macht, und die erbliche Übertragung von beidem. Die hĂ€ufigen Wanderungen der Barbaren und die daraus sich ergebenden Kriege beschleunigten nur die Teilung der Gentes in abgesonderte Familien, wĂ€hrend die Zersprengung der StĂ€mme und ihre Vermischung mit Fremden die schließliche Auflösung solcher VerbĂ€nde, die sich auf Verwandtschaft grĂŒndeten, besonders erleichterten. Die Barbaren befanden sich also in einer Lage, wo sie entweder zusehen mussten, wie ihre Clans sich in lose Ansammlungen von Familien auflösten, von denen es den reichsten, besonders wenn sie priesterliche Funktionen oder kriegerisches Ansehen mit dem Reichtum verbanden, gelungen wĂ€re, den anderen ihre AutoritĂ€t aufzuzwingen; oder sie mussten eine neue Organisationsform ausfindig machen, die auf einem neuen Prinzip beruhte.

Viele StĂ€mme hatten keine Kraft, dem Zerfall Widerstand zu leisten; sie brachen zusammen und gingen der Geschichte verloren. Aber die krĂ€ftigeren zerfielen nicht. Sie tauchten aus der PrĂŒfung mit einer neuen Organisation empor – der Dorfmark -, die sie fĂŒr die nĂ€chsten fĂŒnfzehn Jahrhunderte oder lĂ€nger zusammenhielt. Der Begriff eines gemeinsamen Landes, das durch gemeinsame Anstrengungen erworben oder geschĂŒtzt wurde, bildete sich aus und nahm die Stelle der verschwindenden Ideen der gemeinsamen Abstammung ein. Die gemeinsamen Götter verloren allmĂ€hlich den Charakter der Ahnen und bekamen einen örtlichen Charakter. Sie wurden die Götter oder Heiligen einer bestimmten Örtlichkeit; »das Land« wurde mit seinen Bewohnern identifiziert. LandesverbĂ€nde kamen empor anstatt der BlutsverbĂ€nde von ehedem, und diese neue Organisation gewĂ€hrte offenbar manche Vorteile unter den gegebenen UmstĂ€nden. Sie erkannte die UnabhĂ€ngigkeit der Familie an und verstĂ€rkte sie sogar noch, indem die Markgenossenschaft auf alle Rechte, sich in das einzumischen, was innerhalb der geschlossenen Familie vor sich ging, verzichtete; sie gab der persönlichen Initiative viel mehr Freiheit; sie war im Prinzip der Vereinigung zwischen Menschen verschiedener Abstammung nicht feindlich, und sie sicherte gleichzeitig den notwendigen Zusammenhang zwischen Tun und Denken, wĂ€hrend sie stark genug war, sich den Herrschaftstendenzen der Zauberer, Priester und berufsmĂ€ĂŸigen oder durch ihre Leistungen hervorragenden Krieger entgegenzustellen. Daher wurde sie die Keimzelle zu kĂŒnftiger Organisation, und bei vielen Völkern hat die Dorfmark diesen Charakter bis heute behalten.

Es ist jetzt bekannt und kaum bestritten, dass die Dorfmark nicht eine Besonderheit der Slawen oder der alten Deutschen war. Sie herrschte in England wĂ€hrend der angelsĂ€chsischen und der normannischen Zeiten und blieb teilweise bis ins letzte Jahrhundert am Leben; sie lag den sozialen Organisationen des alten Schottland, Irland und Wales zugrunde. In Frankreich erhielt sich der Kommunalbesitz und die kommunale Verteilung urbaren Landes durch die Volksversammlung des Dorfes von den ersten Jahrhunderten unserer Zeitrechnung bis zu den Zeiten Turgots, der die Volksversammlungen »zu gerĂ€uschvoll« fand und sie darum abschaffte. Sie ĂŒberlebte die römische Herrschaft in Italien und lebte nach dem Fall des römischen Reichs wieder auf. Sie war die Regel bei den Skandinaviern, den Slawen, den Finnen (in der PittĂ€yĂ€ und auch wahrscheinlich der Kihlakunta), bei den Kuren und den LivlĂ€ndern. Die Dorfmark in Indien – dem vergangenen und gegenwĂ€rtigen, arischen und nichtarischen – ist bekannt durch die epochemachenden Werke Sir Henry Maines, und Elphinstone hat sie unter den Afghanen geschildert. Wir finden sie auch in dem mongolischen Ulus, dem kabylischen Thaddart, dem javanischen Dessa, dem malayischen Kota oder Tofa und unter den verschiedensten Namen in Abessynien, dem Sudan, dem Innern Afrikas, bei Eingeborenen beider Amerika, bei all den kleinen und großen StĂ€mmen der Inseln des Stillen Ozeans. Kurz, wir kennen keine einzige Menschenrasse oder kein einziges Volk, die nicht ihre Periode der Dorfmark gehabt haben. Diese Tatsache allein beseitigt die Theorie, wonach die Dorfmark in Europa ein Produkt der Leibeigenschaft gewesen sei. Sie ist Ă€lter als die Leibeigenschaft, und selbst diese war nicht imstande, sie zu vernichten. Sie war eine allgemein verbreitete Etappe der Entwicklung, ein natĂŒrliches Produkt der Clanorganisation, bei all den StĂ€mmen wenigstens, die in der Geschichte eine Rolle gespielt haben oder noch spielen. Sie war ein natĂŒrliches GewĂ€chs, und eine absolute GleichmĂ€ĂŸigkeit ihrer Struktur war daher nicht möglich. In der Regel war sie eine Vereinigung zwischen Familien, die man fĂŒr verbunden durch gemeinsame Abstammung hielt und die ein bestimmtes Stark Land gemeinsam besaßen. Aber bei manchen StĂ€mmen unter bestimmten UmstĂ€nden pflegten die Familien sehr zahlreich zu werden, ehe sie neue Zweige in Gestalt neuer Familien bildeten; fĂŒnf, sechs oder sieben Generationen fuhren fort, unter demselben Dach oder in derselben Umgebung zu wohnen, die ihren Gesamthaushalt und ihr Vieh gemeinsam besaßen und ihr Mahl am gemeinsamen Herd einnahmen. Sie bildeten in diesem Fall, was die Ethnologie unter dem Namen des Familienverbandes oder des ungeteilten Haushalts kennt, die wir noch in ganz China, in Indien, in der sĂŒdslawischen Zadruga sehen und die wir gelegentlich in Afrika, Amerika, in DĂ€nemark, Nordrussland und Westfrankreich finden. Bei anderen StĂ€mmen oder unter anderen UmstĂ€nden, die noch nicht im Einzelnen erforscht sind, erreichten die Familien nicht denselben Umfang; die Enkel und manches Mal schon die Söhne verließen den Haushalt, sowie sie verheiratet waren, und jeder bildete von sich aus eine neue Zelle. Aber, verbunden oder nicht, zusammengehĂ€uft oder in WĂ€ldern zerstreut, die Familien blieben als Dorfmarken vereint; mehrere Dörfer waren zu StĂ€mmen verbunden; und die StĂ€mme schlossen sich zu BĂŒnden zusammen. Das war die soziale Organisation, die sich unter den sogenannten »Barbaren« entwickelte, als sie anfingen, sich mehr oder weniger dauernd in Europa niederzulassen.

Eine sehr lange Entwicklung war erforderlich, ehe die Gentes oder Clans die besondere Existenz einer patriarchalischen Familie in einer besonderen HĂŒtte anerkannten; aber selbst nachdem das anerkannt war, kannte der Clan in der Regel kein persönliches Erbrecht am Eigentum. Die wenigen Dinge, die dem Individuum persönlich gehört haben mochten, wurden entweder aus seinem Grab vernichtet oder mit ihm verbrannt. Die Dorfmark erkannte im Gegenteil die private Ansammlung von Vermögen innerhalb der Familie und ihre erbliche Übertragung vollstĂ€ndig an. Aber unter Vermögen verstand man ausschließlich bewegliches Eigentum, einschließlich Vieh, GerĂ€te, Waffen und das Wohnhaus, das – »wie alle Dinge, die vom Feuer zerstört werden können« – zur selben Kategorie gehörte. Was Privateigentum an Grund und Boden angeht, so erkannte die Dorfmark nichts derart an – sie kannte es nicht – und kennt es auch in der Regel heute noch nicht. Das Land war das Gemeineigentum des Stammes oder des ganzen Volkes und die Dorfmark war selbst nur so lange EigentĂŒmer ihres Teiles des Stammesgebietes, als der Stamm keine Neuverteilung der Dorfanteile verlangte. Da das Ausroden der WĂ€lder und das Urbarmachen der PrĂ€rien meistens von der Markgenossenschaft oder wenigstens durch die vereinte Arbeit mehrerer Familien – immer mit der Zustimmung der Markgenossenschaft – geschah, wurden die urbar gemachten Stellen von jeder Familie fĂŒr ein Ziel von vier, zwölf oder zwanzig Jahren besetzt, nach welchem Termin sie als Teil des urbaren Landes im Gemeinbesitz behandelt wurden. Privateigentum oder Besitz am Boden »fĂŒr immer« war mit den Prinzipien und den religiösen Vorstellungen der Dorfmark ebenso unvertrĂ€glich wie mit den Prinzipien der Gens; so dass eine lange Einwirkung des römischen Rechtes und der christlichen Kirche, die bald die römischen GrundsĂ€tze akzeptierte, erforderlich war, um die Barbaren an die Idee, dass Privateigentum an Grund und Boden möglich sei, zu gewöhnen. Und doch blieb, selbst als solches Eigentum oder solcher Besitz fĂŒr unbegrenzte Zeit anerkannt war, der

EigentĂŒmer eines besonderen Gutes MiteigentĂŒmer an den weiten LĂ€ndern, WĂ€ldern und Weiden. Noch mehr, wir sehen fortwĂ€hrend, besonders in der Geschichte Russlands, dass, wenn ein paar Familien, die getrennt vorgingen, Besitz von einigem Land genommen hatten, das StĂ€mmen gehörte, die als Fremde behandelt wurden, dass sie sich dann sehr bald miteinander vereinigten und eine Dorfmark grĂŒndeten, die in der dritten oder vierten Generation sich fĂŒr eine ursprĂŒngliche Markgenossenschaft erklĂ€rte.

Eine ganze Reihe von Einrichtungen, die teilweise aus der Clanperiode ĂŒbernommen wurden, haben sich auf dieser Grundlage des Gemeineigentums an Grund und Boden in den langen Jahrhunderten entwickelt, die erforderlich waren, um die Barbaren unter die Herrschaft von Staaten zu bringen, die nach dem römischen oder byzantinischen Muster organisiert waren. Die Dorfmark war nicht nur eine Vereinigung, um jedem seinen richtigen Anteil am Gemeindeland zu sichern, sondern auch eine Vereinigung zu gemeinsamer Bewirtschaftung, zu gegenseitigem Beistand in allen möglichen Formen, zum Schutz vor Gewalt und zu einer weiteren Entwicklung des Wissens, des nationalen Zusammenhaltes und der Moral; und jeder Wechsel in den Sitten hinsichtlich des Rechtes, des Kriegswesens, der Erziehung oder der Wirtschaft musste in den Volksversammlungen des Dorfes, des Stammes oder des Bundes entschieden werden. Da die Mark eine Fortsetzung der Gens war, erbte sie alle ihre Funktionen. Sie war die universitas, der Mir – eine Welt fĂŒr sich.

Gemeinsames Jagen, gemeinsamer Fischfang und gemeinsame Sorge fĂŒr die ObstgĂ€rten und fĂŒr das Pflanzen von ObstbĂ€umen war die Regel bei den alten Gentes. Gemeinsame Landwirtschaft wurde die Regel in den barbarischen Markgenossenschaften. Allerdings sind die direkten Zeugnisse in diesem Betracht spĂ€rlich, und in der Literatur des Altertums haben wir bloß die Stellen bei Diodor und Julius Caesar, die sich auf die Einwohner der Liparischen Inseln, einen der keltoiberischen StĂ€mme und die Sueven beziehen. Aber es fehlt nicht an Beweisen dafĂŒr, dass unter einigen germanischen StĂ€mmen, den Franken und den alten Schotten, Iren und Welschen gemeinsame Landwirtschaft betrieben wurde. Aber die spĂ€teren Überreste dieser Betriebsform sind einfach zahllos. Selbst in dem völlig romanisierten Frankreich war die gemeinsame Bewirtschaftung vor etlichen 25 Jahren im Morbihan (Bretagne) ĂŒblich. Das alte welsche cyvar oder gemeinsames Gespann und ebenso die gemeinsame Bewirtschaftung des Landes, das zugunsten des Dorfheiligtums in Losen verteilt wurde, sind unter den StĂ€mmen des Kaukasus, die am wenigsten von der Zivilisation berĂŒhrt sind, ganz allgemein, und Ă€hnliche Tatsachen trifft man tĂ€glich unter den russischen Bauern. Ferner ist es bekannt, dass viele StĂ€mme Brasiliens, Zentralamerikas und Mexikos ihre Felder gemeinsam zu bestellen pflegten, und dass der gleiche Brauch bei manchen Malaien, in Neukaledonien, bei gewissen NegerstĂ€mmen verbreitet ist usw. Kurz, die Gemeindewirtschaft ist bei vielen arischen, ural-altaiischen, mongolischen, Neger-, Indianer-, Malaien- und MelanesierstĂ€mmen so sehr ĂŒblich, dass wir sie als eine allgemeine – wennschon nicht die einzig mögliche Form der primitiven Landwirtschaft betrachten mĂŒssen.

Gemeindebewirtschaftung schließt indessen nicht notwendig gemeinsamen Konsum ein. Schon unter der Clanorganisation sehen wir oft, dass, wenn die mit FrĂŒchten oder Fischen beladenen Boote ins Dorf zurĂŒckkehren, die Nahrungsmittel, die sie gebracht haben, unter den HĂŒtten und den »langen HĂ€usern«, die entweder von mehreren Familien oder den jungen Leuten bewohnt sind, verteilt und fĂŒr sich an jedem besonderen Herd gekocht werden. Die Gewohnheit, die Mahlzeiten in einem engeren Kreis von Verwandten oder Genossen einzunehmen, besteht also schon in einer frĂŒheren Periode des Clanlebens. Sie wurde in der Markgenossenschaft die Regel. Selbst die gemeinsam gebauten Nahrungsmittel wurden gewöhnlich unter die Haushaltungen verteilt, nachdem ein Teil davon zu Gemeindezwecken aufgespeichert worden war. Die Tradition der gemeinsamen Mahlzeiten wurde jedoch pietĂ€tvoll lebendig erhalten, jede Gelegenheit, wie z. B. die Gedenkfeier fĂŒr die Ahnen, die religiösen Feste, der Anfang und das Ende der Feldarbeit, die Geburten, die Hochzeiten und die Beerdigungen wurden benutzt, um die Gemeinschaft bei gemeinsamem Schmaus zu vereinigen. Auch jetzt ist diese Gewohnheit noch lange nicht verschwunden. Als man andererseits schon lange aufgehört hatte, auf den Feldern gemeinsam zu pflĂŒgen und zu sĂ€en, blieb man bis auf den heutigen Tag dabei, verschiedene landwirtschaftliche Arbeiten gemeinsam zu verrichten. Ein gewisser Teil des Gemeindelandes wird noch jetzt in vielen FĂ€llen gemeinsam bestellt, entweder zum Nutzen der Armen oder um die gemeinsamen Speicher neu zu fĂŒllen oder um den Ertrag fĂŒr die religiösen Feste zu verwenden. Die BewĂ€sserungskanĂ€le werden gemeinsam gegraben und ausgebessert. Die Gemeindewiesen werden von der Gemeinschaft gemĂ€ht; und der Anblick einer russischen Gemeinde, die eine Wiese mĂ€ht – wie die MĂ€nner miteinander wetteifern bei ihrem VorwĂ€rtsgehen mit der Sichel, wĂ€hrend die Frauen das Gras umdrehen und es zu Haufen schichten – das gehört zum Hinreißendsten, was man sehen kann; es zeigt, was Menschenarbeit sein könnte und sein sollte. Das Heu wird in solchen FĂ€llen unter die einzelnen Haushaltungen verteilt, und es versteht sich von selbst, dass keiner das Recht hat, Heu von der Miete seines Nachbarn zu nehmen, wenn der es nicht besonders erlaubt hat; aber die EinschrĂ€nkung dieser letzten Regel unter den kaukasischen Osseten ist sehr bemerkenswert. Wenn der Kuckuck ruft und verkĂŒndet, dass der FrĂŒhling kommt und die Wiesen bald mit Gras bedeckt sein werden, dann hat jeder, dem es mangelt, das Recht, von der Miete eines Nachbarn das Heu zu nehmen, das er fĂŒr sein Vieh braucht. Das alte Gemeinderecht hat sich so geltend gemacht, wie um zu zeigen, wie entgegen der ungezĂŒgelte Individualismus der menschlichen Natur ist.

Wenn der europĂ€ische Reisende auf einer kleinen Insel des stillen Ozeans landet und auf ein WĂ€ldchen von PalmbĂ€umen zugeht, das er in einiger Entfernung sieht, ist er erstaunt, zu gewahren, dass die kleinen Dörfer durch Straßen miteinander verbunden sind, die mit großen Steinen gepflastert sind, sehr bequem fĂŒr die barfĂŒĂŸigen Eingeborenen und ganz Ă€hnlich den alten Straßen der Schweizer Berge. Solche Straßen wurden von den »Barbaren« in ganz Europa angelegt, und man muss in wilden, dĂŒnnbevölkerten Gegenden gereist sein, weit weg von den Hauptverkehrslinien, um sich völlig die ungeheure Arbeit vorstellen zu können, die von den barbarischen Gemeinschaften vollbracht wurde, um die waldige und sumpfige Wildnis zu erobern, die Europa vor etlichen zweitausend Jahren gewesen ist. Isolierte Familien, ohne Werkzeuge und schwach wie sie waren, hĂ€tten sie nicht erobern können; die Wildnis hĂ€tte sie ĂŒberwunden. Markgenossenschaften allein, die gemeinsam arbeiteten, konnten die wilden WĂ€lder, die gefĂ€hrlichen SĂŒmpfe und die endlosen Steppen bezwingen. Die unebenen Straßen, die FĂ€hren, die HolzbrĂŒcken, die im Winter entfernt wurden und, wenn die FrĂŒhjahrsfluten vorĂŒber waren, wieder aufgebaut wurden, die Schutzwehren und die Palissadenmauern der Dörfer, die Erdschanzen und die kleinen TĂŒrme, mit denen das Land ĂŒbersĂ€t war – all das war das Werk der barbarischen Gemeinschaften. Und wenn eine Gemeinde zahlreich wurde, pflegte sie einen neuen Zweig zu bilden. Eine neue Dorfmark entstand, und so wurden Schritt fĂŒr Schritt die WĂ€lder und Steppen der Herrschaft des Menschen unterworfen. Die ganze Schöpfung der europĂ€ischen Nationen geht so auf das Knospen und Verzweigen der Markgenossenschaften zurĂŒck. Selbst heutzutage wandern die russischen Bauern, wenn sie nicht ganz vom Elend erdrĂŒckt sind, in Gemeinden aus und sie pflĂŒgen den Boden und bauen die HĂ€user gemeinsam, wenn sie sich an den Ufern des Amur oder in Manitoba ansiedeln. Und selbst die EnglĂ€nder kehrten, als sie zuerst Amerika kolonisierten, gewöhnlich zu dem alten System zurĂŒck; sie gruppierten sich zu Dorfmarken.

Die Dorfmark war die Hauptwaffe der Barbaren in ihrem tapferen Kampf gegen die feindliche Natur. Sie war auch die Wehr, die sie der UnterdrĂŒckung durch die Listigsten und StĂ€rksten entgegensetzten, die wĂ€hrend dieser wirren Zeiten so leicht hĂ€tte hochkommen können. Der Phantasiebarbar – der Mann, der bloß zu seinem VergnĂŒgen kĂ€mpft und tötet – existierte so wenig wie der »blutdĂŒrstige« Wilde. Der wirkliche Barbar lebte im Gegenteil unter einer großen Zahl von Institutionen, die sorgfĂ€ltig erwogen, was seinem Stamm oder seiner Stammesgenossenschaft nĂŒtzlich oder schĂ€dlich sein könnte, und diese Institutionen wurden fromm von einer Generation der anderen ĂŒberliefert, in Versen und GesĂ€ngen, in SprĂŒchen oder Triaden, in Sentenzen und Lehren. Je mehr wir sie studieren, desto mehr erkennen wir die engen Bande, die die Menschen in ihren Dörfern vereinigten. Jeder Streit, der zwischen zwei Individuen ausbrach, wurde als Angelegenheit der Gemeinde betrachtet – selbst die beleidigenden Worte, die wĂ€hrend eines Streites etwa ausgestoßen wurden, betrachtete man als eine der Gemeinde und ihren Ahnen zugefĂŒgte Beleidigung. Sie mussten durch Bußen wieder gut gemacht werden, die sowohl dem Individuum wie der Gemeinde zustanden; und wenn ein Streit mit Kampf und Verwundung endete, dann wurde der Mann, der dabeistand und nicht dazwischentrat, ebenso behandelt, als ob er selbst die Wunden zugefĂŒgt hĂ€tte.

Das Gerichtsverfahren war vom selben Geist erfĂŒllt. Jeder Streit wurde zuerst vor Vermittler oder Schiedsrichter gebracht, und er endete meistens vor ihnen, da die Schiedsrichter eine sehr wichtige Rolle in der barbarischen Gesellschaft spielten. Aber wenn der Fall zu ernst war, um auf diesem Wege erledigt zu werden, kam er vor die Volksversammlung, die verpflichtet war, »den Spruch zu finden« und ihn bedingungsweise aussprach; nĂ€mlich »die und die EntschĂ€digung war zu leisten, wenn das Vergehen bewiesen war«; und das Vergehen musste durch sechs oder zwölf Personen bewiesen oder widerlegt werden, die unter ihrem Eid die Tat bestĂ€tigten oder leugneten; zum Gottesurteil schritt man nur, wenn die zwei Reihen Schwörende sich widersprachen. Dieses Verfahren, das mehr als zweitausend Jahre hintereinander in Kraft blieb, spricht BĂ€nde fĂŒr sich selbst; es zeigt, wie eng die Bande zwischen allen Gliedern der Gemeinschaft waren. ĂŒberdies gab es keine andere AutoritĂ€t, die Entscheidungen der Volksversammlung durchzufĂŒhren, als ihre eigene moralische AutoritĂ€t. Die einzig mögliche Drohung war, dass die Gemeinde den Rebellen fĂŒr rechtlos erklĂ€ren konnte, aber selbst diese Drohung war gegenseitig. Ein Mann, der mit der Volksversammlung unzufrieden war, konnte erklĂ€ren, er wolle den Stamm verlassen und zu einem anderen ĂŒbergehen – eine sehr gefĂ€hrliche Drohung, da es sicher war, dass alle Arten Missgeschick ĂŒber einen Stamm kamen, der gegen eines ihrer Mitglieder Unrecht begangen hatte. Eine Auflehnung gegen eine richtige Entscheidung des Gewohnheitsrechtes war, wie Henry Maine so gut gesagt hatte, einfach »unfassbar, weil Recht, Moral und Tun« in jenen Zeiten nicht voneinander getrennt werden konnten. Die moralische AutoritĂ€t der Gemeinde war so groß, dass selbst in einer viel spĂ€teren Epoche die Markgenossenschaften, obwohl sie in AbhĂ€ngigkeit vom Feudalherrn geraten waren, ihre Gerichtsbarkeit aufrecht erhielten; sie erlaubten dem Herrn oder seinem Vertreter nur, den oben erwĂ€hnten bedingungsweisen Spruch gemĂ€ĂŸ dem Gewohnheitsrecht, an das sich halten zu wollen er beschworen hatte, zu »finden«, und die Geldstrafe (den Fred), die der Gemeinde verfallen war, selbst zu erheben. Aber lange Zeit hindurch unterwarf sich der Herr, wenn er MiteigentĂŒmer an dem weiten Gemeindeland blieb, in Angelegenheiten der Gemeinde selbst ihrer Entscheidung. Adelig oder geistlich – er hatte sich der Volksversammlung zu unterwerfen – »Wer daselbst Wasser und Weid genießt, muss gehorsam sein« – lautete der alte Spruch. Selbst als die Bauern Leibeigene des Herrn wurden, war er verpflichtet, vor der Volksversammlung zu erscheinen, wenn sie ihn vorluden.

In ihren Gerechtigkeitsbegriffen unterschieden sich die Barbaren offenbar nicht sehr von den Wilden. Sie hingen ebenfalls der Meinung an, dass auf einen Mord folgen mĂŒsse, dass der Mörder getötet werde, dass Wunden durch entsprechende Wunden zu sĂŒhnen wĂ€ren und dass die verletzte Familie gehalten sei, den Spruch des Gewohnheitsrechtes auszufĂŒhren. Das war heilige Pflicht, Pflicht gegen die Ahnen, und musste am hellen Tag, nie heimlich vollbracht und weit und breit bekannt gemacht werden. Daher sind die begeistertsten Partien der Sagas und der epischen Dichtung ĂŒberhaupt die Stellen, die das verherrlichen, was man fĂŒr Gerechtigkeit hielt. Die Götter selbst kamen ihr zu Hilfe. Indessen ist der vorherrschende Zug der barbarischen Justiz einerseits, die Zahl der in eine Fehde verwickelten Personen zu beschrĂ€nkten, und andererseits, die brutale Vorstellung des Blut um Blut und Wunden um Wunden auszurotten und an ihre Stelle das EntschĂ€digungssystem zu setzen. Die barbarischen RechtsbĂŒcher – die Sammlungen der Bestimmungen des gemeinen Rechtes waren, die man fĂŒr den Gebrauch der Richter aufgeschrieben hatte – »erlaubten zuerst, dann empfahlen und zuletzt erzwangen« EntschĂ€digung statt Rache. Die EntschĂ€digung ist indessen von denen völlig missverstanden worden, die sie sich als Geldstrafe oder als eine Art carte blanche vorstellen, die dem Reichen zustand, damit er alles tun könne, was er wolle. Das EntschĂ€digungsgeld (Wergeld), das ganz etwas anderes war als die Geldstrafe oder der Fred, war gewöhnlich fĂŒr alle Arten TĂ€tlichkeiten so hoch, dass es sicher nicht dazu ermutigte. Im Falle eines Mordes ging es gewöhnlich ĂŒber das Vermögen des Mörders hinaus. »Achtzehnmal achtzehn KĂŒhe« betrĂ€gt die EntschĂ€digung bei den Osseten, die nicht weiter als achtzehn rechnen können, und bei den afrikanischen StĂ€mmen geht sie bis zu 800 KĂŒhen oder 100 Kamelen mit ihren Jungen, oder 416 Schafen bei den Ă€rmeren StĂ€mmen.135 In der großen Mehrheit der FĂ€lle konnte die EntschĂ€digung ĂŒberhaupt nicht bezahlt werden, so dass der Mörder keine Wahl hatte, als durch Reue die gekrĂ€nkte Familie zu veranlassen, ihn zu adoptieren.

Noch jetzt, wenn im Kaukasus Fehden zu Ende kommen, berĂŒhrt der Schuldige mit den Lippen die Brust der Ă€ltesten Frau des Stammes und wird der »Milchbruder« aller MĂ€nner der gekrĂ€nkten Familie.136 Bei mehreren afrikanischen StĂ€mmen muss er seine Tochter oder Schwester einem aus der Familie zur Ehe geben; bei anderen StĂ€mmen ist er verpflichtet, die Frau zu heiraten, die er zur Witwe gemacht hat; und in allen FĂ€llen wird er Mitglied der Familie, dessen Meinung in allen wichtigen Familienangelegenheiten eingeholt wird.

Die Barbaren waren weit entfernt davon, das Menschenleben zu missachten, und sie wussten daher auch nichts von den grĂ€sslichen Strafen, die zu einer spĂ€teren Epoche durch die weltlichen und kanonischen Gesetze unter römischem und byzantinischem Einfluss eingefĂŒhrt wurden. Denn wenn der Sachsenspiegel mit der Todesstrafe ziemlich freigebig umging, selbst in FĂ€llen der Brandstiftung und des bewaffneten Raubes, so erklĂ€rten sie die anderen barbarischen GesetzbĂŒcher nur in den FĂ€llen des Verrates gegen den Stamm und des Frevels gegen die Götter der Gemeinschaft als das einzige Mittel, die Götter zu versöhnen.

All das ist, wie man sieht, sehr weit entfernt von der angeblichen »moralischen ZĂŒgellosigkeit« der Barbaren. Im Gegenteil können wir die tief moralischen GrundsĂ€tze nur bewundern, die in den frĂŒhen Dorfmarken sich ausbildeten und die ihren Ausdruck in welschen Triaden, in den Sagen vorn König Artus, in den DenkwĂŒrdigkeiten der Brehon, in alten germanischen Sagen usw. fanden, oder ihn noch finden in den SprĂŒchen der modernen Barbaren. In seiner Einleitung zur »Saga vom verbrannten Njal« fasst George Dasent sehr richtig die Eigenschaften eines NordlĂ€nders, wie sie in den Sögurs zutage treten, wie folgt zusammen: »Offen und mĂ€nnlich zu tun, was ihm oblag, ohne Furcht vor Feinden oder dem Schicksal; … frei und tapfer zu sein in all seinen Taten; freundlich und großmĂŒtig gegen Freunde und Verwandte; hart und grimm gegen seine Feinde (solche, die unter der lex talionis stehen), aber auch gegen sie all seine Pflicht und Schuldigkeit zu tun …. Kein TreubrĂŒchiger, kein OhrenblĂ€ser, kein Verleumder zu 12s sein. Nichts gegen irgendjemand zu sagen, was er sich nicht getraute, ihm ins Gesicht zu sagen. Niemand von der TĂŒre zu weisen, der Brot oder Obdach sucht, auch wenn es ein Feind wĂ€re.«

Dieselben oder noch bessere GrundsĂ€tze erfĂŒllen die welschen epischen Dichtungen und Triaden. Handeln »nach der Natur der Milde und den GrundsĂ€tzen der Billigkeit« ohne RĂŒcksicht auf Freund oder Feind, »und das Unrecht wieder gut machen« – das sind die höchsten Pflichten des Menschen; Â»Ăœbel ist Tod, Gut ist Leben«, ruft der Dichter-Gesetzgeber aus. »Die Welt wĂ€re wahnsinnig, wenn VertrĂ€ge auf den Lippen nicht ehrlich wĂ€ren«, sagt das Brehonrecht. Und der bescheidene schamanistische Mordwine fĂŒgt, nachdem er dieselben Eigenschaften gerĂŒhmt hat, in seinen GrundsĂ€tzen des Gewohnheitsrechtes hinzu, »unter Nachbarn solle die Kuh und der Melkeimer gemeinsam sein«; »die Kuh soll fĂŒr dich selbst und fĂŒr den, der kommt und Milch begehrt, gemolken werden«; »der Körper eines Kindes wird rot von dem Streich, aber das Gesicht dessen, der schlĂ€gt, wird rot vor Scharn« usw.; viele Seiten könnten mit Ă€hnlichen SĂ€tzen, wie sie die »Barbaren« aussprachen und befolgten, gefĂŒllt werden.

Ein weiterer Zug der alten Dorfmarken verdient besondere ErwĂ€hnung. Ich meine die allmĂ€hliche Ausdehnung des Menschenkreises, der vorn SolidaritĂ€tsgefĂŒhl umfasst wird. Nicht nur die StĂ€mme vereinigten sich zu Völkerschaften, sondern auch die Völkerschaften selbst, wenn sie verschiedenen Ursprungs waren, taten sich zu VerbĂ€nden zusammen. Manche Vereinigungen waren so fest, dass z. B. die Vandalen, nachdem ein Teil ihres Verb andes nach dem Rhein aufgebrochen war und von dort nach Spanien und Afrika zog, vierzig Jahre hintereinander die Landmarken und die verlassenen Dörfer ihrer VerbĂŒndeten respektierten und nicht von ihnen Besitz nahmen, bis sie sich durch Boten vergewissert, dass ihre VerbĂŒndeten nicht heimzukehren beabsichtigten. Bei anderen Barbaren wurde der Boden von einem Teil des Volksstammes bebaut, wĂ€hrend der andere Teil an den Grenzen oder jenseits der Grenzen des gemeinsamen Gebietes kĂ€mpfte. BĂŒndnisse zwischen verschiedenen Völkerschaften waren durchaus ĂŒblich. Die Sigambrer verbanden sich mit den Cheruskern und Sueven, die Quaden mit den Sarmaten; die Sarmaten mit den Alanen, den Carpen und den Hunnen. SpĂ€terhin sehen wir auch, wie sich allmĂ€hlich der Begriff der Nationen in Europa entwickelt, lange bevor so etwas wie ein Staat in irgendeinem Teil des von den Barbaren bewohnten Kontinentes entstanden war. Diese Nationen denn es ist unmöglich, den Namen einer Nation dem merowingischen Frankreich oder dem Russland des 11. und 12. Jahrhunderts zu verweigern – waren trotzdem durch nichts anderes als die Sprachgemeinschaft und die stillschweigende Abmachung der kleinen Republiken zusammengehalten, ihre Herzöge nur aus einer bestimmten Familie zu nehmen.

Kriege waren gewiss unvermeidlich; Wanderung bedeutet Krieg; aber Sir Henry Maine hat bereits in seiner beachtenswerten Studie ĂŒber den Stammesursprung des Völkerrechtes völlig bewiesen, dass »der Mensch nie so wild oder so beschrĂ€nkt gewesen ist, ein solches Übel, wie es der Krieg ist, auf sich zu nehmen, ohne irgendwie den Versuch zu machen, ihn zu verhĂŒten«, und er hat gezeigt, wie außerordentlich groß »die Zahl der alten Institutionen ist, die die Kennzeichen der Absicht tragen, den Krieg zu verhindern oder etwas anderes fĂŒr ihn zu finden.« In der Tat ist der Mensch so weit davon entfernt, das kriegerische Wesen zu sein, wofĂŒr man ihn ausgibt, dass die Barbaren, wenn sie sich einmal angesiedelt hatten, so schnell die Gewohnheiten der KriegfĂŒhrung verloren, dass sie sich sehr bald genötigt sahen, besondere Herzöge zu halten, denen besondere scholae oder Banden von Kriegern folgten, um sie vor etwaigen Eindringlingen zu schĂŒtzen. Sie zogen friedliche Arbeit dem Kriege vor; und gerade die Friedfertigkeit des Menschen ist die Ursache der Spezialisierung des Kriegshandwerkes, die spĂ€ter zu Leibeigenschaft und zu all den Kriegen der »Staatenperiode« der menschlichen Geschichte fĂŒhrte.

Die Geschichte findet große Schwierigkeiten, die Institutionen der Barbaren zu rekonstruieren. Bei jedem Schritt stĂ¶ĂŸt der Historiker auf eine schwache Spur, die er unfĂ€hig ist, allein mit Hilfe seiner eigenen Dokumente zu erklĂ€ren. Aber helles Licht wird auf die Vergangenheit geworfen, sowie wir die Institutionen der sehr zahlreichen StĂ€mme zu Hilfe nehmen, die noch jetzt unter einer sozialen Organisation leben, die mit der unserer barbarischen Vorfahren fast identisch ist. Hier haben wir lediglich die Schwierigkeit der Wahl, weil die Inseln des Stillen Ozeans, die Steppen Asiens, und die TafellĂ€nder Afrikas richtige historische Museen sind, die Proben aller möglichen Zwischenstadien enthalten, durch die die Menschheit hindurchgegangen ist, als sie von den Gentes der Wilden zur Staatsorganisation ĂŒberging. Untersuchen wir also ein paar von diesen Proben.

Wenn wir die Dorfgemeinden der mongolischen Buriaten nehmen, besonders die der Kudinskischen Steppen an der oberen Lena, die dem russischen Einfluss besser entgangen sind, dann haben wir gute ReprĂ€sentanten von Barbaren in einem Übergangsstadium zwischen Viehzucht und Landwirtschaft. Diese Buriaten leben noch in FamilienverbĂ€nden; d. h., obwohl jeder Sohn, wenn er verheiratet ist, in einer besonderen HĂŒtte lebt, bleiben die HĂŒtten von mindestens drei Generationen innerhalb derselben Umhegung, und der Familienverband arbeitet gemeinsam auf dem Felde, und ihre vereinigten Haushaltungen und ihr Vieh gehören ihnen gemeinsam und ebenso ihre »KĂ€lberwiesen« (kleine eingefriedete StĂŒckchen Land, die mit zartem Gras fĂŒr die Aufzucht von KĂ€lbern bewachsen sind). In der Regel werden die Mahlzeiten besonders in jeder HĂŒtte eingenommen; aber wenn Fleisch gebraten wird; tafeln alle zwanzig bis sechzig Mitglieder des gemeinsamen Haushalts zusammen. Mehrere Gesamthaushalte, die dicht nebeneinander leben und ebenso mehrere kleinere Familien, die im selben Dorf angesiedelt sind – meistens TrĂŒmmer von Gesamthaushalten, die durch besondere UmstĂ€nde auseinandergefallen sind – bilden den Ulus oder die Markgenossenschaft; mehrere Uluse bilden einen Stamm; und die sechsundvierzig StĂ€mme oder Clans der Kudinskischen Steppe sind zu einem Bunde vereinigt. Einzelne StĂ€mme gehen, je nachdem es zu besonderen Zwecken notwendig ist, kleinere und engere BĂŒnde ein. Sie kennen kein Privateigentum an Grund und Boden – das Land wird vielmehr vom Ulus oder besser vom Bunde als Gemeineigentum behalten, und wenn es notwendig wird, wird das Land zwischen den verschiedenen Ulusen auf einer Volksversammlung des Stammes, und zwischen den sechsundvierzig StĂ€mmen auf einer Volksversammlung des Bundes, neu verteilt. Es ist bemerkenswert, dass dieselbe Organisation bei allen 250.000 Buriaten Ostsibiriens herrscht, obwohl sie seit drei Jahrhunderten unter russischer Herrschaft stehen und mit russischen Institutionen vertraut sind.

Bei alledem entwickeln sich Vermögensungleichheiten sehr schnell unter den Buriaten, besonders seit die russische Regierung auf ihre erwĂ€hlten Taischas (FĂŒrsten) einen ĂŒbertriebenen Wert legt, die sie als verantwortliche Steuerkollektoren und Vertreter der BĂŒnde in ihren Verwaltungsbeziehungen und selbst ihren Handelsbeziehungen mit den Russen betrachtet. Die KanĂ€le zur Bereicherung der Wenigen sind daher zahlreich, wĂ€hrend die Verarmung der Massen damit Hand in Hand geht, infolge der Aneignung des buriatischen Landes durch die Russen. Aber es ist Brauch bei den Buriaten, besonders denen von Kudinsk – und Brauch ist mehr als Gesetz – dass, wenn eine Familie ihr Vieh eingebĂŒĂŸt hat, die reicheren Familien ihr einige KĂŒhe und Pferde geben, damit sie sich erholen kann. Was den Armen ohne Familie angeht, so nimmt er die Mahlzeiten in den HĂŒtten seiner Stammesgenossen ein; er tritt in eine HĂŒtte und nimmt – aus Recht, nicht aus Mitleid – seinen Platz am Feuer ein und nimmt am Mahle teil, das immer peinlich in gleiche Teile geteilt wird; er schlĂ€ft, wo er sein Abendbrot genommen hat. Alles in allem waren die russischen Eroberer Sibiriens so sehr betroffen von den kommunistischen Gepflogenheiten der Buriaten, dass sie ihnen den Namen Bratskiye – »die BrĂŒderlichen« gaben und nach Moskau berichteten:

»Sie haben alles gemeinsam; alles, was sie haben, wird gleichmĂ€ĂŸig unter ihnen verteilt.« Selbst jetzt bringen bei den Lena-Buriaten, wenn sie ihren Weizen verkaufen oder einige StĂŒcke Vieh verschicken, die an einen russischen SchlĂ€chter verkauft werden sollen, die Familien des Ulus oder des Stammes Weizen und Vieh zusammen und verkaufen es als Ganzes. Jeder Ulus hat ĂŒberdies seinen Speicher fĂŒr Korn, das in NotfĂ€llen verliehen wird, einen Gemeindebackofen (den Jour banal der alten französischen Dorfgemeinden) und seinen Schmied, der gleich dem Schmied der indianischen Gemeinden als Mitglied der Markgenossenschaft nie fĂŒr seine Arbeit innerhalb der Genossenschaft bezahlt wird. Er muss sie umsonst machen, und wenn er seine freie Zeit dazu benutzt, die kleinen Platten aus ziseliertem und versilbertem Eisen zu machen, die bei den Buriaten zum Schmuck der Kleider verwendet werden, dann mag er sie gelegentlich an eine Frau eines anderen Clans verkaufen, aber den Frauen seines eigenen Clans wird der Zierat als Geschenk ĂŒberreicht. Verkaufen und Kaufen kann es innerhalb der Mark nicht geben, und die Regel ist so streng, dass, wenn eine reichere Familie einen Knecht anstellt, dieser aus einem anderen Clan oder aus den Russen genommen werden muss. Dieser Brauch ist offenbar nicht bloß bei den Buriaten zu treffen; er ist unter den modernen Barbaren, Ariern und UralAltaiern so weit verbreitet, dass er bei unseren Vorfahren allgemein gewesen sein muss.

Das GefĂŒhl der Zusammengehörigkeit innerhalb des Stammverbandes wird lebendig erhalten durch die gemeinsamen Interessen der StĂ€mme, ihre Volksversammlungen und die Feste, die gewöhnlich in Verbindung mit den Versammlungen abgehalten werden. Das GefĂŒhl wird aber auch durch eine andere Einrichtung, den Aba oder die gemeinsame Jagd, aufrechterhalten, die eine Reminiszenz an eine sehr entfernte Vergangenheit ist. In jedem Herbst kommen die sechsundvierzig Clane von Kudinsk zu einer solchen Jagd zusammen, deren Ausbeute unter allen Familien verteilt wird. Des ferneren werden nationale Abas, um der Einheit der ganzen buriatischen Nation zu gedenken, von Zeit zu Zeit einberufen. In solchen FĂ€llen sind alle buriatischen Clane, die auf Hunderte von Meilen westlich und östlich vom Baikalsee zerstreut sind, verpflichtet, ihre abgeordneten JĂ€ger zu schicken. Tausende von MĂ€nnern kommen zusammen, von denen jeder Proviant fĂŒr einen ganzen Monat bei sich hat. Alle Anteile mĂŒssen einander gleich sein, und daher werden sie, bevor sie zusammengeworfen werden, von einem erwĂ€hlten Ältesten gewogen (immer »mit der Hand«: Waagschalen wĂ€ren eine Profanierung des alten Brauches). Danach teilen sich die JĂ€ger in Banden von zwanzig, und die Partien begeben sich nach einem genau bestimmten Plan zur Jagd. In solchen Abas ruft die ganze buriatische Nation ihre epischen Traditionen aus einer Zeit wieder ins Leben, wo sie in einem mĂ€chtigen Bunde geeinigt war. Es sei hinzugefĂŒgt, dass solche gemeinsamen Jagden bei den Indianern ganz ĂŒblich sind und ebenso bei den Chinesen an den Ufern des Usuri (der Kada)

In den Kabylen, deren Lebensgewohnheiten von zwei französischen Forschern sehr gut geschildert worden sind, haben wir Barbaren, die in der Landwirtschaft schon weiter vorgeschritten sind. Ihre Felder, die bewĂ€ssert und gedĂŒngt sind, werden gut besorgt, und auf den HöhenzĂŒgen wird jedes zugĂ€ngliche StĂŒck Land mit dem Spaten umgegraben und bestellt. Die Kabylen haben in ihrer Geschichte viele WechselfĂ€lle durchgemacht; sie hatten eine Zeitlang das muselmĂ€nnische Erbschaftsrecht gelten lassen, sind aber, da es ihnen nicht zusagte, vor 150 Jahren zu dem alten Stammesgewohnheitsrecht zurĂŒckgekehrt. Dementsprechend sind ihre Landinstitutionen gemischten Charakters, und Privateigentum an Grund und Boden findet sich neben Gemeineigentum. Doch ist die Grundlage ihrer gegenwĂ€rtigen Organisation die Dorfmark, der Thaddart, der gewöhnlich aus verschiedenen FamilienverbĂ€nden (Kharubas) besteht, die sich eine gemeinsame Abstammung zuschreiben, und daneben aus kleineren Familien von Fremden. Mehrere Dörfer sind zu Clanen oder StĂ€mmen gruppiert (Arch); verschiedene StĂ€mme bilden den Stammverband (Thakebilt) und verschiedene solche VerbĂ€nde bilden bei besonderen Gelegenheiten, hauptsĂ€chlich zu Zwecken der bewaffneten Verteidigung, einen Bund.

Die Kabylen kennen keinerlei öffentliche Gewalt außer der Djemmaa oder der Volksversammlung der Dorfmark. Alle Erwachsenen nehmen daran teil, entweder unter freiem Himmel oder in einem besonderen GebĂ€ude, in dem Steinsitze angebracht sind, und die Entscheidungen der Djemmaa werden offensichtlich einstimmig gefĂ€llt: d. h. die Debatten dauern so lange, bis alle Anwesenden darĂŒber einig sind, eine Entscheidung anzunehmen oder sich ihr zu unterwerfen. Da es in einer Markgenossenschaft keine AutoritĂ€t gibt, die eine Entscheidung aufzwingen könnte, ist dieses System von der Menschheit ĂŒberall angewandt worden, wo es Dorfmarken gab, und wird noch ĂŒberall angewandt, wo sie noch existieren: d. h. von mehreren hundert Millionen Menschen in der ganzen Welt. Die Djemmaa ernennt ihre AusfĂŒhrungsorgane: den Ältesten, den SchriftfĂŒhrer und den Schatzmeister; sie setzt ihre eigenen Steuern fest, und sie ordnet die Verteilung des gemeinsamen Landes an, und ebenso alle Arten gemeinnĂŒtziger Arbeiten. Ein großer Teil Arbeit wird gemeinsam getan: die Wege, die Moscheen, die Brunnen, die BewĂ€sserungskanĂ€le, die zum Schutz gegen RĂ€uber errichteten TĂŒrme, die Umhegungen usw. werden von der Markgenossenschaft gebaut, wĂ€hrend die Landstraßen, die grĂ¶ĂŸeren Moscheen und die großen MarktplĂ€tze das Werk des Stammes sind. Viele Spuren gemeinsamer Landbestellung existieren noch heute, und die HĂ€user werden immer noch von allen MĂ€nnern und Frauen des Dorfes, oder wenigstens mit ihrer Hilfe, gebaut. Alles in allem kommen Hilfeleistungen tĂ€glich vor, und werden fortwĂ€hrend zur Bestellung der Felder, zur Ernte usw. angerufen. Was die technische Arbeit angeht, so hat jede Gemeinde ihren Schmied, der seinen Teil am Gemeindeland hat und fĂŒr die Gemeinschaft arbeitet: wenn die Zeit des PflĂŒgens herankommt, besucht er jedes Haus und repariert die GerĂ€te und PflĂŒge, ohne irgendeine Bezahlung zu erwarten, und die Anfertigung neuer PflĂŒge wird als ein frommes Werk betrachtet, das unter keinen UmstĂ€nden mit Geld oder sonst durch irgendeine Entlohnung bezahlt werden kann.

Da die Kabylen das Privateigentum schon kennen, gibt es natĂŒrlich Reiche wie Arme unter ihnen. Aber wie alle Leute, die eng zusammenleben und wissen, wie die Armut beginnt, betrachten sie sie als etwas, was jedermann zustoßen kann. »Sage nie, du wirst nie den Bettelsack tragen oder nie ins GefĂ€ngnis kommen«, ist ein Sprichwort der russischen Bauern; die Kabylen wenden diese Einsicht in der Praxis an, und in der Ă€ußeren Erscheinung kann zwischen reich und arm kein Unterschied entdeckt werden; wenn der arme Mann ein »Hilfe« braucht, dann arbeitet der Reiche in seinem Feld, gerade wie der Arme es umgekehrt tut, wenn die Reihe an ihn kommt.

Überdies bestimmen die DjemmĂ€as, dass verschiedene GĂ€rten und Felder, die sonst manchmal gemeinsam bestellt werden, den Ă€rmsten Mitgliedern zur Nutznießung ĂŒberlassen werden. Viele BrĂ€uche der Art existieren noch. Da die Ă€rmeren Familien nicht imstande wĂ€ren, Fleisch zu kaufen, wird regelmĂ€ĂŸig von den Geldstrafen oder den Geschenken, die der DjemmĂ€a gemacht werden, oder den Bezahlungen fĂŒr die Benutzung der der Gemeinde gehörigen Olivenölbassins Fleisch gekauft und in gleichen Teilen unter denen verteilt, die es sich nicht selbst leisten können. Und wenn an einem Tag, der kein Markttag ist, von einer Familie zu ihrem eigenen Gebrauch ein Schaf oder ein Ochse geschlachtet wird, dann wird die Tatsache vom Gemeindeausrufer in den Straßen verkĂŒndigt, damit Kranke und schwangere Frauen davon holen können, was sie brauchen. Gegenseitiger Beistand erfĂŒllt das ganze Leben der Kabylen, und wenn einer von ihnen auf einer Reise einen anderen Kabylen trifft, der sich in Not befindet, dann ist er verpflichtet, ihm selbst unter Einsetzung seines eigenen Vermögens und Lebens zu Hilfe zu kommen; wenn das nicht geschehen ist, kann die DjemmĂ€a des Mannes, der unter solcher VernachlĂ€ssigung gelitten hat, eine Klage anstrengen, und die DjemmĂ€a des selbstsĂŒchtigen Mannes wird fĂŒr den entstandenen Schaden aufkommen. Wir berĂŒhren hier also einen Brauch, der denen, die sich mit der Erforschung der mittelalterlichen Kaufmannsgilden abgegeben haben, vertraut ist. Jeder Fremde, der in ein Kabylendorf kommt, hat den Winter ĂŒber das Recht auf Herberge, und seine Pferde können immer auf der Gemeindeweide vierundzwanzig Stunden grasen. Aber im Fall der Not kann er auf fast unbeschrĂ€nkte Hilfe rechnen. So nahmen die Kabylen wĂ€hrend der Hungersnot 1867–1868 jedermann auf, der Zuflucht in ihren Dörfern suchte, ohne Unterschied der Abstammung, und ernĂ€hrten ihn. In dem Distrikt Dellys wurden nicht weniger als 12.000 Leute, die von allen Teilen Algiers und selbst von Marokko kamen, auf diese Weise ernĂ€hrt. WĂ€hrend die Menschen ĂŒber ganz Algier weg Hungers starben, gab es aus kabylischem Boden nicht einen einzigen solchen Todesfall. Die DjemmĂ€as beraubten sich selbst des Notwendigsten und organisierten die UnterstĂŒtzung, ohne irgendwie Hilfe von der Regierung zu erbitten oder die leiseste Beschwerde laut werden zu lassen; sie betrachteten das als natĂŒrliche Pflicht. Und wĂ€hrend unter den europĂ€ischen Ansiedlern alle Arten Polizeimaßnahmen getroffen wurden, um DiebstĂ€hlen und Tumulten zu begegnen, die aus solch einem Zuströmen von Fremden sich ergeben können, wurde nichts derart auf dem Gebiet der Kabylen verlangt: die Djemmaas brauchten weder Hilfe noch Schutz von außen.

Ich kann zwei andere, sehr interessante ZĂŒge aus dem Leben der Kabylen nur flĂŒchtig erwĂ€hnen, nĂ€mlich das Anaya oder den Schutz, der im Kriegsfall den Brunnen, KanĂ€len, Moscheen, MarktplĂ€tzen, einigen Straßen usw. zuteilwird, und die Gofs. Im Anaya haben wir eine Reihe von Institutionen sowohl zur Verringerung der Übel des Krieges, wie zur VerhĂŒtung von Konflikten. So ist der Marktplatz anaya, besonders wenn er sich an der Grenze befindet und Kabylen und Fremde zusammenfĂŒhrt; niemand darf den Frieden des Marktes stören, und wenn eine Unruhe entsteht, wird sie von den Fremden, die in der Marktstadt zusammengekommen sind, sofort unterdrĂŒckt. Die Straße, auf der die Frauen vom Dorf zum Brunnen gehen, ist im Fall des Krieges ebenfalls anaya usw. Was den Gof angeht, so ist er eine weitverbreitete Form der Assoziation, die einige Ähnlichkeit mit den mittelalterlichen BĂŒrgschaften oder Gilden hat, und zugleich mit Gesellschaften zu gegenseitigem Beistand und zu den verschiedensten Zwecken – geistigen, politischen und zur Befriedigung des GemĂŒtslebens -, die durch die territoriale Organisation des Dorfes, des Clans und des Stammverbandes nicht erfĂŒllt werden können. Der Gof kennt keine Grenzen des Gebietes; er findet seine Mitglieder in verschiedenen Dörfern, selbst unter Fremden, und er schĂŒtzt sie in allen möglichen Lebenslagen. Alles in allem ist er ein Versuch, die territoriale Organisationsform durch eine vom Landgebiet unabhĂ€ngige zu ergĂ€nzen, die den gegenseitigen BerĂŒhrungen aller Arten ĂŒber die Grenzen hinaus Ausdruck geben soll. Die freie internationale Vereinigung individueller Neigungen und Ideen, die wir als einen der schönsten ZĂŒge unseres eigenen Lebens betrachten, hat so ihren Ursprung im barbarischen Altertum.

Die Bergvölker Kaukasiens sind ein anderes, Ă€ußerst lehrreiches Gebiet fĂŒr Belege derselben Art. Durch das Studium der gegenwĂ€rtigen BrĂ€uche der Osseten – ihre FamilienverbĂ€nde, Gemeinden und Rechtsbegriffe – war Professor Kowalewsky in seinem bedeutenden Buche »Moderne Sitten und Altes Recht« instand gesetzt, Schritt fĂŒr Schritt den entsprechenden Bestimmungen der alten GesetzbĂŒcher auf die Spur zu kommen und sogar die UrsprĂŒnge des Feudalwesens zu ergrĂŒnden. Bei anderen kaukasischen StĂ€mmen haben wir manchmal Gelegenheit, auf den Ursprung der Dorfmark in den FĂ€llen einen Blick zu werfen, wo sie nicht aus dem Stamm hervorging, sondern aus einer freiwilligen Vereinigung zwischen Familien verschiedenen Ursprunges sich ergab. Das war in neuerer Zeit der Fall bei einigen Dörfern der Khevsuren, deren Einwohner den Eid der »Gemeinschaft und BrĂŒderlichkeit« leisteten. In einem anderen Teil Kaukasiens, in Daghestan, sehen wir das Auskommen von

Lehnsbeziehungen zwischen zwei StĂ€mmen, die beide zugleich ihre Markgenossenschaften aufrecht erhalten (und selbst Spuren der alten Gentilklassen) und so ein lebendiges Beispiel fĂŒr die Formen geben, die die Barbaren wĂ€hrend der Eroberung von Italien und Gallien annahmen. Die siegreiche Rasse, die Lezghinen, die verschiedene georgische und tartarische Dörfer im Distrikt Zakately erobert hatten, brachten sie nicht unter die Herrschaft getrennter Familien; sie grĂŒndeten einen Feudalclan, der jetzt 12.000 Haushaltungen in drei Dörfern in sich schließt, und der nicht weniger als zwanzig georgische und tartarische Dörfer gemeinsam besitzt. Die Eroberer teilten ihr eigenes Land unter ihre Clane, und die Clane verteilten es in gleichen Teilen unter den Familien; aber sie mischten sich nicht in die Djemmaas ihrer Tributpflichtigen, die noch den Brauch ĂŒben, den Julius Caesar erwĂ€hnte; nĂ€mlich die Djemmaa bestimmt jedes Jahr, welcher Teil des Gemeinschaftslandes bestellt werden muss, und dieses Land wird in so viele Teile geteilt, als Familien da sind, und die Teile werden durchs Los angewiesen. Es ist beachtenswert, dass man unter den Lezghinen (die unter einem System des Privateigentum an Grund und Boden und des Gemeineigentums an Leibeigenen leben, 150 hĂ€ufig Proletarier trifft, dass sie aber unter ihren georgischen Leibeigenen selten sind, die noch immer ihr Land gemeinsam haben. Was das Gewohnheitsrecht der kaukasischen Bergvölker angeht, so ist es vielfach dasselbe, wie das der Longobarden oder salischen Franken, und mehrere ihrer Bestimmungen erklĂ€ren zu gutem Teil das Gerichtsverfahren der alten Barbaren. Da sie einen sehr lebhaften Charakter haben, tun sie ihr Bestes, um vorzusorgen, dass Streitigkeiten keinen schlimmen Ausgang nehmen; so werden bei den Khevsuren die Schwerter sehr schnell gezogen, wenn ein Streit ausbricht; aber wenn eine Frau hinzueilt und das StĂŒck Leinwand, das sie um den Kopf gebunden hat, unter sie wirft, dann werden die Schwerter sofort wieder in die Scheide gesteckt, und der Streit ist beigelegt. Der Kopfputz der Frauen ist anaya. Wenn ein Streit nicht zur Zeit abgebrochen wurde und zu einem Mord gefĂŒhrt hat, dann ist die GeldentschĂ€digung so betrĂ€chtlich, dass der TĂ€ter Zeit seines Lebens völlig ruiniert ist, es sei denn, dass er von der gekrĂ€nkten Familie adoptiert wird; und wenn er in einem unbedeutenden Streit zum Schwert gegriffen und jemanden verwundet hat, dann verliert er fĂŒr immer die Achtung seines Stammes. Bei allen Streitigkeiten nehmen sich Vermittler der Sache an; sie wĂ€hlen aus den Mitgliedern des Clans die Richter aus – sechs bei kleineren Angelegenheiten und in ernsthafteren Dingen zehn bis fĂŒnfzehn – und russische Beobachter bezeugen die absolute Unbestechlichkeit der Richter. Ein Eid hat eine solche Bedeutung, dass MĂ€nner, die sich der allgemeinen Verehrung erfreuen, davon befreit sind, ihn zu leisten: eine einfache ErklĂ€rung ist völlig genĂŒgend, zumal in ernsten Dingen der Khevsure niemals zögert, seine Schuld anzuerkennen (natĂŒrlich meine ich den Khevsuren, der noch nicht von der Kultur berĂŒhrt ist). Der Eid wird hauptsĂ€chlich solchen FĂ€llen vorbehalten, die, wie z. B. Eigentumsstreitigkeiten, außer der einfachen Feststellung der Tatsachen eine Art Gutachten erfordern; und in solchen FĂ€llen gehen die MĂ€nner, deren Aussage in dem Streitfall entscheidet, mit der grĂ¶ĂŸten Behutsamkeit vor. Alles in allem ist es ganz gewiss nicht Mangel an Ehrenhaftigkeit oder an Respekt gegen die Rechte der Nebenmenschen, was die barbarischen Gesellschaften des Kaukasus charakterisiert.

Die afrikanischen StĂ€mme zeigen eine solche außerordentliche FĂŒlle Ă€ußerst interessanter Gesellschaften, die alle Phasen von der frĂŒheren Dorfmark bis zu den despotischen Barbarenmonarchien .04ĆŸ aufweisen, dass ich nicht daran denken kann, hier auch nur die Hauptresultate eines vergleichenden Studiums ihrer Einrichtungen zu geben. Es genĂŒge, zu sagen, dass selbst unter dem scheußlichsten Despotismus von Königen die Volksversammlungen der Dorfmarken und ihr Gewohnheitsrecht in einem weiten Gebiet von Angelegenheiten souverĂ€n bleiben. Das Staatsgesetz erlaubt dem König, jedermann bloß um einer Laune willen, ja sogar um sich satt zu fressen, das Leben zu nehmen; aber das Gewohnheitsrecht des Volkes hĂ€lt trotzdem noch immer das alte Netzwerk von Einrichtungen zu gegenseitigem Beistand aufrecht, wie sie bei anderen Barbaren existieren oder bei unseren Ahnen existiert haben. Und bei einigen begĂŒnstigten StĂ€mmen (in Bornu, Uganda, Abessynien) und besonders bei den Bogos verraten einige der Bestimmungen des Gewohnheitsrechtes ein wirklich anmutiges und zartes Empfinden.

Die Dorfmarken der Eingeborenen beider Amerika haben denselben Charakter. Die Tupi Brasiliens fand man in »langen HĂ€usern« lebend, die von ganzen Clanen bewohnt waren, die ihre Korn- und Mandiocafelder gemeinsam bestellen. Die Arani, die weit vorgeschrittener in der Zivilisation waren, pflegten ihre Felder gemeinsam zu bestellen; und ebenso die Ucagas, die unter ihrem System des primitiven Kommunismus und der langen HĂ€user gelernt hatten, gute Straßen zu bauen und die verschiedensten Hausindustrien zu treiben, die hinter denen des frĂŒhen europĂ€ischen Mittelalters nicht zurĂŒckbleiben. Alle lebten sie auch unter demselben Gewohnheitsrecht, von dem wir auf den vorhergehenden Seiten Proben gegeben haben. In einem anderen Ende der Welt finden wir das malaiische Feudalwesen, aber dieser Feudalismus ist nicht imstande gewesen, die Negaria oder Dorfmark auszurotten, mit ihrem Gemeineigentum wenigstens an einem Teil des Landes, und der Verteilung des Landes unter die verschiedenen Negarias des Stammes. Bei den Alfurus von Minahasa finden wir die gemeinsame Wechselwirtschaft; bei dem Indianerstamm der Huronen haben wir die periodische Neuverteilung des Landes innerhalb des Stammes und die Clanbestellung des Bodens; und in all jenen Teilen Sumatras, wo die Einrichtungen des Islam die alte Organisation noch nicht völlig zerstört haben, finden wir den Familienverband (Suka) und die Dorfmark (Kota), die ihr Recht aufs Land behauptet, wenn auch ein Teil davon ihrer Macht entzogen wurde. Aber das zu sagen ist ebenso viel, wie wenn wir sagen, dass alle BrĂ€uche zu gegenseitigem Schutz und zur VerhĂŒtung von Fehden und Kriegen, die auf den vorstehenden Seiten als charakteristisch fĂŒr die Dorfmark aufgezeigt worden sind, ebenfalls existieren. Noch mehr: je vollstĂ€ndiger der Kommunalbesitz am Boden sich erhalten hat, umso besser und edler sind die Sitten. De Stuers versichert mit Bestimmtheit, dass ĂŒberall, wo die Einrichtung der Dorfmark von den Eroberern weniger angetastet worden ist, die Ungleichheiten der Vermögen geringer und selbst die Vorschriften der lex talionis weniger grausam sind; wĂ€hrend umgekehrt ĂŒberall, wo die Dorfmark völlig zertrĂŒmmert wurde, »die Einwohner die unertrĂ€glichste UnterdrĂŒckung von Seiten ihrer despotischen Herrscher zu erdulden haben.« Das ist ganz natĂŒrlich. Und wenn Waitz die Bemerkung machte, dass die Völkerschaften, die ihre StammesverbĂ€nde erhalten haben, auf höherer Entwicklungsstufe stehen und eine reichere Literatur haben als solche, die die alten Bande der Einigung eingebĂŒĂŸt haben, so betonte er nur, was man im Voraus hĂ€tte sagen können.

Weitere Beispiele wĂŒrden mich nur zu ermĂŒdenden Wiederholungen fĂŒhren; so auffallend Ă€hnlich sind die barbarischen Gesellschaften unter jedem Klima und bei allen Rassen. Derselbe Entwicklungsprozess ist in der Menschheit mit erstaunlicher Ähnlichkeit vor sich gegangen. Als die Clanorganisation von innen her von der abgesonderten Familie gesprengt wurde und von außen unter der ZerstĂŒckelung der wandernden Clane und der Notwendigkeit, Fremde von anderer Abstammung aufzunehmen, litt – da trat die Dorfmark ins Leben, die sich auf den Territorialbegriff grĂŒndete. Diese neue Einrichtung, die natĂŒrlich aus der vorhergehenden – dem Clan – erwachsen war, erlaubte den Barbaren, durch eine sehr tumultuarische Periode der Geschichte hindurchzugehen, ohne in isolierte Familien auseinandergebrochen zu werden, die im Kampf ums Dasein zugrunde gegangen wĂ€ren. Neue Formen der Kultur entwickelten sich unter der neuen Organisation; die Landwirtschaft erreichte eine Stufe, die sie in den meisten FĂ€llen heute noch kaum verlassen hat; die Hausindustrien gediehen zu hoher Vollkommenheit. Die Wildnis wurde erobert, von Straßen durchschnitten, und ĂŒberall von Ansiedlern besetzt, die sich aus den ursprĂŒnglichen Gemeinschaften entfernt und neue gegrĂŒndet hatten. MĂ€rkte und befestigte Punkte, ebenso wie StĂ€tten des öffentlichen Kultus, wurden errichtet. Die Vorstellungen eines weiteren Verbandes, der ganze Völkerschaften und mehrere VölkerstĂ€mme gleichen Ursprungs umfassen sollte, bildeten sich langsam heraus. Die alten Rechtsbegriffe, die sich bloß um die Rache drehten, erlitten allmĂ€hlich eine tiefgehende Änderung – indem die Idee der EntschĂ€digung fĂŒr das getane Unrecht die Stelle der Rache einnahm. Das Gewohnheitsrecht, das noch fĂŒr zwei Drittel oder mehr des Menschengeschlechts das Recht des tĂ€glichen Lebens bildet, wurde unter dieser Organisation ausgearbeitet und daneben noch ein System solcher BrĂ€uche, die darauf abzielten, die UnterdrĂŒckung der Massen durch die MinoritĂ€ten zu verhĂŒten, deren Macht umso mehr wuchs, je leichter es wurde, Privatvermögen anzuhĂ€ufen. Das war die neue Form, zu der die Tendenzen der Massen zu gegenseitigem Beistand gekommen waren. Und der Fortschritt, den die Menschheit – in ökonomischer, politischer und moralischer Hinsicht unter dieser neuen volksmĂ€ĂŸigen Organisationsform nahm, war so groß, dass die Staaten, als sie spĂ€terhin ins Leben traten, einfach im Interesse der MinoritĂ€ten von all den Justiz-, Wirtschaft- und Verwaltungsfunktionen Besitz ergriffen, die die Markgenossenschaft bereits im Interesse aller ausgeĂŒbt hatte.

5. Gegenseitige Hilfe in der Stadt des Mittelalters

Das Aufkommen der Herrschaftsgewalt in der barbarischen Gesellschaft. – Die Leibeigenschaft auf den Dörfern. – Empörung der festen StĂ€dte: ihre Befreiung; ihre Freibriefe. Die Gilde. – Doppelter Ursprung der freien StĂ€dte des Mittelalters. – Eigene Gerichtsbarkeit, Selbstverwaltung. – Ehrenvolle Stellung der Arbeit. – Handel durch die Gilde und durch die Stadt

Geselligkeit und BedĂŒrfnis nach gegenseitiger Hilfe sind so unzertrennbare Bestandteile der Menschennatur, dass wir zu keiner Zeit der Geschichte Menschen entdecken können, die in kleinen isolierten Familien leben und einander um der Existenzmittel willen bekĂ€mpfen. Im Gegenteil beweist die moderne Forschung, wie wir in den beiden vorhergehenden Kapiteln sahen, dass schon im Beginn ihres prĂ€historischen Lebens die Menschen sich zu Gentes, Clanen oder StĂ€mmen zusammenzuschließen pflegten, die durch die Idee der gemeinsamen Abstammung und die Verehrung gemeinsamer Ahnen zusammengehalten wurden. Tausende und Tausende Jahre hat diese Organisation die Menschen zusammengehalten, obwohl nicht die geringste Herrschaftsgewalt da war, die sie aufgezwungen hĂ€tte. Sie hat auf alle weitere Entwicklung der Menschheit aufs tiefste eingewirkt; und als die Bande der gemeinsamen Abstammung durch großartige Wanderungen gelockert worden waren, wĂ€hrend die Entwicklung der abgesonderten Familie innerhalb des Clanes selbst die alte Claneinheit zerstört hatte, wurde eine neue Form der Vereinigung, deren Prinzip sich auf das Landgebiet grĂŒndete – die Dorfmark – durch das soziale Genie des Menschen ins Leben gerufen. Diese Institution hielt wiederum die Menschen mehrere Jahrhunderte hindurch zusammen und gestattete ihnen, ihre sozialen Einrichtungen weiter zu entwickeln und durch eine der schwĂ€rzesten Perioden der Geschichte hindurchzugehen, ohne in lose Ansammlungen von Familien und Individuen aufgelöst zu werden, einen weiteren Schritt in ihrer Entwicklung zu tun und eine Zahl weiterer sozialer Institutionen auszuarbeiten, von denen einige bis in die Gegenwart am Leben geblieben sind. Wir haben jetzt die Aufgabe, der weiteren Entwicklung derselben immer lebendigen Tendenz zu gegenseitiger Hilfe zu folgen. Indem wir die Markgenossenschaften der sogenannten Barbaren zu einer Zeit, wo sie nach dem Fall des Römischen Reiches eine neue Wendung zur Zivilisation erleben, ins Auge fassen, haben wir die neuen Erscheinungen zu studieren, die von den sozialen BedĂŒrfnissen der Massen im Mittelalter geschaffen wurden, vor allem in den Gilden und der Stadt des Mittelalters.

Weit entfernt, die kĂ€mpfenden Tiere zu sein, mit denen sie so oft verglichen worden sind, zogen die Barbaren der ersten Jahrhunderte unserer Zeitrechnung (wie so viele Mongolen, Afrikaner, Araber usw., die noch jetzt sich in eben diesem barbarischen Stadium befinden) unentwegt den Frieden dem Kriege vor. Mit Ausnahme von ein paar StĂ€mmen, die wĂ€hrend der großen Wanderungen in unfruchtbare WĂŒsten oder HochlĂ€nder verschlagen worden waren und sich so genötigt sahen, von Zeit zu Zeit ihre begĂŒnstigteren Nachbarn auszuplĂŒndern – abgesehen von diesen kehrte die große Menge der Germanen, der Angelsachsen, der Kelten, der Slaven sehr bald, nachdem sie sich in ihren neu eroberten WohnstĂ€tten niedergelassen hatten, zum Spaten oder zu ihren Herden zurĂŒck. Die frĂŒhesten barbarischen RechtsbĂŒcher fĂŒhren uns schon Gesellschaften vor, die aus friedlichen landwirtschaftlichen Gemeinschaften zusammengesetzt waren, nicht aus Horden, die miteinander im Kriege lagen. Diese Barbaren bedeckten das Land mit Dörfern und BauernhĂ€usern; sie rodeten die WĂ€lder aus, ĂŒberbrĂŒckten die FlĂŒsse und besiedelten die frĂŒher ganz unbewohnte Wildnis, und sie ĂŒberließen das ungewisse Kriegshandwerk BrĂŒderschaften, Scholis oder »Trus« ungestĂŒmer MĂ€nner, die sich um zeitweilige Hauptleute sammelten, die hin und her wanderten und ihren Abenteurergeist, ihre Waffen und ihre Kenntnis der KriegsfĂŒhrung zum Schutz der Bevölkerungen anboten, die nur zu eifrig darauf bedacht waren, im Frieden zu bleiben. Die Kriegerbanden kamen und gingen, und fochten ihre Familienfehden aus; aber die große Masse fuhr fort, den Boden zu pflĂŒgen und kĂŒmmerte sich wenig um die, die ihre Herrscher sein wollten, solange sie die UnabhĂ€ngigkeit ihrer Dorfmarken nicht antasteten. Die neuen Bewohner Europas entwickelten die Systeme des Grundbesitzes und der Bodenkultur, die noch bei Hunderten Millionen von Menschen in Kraft sind; sie arbeiteten ihre Systeme der EntschĂ€digung fĂŒr Übeltaten aus, anstatt der alten Blutrache der StĂ€mme; sie lernten die ersten AnfĂ€nge der Industrie; und wĂ€hrend sie ihre Dörfer mit PalissadenwĂ€llen befestigten oder TĂŒrme und Erdschanzen errichteten, um sich im Fall einer neuen Invasion dahin zu flĂŒchten, ĂŒberließen sie bald die Aufgabe, diese TĂŒrme und Schanzen zu verteidigen, denen, die aus dem Krieg eine SpezialitĂ€t machten.

Gerade die Friedfertigkeit der Barbaren also, gewiss nicht ihre angeblichen kriegerischen Instinkte wurden die Quelle ihrer spĂ€teren Unterwerfung unter militĂ€rische HĂ€uptlinge. Es ist klar, dass eben die Lebensweise der bewaffneten BrĂŒderschaften ihnen mehr die Möglichkeit bot, sich zu bereichern, als die Landwirte in ihren landwirtschaftlichen Gemeinschaften finden konnten. Selbst jetzt sehen wir manchmal, dass bewaffnete MĂ€nner zusammenkommen, um die Matabele niederzuschießen und ihnen ihre Viehherden zu rauben, obwohl die Matabele nur Frieden begehren und bereit sind, einen hohen Preis dafĂŒr zu zahlen. Die »Scholae« der alten Zeit waren nicht rĂŒcksichtsvoller als die unserer eigenen Zeit. Viehherden, Eisen (das damals Ă€ußerst teuer war) und Sklaven wurden auf diese Weise angeeignet; und obwohl die meisten Erwerbungen auf dem Fleck in den großartigen Festen vergeudet wurden, von denen die epische Dichtung so viel zu erzĂ€hlen weiß – so wurde doch ein gewisser Teil der geraubten ReichtĂŒmer zu weiterer Bereicherung benutzt. Es gab eine Menge Land, das unbebaut lag, und es fehlte nicht an MĂ€nnern, es zu bestellen, wenn sie nur das nötige Vieh und die nötigen GerĂ€te erlangen konnten. Ganze Dörfer, die durch Viehseuchen, Pest, Feuer oder Angriffe neuer Einwanderer zugrunde gegangen waren, wurden oft von ihren Bewohnern verlassen, die auf der Suche nach neuen WohnplĂ€tzen in die Welt gingen. So machen sie es in Russland unter so Ă€hnlichen UmstĂ€nden heute noch. Und wenn einer der AnfĂŒhrer der bewaffneten BrĂŒderschaften den Bauern etliches Vieh fĂŒr den Anfang anbot, Eisen, um einen Pflug zu machen oder gar den Pflug selbst, seinen Schutz vor weiteren Angriffen und eine Zahl Jahre Freiheit von allen Verpflichtungen, ehe sie beginnen sollten, die Schuld heimzuzahlen, dann ließen sich die Bauern auf dem Lande nieder. Und wenn nach hartem Kampf mit schlechten Ernten, Überschwemmungen und Seuchen diese Pioniere ihre Schulden zurĂŒckzuzahlen begannen, dann verfielen sie in Dienstverpflichtungen gegen den Schutzherrn des Gebietes. Unzweifelhaft wurde auf diesem Wege Reichtum angesammelt und die Macht folgte immer dem Reichtum. Und doch, je mehr wir in das Leben dieser Zeiten eindringen, des 6. und 7. Jahrhunderts unserer Zeitrechnung, umso mehr sehen wir, dass außer Reichtum und militĂ€rischer Macht noch ein anderes Element erforderlich war, um die Herrschaft der wenigen zu begrĂŒnden. Es war ein Element von Recht und Gesetz, eine Sehnsucht der Massen, den Frieden zu erhalten und etwas zu etablieren, wovon sie glaubten, dass es Gerechtigkeit sei – dies Element gab den HĂ€uptlingen der Scholae – Königen, Herzögen, Knyazen und dergleichen – die Macht, die sie zwei oder drei Jahrhunderte spĂ€ter erlangten. Dieselbe Idee der Gerechtigkeit, die als entsprechende Rache fĂŒr das getane Unrecht aufgefasst wurde, wie sie im Stadium des Stammes sich entwickelt hatte, ging jetzt wie ein roter Faden durch die Geschichte der nachfolgenden Institutionen, und sie wurde noch mehr als militĂ€rische und wirtschaftliche Ursachen die Grundlage, auf der die Herrschaft der Könige und der Feudalherren sich herausbildete.

In der Tat war es immer eine besondere Sorge der barbarischen Dorfgemeinde, wie es bei unseren barbarischen Zeitgenossen noch heute der Fall ist, den Fehden, die aus der damals herrschenden Gerechtigkeitsvorstellung entsprangen, ein schnelles Ende zu machen. Wenn ein Streit entstand, mischte sich die Gemeinde sofort ein, und nachdem die Volksversammlung den Fall gehört hatte, setzte sie die EntschĂ€digungssumme (das Wergeld) fest, die an den GeschĂ€digten oder seine Familie zu zahlen war, und ebenso den Fred oder die Geldstrafe fĂŒr den Friedensbruch, die an die Gemeinde zu zahlen war. Innere Streitigkeiten wurden auf diese Weise leicht beigelegt. Aber wenn Fehden zwischen zwei verschiedenen StĂ€mmen oder Völkerschaften ausbrachen, trotz allen Vorsichtsmaßregeln sie zu verhindern, dann war die Schwierigkeit, einen Schiedsrichter oder Spruchfinder zu finden, dessen Entscheidung in gleicher Weise von beiden Parteien akzeptiert wurde, sowohl um seiner Unparteilichkeit, wie um seiner Kenntnis des Ă€ltesten Rechts willen. Die Schwierigkeit war umso grĂ¶ĂŸer, als die Gewohnheitsrechte verschiedener StĂ€mme und Völkerschaften in Bezug auf die in verschiedenen FĂ€llen zu zahlenden EntschĂ€digungen voneinander abwichen. Es wurde daher zur Gewohnheit, die Spruchfinder aus solchen Familien oder StĂ€mmen zu nehmen, die in dem Ansehen standen, das Gesetz von alters her in seiner Reinheit zu bewahren; in den GesĂ€ngen, Triaden, Sagas usw. bewundert zu sein, mit Hilfe derer das Recht auswendig behalten wurde; und das Gesetz auf diese Weise zu bewahren, wurde eine Art Kunst, ein Geheimnis, das in bestimmten FĂ€llen achtsam von Generation zu Generation ĂŒberliefert wurde. So pflegte in Island und in anderen skandinavischen LĂ€ndern auf jedem Allthing (der Gesamtversammlung des Volkes) ein Lövsögmathr das ganze Gesetz auswendig zur Erleuchtung der Versammlung zu rezitieren; und in Irland gab es bekanntlich eine besondere Menschenklasse, die fĂŒr ihre Kenntnis der alten Traditionen berĂŒhmt war und daher als Richter große AutoritĂ€t genoss. 161 Wenn man uns ferner in den russischen Chroniken berichtet, dass einige StĂ€mme im nordwestlichen Russland, veranlasst durch die wachsende Unordnung, die dadurch entstand, dass »Clane sich gegen Clane erhoben«, sich an normannische WarĂ€ger wandten, damit sie ihre Richter und Befehlshaber der Kriegsbanden seien; und wenn wir die Knyazen oder Herzöge sehen, die wĂ€hrend der nĂ€chsten zweihundert Jahre immer aus derselben normannischen Familie gewĂ€hlt wurden, dann mĂŒssen wir den Eindruck bekommen, dass die Slawen den Normannen eine solche Kenntnis des Rechts zutrauten, dass ihr Spruch von verschiedenen slawischen StĂ€mmen anerkannt werden wĂŒrde. In diesem Fall war der Besitz von Runen, die zur Überlieferung alter BrĂ€uche benutzt wurden, ein entschiedener Vorzug der Normannen; aber in anderen FĂ€llen haben wir schwache Spuren, dass der »Àlteste« Zweig der Völkerschaft, der Annahme nach der ursprĂŒngliche Stamm, dazu berufen war, die Richter zu stellen, und auf seine Entscheidungen verließ man sich als gerechten; und in spĂ€terer Zeit sehen wir eine bestimmte Tendenz, diese Spruchfinder aus der christlichen Geistlichkeit zu nehmen, die sich zu jener Zeit noch an den grundlegenden, jetzt vergessenen Satz des Christentums hielt, dass Wiedervergeltung kein Akt der Gerechtigkeit sei. Zu jener Zeit öffnete der christliche Klerus die Kirchen als StĂ€tten des Asyls fĂŒr die, die vor der Blutrache flohen, und sie fungierten gern als Schiedsrichter in KriminalfĂ€llen und stellten sich immer dem alten Stammprinzip: Leben um Leben, Wunden um Wunden entgegen. Kurz, je tiefer wir in die Geschichte frĂŒher Institutionen eindringen, umso weniger finden wir Grund fĂŒr die Theorie von der Entstehung der Herrschaftsgewalt aus dem Kriegswesen. Selbst die Macht, die spĂ€ter solch eine Quelle der UnterdrĂŒckung wurde, scheint im Gegenteil ihren Ursprung in den friedlichen Neigungen der Massen gefunden zu haben. In all diesen FĂ€llen kam der Fred, der oft die HĂ€lfte der EntschĂ€digung betrug, der Volksversammlung zugute, und seit undenklichen Zeiten pflegte er zu gemeinnĂŒtzigen Zwecken und zur Verteidigung verwandt zu werden. Er hat noch dieselbe Bestimmung (zur Errichtung von TĂŒrmen) bei den Kabylen und bestimmten mongolischen Körperschaften, und wir haben bestimmte Zeugnisse, dass noch mehrere Jahrhunderte spĂ€ter die gerichtlichen Geldstrafen in Pskow und mehreren französischen und deutschen StĂ€dten noch immer zur Ausbesserung der Stadtmauern benutzt wurden. Es war daher ganz natĂŒrlich, dass die Geldstrafen dem Spruchfinder ĂŒbergeben wurden, der dafĂŒr verpflichtet war, sowohl die Schola Bewaffneter zu erhalten, denen die Verteidigung des Gebiets anvertraut war, als den Spruch zur AusfĂŒhrung zu bringen. Dies wurde im 8. und 9. Jahrhundert allgemeiner Brauch, selbst als der Spruchfinder ein erwĂ€hlter Bischof war. Der Keim einer Vereinigung dessen, was wir heute Gerichtsbarkeit und Exekutive nennen wĂŒrden, trat so ins Leben. Aber auf diese beiden Funktionen waren die Befugnisse des Herzogs oder Königs streng beschrĂ€nkt. Er war kein Herrscher ĂŒber das Volk – die höchste Gewalt gehörte noch immer der Volksversammlung – nicht einmal ein Befehlshaber der Volksmiliz; wenn das Volk zu den Waffen griff, marschierte es unter einem besonderen, ebenfalls erwĂ€hlten Befehlshaber, der dem König nicht untertan, sondern ihm gleichberechtigt war. Der König war nur auf seinem persönlichen Gebiet der Herr. In der Tat hatte in der barbarischen Sprache das Wort konung, koning oder cyning, das gleichbedeutend mit dem lateinischen rex ist, keinen anderen Sinn, als den eines zeitweiligen FĂŒhrers oder HĂ€uptlings einer Truppe. Der Befehlshaber einer Bootsflotille oder sogar nur eines einzelnen SeerĂ€uberbootes war ebenfalls ein Konung und noch bis zum heutigen Tag wird der Fischkommandeur in Norwegen Not-kong genannt – »König der Netze«. Die MajestĂ€t, die sich spĂ€ter mit der Persönlichkeit des Königs verband, existierte noch nicht, und wĂ€hrend Verrat gegen den Stamm mit dem Tode bestraft wurde, konnte die Ermordung eines Königs durch die Bezahlung einer EntschĂ€digungssumme wieder gut gemacht werden: ein König kostete einfach so und so viel mehr als ein freier Mann. Und als König Knu (oder Canut) einen Mann seiner eigenen Schola erschlagen hatte, berief er, wie die Saga berichtet, seine Kameraden zu einem Thing zusammen, wo er kniefĂ€llig um Verzeihung bat. Die Verzeihung wurde ihm gewĂ€hrt, aber erst nachdem er sich bereit erklĂ€rt hatte, den neunfachen Betrag der gewöhnlichen EntschĂ€digungssumme zu zahlen, wovon ein Drittel ihm selbst fĂŒr den Verlust eines seiner Mannen verblieb, ein Drittel den Verwandten des Erschlagenen gehörte, und ein Drittel (der Fred) der Schola. 167 In der Tat musste sich in den herrschenden Vorstellungen ein völliger Umschwung vollziehen, unter dem doppelten Einfluss der Kirche und der römischen Rechtsgelehrten, ehe der Begriff der Heiligkeit mit der Person des Königs verbunden wurde.

Es liegt jedoch nicht im Rahmen dieses Buches, die stufenweise Entwicklung der Herrschaftsgewalt aus den eben aufgezeigten Elementen zu verfolgen. Historiker wie Mr. und Mrs. Green fĂŒr England, Augustin Thierry, Michelet und Luchaire fĂŒr Frankreich, Kaufmann, Janssen, W. Arnold und auch Nitzsch fĂŒr Deutschland, Leo und Botta fĂŒr Italien, Byelaeff, Kostomaroff und ihre Nachfolger fĂŒr Russland und viele andere haben diese Geschichte vollstĂ€ndig erzĂ€hlt. Sie haben gezeigt, wie Bevölkerungen, die einst frei waren und bloß abgemacht hatten, einen gewissen Teil ihrer militĂ€rischen Verteidiger zu ernĂ€hren, die Leibeigenen dieser Schutzherren wurden; wie es eine harte Notwendigkeit fĂŒr den Freien wurde, der Kirche oder einem Herrn »befohlen« zu sein; wie das Schloss jedes Adligen oder Bischofs eine RĂ€uberhöhle wurde – wie mit einem Wort der Feudalismus auferlegt wurde – und wie die KreuzzĂŒge dadurch, dass sie die Leibeigenen, die das Kreuz nahmen, befreiten, den ersten Anstoß zur Emanzipation des Volkes gaben. All das braucht an dieser Stelle nicht wiedererzĂ€hlt zu werden, da unser Hauptziel ist, das aufbauende Genie der Massen in ihren Einrichtungen zu gegenseitiger Hilfe darzutun.

Zu einer Zeit, wo die letzten Spuren der barbarischen Freiheit zu verschwinden schienen und Europa, das unter die Herrschaft von Tausenden kleiner Herrscher gefallen war, der GrĂŒndung solcher Theokratien und despotischer Staaten, wie sie wĂ€hrend der frĂŒheren Kulturepochen dem barbarischen Stadium gefolgt waren, oder der GrĂŒndung barbarischer Monarchien sich nĂ€herte, wie wir sie jetzt in Afrika sehen, nahm das Leben in Europa eine andere Wendung. Es fing an, sich in einer Richtung zu bewegen, die der Ă€hnlich war, die es schon einmal in den StĂ€dten des alten Griechenlands eingeschlagen hatte. Mit einer Übereinstimmung, die fast unbegreiflich ist und lange Zeit hindurch von den Historikern nicht verstanden wurde, begannen die stĂ€dtischen Bevölkerungen, bis hinab zu den kleinsten Marktflecken, das Joch ihrer weltlichen und geistlichen Herren abzuschĂŒtteln. Das befestigte Dorf erhob sich gegen das Schloss des Adligen, bot ihm erst Trotz, griff es dann an und zerstörte es schließlich. Die Bewegung dehnte sich von Ort zu Ort aus, ergriff jede Stadt in ganz Europa, und in weniger als hundert Jahren waren an den KĂŒsten des Mittelmeeres, der Nordsee, der Ostsee, des Atlantischen Ozeans bis zu den Fjorden Skandinaviens, am Fuß der Apenninen, der Alpen, des Schwarzwaldes, des Grampiangebirges und der Karpathen, in den Ebenen Russlands, Ungarns, Frankreichs und Spaniens freie StĂ€dte ins Leben getreten. ĂŒberall trat dieselbe Rebellion ein, mit denselben charakteristischen Erscheinungen, ging durch dieselben Etappen hindurch, fĂŒhrte zu denselben Resultaten. ĂŒberall, wo die Menschen hinter ihren Mauern einigen Schutz gefunden oder zu finden geglaubt hatten, errichteten sie ihre »Verschwörungen«, ihre »BrĂŒderschaften«, ihre »Freundschaften«, die in einer gemeinsamen Idee verbunden waren und kĂŒhn sich einem neuen Leben gegenseitigen Beistandes und der Freiheit zuwandten. Und es gelang ihnen so gut, dass sie in dreioder vierhundert Jahren das Aussehen Europas völlig umgewandelt hatten. Sie hatten das Land mit schönen, prĂ€chtigen GebĂ€uden erfĂŒllt, die dem Geiste freier Vereinigungen freier MĂ€nner Ausdruck gaben, und denen in ihrer Schönheit und AusdrucksfĂŒlle seitdem nichts gleichgekommen ist; und sie hinter ließen den folgenden Generationen all die KĂŒnste, all die Industrien, im Gefolge deren unsere heutige Zivilisation, mit all ihren Verbesserungen und Versprechungen fĂŒr die Zukunft nur eine Weiterentwicklung ist. Und wenn wir jetzt nach den KrĂ€ften uns umsehen, die zu diesen großen Ergebnissen gefĂŒhrt haben, dann finden wir sie – nicht im Genie individueller Helden, nicht in der mĂ€chtigen Organisation riesiger Staaten oder den politischen FĂ€higkeiten ihrer Regenten, sondern in eben der Strömung gegenseitiger Hilfeleistung, die wir in der Dorfmark am Werke sahen und die im Mittelalter durch eine neue Form der Vereinigung belebt und neu gestĂ€rkt wurde, die derselbe Geist eingegeben hatte, die aber nach neuem Muster gebildet war – die Gilden.

Es ist jetzt bekannt, dass der Feudalismus keine Auflösung der Dorfmark in sich schloss. Obwohl es dem Adligen gelungen war, den Bauern Fronarbeit aufzulegen und obwohl er sich selbst solche Rechte zugelegt hatte, die frĂŒher der Dorfmark allein zukamen (Steuern, UnverĂ€ußerlichkeit des Gutes, Abgaben bei Erbschaften und Eheschließungen), hatten die Bauern doch trotzdem die zwei Grundrechte ihrer Gemeinden aufrecht erhalten: das Gemeineigentum an Grund und Boden und die eigene Gerichtsbarkeit. Wenn in alten Zeiten ein König seinen Vogt in ein Dorf schickte, empfingen ihn die Bauern mit Blumen in der einen Hand und Waffen in der anderen und fragten ihn, welches Gesetz er anzuwenden gedenke: das eine, das er im Dorfe fĂ€nde oder das andere, das er mit sich brĂ€chte? Und im ersten Fall ĂŒberreichten sie ihm die Blumen und hießen ihn willkommen; im zweiten aber kĂ€mpften sie mit ihm. Jetzt akzeptierten sie den Beamten des Königs oder der Lehnsherren, den sie nicht zurĂŒckweisen konnten; aber sie hielten die Gerichtsbarkeit der Volksversammlung aufrecht und ernannten selbst sechs, sieben oder zwölf Schöffen, die zusammen mit dem Richter des Lehnsherrn vor der Volksversammlung als Schiedsrichter und Spruchfinder wirkten. In den meisten FĂ€llen blieb dem Beamten nichts ĂŒbrig, als den Spruch zu bestĂ€tigen und den ĂŒblichen Fred zu erheben. Dieses kostbare Recht der eigenen Gerichtsbarkeit, die zu jener Zeit Selbstverwaltung und eigene Gesetzgebung bedeutete, war durch alle KĂ€mpfe hindurch erhalten geblieben; und selbst die Juristen, von denen Karl der Große umgeben war, konnten es nicht abschaffen; sie waren genötigt, es zu bestĂ€tigen. Zugleich behielt in allen Angelegenheiten, die das Gebiet der Dorfmark angingen, die Volksversammlung ihre SouverĂ€nitĂ€t und beanspruchte (wie Maurer gezeigt hat) in Fragen des Bodenrechtes sogar Unterwerfung des Lehnsherrn selbst. Kein Anwachsen des Feudalismus konnte diesen Widerstand brechen, die Dorfmark hielt stand; und als im 9. und 10. Jahrhundert die EinfĂ€lle der Normannen, der Araber und der Ugrier gezeigt hatten, dass militĂ€rische Scholae von geringem Wert fĂŒr die Landesverteidigung seien, setzte eine allgemeine Bewegung in ganz Europa ein, die Dörfer mit Steinmauern und Zitadellen zu befestigen. Tausende von befestigten Punkten wurden nun durch die Energie der Dorfgemeinden gebaut; und sobald sie erst ihre Mauern gebaut hatten, sobald in diesem neuen Heiligtum – den Stadtmauern – ein gemeinsames Interesse geschaffen war, sahen sie ein, dass sie von nun an den Übergriffen der inneren Feinde, der Adligen, ebenso Widerstand leisten könnten, wie den EinfĂ€llen der Fremden. Ein neues Leben der Freiheit begann sich innerhalb der befestigten WĂ€lle zu entwickeln. Die Stadt des Mittelalters war geboren.

Keine Geschichtsperiode könnte die konstruktiven KrĂ€fte der Volksmassen besser illustrieren als das 10. und 11. Jahrhundert, wo die befestigten Dörfer und Marktflecken, die lauter »Oasen inmitten des Feudalwaldes« vorstellten, anfingen, sich vom Joch ihres Herrn zu befreien und langsam die kĂŒnftige StĂ€dteverfassung ausarbeiteten; aber leider ist es eine Periode, ĂŒber die die Geschichtsquellen besonders spĂ€rlich fließen: wir kennen die Resultate, aber wenig ist ĂŒber die Mittel, durch die sie erreicht wurden, auf uns gekommen. Unter dem Schutz ihrer Mauern eroberten und behielten die stĂ€dtischen Volksversammlungen – die entweder ganz unabhĂ€ngig waren oder von den hauptsĂ€chlichen Adels- und Kaufmannsfamilien geleitet wurden – das Recht, den militĂ€rischen Schirmherrn und obersten Richter der Stadt zu wĂ€hlen, oder mindestens zwischen denen, die auf dieses Amt Anspruch erhoben, eine Wahl zu treffen. In Italien vertrieben die jungen Gemeinden fortwĂ€hrend ihre Schirmherren oder Domini und kĂ€mpften gegen die, die nicht freiwillig gingen. dasselbe war im Osten der Fall. In Böhmen nahm reich und arm in gleicher Weise an der Wahl teil (Bohemicae gentis magni et parvi, mobiles et ignobiles); 170 und die Wyetsches (Volksversammlungen) der russischen StĂ€dte wĂ€hlten regelmĂ€ĂŸig ihre Herzöge – immer aus derselben Familie der Rurik – schlossen mit ihnen einen Vertrag und entließen den Knyaz, wenn er Unzufriedenheit erregt hatte.

Gleichzeitig herrschte in den meisten StĂ€dten West- und SĂŒdeuropas, die Tendenz, einen Bischof zum Schirmherrn zu nehmen, den die Stadt selbst gewĂ€hlt hatte; und so viele Bischöfe standen an der Spitze, wenn es galt, die Gerechtsamen der StĂ€dte zu schĂŒtzen und ihre Freiheiten zu verteidigen, dass viele von ihnen nach ihrem Tod fĂŒr Heilige und besondere Schutzherren der betreffenden StĂ€dte galten. St. Uthelred von Winchester, St. Ulrich von Augsburg, St. Wolfgang von Regensburg, St. Heribert von Köln, St. Adalbert von Prag usw. und ebenso viele Äbte und Mönche wurden lauter Stadtheilige, weil sie die Verteidigung der Volksrechte gefĂŒhrt hatten. 172 Und unter den neuen Schirmherren, weltlichen oder geistlichen, eroberten die BĂŒrger vollstĂ€ndige eigene Gerichtsbarkeit und Selbstverwaltung fĂŒr ihre Volksversammlungen.

Der ganze Vorgang der Befreiung rĂŒckte durch eine Reihe unmerklicher Akte der Hingebung an die gemeinsame Sache vorwĂ€rts, die von MĂ€nnern vollbracht wurden, die aus den Massen hervorgingen von unbekannten Helden, deren Namen nicht einmal die Geschichte bewahrt hat. Die wundervolle Einrichtung des Gottesfriedens (treuga Dei), durch den sich die Volksmassen bemĂŒhten, den endlosen Familienfehden der adligen Familien ein Ende zu setzen, war in den jungen StĂ€dten entstanden, wo die Bischöfe und BĂŒrger versuchten, den Frieden, den sie innerhalb ihrer Stadtmauern errichtet hatten, auf die Adligen auszudehnen. Schon zu jener Zeit arbeiteten die HandelsstĂ€dte Italiens und besonders Amalfi (das seit 844 seine erwĂ€hlten Konsuln hatte und seine Dogen im 10. Jahrhundert hĂ€ufig wechselte), das gemeine See- und Handelsrecht aus, das spĂ€ter ganz Europa zum Muster diente; Ravenna bildete seine Handwerksverfassung aus und Mailand, das 980 seine erste Revolution gehabt hatte, wurde ein großes Handelszentrum, in dem die Gewerbe seit dem II. Jahrhundert sich voller SelbstĂ€ndigkeit erfreuten. Desgleichen BrĂŒgge und Gent, und ebenso mehrere StĂ€dte in Frankreich, in denen das Mahl oder Forum eine ganz selbstĂ€ndige Einrichtung geworden war. Und bereits wĂ€hrend dieser Periode begann das Werk der kĂŒnstlerischen AusschmĂŒckung der StĂ€dte durch Bauwerke, die wir noch bewundern und die laut von dem reichen Geistesleben der Zeiten Kunde tun. »Die Basiliken wurden fast auf der ganzen Erde erneuert«, schrieb Raoul Glaber in seiner Chronik, und einige der schönsten Monumente der mittelalterlichen Architektur stammen aus dieser Periode: die wundervolle alte Kirche von Bremen wurde im 9. Jahrhundert, San Marco in Venedig wurde 1071 vollendet und der schöne Dom von Pisa 1063. In der Tat fĂ€llt die geistige Bewegung, die als Renaissance des 12. Jahrhunderts bezeichnet worden ist178 und der Rationalismus des 12. Jahrhunderts – der VorlĂ€ufer der Reformation179 – in die Periode, wo die meisten StĂ€dte noch einfache Gebilde aus kleinen, von Mauern umschlossenen Dorfgemeinden waren.

Indessen war außer dem Prinzip der Dorfmark noch ein anderes Element erforderlich, um diesen wachsenden Mittelpunkten der Freiheit und AufklĂ€rung die Einheit des Denkens und Handelns und die Macht der Initiative zu geben, die im 12. und 13. Jahrhundert ihre StĂ€rke ausmachte. Mit der wachsenden Verschiedenartigkeit der BeschĂ€ftigungen, Handwerke und KĂŒnste, und mit dem wachsenden Handel in entfernten LĂ€ndern bildete sich die Notwendigkeit einer neuen Vereinigungsform heraus, und dieses neue Element waren die Gilden. BĂ€nde ĂŒber BĂ€nde sind ĂŒber diese BĂŒnde geschrieben worden, die unter Namen wie Gilden, BrĂŒderschaften, Freundschaften und Druzhestwa, Minne, Artels in Russland, Esnaifs in Serbien und der TĂŒrkei, Amkari in Georgien usw., im Mittelalter eine so ungeheure Entwicklung nahmen und in der Befreiung der StĂ€dte eine so wichtige Rolle spielten. Aber die Historiker brauchten mehr als sechzig Jahre, bevor die allgemeine Verbreitung dieser Einrichtung und ihr wahrer Charakter verstanden wurden. Erst jetzt, wo. Hunderte von Gildeordnungen veröffentlicht und erforscht worden sind und ihre Verwandtschaft mit den römischen collegiae und den frĂŒheren BĂŒnden in Griechenland und Indien bekannt ist, können wir zuversichtlich behaupten, dass diese BrĂŒderschaften nur eine Weiterentwicklung eben der Prinzipien waren, die wir in der Gens und der Dorfmark am Werke sahen.

Nichts veranschaulicht diese mittelalterlichen BrĂŒderschaften besser, als die vorĂŒbergehenden Gilden, die auf Schiffen gebildet wurden. Als ein Schiff der Hansa seine erste halbe Tagesreise nach Verlassen des Hafens hinter sich hatte, versammelte der KapitĂ€n (der Schiffer) alles Schiffsvolk und die Reisenden auf dem Deck und hielt, wie uns ein Zeitgenosse berichtet hat, die folgende Ansprache:

»â€șDa wir nun Gott und den Wellen ĂŒberlassen sindâ€č, sagte er, â€șmuss jeder dem anderen gleich sein. Und da wir von StĂŒrmen, hohen Wogen, RĂ€ubern und anderen Gefahren umringt sind, mĂŒssen wir eine feste Ordnung halten, damit wir unsere Reise zu gutem Ende fĂŒhren. Deshalb wollen wir das Gebet um guten Wind und gute Fahrt sprechen und dem Seerecht entsprechend wollen wir die Verweser der Schöffenstellen ernennen.â€č Darauf erwĂ€hlte das Volk einen Vogt und vier Scabini, die das Schöffenamt verwalten sollten. Am Ende der Reise legten der Vogt und die Scabini ihre Ämter nieder und sprachen folgendermaßen zum Schiffsvolk: â€șWas an Bord des Schiffes geschehen ist, mĂŒssen wir einander verzeihen und tot und ab sein lassen. Was wir geschlichtet haben, war um der Gerechtigkeit willen. Deshalb bitten wir euch alle im Namen ehrlichen Gerichtes, all die Feindseligkeit zu vergessen, die einer gegen den anderen hegen kann, und bei Brot und Salz zu schwören, dass er nicht im Bösen daran denken will. Wenn aber irgendjemand sich fĂŒr gekrĂ€nkt hĂ€lt, muss er an den Landvogt gehen und vor Sonnenuntergang von ihm Gericht begehren.â€č Nach der Landung wurde die BĂŒchse mit den Fredgeldern dem Vogt des Seehafens zur Verteilung unter die Armen ĂŒbergeben.«

Dieser einfache Bericht gibt vielleicht das beste Bild vom Geiste der mittelalterlichen Gilden. Ähnliche Organisationen traten ĂŒberall ins Leben, wo eine Gruppe von Menschen – Fischer, JĂ€ger, reisende Kaufleute, Bauleute oder ansĂ€ssige Handwerker – zu gemeinsamer BetĂ€tigung zusammenkamen. So gab es an Bord des Schiffes die SchiffsautoritĂ€t des KapitĂ€ns, aber zum Erfolg des gemeinsamen Unternehmens kamen alle Leute an Bord, reich und arm, Vorgesetzte und Schiffsvolk, KapitĂ€n und Matrosen, ĂŒberein, in ihren gegenseitigen Beziehungen gleich zu sein, lediglich Menschen zu sein mit der Verpflichtung, einander zu helfen und ihre etwa entstehenden Streitigkeiten vor Richtern zu erledigen, die sie alle gewĂ€hlt hatten. So gehörten auch, wenn eine Anzahl Handwerker – Maurer, Zimmerleute, Steinmetzen usw. – zusammenkamen, um – sagen wir – ein MĂŒnster zu bauen, alle zu einer Stadt, die ihre politische Organisation hatte, und jeder von ihnen gehörte außerdem zu seiner eigenen Zunft; aber ĂŒberdies waren sie durch ihr gemeinsames Unternehmen miteinander verbunden, das sie besser kannten als sonst irgendwer, und sie vereinigten sich zu einer Körperschaft, die durch engere, obschon vorĂŒbergehende Bande miteinander verknĂŒpft waren; sie grĂŒndeten die MĂŒnsterbaugilde. Wir können dasselbe noch heute im kabylischen Çof sehen: die Kabylen haben ihre Dorfmark; aber diese Einung ist nicht fĂŒr alle politischen, kommerziellen und persönlichen EinigungsbedĂŒrfnisse genĂŒgend, und so wird die engere BrĂŒderschaft des Çof gegrĂŒndet.

Den sozialen Charakter der mittelalterlichen Gilde kann jedes Gildestatut anschaulich machen. Nehmen wir z. B. die Skraa einer frĂŒhen dĂ€nischen Gilde, so lesen wir in ihr zuerst eine Feststellung der allgemeinen brĂŒderlichen GefĂŒhle, die in der Gilde herrschen mĂŒssen; dann kommen die Anordnungen, die sich auf die eigene Gerichtsbarkeit in FĂ€llen von Streitigkeiten von zwei BrĂŒdern oder einem Bruder und einem Fremden beziehen; und schließlich werden die sozialen Pflichten der BrĂŒder aufgezĂ€hlt. Wenn das Haus eines Bruders abgebrannt ist oder wenn er ein Schiff verloren hat oder auf einer Pilgerfahrt Schaden genommen hat, mĂŒssen ihm alle BrĂŒder zu Hilfe kommen. Wenn ein Bruder gefĂ€hrlich krank wird, mĂŒssen die BrĂŒder an seinem Bett Wache halten, bis er außer Gefahr ist, und wenn er stirbt, mĂŒssen die BrĂŒder ihn beerdigen – eine große Sache in diesen Zeiten der Seuchen – und ihm zur Kirche und zum Grabe folgen. Nach seinem Tode mĂŒssen sie, wenn nötig, fĂŒr seine Kinder sorgen, sehr oft wird die Witwe eine Schwester der Gilde. Diese zwei GrundzĂŒge offenbarten sich in jeder BrĂŒderschaft, die zu irgendwelchen Zwecken gebildet war. In jedem Fall behandelten die Mitglieder einander wie Bruder und Schwester und nannten sich so; alle waren gleich vor der Gilde. Sie besaßen einige Habe gemeinsam (Vieh, Land, GebĂ€ude, KultusstĂ€tten oder Vermögen in Geld). Alle BrĂŒder leisteten den Eid, alle alten Streitigkeiten zu vergessen, und ohne, dass sie einander die Verpflichtung auferlegten, nie wieder zu streiten, kamen sie doch ĂŒberein, dass kein Streit zu einer Fehde oder zu einem Prozess vor einem anderen Gerichtshof ausarten dĂŒrfe, als dem Tribunal der BrĂŒder selbst. Und wenn ein Bruder in einen Streit mit einem Gildfremden verwickelt wurde, kamen sie ĂŒberein, ihm im Bösen und Guten beizustehen, d. h. ob er ungerechterweise des Angriffes beschuldigt war oder ob er wirklich der Angreifer war, sie hatten ihm beizustehen und die Sache zu einem friedlichen Ende zu bringen. Solange es sich nicht um einen meuchlerischen Eingriff handelte – in diesem Fall wĂ€re er als Rechtloser behandelt worden – stand ihm die BrĂŒderschaft bei. Wenn die Verwandten des Verletzten den Angriff sofort durch einen neuen Angriff zu rĂ€chen begehrten, verschaffte ihm die BrĂŒderschaft ein Pferd zur Flucht, oder ein Boot, ein Paar Ruder, ein Messer und Stahl zum Lichtmachen; wenn er in der Stadt blieb, begleiteten ihn zwölf BrĂŒder zu seinem Schutze, und in der Zwischenzeit verhandelten sie wegen der EntschĂ€digung; sie alle zahlten sie, gerade wie es die Gens in alten Zeiten getan hatte. Nur wenn ein Bruder die Treue gegen die GildbrĂŒder oder andere Leute gebrochen hatte, wurde er »mit dem Namen eines Nichtes« aus der BrĂŒderschaft ausgeschlossen (tha scal han maeles af brödrescap met nidings nafn).

Das waren die Grundgedanken dieser BrĂŒderschaften, die allmĂ€hlich das ganze mittelalterliche Leben erfĂŒllten. In der Tat wissen wir von Gilden aus allen möglichen Berufen: Gilden von Leibeigenen, von Freien und aus Leibeigenen und Freien gemeinsam zusammengesetzt; Gilden, die zu den besonderen Zwecken der Jagd, des Fischfangs oder fĂŒr eine Handelsexpedition gegrĂŒndet und nach Vollendung des besonderen Zweckes wieder aufgelöst wurden, und Gilden, die in einem bestimmten Handwerk oder Gewerbe Jahrhunderte dauerten. Und einen je grĂ¶ĂŸeren Aufschwung die Mannigfaltigkeit der Berufe nahm, umso mehr wuchs die Verschiedenartigkeit der Gilden. So sehen wir nicht nur Kaufleute, Handwerker, JĂ€ger und Bauern in Gilden vereinigt, wir sehen auch Gilden von Priestern, Malern, Elementar- und UniversitĂ€tslehrern, Gilden zur Pflege des Spieles, zum Kirchenbau, zur Überlieferung des »Geheimnisses« einer bestimmten Kunst- oder Handwerksschule oder fĂŒr eine besondere Festveranstaltung – selbst Gilden von Bettlern, Henkern und gefallenen Frauen, alle auf demselben Doppelprinzip der eigenen Gerichtsbarkeit und des gegenseitigen Beistandes aufgebaut. FĂŒr Russland haben wir positive Zeugnisse, die zeigen, dass die eigentliche »Erschaffung Russlands« ebenso sehr das Werk seiner Jagd-, Fischerei- und Gewerbe-Artels war als der sprossenden Dorfmarken, und bis zum heutigen Tag ist das Land von Artels erfĂŒllt.

Diese wenigen Bemerkungen zeigen, wie falsch der Standpunkt war, den einige frĂŒhere Forscher, die ĂŒber die Gilden schrieben, eingenommen hatten, indem sie die Hauptbedeutung der Institution in ihrem jĂ€hrlich wiederkehrenden Feste finden wollten. In der Tat war der Tag des gemeinsamen Mahles immer der Tag, an dem oder unmittelbar vor dem die VorstĂ€nde gewĂ€hlt und StatutenĂ€nderungen beraten wurden, und sehr oft war er auch der Gerichtstag ĂŒber Streitigkeiten, die unter den BrĂŒdern entstanden waren, oder ĂŒber Erneuerung der Zugehörigkeit zur Gilde. Das gemeinsame Mahl, ebenso wie das Fest bei Gelegenheit der alten Stammesversammlung – das mahl oder malum – oder wie der buriatische aba oder die Kirchweihe und der Ernteschmaus, war lediglich eine Erneuerung der BrĂŒderschaft. Es symbolisierte die Zeiten, wo alles vom Clan in Gemeinschaft gehalten wurde. An diesem Tage wenigstens gehörte alles allen; alle saßen an derselben Tafel und nahmen am selben Mahle teil. Selbst zu einer viel spĂ€teren Zeit saßen an diesem Tag die Insassen des Armenhauses einer Londoner Gilde neben dem reichen Aldermann. Was die Unterscheidung angeht, die einige Forscher zwischen der alten angelsĂ€chsischen »Friedgilde« und den sogenannten »sozialen« oder »religiösen« Gilden aufstellen wollten – so waren alle Friedgilden in dem oben besprochenen Sinn des Wortes und alle waren religiös in dem Sinn, in dem eine Dorfgemeinde oder eine Stadt, die unter dem Schutz eines besonderen Heiligen steht, sozial und religiös ist. Wenn die Institution der Gilde in Asien, Afrika und Europa so eine ungeheure Verbreitung gefunden hat, wenn sie Tausende von Jahren gelebt hat und immer wieder aufmachte, wenn Ă€hnliche UmstĂ€nde sie ins Leben riefen, dann geschah es, weil sie viel mehr als eine Vereinigung zum Essen war, oder eine Vereinigung zu dem Zweck, an einem bestimmten Tag zur Kirche zu gehen oder ein Beerdigungsverein. Sie entsprach einem festgewurzelten tiefen BedĂŒrfnis der Menschennatur; und sie hatte all die Merkmale an sich, die spĂ€terhin der Staat sich fĂŒr seine BĂŒrokratie und Polizei aneignete, und noch weit mehr. Sie war eine Vereinigung zu gegenseitigem Beistand in allen Lagen und ZufĂ€llen des Lebens durch Rat und Tat, und sie war eine Organisation zur Aufrechterhaltung des Rechtes – mit dem Unterschied im Vergleich zum Staat, dass in all diese BetĂ€tigungen ein humanes, brĂŒderliches Element eingefĂŒhrt war anstatt des formalen Elementes, dass das Hauptmerkmal der Staatseinmischung ist. Selbst wenn der Gildbruder vor dem Tribunal der Gilde erschien, stand er vor MĂ€nnern, die ihn gut kannten und mit ihm in ihrem Tagewerk, beim gemeinsamen Mahl, in der ErfĂŒllung ihrer brĂŒderlichen Pflichten zusammen gewesen waren: MĂ€nner, die in der Tat seinesgleichen und seine BrĂŒder waren, nicht Juristen oder Verteidiger von Interessen ganz anderer Art.

Es ist klar, dass eine Institution, die so geeignet war, dem VereinigungsbedĂŒrfnis zu dienen, ohne das Individuum seiner Initiative zu berauben, sich ausdehnen, wachsen und befestigen musste. Die Schwierigkeit war nur, eine Form zu finden, die es erlaubte, die BĂŒnde der Gilden zu einer Föderation zu bringen, ohne mit den Vereinigungen der Dorfmarken in Konflikt zu kommen, und diese alle zusammen in ein harmonisches Ganzes zu verbinden. Und als diese Form des Zusammenschlusses gefunden worden war und eine Reihe gĂŒnstiger UmstĂ€nde die StĂ€dte in die Lage versetzte, ihre UnabhĂ€ngigkeit zu erringen, da taten sie das mit einer Einheit im Denken, die nur unsere Bewunderung erregen kann, auch in unserem Jahrhundert der Eisenbahnen, Telegraphen und der Presse. Hunderte von Freibriefen, in denen die StĂ€dte ihre Befreiung niedergelegt haben, sind auf uns gekommen, und durch sie alle – trotz der unendlichen Verschiedenheit in den Einzelheiten, die von der mehr oder weniger großen VollstĂ€ndigkeit der Emanzipation abhingen – gehen dieselben Hauptgedanken. Die Stadt organisierte sich als Föderation sowohl kleiner Dorfmarken wie Gilden. »Alle, die zur Freundschaft der Stadt gehören« – so lautet ein Freibrief, der im Jahre 1188 den BĂŒrgern von Aire vom Grafen Philipp von Flandern verliehen wurde -, »haben auf Treu und Eid versprochen und bekrĂ€ftigt, dass sie einander als BrĂŒder in allem, was Nutzen und Ehre bringt, helfen wollen. Dass, wenn einer gegen einen anderen sich in Worten oder Taten vergeht, der Mann, der darunter gelitten hat, nicht Rache nehmen will, weder er selbst noch seine Leute … er wird eine Klage anstrengen und der TĂ€ter wird seine KrĂ€nkung gut machen, entsprechend der Festsetzung, die von zwölf erwĂ€hlten Schöffen, die als Schiedsrichter vorgehen, getroffen werden wird. Und wenn der KrĂ€nkende oder der GekrĂ€nkte trotz dreimaliger Warnung sich der Entscheidung der Schiedsrichter nicht unterwirft, dann wird er als Bösewicht und EidbrĂŒchiger aus der Freundschaft gestoßen. «

»Jeder von den MĂ€nnern der Gemeine soll seinem Schwurgenossen Treue halten und ihm mit Rat und Tat beistehen, entsprechend den Vorschriften der Gerechtigkeit« – so sagen die Briefe von Amiens und Abbeville. »Alle werden nach KrĂ€ften innerhalb der Grenzen der Gemeine einander helfen und werden nicht leiden, dass irgendeiner irgendetwas irgendeinem unter ihnen nimmt, oder Kontributionen von ihnen eintreibt« – so lesen wir in den Freibriefen von Soissons, Compiegne, Senlis und vielen anderen desselben Typus. Und so immer weiter mit zahllosen Variationen desselben Themas.

»Die Kommune« , so schrieb Guilbert de Nogent, »ist eine Eidgenossenschaft zu gegenseitiger Hilfe (mutui adjutorii conjuratio) … Ein neues und abscheuliches Wort. Dadurch werden die Leibeigenen (capite sensi) von aller Knechtschaft befreit; dadurch können sie fĂŒr RechtsbrĂŒche nur zu einer gesetzlich festgelegten Geldstrafe verurteilt werden; dadurch hören sie auf, zu Leistungen verpflichtet zu sein, die die Leibeigenen immer zu leisten pflegten. «

Diese Welle der Befreiung lief im 12. Jahrhundert durch alle Teile des Kontinents und berĂŒhrte ebenso die reichsten StĂ€dte wie die Ă€rmsten Flecken. Und wenn es sich sagen lĂ€sst, dass die italienischen StĂ€dte zuerst dabei waren, sich zu befreien, so können wir doch kein Zentrum bestimmen, von dem die Bewegung ausging. Sehr oft ĂŒbernahm ein kleiner Flecken in Zentraleuropa die FĂŒhrung fĂŒr seine Gegend, und große Stadtbevölkerungen akzeptierten den Freibrief des StĂ€dtchens als Muster fĂŒr ihren eigenen. So wurde der Freibrief einer kleinen Stadt, Lorris, von dreiundachtzig StĂ€dten im sĂŒdwestlichen Frankreich ĂŒbernommen und der von Beaumont wurde das Muster fĂŒr ĂŒber fĂŒnfhundert kleine und große StĂ€dte in Belgien und Frankreich. Besondere Abgesandte wurden von den StĂ€dten zu ihren Nachbarn gesandt,-um eine Abschrift ihres Freibriefs zu erhalten, und die Verfassung wurde nach diesem Muster aufgebaut. Indessen ahmten sie einander nicht sklavisch nach: sie fassten ihre eigenen Freibriefe gemĂ€ĂŸ den ZugestĂ€ndnissen ab, die sie von ihren Lehnsherren erlangt hatten; und daher kam es, dass – wie ein Historiker bemerkte – die Freibriefe der mittelalterlichen Kommunen dieselbe Mannigfaltigkeit zeigen wie die gotische Architektur ihrer Kirchen und Kathedralen. Dieselben tragenden Ideen in ihnen allen der Dom ist das Symbol der Vereinigung von Gemeinde und Gilde in der Stadt – und dieselbe unermesslich reiche Verschiedenheit in den Einzelheiten.

Eigene Gerichtsbarkeit war der springende Punkt, und eigene Gerichtsbarkeit bedeutete Selbstverwaltung. Aber die Kommune war nicht lediglich ein »autonomer« Teil des Staates – so zweideutige Worte waren zu jener Zeit noch nicht erfunden worden – sie war ein Staat fĂŒr sich selbst. Sie hatte das Recht ĂŒber Krieg und Frieden, ĂŒber feste und vorĂŒbergehende BĂŒndnisse mit ihren Nachbarn. Sie war souverĂ€n in ihren eigenen Angelegenheiten und mit keinen anderen vermengt. Die höchste politische Macht konnte gĂ€nzlich einem demokratischen Forum ĂŒberantwortet sein, wie es in Pskow der Fall war, dessen Wyetsche Gesandte schickten und empfingen, VertrĂ€ge schlossen, sich FĂŒrsten gaben und entließen oder ohne sie Dutzende von Jahren regierten; oder sie war eine Aristokratie von Kaufleuten oder auch Adligen anvertraut oder von ihnen usurpiert; wie es in hunderten italienischen und mitteleuropĂ€ischen StĂ€dten der Fall war. Das Prinzip blieb trotzdem dasselbe: die Stadt war ein Staat und – was vielleicht noch bemerkenswerter war – wenn die Macht in der Stadt von einer Aristokratie von Kaufleuten oder auch Adligen usurpiert war, verschwand darum nicht das innere Leben der Stadt und der Demokratismus ihres tĂ€glichen Lebens: sie hingen nur wenig von dem ab, was man die politische Form des Staates nennen könnte.

Das Geheimnis dieses scheinbaren Widerspruchs liegt in der Tatsache, dass eine mittelalterliche Stadt kein zentralisierter Staat war. WĂ€hrend der ersten Jahrhunderte ihrer Existenz konnte die Stadt, was ihre innere Organisation angeht, kaum ein Staat genannt werden, weil das Mittelalter ebenso wenig von der gegenwĂ€rtigen Zentralisation der Ämter etwas wusste wie von der gegenwĂ€rtigen territorialen Zentralisation. Jede Gruppe hatte ihren Anteil an der SouverĂ€nitĂ€t. Die Stadt war gewöhnlich in vier Viertel geteilt oder in fĂŒnf bis sieben Sektionen, die von einem Zentrum ausstrahlten, wobei jedes Stadtviertel oder jede Sektion ungefĂ€hr einem bestimmten Gewerbe oder Beruf entsprach, die darin vorherrschten, obwohl sie Einwohner von verschiedener sozialer Stellung und BeschĂ€ftigung hatten – Adlige, Kaufleute, Handwerker oder sogar Halbleibeigene; und jede Sektion oder jedes Quartier stellte ein ganz selbstĂ€ndiges Gebilde dar. In Venedig war jede Insel eine unabhĂ€ngige politische Gemeinde.

Sie hatte ihre eigenen Berufsorganisationen, ihren eigenen Salzhandel, ihre eigene Gerichtsbarkeit und Verwaltung, ihr eigenes Forum; und die Ernennung eines Dogen fĂŒr die Stadt Ă€nderte nichts an der inneren UnabhĂ€ngigkeit der kleineren Gebilde. In Köln sehen wir die Einwohner in Geburtschaften und Heimschaften (viciniae) geteilt, d.h. Nachbargilden, die noch aus der frĂ€nkischen Periode stammten. Jede von ihnen hatte ihren Richter (Burrichter) und die ĂŒblichen zwölf erwĂ€hlten Spruchfinder (Schöffen), ihren Vogt und ihren Greve oder Befehlshaber der Stadtmiliz. Die Geschichte des Ă€ltesten London vor der Eroberung – so sagt Mr. Green – ist die »einer Zahl kleiner Gruppen, die hie und da ĂŒber das von Mauern umschlossene Gebiet zerstreut sind, von denen jede mit ihrem eigenen Leben und eigenen Institutionen aufwĂ€chst, mit eigenen Gilden, Herbergen, Klöstern und dergleichen und die sich nur langsam zu einer einheitlichen Stadtverwaltung zusammenschließen.« Und wenn wir die Chroniken der russischen StĂ€dte Pskow und Nowgorod befragen, die beide verhĂ€ltnismĂ€ĂŸig reich an örtlichen Besonderheiten sind, dann finden wir die Sektion (Konets), die aus unabhĂ€ngigen Straßen (Ulitsa) besteht, von denen jede, wiewohl in der Hauptsache von Handwerkern derselben Zunft bewohnt, auch Kaufleute und Grundbesitzer unter ihren Einwohnern hatte und eine abgesonderte Gemeinde war. Sie hatte die kommunale Verantwortlichkeit fĂŒr alle Mitglieder im Fall eines Verbrechens, ihre eigene Gerichtsbarkeit und Verwaltung durch StraßenvorstĂ€nde (ulitschanskiye Starosty), ihr eigenes Siegel und manchmal ihr eigenes Forum, ihre eigene Miliz, wie auch selbsterwĂ€hlte Priester und eigenes Gemeinschaftliches und gemeinsame Unternehmungen.

Die mittelalterliche Stadt erscheint so als eine doppelte Föderation: von allen Haushaltungen, die zu kleinen territorialen Einheiten verbunden sind – die Straße, das Kirchspiel, die Sektion – und von Individuen, die durch ihren Schwur zu ihren Berufen entsprechenden Gilden vereinigt sind; die erstere hervorgegangen aus der Entstehung der Stadt aus der Dorfmark, die zweite ein spĂ€teres Produkt, das neue UmstĂ€nde ins Leben gerufen haben.

Freiheit, Selbstverwaltung und Frieden zu gewĂ€hrleisten, war das Hauptziel der Stadt des Mittelalters; und die Arbeit, wie wir gleich sehen werden, wenn wir von den Innungen sprechen, war ihre Hauptgrundlage. Aber die »Produktion« nahm nicht die ganze Aufmerksamkeit des mittelalterlichen Ökonomen in Anspruch. Mit seinem praktischen Geist verstand er, dass der »Konsum« gewĂ€hrleistet sein muss, um die Produktion zu erhalten; und daher war das Grundprinzip in jeder Stadt, »fĂŒr die gemeine Notdurft und Gemach Armer und Reicher« zu sorgen. Der Aufkauf von Lebensmitteln und anderen dringenden GĂŒtern (Kohle, Holz und dergleichen), bevor sie auf den Markt kamen oder ĂŒberhaupt unter besonders gĂŒnstigen UmstĂ€nden, von denen andere ausgeschlossen wĂ€ren – die preempcio mit einem Wort – war gĂ€nzlich verboten. Alles musste zu Markt gebracht werden und da jedermann so lange zum Kauf angeboten werden, bis das GlockenlĂ€uten den Schluss des Marktes verkĂŒndet hatte. Dann erst konnte der HĂ€ndler den Rest kaufen, und auch dann sollte sein Gewinn nur ein »ehrbarer Gewinn« sein.

Außerdem hatte, wenn ein Reicher nach Schluss des Marktes Korn im großen aufgekauft hatte, jeder das Recht, seinen Teil am Korn (etwa vier Scheffel) zu seiner eigenen Verwendung zum Einkaufspreise zu beanspruchen, wenn er das vor dem endgĂŒltigen Abschluss des GeschĂ€ftes tat; und umgekehrt durfte jeder BĂ€cker denselben Anspruch erheben, wenn der BĂŒrger Korn zum Wiederverkauf aufgekauft hatte. Im ersten Fall brauchte das Korn nur in die StadtmĂŒhle gebracht zu werden, um in festgesetzter Ordnung zu bestimmtem Preis gemahlen zu werden, und das Brot konnte im four banal oder Gemeindebackofen gebacken werden. Kurz, wenn die Stadt von einem Notstand heimgesucht wurde, hatten mehr oder weniger alle darunter zu leiden; aber abgesehen von den großen Nöten, konnte, solange die freien StĂ€dte bestanden, niemand in ihrer Mitte Hungers sterben, wie es leider in unserer eigenen Zeit nur zu oft vorkommt. Indessen gehören alle diese Regulationen in spĂ€tere Perioden des stĂ€dtischen Lebens, wĂ€hrend es in frĂŒherer Zeit die Stadt selbst war, die alle Lebensmittel fĂŒr den Gebrauch der BĂŒrger zu kaufen pflegte. Die Dokumente, die Groß neuerdings veröffentlicht hat, sind in diesem Punkt ganz positiv und unterstĂŒtzen seine Behauptung vollstĂ€ndig, die dahin geht, dass »die Lebensmittel von bestimmten stĂ€dtischen Angestellten im Namen der Stadt in Ladungen aufgekauft und dann in Anteilen unter die Kaufleute der Stadt verteilt wurden, wobei niemand das Recht hatte, im Hafen liegende Waren zu kaufen, solange nicht die stĂ€dtischen Behörden auf den Kauf verzichtet hatten. Dies scheint – so fĂŒgt er hinzu – eine ganz allgemeine Übung in England, Irland, Wales und Schottland gewesen zu sein. « Selbst im 16. Jahrhundert sehen wir, dass gemeinsame KorneinkĂ€ufe gemacht werden, »zum Nutzen und Vorteil in allen Dingen … dieser Stadt und Kammer von London und aller BĂŒrger und Einwohner derselbigen, so viel an uns liegt« – wie der Mayor 1565 schrieb.

In Venedig war, wie bekannt ist, der ganze Kornhandel in den HĂ€nden der Stadt, und die Viertel waren, wenn sie von der Behörde, die die Einfuhr verwaltete, das Getreide erhalten hatten, verpflichtet, jedem BĂŒrger das ihm zukommende Quantum ins Haus zu schicken. In Frankreich pflegte die Stadt Amiens das Salz zu kaufen und es allen BĂŒrgern zum Kostenpreis zu ĂŒberlassen; und noch jetzt sieht man in vielen französischen StĂ€dten die halles, die frĂŒher stĂ€dtische Niederlagen fĂŒr Korn und Salz gewesen waren. In Russland war das in Nowgorod und Pskow ein regelmĂ€ĂŸiger Brauch.

Der ganze Stoff in betreff der KĂ€ufe der Kommunen zum Nutzen der BĂŒrger und die Art, in der sie gewöhnlich vor sich gingen, scheint noch nicht das richtige Interesse bei den Historikern dieser Periode gefunden zu haben; aber es finden sich hie und da einige sehr interessante Tatsachen, die ein neues Licht darauf werfen. So findet sich unter den Dokumenten Groß‘ eine Verordnung von Killkenny aus dem Jahr 1367, aus der wir erfahren, wie die Warenpreise festgesetzt wurden. »Die Kaufleute und Seeleute« , schreibt Groß, »hatten auf Eid die ersten Kosten der GĂŒter und die Transportkosten festzustellen. Dann hatten der BĂŒrgermeister der Stadt und zwei erfahrene MĂ€nner die Preise, zu denen die Waren verkauft werden sollten, zu bestimmen.« Dieselbe Regel galt in Thurso fĂŒr KaufmannsgĂŒter, die »zu See oder ĂŒber Land« ankamen. Diese Methode, »den Preis zu bestimmen«, entspricht so sehr den Vorstellungen ĂŒber Handel und Gewerbe, die im Mittelalter ĂŒblich waren, dass sie fast allgemein gewesen sein muss. Den Preis durch einen Dritten festsetzen zu lassen, war ein sehr alter Brauch; und fĂŒr jeden Handelsverkehr innerhalb der Stadt war es gewiss eine weitverbreitete Sitte, die Festsetzung der Preise »erfahrenen MĂ€nnern« zu ĂŒberlassen – einer dritten Partei nicht aber dem VerkĂ€ufer oder KĂ€ufer. Aber dieser Zustand der Dinge fĂŒhrt uns weiter in die Geschichte des Handels zurĂŒck – nĂ€mlich in eine Zeit, wo der Handel in Stapelartikeln von der ganzen Stadt getrieben wurde und die Kaufleute nur die Agenten, die Vertrauensleute der Stadt waren, die die GĂŒter, die sie exportierte, zu verkaufen hatten. Eine Verordnung von Waterford, die ebenfalls von Groß veröffentlicht wurde, besagt, »dass alle Arten von KaufmannsgĂŒtern, welcher Art sie auch seien … , vom BĂŒrgermeister und den Bestallten, die fĂŒr die jetzige Zeit der Stadt gemeine KĂ€ufer sind, gekauft werden sollen und sie sollen die selbigen an die Freien der Stadt verteilen (die eigenen GĂŒter der freien BĂŒrger und Einwohner allein ausgenommen). « Diese Verordnung kann schwerlich anders ausgelegt werden als durch die Annahme, dass der ganze Außenhandel der Stadt von ihren Agenten getrieben wurde. ĂŒberdies haben wir direkte Zeugnisse dafĂŒr, dass dies in Nowgorod und Pskow der Fall gewesen ist. Es war das souverĂ€ne Nowgorod und das souverĂ€ne Pskow, die ihre Kaufmannskarawanen in ferne LĂ€nder schickten.

Wir wissen auch, dass in fast allen mittelalterlichen StĂ€dten Mittel- und Westeuropas die ZĂŒnfte als Körperschaft alle notwendigen Rohprodukte zu kaufen und die Erzeugnisse ihrer Arbeit durch ihre Angestellten verkaufen zu lassen pflegten, und es ist kaum möglich, dass dasselbe nicht auch im Außenhandel getan wurde – umso mehr, als es wohlbekannt ist, dass bis ins 13. Jahrhundert hinein nicht nur alle Kaufleute einer bestimmten Stadt außerhalb als kollektiv-verantwortlich fĂŒr Schulden betrachtet wurden, die einer von ihnen gemacht hatte, sondern dass ebenso gut auch die ganze Stadt fĂŒr die Schulden eines ihrer Kaufleute verantwortlich war. Erst im 12. und 13. Jahrhundert schlossen die StĂ€dte am Rhein besondere VertrĂ€ge, die diese Verantwortlichkeit abschafften. Und schließlich haben wir das bemerkenswerte Dokument von Ipswich, das Groß herausgegeben hat, aus dem wir erfahren, dass die Kaufmannsgilde dieser Stadt von allen gebildet wurde, die die Freiheit der Stadt hatten, und die an die Gilde ihren Beitrag leisten wollten (»ihre Hansa«), indem nĂ€mlich die ganze Gemeinde, alle miteinander, besprach, wie die Kaufmannsgilde besser zu erhalten sei, und ihr gewisse Privilegien gab. Die Kaufmannsgilde von Ipswich erscheint so eher als eine Körperschaft von Vertrauensleuten der Stadt als wie eine gemeinsame Privatgilde.

Kurz, je besser wir die mittelalterliche Stadt kennen lernen, umso mehr sehen wir, dass sie nicht bloß eine politische Organisation zum Schutz gewisser politischer Freiheiten war. Sie war ein Versuch, in viel großartigerem Maße als in der Dorfmark, einen engen Verband zu gegenseitiger Hilfe und Beistand zu organisieren, fĂŒr Konsum und Produktion und fĂŒr das gesamte soziale Leben, ohne den Menschen die Fesseln des Staates aufzulegen, sondern unter völliger Wahrung der Freiheit fĂŒr die Äußerungen des schöpferischen Geistes einer jeden besonderen Gruppe von Individuen in der Kunst, dem Handwerk, der Wissenschaft, dem Handel und der politischen Organisation. Inwiefern dieser Versuch erfolgreich gewesen ist, wird sich am besten zeigen, wenn wir im nĂ€chsten Kapitel die Organisation der Arbeit in der mittelalterlichen Stadt und die Beziehungen zu der bĂ€uerlichen Bevölkerung der Umgebung untersucht haben.

6. Gegenseitige Hilfe in der Stadt des Mittelalters (Fortsetzung)

Ähnlichkeit und Verschiedenheit unter den mittelalterlichen StĂ€dten. – Die Innungen: Staatsattribute bei jeder von ihnen. – Haltung der Stadt gegen die Bauern; Versuche, sie zu befreien. – Die Herren. – Durch die mittelalterliche Stadt erzielte Erfolge: in den KĂŒnsten, den Wissenschaften. – Ursachen des Verfalls.

Die mittelalterlichen StĂ€dte waren nicht nach einem wohlbedachten Plan getreu dem Willen eines außenstehenden Gesetzgebers organisiert. Jede von ihnen war ein natĂŒrliches GewĂ€chs im vollen Sinne des Wortes – ein immer wechselndes Ergebnis des Kampfes zwischen verschiedenen KrĂ€ften, die sich anpassten und umformten je nach ihren jeweiligen Energien, den ZufĂ€llen ihrer Konflikte und der UnterstĂŒtzung, die sie in ihrer Umgebung fanden. Daher gibt es keine zwei StĂ€dte, deren innere Organisation und deren Schicksale identisch wĂ€ren. Jede, wenn man sie besonders nimmt, bietet von Jahrhundert zu Jahrhundert ein anderes Bild. Und doch, wenn wir alle StĂ€dte Europas auf einmal ins Auge fassen, dann verschwinden die lokalen und nationalen Unterschiede, und wir sind erstaunt, zwischen ihnen allen eine wunderbare Ähnlichkeit zu finden, obschon jede sich besonders, unabhĂ€ngig von den anderen, und unter anderen Bedingungen entwickelt hat. Eine kleine Stadt im Norden Schottlands, mit ihrer Bevölkerung von schlichten Ackerbauern und Fischern; eine reiche Stadt in Flandern, mit ihrem Welthandel, ihrem Luxus, ihrer VergnĂŒgungssucht und lebhaftem Treiben; eine italienische Stadt, die durch ihren Orienthandel reich geworden ist und in ihren Mauern einen verfeinerten kĂŒnstlerischen Geschmack und hohe Kultur pflegt; und eine arme, vorwiegend ackerbauende Stadt im Moor- und Seendistrikt Russlands scheinen wenig gemein zu haben. Und trotzdem weisen die GrundzĂŒge ihrer Organisation und der Geist, der sie belebt, eine starke FamilienĂ€hnlichkeit aus. Allenthalben sehen wir dieselben BĂŒndnisse kleiner Gemeinden und Gilden, dieselben TochterstĂ€dte rings um die Mutterstadt, dieselbe Gemeindeversammlung mit denselben Abzeichen der UnabhĂ€ngigkeit. Der Schirmherr der Stadt reprĂ€sentiert unter verschiedenen Bezeichnungen und in verschiedenen Bekleidungen dieselbe AutoritĂ€t und dieselben Interessen; die Beschaffung der Lebensmittel, die Arbeit und der Handel sind in Ă€ußerst Ă€hnlicher Weise organisiert; innere und Ă€ußere KĂ€mpfe werden mit gleicher Heftigkeit ausgefochten; ja sogar die Formeln, die in den KĂ€mpfen und ebenso in den Chroniken, den Verordnungen und in den Dokumenten der Archive verwandt werden, sind dieselben; und die Bauwerke, ob im Stil gotisch, romanisch oder byzantinisch, drĂŒcken dieselben Ziele und dieselben Ideale aus; sie sind auf dieselbe Weise gedacht und gebaut. Viele UnĂ€hnlichkeiten sind bloße Zeitunterschiede, und solche Unstimmigkeiten zwischen SchwesterstĂ€dten, die Wirklichkeit sind, wiederholen sich in verschiedenen Teilen Europas. Die Einheit der leitenden Idee und die Gleichheit des Ursprungs ĂŒberwinden die Unterschiede des Klimas, der geographischen Lage, des Reichtums, der Sprache und Religion. Darum können wir von der Stadt des Mittelalters als von einer scharf bestimmten Zivilisationsstufe sprechen; und obwohl jede Forschung ĂŒber lokale und individuelle Verschiedenheiten sehr willkommen ist, können wir doch die Hauptlinien der Entwicklung, die allen StĂ€dten gleich sind, aufzeigen.

Es ist kein Zweifel, dass der Schutz, der den Marktflecken seit den ersten barbarischen Zeiten gewĂ€hrt zu werden pflegte, eine wichtige, wenn nicht ausschließliche Rolle in der Befreiung der mittelalterlichen Stadt gespielt hat. Die frĂŒhen Barbaren kannten keinen Handel innerhalb ihrer Dorfgemeinden; sie handelten mit Fremden nur an bestimmten festgesetzten PlĂ€tzen und an bestimmten festgesetzten Tagen. Damit nun der Fremde zu dem Tauschplatz ohne Gefahr, erschlagen zu werden, kommen könnte – vielleicht um irgendwelcher Fehde willen, die zwischen zwei StĂ€mmen schweben mochte – wurde der Markt immer unter den besonderen Schutz aller StĂ€mme gestellt. Er war unverletzlich wie die KultusstĂ€tte, in deren Schatten er abgehalten wurde. Bei den Kabylen ist er noch annaya, wie der Fußweg, auf dem die Frauen Wasser vom Brunnen holen; keiner von beiden darf mit Waffen betreten werden, auch nicht, wenn Krieg zwischen verschiedenen StĂ€mmen herrscht. Im Mittelalter genoss der Markt allenthalben denselben Schutz. Keine Fehde konnte auf dem Platz gefĂŒhrt werden, wo die Leute zum Handel zusammenkamen, und auch nicht innerhalb eines bestimmten Umkreises; und falls in der durcheinandergewĂŒrfelten Menge von KĂ€ufern und VerkĂ€ufern ein Streit entstand, musste er denen vorgetragen werden, unter deren Schutz der Markt stand – dem Gemeindetribunal oder dem Richter des Bischofs, des Lehnsherrn oder des Königs. Ein Fremder, der zum Handel treiben kam, war ein Gast, und er fĂŒhrte diesen Namen. Selbst der Adlige, der keine Bedenken hatte, einen Kaufmann auf der Landstraße auszuplĂŒndern, respektierte das Weichbild, das heißt den Pfahl, der auf dem Marktplatze stand und entweder das königliche Wappen oder einen Handschuh oder das Bild des Ortsheiligen oder einfach ein Kreuz trug, je nachdem der Markt unter dem Schutz des Königs, des Adligen, der Ortskirche oder der Volksversammlung – der Wyetsche – stand.

Es ist leicht zu verstehen, wie die eigene Gerichtsbarkeit der Stadt sich aus der besonderen Gerichtsbarkeit des Marktes entwickeln konnte, nachdem dieses letztere Recht, freiwillig oder nicht, der Stadt selbst zugestanden war. Und ein solcher Ursprung der stĂ€dtischen Freiheiten, der in sehr viel FĂ€llen nachgewiesen werden kann, gab notwendigerweise der darauffolgenden Entwicklung einen besonderen Charakter. Er gab dem handeltreibenden Teil der Gemeinde eine besondere Bedeutung. Die BĂŒrger, die zu der Zeit ein Haus in der Stadt besaßen und MiteigentĂŒmer an den stĂ€dtischen LĂ€ndereien waren, grĂŒndeten sehr oft eine Kaufmannsgilde, in deren HĂ€nden sich der Handel der Stadt befand; und obwohl ursprĂŒnglich jeder BĂŒrger, ob reich oder arm, Mitglied der Kaufmannsgilde sein konnte, und der Handel fĂŒr die ganze Stadt durch ihre BevollmĂ€chtigten gefĂŒhrt worden zu sein scheint, wurde die Gilde doch allmĂ€hlich eine Art privilegierte Körperschaft. Sie verhinderte eifersĂŒchtig die Außenstehenden, die bald in die großen StĂ€dte zu strömen begannen, in die Gilde einzutreten, und behielt die Vorteile, die sich aus dem Handel ergaben, den wenigen »Geschlechtern« vor, die zur Zeit der Befreiung BĂŒrger gewesen waren. Es bestand offenbar die Gefahr, dass sich eine Kaufmannsoligarchie herausbildete. Aber schon im zehnten und noch mehr wĂ€hrend der zwei nĂ€chsten Jahrhunderte waren die hauptsĂ€chlichsten Handwerke, die auch in Gilden organisiert waren, stark genug, den oligarchischen Bestrebungen der Kaufleute Widerstand zu leisten.

Die Handwerksgilde war damals ein gemeinsamer VerkĂ€ufer ihrer Produkte und ein gemeinsamer KĂ€ufer des Rohmaterials, und ihre Mitglieder waren Kaufleute und Handarbeiter zugleich. Daher verbĂŒrgte die große Rolle, die die alten Handwerksgilden gleich im Anfang der freien StĂ€dte spielten, der Handarbeit die angesehene Stellung, die sie spĂ€terhin in der Stadt einnahm. In der Tat war in einer mittelalterlichen Stadt die Handarbeit kein Zeichen der Minderwertigkeit; sie wies im Gegenteil dieselbe hohe SchĂ€tzung auf, die sie in der Dorfmark ausgezeichnet hatte. Die Handarbeit wurde als fromme Pflicht gegen die BĂŒrger betrachtet: ein öffentliches Amt, das so ehrenvoll war wie irgendein anderes. Die Idee der »Billigkeit« gegen die Gemeinschaft, gegen Produzenten und Konsumenten »recht und billig« zu handeln, die jetzt so außerordentlich erscheinen wĂŒrde, erfĂŒllte die Produktion und den Austausch. Die Arbeit des Gerbers, des KĂŒfers, des Schusters muss »gerecht« sein, wie sich‘s gehört, so schrieben sie in jenen Zeiten. Das Holz, das Leder, oder das Garn muss »richtig« sein; das Brot muss »gerecht« gebacken werden usw. Man ĂŒbertrage diese Sprache in unser gegenwĂ€rtiges Leben, und sie erschiene affektiert und unnatĂŒrlich; aber sie war damals natĂŒrlich und ungeziert, weil der Handwerker des Mittelalters nicht fĂŒr einen unbekannten KĂ€ufer produzierte und seine Erzeugnisse nicht auf einen unbekannten Markt warf. Er produzierte zunĂ€chst fĂŒr seine Gilde; fĂŒr seine BrĂŒderschaft von MĂ€nnern, die einander kannten und die die Technik ihrer Gewerbe kannten, die, wenn sie den Preis irgendeines Produktes nannten, die Geschicklichkeit wĂŒrdigen konnten, die bei seiner Herstellung aufgewandt wurde oder die Arbeit, die dabei geleistet wurde. Dann bot die Gilde, nicht der einzelne Produzent, die GĂŒter in der Gemeinschaft zum Verkauf aus, und diese letztere wiederum bot der BrĂŒderschaft verbĂŒndeter Gemeinden die Waren an, die exportiert wurden und ĂŒbernahm die Verantwortlichkeit fĂŒr ihre QualitĂ€t. Bei einer solchen Organisation war es der Ehrgeiz jedes Handwerks, keine Produkte von minderer QualitĂ€t zu liefern, und technische MĂ€ngel oder VerfĂ€lschungen wurden eine Sache, die die ganze Gemeinde anging, weil, so sagt eine Verordnung, »diese das öffentliche Vertrauen zerstören wĂŒrden«. Da also die Produktion eine soziale Pflicht war, die unter die Kontrolle der ganzen amitas gestellt war, konnte die Handarbeit, solange die freie Stadt am Leben war, nicht in die verĂ€chtliche Lage kommen, die sie jetzt einnimmt.

Ein Unterschied zwischen Meister und Lehrling, oder zwischen Meister und Geselle (compayne) bestand in den StĂ€dten des Mittelalters schon in ihren ersten AnfĂ€ngen, aber ursprĂŒnglich war dies ein bloßer Unterschied im Alter und im Können, nicht in der Macht und dem Vermögen. Nach einer Lehrzeit von sieben Jahren und nachdem er seine Kenntnisse und sein Können durch ein MeisterstĂŒck gezeigt hatte, wurde der Lehrling selbst zum Meister. Und erst viel spĂ€ter, im 16. Jahrhundert, nachdem die königliche Gewalt die Stadt und die Handwerkerorganisation zerstört hatte, wurde es möglich, lediglich kraft Erbschaft oder Vermögen Meister zu werden. Aber das war auch die Zeit allgemeinen Verfalls der Industrien und KĂŒnste des Mittelalters.

Es war in der ersten BlĂŒtezeit der mittelalterlichen StĂ€dte nicht viel Raum fĂŒr Lohnarbeit und noch viel weniger fĂŒr individuelle Lohnarbeiter. Die Arbeit der Weher, der Schmiede, der BĂ€cker usw. wurde fĂŒr die Zunft und die Stadt verrichtet; und wenn in den Baugewerken Handwerker angestellt wurden, dann schlossen sie sich wĂ€hrend der Zeit zu Körperschaften zusammen (wie sie es in den russischen Artels noch tun), deren Werk en bloc bezahlt wurde. Arbeit fĂŒr einen Meister fing erst in spĂ€terer Zeit an hĂ€ufiger zu werden; aber selbst in diesem Fall wurde der Arbeiter besser bezahlt, als es heute selbst in England der Fall ist; und viel besser, als es in ganz Europa wĂ€hrend der ersten HĂ€lfte des 19. Jahrhunderts der Fall war. Thorold Rogers hat englische Leser mit diesem Gedanken vertraut gemacht; aber das nĂ€mliche trifft auch auf dem Kontinent zu, wie in den Untersuchungen von Falke und Schönberg und in manchen gelegentlichen Mitteilungen gezeigt worden ist. Selbst im 15. Jahrhundert erhielt in Amiens ein Maurer, ein Zimmermann oder ein Schmied vier Sols den Tag, was 48 Pfund Brot oder dem achten Teil eines kleinen Ochsen (bouvard) entsprach. In Sachsen war der Gehalt des Gesellen im Baugewerbe so, dass er, wie Falke sagt, mit seinem Lohn von sechs Tagen drei Schafe und ein Paar Schuhe kaufen konnte. Die Schenkungen von Gesellen an MĂŒnster legen auch Zeugnis von ihrem verhĂ€ltnismĂ€ĂŸigen Wohlstand ab, nicht zu reden von den großartigen Spenden gewisser Innungen, die ja auch große Summen fĂŒr Festlichkeiten und AufzĂŒge ausgaben. In der Tat, je mehr wir von der Stadt des Mittelalters erfahren, umso mehr ĂŒberzeugen wir uns, dass zu keiner Zeit die Arbeit sich solchen Gedeihens und solchen Ansehens erfreute wie damals, wo das Stadtleben in seiner BlĂŒte war.

Mehr als das; nicht nur war vieles, was unsere modernen Radikalen erstreben, bereits im Mittelalter erfĂŒllt, sondern es war sogar vieles von dem, was jetzt als utopisch bezeichnet wird, damals tatsĂ€chliche Wirklichkeit. Wir werden verlacht, wenn wir sagen, dass die Arbeit zur Freude werden muss, aber – »jedermann muss an seiner Arbeit Freude haben«, sagt eine mittelalterliche Verordnung von Kuttenberg, »und niemand soll sich mit Nichtstun aneignen, was andere mit Fleiß und Arbeit geschaffen haben, weil die Gesetze den Fleiß und die Arbeit beschirmen mĂŒssen«. Und angesichts des jetzigen vielen Redens vom Achtstundentag mag es gut sein, an eine Verordnung Ferdinands I. bezĂŒglich der kaiserlichen Kohlengruben zu erinnern, die den Arbeitstag der Bergarbeiter auf acht Stunden festsetzte, »wie vor Alters herkommen«, und Arbeit am Sonnabendnachmittag war verboten. Überstunden waren sehr selten, berichtet uns Janssen, wĂ€hrend ArbeitsverkĂŒrzung oft vorkam. In England arbeiteten nach Rogers im 15. Jahrhundert die Arbeiter nur 48 Stunden in der Woche. Auch war der Halbfeiertag am Samstag, den wir (in England) als moderne Eroberung ansehen, in Wirklichkeit eine alte mittelalterliche Institution; er war der Badetag fĂŒr einen großen Teil der Gemeinde, wĂ€hrend der Mittwochnachmittag die Badezeit fĂŒr die Gesellen war. Es gab zwar kein SchulfrĂŒhstĂŒck – wahrscheinlich weil keine Kinder hungrig zur Schule kamen – aber eine Verteilung von Badegeld an die Kinder, deren Eltern es schwer fiel, es zu beschaffen, war an mehreren Orten ĂŒblich. Was die Arbeitskongresse angeht, so waren auch sie eine regelmĂ€ĂŸige Erscheinung des Mittelalters. In einzelnen Teilen Deutschlands kamen Handwerker desselben Gewerbes, die zu verschiedenen Gemeinden gehörten, gewöhnlich einmal im Jahr zusammen, um die Fragen, die ihr Gewerbe berĂŒhrten, die Dauer der Lehrlingszeit, die Wanderjahre, die Löhne usw., zu erörtern; und im Jahre 1572 erkannten die HansastĂ€dte formell das Recht der ZĂŒnfte an, zu periodischen Kongressen zusammenzutreten und beliebige BeschlĂŒsse zu fassen, solange sie nicht im Widerspruch zu den stĂ€dtischen Verordnungen ĂŒber die QualitĂ€t der Waren stĂŒnden. Solche Arbeitskongresse, die zum Teil international waren wie die Hansa selbst, wurden, wie wir wissen, von BĂ€ckern, Gießern, Schmieden, Gerbern, Schwertfegern und KĂŒfern abgehalten.

Die Handwerksorganisation erforderte natĂŒrlich eine genaue Überwachung der Handwerker durch die Zunft, und es wurden zu diesem Zweck immer besondere Beamte gewĂ€hlt. Aber es ist bemerkenswert, dass, solange die StĂ€dte ihr freies Leben fĂŒhrten, keine Klagen ĂŒber die Überwachung zu hören waren; wĂ€hrend, nachdem der Staat dafĂŒr eingetreten war, nachdem er das Eigentum der Gilden konfisziert und ihre UnabhĂ€ngigkeit zugunsten seiner eigenen BĂŒrokratie zerstört hatte, die Klagen einfach kein Ende nahmen. ĂŒberhaupt ist der ungeheure Fortschritt, der in allen KĂŒnsten und Handwerken unter dem mittelalterlichen Zunftsystem erreicht wurde, der beste Beweis, dass das System kein Hindernis fĂŒr individuelle Initiative war. Tatsache ist, dass die mittelalterliche Gilde, ebenso wie das Kirchspiel, die »Straße« oder das »Viertel« des Mittelalters nicht eine Körperschaft von BĂŒrgern war, die unter der Kontrolle von Staatsbeamten stand; sie war eine Vereinigung aller MĂ€nner, die durch ein bestimmtes Gewerbe verbunden waren: beauftragte KĂ€ufer von Rohprodukten, VerkĂ€ufer der hergestellten Waren, und Handwerker – Meister, Gesellen und Lehrlinge. FĂŒr die innere Organisation des Gewerbes war seine Versammlung souverĂ€n, solange die anderen Gilden nicht beeintrĂ€chtigt wurden; in diesem Fall wurde die Sache vor die Gilde der Gilden gebracht – die Stadt. Aber es gab in der Gilde noch etwas mehr als das. Sie hatte ihre eigene Gerichtsbarkeit, ihre eigene MilitĂ€rmacht, ihre eigenen allgemeinen Versammlungen, ihre eigene Tradition von KĂ€mpfen, Sieg und UnabhĂ€ngigkeit, ihre eigenen Beziehungen zu anderen Gilden desselben Gewerbes in anderen StĂ€dten: mit einem Wort, sie hatte ein vollstĂ€ndiges organisches Leben, das nur aus der uneingeschrĂ€nkten VollstĂ€ndigkeit ihrer Lebensfunktionen herrĂŒhren konnte. Wenn die Stadt zu den Waffen gerufen wurde, erschien die Gilde als besondere Truppe, die ihre eigenen Waffen trug (spĂ€terhin ihre eigenen Flinten, die von der Gilde entzĂŒckend mit Zieraten versehen waren) und von ihren eigenen selbst erwĂ€hlten Befehlshabern gefĂŒhrt wurde. Sie war mit einem Wort ein ebenso unabhĂ€ngiges Gebilde innerhalb der Föderation, wie es die Republik Uri oder Genf vor fĂŒnfzig Jahren in der Schweizer Eidgenossenschaft war. Daher ist eine Vergleichung mit einer modernen Arbeitergewerkschaft, die aller Attribute der StaatssouverĂ€nitĂ€t beraubt ist und nur noch ein paar Funktionen von untergeordneter Bedeutung hat, ebenso unrichtig, als wenn man Florenz oder BrĂŒgge mit einer französischen Gemeinde, die unter dem Code Napoleon vegetiert, vergleichen wollte, oder mit einer russischen Stadt, die unter das Munizipalgesetz Katharinas II. gestellt ist. Beide haben erwĂ€hlte BĂŒrgermeister, und die letztere hat auch ihre Handwerkskorporationen, aber der Unterschied ist – der ganze Unterschied, der zwischen Florenz und Fontenay-les-Oies oder Tsarevokokschaisk besteht, oder zwischen einem Dogen von Venedig und einem modernen Maire, der seinen Hut vor dem Schreiber des UnterprĂ€fekten zieht.

Die mittelalterlichen Gilden waren imstande, ihre UnabhĂ€ngigkeit zu wahren; und spĂ€terhin, besonders im 14. Jahrhundert, als infolge verschiedener UmstĂ€nde, die gleich aufgezeigt werden sollen, das alte Munizipalleben eine tiefgehende VerĂ€nderung erlitt, erwiesen sich die jĂŒngeren ZĂŒnfte stark genug, den ihnen gebĂŒhrenden Anteil an der Verwaltung der stĂ€dtischen Angelegenheiten zu erobern. Die Massen, die in »jĂŒngeren« ZĂŒnften organisiert waren, erhoben sich, um die Macht den HĂ€nden einer Oligarchie, die immer stĂ€rker wurde, zu entreißen, und hatten meistens Erfolg mit diesem Versuch; sie eröffneten eine neue Ära des Wohlstandes. Allerdings wurde der Aufstand in manchen StĂ€dten blutig unterdrĂŒckt, und es folgten Massenenthauptungen von Handwerkern, wie 1306 in Paris und 1371 in Köln. In solchen FĂ€llen kamen die Freiheiten der Stadt in raschen Verfall, und die Stadt kam allmĂ€hlich unter das Joch der Zentralgewalt. Aber die Mehrheit der StĂ€dte hatte genug Lebenskraft bewahrt, um aus den Unruhen mit neuem Leben und neugestĂ€rkt hervorzugehen. Eine neue Periode der VerjĂŒngung war ihnen zu danken. Neues Leben strömte zu, und es fand seinen Ausdruck in wundervollen Bauwerken, in einer neuen Periode des Wohlstandes, in einem raschen Fortschritt der Technik und Erfindungen, und in einer neuen Geistesbewegung, die zur Renaissance und Reformation fĂŒhrte.

Das Leben der mittelalterlichen StĂ€dte bestand aus unaufhörlichen harten KĂ€mpfen zur Eroberung und Wahrung der Freiheit. Allerdings war ein starker und zĂ€her Schlag BĂŒrger aus diesen wilden KĂ€mpfen hervorgegangen; allerdings war die Liebe zur Heimatstadt und ihre Heilighaltung in diesen Zeiten des Kampfes gewachsen, und die großartigen Werke, die die mittelalterlichen Kommunen vollbrachten, waren ein unmittelbares Ergebnis dieser Liebe. Aber die Opfer, die die Kommunen in dem Freiheitskampf zu bringen hatten, waren trotzdem grausam, und sie ließen auch in ihrem inneren Leben tiefe Spuren zurĂŒck. Sehr wenig StĂ€dten war es durch ein Zusammentreffen gĂŒnstiger UmstĂ€nde gelungen, die Freiheit auf einen Streich zu erlangen, und diese wenigen verloren sie meistens ebenso leicht; die große Zahl aber hatte fĂŒnfzig oder hundert Jahre hintereinander und oft lĂ€nger zu kĂ€mpfen, ehe ihre Rechte, frei zu leben, anerkannt waren, und weitere hundert Jahre, um ihre Freiheit auf festen Grund zu stellen – die Freibriefe des 12. Jahrhunderts sind demnach nur eine Stufe zur Freiheit. In Wirklichkeit war die Stadt des Mittelalters eine befestigte Oase inmitten eines Landes, das unter dem Feudaljoch lebte, und sie hatte sich mit Waffengewalt durchzusetzen. Infolge der im vorigen Kapitel kurz angedeuteten UmstĂ€nde war jede Markgenossenschaft allmĂ€hlich unter das Joch eines weltlichen oder geistlichen Lehnsherrn gekommen. Sein Haus war eine Burg geworden, und seine WaffenbrĂŒder waren nun die verwegenen Abenteurer, die immer bereit waren, die Bauern auszuplĂŒndern. Abgesehen von drei Tagen in der Woche, die die Bauern fĂŒr den Herrn zu arbeiten hatten, hatten sie auch alle Arten von erpressten Abgaben zu leisten fĂŒr das Recht, zu sĂ€en und zu ernten, lustig oder traurig zu sein, zu leben, zu heiraten und zu sterben. Und, was das schlimmste von allem war, sie wurden fortwĂ€hrend von den bewaffneten RĂ€ubern eines benachbarten Adligen ausgeplĂŒndert, denen es beliebte, sie als die Angehörigen ihres Herrn zu behandeln und an ihnen und ihrem Vieh und ihren Ernten die Rache fĂŒr eine Fehde zu nehmen, die er gegen ihren Herrn fĂŒhrte. Jede Wiese, jeder Acker, jeder Fluss und .52ĆŸ jede Straße in der Umgebung der Stadt stand unter der Herrschaft irgendeines Lehnsherrn.

Der hass der BĂŒrger gegen die Feudaladligen hat in dem Wortlaut der verschiedenen Freibriefe, zu deren Unterzeichnung sie sie zwangen, bezeichnenden Ausdruck gefunden. Heinrich V. ließen die BĂŒrger Speiers in ihrem Freibriefe von 1111 unterzeichnen, dass er die BĂŒrger »von dem scheußlichen und nichtswĂŒrdigen Gesetze« der toten Hand, »welches gemein Budel genannt wird«, durch das die Stadt in tiefste Armut gesunken sei, befreie (Kallsen, I. 307). Die coutume von Bayonne, ungefĂ€hr 1273 verfasst, enthielt unter anderem folgende Stellen: »Das Volk ist Ă€lter als die Herren. Das Volk, zahlreicher als alle anderen, war es, das aus Liebe zum Frieden die Herren gemacht hat, damit sie die MĂ€chtigen in Zaum und Unterwerfung halten« usw. (Giry, Etablissement de Rouen, I. 117, zitiert bei Luchaire, S. 24). Ein Freibrief, der König Robert zur Unterschrift vorgelegt wurde, ist ebenso charakteristisch. Man lĂ€sst ihn darin sagen: »Ich werde keine Ochsen oder andere Tiere rauben. Ich werde keine Kaufleute wegfangen, und ihnen kein Geld nehmen, und kein Lösegeld verlangen. Von MariĂ€ VerkĂŒndigung bis Allerheiligen werde ich auf den Wiesen keinen Hengst, keine Stute und kein FĂŒllen nehmen. Ich werde die MĂŒhlen nicht niederbrennen und das Mehl nicht wegnehmen […] Ich werde Dieben keinen Schutz gewĂ€hren« usw. (Pfister hat dieses Dokument veröffentlicht, das bei Luchaire wiederabgedruckt ist.) Der Freibrief, den Erzbischof Hugo von Besannon »gewĂ€hrte«, worin er gezwungen war, alles Missgeschick, das infolge seiner Rechte der toten Hand entstanden war, aufzuzĂ€hlen, ist ebenso bezeichnend usw.

Die Freiheit konnte in solcher Umgebung nicht erhalten bleiben, und die StĂ€dte waren genötigt, den Krieg außerhalb ihrer Mauern zu fĂŒhren. Die BĂŒrger sandten EmissĂ€re aus, um die Empörung in die Dörfer zu tragen; sie nahmen Dörfer in ihre Korporationen auf, und sie fĂŒhrten direkt Krieg gegen die Adligen. In Italien, wo das Land mit Ritterburgen besĂ€t war, nahm der Krieg heroische Formen an und wurde auf beiden Seiten mit bitterem hass gefĂŒhrt. Florenz fĂŒhrte 77 Jahre hintereinander eine Reihe blutiger Kriege, um ihren contado von den Adligen zu befreien; aber als die Eroberung vollendet war (1181), musste alles von Neuem beginnen. Die Adligen verbĂŒndeten sich miteinander; sie grĂŒndeten ihre eigenen BĂŒnde gegen die StĂ€dtebĂŒnde, und da sie entweder vom Kaiser oder vom Papst frische Hilfe bekamen, setzten sie den Krieg weitere 130 Jahre lang fort. dasselbe war der Fall in Rom, der Lombardei und in ganz Italien.

Wunder der Tapferkeit, KĂŒhnheit und HartnĂ€ckigkeit wurden in diesen Kriegen von den BĂŒrgern vollbracht. Aber die Bogen und Äxte der ZĂŒnfte und Gilden hatten in ihren ZusammenstĂ¶ĂŸen mit den gepanzerten Rittern nicht immer die Oberhand, und viele Burgen widerstanden den sinnreichen Belagerungsmaschinen und der zĂ€hen Ausdauer der StĂ€dte. Einigen StĂ€dten, wie Florenz, Bologna und vielen StĂ€dten in Frankreich, Deutschland und Böhmen glĂŒckte es, die benachbarten Dörfer zu befreien, und sie fanden den Lohn fĂŒr ihre MĂŒhen in einem außergewöhnlichen Wohlstand und Frieden. Aber selbst da und noch mehr in den weniger starken oder weniger impulsiven StĂ€dten verhandelten die Kaufleute und Handwerker, die vom Kriege erschöpft waren und ihre eigenen Interessen nicht verstanden, ĂŒber die Köpfe der Bauern hinweg. Sie zwangen den Lehnsherrn, der Stadt Treue zu schwören; seine Burg auf dem Lande wurde geschleift, und er willigte ein, in der Stadt ein Haus zu bauen und da zu wohnen; er wurde so ein MitbĂŒrger (com-bourgeois, concittadino), aber dafĂŒr behielt er die meisten seiner Rechte ĂŒber die Bauern, die nur eine teilweise Befreiung von ihren Lasten erlangten. Der BĂŒrger konnte nicht verstehen, dass dem Bauern gleiche BĂŒrgerrechte gewĂ€hrt werden könnten, auf dessen Lebensmittelzufuhren er angewiesen war, und eine tiefe Kluft zwischen Stadt und Dorf tat sich auf. In einigen FĂ€llen wechselten die Bauern lediglich die Besitzer, indem die Stadt die Rechte der Adligen aufkaufte und sie in Anteilen an ihre eigenen BĂŒrger verkaufte. Die Leibeigenschaft wurde aufrechterhalten, und erst viel spĂ€ter, gegen das Ende des 13. Jahrhunderts war es die Zunftrevolution, die es unternahm, ihr ein Ende zu machen, und die persönliche Knechtschaft abschaffte, dafĂŒr aber zugleich die Leibeigenen des Grundeigentums beraubte. Es braucht kaum hinzugefĂŒgt zu werden, dass die verhĂ€ngnisvollen Resultate solcher Politik bald von den StĂ€dten selbst gespĂŒrt wurden; das Land wurde der Feind der Stadt.

Der Krieg gegen die Burgen hatte eine andere schlimme Wirkung. Er verwickelte die StĂ€dte in eine lange Reihe gegenseitiger Kriege, die Anlass zu der bis vor kurzem unterstĂŒtzten Theorie gegeben haben, die StĂ€dte hĂ€tten ihre UnabhĂ€ngigkeit durch ihre eigene Eifersucht und gegenseitigen KĂ€mpfe verloren. Die Historiker der Kaiserpartei haben diese Theorie besonders unterstĂŒtzt, die jedoch jetzt durch neuere Forschungen sehr erschĂŒttert worden ist. Es ist sicher, dass in Italien viele StĂ€dte einander mit erbittertem hass befehdeten, aber nirgends sonst nahmen solche Streitigkeiten diesen Umfang an; und in Italien selbst hatten die Stadtkriege, besonders die der frĂŒheren Periode, ihre besonderen Ursachen. Sie waren (wie bereits von Sismondi und Ferrari gezeigt wurde) eine bloße Fortsetzung des Krieges gegen die Burgen – das freie Munizipal- und Föderativprinzip musste unvermeidlich in einen heftigen Kampf gegen Feudalismus, Kaisermacht und Papsttum eintreten. Viele StĂ€dte, die das Joch des Bischofs, des Lehnsherrn, des Kaisers nur teilweise abgeworfen hatten, wurden von den Adligen, dem Kaiser, der Kirche, deren Politik es war, die StĂ€dte zu trennen und gegeneinander zu bewaffnen, gegen die freien StĂ€dte in den Krieg getrieben. Diese besonderen UmstĂ€nde (die teilweise auch nach Deutschland hinĂŒberspielten) erklĂ€ren, warum die italienischen StĂ€dte, von denen einige beim Kaiser Hilfe zum Kampf gegen den Papst suchten, wĂ€hrend die anderen bei der Kirche UnterstĂŒtzung suchten, um dem Kaiser Widerstand zu leisten, bald in ein ghibellinisches und ein welfisches Lager geteilt waren, und warum diese Teilung auch innerhalb jeder Stadt zu finden war. Der ungeheure wirtschaftliche Fortschritt, den die meisten italienischen StĂ€dte gerade zu der Zeit aufwiesen, als diese Kriege am heißesten tobten, und die BĂŒndnisse, die so leicht zwischen StĂ€dten zustande kamen, sind fĂŒr diese KĂ€mpfe viel bezeichnender und erschĂŒttern die oben mitgeteilte Theorie vollends. Schon in den Jahren 1130–1150 traten mĂ€chtige BĂŒnde ins Leben; und ein paar Jahre spĂ€ter, als Friedrich Barbarossa in Italien einfiel und vom Adel und einigen zurĂŒckgebliebenen StĂ€dten unterstĂŒtzt, gegen Mailand marschierte, wurde der Enthusiasmus des Volkes in vielen StĂ€dten durch Volksredner aufgereizt. Crema, Piacenza, Brescia, Tortona usw. kamen zu Hilfe; die Banner der Gilden von Verona, Padua, Vicenza und Treviso flatterten nebeneinander im Lager der StĂ€dter gegen die Banner des Kaisers und des Adels. Im nĂ€chsten Jahr trat der lombardische StĂ€dtebund ins Leben und sechzig Jahre spĂ€ter sehen wir ihn durch viele andere StĂ€dte verstĂ€rkt und zu einer dauernden Institution geworden, die die HĂ€lfte ihrer Bundeskriegskasse in Genua und die andere HĂ€lfte in Venedig hatte. In Toscana war Florenz an der Spitze eines anderen mĂ€chtigen Bandes, zu dem Lucca, Bologna, Pistoia usw. gehörten, und der bei der Vernichtung der Adligen in Mittelitalien eine große Rolle spielte, und kleinere BĂŒnde gab es allenthalben. Es ist also sicher, dass zwar kleine EifersĂŒchteleien und Streitigkeiten unzweifelhaft bestanden und Zwietracht leicht zu sĂ€en war, dass aber die StĂ€dte dadurch nicht abgehalten wurden, sich zur gemeinsamen Verteidigung der Freiheit miteinander zu verbĂŒnden.

Erst spÀter, als einzelne StÀdte kleine Staaten geworden waren, brachen Kriege zwischen ihnen aus, wie es immer der Fall sein muss, wenn Staaten um die Vorherrschaft oder um Kolonien kÀmpfen.

Ähnliche BĂŒnde bildeten sich zum selben Zweck in Deutschland. Als unter den Nachfolgern Konrads das Land unendlichen Fehden zwischen den Adligen zum Opfer fiel, schlossen die westfĂ€lischen StĂ€dte einen Bund gegen die Ritter, der eine Klause! enthielt, wonach die StĂ€dte sich verpflichteten, niemals einem Ritter Geld zu leihen, der fortfĂŒhre, gestohlene Waren zu verstecken. Als »die Ritter und Adligen vom Raube lebten und mordeten, wen sie zu morden beliebten«, wie der Wormser Zorn klagt, traten; die rheinischen StĂ€dte (Mainz, Köln, Speier, Straßburg und Basel) zu einem Bunde zusammen, der bald sechzig verbĂŒndete StĂ€dte zĂ€hlte, die RĂ€uber im Zaume hielt und fĂŒr Frieden sorgte. SpĂ€terhin hatte der schwĂ€bische StĂ€dtebund, der in drei »Friedensbezirke« geteilt war (Augsburg, Konstanz und Ulm), denselben Zweck. Und selbst als diese BĂŒnde vernichtet waren, hatten sie lange genug gelebt, um zu zeigen, dass nicht die angeblichen FriedensgrĂŒnder – Könige, Kaiser und Kirche – die im Gegenteil die Zwietracht schĂŒrten und selbst gegen die Raubritter ohnmĂ€chtig waren – sondern die StĂ€dte die Initiative zur Wiederherstellung des Friedens und zur Einigung ergriffen hatten. Die StĂ€dte – nicht die Kaiser – waren in Wirklichkeit die BegrĂŒnder der nationalen Einheit.

Ähnliche Föderationen wurden zum selben Zweck von kleinen Dörfern gebildet und jetzt, wo die Aufmerksamkeit von Luchaire auf diesen Gegenstand gelenkt worden ist, könnten wir erwarten, bald mehr darĂŒber zu erfahren. Dörfer vereinigten sich im contado von Florenz, und ebenfalls in den zu Nowgorod und Pskow gehörigen Gebieten zu kleinen BĂŒnden. Was Frankreich angeht, so haben wir positive Nachrichten ĂŒber einen Bund von siebzehn Bauerndörfern, der im Laonnais fast hundert Jahrelang bestanden hat (bis 1256) und hart um seine UnabhĂ€ngigkeit gekĂ€mpft hat. Drei weitere Bauernrepubliken, die beschworene Verfassungen Ă€hnlich denen von Laon und Soissons hatten, bestanden in der Nachbarschaft von Laon, und da ihre Gebiete aneinandergrenzten, unterstĂŒtzten sie einander in ihren Freiheitskriegen. Alles in allem ist Luchaire der Meinung, dass viele solche BĂŒnde in Frankreich im 12. und 13. Jahrhundert ins Leben getreten sein mĂŒssen, dass aber die darauf bezĂŒglichen Dokumente meistens verloren gegangen sind. NatĂŒrlich konnten sie, da sie nicht von Mauern geschĂŒtzt waren, leicht von den Königen und Herren bezwungen werden; aber unter bestimmten gĂŒnstigen UmstĂ€nden, wenn sie Beistand von einem StĂ€dtebund erhielten und in ihren Burgen Schutz fanden, wurden solche Bauernrepubliken unabhĂ€ngige Mitglieder der Schweizer Eidgenossenschaft.

Die VerbĂ€nde zwischen StĂ€dten um friedlicher Zwecke willen waren ganz allgemein anzutreffen. Der Verkehr, der wĂ€hrend der BefreiungskĂ€mpfe eingefĂŒhrt worden war, wurde spĂ€ter nicht abgebrochen. Wenn manchmal die Scabini einer deutschen Stadt in einem neuen oder schwierigen Falle Recht zu sprechen hatten und erklĂ€rten, »des Urteils nicht weise zu sein«, schickten sie Boten in eine andere Stadt, um von dort den Spruch zu holen. dasselbe kam auch in Frankreich vor; und Forli und Ravenna sind dafĂŒr bekannt, dass sie ihre BĂŒrger gegenseitig naturalisierten und ihnen in beiden StĂ€dten volle Rechte bewilligten. Einen Streit, der zwischen zwei StĂ€dten oder innerhalb einer Stadt ausgebrochen war, einer anderen Kommune zu unterbreiten, die aufgefordert wurde, Schiedsrichter zu sein, entsprach ebenfalls dem Zeitgeist. HandelsvertrĂ€ge zwischen StĂ€dten waren ganz gewöhnlich. VerbĂ€nde zur Regelung der Produktion und der GrĂ¶ĂŸe von FĂ€ssern, die zum Weinhandel benutzt wurden, »Heringsvereine« usw. waren nur VorlĂ€ufer der großen HandelsbĂŒndnisse der VlĂ€mischen Hansa und spĂ€ter der großen Norddeutschen Hansa, deren Geschichte allein viele Seiten beanspruchen wĂŒrde, um den Genossenschaftsgeist anschaulich zu machen, der die Menschen jener Zeit erfĂŒllte. Es braucht kaum hinzugefĂŒgt zu werden, dass durch die HansabĂŒnde die StĂ€dte des Mittelalters mehr zum Aufschwung des internationalen Verkehrs, der Schifffahrt und der Entdeckungen beigetragen haben, als sĂ€mtliche Staaten der ersten siebzehn Jahrhunderte unserer Zeitrechnung.

Mit einem Wort, BĂŒndnisse zwischen kleinen Gebietseinheiten und BĂŒndnisse zwischen Menschen, die gemeinsame TĂ€tigkeit innerhalb ihrer Gilden geeinigt hatte, und BĂŒndnisse zwischen StĂ€dten und StĂ€dtegruppen bildeten den wahren Inhalt des Lebens und Denkens wĂ€hrend jener Periode. Das 11. bis 15. Jahrhundert kann so als ein ungeheurer Versuch beschrieben werden, die gegenseitige Hilfe in großem Umfang mit Hilfe der Prinzipien der Föderation und Genossenschaft durchzufĂŒhren, die durch alle Erscheinungen des Menschenlebens hindurch und in allen möglichen Abstufungen zur Geltung kamen. Dieser Versuch war in sehr hohem Maße von Erfolg begleitet. Er schloss Menschen zusammen, die vorher getrennt gewesen waren; er verschaffte ihnen bis zu hohem Grade Freiheit und er verzehnfachte ihre KrĂ€fte. In einer Zeit, wo der Partikularismus von so vielen Faktoren unterstĂŒtzt wurde, und die AnlĂ€sse zu Zwietracht und Eifersucht so zahlreich gewesen sein mögen, ist es ein erfreulicher Anblick, dass StĂ€dte, die ĂŒber einen so großen Kontinent zerstreut waren, so viel gemeinsam hatten und so bereit waren, sich zur Verfolgung so vieler gemeinsamer Ziele zu verbĂŒnden. Im Lauf der langen Zeit unterlagen sie mĂ€chtigen Feinden; da sie das Prinzip der gegenseitigen Hilfe nicht weit genug fassten, begingen sie selbst verhĂ€ngnisvolle Fehler; aber sie gingen nicht durch ihre eigene Eifersucht zugrunde, und ihre IrrtĂŒmer waren nicht ein Mangel an Genossenschaftsgeist in ihren Beziehungen untereinander. Die Erfolge dieser neuen VorwĂ€rtsbewegung, die die Menschheit machte, waren ungeheuer. Im Anfang des 11. Jahrhunderts waren die StĂ€dte Europas kleine Nester mit elenden HĂŒtten, die nur mit niedrigen plumpen Kirchen versehen waren, deren Erbauer kaum wussten, wie man einen Schwibbogen macht; die Handwerke, hauptsĂ€chlich etwas Weberei und das Schmiedehandwerk, standen in ihrer Kindheit; Bildung fand sich nur in ein paar Klöstern. 350 Jahre spĂ€ter war das Aussehen ganz Europas verĂ€ndert. Das Land war mit reichen StĂ€dten ĂŒbersĂ€t, die von gewaltigen dicken Mauern umschlossen waren, die durch TĂŒren und Tore verschönert waren, von denen jedes StĂŒck: ein Kunstwerk fĂŒr sich war. Die MĂŒnster, die in großem Stil entworfen und verschwenderisch geschmĂŒckt waren, hoben ihre GlockentĂŒrme gen Himmel und verrieten eine Reinheit der Form und eine KĂŒhnheit der Phantasie, die wir jetzt vergebens zu erreichen streben. Die Handwerke und KĂŒnste hatten sich zu einer Höhe der Vollendung erhoben, die ĂŒbertroffen zu haben wir uns nach verschiedenen Richtungen schwerlich rĂŒhmen können, wenn das erfindungsreiche Können des Arbeiters und die ĂŒberlegene Vollkommenheit seiner Arbeit mehr gilt als die Geschwindigkeit der Fabrikation. Die Flotten der freien StĂ€dte durchfurchten nach allen Richtungen das nördliche und das sĂŒdliche Mittelmeer; eine Anstrengung mehr, und sie fuhren quer ĂŒber den Ozean. In weiten LĂ€nderstrecken war der Wohlstand an Stelle des Elends getreten; die Bildung war in die Tiefe und Breite gegangen. Die Methoden der Wissenschaft waren ausgebildet worden; der Grund zur Naturwissenschaft war gelegt worden; und der Weg war geebnet fĂŒr alle die mechanischen Erfindungen, auf die unsere eigene Zeit so stolz ist. Das waren die zauberhaften Umwandlungen, die in weniger als 400 Jahren in Europa vor sich gegangen waren. Und der Verlust, den Europa durch den Untergang seiner freien StĂ€dte erlitt, kann nur verstanden werden, wenn wir das 17. Jahrhundert mit dem 14. oder 13. vergleichen. Der Wohlstand, der frĂŒher fĂŒr Schottland, Deutschland, die Ebenen Italiens bezeichnend war, war vorĂŒber. Die Straßen waren verwahrlost, die StĂ€dte waren entvölkert, die Arbeit war zur Sklaverei geworden, die Kunst war vernichtet, der Handel sogar war im Verfall.

Wenn die mittelalterlichen StĂ€dte uns keine geschriebenen Zeugnisse hinterlassen hĂ€tten, die von ihrem Glanze reden, wenn von ihnen nichts geblieben wĂ€re, als die BaudenkmĂ€ler, die wir jetzt in ganz Europa sehen, von Schottland bis Italien, und von Gerona in Spanien bis Breslau auf slavischem Gebiet, dann mĂŒssten wir doch zu dem Schlusse kommen, dass die Zeiten des unabhĂ€ngigen StĂ€dtelebens Zeiten der höchsten BlĂŒte des Menschengeistes waren seit dem Beginn der christlichen Zeitrechnung bis zum Ende des 18. Jahrhunderts hin. Wenn wir z. B. ein mittelalterliches GemĂ€lde betrachten, das NĂŒrnberg mit seinen Dutzenden von massigen oder himmelanstrebenden TĂŒrmen vorstellt, von denen jeder den Stempel freier, schöpferischen Kunst trug, dann können wir kaum begreifen, dass 300 Jahre frĂŒher die Stadt nur aus ein paar armseligen HĂŒtten bestand. Und unsere Bewunderung wĂ€chst, wenn wir uns in die architektonischen Einzelheiten all der zahllosen Kirchen, GlockentĂŒrme, Tore und RathĂ€user versenken, die ĂŒber ganz Europa bis nach Böhmen und die jetzt toten StĂ€dte des polnischen Galiziens zerstreut sind. Nicht nur Italien, die Mutter der Kunst, sondern ganz Europa ist voller solcher Monumente. Schon die Tatsache, dass von allen KĂŒnsten die Architektur – vor allem eine soziale Kunst – die höchste Vollendung erreicht hat, ist bezeichnend. Um zu sein, was sie gewesen ist, musste sie aus einem eminent sozialen Leben entspringen.

Die Architektur des Mittelalters stieg zu solcher Höhe – nicht nur, weil sie eine natĂŒrliche Weiterbildung des Handwerks war; nicht nur, weil jedes Bauwerk, jeder Bildschmuck von MĂ€nnern entworfen worden war, die aus der Erfahrung ihrer eigenen HĂ€nde wussten, was fĂŒr kĂŒnstlerische Wirkungen aus Stein, Eisen, Bronze oder auch nur aus einfachen Holzblöcken und Mörtel erreicht werden können; nicht nur, weil jedes Monument ein Erzeugnis gemeinsamer Erfahrung war, die in jedem geheimen Bund oder jeder Zunft aufgehĂ€uft war, sie war groß, wei1 sie aus einer großen Idee geboren war.

Wie die griechische Kunst entsprang sie aus der von der Stadt geförderten Idee der BrĂŒderlichkeit und der Einheit. Sie hatte eine KĂŒhnheit, die nur durch kĂŒhne KĂ€mpfe und Siege gewonnen werden konnte; sie hatte ihren Ausdruck von StĂ€rke, weil StĂ€rke all das Leben der Stadt erfĂŒllte. Ein MĂŒnster oder ein Rathaus war das Symbol der GrĂ¶ĂŸe eines Organismus, dessen Erbauer jeder Maurer und jeder Steinmetz war, und ein mittelalterliches Bauwerk erscheint – nicht wie eine einsame Leistung, wo tausend Sklaven ihren Teil leisteten, den ihnen die Phantasie eines Einzigen anwies – sondern die ganze Stadt trug dazu bei. Der Glockenturm stieg aus einem Bau zum Himmel empor, der an sich groß war und in dem das Leben der Stadt verkörpert war – nicht aus einem sinnlosen GerĂŒst, wie der Pariser Eisenturm, nicht aus einem lĂŒgenhaften Steinbau, der die HĂ€sslichkeit des Eisengestells verbergen soll, wie man es in London mit der TowerbrĂŒcke gemacht hat. Wie die Akropolis von Athen hatte die Kathedrale einer mittelalterlichen Stadt die Bestimmung, die GrĂ¶ĂŸe der siegreichen Stadt zu verherrlichen, ein Symbol fĂŒr die Einheit ihrer Handwerke zu sein, den Ruhm jedes BĂŒrgers in einer Stadt, die er selbst hatte schaffen helfen, zu kĂŒnden. Nach Vollendung ihrer Zunftrevolution begann die Stadt oft einen neuen Dom, um der neuen, breiteren, umfassenderen Einheit Ausdruck zu geben, die ins Leben gerufen worden war.

Die Mittel, die fĂŒr diese gewaltigen Unternehmungen vorhanden waren, waren unverhĂ€ltnismĂ€ĂŸig gering. Der Kölner Dom wurde mit einer Jahresausgabe von nur 500 Mark begonnen; eine Gabe von 100 Mark wurde als großartige Schenkung verzeichnet;240 und selbst als das Werk sich seiner Vollendung nĂ€herte, und die Gaben entsprechend einliefen, betrugen die jĂ€hrlichen Geldausgaben ungefĂ€hr 5000 Mark und gingen nie ĂŒber 14.000 Mark hinaus. Das MĂŒnster von Basel wurde mit gleich geringen Mitteln erbaut. Aber jede Korporation steuerte ihren Teil Steine, Arbeit und dekorative Kunst zu ihrem gemeinsamen Monument bei. Jede Gilde drĂŒckte darin ihre politischen Anschauungen aus, erzĂ€hlte in Stein oder Bronze die Geschichte der Stadt, verherrlichte die Prinzipien der »Freiheit, Gleichheit und BrĂŒderlichkeit«, rĂŒhmte die Bundesgenossen der Stadt und schickte ihre Feinde in die ewige Verdammnis. Und jede Gilde bezeigte ihre Liebe zu dem Denkmal der Gemeinde dadurch, dass sie es reich mit GlasgemĂ€lden, Bildern, »TĂŒren, die wĂŒrdig wĂ€ren, die TĂŒren zum Paradies zu sein«, wie Michelangelo sagte, oder Steinverzierungen im kleinsten Winkel des GebĂ€udes schmĂŒckten. Kleine StĂ€dte, selbst kleine Kirchspiele,243 nahmen es mit den großen StĂ€dten in diesen Werken auf, und die Kathedrale von Laon und St. Ouen stehen kaum hinter der von Rheims oder dem Rathaus von Bremen oder dem Glockenturm der BĂŒrgerversammlung von Breslau zurĂŒck. »Keine Werke sollen von der Gemeinde begonnen werden als solche, die entworfen sind im Einklang mit dem großen Herzen der Gemeinde, gebildet aus den Herzen aller BĂŒrger, vereinigt in einem gemeinsamen Willen« – das waren die Worte des Rates von Florenz; und dieser Geist tritt in allen kommunalen Werken zu gemeinem Nutzen zutage, wie den KanĂ€len, Terrassen, Weingarten und FruchtgĂ€rten in der Umgebung von Florenz, oder den BewĂ€sserungskanĂ€len, die die Ebenen der Lombardei durchschnitten, oder dem Hafen und der Wasserleitung von Genua oder in der Tat in allen Werken der Art, wie sie von fast jeder Stadt ausgefĂŒhrt wurden.

Alle KĂŒnste und Handwerke hatten sich in den mittelalterlichen StĂ€dten in dieser Weise entwickelt; die unserer eigenen Zeit sind nur eine Fortsetzung dessen, was damals erwachsen ist. Der Wohlstand der flĂ€mischen StĂ€dte grĂŒndete sich auf die feinen Wolltuche, die sie fabrizierten. Florenz fabrizierte im Anfang des 14. Jahrhunderts vor dem schwarzen Tod 70.000 bis 100.000 panni Wollstoffe, die auf 1.200.000 Goldgulden geschĂ€tzt wurden. Das Ziselieren kostbarer Metalle, die Kunst des Gießens, das Kunstschmiedehandwerk, waren Schöpfungen der mittelalterlichen Innungen, denen es gelungen war, auf ihrem eigenen Gebiet alles zu erreichen, was mit der Hand, ohne Anwendung mĂ€chtiger mechanischer Kraftmotoren, gemacht werden konnte. Mit der Hand und mit Erfinderkraft, denn, um Whewells Worte zu gebrauchen, »Pergament und Papier, Druckerei und Metallstichkunst, verbessertes Glas und Stahl, Schießpulver, Uhren, Fernrohre, Kompass, der reformierte Kalender, das Dezimalsystem; Algebra, Trigonometrie, Chemie, Kontrapunkt (eine Erfindung, die eine Neuschöpfung der Musik bedeutete), all das sind Erfindungen, die uns aus der Zeit ĂŒberkommen sind, die man so verĂ€chtlich die Periode der Stagnation genannt hat« (History of Inductive Sciences, I. 252).

Es ist wahr, wie Whewell sagt, dass in all diesen Entdeckungen kein neues Prinzip enthalten war; aber die mittelalterliche Wissenschaft hat etwas mehr getan, als die tatsĂ€chliche Entdeckung neuer Prinzipien. Sie hat die Entdeckung all der neuen Prinzipien vorbereitet, die wir gegenwĂ€rtig in den mechanischen Wissenschaften kennen: sie hat die Forscher daran gewöhnt, Tatsachen zu beobachten und aus ihnen SchlĂŒsse zu ziehen. Es war induktive Wissenschaft, obwohl sie freilich die Bedeutung und die Macht der Induktion noch nicht völlig erfasst hatte; und sie legte die Grundlagen zur Mechanik und zur allgemeinen Naturwissenschaft. Francis Bacon, Galilei und Kopernikus waren die direkten Abkömmlinge eines Roger Bacon und Michael Scot, wie die Dampfmaschine ein direktes Erzeugnis der auf den italienischen UniversitĂ€ten betriebenen Forschungen ĂŒber den Luftdruck und der mathematischen und technischen Studien war, die in NĂŒrnberg betrieben wurden.

Aber warum erst lange den Fortschritt von Wissenschaft und Kunst in der Stadt des Mittelalters beweisen wollen? Ist es nicht genug, fĂŒr das Kunstwerk auf die Dome und Kathedralen hinzuweisen und fĂŒr das geistige Leben auf die italienische Sprache und das Dichtwerk Dantes, um sofort den Maßstab fĂŒr das zu geben, was die Stadt des Mittelalters wĂ€hrend der vier Jahrhunderte, die sie lebte, geschaffen hat?

Die mittelalterlichen StĂ€dte haben ohne Zweifel der europĂ€ischen Zivilisation einen außerordentlichen Dienst erwiesen. Sie haben sie davor bewahrt, den Theokratien und despotischen Staaten der Vorzeit zu verfallen; sie haben ihr die Mannigfaltigkeit, das Selbstvertrauen, die Macht der Initiative und die ungeheuren geistigen und materiellen KrĂ€fte gegeben, die sie jetzt besitzt und die die beste BĂŒrgschaft sind, dass sie imstande ist, jedem neuen Vordringen des Orients zu widerstehen. Aber warum konnten diese Mittelpunkte der Kultur, die es unternahmen, so tiefgewurzelten BedĂŒrfnissen der menschlichen Natur zu entsprechen und die so voller Leben waren, nicht weiterleben? Warum wurden sie im 16. Jahrhundert von der AltersschwĂ€che ergriffen? und warum, nachdem sie so viele Angriffe von außen zurĂŒckgeworfen und an ihren inneren KĂ€mpfen nur neue Kraft gewonnen hatten, unterlagen sie schließlich den beiden?

Verschiedene Ursachen haben zu dieser Wirkung beigetragen, von denen einige in der fernen Vergangenheit wurzelten, wĂ€hrend andere aus den Fehlern entsprangen, die die StĂ€dte selbst begingen. Gegen das Ende des 15. Jahrhunderts traten bereits mĂ€chtige Staaten, die nach dem alten römischen Muster gebildet waren, ins Dasein. In jedem Land und jedem Landesteil war es einem Lehnsherrn, der verschlagener war, mehr SchĂ€tze gesammelt hatte und oft skrupelloser war, als seine Nachbarn, geglĂŒckt, sich grĂ¶ĂŸere persönliche BesitztĂŒmer anzueignen, mehr Bauern auf seinen LĂ€ndern zu haben, mehr Ritter in seinem Gefolge, mehr Gelder in seiner Kasse. Er hatte sich eine Gruppe gĂŒnstig gelegener Dörfer zum Sitz auserwĂ€hlt, die noch nicht zum freien Munizipalleben gelangt waren – Paris, Madrid oder Moskau – und mit Hilfe seiner Leibeigenen hatte er daraus befestigte königliche StĂ€dte gemacht, wohin er Kriegsgenossen durch freigebige Verschenkung von Dörfern, und Kaufleute durch den Schutz zog, den er dem Handel bot. So war der Keim zu einem kĂŒnftigen Staat gelegt, der allmĂ€hlich andere Ă€hnliche Zentren in sich aufnahm. Juristen, die des römischen Rechts kundig waren, zogen sich in solche Mittelpunkte; ein beharrlicher und hochmĂŒtiger Schlag Menschen ging aus diesen BĂŒrgern hervor, die in gleicher Weise den Übermut der Herren und was sie die Zuchtlosigkeit der Bauern nannten, hassten. Die Formen der Markgenossenschaft, von denen ihr Gesetzbuch nichts wusste, und die Prinzipien des Föderalismus waren ihnen als »barbarische« ErbstĂŒcke widerwĂ€rtig. Der CĂ€sarismus, gestĂŒtzt von der Fiktion der Zustimmung des Volkes und von Waffengewalt, war ihr Ideal, und sie traten leidenschaftlich fĂŒr die ein, die versprochen, es zu verwirklichen.

Die christliche Kirche, die sich einst gegen das römische Recht empört hatte und jetzt sein Bundesgenosse war, arbeitete in derselben Richtung. Nachdem der Versuch, das theokratische europĂ€ische Kaiserreich zu grĂŒnden, fehlgeschlagen war, leisteten die intelligenteren und ehrgeizigeren Bischöfe jetzt denen Beistand, von denen sie annahmen, dass sie die Macht der Könige von Israel oder der Kaiser von Konstantinopel wieder herstellen wĂŒrden. Die Kirche verlieh den emporkommenden Herrschern ihre MajestĂ€t, sie krönte sie als Stellvertreter Gottes auf Erden, sie stellte die Bildung und staatsmĂ€nnische Begabung ihrer Diener in ihre Dienste, ihren Segen und Bannstrahl, ihre ReichtĂŒmer und die Sympathien, die sie bei den Armen gefunden hatte. Die Bauern, die die StĂ€dter nicht hatten befreien können oder wollen, setzten nun, wo sie sahen, dass die BĂŒrger unfĂ€hig seien, den unendlichen Kriegen zwischen den Rittern ein Ende zu machen – die sie so teuer bezahlen mussten – ihre Hoffnungen auf den König, den Kaiser oder den GroßfĂŒrsten; und wĂ€hrend sie ihnen halfen, die mĂ€chtigen Feudalherren niederzuzwingen, halfen sie ihnen, den zentralisierten Staat zu grĂŒnden. Und schließlich wirkten die EinfĂ€lle der Mongolen und TĂŒrken, der heilige Krieg gegen die Mauren in Spanien und ebenso die furchtbaren Kriege, die bald zwischen den wachsenden SouverĂ€nitĂ€tsgebilden ausbrachen – zwischen Ile-deFrance und Burgund, Schottland und England, England und Frankreich, Litauen und Polen, Moskau und Twer usw. – auf dasselbe Ziel hin. MĂ€chtige Staaten traten ins Leben; und die StĂ€dte hatten jetzt nicht mehr bloß lose AdelsbĂŒnde zu Feinden, sondern festgefĂŒgte Gebilde, die Armeen von Leibeigenen zur VerfĂŒgung hatten.

Das schlimmste war, dass die wachsenden Autokratien in den Zwiespalten, die unter den StĂ€dten selbst entstanden waren, UnterstĂŒtzung fanden. Der Grundgedanke der mittelalterlichen Stadt war groß, aber er war nicht umfassend genug. Gegenseitige Hilfe kann nicht auf eine kleine Vereinigung beschrĂ€nkt bleiben; sie muss sich auf ihre Umgebung erstrecken, wenn nicht die Umgebungen die Vereinigung aufsaugen sollen. Und in dieser Hinsicht hatte der mittelalterliche StĂ€dter von Anbeginn an einen furchtbaren Fehler begangen. Anstatt die Bauern und Handwerker, die sich unter den Schutz ihrer Mauern begaben, als lauter HilfskrĂ€fte zu betrachten, die zum Ausbau der Stadt ihr Teil beitragen wĂŒrden – wie sie es tatsĂ€chlich taten – wurde eine scharfe Trennung zwischen den Geschlechtern der alten BĂŒrger und den Neugekommenen gemacht. Den ersteren waren alle Vorteile des Gemeindehandels und der GemeindelĂ€nder vorbehalten, und den letzteren war nur das Recht gelassen, die Geschicklichkeit ihrer eigenen HĂ€nde frei zu benutzen. Die Stadt wurde so in die »BĂŒrger« oder die »Gemeinde« und die »Einwohner« getrennt. Der Handel, der frĂŒher der Gemeinde gehört hatte, wurde jetzt das Privileg der Kaufmannsund Handwerksgeschlechter, und der nĂ€chste Schritt – individuell oder das Privileg von Ausbeutungsgesellschaften zu werden – war unvermeidlich.

Dieselbe Trennung trat zwischen der eigentlichen Stadt und den umgebenden Dörfern ein. Die Kommune hatte wohl versucht, die Bauern zu befreien, aber ihre Kriege gegen die Herren wurden, wie bereits erwĂ€hnt, zu Kriegen zur Befreiung der Stadt selbst von den Herren, aber kaum zur Befreiung der Bauern. Die Stadt ließ dem Adligen seine Rechte ĂŒber die Leibeigenen, unter der Bedingung, dass er die Stadt nicht mehr belĂ€stigte und Stadtgenosse wurde. Aber die Adligen, die so von der Stadt »aufgenommen« waren und innerhalb ihrer Mauern wohnten, fĂŒhrten einfach innerhalb des Stadtbereiches den alten Kampf fort. Es passte ihnen nicht, sich einem Gericht einfacher Handwerker und Kaufleute zu unterwerfen, und sie fochten ihre alten Fehden in den Straßen aus. Jede Stadt hatte jetzt ihre Colonnas und Orsinis, ihre Oberstolzen und Wisen. Da sie große Einnahmen aus den Besitzungen hatten, die ihnen noch geblieben waren, umgaben sie sich mit zahlreichen Klienten und feudalisierten die BrĂ€uche und Sitten der Stadt selbst. Und wenn sich unter den Handwerkerklassen der Stadt Unzufriedenheit bemerkbar machte, boten sie ihr Schwert und ihr Gefolge an, um die Differenzen in offener Schlacht zu erledigen, anstatt dass, wie in alten Zeiten, die Unzufriedenheit sich hĂ€tte einen Weg zur Abhilfe suchen können.

Der grĂ¶ĂŸte und verhĂ€ngnisvollste Irrtum der meisten StĂ€dte bestand darin, ihre Macht auf Handel und Industrie zu grĂŒnden und die Landwirtschaft zu vernachlĂ€ssigen. Sie wiederholten so den Irrtum, den einst die StĂ€dte des alten Griechenlands begangen hatten und sie kamen durch ihn zu denselben Verbrechen. Die Entfremdung zwischen vielen StĂ€dten und dem Land brachte die StĂ€dte zu einer den Bauern feindlichen Politik, die in den Zeiten Eduards III., den Jacqueries Frankreichs, den Hussitenkriegen und dem deutschen Bauernkrieg immer deutlicher hervortrat. Andererseits verwickelte sie ihre Handelspolitik in weitabfĂŒhrende Unternehmungen. Von den Italienern wurden im SĂŒdosten, von den deutschen StĂ€dten im Osten, von slawischen StĂ€dten im fernen Nordosten Kolonien gegrĂŒndet. Man fing an, fĂŒr Kolonialkriege Söldnerheere zu halten und bald auch fĂŒr die Verteidigung der Stadt selbst. Es wurden in solchem Maße Darlehen aufgenommen, dass die BĂŒrger völlig demoralisiert wurden; und die inneren Streitigkeiten wurden bei jeder Wahl schlimmer, bei der die Kolonialpolitik im Interesse weniger Geschlechter auf dem Spiele stand. Die Trennung in Reiche und Arme wurde tiefer, und im 16. Jahrhundert fand die königliche Gewalt in jeder Stadt willige Bundesgenossen unter den Armen.

Und es gibt noch einen weiteren Grund fĂŒr den Verfall der kommunalen Einrichtungen, der höher reicht und tiefer dringt als alle bisher angefĂŒhrten. Die Geschichte der mittelalterlichen StĂ€dte macht Ă€ußerst treffend die Macht der Ideen und Prinzipien ĂŒber die Schicksale des Menschengeschlechts anschaulich, sie zeigt, wie ganz entgegengesetzte Resultate erreicht werden, wenn eine tiefgehende Umwandlung der fĂŒhrenden Gedanken Platz gegriffen hat. Selbstvertrauen und Föderalismus, die SouverĂ€nitĂ€t jeder Gruppe und der Ausbau der politischen Körperschaft vom Einfachen zum Zusammengesetzten, das waren die Grundgedanken im 11. Jahrhundert. Den Römischrechtsgelehrten und den PrĂ€laten der Kirche, die seit den Zeiten Innocenz‘ III. eng verbunden waren, war es gelungen, die Idee – die alte griechische Idee – zu lĂ€hmen, die bei der GrĂŒndung der StĂ€dte gewaltet hatte. Zwei- oder dreihundert Jahre lang lehrten sie von der Kanzel, dem Katheder der UniversitĂ€t und dem Richterstuhl aus, dass das Heil in einem stark organisierten Staat, der unter einer halbgöttlichen Gewalt stehe, zu suchen sei;250 dass ein Mann der Lenker der Gesellschaft sein kann und muss, und dass er im Namen des öffentlichen Wohles jede Gewalttat begehen darf, MĂ€nner und Frauen auf dem Scheiterhaufen verbrennen, sie unter unbeschreiblichen Qualen zu Tode martern, ganze Provinzen in das entsetzlichste Elend stĂŒrzen. Auch versĂ€umten sie nicht, in dieser Hinsicht tatsĂ€chlichen Unterricht zu erteilen, und zwar in großem Maßstab und mit unerhörter Grausamkeit, soweit das Schwert des Königs und das Feuer der Kirche, oder beider zugleich, reichte.

Durch diese fortwĂ€hrend wiederholten und der öffentlichen Aufmerksamkeit aufgezwungenen Lehren und Beispiele nahm der Geist der BĂŒrger geradezu eine neue Gestalt an. Sie fingen an, keine autoritative Gewalt zu weitgehend, kein zu Tode martern zu grausam zu finden, sowie es sich um »das allgemeine Wohl« handelte. Und mit dieser neuen Richtung des Geistes und diesem neuen Glauben an die Macht eines Menschen schwand das alte föderalistische Prinzip dahin und der Schöpfergeist der Massen ging verloren. Die römische Idee war siegreich und unter solchen UmstĂ€nden fand der zentralisierte Staat in den StĂ€dten eine fertige Beute.

Das Florenz des 15. Jahrhunderts ist typisch fĂŒr diese Umwandlung. FrĂŒher war eine Resolution des Volkes das Signal zu einem neuen Aufschwung gewesen. Jetzt hatte das Volk, wenn es sich erhob, keine konstruktiven Ideen mehr; keine frische Idee entsprang der Bewegung. Man schickte in den Gemeinderat 1000 Vertreter statt 400; 100 MĂ€nner bildeten die Signoria statt 80. Aber eine Revolution der Zahlen konnte von keinem Wert sein. Die Unzufriedenheit des Volkes wuchs, und es folgten neue Empörungen. Man berief einen Retter – den »Tyrannen« -; er ließ die Empörer niedermetzeln, aber der Verfall des Gemeinwesens wurde schlimmer als je. Und als nach einer neuen Erhebung das Volk von Florenz seinen volkstĂŒmlichsten Mann, Gieronimo Savonarola, um Rat anging, da lautete die Antwort des Mönchs: »O, mein Volk, du weißt, ich kann mich nicht auf Staatsdinge einlassen … reinige deine Seele, und wenn du in solcher Verfassung des Geistes deine Stadt reformierst, dann, Volk von Florenz, wirst du die Reform in ganz Italien begonnen haben!« Karnevalmasken und lasterhafte BĂŒcher wurden verbrannt, ein FĂŒrsorgegesetz und eins gegen die Wucherer wurden beschlossen – und die Demokratie von Florenz blieb, wo sie war. Der alte Geist war weg. Sie hatten sich zu viel auf die Regierung verlassen und hatten dadurch aufgehört, sich auf sich selbst zu verlassen; sie waren unfĂ€hig zu neuem Beginn. Der Staat brauchte nur zu kommen, um ihre letzten Freiheiten zu zerstören.

Und doch ging die Strömung zu gegenseitiger Hilfe in den Massen nicht verloren, sie floss auch nach dieser Niederlage weiter. Sie erhob sich wieder mit ungeheurer Gewalt als Antwort auf die kommunistischen Aufrufe der ersten Propagandisten der Reformation, und sie existierte auch dann immer noch, nachdem die Massen, denen es nicht gelungen war, das Leben zu verwirklichen, das sie unter dem begeisternden Einfluss einer reformierten Religion zu schaffen gehofft hatten, unter die Herrschaft autokratischer Gewalt gefallen waren.

Sie fließt auch jetzt noch und geht ihren Weg auf der Suche nach einem neuen Gebilde, das nicht Staat und nicht mittelalterliche Stadt und nicht die Dorfmark der Barbaren und nicht der Clan der Wilden sein soll, aber doch aus diesen allen sich ergeben, ihnen jedoch ĂŒberlegen sein soll in seinem umfassenderen und tiefer menschlichen und tiefer menschlichen Gehalt.

7. Gegenseitige Hilfe in unserer Zeit

VolksaufstĂ€nde zu Beginn der Staatsperiode. – Institutionen zu gegenseitiger Hilfe in unserer Zeit. – Die Markgenossenschaft: ihr Widerstand gegen die Abschaffung von Seiten des Staates. – BrĂ€uche, die dem Leben der Dorfmark entspringen und in den Dörfern unserer Zeit erhalten geblieben sind. – Schweiz, Frankreich, Deutschland, Russland

Der Trieb des Menschen zu gegenseitiger Hilfe hat einen so uralten Ursprung und ist so tief mit der ganzen vergangenen Entwicklung der Menschenrasse verbunden, dass er von dem Menschengeschlecht bis in unsere Zeit trotz allen WechselfĂ€llen der Geschichte bewahrt worden ist. Er hat sich hauptsĂ€chlich in den Perioden des Friedens und Wohlstandes ausgebildet – aber selbst als die schlimmsten SchicksalsschlĂ€ge ĂŒber die Menschen gekommen waren – als ganze LĂ€nder von den Kriegen verwĂŒstet worden waren und ganze Bevölkerungen vom Elend dezimiert waren oder unter dem Joch der Tyrannei stöhnten – auch da lebte diese Tendenz in den Dörfern und unter den Ă€rmeren Klassen in den StĂ€dten weiter; sie hielt sie noch immer zusammen, und im Lauf der Zeit wirkte sie sogar auf die herrschenden, kĂ€mpfenden und zerstörenden Minderheiten zurĂŒck, die sie als sentimentalen Unsinn aufgegeben hatten. Und immer, wenn die Menschheit eine neue soziale Organisation auszuarbeiten hatte, die einer neuen Entwicklungsstufe sich anpassen sollte, nahm ihr konstruktiver Geist die Elemente und den großen Zug zu dem neuen Aufschwung aus dieser selben ewig lebendigen Tendenz. Neue ökonomische und soziale Einrichtungen, insofern sie eine Schöpfung der Massen waren, neue ethische Systeme und neue Religionen, sie sind alle von derselben Quelle ausgegangen, und der ethische Fortschritt unseres Geschlechtes erscheint im Großen und Ganzen betrachtet als die allmĂ€hliche Ausdehnung der Prinzipien gegenseitiger Hilfe vom Stamm aus zu immer umfassenderen Gebilden, so dass sie schließlich eines Tages die ganze Menschheit umfassen, ohne Unterschied der Glaubensbekenntnisse, Sprachen und Rassen.

Nachdem die EuropĂ€er durch den Stamm der Wilden und dann durch die Dorfmark hindurchgegangen waren, hatten sie in den Zeiten des Mittelalters eine neue Organisationsform ausgebildet, die den Vorteil bot, der individuellen Initiative weiten Spielraum zu lassen, wĂ€hrend sie doch gleichzeitig den BedĂŒrfnissen des Menschen nach gegenseitigem Beistand in hohem Maße GenĂŒge tat. Eine Föderation von Dorfmarken, die von einem Netzwerk von Gilden und BrĂŒderschaften durchzogen waren, trat in den StĂ€dten des Mittelalters ins Dasein. Die ungeheuren Fortschritte, die unter dieser neuen Form der Vereinigung erreicht wurden – im Wohlstand fĂŒr alle, in den Industrien, der Kunst, der Wissenschaft und dem Handel – sind in den beiden vorhergehenden Kapiteln einigermaßen ausfĂŒhrlich behandelt worden, und es ist auch der Versuch gemacht worden, zu zeigen, warum gegen das Ende des 15. Jahrhunderts die mittelalterlichen Republiken – von Gebieten umgeben, die feindlichen Feudalherren gehörten, unfĂ€hig, die Bauern aus der Leibeigenschaft zu befreien und allmĂ€hlich durch die Ideen des römischen CĂ€sarismus verderbt – dazu verurteilt waren, den wachsenden MilitĂ€rstaaten zum Opfer zu fallen.

Jedoch machten die Volksmassen, bevor sie sich fĂŒr die drei folgenden Jahrhunderte der alles verzehrenden autoritĂ€ren Gewalt des Staates unterwarfen, noch einen gewaltigen Versuch, die Gesellschaft auf der alten Grundlage der Gegenseitigkeit von neuem zu errichten. Es ist jetzt wohl bekannt, dass die große Reformationsbewegung nicht eine bloße Empörung gegen die MissbrĂ€uche der katholischen Kirche war. Sie hatte auch ihr konstruktives Ideal, und dieses Ideal war: Leben in freien, brĂŒderlichen Gemeinschaften. Die ersten Schriften und Reden aus dieser Periode, die den meisten Anklang bei den Massen fanden, waren von den Ideen der ökonomischen und sozialen BrĂŒderlichkeit der Menschen erfĂŒllt. Die zwölf Artikel und Ă€hnliche Glaubensbekenntnisse, die unter den deutschen und Schweizer Bauern und Handwerkern umliefen, betonten nicht nur das Recht jedes Menschen, die Bibel nach seiner eigenen Einsicht auszulegen, sondern schlossen auch die Forderung ein, dass der gemeinsame Landbesitz der Markgenossenschaften wieder hergestellt und die Feudallasten abgeschafft wĂŒrden, und sie wiesen immer auf den »wahren« Glauben hin – den Glauben der BrĂŒderschaft. Zur selben Zeit vereinigten sich Zehntausende von MĂ€nnern und Frauen zu den kommunistischen mĂ€hrischen BrĂŒderschaften, denen sie all ihr Vermögen gaben und in denen sie – in zahlreichen, wohlhabenden Niederlassungen – gemĂ€ĂŸ den Prinzipien des Kommunismus lebten. Nur MassenschlĂ€chtereien von Tausenden und Abertausenden konnten dieser weitverbreiteten Volksbewegung ein Ende machen, und durch Feuer und Schwert und Folter gewannen die jungen Staaten ihren ersten und entscheidenden Sieg ĂŒber die Volksmassen.

In den nĂ€chsten drei Jahrhunderten rotteten die Staaten systematisch alle Institutionen aus, in denen frĂŒher die Tendenz zu gegenseitiger Hilfe ihren Ausdruck gefunden hatte. Die Dorfgemeinden wurden ihrer Volksversammlung, ihrer Gerichtshöfe und unabhĂ€ngigen Verwaltung beraubt; ihre LĂ€nder wurden konfisziert. die Gilden wurden ihrer BesitztĂŒmer und Freiheiten beraubt, und unter die Kontrolle, die Laune und die Bestechlichkeit der StaatsbĂŒrokratie gebracht. Die StĂ€dte wurden ihrer SouverĂ€nitĂ€t entkleidet, und die Quellen ihres inneren Lebens – die Volksversammlungen, die erwĂ€hlten Richter, die erwĂ€hlte Verwaltung, das souverĂ€ne Kirchspiel und die souverĂ€ne Gilde – wurden vernichtet; der Staatsbeamte nahm Besitz von jedem Glied dessen, was frĂŒher ein organisches Ganzes gewesen war. Unter dieser mörderischen Politik und den Kriegen, die sie erzeugte, wurden ganze LĂ€nderstriche, die einst volkreich und wohlhabend gewesen, verödet; reiche StĂ€dte wurden

unbedeutende Flecken; selbst die Straßen, die sie mit anderen StĂ€dten verbanden, wurden ungangbar. Industrie, Kunst und Bildung verfielen. Die politische Erziehung, Wissenschaft und Recht wurden der Idee der Staatszentralisation dienstbar gemacht. Es wurde auf den UniversitĂ€ten und von der Kanzel herunter gelehrt, dass die Einrichtungen, in denen die Menschen frĂŒher ihre BedĂŒrfnisse gegenseitigen Beistandes verkörpert hatten, in einem wohlorganisierten Staate kĂŒnftig nicht geduldet werden könnten; dass der Staat allein die Verbindung unter seinen Untertanen zu reprĂ€sentieren habe, dass der Föderalismus und der »Partikularismus« die Feinde des Fortschrittes seien und dass der Staat der einzig richtige TrĂ€ger des Fortschritts sei. Am Ende des 18. Jahrhunderts stimmten die Könige des Kontinents, das englische Parlament und der Revolutionskonvent in Frankreich, obwohl sie miteinander im Kriege lagen, darin ĂŒberein, dass sie behaupteten, besondere BĂŒnde unter den BĂŒrgern dĂŒrften im Staate nicht existieren; Zuchthaus und Todesstrafe waren die einzig richtigen Strafen fĂŒr Arbeiter, die es wagten, »Koalitionen« zu bilden. »Kein Staat im Staate!« Der Staat allein und die Staatskirche dĂŒrfen sich um öffentliche Angelegenheiten kĂŒmmern, wĂ€hrend die Untertanen lose Haufen von Individuen vorstellen mĂŒssen, die keine besondere Verbindung untereinander haben und verpflichtet sind, sich jederzeit, wenn sie eine gemeinsame Not empfinden, an die Regierung zu wenden. Bis zur Mitte des 19. Jahrhunderts war dies Theorie und Praxis in Europa. Auf jede Gesellschaft zu Zwecken des Handels oder der Industrie blickte man argwöhnisch. Was die Arbeiter angeht, so wurden ihre Vereine fast noch zu unseren Lebzeiten in England und noch in den letzten zwanzig Jahren auf dem Kontinent als ungesetzlich betrachtet. Das ganze System unserer Staatserziehung war so, dass bis zur gegenwĂ€rtigen Zeit selbst in England ein betrĂ€chtlicher Teil der Gesellschaft die GewĂ€hrung solcher Rechte, wie sie fĂŒnfhundert Jahre frĂŒher jedermann, ob frei oder leibeigen, in der dörflichen Volksversammlung, der Gilde, dem Sprengel und der Stadt ausĂŒbte, als revolutionĂ€re Maßnahme behandeln wĂŒrde.

Die Usurpation aller sozialen Funktionen durch den Staat musste die Entwicklung eines ungezĂŒgelten, geistig beschrĂ€nkten Individualismus begĂŒnstigen. Je mehr die Verpflichtungen gegen den Staat sich hĂ€uften, umso mehr wurden offenbar die BĂŒrger ihrer Verpflichtungen gegeneinander entledigt. In der Gilde – und im Mittelalter gehörte jedermann zu einer Gilde oder BrĂŒderschaft – waren zwei »BrĂŒder« verpflichtet, abwechselnd bei einem Bruder zu wachen, der krank geworden war; jetzt war es genĂŒgend, seinem NĂ€chsten die Adresse des nĂ€chsten Armenspitales anzugeben. Wenn jemand in barbarischen Zeiten einem aus einem Zank hervorgegangenen Kampf zwischen zwei MĂ€nnern beiwohnte und einen ernsthaften Ausgang nicht verhĂŒtete, so wurde er selbst als Mörder behandelt; aber nach der Theorie vom alles beschĂŒtzenden Staat durfte der Unbeteiligte sich nicht einmischen; dazwischen zu treten oder nicht, ist das Amt des Polizisten. Und wĂ€hrend es in einem wilden Land, bei den Hottentotten, eine Schande wĂ€re, zu essen, ohne dreimal laut gerufen zu haben, ob nicht jemand da sei, der das Mahl zu teilen wĂŒnsche, besteht jetzt alles, was der achtbare BĂŒrger zu tun hat, darin, seine Armensteuer zu zahlen und den Verhungernden verhungern zu lassen. Das Resultat ist, dass die Theorie, die behauptet, die Menschen könnten und mĂŒssten ihr eigenes GlĂŒck suchen, ohne sich um die BedĂŒrfnisse anderer zu kĂŒmmern, jetzt allenthalben triumphiert – im Recht, in der Wissenschaft, in der Religion. Es ist die Religion des Tages, und an ihrer Geltung zu zweifeln, heißt ein gefĂ€hrlicher Utopist sein. Die Wissenschaft verkĂŒndet laut, dass der Kampf aller gegen alle das Grundprinzip der Natur und ebenso jeder menschlichen Gesellschaft sei. Diesem Kampf schreibt die Biologie die fortschreitende Entwicklung des Tierreiches zu. Die Geschichte argumentiert ebenso; und die Nationalökonomen fĂŒhren in ihrer naiven Ignoranz allen Fortschritt der modernen Industrie und des modernen Maschinenwesens auf die »wundervollen« Wirkungen eben dieses Prinzips zurĂŒck. Die eigentliche Religion der Kanzel ist eine Religion des Individualismus, der durch mehr oder weniger mitleidige Beziehungen zum NĂ€chsten, besonders am Sonntag, gemildert wird.

»Praktische« MĂ€nner und Theoretiker, MĂ€nner der Wissenschaft und religiöse Prediger, Juristen und Politiker, alle stimmen in einem Punkt ĂŒberein – dass der Individualismus in seinen schneidendsten Wirkungen durch WohltĂ€tigkeit mehr oder weniger gemildert werden kann, aber dass er die einzige sichere Grundlage fĂŒr die Erhaltung der Gesellschaft und ihren weiteren Fortschritt ist.

Es scheint daher hoffnungslos, nach Institutionen und BrÀuchen der Gegenseitigkeit in der modernen Gesellschaft Umschau zu halten.

Was soll von ihnen ĂŒbrig geblieben sein? Und doch, sowie wir uns vergewissern wollen, wie die Massen leben, und so wie wir ihre Alltagsbeziehungen zu erforschen beginnen, muss es uns auffallen, welch ungeheure Rolle die Gegenseitigkeit und die Hilfeleistung selbst heutzutage im Menschenleben spielen. Obwohl die Zerstörung der Gegenseitigkeitsinstitutionen in Praxis und Theorie volle dreihundert Jahre gewĂ€hrt hat, fahren Hunderte Millionen von Menschen fort, unter solchen Einrichtungen zu leben; sie bewahren sie pietĂ€tvoll und bemĂŒhen sich, sie wiederaufzubauen, wo sie verschwunden sind. In unseren gegenseitigen Beziehungen hat jeder unter uns seine Momente der Empörung gegen das modische individualistische Glaubensbekenntnis des Tages, und Handlungen, bei denen die Menschen durch ihre Neigungen zur Gegenseitigkeit bestimmt werden, bilden einen so großen Teil unseres tĂ€glichen Verkehrs, dass in dem Augenblick, wo diese Handlungen gehemmt werden könnten, damit auch jeder weitere ethische Fortschritt gehemmt wĂ€re. Die menschliche Gesellschaft könnte noch nicht einmal fĂŒr die Dauer einer einzigen Generation bestehen bleiben. Diese Tatsachen, die meistens von den Soziologen vernachlĂ€ssigt werden und die doch fĂŒr das Leben und die Weiterentwicklung des Menschengeschlechtes von der grĂ¶ĂŸten Bedeutung sind, sollen jetzt untersucht werden, wobei wir mit den stĂ€ndigen Einrichtungen zu gegenseitigem Beistand beginnen werden, um dann zu solchen Akten der gegenseitigen Hilfe ĂŒberzugehen, die ihren Ursprung in persönlichen oder sozialen Sympathien haben.

Wenn wir unsere Blicke ĂŒber die gegenwĂ€rtige Verfassung der europĂ€ischen Gesellschaft schweifen lassen, so ĂŒberrascht uns sofort die Tatsache, dass die dörfliche Markgenossenschaft, obwohl so viel geschehen ist, um sie abzuschaffen, doch noch immer in der Ausdehnung weiterbesteht, die wir gleich kennen lernen werden, und dass jetzt viele Versuche gemacht werden, entweder sie in einer oder der anderen Form wiederherzustellen oder einen Ersatz fĂŒr sie zu finden. Die allgemeine Meinung ĂŒber die Dorfmark ist, dass sie in Westeuropa eines natĂŒrlichen Todes gestorben sei, weil das Gemeineigentum an Grund und Boden nicht zu den modernen Anforderungen der Landwirtschaft gepasst habe. Aber die Wahrheit ist, dass die Dorfmark nirgends mit eigener Zustimmung der Markgenossen verschwunden ist, im Gegenteil kostete es ĂŒberall der herrschenden Klasse mehrere Jahrhunderte hartnĂ€ckiger und nicht immer erfolgreicher Anstrengungen, sie abzuschaffen und die GemeindelĂ€nder zu konfiszieren. In Frankreich begannen die Dorfgemeinden schon im 16. Jahrhundert ihrer UnabhĂ€ngigkeit und ihrer LĂ€nder beraubt zu werden. Jedoch erst im nĂ€chsten Jahrhundert, als die Masse der Bauern durch Erpressungen und Kriege in den Zustand der Knechtung und des Elends gebracht worden war, der von allen Geschichtsschreibern in lebhaften Farben geschildert wird, wurde die Konfiskation ihrer LĂ€nder leicht und nahm schĂ€ndliche Dimensionen an. »Jeder hat sie nach KrĂ€ften bestohlen … Erdichtete Schulden wurden eingetrieben, um ihnen ihr Land zu nehmen«, so lesen wir in einem von Ludwig XIV. 1667 erlassenen Edikt. NatĂŒrlich bestand das Heilmittel des Staates gegen solche Übel darin, die Gemeinden noch mehr unter die BotmĂ€ĂŸigkeit des Staates zu bringen und sie selbst auszurauben. In der Tat wurden zwei Jahre spĂ€ter alle Geldeinnahmen der Gemeinden vom König konfisziert. Und die Wegnahme der GemeindelĂ€nder wurde schlimmer und schlimmer, und im nĂ€chsten Jahrhundert hatten bereits der Adel und der Klerus ungeheure LĂ€ndergebiete an sich gerissen – nach zuverlĂ€ssigen SchĂ€tzungen die HĂ€lfte des kultivierten Landes – meistens um sie unbestellt liegen zu lassen. Aber die Bauern wahrten immer noch ihre Gemeindeeinrichtungen, und bis zum Jahre 1787 pflegten die Gemeindeversammlungen, die aus allen HaushaltsvorstĂ€nden gebildet waren, im Schatten des Kirchturmes oder eines Baumes zusammenzukommen, um das, was sie von ihren Feldern behalten hatten, den Einzelnen anzuweisen, die Abgaben festzusetzen, und ihre Exekutive zu wĂ€hlen, gerade wie es der russische Mir noch heutzutage tut. Diese Tatsachen haben Babeaus Forschungen erwiesen.

Die Regierung fand jedoch die Volksversammlungen »zu lĂ€rmend«, zu ungehorsam, und 1787 wurden an ihrer Stelle GemeinderĂ€te, die aus einem Maire und drei bis sechs Vertretern bestanden, die aus den reicheren Bauern ausgewĂ€hlt waren, eingefĂŒhrt. Zwei Jahre spĂ€ter bestĂ€tigte die revolutionĂ€re konstituierende Versammlung, die in diesem Punkte mit dem ancien regime einig war, dieses Gesetz vollstĂ€ndig (14. Dezember 1789), und der bourgeois du village kam nun an die Reihe, sich Gemeindeland anzueignen, welche Aneignung wĂ€hrend der ganzen Revolutionsperiode weiterging. Erst am 16. August 1792 beschloss die Assemblee Legislative, unter dem Druck der BauernaufstĂ€nde, die eingehegten LandstĂŒcke im Prinzip den Gemeinden zurĂŒckzugeben,256 aber sie verordnete gleichzeitig, dass sie ausschließlich unter die reicheren Bauern zu gleichen Teilen verteilt werden sollten – welche Maßregel neue AufstĂ€nde hervorrief und im nĂ€chsten Jahr, 1793, widerrufen wurde, als der Konvent beschloss, es sollten alle LĂ€ndereien, die die Grundherren usw. den Dorfgemeinden seit 1669 weggenommen hatten, den Bauern zurĂŒckgegeben werden, und zwar sollte das Gemeindeland, wenn es ein Drittel der Einwohner verlangte, unter alle Einwohner verteilt werden, gleichviel, ob sie reich oder arm, Aktiv- oder InaktivbĂŒrger waren.

Diese zwei Gesetze jedoch gingen so sehr gegen die Anschauungsweise der Bauern, dass sie nicht befolgt wurden, und ĂŒberall, wo die Bauern von einem Teil ihrer LĂ€nder wieder Besitz ergriffen hatten, behielten sie sie ungeteilt. Aber dann kamen die langen Kriegsjahre, und die GemeindelĂ€nder wurden einfach (1794) vom Staat als Unterpfand fĂŒr Staatsanleihen konfisziert, zum Verkauf gestellt und dergestalt geplĂŒndert, dann den Gemeinden zurĂŒckgegeben und (1813) wiederum konfisziert, und erst 1816 wurde, was von ihnen geblieben war, nĂ€mlich ĂŒber sechs Millionen Hektar des schlechtesten Bodens, den Dorfgemeinden zurĂŒckgegeben. Doch auch das war noch nicht das Ende der Leiden, die die Gemeinden auszuhalten hatten. Jedes neue Regime sah in den GemeindelĂ€ndern ein Mittel, seine ParteigĂ€nger zu belohnen, und drei Gesetze (das erste 1837 und das letzte unter Napoleon III.) wurden eingebracht, um die Dorfgemeinden dazu zu bringen, ihre LĂ€ndereien zu teilen. Dreimal mussten diese Gesetze infolge des Widerstandes, den ihnen die Gemeinden entgegensetzten, widerrufen werden, aber etwas wurde jedes Mal erreicht, und Napoleon III. sprach unter dem Vorwand, vervollkommnete landwirtschaftliche Methoden zu unterstĂŒtzen, einigen seiner GĂŒnstlinge große GĂŒter aus den GemeindelĂ€ndern zu. Was konnte von der SelbstĂ€ndigkeit der Dorfgemeinden nach so vielen SchlĂ€gen erhalten geblieben sein? Der Maire und die Beisitzer wurden lediglich als unbezahlte Beamte der Staatsmaschinerie betrachtet. Selbst jetzt, in der dritten Republik, kann in einer Dorfgemeinde kaum etwas getan werden, ohne dass der riesenhafte Staatsmechanismus bis zum PrĂ€fekten und den Ministerien hinaus in Bewegung gesetzt wird. Es ist kaum zu glauben und ist doch wahr, dass, wenn zum Beispiel ein Bauer die Absicht hat, seinen Anteil an der Ausbesserung eines Gemeindeweges in Geld zu zahlen, anstatt selbst die nötige Menge Steine zu brechen, dass nicht weniger als zwölf verschiedene Staatsbeamte ihre Zustimmung geben mĂŒssen und zusammen zweiundfĂŒnfzig VerfĂŒgungen von ihnen getroffen und unter ihnen ausgetauscht werden mĂŒssen, ehe es dem Bauer gestattet ist, das Geld dem Gemeinderat zu zahlen. Alles andere trĂ€gt denselben Charakter.

Was in Frankreich vor sich ging, ereignete sich ĂŒberall in West- und Mitteleuropa. Selbst die Hauptmomente der großen Angriffe auf die LĂ€ndereien der Bauern sind dieselben. FĂŒr England ist der einzige Unterschied, dass die Beraubung nicht durch allgemeine durchgreifende Maßnahmen, sondern durch getrennte Akte ausgefĂŒhrt wurde – weniger schnell, aber grĂŒndlicher als in Frankreich. Die Konfiskation der GemeindelĂ€ndereien durch die Herren begann ebenfalls im 15. Jahrhundert, nach der Niederlage des Bauernaufstandes von 1380 – wie aus Rossus‘ Historia und aus einem Statut Heinrichs VII. zu ersehen ist, in dem diese Konfiskation als »enormitees and myschefes as be hurtfull … to the common well« (als Freveltaten und unheilvoll und schweren Schaden fĂŒr das Gemeinwohl) bezeichnet werden. SpĂ€ter wurde bekanntlich die große Enquete unter Heinrich VII. begonnen, um der Einhegung der GemeindelĂ€nder ein Ende zu setzen; aber sie endete mit einer Sanktionierung dessen, was geschehen war. 260 Die GemeindelĂ€nder wurden fortgesetzt geplĂŒndert und die Bauern wurden vom Lande getrieben. Aber besonders seit der Mitte des 18. Jahrhunderts war es in England wie anderswo zu einer systematischen Politik geworden, einfach alle Spuren des Gemeineigentums auszurotten; und das Wunder ist nicht, dass es verschwunden ist, sondern dass es selbst in England soweit erhalten bleiben konnte, dass es »noch zur Zeit der GroßvĂ€ter unserer Generation allgemein herrschte«. Das eigentliche Ziel der Enclosure Acts (der EinhegungsverfĂŒgungen) war, wie Seebohm gezeigt hat, das Gemeineigentum abzuschaffen,262 und es wurde durch die nahezu viertausend Acts, die zwischen 1760 und 1844 ergingen, so gut entfernt, dass heute nur schwache Spuren davon zu finden sind. Das Land der Dorfgemeinden wurde von den· Lords genommen, und die Aneignung wurde in jedem einzelnen Fall vom Parlament sanktioniert.

In Deutschland, Österreich, Belgien wurde die alte Dorfmark ebenfalls vorn Staat zerstört. Beispiele von GemeineigentĂŒmern, die ihre LĂ€nder selbst unter sich teilten, sind selten,264 wĂ€hrend allenthalben der Staat sie zwang, die Teilung vorzunehmen, oder einfach die private Aneignung ihrer LĂ€ndereien begĂŒnstigte. Der letzte Schlag gegen das Gemeineigentum in Mitteleuropa datiert ebenfalls aus der Mitte des 18. Jahrhunderts. In Österreich wurde 1768 von der Regierung nackte Gewalt angewandt, um die Gemeinden zu zwingen, ihre LĂ€nder zu teilen – und zwei Jahre spĂ€ter wurde zu diesem Zwecke eine besondere Kommission ernannt. In Preußen befahl Friedrich II. in verschiedenen VerfĂŒgungen (1752, 1763, 1765 und 1769) den Justizkollegien, die Teilung durchzusetzen. In Schlesien wurde zu diesem Zwecke 1771 ein besonderer Befehl erlassen. dasselbe war in Belgien der Fall, und als die Gemeinden nicht gehorchten, wurde 1847 ein Gesetz erlassen, das die Regierung ermĂ€chtigte, Gemeindewiesen aufzukaufen, um sie einzeln wieder zu verkaufen, und einen Zwangsverkauf des Gemeindelandes zu veranstalten, wenn ein KĂ€ufer dafĂŒr da war.

Kurz, davon zu sprechen, die Dorfmarken seien auf Grundwirtschaftlicher Gesetze eines natĂŒrlichen Todes gestorben, ist ein ebenso bitterer Scherz, wie wenn man von dem natĂŒrlichen Tod von Soldaten sprechen wollte, die auf dem Schlachtfeld geblieben sind. Die Tatsache war einfach die: die dörflichen Markgenossenschaften hatten ĂŒber tausend Jahre lang gelebt; und immer und ĂŒberall, wo die Bauern nicht durch Kriege und Erpressungen zugrunde gerichtet worden waren, verbesserten sie stetig die Kulturmethoden. Aber als der Bodenwert infolge des Wachstums der Industrien stieg und der Adel unter der Staatsorganisation eine Macht erlangt hatte, die er unter dem Feudalsystem nie gehabt hatte, nahm er die besten Teile der GemeindelĂ€ndereien in Besitz und tat sein Bestes, die Gemeindeinstitutionen zu zerstören.

Indessen entsprechen die Einrichtungen der Dorfmark so sehr den BedĂŒrfnissen und dem Anschauungskreis der landwirtschaftlichen Bevölkerung, dass trotz alledem Europa bis zum heutigen Tag von lebendigen Überresten der Dorfmark erfĂŒllt ist und das europĂ€ische Landleben voller BrĂ€uche und Gewohnheiten ist, die aus der Periode der Markgenossenschaft stammen. Selbst in England herrschten sie trotz aller drastischen Maßnahmen, die gegen den alten Stand der Dinge ergriffen wurden, noch im Anfang des 19. Jahrhunderts. Mr. Gomme – einer der sehr wenigen englischen Gelehrten, die dem Gegenstand Aufmerksamkeit geschenkt haben – zeigt in seinem Buch, dass viele Spuren des Gemeineigentums am Grund und Boden in Schottland gefunden werden, wo das »runrig«-System des Grundbesitzes in Forfarshire bis l813 erhalten blieb, wĂ€hrend es in manchen Dörfern von Inverneß bis 1801 Brauch war, das Land, ohne irgendwelche Besitzgrenzen zu lassen, fĂŒr die ganze Gemeinde zu pflĂŒgen und es nach dem PflĂŒgen in Losen zu verteilen. In Kilmorie war das Auslosen der Felder bis zu den letzten fĂŒnfundzwanzig Jahren in voller Kraft und die Crofters‘ Commission (Kommission zur Untersuchung der Lage der kleinen PĂ€chter) fand es auf manchen Inseln noch in voller Kraft. In Irland herrschte das System bis zur großen Hungersnot; und fĂŒr England lassen Marshalls Arbeiten, die unbemerkt blieben, bis Nasse und Sir Henry Maine die Aufmerksamkeit darauf lenkten, keinen Zweifel, dass das System der Dorfmark am Anfang des 19. Jahrhunderts in fast allen englischen Grafschaften weit verbreitet gewesen ist. Noch vor zwanzig Jahren war Sir Henry Maine »Àußerst ĂŒberrascht ĂŒber die Zahl der Beispiele fĂŒr ungewöhnliche Eigentumsrechte, die notwendigerweise das frĂŒhere Vorhandensein von Gesamteigentum und gemeinsamer Bestellung in sich schlossen«, die ein verhĂ€ltnismĂ€ĂŸig kurzes Nachforschen zu seiner Kenntnis brachte. Und da die Gemeindeeinrichtungen also bis in die jĂŒngste Zeit hinein sich erhalten haben, wĂŒrde ohne Zweifel eine große Zahl GegenseitigkeitsbrĂ€uche und Sitten in englischen Dörfern entdeckt werden, wenn die Schriftsteller Englands nur auf das Dorfleben achten wollten.

Was den Kontinent angeht, so finden wir die kommunalen Institutionen in vielen Teilen Frankreichs, der Schweiz, Deutschlands, der skandinavischen LĂ€nder und Spaniens völlig lebendig, nicht zu reden von Osteuropa; das Dorfleben in diesen LĂ€ndern ist mit kommunalen BrĂ€uchen und Sitten durchdrungen; und fast in jedem Jahr bereichert sich die Literatur des Kontinents um ernsthafte BĂŒcher, die sich mit diesem und verwandten GegenstĂ€nden beschĂ€ftigen. Ich muss daher meine Belege auf die typischsten Beispiele beschrĂ€nken. Die Schweiz ist ohne Zweifel ein solches. Nicht nur die fĂŒnf Republiken Uri, Schwyz, Appenzell, Glarus und Unterwalden halten betrĂ€chtliche Teile ihrer LĂ€nder als ungeteilte Besitzungen und werden von ihren Volksversammlungen regiert, sondern auch in allen anderen Kantonen sind die Dorfgemeinden im Besitz einer ausgedehnten Selbstverwaltung geblieben und besitzen große Teile des Bundesgebietes. 270 Zwei Drittel aller Alpenwiesen und zwei Drittel aller WĂ€lder in der Schweiz sind bis zum heutigen Tag Gemeindeland; und eine betrĂ€chtliche Zahl Felder, ObstgĂ€rten, Weinberge, Torfmoore, SteinbrĂŒche usw. sind Gemeineigentum. Im Waadtland, wo noch immer alle FamilienvĂ€ter an den Beratungen ihrer gewĂ€hlten GemeinderĂ€te teilnehmen dĂŒrfen, ist der Gemeindegeist besonders lebendig. Gegen Ende des Winters begeben sich alle jungen MĂ€nner einiger Dörfer fĂŒr ein paar Tage in die WĂ€lder, um Bauholz zu fĂ€llen und mit ihm ĂŒber die steilen AbhĂ€nge hinunterzurutschen, und dann wird das Bauholz und das Brennholz unter alle Haushaltungen verteilt oder zu ihrem Nutzen verkauft. Diese AusflĂŒge sind richtige Feste der MĂ€nnerarbeit. An den Ufern des Genfer Sees wird noch ein Teil der Arbeit, die zum Instandhalten der Weinbergsterrassen erforderlich ist, gemeinsam getan; und im FrĂŒhling, wenn das Thermometer vor Sonnenaufgang unter null zu fallen droht, weckt der NachtwĂ€chter alle HausvĂ€ter auf, die Stroh und Dung zusammenhĂ€ufen und Feuer machen, und so die Reben durch eine kĂŒnstliche Wolke vor Frost zu bewahren. In fast allen Kantonen besitzen die Dorfgemeinden den sogenannten BĂŒrgernutzen – d. h. sie halten eine Anzahl KĂŒhe zusammen, um jede Familie mit Butter zu versorgen; oder sie halten gemeinsame Felder oder Weinberge, deren ErtrĂ€ge unter den BĂŒrgern verteilt werden; oder sie verpachten ihr Land zum Nutzen der Gemeinde.

Es kann als Regel gelten, dass die Gemeinden da, wo sie ein weites TĂ€tigkeitsfeld behalten haben, so dass sie lebendige Glieder des Volkskörpers sind, und wo sie nicht in pures Elend verfallen sind, immer ihre LĂ€ndereien in guter Pflege halten. Dementsprechend stehen die Gemeindebesitzungen der Schweiz in einem auffallenden Gegensatz zu dem elenden Zustand der Gemeindeweiden in England. Die GemeindewĂ€lder in Waadtland und Wallis sind vortrefflich gehalten, im Einklang mit den Regeln moderner Forstwirtschaft. Anderswo sind die Streifen der Gemeindefelder, die unter dem System der Auslosung die EigentĂŒmer wechseln, sehr gut gedĂŒngt, besonders wo es nicht an Wiesen und Vieh fehlt. Die vorzĂŒglichen Wiesen sind in der Regel gut gehalten, und die lĂ€ndlichen Wege sind vorzĂŒglich. Und wenn wir das Schweizer chalet, die Bergstraße, das Bauernvieh, die Terrassen der Weinberge oder das Schulhaus der Schweiz bewundern, mĂŒssen wir im Sinn behalten, dass das Bauholz fĂŒr das chalet sehr oft aus den GemeindelĂ€ndern genommen wurde, und die Steine aus den GemeindesteinbrĂŒchen, dass die KĂŒhe auf den Gemeindewiesen gehalten werden, und die Straßen und das Schulhaus mit gemeinsamer Arbeit gebaut worden sind. NatĂŒrlich hat in der Schweiz wie ĂŒberall die Gemeinde außerordentlich viele ihrer Befugnisse verloren, und die »Korporation«, die auf eine kleine Zahl Familien beschrĂ€nkt ist, ist an die Stelle der ehemaligen Dorfkommune getreten. Jedoch was geblieben ist, ist nach der Meinung derer, die die Sache erforscht haben, voller Lebenskraft.

Es braucht kaum gesagt zu werden, dass eine große Zahl GegenseitigkeitsbrĂ€uche und Sitten noch in der Schweiz bestehen. Die Abendversammlungen zum NĂŒsseschĂ€len, die abwechselnd in jedem Haushalt stattfinden, die Abendgesellschaften, um die Aussteuer einer Braut zu nĂ€hen, die Berufung von HilfskrĂ€ften, um ein Haus zu bauen oder die Ernte einzubringen oder fĂŒr sonst irgendeine Arbeit, die ein Mitglied der Gemeinde verlangen kann, die Gewohnheit, Kinder unter verschiedenen Kantonen auszutauschen, damit sie zwei Sprachen, französisch und deutsch, lernen usw. – all das ist weitverbreitete Sitte;273 und andererseits werden verschiedene moderne Erfordernisse im selben Geiste erledigt. So sind in Glarus wĂ€hrend eines Notstandes die meisten Alpenwiesen verkauft worden; aber die Gemeinden kaufen noch immer FeldlĂ€ndereien, und nachdem die neugekauften Felder zehn, zwanzig oder dreißig Jahre einzelnen Gemeindeangehörigen in Besitz gegeben worden sind, kehren sie in den Gemeinbesitz zurĂŒck, der dann den BedĂŒrfnissen aller entsprechend wieder verteilt wird. Eine große Zahl kleiner Vereinigungen bilden sich, um einige LebensbedĂŒrfnisse – Brot, KĂ€se und Wein – in gemeinsamer Arbeit herzustellen, wenn auch nur in kleinen Mengen, und landwirtschaftliche Genossenschaften breiten sich ĂŒberhaupt in der Schweiz mit grĂ¶ĂŸter Leichtigkeit aus. Vereinigungen zwischen zehn bis dreißig Bauern, die Wiesen und Felder gemeinsam kaufen und sie als gemeinsame Besitzer bewirtschaften, trifft man hĂ€ufig; und MolkereiverbĂ€nde zum Verkauf von Milch, Butter und KĂ€se werden allenthalben organisiert. In der Tat war die Schweiz das Geburtsland dieser Form der Genossenschaft. Sie gewĂ€hrt außerdem reichlich Gelegenheit, alle Arten kleiner und großer Gesellschaften kennen zu lernen, die zur Befriedigung aller möglichen BedĂŒrfnisse unserer Zeit sich gebildet haben. In gewissen Teilen der Schweiz findet man in fast jedem Dorf eine Zahl Vereinigungen – zum Schutz gegen Feuer, zum Bootfahren, zur Erhaltung der Quais an den Seeufern, fĂŒr die Wasserversorgung usw.; und das Land ist voll von BogenschĂŒtzen- und ScharfschĂŒtzenvereinen, topographischen Gesellschaften, Vereinen zur Pflege von Fußwegen und dergleichen, die aus dem modernen Militarismus hervorgegangen sind.

Die Schweiz ist indessen durchaus keine Ausnahme in Europa, denn man findet dieselben Einrichtungen und BrĂ€uche in den Dörfern Frankreichs, Italiens, Deutschlands, DĂ€nemarks usw. Wir haben vorhin gesehen, was von Seiten der französischen Regierungen geschehen ist, um die Dorfgemeinde zu zerstören und sich ihrer LĂ€nder zu bemĂ€chtigen; aber trotz alledem sind der zehnte Teil des Ganzen der Kultur zugĂ€nglichen Gebietes, d. h. etwa 5.400.000 Hektar, einschließlich der HĂ€lfte aller Naturwiesen und fast des fĂŒnften Teiles aller WĂ€lder des Landes im Gemeindebesitz verblieben. Die WĂ€lder versorgen die Gemeindeangehörigen mit Feuerung, und das Bauholz wird meistens durch Gemeindearbeit mit aller erwĂŒnschten RegelmĂ€ĂŸigkeit gefĂ€llt und bearbeitet; die Weiden sind fĂŒr das Vieh der Gemeindeangehörigen frei; und was von Gemeindefeldern ĂŒbrig geblieben ist, wird in bestimmten Teilen Frankreichs – hauptsĂ€chlich in den Ardennen – in der ĂŒblichen Weise zu bestimmten Zeiten neu verteilt.

Diese Vermehrung der sonstigen Mittel zur Versorgung mit Lebensmitteln, die den Ă€rmeren Bauern hilft, ein Jahr mit schlechter Ernte zu ĂŒberstehen, ohne ihre kleinen GrundstĂŒcke aufgeben zu mĂŒssen oder sich in Schulden zu stĂŒrzen, die sie nicht wieder heimzahlen können, hat gewiss ihre Bedeutung fĂŒr die Landleute und besonders fĂŒr die nahezu drei Millionen kleinen bĂ€uerlichen Besitzer. Es ist sogar zweifelhaft, ob sich ohne diese Vermehrung seines Einkommens der kleine Bauernstand halten könnte. Aber die moralische Bedeutung des Gemeindebesitzes, so klein er auch sein mag, ist noch grĂ¶ĂŸer als sein wirtschaftlicher Wert. Er bewahrt in dem Dorfleben einen Kern von GegenseitigkeitsbrĂ€uchen und -sitten, der ohne Zweifel der Entwicklung des rĂŒcksichtslosen Individualismus und der Habgier einen Damm entgegensetzt, der umso notwendiger ist, als der bĂ€uerliche Kleinbesitz nur zu sehr zu solchen CharakterzĂŒgen geneigt macht. Die gegenseitige Hilfe in allen möglichen dörflichen Lebenslagen ist ein Teil des alltĂ€glichen Lebens in allen Teilen des Landes. ĂŒberall treffen wir unter verschiedenen Namen den charroi, d. h. die freie Hilfe der Nachbarn beim Einbringen einer Ernte, bei der Weinlese oder beim Bau eines Hauses; ĂŒberall finden wir dieselben Abendversammlungen, wie sie eben fĂŒr die Schweiz erwĂ€hnt wurden; und ĂŒberall vereinigen sich die Gemeindeangehörigen zu allen möglichen Arbeiten. Solche BrĂ€uche werden von fast allen, die ĂŒber das Leben in den französischen Dörfern geschrieben haben, erwĂ€hnt. Aber vielleicht ist es besser, wenn ich an dieser Stelle einige AuszĂŒge aus Briefen mitteile, die ich von einem Freunde erhalten habe, den ich gebeten hatte, mir seine Beobachtungen ĂŒber diese Dinge mitzuteilen. Sie stammen von einem bejahrten Manne, der jahrelang der Maire seiner Gemeinde in SĂŒdfrankreich gewesen ist (im Ariege); die Tatsachen, die er mitteilt, sind ihm in langen Jahren persönlicher Beobachtung bekannt geworden, und sie haben den Vorzug, aus einer Gegend zu kommen und nicht aus einem weiten Gebiet zusammengesucht zu sein. Einige von ihnen mögen unbedeutend scheinen; aber als Ganzes geben sie ein Bild einer kleinen Welt des Dorflebens.

»In mehreren Gemeinden in unserer Nachbarschaft«, so schreibt mein Freund, »ist der alte Brauch des emprount in Kraft. Wenn in einer metairie zu einer bestimmten Arbeit – Kartoffelbuddeln oder GrasmĂ€hen – rasch viele HĂ€nde nötig sind, wird die Jugend der Nachbarschaft zusammengerufen; junge Burschen und MĂ€dchen kommen zahlreich, machen die Arbeit umsonst und froh, und abends wird ein fröhliches Mahl abgehalten und dann getanzt.

»Wenn in denselben Gemeinden ein MĂ€dchen kurz vor der Hochzeit steht, kommen die MĂ€dchen aus der Nachbarschaft, um beim NĂ€hen der Aussteuer zu helfen. In mehreren Gemeinden spinnen die Frauen noch ziemlich viel. Wenn das Aufwinden der Seide in einer Familie zu geschehen hat, wird es an einem Abend gemacht – alle Freunde werden nĂ€mlich zu dieser Arbeit berufen. In vielen Gemeinden des Ariege und in anderen Teilen des SĂŒdwestens wird das AushĂŒlsen des Welschkornes ebenfalls von allen Nachbarn besorgt. Sie werden mit Kastanien und Wein traktiert, und die jungen Leute tanzen nach getaner Arbeit. Derselbe Brauch herrscht bei der Herstellung des Nussöles und beim Hanfbrechen. In der Gemeinde L. geschieht dasselbe beim Einbringen des Kornes. Diese Tage schwerer Arbeit werden Festtage, und der EigentĂŒmer setzt seine Ehre darein, ein gutes Mahl zu rĂŒsten. EntschĂ€digung wird keine gegeben; alle tun es fĂŒreinander.

»In der Gemeinde S. wird das gemeinsame Weideland jedes Jahr vermehrt, so dass fast das ganze Land der Gemeinde jetzt gemeinsam ist. Die Hirten werden von allen Viehbesitzern, auch Frauen, gewÀhlt. Die Stiere werden von der Gemeinde gestellt.

»In der Gemeinde M. werden die vierzig bis fĂŒnfzig kleinen Schafherden der Gemeindeglieder zusammengebracht und in drei oder vier Herden geteilt, ehe sie zu den höher gelegenen Wiesen geschickt werden. Jeder Besitzer geht eine Woche lang dahin und dient als Schafhirt.

»In dem Gehöft C. war von mehreren Haushaltungen eine Dreschmaschine gemeinsam gekauft worden; die fĂŒnfzehn bis zwanzig Personen, die zum Bedienen der Maschine nötig waren, wurden von allen Familien gestellt. Drei weitere Dreschmaschinen sind gekauft worden und werden von ihren Besitzern ausgeliehen, aber die Arbeit wird von HilfskrĂ€ften aus der Nachbarschaft in der ĂŒblichen Weise verrichtet.

»In unserer Gemeinde R. hatten wir die Mauer unseres Friedhofes zu bauen. Die HÀlfte des Geldes, das nötig war, um Kalk zu kaufen und die Löhne der gelernten Arbeiter zu zahlen, wurde vom Kreistag verschafft, die andere HÀlfte durch freiwillige BeitrÀge aufgebracht. Die Arbeit, Sand und Wasser zu tragen, Mörtel zu machen und die Maurer zu bedienen, wurde gÀnzlich von Freiwilligen besorgt (wie in der kabylischen Djemmaa). Die Landwege wurden auf dieselbe Weise ausgebessert, durch freiwillige Arbeitstage, die die Gemeindemitglieder spendeten. Andere Gemeinden haben auf dieselbe Weise ihre Brunnen gebaut. Die Weinpresse und andere kleinere GerÀtschaften werden hÀufig von der Gemeinde gehalten.«

Zwei Bewohner derselben Gegend, die mein Freund befragte, fĂŒgen das Folgende hinzu:

»In 0. gab es vor wenigen Jahren keine MĂŒhle. Die Gemeinde hat eine gebaut, indem sie von den Einwohnern eine Steuer erhob. Um Betrug und Parteilichkeit zu vermeiden, beschlossen sie, dass der MĂŒller fĂŒr jeden Brotesser zwei Franks erhalten und das Korn umsonst gemahlen werden solle.

»In St. G. sind wenig Bauern gegen Feuer versichert. Wenn ein Brand stattgefunden hat – so war es bis vor kurzem – gaben alle der Familie etwas, die darunter gelitten hat – Korn, Bettzeug, einen Stuhl usw. – und so wird ein bescheidener Haushalt wiederhergestellt. Alle Nachbarn helfen beim Aufbau des Hauses und mittlerweile wird die Familie von den Nachbarn umsonst beherbergt.«

Solche BrĂ€uche zu gegenseitiger Hilfe – von denen viel mehr Beispiele angefĂŒhrt werden könnten – erklĂ€ren ohne Frage die Leichtigkeit, mit der die französischen Bauern sich vereinigen, um abwechselnd den Pflug mit dem Gespann Pferde, die Weinpresse und die Dreschmaschine zu benutzen, wenn sie nur von einem im Dorfe gehalten werden, und ebenso fĂŒr die gemeinsame Verrichtung aller möglichen lĂ€ndlichen Arbeiten. Seit unvordenklichen Zeiten wurden von den Dorfgemeinden KanĂ€le unterhalten, WĂ€lder ausgerodet, BĂ€ume gepflanzt und SĂŒmpfe drĂ€niert, und dasselbe ist noch jetzt der Fall. Ganz in letzter Zeit wurden in La Borne in Lozere öde HĂŒgel durch Gemeindearbeit in reiche GĂ€rten verwandelt. »Der Boden wurde von den MĂ€nnern auf dem RĂŒcken hinaufgetragen; Terrassen wurden angelegt und mit Kastanien, PfirsichbĂ€umen und anderem Obst bepflanzt, und das Wasser zur BewĂ€sserung wurde drei bis vier Kilometer weit in KanĂ€len hergeleitet.« Gerade jetzt haben sie einen neuen Kanal gegraben, der siebzehn Kilometer lang ist.

Demselben Geist ist auch der bemerkenswerte Erfolg zu verdanken, den in letzter Zeit die syndicats agricoles oder Bauern- und PĂ€chtervereinigungen errungen haben. Erst seit 1884 sind Assoziationen von mehr als neunzehn Personen in Frankreich erlaubt, und ich brauche nicht zu sagen, dass, als dies »gefĂ€hrliche Experiment« gewagt wurde – so drĂŒckte man sich in der Kammer aus – alle »Vorsichtsmaßregeln«, die Behörden erfinden können, angewandt wurden. Trotz alledem fĂ€ngt Frankreich an, mit Syndikaten bedeckt zu sein. Im Anfang bildeten sie sich nur zum Ankauf von DĂŒnger und Samen, da die FĂ€lschung auf diesen beiden Gebieten außerordentliche Dimensionen angenommen hatte;277 aber allmĂ€hlich dehnten sie ihren Machtbereich nach verschiedenen Richtungen hin aus, und beschĂ€ftigten sich auch mit dem Verkauf landwirtschaftlicher Produkte und dauernden Bodenverbesserungen. In SĂŒdfrankreich haben die Verheerungen der Reblaus eine große Zahl von WinzerverbĂ€nden ins Leben gerufen. Zehn bis dreißig Winzer bilden ein Syndikat, kaufen eine Dampfmaschine zum Wasserpumpen und treffen die nötigen Anstalten, um der Reihe nach ihre Weinberge unter Wasser zu setzen. Neue VerbĂ€nde zum Schutze des Landes gegen Überschwemmungen, zu BewĂ€sserungsanlagen und zur Erhaltung von KanĂ€len bilden sich fortwĂ€hrend, und die Einstimmigkeit aller Bauern einer Gegend, die vom Gesetz gefordert wird, ist kein Hindernis. Anderswo haben wir die frutieres oder Molkereigenossenschaften, wo in einigen alle Butter und aller KĂ€se in gleiche Teile geteilt werden, ohne RĂŒcksicht darauf, wieviel von einer Kuh kommt. Im Ariege finden wir eine Vereinigung von acht einzelnen Gemeinden zur gemeinsamen Bestellung ihrer LĂ€ndereien, die sie zusammengeworfen haben; Syndikate zu unentgeltlicher Ă€rztlicher Behandlung sind unter 357 Gemeinden eines Departements in 172 gebildet worden; in Verbindung mit den Syndikaten entstehen Konsumvereine usw.

»Eine förmliche Revolution geht in unsern Dörfern« , schreibt Alfred Baudrillart, »durch diese Vereinigungen vor sich, die in jeder Provinz ihre .besonderen CharakterzĂŒge haben.«

Durchaus Entsprechendes ist von Deutschland zu sagen. ĂŒberall, wo die Bauern der Ausraubung ihrer LĂ€ndereien widerstehen konnten, haben sie sie als Gemeineigentum erhalten, das in WĂŒrttemberg, Baden, Hohenzollern und in der hessischen Provinz Starkenburg weit und breit herrscht. Die Gemeindewaldungen sind in der Regel vorzĂŒglich gehalten, und in Tausenden von Gemeinden wird jedes Jahr Bau- und Brennholz unter alle Einwohner verteilt; selbst der alte Brauch des Lesholztages ist weit verbreitet; beim LĂ€uten der Kirchturmglocke gehen alle in den Wald, umso viel Reisig zu holen, wie sie tragen können. In Westfalen findet man Gemeinden, in denen alles Land wie eine einzige gemeinsame Besitzung bestellt wird, und zwar nach allen Anforderungen der modernen landwirtschaftlichen Kenntnisse. Und die alten GemeindebrĂ€uche sind in den meisten Teilen Deutschlands in Kraft. Das Herbeirufen von HilfskrĂ€ften, das zu richtigen Festen fĂŒhrt, ist, wie bekannt, in Westfalen, Hessen und Nassau ganz ĂŒblich. In waldreichen Gegenden wird das Holz fĂŒr ein neues Haus gewöhnlich aus dem Gemeindewald geholt, und alle Nachbarn beteiligen sich am Bau des Hauses. Selbst in den VorstĂ€dten Frankfurts ist es regelrechter Brauch unter den GĂ€rtnern, dass sie, im Falle, dass einer von ihnen krank ist, alle am Sonntag zusammenkommen, um seinen Garten zu bestellen.

In Deutschland begannen ebenso wie in Frankreich, sobald die Regierungen ihre Gesetze gegen die Vereinigungen der Bauern aufhoben – was erst 1884–88 der Fall war – die Vereinigungen sich mit erstaunlicher Schnelligkeit zu entwickeln, trotz aller gesetzlichen Schwierigkeiten, die ihnen in den Weg gelegt wurden. »Es ist eine Tatsache«, sagt Buchenberger, »dass in Tausenden von Dorfgemeinden, in denen keine Art kĂŒnstlicher DĂŒnger oder rationelle FĂŒtterung bekannt war, beide dank diesen Genossenschaften in ganz unerwartetem Maße gang und gĂ€be wurden.« (Band II, S. 507.) Alle Arten von arbeitssparenden GerĂ€ten und landwirtschaftlichen Maschinen, sowie besseren Viehrassen werden durch die Genossenschaften gekauft, und man fĂ€ngt an, allerlei Anstalten zur Verbesserung der QualitĂ€t der Produkte zu treffen. Auch landwirtschaftliche Verkaufsgenossenschaften werden gebildet und desgleichen solche fĂŒr dauernde Bodenverbesserung.

Vom Standpunkt der Sozialökonomie sind gewiss alle diese BemĂŒhungen der Bauern von geringer Bedeutung. Sie können das Elend, zu dem die Landwirte in ganz Europa verurteilt sind, nicht wesentlich und vor allem nicht dauernd beheben. Aber vorn ethischen Standpunkt aus, den wir jetzt einnehmen, kann ihre Bedeutung nicht ĂŒberschĂ€tzt werden. Sie beweisen, dass selbst unter dem System des rĂŒcksichtslosen Individualismus, der jetzt herrschend ist, die Massen der Landwirte pietĂ€tvoll ihre Überlieferungen des gegenseitigen Beistandes beibehalten haben; und sowie die Staaten die eisernen Gesetze mildern, mittels derer sie alle Verbindung zwischen den Menschen zerrissen haben, wird diese Verbindung sofort wieder hergestellt, trotz allen politischen, wirtschaftlichen und sozialen Schwierigkeiten, deren es viele sind, und in solchen Formen hergestellt, wie sie am besten den Anforderungen der modernen Produktion entsprechen. Sie zeigen an, in welcher Richtung und in welcher Gestalt weiterer Fortschritt erwartet werden muss.

Ich könnte diese Beispiele leicht stark vermehren, wenn ich von Italien, Spanien, DĂ€nemark usw. sprechen wollte und auf einige interessante Erscheinungen hinweisen wollte, deren jedes dieser LĂ€nder aufzuweisen hat. Die slawischen Bevölkerungen Österreichs und der Balkanhalbinsel, unter denen man den »Familienverband« oder »ungeteilten Haushalt« noch lebendig findet, sollten auch erwĂ€hnt werden. Aber ich eile, zu Russland zu kommen, wo diese Tendenz zu gegenseitigem Beistand einige neue und unerwartete Formen annimmt. Außerdem haben wir bei der Darstellung der russischen Dorfgemeinde den Vorteil, eine immense Masse Material zu besitzen, das wĂ€hrend er kolossalen, von Haus zu Haus gehenden Enquete gesammelt wurde, die vor einiger Zeit von verschiedenen Semstwos (Kreistagen) veranstaltet wurde und die sich auf eine Bevölkerung von fast zwanzig Millionen Bauern in verschiedenen Landesteilen bezieht.

Zwei wichtige Folgerungen können aus den massenhaften Zeugnissen, die in den russischen Enqueten gesammelt vorliegen, gezogen werden. In Mittelrussland, wo ein volles Drittel der Bauern zum Ă€ußersten Elend gebracht worden ist (durch drĂŒckende Steuern, kleine Zuweisungen unergiebigen Landes, kaum erschwingliche Pacht, und sehr strenges Steuereintreiben nach vollstĂ€ndiger Vernichtung der Ernte), bestand wĂ€hrend der ersten fĂŒnfundzwanzig Jahre nach der Befreiung der Leibeigenen eine entschiedene Tendenz nach der Errichtung individuellen Eigentums innerhalb der Dorfgemeinden. Viele verarmte Bauern »ohne Pferde« gaben ihre Anteile auf und dieses Land wurde das Eigentum solcher reicherer Bauern, die noch besondere Einnahmequellen aus einem Gewerbe haben, oder von auswĂ€rtigen HĂ€ndlern, die das Land hauptsĂ€chlich kaufen, um von den Bauern unerschwingliche Pachten zu erpressen. Es muss auch hinzugefĂŒgt werden, dass ein Fehler in dem Landablösungsgesetz von 1861 es sehr leicht machte, Bauernland mit sehr geringen Kosten zu kaufen, und dass die Staatsbeamten ihren gewichtigen Einfluss meistens zugunsten des individuellen und gegen den Gemeinbesitz geltend machten. Jedoch blĂ€st wĂ€hrend der letzten zwanzig Jahre wieder ein starker Oppositionswind gegen die individuelle Aneignung des Landes durch die mittelrussischen Dörfer, und von Seiten der Masse der Bauern, die zwischen den Reichen und den sehr Armen stehen, werden gewaltige Anstrengungen gemacht, den Gemeindebesitz aufrecht zu erhalten. Was die fruchtbaren Steppen des SĂŒdens angeht, die jetzt der volkreichste und reichste Teil des europĂ€ischen Russland sind, so wurden sie meistens wĂ€hrend dieses Jahrhunderts unter dem System des Privateigentums oder der Okkupation kolonisiert, die in dieser Form vom Staat sanktioniert wurden. Aber seit verbesserte landwirtschaftliche Methoden mit Hilfe des Maschinenwesens in die Gegend gebracht worden sind, haben die bĂ€uerlichen Besitzer allmĂ€hlich begonnen, von sich aus ihr Privateigentum in Gemeindebesitz umzuwandeln, und man findet jetzt in dieser Kornkammer Russlands eine sehr große Zahl spontan entstandener Markgenossenschaften neuen Ursprungs.

Die Krim und der Teil des Landes, der im Norden der Halbinsel gelegen ist (die Provinz Taurida), fĂŒr die wir genaue Angaben besitzen, veranschaulichen diese Bewegung vortrefflich. Dieses Gebiet begann nach seiner Annektierung im Jahre 1783 von Groß-, Klein- und Weißrussen besiedelt zu werden – Kosaken, Freien und weggelaufenen Leibeigenen – die einzeln oder in kleinen Gruppen aus allen Teilen Russlands gekommen waren. Sie verlegten sich zunĂ€chst auf die Viehzucht, und als sie spĂ€terhin anfingen, den Boden zu bestellen, pflĂŒgte jeder einzelne so viel, als er leisten konnte. Aber als die Einwanderung weiterging und vervollkommnete PflĂŒge eingefĂŒhrt waren, fing eine starke Nachfrage nach Land an und es entstanden so unter den Ansiedlern heftige Streitigkeiten. Sie dauerten jahrelang, bis diese Menschen, die ursprĂŒnglich durch kein gemeinsames Band verknĂŒpft waren, allmĂ€hlich auf die Idee kamen, den Streitigkeiten mĂŒsse durch EinfĂŒhrung des Dorfgemeindebesitzes ein Ende gemacht werden. Sie trafen VerfĂŒgungen, die dahin gingen, dass das Land, das sie bisher in Privatbesitz gehabt hatten, kĂŒnftighin ihr gemeinsames Eigentum sein solle, und sie fingen an, gemĂ€ĂŸ den ĂŒblichen MarkgenossenschaftsbrĂ€uchen den einzelnen Lose zuzuteilen, die immer wieder von neuem verteilt wurden. Die Bewegung nahm eine immer grĂ¶ĂŸere Ausdehnung an, und die Statistiker von Taurida fanden auf einem kleinen Gebiet 161 Dörfer, in denen das Gemeindeeigentum von den bĂ€uerlichen Besitzern selbst an Stelle des Privateigentums, hauptsĂ€chlich in den Jahren 1855 bis 1885, eingefĂŒhrt worden war. Eine ganze Reihe verschiedener Typen des Dorfgemeindeeigentums ist auf diese Weise von den Ansiedlern frei ausgearbeitet worden. 290 Was das Interesse an dieser Umwandlung erhöht, ist, dass sie nicht nur unter den Großrussen vor sich ging, die an das Leben des genossenschaftlichen Dorfes gewöhnt sind, sondern auch unter Kleinrussen, die es seit langem unter dem polnischen Regiment vergessen hatten, unter Griechen und Bulgaren und selbst unter Deutschen, die in ihren wohlhabenden und halbindustriellen Wolgakolonien seit langem ihren eigenen Typus der genossenschaftlichen Dorfgemeinde ausgearbeitet haben. 291 Es ist natĂŒrlich, dass die mohammedanischen Tartaren von Taurida ihr Land nach dem muselmĂ€nnischen Gewohnheitsrecht in Besitz haben, das beschrĂ€nktes persönliches Eigentum ist; aber selbst bei ihnen ist in einigen FĂ€llen der europĂ€ische Dorfgemeindebesitz eingefĂŒhrt worden. Was andere NationalitĂ€ten in Taurida angeht, so ist das Privateigentum in sechs esthnischen, zwei griechischen, zwei bulgarischen, einem tschechischen und einem deutschen Dorf abgeschafft worden.

Diese Bewegung ist bezeichnend fĂŒr die ganze fruchtbare Steppengegend des SĂŒdens. Aber verschiedene FĂ€lle dieser Bewegung finden sich auch in KleinRussland. So waren in einer Anzahl Dörfer der Provinz Czernigow die Bauern frĂŒher Privatbesitzer ihrer GrundstĂŒcke; sie hatten besondere Urkunden ĂŒber ihre GrundstĂŒcke und pflegten ihr Land nach GutdĂŒnken zu verpachten und zu verkaufen. Aber in den fĂŒnfziger Jahren des 19. Jahrhunderts begann unter ihnen eine Bewegung zugunsten des Gemeindebesitzes, wobei das Hauptargument die wachsende Zahl armer Familien war. Die Initiative zu der Reform ging von einem einzelnen Dorfe aus, und die anderen taten mit; der letzte bezeugte Fall datiert aus dem Jahre 1882. NatĂŒrlich gab es KĂ€mpfe zwischen den Armen, die gewöhnlich fĂŒr den Gemeindebesitz eintreten, und den Reichen, die das Privateigentum vorziehen; und die KĂ€mpfe dauerten oft jahrelang. An manchen PlĂ€tzen, wo die vom Gesetz damals geforderte Einstimmigkeit nicht zu erreichen war, teilte sich das Dorf in zwei Dörfer, eines behielt das Privateigentum bei und das andere ging zum Gemeindebesitz ĂŒber; und so blieben sie, bis die zwei zu einer Gemeinde zusammenwuchsen oder aber sie blieben immer noch geteilt. FĂŒr Mittelrussland ist es Tatsache, dass in vielen Dörfern, die dem Privateigentum zusteuerten, seit 1880 eine Massenbewegung zugunsten der Wiedererrichtung des Gemeindeeigentums begann. Selbst bĂ€uerliche Besitzer. die jahrelang unter dem System des Privateigentums gelebt hatten, kehrten en masse zu den Kommunaleinrichtungen zurĂŒck. So gibt es eine betrĂ€chtliche Zahl ehemaliger Leibeigenen, die nur den vierten Teil der ihnen zukommenden Anteile erhalten haben, diese aber frei von der Ablösungsverpflichtung und als Privateigentum. Da entstand 1890 eine ausgedehnte Bewegung unter ihnen (in Kursk, Ryazan, Tambow, Orel usw.), die darauf ausging, ihre Anteile zusammenzuwerfen und das Gemeindeeigentum einzufĂŒhren. Die »freien Ackerbauer« (Wolnye khlebopaschtsy), die nach dem Gesetz von 1803 von der Leibeigenschaft befreit waren und ihre Anteile – jede Familie besonders – gekauft hatten, leben jetzt fast alle nach dem System des Gemeindeeigentums, das sie von sich aus eingefĂŒhrt haben. Alle diese Bewegungen sind neueren Ursprungs, und auch Nichtrussen schließen sich ihnen an. So fĂŒhrten die Bulgaren im Distrikt Tiraspol, nachdem sie sechzig Jahre lang unter dem System des Privateigentums gewesen waren, in den Jahren 1876 bis 1882 das Gemeindeeigentum ein. Die deutschen Mennoniten von Berdyansk kĂ€mpften 1890 fĂŒr die EinfĂŒhrung des Gemeindebesitzes, und die kleinen Besitzer unter den deutschen Baptisten mit ihrer Kleinwirtschaft agitierten in ihren Dörfern im selben Sinne. Ein weiteres Beispiel: In der Provinz Samara grĂŒndete in den vierziger Jahren die russische Regierung versuchsweise 103 Dörfer nach dem System des Privateigentums. Jeder Haushalt erhielt den stattlichen Besitz von 42 Hektar. Im Jahre 1890 hatten von den 103 Dörfern bereits die Bauern von 72 Dörfern den Wunsch kundgegeben, das Gemeindeeigentum einzufĂŒhren. Ich entnehme diese Tatsachen alle der ausgezeichneten Arbeit von W. W., der lediglich in geordneter Form die in der oben erwĂ€hnten Hausenquete enthaltenen Tatsachen mitteilt.

Diese Bewegung zugunsten des Gemeindebesitzes verstĂ¶ĂŸt arg gegen die herrschenden Wirtschaftstheorien, nach denen die intensive Kultur mit dem Gemeindeeigentum unvereinbar ist. Aber das Wohlwollendste, was ĂŒber diese Theorien gesagt werden kann, ist, dass sie nie der Probe des Versuches unterworfen worden sind: sie gehören zum Bereich politischer Metaphysik. Die Tatsachen, die wir vor uns haben, zeigen im Gegenteil, dass ĂŒberall, wo die russischen Bauern dank einem Zusammentreffen von gĂŒnstigen UmstĂ€nden weniger elend daran sind, als sie es durchschnittlich sind, das Gemeindeeigentum recht eigentlich das Mittel wird, die verschiedensten Verbesserungen in die Landwirtschaft und das Dorfleben ĂŒberhaupt einzufĂŒhren. Hier wie anderswo ist die gegenseitige Hilfe ein besserer FĂŒhrer zum Fortschritt als der Krieg aller gegen alle, wie aus den folgenden Tatsachen ersehen werden mag.

Unter der Regierung Nikolaus I. pflegten viele Kronbeamten und Besitzer von Leibeigenen die Bauern zu zwingen, die Gemeindebestellung kleiner StĂŒcke des Dorflandes einzufĂŒhren, um die VorratshĂ€user der Gemeinden wieder zu fĂŒllen, aus denen den Ă€rmsten Gemeindemitgliedern Korn geliehen worden war. Solche Kulturen, die im Geiste der Bauern mit den schlimmsten Erinnerungen an die Leibeigenschaft verknĂŒpft waren, wurden aufgegeben, sowie die Leibeigenschaft abgeschafft war; aber jetzt fangen die Bauern an, sie zu ihrem eigenen Vorteil wieder einzufĂŒhren. In einem Distrikt (Ostrogozhsk in Kursk) war die Initiative eines Mannes genĂŒgend, um sie in vier FĂŒnfteln aller Dörfer wieder ins Leben zu rufen.

Dasselbe trifft man in verschiedenen anderen Gegenden an. An einem bestimmten Tage gehen die Gemeindeangehörigen hinaus, die reicheren mit einem Pflug oder einem Wagen, die Ă€rmeren nur mit ihren HĂ€nden, und es wird kein Versuch gemacht, zwischen dem Anteil der einzelnen an der Arbeit einen Unterschied zu machen. Die Ernte wird spĂ€ter dazu benutzt, den armen Gemeindeangehörigen Korn usw. zu leihen, meistens unentgeltlich, oder fĂŒr die Witwen und Waisen oder fĂŒr die Dorfkirche oder die Schule oder zur Heimzahlung einer Gemeindeschuld.

Dass alle Art Arbeit, die zum alltĂ€glichen Dorfleben gehört (Ausbesserung von Wegen und BrĂŒcken, DĂ€mmen, DrĂ€nage, Wasserversorgung fĂŒr die Bevölkerung, HolzfĂ€llen, BĂ€umepflanzen usw.), von ganzen Gemeinden verrichtet werden – dass die Arbeit von alt und jung, MĂ€nnern und Frauen in der von Tolstoi beschriebenen Weise getan wird – das ist nichts anderes, als was man von Leuten, die 2.36 nach der Weise der genossenschaftlichen Dorfgemeinde leben, erwarten kann. Man trifft sie allenthalben im ganzen Land. Aber die Dorfmarkgenossenschaft ist auch keineswegs modernen landwirtschaftlichen Verbesserungen abgeneigt, wenn sie die Ausgaben aufbringen kann und wenn das Wissen, das bisher den Reichen vorbehalten blieb, seinen Weg ins Bauernhaus findet.

Es ist eben gesagt worden, dass verbesserte PflĂŒge in SĂŒdrussland schnell aufkamen. In vielen FĂ€llen waren die Dorfgemeinden dazu behilflich, ihre Benutzung zu verbreiten. Ein Pflug wurde von der Gemeinde gekauft, auf einem Teil des Gemeindelandes ausprobiert und den Fabrikanten angezeigt, welche Verbesserungen notwendig seien; oft trugen die Gemeinden dazu bei, die Herstellung billiger PflĂŒge als Dorfindustrie einzufĂŒhren. Im Distrikt Moskau, wo in einem Zeitraum von fĂŒnf Jahren vor kurzem 1560 PflĂŒge von den Bauern gekauft worden sind, kam der Anstoß von solchen Gemeinden, die als Körperschaft zu dem besonderen Zweck, verbesserte Kulturen einzufĂŒhren, Land pachteten.

Im Nordosten (Wyatka) haben kleine Bauerngenossenschaften, die mit ihren Worfelmaschinen arbeiten (hergestellt sind sie als Dorfindustrie in einem von den Eisendistrikten), den Gebrauch solcher Maschinen in den benachbarten Verwaltungsbezirken verbreitet. Die sehr weite Verbreitung von Dreschmaschinen in Samara, Saratow und Cherson ist den Bauerngenossenschaften zu verdanken, die die Kosten einer so teuren Maschine aufbringen können, wĂ€hrend es der einzelne Bauer nicht kann. Und wĂ€hrend wir fast in allen ökonomischen Abhandlungen lesen, das Gemeindeeigentum sei zum Verschwinden verurteilt worden, als die Dreifelderwirtschaft durch die Wechselwirtschaft ersetzt wurde, sehen wir, wie in Russland viele Dorfmarkgenossenschaften die Initiative ergreifen, die Wechselwirtschaft einzufĂŒhren. Ehe die Bauern sie ganz durchfĂŒhren, wĂ€hlen sie gewöhnlich einen besonderen Teil der Gemeindefelder, um die kĂŒnstlichen Wiesen auszuprobieren, wobei die Gemeinde den Samen kauft. Wenn der Versuch glĂŒckt, dann finden sie nicht die geringste Schwierigkeit darin, ihre Felder neu einzuteilen, so dass sie dem FĂŒnf- oder Sechsfeldersystem angepasst sind.

Dieses System wird jetzt in Hunderten von Dörfern in den Provinzen Moskau, Twer, Smolensk, Wyatka und Pskow angewandt.

Und wo die Gemeinden Land erĂŒbrigen können, geben sie auch einen Teil ihres Gebietes zu Obstpflanzungen her. Schließlich wĂ€re noch die rasche Ausdehnung zu nennen, die in Russland die kleinen Musterwirtschaften, Obstschulen, GemĂŒsegĂ€rten und SeidenwurmzĂŒchtereien nahmen – diese werden bei den DorfschulhĂ€usern unter der Leitung des Lehrers und eines Freiwilligen aus dem Dorfe angelegt -; auch all das ist der UnterstĂŒtzung der Dorfgemeinden zu danken. Außerdem trifft man dauernde Bodenverbesserung wie DrĂ€nage und BewĂ€sserung sehr hĂ€ufig. Zum Beispiel trifft man in drei Distrikten der Provinz Moskau – die zu großem Teil industrialisiert sind DrĂ€nierungsarbeiten, die innerhalb der letzten zehn Jahre in großem Maßstab in nicht weniger als 180 von 200 verschiedenen Dörfern ausgefĂŒhrt worden sind – wobei die Gemeindeangehörigen selbst die Arbeit mit dem Spaten in der Hand getan haben. In einem anderen Winkel Russlands, in den trockenen Steppen von Nowouzen, wurden von den Gemeinden mehr als tausend TeichdĂ€mme gebaut und mehrere hundert tiefe Brunnen gebohrt; und in einer reichen deutschen Kolonie im SĂŒdosten arbeiteten die Gemeindeangehörigen, MĂ€nner und Frauen, fĂŒnf Wochen hintereinander, um einen drei Kilometer langen Damm zu BewĂ€sserungszwecken zu bauen. Was hĂ€tten isolierte Menschen in diesem Kampf gegen das trockene Klima tun können? Was konnten sie durch individuelle Anstrengungen erreichen, als SĂŒdrussland von der Murmeltierplage heimgesucht war, und alle, die auf dem Lande lebten, Reiche und Arme, Glieder der dörflichen Genossenschaften und Privatbesitzer, mit eigenen HĂ€nden arbeiten mussten, um die Plage loszuwerden? Den Schutzmann herbeizurufen, hĂ€tte nichts genĂŒtzt; Vereinigung war die einzig wirksame Hilfe.

Und nun sehe ich, nachdem ich so viel ĂŒber die gegenseitige Hilfe, die von den Landwirten »zivilisierter« LĂ€nder geĂŒbt wird, geredet habe, dass ich einen stattlichen Band mit Beispielen fĂŒllen könnte, die aus dem Leben der mehrere hundert Millionen Menschengenommen wĂ€ren, die ebenfalls unter der Vormundschaft mehr oder weniger zentralisierter Staaten leben, aber nicht von moderner Zivilisation und modernen Ideen berĂŒhrt werden. Ich könnte das Innenleben eines tĂŒrkischen Dorfes und sein Netzwerk bewundernswerter GegenseitigkeitsbrĂ€uche und Sitten schildern. Beim DurchblĂ€ttern meiner Notizen stoße ich auf rĂŒhrende Tatsachen gegenseitigen Beistandes aus dem Bauernleben in Kaukasien. Ich verzeichne dieselben BrĂ€uche in der arabischen Djemmaa und afghanischen Purra, in den Dörfern Persiens, Indiens und Javas, im Familienverband der Chinesen, in den Lagern der Halbnomaden Zentralasiens und bei den Nomaden des hohen Nordens. Und in Notizen, die aufs Geratewohl der Literatur ĂŒber Afrika entnommen sind, finde ich immer dieselben entsprechenden Tatsachen – die Berufung von HilfskrĂ€ften fĂŒr das Einbringen der Ernte, HĂ€user, die von allen Dorfbewohnern gebaut werden – manchmal zur Herstellung des Schadens, den zivilisierte Freibeuter getan haben – Leute, die einander in UnglĂŒcksfĂ€llen helfen, den Reisenden beschĂŒtzen usw. Und wenn ich Werke wie Posts Kompendium des afrikanischen Gewohnheitsrechts lese, dann verstehe ich, warum diese Bevölkerungen trotz aller Tyrannei, UnterdrĂŒckung, Beraubung und Fehden, Stammeskriegen, unersĂ€ttlichen Königen, betrĂŒgerischen Zauberern und Priestern, SklavenjĂ€gern und dergleichen sich nicht in die WĂ€lder verloren haben, warum sie eine gewisse Zivilisation bewahrt haben und Menschen geblieben sind, anstatt auf die Stufe der umherschweifenden Familien der dem Untergang geweihten Orang-Utans zu fallen. Die Sache ist die, dass die SklavenjĂ€ger, die ElfenbeinrĂ€uber, die kĂ€mpfenden Könige, die Matabele und Madagaskar-»Helden« vorĂŒbergehen und nur ihre Spuren, die durch Blut und Feuer bezeichnet werden, hinterlassen; aber der Kern der Einrichtungen, BrĂ€uche und Sitten zu gegenseitiger Hilfe, die im Stamm und der Dorfmarkgenossenschaft erwachsen sind, bleibt; und er hĂ€lt die Menschen in Gesellschaften vereinigt, dem Fortschritt der Zivilisation zugĂ€nglich und bereit, sie an dem Tag zu empfangen, wo man ihnen Zivilisation statt Pulver und Blei schicken will.

Dasselbe gilt fĂŒr unsere Kulturwelt. Die natĂŒrlichen und sozialen SchicksalsschlĂ€ge gehen vorĂŒber. Ganze Bevölkerungen werden von Zeit zu Zeit dem Elend und der Hungersnot ĂŒberliefert; Millionen von Menschen werden recht eigentlich die Quellen des Lebens verschĂŒttet, wenn sie der Großstadtarmut verfallen; das VerstĂ€ndnis und das GefĂŒhl der Massen sind durch Lehren verderbt worden, die im Interesse der Wenigen ausgebildet worden sind. All das ist gewiss ein Teil unserer Existenz. Aber der Kern der Einrichtungen, Sitten und BrĂ€uche zu gegenseitiger Hilfe bleibt in den Massen lebendig; er hĂ€lt sie zusammen, und sie Klammern sich lieber an ihre BrĂ€uche, ihren Glauben und ihre Überlieferungen, als dass sie die Lehren von einem Krieg aller gegen alle annehmen, die ihnen unter dem Namen der Wissenschaft angeboten werden, aber durchaus keine Wissenschaft sind.

8. Gegenseitige Hilfe in unserer Zeit (Fortsetzung)

Entstehen der ArbeitsverbĂ€nde nach der Zerstörung der Gilden durch den Staat. – Ihre KĂ€mpfe. – Gegenseitige Hilfe bei Streiks. – Genossenschaft. – Freie Vereinigungen zu verschiedenen Zwecken. – Aufopferung. – Zahllose Vereine zu vereinigter TĂ€tigkeit auf allen möglichen Gebieten. – Gegenseitige Hilfe in den Arbeitervierteln. – Persönliche Hilfe

Wenn wir das Alltagsleben der lĂ€ndlichen Bevölkerungen Europas betrachten, so finden wir, dass trotz allem, was in den modernen Staaten. zur Zerstörung der genossenschaftlichen Dorfgemeinde getan worden ist, das Leben der Bauern doch mit GegenseitigkeitsbrĂ€uchen und -sitten durchzogen bleibt; dass bedeutende Überreste des Gemeindebesitzes an Grund und Boden noch erhalten geblieben sind, und dass in dem Augenblick, wo die gesetzlichen Hindernisse, die den lĂ€ndlichen Vereinigungen in den Weg gelegt waren, entfernt worden waren, ein Netzwerk freier VerbĂ€nde zu allen möglichen wirtschaftlichen Zwecken sich schnell unter den Bauern verbreitete, und dass die Tendenz dieser jungen Bewegung dahin geht, eine Art Verbindung wieder aufzurichten, die der Markgenossenschaft von ehedem Ă€hnlich ist. Zu diesen Ergebnissen sind wir im vorigen Kapitel gelangt, und nun haben wir zu untersuchen, was fĂŒr Einrichtungen zu gegenseitigem Beistand in unserer Zeit unter den Industriebevölkerungen gefunden werden können.

In den letzten dreihundert Jahren sind die Bedingungen fĂŒr das Wachstum solcher Einrichtungen in den StĂ€dten ebenso ungĂŒnstig gewesen wie in den Dörfern. Es ist in der Tat bekannt, dass im 16. Jahrhundert, als die mittelalterlichen StĂ€dte von den wachsenden MilitĂ€rstaaten unterjocht wurden, alle Einrichtungen, die die Handwerker, die Meister und die Kaufleute in den Gilden und StĂ€dten zusammenhielten, gewaltsam zerstört wurden. Die Selbstverwaltung und die eigene Gerichtsbarkeit der Gilde wie der Stadt wurden abgeschafft; der Treueid der GildebrĂŒder wurde ein Akt des Hochverrats gegen den Staat; die BesitztĂŒmer der Gilden wurden in derselben Weise konfisziert wie die LĂ€ndereien der Dorfgemeinden, und die innere und technische Organisation jedes Gewerbes wurde vom Staat in die Hand genommen. Gesetze, die allmĂ€hlich immer strenger wurden, wurden erlassen, um die Handwerker von jeglicher Verbindung fernzuhalten. Eine Zeitlang wurden ein paar Reste der alten Gilden geduldet: Kaufmannsgilden waren unter der Bedingung gestattet, dass sie den Königen Darlehen gewĂ€hrten, und manche ZĂŒnfte wurden als Verwaltungsorgane beibehalten. Einige von ihnen schleppen ihr bedeutungsloses Dasein heute noch weiter. Aber was frĂŒher die LebenskrĂ€fte im Leben und der Industrie des Mittelalters gewesen war, ist unter der erdrĂŒckenden Gewalt des zentralisierten Staates lĂ€ngst zugrunde gegangen.

In Großbritannien, das man am besten zum Beispiel der Industriepolitik der modernen Staaten nehmen kann, sehen wir das Parlament mit der Zerstörung der Gilden schon im 15. Jahrhundert beginnen; hauptsĂ€chlich aber im nĂ€chsten Jahrhundert traf man die entscheidenden Maßnahmen. Heinrich VIII. vernichtete nicht nur die Organisation der Gilden, sondern konfiszierte auch ihre BesitztĂŒmer, und zwar, wie Toulmin Smith schreibt, machte er dabei noch weniger Floskeln und UmstĂ€nde, als bei der Konfiskation der KlostergĂŒter.296 Eduard VI. vollendete sein Werk, 297 und schon in der zweiten HĂ€lfte des 16. Jahrhunderts sehen wir, wie das Parlament alle Streitigkeiten zwischen Handwerkern und Kaufleuten, die frĂŒher in jeder einzelnen Stadt erledigt wurden, verhandelte. Das Parlament und der König gaben nicht nur fĂŒr all diese Streitigkeiten Gesetze, sondern sie behielten auch die Interessen der Krone am Export im Auge und fingen bald an, die Zahl der Gesellen in jedem Gewerbe zu bestimmen und geradezu jede einzelne Fabrikationstechnik bis in alle Einzelheiten zu regeln – das Gewicht der Stoffe, die Fadenzahl in einem Meter Stoff und dergleichen. Allerdings mit wenig Erfolg; denn Uneinigkeiten und technische Schwierigkeiten, die seit Jahrhunderten durch Verabredungen zwischen engverbundenen Gilden und verbĂŒndeten StĂ€dten geordnet worden waren, lagen völlig außerhalb der MachtsphĂ€re des zentralisierten Staates. Die fortwĂ€hrende Einmischung seiner Behörden lĂ€hmte die Gewerbe und brachte die meisten völlig in Verfall; und als die Nationalökonomen des 18. Jahrhunderts sich gegen die staatliche Reglementierung der Industrien erhoben, gaben sie nur einer ĂŒberall gefĂŒhlten Unzufriedenheit Ausdruck. Die Abschaffung dieser Einmischung durch die französische Revolution wurde als befreiende Tat begrĂŒĂŸt, und das Beispiel Frankreichs wurde bald in anderen LĂ€ndern nachgeahmt.

Mit der Ordnung der LohnverhĂ€ltnisse hatte der Staat nicht mehr GlĂŒck. Als im 15. Jahrhundert in den mittelalterlichen StĂ€dten die Trennung zwischen Meistern und Gesellen oder Lohnarbeitern immer deutlicher zutage trat, wurden den VerbĂ€nden der Meister und Kaufleute GesellenverbĂ€nde entgegengestellt, die manchmal international waren. Jetzt war es der Staat, der es unternahm, ihre Beschwerden zu erledigen, und unter der Geltung des Statutes der Elisabeth von 1563 hatten die Friedensrichter die Löhne festzusetzen, so dass den Lohnarbeitern und Gesellen eine »geziemende« Lebenshaltung gesichert war. Die Friedensrichter indessen erwiesen sich als machtlos, die widerstreitenden Interessen zu versöhnen, und noch weniger konnten sie die Meister zwingen, ihren Entscheidungen sich zu fĂŒgen. Das Gesetz wurde mehr und mehr ein toter Buchstabe und wurde am Ende des 18. Jahrhunderts aufgehoben. Aber wĂ€hrend der Staat so die Aufgabe, die Löhne festzusetzen, fallen ließ, fuhr er fort, alle Verbindungen aufs strengste zu verbieten, die von Lohnarbeitern und Gesellen zur Erhöhung ihrer Löhne oder zur Aufrechterhaltung einer gewissen Lohnstufe eingegangen wurden. Das ganze 18. Jahrhundert hindurch machte er Gesetze gegen die Arbeitervereine, und im Jahre 1799 verbot er endgĂŒltig jede Art Verbindung, unter Androhung schwerer Strafen. In der Tat folgte das britische Parlament in diesem Fall nur dem Beispiel des französischen Revolutionskonvents, der ein drakonisches Gesetz gegen alle Arbeiterkoalitionen erlassen hatte – Koalitionen unter einer Anzahl BĂŒrger betrachtete man nĂ€mlich als Attentate gegen die SouverĂ€nitĂ€t des Staates, dem man die Rolle zuschrieb, in gleicher Weise alle Untertanen zu beschĂŒtzen. Das Werk der Zerstörung der mittelalterlichen VerbĂ€nde war nun vollendet. In Stadt und Land regierte der Staat ĂŒber unzusammenhĂ€ngende Summen von Individuen und stand gerĂŒstet, mit den schĂ€rfsten Maßregeln den Wiederaufbau irgendwelcher besonderer BĂŒnde unter ihnen zu verhĂŒten. So also waren die VerhĂ€ltnisse, unter denen die Tendenz zu gegenseitiger Hilfe im 19. Jahrhundert ihren Weg zu suchen hatte.

Braucht erst gesagt zu werden, dass keinerlei Maßregeln der Art diese Tendenz vernichten konnten? WĂ€hrend des ganzen 18. Jahrhunderts waren die Handwerkerund ArbeiterverbĂ€nde fortgesetzt wieder errichtet worden. Auch hörten sie trotz den grausamen Verfolgungen, die unter der Geltung der Gesetze von 1797 und 1799 stattfanden, nicht auf. Jedes Versehen in der Aufsicht, jedes Zögern der Meister, die Vereine zur Anzeige zu bringen, wurde ausgenutzt. Unter der Maske von UnterstĂŒtzungsvereinen, Beerdigungsgesellschaften oder als geheime BrĂŒderschaften verbreiteten sich die Gewerkschaften in den Textilindustrien, unter den Messerschmieden Sheffields, den Bergarbeitern, und starke Föderativorganisationen bildeten sich, um die einzelnen Abteilungen wĂ€hrend Streiks und Verfolgungen zu unterstĂŒtzen.

Die Aufhebung der Verbindungsgesetze im Jahre 1825 gab der Bewegung einen neuen Anstoß. Gewerkschaften und GesamtverbĂ€nde wurden in allen Gewerben gebildet; und als Robert Owen seine Grand National Consolidated Trades‘ Union gegrĂŒndet hatte, zĂ€hlte sie in wenigen Monaten eine halbe Million Mitglieder. Allerdings dauerte diese Periode verhĂ€ltnismĂ€ĂŸiger Freiheit nicht lange. Die Verfolgung begann in den dreißiger Jahren von neuem, und es folgten die bekannten grausamen Verurteilungen von 1832 bis 1844. Die Grand National Union wurde aufgelöst, und im ganzen Land fingen die Privatunternehmer und die Regierung in ihren eigenen Werkstellen an, die Arbeiter zu zwingen, alle Verbindung mit Gewerkschaften aufzugeben und das in diesem Sinne abgefasste »Dokument« zu unterschreiben. Gewerkschaftsmitglieder wurden in großer Zahl unter der Master and Servant Act verfolgt – die Arbeiter wurden summarisch verhaftet und verurteilt, wenn der Meister nur eine Klage wegen schlechten Betragens angestrengt hatte. 30 1 AusstĂ€nde wurden in autokratischer Weise unterdrĂŒckt, und die erstaunlichsten Verurteilungen traten ein, wenn ein Streik nur angekĂŒndigt wurde oder jemand in ihm als Vertreter gehandelt hatte – nicht zu reden von der militĂ€rischen UnterdrĂŒckung von StreikaufstĂ€nden oder von den Verurteilungen, die den hĂ€ufigen AusbrĂŒchen der GewalttĂ€tigkeit folgten. Unter solchen UmstĂ€nden gegenseitigen Beistand zu ĂŒben, war gewiss keine leichte Aufgabe. Und doch begann trotz allen Hindernissen, von denen unsere eigene Generation (in England) sich kaum ein Bild machen kann, die Wiederbelebung der Gewerkschaften bereits 1841, und der Zusammenschluss der Arbeiter ist seitdem stetig weitergegangen. Nach langem Kampf, der ĂŒber hundert Jahre gedauert hatte, war das Recht, sich zu verbinden, erobert worden, und zurzeit gehört fast der vierte Teil der regelmĂ€ĂŸig beschĂ€ftigten Arbeiter, d. h. etwa 1.500.000 Arbeiter, zu den Trade-Unions.

Was die anderen europĂ€ischen Staaten angeht, so genĂŒgt es, zu sagen, dass bis in die allerletzte Zeit alle Arten von Vereinen als GeheimbĂŒnde verfolgt wurden, und dass sie trotzdem existieren, obwohl sie oft die Form geheimer Gesellschaften annehmen mĂŒssen; und die Ausdehnung und StĂ€rke der Arbeiterorganisationen, insbesondere der »Ritter der Arbeit«, in den Vereinigten Staaten und in Belgien, sind durch Streiks in den neunziger Jahren zur GenĂŒge gezeigt worden. Es darf jedoch nicht ĂŒbersehen werden, dass, abgesehen von der Verfolgung, die bloße Tatsache, zu einer Gewerkschaft zu gehören, betrĂ€chtliche Opfer an Geld, Zeit und unbezahlter Arbeit in sich schließt, und außerdem fortwĂ€hrend die Gefahr mit sich bringt, bloß um der Tatsache der Mitgliedschaft willen die Arbeit zu verlieren.303 Da ist außerdem der Streik, auf den der Gewerkschaftler immer gefasst sein muss; und die bittere Wirklichkeit eines Streiks ist, dass der kleine Kredit einer Arbeiterfamilie beim BĂ€cker und Pfandleiher bald erschöpft ist, das Streikgeld reicht nicht weit, auch nur fĂŒr die Nahrungsmittel ist es zu knapp, und auf dem Gesicht der Kinder ist bald Hunger zu lesen. FĂŒr einen, der in enger BerĂŒhrung mit Arbeitern lebt, ist ein Streik, der sich in die LĂ€nge zieht, das herzzerreißendste Erlebnis; und was ein Streit vor vierzig Jahren 246 in England bedeutete, und was er noch in den meisten LĂ€ndern des Kontinents bedeutet, kann man sich leicht vorstellen. FortwĂ€hrend, auch heute noch, enden Streiks mit dem vollstĂ€ndigen Ruin und der notgedrungenen Auswanderung ganzer Bevölkerungen, und das Niederschießen von Streikenden bei der kleinsten Provokation oder selbst ohne jede Provokation ist auf dem Kontinent noch ganz gewöhnlich.

Und doch finden jedes Jahr Tausende Streiks und Aussperrungen in Europa und Amerika statt – und die heftigsten und lĂ€ngsten KĂ€mpfe sind in‘ der Regel die sogenannten »SympathieausstĂ€nde«, die angefangen werden, um ausgesperrte Genossen zu unterstĂŒtzen oder die Rechte der Gewerkschaften zu schĂŒtzen. Und wĂ€hrend ein Teil der Presse geneigt ist, Streiks mit »EinschĂŒchterung« zu erklĂ€ren, sprechen solche, die unter Streikenden gelebt haben, voller Bewunderung von der gegenseitigen Hilfe und dem Beistand, die fortwĂ€hrend von ihnen geleistet werden. Jeder hat von der ungeheuren Arbeitsleistung gehört, die von freiwilligen Arbeitern getan wurde, um die UnterstĂŒtzung wĂ€hrend des Londoner Dockarbeiterausstandes zu organisieren; von den Bergarbeitern, die, nachdem sie viele Wochen lang selbst arbeitslos gewesen waren, sowie sie die Arbeit wieder aufnahmen, pro Woche vier Mark in den Streikfonds zahlten; von der Bergarbeiterswitwe, die wĂ€hrend des Arbeitskrieges in Yorkshire 1894 die Ersparnisse ihres Mannes zum Streikfonds beisteuerte; von dem letzten Laib Brot, der immer mit den Nachbarn geteilt wurde; von den Bergarbeitern in Radstock, die grĂ¶ĂŸere GĂ€rtchen bei ihren HĂ€usern hatten und 400 Bergarbeiter in Bristol einluden, ihren Anteil Kohl und Kartoffeln zu nehmen usw. Alle Berichterstatter der Zeitungen wĂ€hrend des großen Bergarbeiterausstandes in Yorkshire wussten eine Menge solcher Tatsachen, obwohl freilich nicht alle so »unwesentliche« Dinge ihren BlĂ€ttern berichten durften.

Die Gewerkschaft ist jedoch nicht die einzige Form, worin das BedĂŒrfnis des Arbeiters nach gegenseitigem Beistand seinen Ausdruck findet. Da gibt es außerdem die politischen Vereine, deren BetĂ€tigung viele Arbeiter als wertvoller fĂŒrs allgemeine Wohl ansehen als die Gewerkschaften, so beschrĂ€nkt wie die Ziele der letzteren jetzt sind. NatĂŒrlich kann die bloße Tatsache, zu einer politischen Partei zu gehören, nicht als Äußerung der Gegenseitigkeitstendenz gelten. Wir wissen alle, dass die Politik das Feld ist, wo die rein egoistischen Triebe der Gesellschaft die verwickeltsten Verbindungen mit altruistischen Bestrebungen eingehen. Aber jeder erfahrene Politiker weiß, dass alle großen politischen Bewegungen um große und oft entfernte Ziele gingen, und dass die unter ihnen die stĂ€rksten waren, die die uneigennĂŒtzigste Begeisterung hervorriefen. Alle großen historischen Bewegungen haben diesen Charakter gehabt und fĂŒr unsere eigene Generation ist der Sozialismus in diesem Fall. »Bezahlte Agitatoren«, das ist ohne Zweifel der Lieblingsrefrain derer, die nichts von ihm wissen. Die Wahrheit aber ist, dass – um nur von dem zu sprechen, was ich aus persönlicher Kenntnis weiß – wenn ich in den letzten vierundzwanzig Jahren ein Tagebuch gefĂŒhrt hĂ€tte und darin all die Hingebung und Aufopferung gebucht hĂ€tte, die ich in der sozialistischen Bewegung erlebt habe, der Leser eines solchen Tagebuches das Wort »Heroismus« fortwĂ€hrend auf den Lippen hĂ€tte. Aber die MĂ€nner, von denen ich gesprochen hĂ€tte, waren keine Helden; es waren Durchschnittsmenschen, die von einer großen Idee entflammt waren. Jede sozialistische Zeitung – und es gibt Hunderte in Europa allein – hat dieselbe Geschichte von jahrelanger Aufopferung ohne Hoffnung auf EntschĂ€digung, und in der ĂŒberwĂ€ltigenden Mehrheit der FĂ€lle sogar ohne persönlichen Ehrgeiz. Ich habe Familien gesehen, die nicht wussten, wovon sie morgen leben sollten, der Mann in der ganzen kleinen Stadt wegen seiner Mitarbeit an der Zeitung boykottiert, und die Frau erhielt die Familie durch NĂ€hen; und diese Situation dauerte jahrelang, bis die Familie sich ohne ein Wort des Vorwurfs zurĂŒckzog, etwa mit den Worten: »Macht ihr weiter, wir können nicht mehr.« Ich habe MĂ€nner gesehen, die die Schwindsucht hatten und es wussten, und doch in Schnee und Nebel sich umhertrieben, um Versammlungen vorzubereiten; die ein paar Wochen vor ihrem Tode noch in Versammlungen sprachen und erst dann ins Spital gingen, etwa mit den Worten: »Freunde, mit mir ist‘s aus; die Ärzte sagen, ich habe nur noch ein paar Wochen zu leben. Sagt den Genossen, ich werde mich freuen, wenn sie mich besuchen kommen.« Ich habe Tatsachen gesehen, wo man von »Idealisierung« sprechen wĂŒrde, wenn ich an dieser Stelle davon berichten wollte; und selbst die Namen dieser MĂ€nner, die jenseits eines engen Freundeskreises kaum bekannt sind, werden bald vergessen sein, wenn auch die Freunde nicht mehr am Leben sind. In der Tat weiß ich selbst nicht, was am meisten zu bewundern ist: die unbegrenzte Hingebung dieser wenigen oder die Gesamtsumme kleiner Akte der Hingebung von Seiten der großen Masse. Jeder verkaufte Stoß Zeitungen, jede Versammlung, jede hundert Stimmen, die bei einer sozialistischen Wahl gewonnen werden, stellen eine Menge Energie und Opfer dar, von denen kein Außenstehender die geringste Vorstellung hat. Und was jetzt von Sozialisten getan wird, ist in der Vergangenheit in jeder politischen und religiösen fortschrittlichen Volkspartei geschehen. Aller Fortschritt der Vergangenheit ist durch solche MĂ€nner und solche Hingebung hervorgebracht worden.

Das Genossenschaftswesen, besonders das englische, ist oft als »Privatunternehmertum auf Aktien« bezeichnet worden; und so wie es jetzt ist, hat es ohne Zweifel die Tendenz, einen Genossenschaftsegoismus zu erzeugen, nicht nur gegen die Gemeinschaft als Ganzes, sondern auch unter den Genossenschaftern selbst. Es ist aber trotzdem gewiss, dass die Bewegung in ihrem Ursprung vorwiegend den Charakter der gegenseitigen Hilfe hatte. Auch jetzt haben ihre eifrigsten Verfechter die Überzeugung, dass die Genossenschaft die Menschheit zu einer höheren harmonischen Stufe der wirtschaftlichen Beziehungen fĂŒhrt, und es ist nicht möglich, sich in einer der Hochburgen des Genossenschaftswesens im Norden Englands aufzuhalten, ohne zu bemerken, dass die große Zahl in Reih und Glied dieselbe Meinung hat. Die meisten von ihnen wĂŒrden das Interesse an der Bewegung verlieren, wenn dieser Glaube nicht wĂ€re, und es muss zugegeben werden, dass in den letzten zwei Jahren umfassendere Ideale fĂŒr das allgemeine Wohl und die SolidaritĂ€t der Arbeitenden in den Genossenschaften herrschend geworden sind. Es besteht ohne Zweifel jetzt eine Tendenz zur Herstellung besserer Beziehungen zwischen den Besitzern der genossenschaftlichen WerkstĂ€tten und den Arbeitern.

Die Bedeutung der Genossenschaften in England, Holland und DĂ€nemark ist bekannt, und in Deutschland sind die Genossenschaften bereits ein wichtiger Faktor des industriellen Lebens. Russland ist es indessen, das vielleicht die beste Möglichkeit gibt, die Genossenschaft von den verschiedensten Seiten kennen zu lernen. In Russland ist sie ein natĂŒrliches GewĂ€chs, eine Erbschaft aus dem Mittelalter, und wĂ€hrend eine formell errichtete Kooperativgesellschaft mit vielen gesetzlichen Schwierigkeiten und dem Argwohn der Behörden zu tun hĂ€tte, bildet die formlose Genossenschaft – der Artel – den eigentlichen Inhalt des russischen Bauernlebens. Die Geschichte der Erschaffung Russlands und der Kolonisation Sibiriens, ist eine Geschichte der Jagd- und Gewerbeartels oder Gilden, denen die genossenschaftliche Dorfgemeinde folgte, und zurzeit finden wir den Artel ĂŒberall; in jeder Gruppe von zehn bis fĂŒnfzig Bauern, die aus demselben Dorf kommen, um in einer Fabrik zu arbeiten, in allen Baugewerken, unter Fischern und JĂ€gern, unter StrĂ€flingen auf ihrem Wege nach und in Sibirien, unter EisenbahngepĂ€cktrĂ€gern, Börsenboten, Zollhausarbeitern, ĂŒberall in den Dorfindustrien, die sieben Millionen Menschen BeschĂ€ftigung geben – von Kopf zu Fuß in der Welt der Arbeit, dauernd und zeitweise, zu Produktion und Konsum unter den verschiedensten UmstĂ€nden. Bis zum heutigen Tag gehören viele FischereiplĂ€tze an den ZuflĂŒssen des Kaspischen Meeres sehr großen Artels, der Uralfluss gehört der Gesamtheit der Uralkosaken, die die FischereiplĂ€tze – vielleicht die reichsten der Welt – ohne irgendwelche Einmischung der Behörden unter die einzelnen Dörfer verteilen und zu bestimmten Zeiten neu verteilen. Die Fischerei wird im Ural, der Wolga und auf allen Seen Nordrusslands in Artels betrieben. Außer diesen dauernden Organisationen gibt es nun noch die einfach zahllosen vorĂŒbergehenden Artels, die sich zu jedem bestimmten Zweck bilden. Wenn zehn oder zwanzig Bauern aus einem Dorf in eine große Stadt kommen, um als Weber, Zimmerer, Maurer, Schiffbauer usw. zu arbeiten, grĂŒnden sie immer einen Artel. Sie mieten RĂ€ume, stellen eine Köchin an (oft ist es die Frau von einem der Arbeiter), wĂ€hlen einen Ältesten und nehmen ihre Mahlzeiten gemeinsam ein, wobei jeder dem Artel zahlt, was fĂŒr Essen und Wohnung auf ihn kommt. Ein Trupp Gefangener auf seinem Weg nach Sibirien macht es immer so, und ihr erwĂ€hlter Ältester ist der offiziell anerkannte Vermittler zwischen den StrĂ€flingen und dem militĂ€rischen Vorgesetzten des Zuges. In den ZuchthĂ€usern haben sie dieselbe Organisation. Die GepĂ€cktrĂ€ger, die Boten an der Börse, die Arbeiter im Zollamt, die Dienstleute in den GroßstĂ€dten, die in corpore fĂŒr jedes Mitglied verantwortlich sind, genießen einen solchen Ruf, dass jeder Betrag in Geld oder Banknoten dem Artelmitglied von den Kaufleuten anvertraut wird. In den Baugewerken werden Artels von zehn bis zweihundert Mitgliedern gebildet; und die vernĂŒnftigen Baumeister und Eisenbahnunternehmer haben immer lieber mit einem Artel zu tun als mit einzeln eingestellten Arbeitern. Die letzten Versuche des Kriegsministeriums, direkt mit Produktiv-Artels in Beziehungen zu treten, die sich zu dem bestimmten Zweck in den Hausindustrien gebildet hatten, und ihnen Stiefel und alle Arten Messing- und Eisenwaren in Auftrag zu geben, werden als sehr zufriedenstellend geschildert, und die Verpachtung eines Eisenwerkes, das der Krone gehört (Wotkinsk), an einen Arbeiter-Artel, die vor sieben oder acht Jahren stattfand, war ein entschiedener Erfolg.

Wir können also in Russland sehen, wie die alte mittelalterliche Einrichtung, die (in ihren formlosen Erscheinungen) vom Staat nicht gestört worden ist, bis in die Gegenwart völlig lebendig geblieben ist, und je nach den Erfordernissen der modernen Industrie und des modernen Handels die mannigfaltigsten Formen annimmt. Auf dem Balkan, in der TĂŒrkei und Kaukasien haben sich die alten Gilden ebenfalls vollstĂ€ndig erhalten. Die Esnafs in Serbien haben ihren mittelalterlichen Charakter völlig bewahrt, sie umschließen Meister und Lohnarbeiter, regeln die Gewerbe und sind Einrichtungen zu gegenseitiger UnterstĂŒtzung bei der Arbeit und in KrankheitsfĂ€llen;306 wĂ€hrend die Amkari Kaukasiens, und insbesondere in Tiflis, außer diesen Funktionen noch einen betrĂ€chtlichen Einfluss im Gemeindeleben haben.

In Verbindung mit den Genossenschaften mĂŒsste ich vielleicht auch erwĂ€hnen: die UnterstĂŒtzungsvereine, die Oddfellowlogen, die Dorf- und Stadtvereine zur Bezahlung der Arztrechnungen, die Bekleidungs- und Beerdigungsvereine, die kleinen sehr hĂ€ufigen Vereinigungen unter FabrikmĂ€dchen, zu denen sie zwanzig oder dreißig Pfennig in der Woche beitragen, um spĂ€ter zwanzig Mark zu verlosen, mit denen wenigstens etwas Rechtes gekauft werden kann usw. Ein nicht unbetrĂ€chtliches StĂŒck sozialen oder humanen Geistes lebt in diesen Vereinen, auch wenn das »Kredit und Debet« jedes Mitgliedes genau gedacht wird. Aber es gibt so viele Gesellschaften, die sich auf die Bereitschaft grĂŒnden, Zeit, Gesundheit, und, wenn nötig, das Leben zu opfern, dass wir eine große Zahl Beispiele fĂŒr gegenseitige UnterstĂŒtzung der besten Art ausfĂŒhren können.

Die Rettungsbootgesellschaft in Großbritannien und Ă€hnliche Einrichtungen auf dem Kontinent mĂŒssen an erster Stelle genannt werden. Die erstgenannte hat jetzt ĂŒber dreihundert Boote an den KĂŒsten des Insellandes, und sie wĂŒrde doppelt so viele haben, wenn nicht die Armut der Fischer wĂ€re, die nicht imstande sind, Rettungsboote zu kaufen. Die Mannschaften bestehen indessen aus Freiwilligen, deren Bereitschaft, ihr Leben fĂŒr die Rettung von Menschen zu wagen, die ihnen völlig fremd sind, jedes Jahr ernsthaft auf die Probe gestellt wird; in jedem Winter ist der Verlust einiger der Wackersten von ihnen zu verzeichnen. Und wenn wir diese MĂ€nner fragen, was sie dazu bringt, ihr Leben aufs Spiel zu setzen, selbst wenn keine vernĂŒnftige Aussicht auf Erfolg besteht, dann bewegt sich ihre Antwort etwa auf den folgenden Linien. Ein fĂŒrchterlicher Schneesturm, der ĂŒber den Kanal jagte, tobte an der flachen, sandigen KĂŒste eines armseligen Dorfes in Kent, und eine kleine Schmacke, die Orangen geladen hatte, strandete an den nahe gelegenen SandbĂ€nken. In diesem seichten GewĂ€sser kann nur ein flaches Rettungsboot eines sehr einfachen Typs gehalten werden, und es wĂ€hrend eines solchen Sturmes hinauszulassen, hieß, dem fast sicheren Untergang entgegengehen. Und doch fuhren die MĂ€nner hinaus, kĂ€mpften stundenlang gegen den Wind und das Boot schlug zweimal um. Ein Mann ertrank, die andern wurden ans Ufer geworfen. Einer von diesen, ein intelligenter StrandwĂ€chter, wurde am nĂ€chsten Morgen fĂŒrchterlich zugerichtet und halb erfroren im Schnee gefunden. Ich fragte ihn, wie sie dazu gekommen seien, diesen verzweifelten Versuch zu machen. »Ich weiß es selbst nicht«, war seine Antwort. »Da war das Wrack, alle Leute aus dem Dorf standen am Strand, und alle sagten, es wĂ€re wahnsinnig, hinauszufahren, wir könnten uns nie durch diese Brandung durchbringen. Wir sahen fĂŒnf oder sechs MĂ€nner, die sich an den Mast klammerten und verzweifelte Zeichen machten. Wir fĂŒhlten alle, dass etwas geschehen mĂŒsse, aber was konnten wir tun? Eine Stunde, zwei Stunden vergingen, und wir alle standen da. Wir fĂŒhlten uns alle sehr niedergeschlagen. Dann war es uns plötzlich, als ob wir durch den Sturm hindurch ihr Rufen hörten – sie hatten einen Knaben bei sich. Das konnten wir nicht lĂ€nger aushalten. Alle auf einmal sagten wir: â€șWir mĂŒssen gehen.â€č Die Frauen sagten es auch, sie hĂ€tten uns als Feiglinge behandelt, wenn wir nicht gegangen wĂ€ren, obwohl sie am nĂ€chsten Tag sagten, wir seien verrĂŒckt gewesen. Wie ein Mann rannten wir zu dem Boot und fuhren los. Das Boot schlug um – aber wir konnten es festhalten. Das Schlimmste war zu sehen, wie der arme N. N. neben dem Boot ertrank, und wir konnten nichts tun, ihn zu retten. Dann kam eine fĂŒrchterliche Welle, wir schlugen wieder um und wurden ans Ufer geworfen. Die Leute wurden von dem Boot aus D. noch gerettet, unseres wurde meilenweit weggefĂŒhrt. Am nĂ€chsten Morgen fand man es im Schnee.«

Dieses GefĂŒhl trieb auch die Bergleute von Rhonda Valley, als sie an der Rettung ihrer Kameraden aus der ĂŒberschwemmten Grube arbeiteten. Sie hatten fast dreißig Meter Kohle durchbohrt, um ihre verschĂŒtteten Kameraden zu erreichen; aber als kaum mehr drei Meter fehlten, schlugen ihnen Grubengase entgegen. Die Lampen gingen aus, und die Retter zogen sich zurĂŒck. Unter solchen Bedingungen zu arbeiten, hieß riskieren, jeden Augenblick in die Luft zu fliegen. Aber das Klopfen der begrabenen Bergleute wurde noch gehört, die MĂ€nner waren noch am Leben und riefen um Hilfe, und mehrere Bergleute gingen freiwillig auf jede Gefahr hin ans Werk, und als sie in die Gruben hinabstiegen, hatten ihre Frauen nur stille TrĂ€nen – kein Wort, sie aufzuhalten.

Das ist der entscheidende Punkt der menschlichen Psychologie. Wenn die Menschen nicht auf dem Schlachtfeld zum Rasen gebracht werden, »können sie es nicht aushalten«, Hilferufe zu hören, ohne Hilfe zu leisten. Der Held geht, und was der Held tut, das fĂŒhlen alle, dass sie es ebenso gut hĂ€tten tun sollen. Die Sophismen des Hirns können der Hilfsbereitschaft zwischen den Menschen keinen Wider stand entgegensetzen, weil dieses GefĂŒhl wĂ€hrend vieler tausend Jahre menschlichen Gesellschaftslebens und Hunderttausenden von Jahren des vormenschlichen Gesellschaftslebens großgezogen worden ist.

»Aber wie steht es um die Menschen, die im Serpentineteich im Hydepark ertranken, wo eine große Menschenmenge zusah, von denen keiner sich rĂŒhrte, sie zu retten? Wie steht es um das Kind, das in den Regents Path-Kanal fiel – auch in Gegenwart einer Feiertagsmenge – und nur durch die Geistesgegenwart eines MĂ€dchens gerettet wurde, die ihren NeufundlĂ€nder ins Wasser ließ?« So könnte gefragt werden. Die Antwort ist einfach genug. Der Mensch ist ein Produkt sowohl seiner ererbten Instinkte wie seiner Erziehung. Unter den Bergleuten und Seeleuten erzeugen ihre gemeinsamen BeschĂ€ftigungen und ihr tĂ€gliches enges Zusammenleben ein GefĂŒhl der SolidaritĂ€t, und die Gefahren, in denen sie leben, erhalten die Tapferkeit. In den StĂ€dten dagegen zieht der Mangel an gemeinsamen Interessen GleichgĂŒltigkeit groß; die Tapferkeit, die selten Gelegenheit zur BetĂ€tigung findet, verschwindet oder schlĂ€gt eine andere Richtung ein. ĂŒberdies lebt die Tradition des heldenhaften Bergmanns oder Fischers in den Bergmannsund Fischerdörfern fort und wird von poetischem Schimmer verklĂ€rt. Was aber sind die Traditionen einer zusammengewĂŒrfelten Londoner Menge? Die einzige Überlieferung, die sie gemeinsam haben könnten, hĂ€tte von der Literatur geschaffen werden sollen, aber eine Literatur, die den Dorfepen entsprĂ€che, existiert kaum. Die Geistlichen sind so eifrig darauf bedacht, zu beweisen, dass alles, was aus der Menschennatur kommt, sĂŒndhaft ist, und dass alles Gute im Menschen ĂŒbernatĂŒrlichen Ursprungs ist, dass sie von den Tatsachen, die nicht als Beispiel höherer Eingebung oder Gnade, die von oben kommt, angefĂŒhrt werden können, meistens nichts wissen. Und was die weltlichen Schriftsteller sind – sie interessieren sich hauptsĂ€chlich nur fĂŒr eine Art Heroismus – den, der die Staatsidee fördert. Daher bewundern sie den römischen Helden, oder den Soldaten in der Schlacht, aber sie gehen an dem Heroismus des Fischers vorĂŒber und achten kaum darauf. Der Dichter und der Maler könnten natĂŒrlich von der Schönheit des Menschenherzens an sich ergriffen werden; aber beide kennen das Leben der Ă€rmeren Klassen selten; sie können zwar den Römer oder den Kriegshelden in der konventionellen Umgebung besingen oder malen, aber die eindrucksvolle Darstellung des Helden, der in dieser bescheidenen Umgebung, die sie nicht kennen, handelte, gelingt ihnen nicht. Wenn sie wagen, es zu tun, wird es bloß ein StĂŒck Rhetorik.

Die unzĂ€hligen Vereine, Klubs und Gesellschaften zur Lebensfreu de, zum Studium und zur Forschung, zur Erziehung usw., die in letzter Zeit so massenhaft emporgekommen sind, dass man Jahre dazu brauchte, sie nur zu registrieren, sind eine andere Äußerung derselben immer wachen Tendenz zur Vereinigung und gegenseitigen UnterstĂŒtzung. Einige von ihnen widmen sich, wie die jungen Vögel verschiedener Arten, die im Herbst zusammenkommen, völlig den gemeinsamen Freuden des Lebens. Jedes Dorf in England, Deutschland, der Schweiz usw. hat seine Klubs und Vereine: Kricket-, Fuß ball-, Tennis-, Kegel-, Taubenklubs, Musik- und Gesangvereine. Andere Vereine sind viel umfangreicher, und einige davon, wie der Radfahrerbund, haben rasch einen ungeheuren Aufschwung genommen. Obwohl die Mitglieder dieses Bundes nichts als die Liebe zum Radfahren gemein haben, gibt es doch bereits unter ihnen eine Art Freimaurerei zu gegenseitiger Hilfe, besonders in den entfernten Ecken und Winkeln, die nicht von Radfahrern ĂŒberflutet sind; sie erblicken in dem C. A. C. in England oder D. R.-B. in Deutschland – Deutscher Radfahrer-Bund – in einem Dorfe eine Art Heimat; und das jĂ€hrliche Bundesfest hat manche dauernde Freundschaft gestiftet. Die KegelbrĂŒder in Deutschland haben eine Ă€hnliche Vereinsorganisation; desgleichen die Turnvereine (300.000 Mitglieder 156 in Deutschland), die formlose BrĂŒderschaft der Ruderer in Frank reich, die Jachtklubs usw. Solche Vereine Ă€ndern gewiss nichts an der wirtschaftlichen Schichtung der Gesellschaft, aber besonders in den kleinen StĂ€dten tragen sie dazu bei, die sozialen Unterschiede zu mildern, und da sie alle die Tendenz haben, sich zu großen nationalen und internationalen BĂŒnden zusammenzuschließen, unterstĂŒtzen sie sicherlich das Entstehen persönlichen freundschaftlichen Verkehres zwischen allerlei Menschen, die in verschiedenen Teilen des Erdballs zerstreut sind.

Die Alpenvereine, der Jagdschutzverein in Deutschland, der ĂŒber 100.000 Mitglieder hat – JĂ€ger, studierte Forstleute, Zoologen und einfache Naturfreunde – und die Internationale Ornithologische Gesellschaft, die Zoologen, ZĂŒchter und einfache deutsche Bauern zu Mitgliedern hat, haben denselben Charakter. Sie haben nicht nur in ein paar Jahren eine Menge sehr nĂŒtzliche Arbeit getan, die nur große Gesellschaften richtig tun konnten (Karten, SchutzhĂŒtten, Bergwege, Forschungen ĂŒber das Tierleben, ĂŒber schĂ€dliche Insekten, ĂŒber Wanderungen von Vögeln usw.), sondern sie schaffen auch neue Verbindungen zwischen den Menschen. Zwei Bergsteiger verschiedener NationalitĂ€t, die sich in einer SchutzhĂŒtte im Kaukasus treffen, oder der Professor und der Bauer, beide Ornithologen, die im selben Hause weilen, sind fĂŒreinander keine Fremden mehr; und die Uncle Toby‘s Society in Newcastle, die bereits ĂŒber 260.000 Knaben und MĂ€dchen dazu gebracht hat, nie Vogelnester zu zerstören und zu allen Tieren gĂŒtig zu sein, hat sicher mehr fĂŒr die Entwicklung menschlicher GefĂŒhle und der Lust zur Naturwissenschaft getan, als Dutzende Moralisten und unsere meisten Schulen.

Wir dĂŒrfen in dieser raschen Übersicht nicht an den Tausenden wissenschaftlichen, literarischen, pĂ€dagogischen und Kunstvereinen vorĂŒbergehen. Bis jetzt haben sich die wissenschaftlichen Körperschaften, die vom Staat beaufsichtigt und oft mit Geld unterstĂŒtzt wurden, im allgemeinen in sehr engen Kreisen bewegt, und sie wurden oft nur als Gelegenheiten betrachtet, eine Staatsanstellung zu erlangen, und die Enge ihrer Kreise hat ohne Frage oft zu kleinen Eifersuchtsstreitigkeiten gefĂŒhrt. Aber doch werden die Unterschiede der Geburt, der politischen Parteien und Glaubensbekenntnisse durch diese Gesellschaften bis zu gewissem Grade gemildert; und in den kleineren und abgelegenen Stadien werden die wissenschaftlichen, geographischen oder Musikvereine, besonders solche, die sich an einen grĂ¶ĂŸeren Kreis von Liebhabern wenden, kleine Mittelpunkte geistigen Lebens, eine Art Bindeglied zwischen dem kleinen Fleck und der weiten Welt, und ein Ort, wo Menschen recht verschiedener Lebens lagen sich auf dem Fuße der Gleichheit begegnen. Um den Wert solcher Mittelpunkte recht zu wĂŒrdigen, sollte man etwa die Sibiriens kennen lernen. Die zahllosen Erziehungs- und Bildungsvereine, die erst jetzt anfangen, das Erziehungsmonopol des Staates und der Kirche zu durchbrechen. werden gewiss einmal die fĂŒhrende Macht auf diesem Gebiet werden. Den Fröbelvereinen und dergleichen verdankt man bereits – nicht nur in Deutschland, auch in England das System der KindergĂ€rten; und einer Reihe formeller und formloser Erziehungsgesellschaften verdanken wir die hohe Stufe der Frauenerziehung in Russland, obwohl wĂ€hrend der ganzen Zeit diese Gesellschaften und Gruppen in starkem Gegensatz zu einer mĂ€chtigen Regierung vorgehen mussten. Von den verschiedenen pĂ€dagogischen Gesellschaften und Lehrervereinen in Deutschland ist es bekannt, dass ihnen hauptsĂ€chlich die Ausarbeitung der modernen Methoden des wissenschaftlichen Unterrichts in den Volksschulen zu verdanken ist. In diesen Vereinen findet auch der Lehrer seine beste UnterstĂŒtzung. Wie elend wĂ€re der ĂŒberarbeitete und schlechtbezahlte Dorfschullehrer ohne ihre Hilfe daran gewesen!

Alle diese Vereine, Gesellschaften, BrĂŒderschaften, BĂŒnde, Institute usw., die jetzt in Europa allein nach Zehntausenden zĂ€hlen, und von denen jeder einzelne Verein eine große Menge freiwillige, uneigennĂŒtzige, unbezahlte oder schlechtbezahlte Arbeit darstellt – was sind sie anders als lauter mannigfaltige Offenbarungen derselben immer lebendigen Tendenz des Menschen zu gegenseitiger Hilfe und UnterstĂŒtzung? Beinahe drei Jahrhunderte lang hat man die Menschen verhindert, sich auch nur zu literarischen, kĂŒnstlerischen und Bildungszwecken zu verbinden. Man konnte nur unter dem Schutz des Staates oder der Kirche oder als geheime BrĂŒderschaften, wie die Freimaurerei, Gesellschaften bilden. Aber jetzt, wo der Widerstand gebrochen ist, schießen sie auf allen Gebieten empor, dehnen sich auf alle mannigfaltigen Bereiche der menschlichen BetĂ€tigung aus, werden international und tragen ohne Zweifel, in einem Maße, das jetzt noch nicht völlig ĂŒbersehen werden kann, dazu bei, die WĂ€lle niederzureißen, die von den Staaten zwischen den verschiedenen Völkern aufgerichtet worden sind. Trotz den Feindschaften, die durch die Handelskonkurrenz erzeugt werden, und den HassausbrĂŒchen, die die Gespenster einer dem Untergang geweihten Vergangenheit hervorrufen, gibt es ein Bewusstsein internationaler SolidaritĂ€t, das unter den geistigen FĂŒhrern der Welt wie unter den Massen der Arbeiter herauskommt, seit auch sie das Recht zu internationalen Beziehungen erobert haben; und zur VerhĂŒtung eines europĂ€ischen Krieges wĂ€hrend des letzten Viertels eines Jahrhunderts hat dieser Geist ohne Zweifel zu seinem Teil beigetragen.

Die religiösen WohltĂ€tigkeitsvereine und frommen Stiftungen, die wiederum eine Welt fĂŒr sich vorstellen, mĂŒssen ohne Frage an dieser Stelle genannt werden. Es besteht nicht der leiseste Zweifel, dass die große Masse ihrer Mitglieder von denselben hilfreichen GefĂŒhlen bewegt wird, die der ganzen Menschheit gemein sind. Leider ziehen es die religiösen Unterweiser der Menschen vor, diese GefĂŒhle einem ĂŒbernatĂŒrlichen Ursprung zuzuschreiben. Viele von ihnen behaupten, der Mensch gehorche in seinem Gewissen der Stimme nicht, die nach gegenseitiger Hilfe ruft, solange er nicht von den Lehren der Spezialreligion erfĂŒllt sei, deren Vertreter sie sind, und mit St. Augustin erkennen sie meistens solche GefĂŒhle bei dem »heidnischen Wilden« nicht an. WĂ€hrend ĂŒberdies das erste Christentum wie alle anderen Religionen ein Appell an das allgemein menschliche GefĂŒhl fĂŒr gegenseitige Hilfe, an das MitgefĂŒhl war, hat die christliche Kirche den Staat darin unterstĂŒtzt, alle bestehenden Institutionen zu gegen seitiger Hilfe und UnterstĂŒtzung zu vernichten, die frĂŒher als sie da waren oder sich unabhĂ€ngig von ihr entwickelt hatten; und an Stelle der gegenseitigen Hilfe, die jeder Wilde seinem Stammesbruder schuldig zu sein glaubt, hat sie die christliche Liebe gepredigt, die die Marke der Eingebung von oben und demgemĂ€ĂŸ eine gewisse Überlegenheit des Gebers ĂŒber den EmpfĂ€nger an sich trĂ€gt. Mit dieser EinschrĂ€nkung und ohne irgendeine Absicht, denen Ärgernis zu geben, die sich als auserwĂ€hlte Gemeinde betrachten, wenn sie einfach menschliche Werke tun, können wir sicher die ungeheure Zahl religiöser WohltĂ€tigkeitsvereine als ein Produkt derselben Tendenz zu gegenseitiger Hilfe betrachten.

All diese Tatsachen zeigen, dass eine rĂŒcksichtslose Verfolgung persönlicher Interessen, ohne sich um die BedĂŒrfnisse anderer Menschen zu kĂŒmmern, nicht das einzige Kennzeichen des modernen Lebens ist. Neben dieser Strömung, die stolz die FĂŒhrung der menschlichen Angelegenheiten beansprucht, gewahren wir einen harten Kampf der lĂ€ndlichen und der Industriebevölkerung, um wieder stehende Einrichtungen zu gegenseitiger Hilfe und UnterstĂŒtzung einzufĂŒhren; und wir finden in allen Klassen der Gesellschaft eine weitverbreitete Bewegung, die auf die Errichtung unendlich verschiedenartiger mehr oder weniger dauernder Institutionen zum selben Zweck abzielt. Aber wenn wir von dem öffentlichen Leben zum Privatleben des Individuums unserer Zeit ĂŒbergehen, finden wir außerdem noch eine Ă€ußerst weite Welt der gegenseitigen Hilfe und UnterstĂŒtzung, die nur darum der Beachtung der meisten Soziologen entgeht, weil sie auf den engen Kreis der Familie und persönlichen Freundschaft beschrĂ€nkt ist.

Unter der Herrschaft des gegenwĂ€rtigen sozialen Systems sind alle einigenden Bande zwischen den Einwohnern derselben Straße oder Gegend zerrissen worden. In den reicheren Vierteln der großen StĂ€dte leben die Menschen, ohne zu wissen, wer ihre nĂ€chsten Nachbarn sind. Aber in den Gassen, wo die Massen wohnen, kennen die Leute einander sehr gut und kommen fortwĂ€hrend in gegenseitige BerĂŒhrung. NatĂŒrlich – kleine Streitigkeiten kommen vor, in den Gassen wie anderswo; aber es entstehen persönliche Zuneigungen und im Anschluss daran Gruppierungen, und innerhalb dieser Kreise wird die gegenseitige Hilfe in einem Umfang geĂŒbt, von dem die reicheren Klassen keine Ahnung haben. Wenn wir z. B. die Kinder einer armen Gegend nehmen, die auf der Straße oder dem Kirchhof oder einem Rasen spielen, so bemerken wir sofort, dass trotz den manchmal vorkommenden KĂ€mpfen eine enge Verbindung zwischen ihnen besteht, und dass diese Verbindung sie vor allerlei UnglĂŒcks fĂ€llen beschĂŒtzt. Sowie eins von den Kindern sich neugierig ĂŒber eine Öffnung der Kanalisation biegt, ruft etwa ein Spielkamerad:

»Geh da fort! Die Luft in dem Loch ist ungesund!« – »Nicht auf die Mauer dort klettern! Wenn du hinunterfĂ€llst, kannst du vom Zug ĂŒberfahren werden! Geh nicht so nah an den Graben! Iss diese Beeren nicht – sie sind giftig! Du musst sterben!« Das sind die ersten Lehren, die dem Knirps eingeprĂ€gt werden, wenn er zu anderen Kindern ins Freie kommt. Wie viele Kinder, deren Spielplatz das Straßenpflaster bei den »MusterarbeiterhĂ€usern« ist oder die Quais und BrĂŒcken der KanĂ€le, wĂŒrden totgefahren werden oder ertrĂ€nken in dem schmutzigen Wasser, wenn diese Art Beistand nicht wĂ€re! Und wenn Karlchen im Hof in eine offene Grube oder Lieschen schließlich doch in den Kanal gefallen ist, dann erheben die Kinder ein solches Geschrei, dass die Nachbarn herbeistĂŒrzen und zu Hilfe kommen.

Nun kommen wir an den Bund der MĂŒtter. »Sie können sich keinen Begriff machen«, so erzĂ€hlte mir jĂŒngst eine Ärztin, die sich in einem Armenviertel niedergelassen hat, »wie sehr sie einander helfen. Wenn eine Frau fĂŒr das Kind, das sie erwartet, nichts in Bereitschaft hat oder nichts haben kann – und wie oft kommt das vor! – dann bringen alle Nachbarinnen etwas fĂŒr das Neugeborene. Eine Nachbarin sorgt immer fĂŒr die Kinder, und andere sehen immer schnell nach der Wirtschaft, solange die Mutter zu Bett liegt.« Das ist ein allgemeiner Brauch. Er wird von all denen berichtet, die unter den Armen gelebt haben. Mit tausenderlei Kleinigkeiten unterstĂŒtzen die MĂŒtter einander und sorgen fĂŒr Kinder, die nicht ihre eigenen sind. Einige Erziehung – ob gut oder schlecht, mögen sie selbst entscheiden – ist erforderlich, damit eine Dame der reicheren Klassen imstande ist, an einem frierenden und hungernden Kind auf der Straße vorbeizugehen, ohne es zu bemerken. Aber die MĂŒtter der Ă€rmeren Klassen haben keine solche Erziehung. Sie können den Anblick eines hungrigen Kindes nicht aushalten; sie mĂŒssen ihm etwas zu essen geben und sie tun es. »Wenn die Schulkinder um Brot bitten, so werden sie selten oder eigentlich nie zurĂŒckgewiesen« – so schreibt mir eine Freundin, die mehrere Jahre in Verbindung mit einem Arbeiterklub in Whitechapel gewirkt hat. Aber vielleicht ist es angezeigt, einige weitere Stellen aus ihrem Brief hierherzusetzen:

»Erkrankte Nachbarn ohne die geringste EntschĂ€digung zu pflegen, ist unter den Arbeitern ganz allgemein ĂŒblich. Und wenn eine Frau kleine Kinder hat und zur Arbeit geht, sorgt eine andere Mutter immer fĂŒr die Kinder.«

»Wenn die Leute in den Arbeiterklassen einander nicht helfen wĂŒrden, könnten sie nicht bestehen. Ich kenne Familien, die fortwĂ€hrend einander helfen – mit Geld, Nahrung, Feuerung, mit der Sorge fĂŒr die Kinder, in Krankheits- und TodesfĂ€llen.«

»Mein und Dein wird unter den Armen viel weniger scharf unter schieden als unter den Reichen. Stiefel, Kleider, HĂŒte usw. – was sofort gebraucht wird – leihen sie fortwĂ€hrend voneinander, und ebenso alle möglichen WirtschaftsgegenstĂ€nde.«

»Im letzten Winter hatten die Mitglieder des United Radical Club etwas Geld aufgebracht und nach Weihnachten fingen sie an, unter die Schulkinder unentgeltlich Suppe und Brot zu verteilen. AllmĂ€hlich waren es 1800 Kinder, mit denen sie zu tun hatten. Das Geld kam von Außenstehenden, aber alle Arbeit taten die Klubmitglieder. Einige von ihnen, die keine Arbeit hatten, kamen um vier Uhr morgens, um die GemĂŒse zu waschen und zu schĂ€len; fĂŒnf Frauen kamen um neun oder zehn Uhr (nachdem sie ihre eigene Wirtschaft besorgt hatten), um zu kochen, und blieben bis sechs oder sieben Uhr, um das Geschirr abzuwaschen. Und zur Essenszeit, zwischen zwölf und halb zwei Uhr, kamen zwanzig bis dreißig Arbeiter herzu, um beim Austeilen der Suppe zu helfen, und jeder blieb so lange, als er von seiner Tischzeit erĂŒbrigen konnte. So ging es zwei Monate lang. Be zahlt wurde niemand.«

Meine Freundin berichtet auch einige EinzelfÀlle, von denen die folgenden typisch sind:

»Annie W. wurde von ihrer Mutter bei einer alten Frau in Wilmot Street in Pension gegeben. Als ihre Mutter starb, behielt die alte Frau, die selbst sehr arm war, das Kind, ohne einen Pfennig dafĂŒr zu erhalten. Als die alte Frau auch in ihrer Todeskrankheit lag, wurde das Kind, das fĂŒnf Jahre alt war, natĂŒrlich vernachlĂ€ssigt und war recht zerlumpt; aber eines Tages nahm Frau S. es mit sich, die Frau eines Schuhmachers, die selbst sechs Kinder hat.«

»JĂŒngst pflegte Frau M., eine Mutter von sechs Kindern, Frau M. wĂ€hrend ihrer Krankheit, und nahm das Ă€lteste Kind mit sich nach Hause … Aber brauchen Sie solche Tatsachen? Sie sind ganz allgemein … Ich kenne auch Frau W. (Oval, Hackney Road), die eine NĂ€hmaschine hat und fortwĂ€hrend fĂŒr andere nĂ€ht, ohne je die geringste EntschĂ€digung zu nehmen, obwohl sie selbst fĂŒr fĂŒnf Kinder und ihren Mann zu sorgen hat … usw.«

FĂŒr jeden, der das Arbeiterleben kennt, ist es klar, dass sie, wenn nicht in großem Maße unter ihnen gegenseitige Hilfe geĂŒbt wĂŒrde, sich niemals durch alle Schwierigkeiten durchschlagen könnten. Es ist nur glĂŒcklicher Zufall, wenn eine Arbeiterfamilie ihr Leben verbringen kann, ohne in Lagen zu kommen, wie die Krise, die der Bandweber Joseph Gutteridge in seiner Selbstbiographie beschreibt. Und wenn nicht alle in solchen FĂ€llen zugrunde gehen, so verdanken sie es gegenseitiger Hilfe. In Gutteridges Fall war es eine alte Kinder frau, die selbst jĂ€mmerlich arm war und die in dem Augenblick auftauchte, wo die Familie vor der letzten Katastrophe stand, und ihnen Brot, Kohlen und Betten brachte, die man ihr auf Kredit gegeben hatte. In anderen FĂ€llen ist es sonst jemand, oder die Nachbarn tun Schritte, die Familie zu retten. Aber wie viele wĂ€ren ohne die Hilfe anderer Armen alljĂ€hrlich völlig zugrunde gegangen.

Nachdem Mr. Plimsoll einige Zeit mit 7,50 Mark in der Woche unter den Armen gelebt hatte, war er genötigt, anzuerkennen, dass die freundlichen GefĂŒhle, die er zu Beginn dieses Lebens gehegt hatte, »in herzliche Hochachtung und Bewunderung« umschlugen, als er sah, wie die Beziehungen unter den Armen von gegenseitiger Hilfe und UnterstĂŒtzung erfĂŒllt sind, und die einfachen Wege kennen lernte, auf denen diese UnterstĂŒtzung gegeben wird. Nach einer Erfahrung vieler Jahre kam er zu dem Schluss: »Wenn man darĂŒber nachdenkt, findet man: so wie diese Menschen waren, so sind die meisten in der Arbeiterklasse.« Das Aufziehen von Waisen, selbst in den Ă€rmsten Familien, ist eine so weitverbreitete Sitte, dass man es als allgemein herrschende Regel schildern kann: so zeigte es sich bei den Bergleuten nach den zwei Explosionen von Warren Vale und Lund Hill, dass »fast ein Drittel der getöteten MĂ€nner, wie die betreffenden Komitees bezeugen können, in dieser Weise außer fĂŒr Weib und Kind noch Verpflichtungen fĂŒr Verwandte auf sich genommen hatten.« – »Hat man darĂŒber nachgedacht«, fĂŒgte Mr. Plimsoll hinzu, »was das bedeutet? Reiche, auch bloß wohlhabende Leute tun das, ohne Zweifel. Aber man bedenke den Unterschied.« Man bedenke, was die Summe von einer Mark, die jeder Arbeiter zeichnet, um der Witwe eines Kameraden zu helfen, oder von fĂŒnfzig Pfennig, um einem Kollegen zu helfen, die Mehrkosten eines BegrĂ€bnisses zu bestreiten, fĂŒr jemanden bedeutet, der sechzehn Mark in der Woche verdient und eine Frau und oft fĂŒnf oder sechs Kinder zu erhalten hat. Aber solche UnterstĂŒtzungen durch Zeichnen von BeitrĂ€gen sind ein allgemeiner Brauch der Arbeiter in aller Welt. selbst in viel gewöhnlicheren FĂ€llen als bei einem Todesfall in der Familie, und Hilfe bei der Arbeit ist das hĂ€ufigste Vorkommnis ihres Lebens.

Nun fehlen dieselben BrĂ€uche gegenseitiger Hilfe nicht in den reicheren Klassen. Wenn man natĂŒrlich an die HĂ€rte denkt, die oft von den reicheren Unternehmern gegen ihre Angestellten an den Tag gelegt wird, dann wird man geneigt sein, von der menschlichen Natur sehr pessimistisch zu denken. Viele werden sich der EntrĂŒstung erinnern, die wĂ€hrend des großen Streiks in Yorkshire 1894 erregt wurde, als alte Bergleute, die in einem verlassenen Schacht Kohlen gehauen hatten, von den Bergwerksbesitzern gerichtlich verfolgt wurden. Und selbst wenn wir die Greuel des Kampfes und sozialen Krieges, wie die Ermordung von Tausenden gefangener Arbeiter nach dem Fall der Pariser Kommune, beiseitelassen – wer kann z. B. EnthĂŒllungen der Arbeiterenquete, die in England in den vierziger Jahren veranstaltet wurde, oder was Lord Shaftesbury ĂŒber die »entsetzliche VerwĂŒstung des Menschenlebens in den Fabriken« schrieb, »zu der Kinder, die man aus den ArbeitshĂ€usern nahm oder einfach im ganzen Lande kaufte, um sie als Fabriksklaven wieder zu verkaufen, verurteilt waren« – wer, frage ich, kann das lesen, ohne den lebhaften Eindruck zu bekommen, welcher Niedrigkeit der Mensch fĂ€hig ist, wenn seine Habgier im Spiele ist? Aber es muss auch gesagt werden, dass man nicht alle Schuld fĂŒr diese Behandlung auf die verbrecherische menschliche Natur schieben darf. Waren nicht die Lehren von MĂ€nnern der Wissenschaft, ja auch eines betrĂ€chtlichen Teiles der Geistlichkeit, bis in die neueste Zeit Lehren des Misstrauens, der Verachtung und fast des Hasses gegen die Ă€rmeren Klassen? Lehrte nicht die Wissenschaft, dass seit der Aufhebung der Leibeigenschaft niemand arm zu sein brauche, es sei denn infolge seiner eigenen Lasterhaftigkeit? Und wie wenige in der Kirche hatten den Mut, die Kindermörder zu tadeln, wĂ€hrend die meisten lehrten, die Leiden der Armen und selbst die Sklaverei der Neger seien von Gottes Vorsehung so gewollt! War nicht der Nonkonformismus an sich schon bis zu hohem Grade ein Protest des Volkes gegen die harte Behandlung der Armen von Seiten der offiziellen Kirche?

Mit solchen geistigen FĂŒhrern wurden die GefĂŒhle der reicheren Klassen notwendigerweise, wie Mr. Plimsoll bemerkte, nicht so sehr abgestumpft als »geschichtet«. Sie gingen selten zu den Armen hinab, von denen die Wohlhabenden durch ihre Lebensweise getrennt sind und die sie nicht von den besten Seiten, in ihrem Alltagsleben, kennen. Aber unter sich selbst – wenn man die Wirkungen der durch die AnhĂ€ufung der ReichtĂŒmer erzeugten Leidenschaften und die sinnlosen Ausgaben, die der Reichtum mit sich bringt, außer Acht lĂ€sst – unter sich, im Kreis der Familie und der Freunde, ĂŒben die Reichen dieselbe gegenseitige Hilfe und UnterstĂŒtzung wie die Armen. Jhering und L. Dargun haben vollstĂ€ndig recht, wenn sie sagen, eine Statistik ĂŒber all das Geld, das in Form freundschaftlicher Darlehen und UnterstĂŒtzungen von Hand zu Hand geht, wĂŒrde, wenn sie veranstaltet werden könnte, eine enorme Summe ergeben, selbst wenn man sie mit den GeschĂ€ften des Welthandels vergleichen wollte. Und wenn wir, was wir ohne Frage sollten, hinzuzĂ€hlen könnten, was an Gastfreundschaft, kleinen gegenseitigen Diensten, der Regelung der Angelegenheiten anderer, Schenkungen und WohltĂ€tigkeitsgaben aufgewandt wird, so wĂ€ren wir ohne Zweifel erstaunt ĂŒber die Bedeutung solcher Beziehungen fĂŒr die Volkswirtschaft. Selbst in der Welt, die vom Handelsegoismus geregelt wird, zeigt die hĂ€ufige Wendung »Wir sind von der und der Firma hart behandelt worden«, dass es auch eine freundliche Behandlung gibt, die der harten, d. h. der gesetzlich zulĂ€ssigen entgegengesetzt ist; und jeder Kaufmann weiß, wie viele Firmen jedes Jahr durch die freundschaftliche UnterstĂŒtzung anderer Firmen vor dem Zusammenbruch gerettet werden.

Was die WohltĂ€tigkeit angeht und die Arbeitsleistung fĂŒr das allgemeine Wohl, die von so vielen Wohlhabenden ebenso wie von Arbeitern, und ganz besonders von Gewerbetreibenden getan wird, so kennt jeder die Rolle, die diese zwei Arten der Milde im modernen Leben spielen. Wenn auch der Wunsch, BerĂŒhmtheit, politische Macht oder gesellschaftliche Auszeichnung zu erlangen, den wahren Charakter dieser Art WohltĂ€tigkeit oft trĂŒbt, so ist doch kein Zweifel möglich, dass in der Mehrheit der FĂ€lle der Antrieb eben von denselben hilfreichen GegenseitigkeitsgefĂŒhlen kommt. Menschen, die ReichtĂŒmer gesammelt haben, finden in ihnen sehr oft nicht die er wartete Befriedigung. Andere fangen an zu empfinden, dass – die Nationalökonomen mögen noch so sehr sagen, der Reichtum sei Lohn fĂŒr besondere FĂ€higkeit – ihr eigener Lohn ĂŒbertrieben groß ist. Das Bewusstsein der SolidaritĂ€t der Menschen beginnt sich einzustellen; und obschon das Gesellschaftsleben so eingerichtet ist, dass dieses GefĂŒhl durch tausend kĂŒnstliche Mittel unterdrĂŒckt wird, bekommt es doch oft die Oberhand; und dann versuchen sie, diesem tiefgewurzelten menschlichen Verlangen Luft zu machen und geben ihr Vermögen oder ihre Kraft fĂŒr eine Sache, die nach ihrer Meinung dem allgemeinen Wohle förderlich ist.

Kurz, weder die zermalmende Macht des zentralisierten Staates noch die Lehren von gegenseitigem Hass und erbarmungslosem Kampf, die mit den Abzeichen der Wissenschaft angetan von dienstfertigen Philosophen und Soziologen kamen, konnten das GefĂŒhl fĂŒr die SolidaritĂ€t der Menschen ausrotten, das im Geist und im Herzen der Menschen tiefe Wurzeln geschlagen hat, weil es von unserer ganzen bisherigen Entwicklung großgezogen worden ist. Was das Ergebnis der Entwicklung von ihren ersten Stufen an ist, kann nicht von einer Erscheinung eben dieser Entwicklung ĂŒberwĂ€ltigt werden. Und das BedĂŒrfnis nach gegenseitiger Hilfe und UnterstĂŒtzung, das sich zuletzt in den engen Kreis der Familie oder der Nachbarn in den Mietskasernen, in das Dorf oder den Geheimbund der Arbeiter geflĂŒchtet hatte, richtet sich nun auch in unserer modernen Gesellschaft wieder auf und beansprucht sein Recht, zu sein, was es immer gewesen ist: der HauptfĂŒhrer zum weiteren Fortschritt. Das sind die Anschauungen, zu denen wir mit Notwendigkeit gelangen, wenn wir ĂŒber all die Gruppen von Tatsachen grĂŒndlich nachdenken, die in den letzten beiden Kapiteln kurz aufgezĂ€hlt worden sind.

Schluss

Wenn wir nun die Lehren, die sich aus der Untersuchung der modernen Gesellschaft ergeben, in Verbindung mit der Beweismasse fĂŒr die Wichtigkeit der gegenseitigen Hilfe in der Entwicklung des Tierreichs und der Menschheit betrachten, so können wir unsere Untersuchung folgendermaßen zusammenfassen.

Im Tierreich haben wir gesehen, dass die ĂŒbergroße Mehrheit der Arten in Gesellschaften leben, und dass sie in der Vereinigung die besten Waffen fĂŒr den Kampf ums Dasein finden: dies Wort natĂŒrlich in seinem weiten Darwinistischen Sinne genommen – nicht als ein Kampf um die nackten Existenzmittel, sondern als Kampf gegen alle natĂŒrlichen UmstĂ€nde, die der Art ungĂŒnstig sind. Die Tierarten, in denen der Kampf zwischen Individuen auf sein engstes Gebiet beschrĂ€nkt ist, und wo die BetĂ€tigung gegenseitiger Hilfe den grĂ¶ĂŸten Umfang angenommen hat, sind unweigerlich die zahlreichsten, die bestgestellten und zum Fortschritt geeignetsten. Der gegenseitige Schutz, der in diesem Fall erreicht wird, die Möglichkeit, ein hohes Alter zu erreichen und Erfahrung zu. sammeln, die höhere Entwicklung des Intellekts und das Weiterwachsen der geselligen Sitten sichern die Erhaltung der Art, ihre Ausdehnung und ihre weitere fortschreitende Entwicklung. Die ungeselligen Arten dagegen sind zum Untergang verurteilt.

Wir gingen dann zum Menschen ĂŒber und fanden, dass er im allerersten Anfang der Steinzeit in Clans und StĂ€mmen lebte; wir sahen, wie sich eine umfassende Reihe sozialer Einrichtungen bereits auf den niedereren Stufen des Lebens der Wilden ausbildete, im Clan und im Stamm, und wir fanden, dass die frĂŒhesten StammesbrĂ€uche und Sitten der Menschheit den Embryo aller Institutionen gaben, die spĂ€terhin die Hauptformen weiteren Fortschritts waren. Aus dem Stamm der Wilden erwuchs die barbarische Dorfmark, und ein neuer, noch weitergreifender Kreis sozialer BrĂ€uche, Sitten und Einrichtungen, von denen eine Menge noch heute unter uns leben, bildete sich unter der Geltung der Prinzipien des Gemeinbesitzes eines bestimmten Gebietes und seiner gemeinsamen Verteidigung, unter der Gerichtsbarkeit der dörflichen Volksversammlung, und in dem Bunde der Dörfer, die – wie man wenigstens glaubte – derselben Völkerschaft angehörten. Und als neue Erfordernisse die Menschen dazu brachten, einen neuen Weg zu suchen, fanden sie ihn in der Stadt, die ein doppeltes Netzwerk vorstellten: Gebietseinheiten (Dorfmarkgenossenschaften) in Verbindung mit Gilden; diese letzteren entstanden aus der gemeinsamen BetĂ€tigung in einem bestimmten Handwerk oder einer bestimmten Kunst, oder zu gegenseitiger UnterstĂŒtzung und Verteidigung.

Und schließlich haben wir in den letzten beiden Kapiteln Tatsachen vorgefĂŒhrt, die zeigten, dass trotz dem Heraufkommen des nach dem Muster des kaiserlichen Rom gebildeten Staates, der allen mittelalterlichen Einrichtungen zu gegenseitiger UnterstĂŒtzung ein gewalttĂ€tiges Ende machte, diese neue Form der Zivilisation nicht von Dauer sein konnte. Der Staat, der sich auf unverbundene Summen von Individuen, deren einzige Verbindung er sein wollte, grĂŒndete, entsprach nicht seinem Zweck. Die Tendenz, gegenseitige Hilfe zu ĂŒben, zwang schließlich seine eisernen Gesetze nieder; sie erschien von neuem und behauptete sich wieder in einer unendlichen Zahl von Vereinigungen, die jetzt darauf hinzielen, alle Erscheinungsformen des Lebens zu umfassen und von allem Besitz zu ergreifen, was der Mensch zum Leben und zur Wiedererzeugung dessen, was das Leben verzehrt hat, braucht.

Es wird wahrscheinlich eingewandt werden, die gegenseitige Hilfe, auch wenn sie einen Faktor der Entwicklung darstellen möge, decke sich trotzdem nur mit einer einzigen Erscheinungsform der menschlichen Beziehungen; neben dieser Strömung, so mĂ€chtig sie auch sein möge, gebe es, und habe es immer gegeben, eine andere Strömung – die Selbstbehauptung des Individuums, nicht nur in seinen Anstrengungen, fĂŒr seine Person oder Kaste ökonomische, politische und geistige Oberherrschaft zu gewinnen, sondern auch in seiner viel wichtigeren, wennschon weniger deutlichen Aufgabe, die Bande zu durchbrechen, mit denen der Stamm, die Dorfgemeinde, die Stadt und der Staat das Individuum umspannen, und die immer in Gefahr sind, zu verknöchern. Mit anderen Worten, die Selbstbehauptung des Individuums sei auch ein Element des Fortschritts.

Es ist klar, dass keine Übersicht ĂŒber die Entwicklung vollstĂ€ndig sein kann, wenn nicht diese beiden beherrschenden Strömungen untersucht werden. Indessen sind die Selbstbehauptung des Individuums oder von Gruppen von Individuen, ihre KĂ€mpfe um die Herrschaft, und die Konflikte, die sich daraus ergeben, schon seit unvordenklichen Zeiten untersucht, beschrieben und verherrlicht worden. In der Tat hat bis in die Gegenwart diese Strömung allein die Aufmerksamkeit des epischen Dichters, des Chronisten, des Historikers und des Soziologen gefunden. Die Geschichte, so wie sie bisher geschrieben worden ist, ist fast gĂ€nzlich eine Schilderung der Mittel und Wege, auf denen die Theokratie, die MilitĂ€rgewalt, die Autokratie und spĂ€terhin die Herrschaft der reicheren Klassen angebahnt, errichtet und behauptet worden ist. Die KĂ€mpfe zwischen diesen MĂ€chten bilden in der Tat den Inhalt der Geschichte. Wir können also die Kenntnis des individuellen Faktors in der Menschengeschichte als gegeben ansehen – obwohl fĂŒr eine neue Untersuchung des Gegenstandes in dem oben angedeuteten Sinne noch Raum genug ist; andererseits aber ist der Faktor gegenseitige Hilfe bisher gĂ€nzlich ĂŒbersehen worden; er wurde von den Schriftstellern unserer und der vorhergehenden Generationen einfach geleugnet oder gar verhöhnt. Es war daher vor allem notwendig, zu zeigen, welche ungeheure Rolle dieser Faktor in der Entwicklung des Tierreiches und der menschlichen Gesellschaften spielt. Erst nachdem dies völlig erkannt und anerkannt worden ist, kann es möglich sein, zu einer Vergleichung der beiden Faktoren vorzuschreiten.

Auch nur eine ganz rohe SchĂ€tzung ihrer Bedeutung mit Hilfe irgendeiner mehr oder weniger statistischen Methode vorzunehmen, ist offenbar unmöglich. Ein einziger Krieg – wir wissen es alle – kann unmittelbar und mittelbar mehr Schlimmes hervorbringen, als Hunderte Jahre ungestörter Wirksamkeit des Prinzips der gegenseitigen Hilfe Gutes erzeugen können. Aber wenn wir sehen, dass in der Tierwelt fortschreitende Entwicklung und gegenseitige Hilfe Hand in Hand gehen, wĂ€hrend der innere Kampf innerhalb der Art mit rĂŒckschreitender Entwicklung zusammengeht, wenn wir darauf achten, dass beim Menschen sogar der Erfolg in Kampf und Krieg sich nach dem Entwicklungsgrad der gegenseitigen Hilfe bei jedem der beiden streitenden Völker, StĂ€dte, Parteien oder StĂ€mme richtet, und dass im Lauf der Entwicklung der Krieg selbst (soweit ihm das möglich ist) den Zwecken des Fortschritts in gegenseitiger Hilfe innerhalb der Nation, der Stadt oder dem Clan dienstbar gemacht worden ist – dann erlangen wir bereits einen Begriff von dem ĂŒberwiegenden Einfluss des Faktors gegenseitige Hilfe als Element des Fortschritts. Aber wir sehen auch, dass die BetĂ€tigung der gegen seitigen Hilfe und ihre Entwicklungsstufen recht eigentlich die Zu stĂ€nde des Gesellschaftslebens geschaffen haben, worin der Mensch imstande war, seine KĂŒnste, sein Wissen und seinen Geist auszubilden; und dass die Perioden, wo die auf die Tendenz gegenseitiger Hilfe gegrĂŒndeten Einrichtungen ihren grĂ¶ĂŸten Aufschwung nahmen, auch die Perioden des grĂ¶ĂŸten Fortschritts in den KĂŒnsten, der Industrie und Wissenschaft waren. In der Tat enthĂŒllt die Erforschung des Innenlebens der mittelalterlichen Stadt und der alten griechischen StĂ€dte die Tatsache, dass die Verbindung der gegenseitigen Hilfe, wie sie innerhalb der Gilde und des griechischen Clans geĂŒbt wurde, mit einer reichen Initiative, die dem Individuum und der Gruppe mittels des Föderativprinzips eingerĂ€umt war, der Menschheit die zwei grĂ¶ĂŸten Perioden ihrer Geschichte gegeben hat – die Perioden der alten griechischen Stadt und der Stadt des Mittelalters; und die Vernichtung solcher Einrichtungen wĂ€hrend der Staatsperioden der Geschichte, die folgten, entsprach in beiden FĂ€llen einem raschen Verfall.

Der ungemeine industrielle Fortschritt, der wĂ€hrend unseres eigenen Jahrhunderts erreicht worden ist und der gewöhnlich dem Triumph der Konkurrenz zugeschrieben wird, hat ohne Frage einen viel tieferliegenden Ursprung. Nachdem erst die großen Entdeckungen des fĂŒnfzehnten Jahrhunderts gemacht waren, vor allem die Entdeckung des Luftdrucks, die von einer Reihe von Fortschritten in der Physik begleitet war – und sie wurden zur Zeit der mittelalterlichen Stadtorganisation gemacht – nachdem diese Entdeckungen erst vorlagen, mussten die Erfindung der Dampfmaschine und die ganze UmwĂ€lzung, die die Eroberung einer neuen Naturkraft bedingt, notwendig folgen. Wenn die mittelalterlichen StĂ€dte so lange gelebt hĂ€tten, bis ihre Entdeckungen an diesen Punkt gelangt waren, wĂ€ren die ethischen Folgen der vom Dampf bewirkten UmwĂ€lzungen wohl andere gewesen; aber die UmwĂ€lzung selbst, in den Wissenschaften und der Technik, wĂ€re unweigerlich eingetreten. Es bleibt in der Tat eine offene Frage, ob nicht der allgemeine Niedergang der Industrien, der dem Untergang der freien StĂ€dte folgte, und der vor allem in der ersten HĂ€lfte des 18. Jahrhunderts bemerkbar war, das Auftreten der Dampfmaschine und die folgende UmwĂ€lzung der Industrien betrĂ€chtlich verzögert hat. Wenn wir die erstaunliche Schnelligkeit des industriellen Fortschritts vom 12. bis 15. Jahrhundert bedenken in der Weberei, der Metallbearbeitung, der Architektur und Schifffahrt – und wenn wir die wissenschaftlichen Entdeckungen er wĂ€gen, zu denen dieser industrielle Fortschritt am Ende des 15. Jahrhunderts gefĂŒhrt hat – dann mĂŒssen wir uns fragen, ob die Menschheit nicht durch den allgemeinen Niedergang in Handwerk und Industrie, der in Europa nach dem Fall der mittelalterlichen Kultur eintrat, davon abgehalten wurde, aus diesen Eroberungen gleich den vollen Vorteil zu ziehen. Gewiss konnte das Verschwinden des Kunsthandwerkers oder der Verfall großer StĂ€dte und die Vernichtung des Verkehrs zwischen ihnen die industrielle UmwĂ€lzung nicht begĂŒnstigen; wissen wir doch, dass James Watt zwanzig oder mehr Jahre seines Lebens damit zubrachte, seine Erfindung brauchbar zu machen, weil er im 18. Jahrhundert nicht finden konnte, was er im mittelalterlichen Florenz oder BrĂŒgge leicht gefunden hĂ€tte, nĂ€mlich die Handwerker, die imstande waren, seine EntwĂŒrfe in Metall auszufĂŒhren und ihnen die kĂŒnstlerische Vollendung und die Genauigkeit zu geben, die die Dampfmaschine verlangt.

Den industriellen Fortschritt des 19. Jahrhunderts also dem Krieg aller gegen alle zuzuschreiben, den es proklamiert hat, das ist die Logik des Mannes, der die Ursachen des Regens nicht kennt und ihn auf das Opfer zurĂŒckfĂŒhrt, das er seinem Lehmgötzen dargebracht hat. FĂŒr den industriellen Fortschritt wie fĂŒr jeden anderen Sieg ĂŒber die Natur ist die gegenseitige Hilfe und enge Verbindung gewiss, wie sie es immer gewesen ist, von viel grĂ¶ĂŸerem Wert als der gegenseitige Kampf.

Indessen tritt die ĂŒberwiegende Bedeutung des Prinzips der gegen seitigen Hilfe hauptsĂ€chlich auf dem Gebiet der Ethik zutage. dass gegenseitige Hilfe die tatsĂ€chliche Grundlage unserer Moralbegriffe ist, ist augenscheinlich genug. Aber was fĂŒr Anschauungen man auch ĂŒber den ersten Ursprung des GefĂŒhls oder Instinkts fĂŒr gegenseitige Hilfe haben mag – ob man sie auf eine biologische oder ĂŒberirdische Ursache zurĂŒckfĂŒhren will jedenfalls mĂŒssen wir ihr Vorhandensein bis zu den niedrigsten Stufen des Tierreichs zurĂŒck verfolgen; und von diesen Anfangsstadien aus können wir ihre ununterbrochene Entwicklung verfolgen, im Widerstreit zu einer Zahl entgegengesetzter TriebkrĂ€fte, durch alle Stufen der menschlichen Entwicklung, bis in unsere Zeiten hinein. Selbst die neuen Religionen, die von Zeit zu Zeit entstanden – immer in Epochen, wo das Prinzip der gegenseitigen Hilfe in den Theokratien und despotischen Staaten des Ostens in Verfall geraten war oder beim Niedergang des Römischen Reichs selbst sie haben dieses Prinzip nur neu befestigt. Sie fanden ihre ersten AnhĂ€nger unter den Armen und niedrigen, in den untersten und unterdrĂŒcktesten Schichten der Gesellschaft, wo die gegenseitige Hilfe die notwendige Grundlage des Alltagslebens ist; und die neuen Formen der Vereinigung, die in die ersten buddhistischen und christlichen Gemeinschaften, in die mĂ€hrischen BrĂŒderschaften usw. eingefĂŒhrt wurden, hatten den Charakter einer RĂŒckkehr zu den besten Erscheinungsformen der gegenseitigen Hilfe im primitiven Stammesleben.

Jedes Mal indessen, wo man daran ging, zu diesem alten Prinzip zurĂŒckzukehren, wurde seine Grundidee erweitert. Vom Clan dehnte es sich zur Völkerschaft aus, zum Bund der Völkerschaften, zum Volk und schließlich – wenigstens im Ideal – zur ganzen Menschheit. Zugleich wurde es auch veredelt. Im ursprĂŒnglichen Buddhismus, im Urchristentum, in den Schriften mancher muselmĂ€nnischen Lehrer, in den ersten Schritten der Reformation und besonders in den ethischen und philosophischen Bewegungen des letzten Jahrhunderts und unserer eigenen Zeit, setzt sich der völlige Verzieht auf die Idee der Rache oder Vergeltung – Gut um Gut und Übel um Übel – immer krĂ€ftiger durch. Die höhere Vorstellung:

»Keine Rache fĂŒr Übeltaten«, und freiwillig mehr zu geben, als man von seinen NĂ€chsten zu erhalten erwartet, wird als das wahre Moralprinzip verkĂŒndigt – als ein Prinzip, das wertvoller ist als der Grundsatz des gleichen Maßes oder die Gerechtigkeit, und das geeigneter ist, GlĂŒck zu schaffen. Und der Mensch wird aufgefordert, sich in seinen Handlungen nicht bloß durch die Liebe leiten zu lassen, die sich immer nur auf Personen, bestenfalls auf den Stamm bezieht, sondern durch das Bewusstsein seiner Einheit mit jedem Menschen. In der BetĂ€tigung gegenseitiger Hilfe, die wir bis in die ersten AnfĂ€nge der Entwicklung verfolgen können, finden wir also den positiven und unzweifelhaften Ursprung unserer Moralvorstellungen; und wir können behaupten, dass in dem ethischen Fortschritt des Menschen der gegenseitige Beistand – nicht gegenseitige Kampf – den Hauptanteil gehabt hat. In seiner umfassenden BetĂ€tigung – auch in unserer Zeit – erblicken wir die beste BĂŒrgschaft fĂŒr eine noch stolzere Entwicklung des Menschengeschlechts.

Anhang

1. SchwÀrme von Schmetterlingen, Libellen usw.

(Zu Seite 23)

M. C. Piepers hat in »Natuurkunding Tijdschrift voor Neederlandsch Indie«, 1891, Deel L. S. 198 (Referat darĂŒber in der »Naturwissenschaftlichen Rundschau« 1891, Band VI, S. 573) interessante Forschungen ĂŒber die MassenflĂŒge von Schmetterlingen veröffentlicht, die in HollĂ€ndisch-Ostindien vorkommen, anscheinend unter dem Einfluss der vom Westmonsun erzeugten großen Trockenheiten. Solche MassenflĂŒge finden gewöhnlich in den ersten Monaten nach dem Beginn des Monsun statt, und gewöhnlich nehmen Exemplare von beiden Geschlechtern von Catopsilia (Callidryas) crocale, Cr., daran teil, manchmal aber bestehen die SchwĂ€rme aus Schmetterlingen, die zu drei verschiedenen Arten der Gattung Euphoea gehören. Die Begattung scheint auch der Zweck solcher FlĂŒge zu sein, dass diese FlĂŒge nicht als ĂŒberlegte Handlung, sondern eher als Nachahmung oder als Befriedigung des Wunsches, allen anderen zu folgen, aufzufassen sind, ist natĂŒrlich leicht möglich.

Bates sah am Amazonenstrom die gelbe und orangefarbene Callidryas »sich in dichtgeballten Massen versammeln, manchmal im Umfang von zwei oder drei Metern, alle mit hochgeklappten FlĂŒgeln, so dass das Ufer aussah, als sei es mit Krokusbeeten geziert.« Ihre Wandertruppen, die von Norden nach SĂŒden ĂŒber den Strom flogen, »folgten einander ohne Unterbrechung, von frĂŒhmorgens bis Sonnenuntergang«. (»Naturalist on the Amazon«, S. 131.

Libellen kommen auf ihren langen WanderflĂŒgen ĂŒber die Pampas in unzĂ€hligen Scharen zusammen, und ihre ungeheuren SchwĂ€rme setzen sich aus verschiedenen Arten zusammen (Hudson, »Naturalist on the La Plata«, S. 130ft.).

Die Heuschrecken (Zoniopoda tarsata) sind ebenfalls Ă€ußerst gesellig (Hudson, l. c. S. 125).

2. Die Ameisen

(Zu Seite 26)

Pierre Hubers »Recherches sur les mreures des fourmis«, Genf 1810), von dem 1861 in der Bibliotheque Genevoise von Cherbuliez eine billige Ausgabe veranstaltet wurde, und das in billigen Ausgaben in jeder Sprache verbreitet sein sollte, ist nicht nur das Beste Werk ĂŒber den Gegenstand, sondern ĂŒberhaupt ein Muster echt wissenschaftlicher Forschung. Darwin hatte ganz recht, als er Pierre Huber als einen noch grĂ¶ĂŸeren Naturforscher bezeichnete, als sein Vater war. Dieses Buch sollte von jedem jungen Naturforscher gelesen werden, nicht nur wegen der Tatsachen, die es enthĂ€lt, sondern als Beispiel fĂŒr methodische Forschung. Das Halten der Ameisen in kĂŒnstlichen Glasnestern, und die von spĂ€teren Forschern, Lubbock eingeschlossen, angestellten Versuche findet man schon alle in dem wundervollen kleinen Buche Hubers. Die Leser der BĂŒcher von Forel und Lubbock bemerken ohne Frage, dass sowohl der Schweizer Professor wie der englische Autor ihre Arbeit in kritischer Stimmung begannen, mit der Absicht, Hubers Behauptungen ĂŒber die wundervollen Gegenseitigkeitsinstinkte der Ameisen zu widerlegen, aber dass beide sie nach sorgfĂ€ltiger PrĂŒfung nur bestĂ€tigen konnten. Es ist indessen leider charakteristisch fĂŒr die Natur des Menschen, dass er gern jeder Behauptung Glauben schenkt, wonach der Mensch imstande sei, die Wirksamkeit der NaturkrĂ€fte nach Belieben zu Ă€ndern, dass er es aber ablehnt, erwiesene wissenschaftliche Tatsachen anzuerkennen, die darauf abzielen, den Unterschied zwischen dem Menschen und seinen BrĂŒdern, den Tieren, zu verringern.

Sutherland (Origin and Growth of Moral Instinct) begann sein Buch offenbar in der Absicht, zu beweisen, dass alle MoralgefĂŒhle aus der FĂŒrsorge der Eltern und der Familienliebe entsprungen seien, die beide nur bei den warmblĂŒtigen Tieren vorkĂ€men; infolgedessen versucht er die Bedeutung der Sympathie und des Zusammenarbeiten bei den Ameisen auf das kleinste Maß zurĂŒckzufĂŒhren. Er zittert BĂŒchners Buch »Das Geistesleben der Tiere« und kennt Lubbocks Versuche. Was die Werke Hubers und Forels angeht, so tut er sie mit dem folgenden Satze ab: »aber sie (BĂŒchners Beispiele fĂŒr die Sympathie bei den Ameisen) leiden alle unter einem gewissen sentimentalen Zug durch den sie sich besser fĂŒr SchulbĂŒcher als fĂŒr vorsichtige Werke der Wissenschaft eignen, und dasselbe gilt (der Sperrdruck stammt von mir) »von einigen der bekanntesten Anekdoten Hubers und Forels« (Bd. I, S. 298).

Herr Sutherland gibt nicht an, welche »Anekdoten« er meint, aber mir scheint, er kann nie Gelegenheit gehabt haben, die BĂŒcher Hubers und Forels zu lesen. Naturforscher, die diese Werke kennen, finden keine »Anekdoten« in ihnen.

Ein Werk von Professor Gottfried Adlerz ĂŒber die in Schweden vorkommenden Ameisen (Myrmecologiska Studier: Svenska Myror och des LefnadsförhĂ€llanden, in Bihang till Svenska Akademiens Handlingar, Band XI, Nr. 18, 1886) mag an dieser Stelle erwĂ€hnt werden. Es braucht kaum gesagt zu werden, dass alle Beobachtungen Hubers und Forels ĂŒber die gegenseitige Hilfe im Leben der Ameisen, einschließlich der einen, die sich auf das Teilen der Nahrung bezieht und die denen so erstaunlich vorkam, die der Sache frĂŒher keine Aufmerksamkeit geschenkt hatten, von dem schwedischen Professor vollstĂ€ndig bestĂ€tigt werden (S. 136–137).

Professor G. Adlerz teilt auch sehr interessante Versuche mit, die beweisen, was Huber schon beobachtet hatte: dass nĂ€mlich Ameisen aus zwei verschiedenen Haufen einander nicht immer angreifen. Einen seiner Versuche hat er mit Tapinoma erraticum gemacht. Ein anderer wurde mit der gemeinen Rufa-Ameise angestellt. Er steckte einen ganzen Haufen in einen Sack und leerte ihn nicht ganz zwei Meter von dem anderen Haufen entfernt aus. Es gab keinen Kampf, aber die Ameisen des zweiten Haufens begannen die Puppen des ersten wegzutragen. In der Regel gab es, wenn Professor Adlerz Arbeiter mit ihren Puppen zusammenbrachte, die beide aus verschiedenen Haufen genommen waren, keinen Kampf; wenn aber die Arbeiter ohne ihre Puppen waren, entspann sich ein Kampf (S. 185–186).

Er ergĂ€nzt auch Forels und Mac Cooks Beobachtungen ĂŒber die »Völker« der Ameisen, die aus vielen Haufen zusammengesetzt sind, und an Hand seiner eigenen SchĂ€tzungen, nach denen er durchschnittlich 300.000 Exemplare der Formica exsecta in jedem Nest annahm, schließt er, dass solche »Völker« Dutzende und sogar Hunderte von Millionen Einwohner haben können.

Maeterlincks wundervoll geschriebenes Buch ĂŒber die Bienen könnte, obwohl es keine neuen Beobachtungen enthĂ€lt, sehr wertvoll sein, wenn es weniger unter metaphysischen »Worten« litte.

3. Nistvereinigungen

(Zu Seite 45)

Audubons TagebĂŒcher (Audubon and his Journals, New York 1898), besonders die, die sich auf sein Leben an den KĂŒsten von Labrador und dem St. Lorenzstrom in den dreißiger Jahren beziehen, enthalten treffliche Schilderungen der Nistvereinigungen der Wasservögel. Hinsichtlich der Insel »The Rock«, einer von den Magdalenen- oder Amherstinseln, schrieb er: »Um elf Uhr konnte ich von Deck aus ihre Höhlen deutlich unterscheiden und glaubte, sie seien wohl metertief mit Schnee bedeckt; diese Erscheinung war an jeder Stelle er FelsenvorsprĂŒnge zu sehen.« Aber es war kein Schnee, es waren weiße Tölpelvögel, die alle ruhig auf ihren Eiern oder ihren eben ausgebrĂŒteten Jungen saßen – ihre Köpfe drehten sie alle nach der Windseite und berĂŒhrten einander beinahe, wie sie so in regelmĂ€ĂŸigen Linien dasaßen. Die Luft darĂŒber, hundert Meter hoch und in einiger Entfernung rund um den Felsen herum »war mit fliegenden Tölpeln gefĂŒllt, als ob ein heftiger Schneefall unmittelbar ĂŒber uns wĂ€re«. Stummelmöwen und Lummen brĂŒteten auf demselben Felsen (Journals, Bd. I, S. 360–363).

GegenĂŒber der Anticosti-Insel war das Meer »buchstĂ€blich mit Lummen und Tord-Alken (Alca torda) bedeckt«. Weiterhin war die Luft voller Sammetenten. Auf den Felsen der Bucht brĂŒteten die Silbermöwen, die Seeschwalben (die große, die arktische und wahrscheinlich Posters), die Tringa pusilla, die Seemöwen, die Alken, die Trauerenten, die WildgĂ€nse (Anser canadensis), die rotbrĂŒstigen großen SĂ€ger, die Kormorane usw. – alle miteinander. Seemöwen gab es da in ungeheuren Mengen; »sie verjagen jeden anderen Vogel, trinken seine Eier aus und fressen seine Jungen«; »sie nehmen hier die Stelle der Adler und Habichte ein«.

Am Missouri, oberhalb Saint Louis, sah Audubon 1843 Geier und Adler, die in Kolonien nisteten. So erwĂ€hnte er »lange Linien erhöhten Ufers, das von ungeheuren Kalksteinfelsen ĂŒberragt war, in denen viele seltsame Löcher waren, wo wir zur Zeit der DĂ€mmerung Geier und Adler hineinfliegen sahen« – und zwar, wie E. Coues in einer Fußnote bemerkt (Bd. I, S. 458), waren es Cathartes aura und Ha liaetus leucocephalus.

Zu den besten BrutstĂ€tten an den britischen KĂŒsten gehören die Faröer-Inseln, und man findet in Charles Dixons Buch »Among the Birds in Northern Shires« eine eindrucksvolle Beschreibung dieser PlĂ€tze, wo Zehntausende von Möwen, Seeschwalben, Eiderenten, Kormorane, Regenpfeifern, Austerfischern, Lummen und Lunden jedes Jahr zusammenkommen. »Wenn man sich einer der Inseln nĂ€hert, hat man zuerst den Eindruck, diese Möwe (die kleinere schwarze Möwe) hĂ€tte den ganzen Platz fĂŒr sich allein beansprucht, in solchen Mengen trifft man sie. Die Luft scheint von ihnen zu wimmeln, der Platz und die kahlen Felsen sind mit ihnen ĂŒbersĂ€t; und als unser Boot schließlich auf dem rauen Strand knirschend landet, und wir schnell ans Ufer springen, erhebt sich ein aufgeregter LĂ€rm – ein vollstĂ€ndiges Babel Ă€rgerliche Schreier, die unaufhörlich andauern, bis wir den Platz verlassen« (S. 219).

4. Geselligkeit der Tiere

(Zu Seite 50)

Dass die Geselligkeit der Tiere grĂ¶ĂŸer war, als sie vom Menschen weniger gejagt wurden, wird durch viele Tatsachen bestĂ€tigt, die zeigen, dass solche Tiere, die jetzt in LĂ€ndern, die von Menschen bewohnt werden, isoliert leben, in unbewohnten Gegenden fortfahren, in Herden zu leben. So fand Przewalsky auf den wasserlosen Plateau WĂŒsten des nördlichen Tibet BĂ€ren, die in Gesellschaften lebten. Er erwĂ€hnt zahlreiche Herden von Grunzochsen, Thulans, Antilopen und selbst BĂ€ren. Die letzteren, sagt er, nĂ€hren sich von den Ă€ußerst zahlreichen kleinen Nagetieren und sind so zahlreich, dass »die Ein geborenen, wie sie mir versicherten, hundert oder hundertfĂŒnfzig von ihnen in einer Höhle schlafend gefunden haben (Jahresbericht der Russischen Geographischen Gesellschaft fĂŒr 1885, S. 11; russisch). Hasen (Lepus Lehmani) leben auf transkaspischem Gebiet in großen Gesellschaften (N. Zarudnyi, Recherches zoologiques dans la contree Transcaspienne in Bull. Soc. Natur. Moscou, 1889. I. 4). Die kleinen kalifornischen FĂŒchse, die nach E. S. Holden in der Gegend der Lichtsternwarte »von einer gemischten Kost, die aus Manzanitabeeren und AstronomenhĂŒhnern besteht«, leben (Nature, 5. Nov. 1891), scheinen auch sehr gesellig zu sein. In den Zeiten Scoresbys, im 280 Anfang des 19. Jahrhunderts, waren die PolarbĂ€ren so zahlreich und lebten in so zahlreichen Herden, dass Scoresby sie mit Schafherden verglich.

Einige sehr interessante Beispiele fĂŒr die Liebe zum geselligen Beisammensein bei Tieren sind vor kurzem von C. J. Cornish gegeben worden (Animals at Work and Play. London 1896). Alle Tiere, so bemerkt er sehr richtig, hassen die Einsamkeit. Er gibt auch ein lustiges Beispiel fĂŒr die Gewohnheit der PrĂ€riehunde, Schildwachen auszustellen. Diese Gewohnheit ist so stark, dass sie selbst im Londoner Zoologischen Garten und im Pariser Jardin d‘Acclimatation immer einen Posten auf Wache haben (S. 46).

Professor Keßler hatte ganz recht, als er darauf hinwies, dass die jungen Vögel, die sich im Herbst zusammenhalten, zur Entwicklung der GeselligkeitsgefĂŒhle beitragen. Mr. Cornish (Animals at Work and Play.) hat verschiedene Beispiele fĂŒr die Spiele der jungen SĂ€ugetiere gegeben, die er z. B. bei den LĂ€mmern durch Namen englischer Kinderspiele bezeichnen konnte, und hat ihre Liebe zu Wett rennen hervorgehoben; auch die RehkĂ€lber spielen eine Art von Haschen, wobei an die Stelle des Schlags ein BerĂŒhren mit der Nase tritt. FĂŒr das alles haben wir ĂŒberdies das treffliche Werk von Karl Groß, Die Spiele der Tiere.

5. Hemmungen gegen die Übervermehrung

(Zu Seite 76)

Hudson gibt in seinem »Naturalist on the La Plata« (Kapitel III) einen sehr interessanten Bericht ĂŒber die plötzliche Vermehrung einer MĂ€useart und ĂŒber die Folgen dieser plötzlichen Überschwemmung mit Leben«.

»Im Sommer 1872–73«, schreibt er, »hatten wir sehr viel Sonnen schein und hĂ€ufige RegenfĂ€lle, so dass die heißen Monate keinen Mangel an wilden Blumen brachten, wie in den meisten Jahren.« Die Jahreszeit war den MĂ€usen sehr gĂŒnstig und »diese fruchtbaren kleinen Geschöpfe waren bald so ĂŒberaus zahlreich, dass die Hunde und Katzen fast ausschließlich von ihnen lebten. FĂŒchse, Wiesel und Opossums ließen sich‘s wohl sein; selbst der insektenfressende Armadillo begab sich auf die MĂ€usejagd«. Die HĂŒhner wurden richtig zu Raubtieren und »die schwefelgelben Tyrannen (Pitangus) und die Guira-Kuckucke gingen nur noch auf die MĂ€usejagd«. Im Herbst erschienen zahllose Scharen Störche und Eulen auf der BildflĂ€che, die auch an dem allgemeinen Fest teilnehmen wollten. Dann kam ein Winter mit anhaltender Trockenheit; das trockene Gras verschwand oder wurde zu Pulver verwandelt; und die MĂ€use, die der Nahrung und des Schutzes beraubt waren, starben aus. Die Katzen schlichen in die HĂ€user zurĂŒck; die kurzohrigen Eulen – eine Wan derart – zogen weg; und die kleine amerikanische Eule wurde so elend, dass sie kaum mehr fliegen konnte »und trieb sich den ganzen Tag an den HĂ€usern umher, in der Hoffnung, einen verlorenen Bissen zu finden«. Unglaubliche Zahlen von Schafen und Kindern gingen in diesem Winter, wĂ€hrend eines kalten Monats, der der Trockenheit folgte, zugrunde. Über die MĂ€use bemerkt Hudson, dass »kaum ein hartbedrĂ€ngter Rest nach dem großen RĂŒckgang ĂŒbrig geblieben ist, um die Art am Leben zu halten«.

Dieses Beispiel hat außerdem noch das Interesse, dass es zeigt, wie in Ebenen und auf Plateaus die plötzliche Vermehrung einer Art sofort Feinde aus anderen Teilen der Ebenen anzieht und wie Arten, die von ihrer sozialen Organisation nicht geschĂŒtzt werden, ihnen notwendig erliegen mĂŒssen.

Ein anderer vorzĂŒglicher Beleg, der hierher gehört, wird vom selben Verfasser aus der Republik Argentinien mitgeteilt. Der CoypĂč (Myopotamus coypĂč) ist dort ein sehr verbreitetes Nagetier – der Gestalt nach eine Ratte, aber so groß wie eine Otter. Seinen Gewohnheiten nach ist er ein Wassertier und sehr gesellig. »Am Abend«, schreibt Hudson, »schwimmen sie alle hinaus und spielen im Wasser, wobei sie sich in sonderbaren Tönen miteinander unterhalten, die klingen wie das Stöhnen und Schreien verwundeter und leidender Menschen. Der CoypĂč, der ein schönes Fell mit langen, rauen Haaren hat, ist frĂŒher in großen Mengen nach Europa exportiert worden, aber vor einigen sechzig Jahren erließ der Diktator Rosas ein Dekret, das die Jagd auf dieses Tier verbot. Die Folge war, dass die Tiere sich maßlos vermehrten, ihre Wassergewohnheiten aufgaben und Land- und Wandertiere wurden, die ĂŒberall auf der Suche nach Nahrung umherschweiften. Plötzlich ĂŒberfiel sie eine rĂ€tselhafte Krankheit, infolge deren sie rasch dahinstarben, so dass sie jetzt fast vernichtet wurden« (S. 12).

Vertilgung durch den Menschen einerseits und ansteckende Krankheiten andererseits sind also die Haupthemmnisse, die die Art danieder halten – nicht Konkurrenz um die Exsitenzmittel, die vielleicht ĂŒberhaupt nicht existiert, oder wenn sie existiert, durch Wanderung oder VerĂ€nderung der Nahrung vermindert werden kann.

Tatsachen, die beweisen, dass Gegenden, die ein viel geeigneteres Klima haben als Sibirien, ebenfalls Untervölkerung aufweisen, könnten in Mengen angefĂŒhrt werden. Aber wir finden in Bates‘ bekanntem Buch dieselbe Bemerkung sogar in Bezug auf die Ufer des Amazonenstroms.

»Es gibt hier in der Tat«, schreibt Bates, »viele und sehr verschiedene SĂ€ugetiere, Vögel und Reptilien, aber sie sind weit zerstreut und haben alle eine außerordentlich große Scheu vor dem Menschen. Das Gebiet ist so ausgedehnt und in dem Waldgewand, mit dem es bekleidet ist, so gleichmĂ€ĂŸig, dass nur in langen ZwischenrĂ€umen Tiere in großen Mengen gesehen werden, wo irgendein besonderer Fleck gefunden wird, der anziehender ist als die anderen« (Naturalist on the Amazon, 6. Auflage, S. 31). dasselbe schrieb ich, in fast den selben Worten, in meinem Reisebericht ĂŒber das Olekmaund Witim-Gebiet.

Diese Tatsache ist umso auffallender, als die Fauna Brasiliens, die an SĂ€ugetieren arm ist, durchaus nicht arm an Vögeln ist, und die brasilianischen WĂ€lder den Vögeln reichlich Nahrung geben, wie aus einem bereits frĂŒher mitgeteilten Zitat ĂŒber Vogelgesellschaften zu ersehen ist. Und doch sind die WĂ€lder Brasiliens, ebenso wie die Asiens und Afrikas, nicht ĂŒbervölkert, sondern eher im Gegenteil. dasselbe trifft auf die Pampas SĂŒdamerikas zu, von denen W. H. Hudson bemerkt, da es wirklich erstaunlich ist, dass nur ein einziger kleiner WiederkĂ€uer auf dieser ungeheuren GrasflĂ€che gefunden wird, die fĂŒr grasfressende VierfĂŒĂŸler wundervoll geeignet ist. Millionen Schafe, Rinder und Pferde, die vom Menschen eingefĂŒhrt worden sind, weiden jetzt bekanntlich auf einem Teil dieser PrĂ€rien. Landvögel sind auf den Pampas nach Arten und Exemplaren ebenfalls spĂ€rlich vertreten.

6. Anpassungen zur Vermeidung der Konkurrenz

(Zu Seite 78)

Zahlreiche Beispiele solcher Anpassungen können in den Werken aller Naturbeobachter gefunden werden. Eines davon, das sehr interessant ist, mag hier angefĂŒhrt werden: der behaarte Armadillo, von dem W. H. Hudson sagt: »Er hat sich selbst den Weg vorgezeichnet und gedeiht infolgedessen, wĂ€hrend seine Verwandten schnell verschwinden. Seine Nahrung ist sehr mannigfaltig. Er jagt auf die verschiedensten Insekten, wobei er WĂŒrmer und Larven ĂŒber zehn Zentimeter unter der OberflĂ€che aufspĂŒrt. Er liebt Eier und kleine Vögelchen; Aas frisst er so gern wie ein Geier; und wenn er keine tierische Nahrung findet, lebt er vegetarisch – frisst Klee und selbst Maiskörner. Daher ist, wenn andere Tiere Hungers sterben, der Armadillo immer fett und krĂ€ftig.« (Naturalist on the La Plata S. 71.) Die AnpassungsfĂ€higkeit des Kiebitz macht ihn zu einer Art, dessen Ausdehnungsgebiet sehr weit ist. In England »siedelt er sich auf urbarem Land ebenso gern an wie in unbebauten Gegenden«. Ch. Dixon sagt in seinen »Birds of Northern Shires« (S. 67), »Mannigfaltigkeit der Nahrung kommt bei den Raubvögeln noch hĂ€ufiger vor.« So erfahren wir zum Beispiel von demselben Autor (S. 60, 65), »dass die Kornweihe der britischen Moore nicht nur kleine Vögel frisst, sondern auch MaulwĂŒrfe und MĂ€use, Frösche, Eidechsen und Insekten, und die meisten kleineren Falken leben vielfach von Insekten«. Das sehr lehrreiche Kapitel, das W. H. Hudson der Familie der sĂŒdamerikanischen BaumlĂ€ufer widmet, ist ein weiteres vortreffliches Beispiel fĂŒr die Wege, auf denen große Teile der Tierbevölkerung die Konkurrenz vermeiden, wĂ€hrend es ihnen zugleich gelingt, in einer bestimmten Gegend sehr zahlreich zu werden, ohne dass sie irgendeine der Waffen besitzen, die man gewöhnlich fĂŒr wesentlich im Kampf ums Dasein hĂ€lt. Die genannte Familie nimmt ein außer ordentlich großes Gebiet ein, von SĂŒdmexiko bis Patagonien, und nicht weniger als 290 Arten, die zu etwa 46 Gattungen gehören, sind von dieser Familie bereits bekannt, wobei es eine sehr auffallende Erscheinung ist, dass die Glieder dieser Familie Ă€ußerst verschiedene Gewohnheiten haben. Meist nur die verschiedenen Gattungen und die verschiedenen Arten besitzen Gewohnheiten, die ihnen besonders eigen sind, sondern selbst die nĂ€mliche Art unterscheidet sich in verschiedenen Landstrichen in ihrer LebensfĂŒhrung. »Einige Arten von Xenops und Magarornis klettern wie die Spechte senkrecht die BaumstĂ€mme hinauf, um Insekten zu suchen, aber sie suchen auch wie Meisen die kleineren Zweige und das Blattwerk an den Spitzen der Zweige ab, so dass der ganze Baum von der Wurzel bis zu den BlĂ€ttern der Krone von ihnen abgesucht wird. Der Solerurus ist zwar ein Bewohner des dunkelsten Waldes und ist mit scharfgebogenen Klauen versehen, aber er sucht seine Nahrung nie auf den BĂ€umen, sondern nur auf dem Waldboden, unter den verfaulenden BlĂ€ttern; aber sonderbarerweise fliegt er, wenn er geĂ€ngstigt wird, an den Stamm des nĂ€chsten Baumes, an dem er sich senkrecht anklammert, und so entgeht er dadurch, dass er still und reglos bleibt, dank seiner dunkeln Schutzfarbe der Entdeckung« usw. In ihren Nistgewohnheiten variieren sie auch außerordentlich. So bauen in einer einzigen Gattung drei Arten ein ofenförmiges Lehmnest, die vierte baut ein Nest aus Zweigen auf den BĂ€umen, und eine fĂŒnfte baut sich wie ein Eisvogel in einen Erdwall ein.

Diese Ă€ußerst große Familie nun, von der Hudson sagt: »Jeder Teil des sĂŒdamerikanischen Festlandes ist von ihnen besetzt; denn es gibt tatsĂ€chlich kein Klima und keine Bodenbeschaffenheit oder Vegetation, die nicht ihre eigene Art besĂ€ĂŸen«, gehört – ich gebrauche seine eigenen Worte – »zu den wehrlosesten Vögeln«. Ebenso wie die Enten, die Syewertsoff erwĂ€hnte (siehe im Text), haben sie keinen mĂ€chtigen Schnabel oder Klauen; »sie sind furchtsame Ge schöpfe, die keinen Widerstand leisten können, ohne StĂ€rke oder Waffen; ihre Bewegungen sind weniger schnell und krĂ€ftig als die anderer Arten, und ihr Flug ist Ă€ußerst schwach«. Aber sie besitzen Hudson und Asara bemerken es – »die soziale Anlage in ungewöhnlichem MaĂŸÂ«, obwohl »die sozialen Gewohnheiten bei ihnen durch ihre Lebensbedingungen niedergehalten werden, die die Einsamkeit notwendig machen«. Sie können nicht die großen Brutvereine bilden, die wir bei den Seevögeln sehen, weil sie von den Bauminsekten leben und sorgsam jeden einzelnen Baum absuchen mĂŒssen – was sie in Ă€ußerst geschĂ€ftsmĂ€ĂŸiger Weise verrichten; aber sie rufen einander fortwĂ€hrend in den WĂ€ldern, »und unterhalten sich auf große Entfernungen miteinander«; sie vereinigen sich auch in den »Wandergesellschaften«, die aus Bates malerischer Beschreibung bekannt sind; und Hudson sah sich zu der Überzeugung veranlaßt, »dass ĂŒberall in SĂŒdamerika die Dendrocolaptidae die ersten sind, die sich zu planmĂ€ĂŸigem Vorgehen vereinigen, und dass die Vögel aus anderen Familien ihrem Zug folgen und sich ihnen anschließen, weil sie aus Erfahrung wissen, dass ihnen reiche Ernte winkt«. Es braucht kaum hinzugefĂŒgt zu werden, dass Hudson auch ihrer Intelligenz ein vortreffliches Zeugnis ausstellt. Geselligkeit und Intelligenz gehen immer Hand in Hand.

7. Der Ursprung der Familie

(Zu Seite 88)

Zu der Zeit, wo ich das Kapitel im Text schrieb, schien unter den Anthropologen eine gewisse Übereinstimmung ĂŒber das verhĂ€ltnismĂ€ĂŸig spĂ€te Auftreten der patriarchalischen Familie – wie wir sie unter den HebrĂ€ern oder im Römischen Reich finden – in den menschlichen Einrichtungen hergestellt worden zu sein. Indessen sind seitdem Arbeiten veröffentlicht worden, in denen die von Bachofen und Mac Lennan vorgebrachten Anschauungen, die besonders von Morgan in ein System gebracht worden und von Post, Maxim Kowalewsky und Lubbock weiterentwickelt und bestĂ€tigt worden waren, bestritten wurden. Die bedeutendsten dieser Werke rĂŒhren von dem dĂ€nischen Professor C. N. Starcke (Die primitive Familie, 1889) und von dem Professor in Helsingsfors Eduard Westermarck her (Die Geschichte der menschlichen Ehe, 1891; 2. Ausgabe, 1894). Es ereignete sich mit dieser Frage der primitiven Eheeinrichtungen dasselbe, was sich mit der Frage der primitiven Landbesitzeinrichtungen ereignet hatte. Als die Anschauungen Maurers und Nasses ĂŒber die Dorfmark, die von einer ganzen Schule begabter Forscher weiterentwickelt worden waren, und die aller Anthropologen unserer Zeit ĂŒber die primitiv kommunistische Verfassung des Clans fast allgemeine Zustimmung gefunden hatten da riefen sie das Erscheinen von BĂŒchern hervor, wie die von Fustel de Coulanges in Frankreich, von Frederic Seebohm in England und verschiedenen anderen, in denen der Versuch gemacht wurde – in einer mehr glĂ€nzenden als wirklich tiefgehenden Darstellung – diese Anschauungen zu untergraben und auf die Ergebnisse, zu denen die moderne Forschung gelangt war, einen Zweifel zu werfen (siehe Prof. Winogradows Vorrede zu seiner bemerkenswerten Arbeit »Hörigkeit in England«). So Ă€hnlich riefen die Anschauungen ĂŒber das Nichtvorhandensein der Familie in dem frĂŒhen Stammesstadium der Menschheit, als sie anfingen, von den meisten Anthropologen und Erforschern der alten RechtsverhĂ€ltnisse anerkannt zu werden, notwendigerweise Werke wie die von Starcke und Westermarck hervor, in denen die Sache im Einklang mit der jĂŒdischen Tradition so dargestellt wurde, aß der Mensch mit der offenbar patriarchalischen Familie begonnen habe, und nie durch die Entwicklungsstufen durchgegangen sei, die Mac Lennan, Bachofen oder Morgan beschrieben hatten. Diese Werke, von denen die glĂ€nzend geschriebene »Geschichte der menschlichen Ehe« besonders weite Verbreitung gefunden hat, haben ohne Zweifel eine gewisse Wirkung ausgeĂŒbt; wer nicht Gelegenheit hatte, die dicken BĂ€nde zu lesen, auf die sich die Kontroverse bezog, wurde zweifelhaft; und einige Anthropologen, die die Materie wohl kannten, wie der französische Professor Durkheim, nahmen eine vermittelnde, etwas unbestimmte Haltung ein.

FĂŒr den besonderen Zweck eines Werkes ĂŒber gegenseitige Hilfe mag dieser Streit nicht in Betracht kommen. Die Tatsache, dass die Menschen auf den ersten Stufen der Menschheit in StĂ€mmen gelebt haben, wird nicht bestritten, auch nicht von denen, die sich ĂŒber den Gedanken empören, der Mensch könne durch ein Stadium hindurchgegangen sein, wo die Familie, wie wir sie verstehen, nicht existierte. Indessen hat der Gegenstand sein eigenes Interesse und verdient besprochen zu werden, obwohl beachtet werden muss, dass ein ganzes Buch erforderlich wĂ€re, um ihm völlig gerecht zu werden.

Wenn wir daran arbeiten, den Schleier zu heben, der alte Institutionen vor uns verbirgt, und besonders solche Institutionen, die beim ersten Auftreten der Menschengeschöpfe in Geltung waren, so sind wir genötigt – da es natĂŒrlich direkte Zeugnisse nicht geben kann -, die sehr mĂŒhevolle Arbeit zu vollbringen, jede Institution nach rĂŒckwĂ€rts zu verfolgen und ihre leisesten Spuren in Sitten, BrĂ€uchen, Überlieferungen, GesĂ€ngen, Folklore usw. sorgsam zu beachten; und dann mĂŒssen wir die getrennten Ergebnisse aller dieser getrennten Forschungen miteinander verbinden und im Geiste die Gesellschaft rekonstruieren, die dem Nebeneinanderbestehen all dieser Einrichtungen entsprechen kann. Man kann also verstehen, was fĂŒr eine ungeheure Menge Tatsachen und was fĂŒr eine große Zahl eingehen der Studien ĂŒber besondere Punkte erforderlich sind, um zu irgend sicheren Ergebnissen zu kommen. Und genau das findet man in dem monumentalen Werlâ€č Bachofens und seiner Nachfolger, vermisst man aber in den Werken der anderen Schule. Die Masse von Tatsachen, die Professor Westermarck durchwĂŒhlt hat, ist ohne Zweifel groß genug, und nach der kritischen Seite ist sein Werk sicher sehr wertvoll; aber es dĂŒrfte kaum die, denen die Werke Bachofens, Morgans, MacLennans, Posts, Kowalewskys usw. in den Originalen bekannt und die mit den Forschungen ĂŒber die Markgenossenschaft vertraut sind, dazu bringen. ihre Meinungen zu Ă€ndern und sich der Theorie von der ursprĂŒnglichen patriarchalischen Familie anzuschließen.

So haben die Argumente, die Westermarck den Familiengewohnheiten der Primaten entnimmt, wie ich getrost behaupte, nicht den Wert, den er ihnen zuschreibt. Unsere Kenntnisse von den Familienbeziehungen unter den geselligen Arten der Affen unserer eigenen Zeit sind Ă€ußerst unsicher, und die beiden ungeselligen Arten, der Orang-Utan und Gorilla, mĂŒssen aus der Erörterung ausgeschlossen bleiben, weil beide offenbar, wie ich im Text gezeigt habe, im Niedergang begriffene Arten sind. Noch weniger wissen wir von den Beziehungen, die zwischen MĂ€nnchen und Weibchen der Primaten gegen das Ende der TertiĂ€rzeit bestanden. Die Arten, die damals lebten, sind wahrscheinlich alle untergegangen, und wir haben nicht die leiseste Ahnung, welche von ihnen die Ahnenform war, aus der der Mensch hervorgegangen ist. Alles, was wir mit einiger Wahrscheinlichkeit sagen können, ist, dass verschiedene Familien- und Stammesbeziehungen bei den verschiedenen Affenarten bestanden haben mĂŒssen, die zu jener Zeit Ă€ußerst zahlreich waren; und dass große Wandlungen seitdem in den Gewohnheiten der Primaten eingetreten sein mĂŒssen, Ă€hnlich den Wandlungen, die sogar in den letzten zwei Jahrhunderten in den Gewohnheiten vieler anderen SĂ€ugetierarten vor sich gegangen sind.

Die Untersuchung muss sich demnach lediglich auf menschliche Einrichtungen beschrĂ€nken; und in der genauen Untersuchung jedes einzelnen Zuges jeder frĂŒhen Institution, in Verbindung mit alledem, was wir ĂŒber jede andere Institution des nĂ€mlichen Volkes oder nĂ€mlichen Stammes wissen, liegt die HauptstĂ€rke der BeweisfĂŒhrung der Richtung, die behauptet, die patriarchalische Familie sei eine Institution von verhĂ€ltnismĂ€ĂŸig spĂ€tem Ursprung.

Es gibt in der Tat einen ganzen Kreis von Institutionen unter den primitiven Menschen, die völlig verstĂ€ndlich werden, wenn wir uns den Anschauungen Bachofens und Morgans anschließen, anderenfalls aber aufs Ă€ußerste unverstĂ€ndlich sind. Dahin gehören: das kommunistische Leben des Clans, solange er sich nicht in einzelne Vaterschaftsfamilien getrennt hatte; das Leben in »langen HĂ€usern« und in Klassen, die dem Alter und dem Stadium der MĂŒndigkeit der jungen Leute entsprechend besondere lange HĂ€user bewohnten (M. Maclay, H. Schurtz); die EinschrĂ€nkungen der persönlichen AnhĂ€ufung von Eigentum, von denen oben im Text mehrere Beispiele gegeben wurden; die Tatsache, dass Frauen, die einem anderen Stamm abgenommen waren, dem ganzen Stamm gehörten, ehe sie Privateigentum wurden; und viele Ă€hnliche Institutionen, die Lubbock untersucht hat. Dieser weite Kreis von Institutionen. die in dem Markgenossenschaftsstadium der menschlichen Entwicklung in Verfall gerieten und schließlich verschwanden, stehen im völligen Einklang mit der Theorie der Stammesehe; aber sie sind meistens von den AnhĂ€ngern der Theorie von der ursprĂŒnglichen patriarchalischen Familie unberĂŒcksichtigt geblieben. Das ist gewiss nicht der richtige Weg, das Problem zu erörtern. Primitive Menschen haben nicht mehrere ĂŒber- oder nebeneinander gelagerte Institutionen, wie wir sie setzt haben. Sie haben nur eine Institution, den Clan, der alle gegenseitigen Beziehungen der Clanangehörigen umfasst. EheverhĂ€ltnisse und BesitzverhĂ€ltnisse sind ClanverhĂ€ltnisse. Und das mindeste, was wir von den Verteidigern der Theorie von der UrsprĂŒnglichkeit der patriarchalischen Familie erwarten könnten, wĂ€re, dass sie uns zeigten, wie der eben erwĂ€hnte Kreis von Institutionen (die spĂ€ter verschwinden) in einer Ansammlung von Menschen bestehen konnte, die unter der Geltung eines Systems lebten, das solchen Einrichtungen entgegengesetzt war – des Systems von Einzelfamilien, die vom pater familias geleitet wurden. Ferner kann man der Methode keinen wissenschaftlichen Wert beimessen, mit der gewisse ernsthafte Schwierigkeiten von den Vertretern der Familientheorie beiseitegeschoben werden. So hat Morgan durch eine betrĂ€chtliche Zahl Zeugnisse bewiesen, dass bei vielen primitiven StĂ€mmen ein »klassenbildendes Gruppensystem« besteht, das streng innegehalten wird, und dass alle Individuen derselben Kategorie einander anreden, als ob sie BrĂŒder und Schwestern wĂ€ren, wĂ€hrend die Individuen einer jĂŒngeren Kategorie die Schwestern ihrer MĂŒtter als MĂŒtter anreden usw. Zu sagen, dies mĂŒsse lediglich eine faron de parler sein – eine Art. den Respekt vor dem Alter auszudrĂŒcken, ist sicher eine leichte Methode, der Schwierigkeit aus dem Wege zu gehen, zu erklĂ€ren, warum gerade diese und keine andere Art, den Respekt zu bezeigen, bei so vielen Völkern verschiedenen Ursprungs geherrscht hat, dass sie bei vielen Völkern bis auf den heutigen Tag am Leben geblieben ist? Man kann gewiss zugeben. dass ma und pa die Silben sind, die fĂŒr ein kleines Kind am leichtesten auszusprechen sind, aber die Frage ist: Warum wird dieser Teil der Kindersprache von Erwachsenen angewandt, und warum auf eine bestimmte Kategorie Personen bezogen? Warum wird bei so vielen StĂ€mmen, bei denen die Mutter und ihre Schwester ma genannt werden. der Vater mit tiatia (Ă€hnlich lautend wie diadia – Oheim), lad, da oder pa bezeichnet? Warum wird spĂ€terhin die Bezeichnung Mutter in ihrer Anwendung auf die Tanten mĂŒtterlicherseits von einem besonderen Namen verdrĂ€ngt? Und so weiter. Wenn wir aber erfahren, dass bei vielen Wilden die Schwester der Mutter ebenso verantwortlich fĂŒr die Wartung des Kindes ist wie die Mutter selbst, und dass, wenn der Tod ein geliebtes Kind raubt, die andere »Mutter« (die Schwester der Mutter) sich selbst opfert, um das Kind auf seiner Reise in die andere Welt zu begleiten – dann sehen wir gewiss in diesen Namen etwas viel Tieferes als eine faron de parler oder eine Art, den Respekt zu bezeigen. Und das umso mehr, wenn wir von dem Vorhandensein einer ganzen Gruppe von Überresten hören (Lubbock, Kowalewsky, Post haben sie grĂŒndlich untersucht), die alle in die nĂ€mliche Richtung weisen. NatĂŒrlich kann gesagt werden, die Verwandtschaft werde nach der mĂŒtterlichen Seite gerechnet, »weil das Kind mehr bei seiner Mutter bleibt«, oder wir können die Tatsache, dass die Kinder eines Mannes von verschiedenen Frauen verschiedener StĂ€mme zu den Clanen ihrer MĂŒtter gehören, mit der »Unwissenheit der Wilden im Punkte der Physiologie« erklĂ€ren: aber das sind keine Argumente, die auch nur annĂ€hernd dem Ernst der aufgeworfenen Fragen entsprĂ€chen – besonders wenn bekannt ist, dass die Verpflichtung, den Namen der Mutter zu tragen, die Zugehörigkeit zum Clan der Mutter in jeder Hinsicht in sich schließt: das heißt, das Recht auf alles, was dem mĂŒtterlichen Clan gehört, und ebenso das Recht, von ihm beschĂŒtzt Zu werden, niemals von einem Angehörigen dieses Clans angegriffen zu werden, und die Pflicht, um des Clans willen Rache zu ĂŒben.

Selbst wenn wir fĂŒr einen Augenblick zugeben wollten, ErklĂ€rungen der Art seien zufriedenstellend, so wĂŒrden wir bald herausfinden, dass eine besondere ErklĂ€rung fĂŒr jede Kategorie solcher Tatsachen gegeben werden muss – und sie sind sehr zahlreich. Nur ein paar davon seien aufgezĂ€hlt: die Teilung der Clane in Klassen, zu einer Zeit, wo es keine Teilung in Bezug auf Eigentum und soziale Stellung gibt; Exogamie und alle damit zusammenhĂ€ngenden BrĂ€uche, wie Lubbock sie aufzĂ€hlt; die BlutbrĂŒderschaft und eine Reihe Ă€hnlicher BrĂ€uche, die die Einheit der Abstammung bezeugen sollen; das Auftauchen von Familiengöttern erst nach dem Vorhandensein von Clangöttern; der Tausch von Frauen, der nicht nur bei den Eskimos in Zeiten der Not besteht, sondern auch bei vielen anderen StĂ€mmen von ganz anderem Ursprung weit verbreitet ist; die Lockerheit der ehelichen Bande, je tiefer wir in der Zivilisation hinabsteigen; die Einrichtung, dass mehrere MĂ€nner eine Frau heiraten, die ihnen ab wechselnd gehört; die Abschaffung der EhebeschrĂ€nkungen wĂ€hrend der Dauer von Festlichkeiten oder an jedem fĂŒnften, sechsten usw. Tag; das Zusammenwohnen von Familien in »langen HĂ€usern«; der Umstand, dass die Verpflichtung, fĂŒr ein verwaistes Kind zu sorgen, selbst in einer spĂ€ten Periode auf den Oheim mĂŒtterlicherseits fiel; die betrĂ€chtliche Zahl von Übergangsformen, die den stufenweisen Übergang von der Mutterabstammung zur Vaterabstammung zeigen; die EinschrĂ€nkung der Kinderzahl durch den Clan – nicht durch die Familie – und die Aufhebung dieser harten Bestimmung in Zeiten des Wohlstandes; der Umstand, dass FamilienbeschrĂ€nkungen nach den ClanbeschrĂ€nkungen kamen; die alten Verwandten, die dem Stamm geopfert wurden; die lex talionis des Stammes und viele andere BrĂ€uche, die erst dann zur »Familienangelegenheit« werden, wenn wir die Familie im modernen Sinn des Wortes endgĂŒltig konstituiert finden; die BrĂ€uche vor und wĂ€hrend der Hochzeit, fĂŒr die man mehrere ĂŒberraschende Beispiele in den Arbeiten Sir John Lubbocks und mehrerer russischer Forscher unserer Zeit findet; das Fehlen von Hochzeitsfeierlichkeiten, wo die mĂŒtterliche Abstammung gilt, und das Vorhandensein solcher Feierlichkeiten bei StĂ€mmen, die der Vaterschaftsabstammung anhĂ€ngen – all das und vieles an dere317 zeigt, dass, wie Durkheim bemerkt, »die eigentliche Ehe nur durch feindliche MĂ€chte geduldet und verhindert wird« -; die Vernichtung des persönlichen Eigentums nach dem Tode des Inhabers; und schließlich die ganze ungeheure Menge von Überresten, Mythen (Bachofen und seine vielen Nachfolger), Folklore usw., die alle nach derselben Richtung weisen.

NatĂŒrlich beweist das alles nicht, dass es eine Periode gegeben hat, wo die Frau mehr galt als der Mann, oder das »Haupt« des Clans war; das ist eine ganz andere Frage, und meine persönliche Meinung ist, dass es eine solche Periode niemals gegeben hat; auch beweist das nicht, dass es eine Zeit gegeben habe, wo der Stamm die Vereinigung der Geschlechter nicht beschrĂ€nkt und geregelt habe – das wĂ€re im Gegensatz zu allen Zeugnissen, die uns bekannt sind. Aber wenn man alle Tatsachen, die jetzt ans Licht gekommen sind, in ihrer AbhĂ€ngigkeit voneinander in Betracht zieht, dann ist es unmöglich, sich der Erkenntnis zu verschließen: wenn es möglicherweise isolierte Paare mit ihren Kindern schon im primitiven Clan gegeben hat, dann waren diese beginnenden Familien nur geduldete Ausnahmen, aber nicht die Institutionen der Zeit.

8. Zerstörung des Privateigentums auf dem Grabe

(Zu Seite 99)

In einem bemerkenswerten Buch, »Die Religionssysteme Chinas«, das in den Jahren 1892 bis 1897 J. M. de Groot in Leyden veröffentlicht hat, finden wir die BestĂ€tigung dieser Anschauung. Es gab in China (wie anderswo) eine Zeit, wo aller persönliche Besitz eines Toten auf seinem Grab vernichtet wurde – seine beweglichen Sachen, sein Vieh, seine Sklaven und selbst Freunde und Vasallen, und natĂŒrlich seine Witwe. Es war eine starke Auflehnung der Moralisten gegen diesen Brauch nötig, um ihm ein Ende zu setzen. Bei den Zigeunern in England lebt der Brauch, alles Vieh auf dem Grabe um zubringen, noch heutzutage. Alles persönliche Eigentum der Zigeunerkönigin, die 1896 in der Nachbarschaft des StĂ€dtchens Slough gestorben ist, wurde auf ihrem Grabe zerstört. Zuerst wurde das Pferd erschossen und beerdigt. Dann wurde der Wagen, in dem die alte Frau gewohnt hatte, eingerissen und verbrannt, und ebenso das Geschirr des Pferdes und noch ein paar kleinere GegenstĂ€nde. Verschiedene Zeitungen berichteten damals darĂŒber.

9. Der Familienverband

(Zu Seite 120)

Eine Anzahl wertvoller Arbeiten ĂŒber die sĂŒdslawische Zadruga oder den »Familienverband«, im Vergleich mit anderen Formen der Familienorganisation, sind veröffentlicht worden, seit der Text geschrieben war; nĂ€mlich von Ernst Miller (Jahrbuch der Internationalen Vereinigung fĂŒr vergleichende Rechtswissenschaft und Volkswirtschaftslehre, 1897) und J. E. Geszow, »Zadruga in Bulgarien« und »Zadruga-Eigentum und -Arbeit in Bulgarien« (beides bulgarisch).

Ich muss auch die bekannte Studie von Bogisic erwĂ€hnen (»De la farme dite â€șinokosnaâ€č de la famille rurale chez les Serbes et les Croates«, Paris 1884), die im Text ĂŒbersehen wurde.

10. Der Ursprung der Gilden

(Zu Seite 164)

Der Ursprung der Gilden ist Gegenstand vieler Kontroversen gewesen. Es ist nicht der geringste Zweifel, dass es ZĂŒnfte oder »Kollegien« von Handwerkern im alten Rom gegeben hat. Es geht in der Tat aus einer Stelle bei Plutarch hervor, dass Numa ĂŒber sie Gesetze gegeben hat. »Er teilte das Volk«, so lesen wir, »in Gewerbe und befahl ihnen, BrĂŒderschaften, Feste und Versammlungen zu haben, und wies an, welchen Kultus sie den Göttern zu widmen hĂ€tten, je nach der WĂŒrdigkeit jedes Gewerbes.« Es ist indessen fast sicher, dass es nicht der römische König war, der die Gewerbekollegien erfunden oder eingesetzt hat – sie hatten schon im alten Griechenland bestanden; aller Wahrscheinlichkeit nach unterwarf er sie nur der königlichen Gesetzgebung; gerade wie fĂŒnfzehn Jahrhunderte spĂ€ter Philipp der Schöne die Gewerbe Frankreichs sehr zu ihrem Schaden der königlichen Kontrolle und Gesetzgebung unterwarf. Von einem der Nachfolger Numas, Servius Tullius, wird auch berichtet, er habe hinsichtlich der Kollegien Gesetze gegeben.319

Es war also ganz natĂŒrlich, dass die Historiker sich die Frage stellten, ob nicht die Gilden, die im 12. und sogar schon im 10. und 11. Jahrhundert eine solche Entwicklung nahmen, ein Wiederaufleben der alten römischen »Kollegien« vorstellten – und dies umso mehr, als die letzteren, wie aus dem obigen Zitat zu ersehen, der Gilde des Mittelalters völlig entsprachen.^320^ Es ist in der Tat bekannt, dass Körperschaften des römischen Typs in SĂŒdgallien bis ins 5. Jahrhundert hinein bestanden. Außerdem zeigt eine im Gefolge von Erdarbeiten in Paris gefundene Inschrift, dass unter Tiberius eine Korporation der nautae von Lutetia bestand, und in dem Freibrief, der den Pariser »Wasserkaufleuten« 1170 gegeben wurde, wird von ihren Rechten gesagt, sie hĂ€tten ab antiquo bestanden. (Derselbe Autor, S. 51.) Es wĂ€re also nichts Außerordentliches, wenn im Frankreich des frĂŒhen Mittelalters nach den EinfĂ€llen der Barbaren sich Korporationen erhalten hĂ€tten.

Selbst wenn indessen so viel zugegeben werden muss, besteht kein Grund zu der Behauptung, die niederlĂ€ndischen Korporationen, die normannischen Gilden, die russischen Artels, die georgischen Amkari usw. hĂ€tten notwendigerweise auch einen römischen oder gar byzantinischen Ursprung. Gewiss war der Verkehr zwischen den Normannen und der Hauptstadt des oströmischen Reiches sehr lebhaft, und die Slawen (wie von russischen Historikern und besonders von Rambaud bewiesen wurde) nahmen an diesem Verkehr lebhaften ~291~ Anteil. So könnten die Normannen und die Russen die römische Organisation der Gewerbekorporationen in ihre LĂ€nder eingefĂŒhrt haben. Aber wenn wir sehen, dass der Artel recht eigentlich den Kern des Alltagslebens aller Rassen schon im 10. Jahrhundert bildete, und dass dieser Artel, obwohl keinerlei Gesetzgebung sein Leben bis in unsere Zeiten jemals geregelt hat, genau dieselben GrundzĂŒge hatte, wie das römische Kollegium und die Gilde Westeuropas, dann sind wir noch mehr zu der Anschauung geneigt, dass die östliche Gilde einen noch Ă€lteren Ursprung hat als das römische Kollegium. Die Römer wussten in der Tat wohl, dass ihre sodalitia und collegia das waren, »was die Griechen hetairiai nannten« (Martin-Saint-Leon, S. 2), und aus dem, was wir von der Geschichte des Orients wissen, können wir wahrscheinlich, ohne uns zu irren, schließen, dass die großen Nationen des Orients und ebenso Ägypten dieselbe Gildorganisation gehabt haben. Die wesentlichen GrundzĂŒge dieser Organisation bleiben ĂŒberall dieselben, wo wir sie finden. Sie ist eine Vereinigung von Menschen, die denselben Beruf oder dasselbe Ge werbe treiben. Die Vereinigung hat wie der primitive Clan seine eigenen Götter und seinen eigenen Kultus, der immer einige Mysterien enthĂ€lt, die jeder besonderen Vereinigung besonders eigen sind; sie betrachtet alle ihre Mitglieder als BrĂŒder und Schwestern – möglicher weise (anfangs) mit all den Folgeerscheinungen, die eine solche Verwandtschaft in der Gens mit sich brachte, oder wenigstens mit Zeremonien, die ein Zeichen oder Symbol fĂŒr die Clanverwandtschaft zwischen Bruder und Schwester waren; und schließlich sind alle die Verpflichtungen zu gegenseitiger UnterstĂŒtzung, die es im Clan gab, in dieser Vereinigung in Geltung; nĂ€mlich die völlige Unmöglichkeit eines Mordes innerhalb der BrĂŒderschaft, die Clanverantwortlichkeit vor der Justiz, und die Verpflichtung, im Fall eines geringfĂŒgigen Zwistes die Sache vor die Richter oder besser: die Schiedsrichter der GildbrĂŒderschaft zu bringen. Die Gilde – kann man sagen – ist so nach dem Muster des Clans gebaut.

Dieselben Bemerkungen, die im Text ĂŒber den Ursprung der Dorfmarkgenossenschaft gemacht wurden, gelten also, meine ich, in gleicher Weise fĂŒr die Gilde, den Artel und die Handwerks- oder NachbarschaftsbrĂŒderschaften. Als die Verbindung, die frĂŒher die Menschen in ihren Clans verbunden hatte, infolge der Wanderungen, der Entstehung der Vaterschaftsfamilie und der wachsenden Verschiedenartigkeit der BeschĂ€ftigungen gelockert worden war, wurde eine neue Territorialverbindung von der Menschheit in Gestalt der Dorfmark ausgearbeitet; und eine andere Verbindung – eine Berufsverbindung – wurde in einer geistigen BrĂŒderschaft ausgearbeitet – der geistige Clan, der reprĂ€sentiert war: zwischen zwei oder ein paar MĂ€nnern durch das »Schließen der BlutbrĂŒderschaft« (der slawische pobratimstwo), und zwischen einer grĂ¶ĂŸeren Zahl Menschen verschiedenen Ursprungs, d. h. die aus verschiedenen Clanen stammten und dasselbe Dorf oder dieselbe Stadt (oder auch verschiedene Dörfer oder StĂ€dte) bewohnten – die Phratrie, die Hetairiai, der Amkari, der Artel, die Gilde.

Was die Idee und Form einer solchen Organisation angeht, so hatten sich ihre Elemente bereits in der frĂŒhen Periode der Wilden angezeigt. Wir wissen in der Tat, dass es in den Clanen aller Wilden besondere Geheimorganisationen von Kriegern, Zauberern, jungen MĂ€nnern usw. gab – Handwerksmysterien, in denen die Kenntnisse im Jagen und KriegfĂŒhren ĂŒberliefert wurden; mit einem Wort »Klubs«, wie Miklucho-Maclay sie bezeichnete. Diese »Mysterien«, GeheimbĂŒnde, waren aller Wahrscheinlichkeit nach, die Vorstufen der spĂ€teren Gilden.

Hinsichtlich des oben genannten Werkes von E. Martin-Saint Leon sei bemerkt, dass es sehr wertvolle Tatsachen ĂŒber die Gewerbeorganisation in Paris mitteilt – wie sie aus dem Livre des metiers Boileaus hervorgehen – und eine gute Zusammenfassung der Nachrichten ĂŒber die Kommunen in verschiedenen Teilen Frankreichs mit allen bibliographischen Nachweisen gibt. Es muss jedoch in Erinnerung behalten werden, dass Paris (wie Moskau oder Westminster) eine »königliche Stadt« war, und dass daher die freien Institutionen der Stadt des Mittelalters dort nie die Entwicklung wie in freien StĂ€dten genommen haben. Weit entfernt, »das Bild einer typischen Korporation« aufzuweisen, konnten vielmehr die Korporationen von Paris, »die unter der unmittelbaren Obhut der königlichen Gewalt geboren waren und sich entwickelten« (was der Autor fĂŒr einen besonderen Vorzug hĂ€lt, wĂ€hrend es ein besonderer Nachteil war – er selbst zeigt an verschiedenen Stellen seines Buches deutlich genug, wie die Einmischung der kaiserlichen Gewalt in Rom und der königlichen Gewalt in Frankreich die ZĂŒnfte vernichtet und gelĂ€hmt habe), niemals die wundervolle BlĂŒte und den Einfluss auf das ganze Leben der Stadt erlangen, den sie im nordöstlichen Frankreich, in Lyon, Montpellier, Nimes usw. oder in den freien StĂ€dten Italiens, Flanderns, Deutschlands usw. erlangten.

11. Der Markt und die Stadt des Mittelalters

(Zu Seite 176)

In einer Arbeit ĂŒber die Stadt des Mittelalters (Markt und Stadt in ihrem rechtlichen VerhĂ€ltnis, Leipzig 1896) hat Rietschel die Anschauung entwickelt, der Ursprung der deutschen mittelalterlichen Kommunen mĂŒsse im Markt gesucht werden. Der lokale Markt, der unter den Schutz eines Bischofs, eines Klosters oder eines FĂŒrsten gestellt war, sammelte eine Bevölkerung von Handelsleuten und Handwerkern um sich, jedoch keine landwirtschaftliche Bevölkerung. Die Sektionen, in die die Stadt geteilt wurde, deren Mittelpunkt der Marktplatz war, und von denen jede von Handwerkern bestimmter Gewerbe bewohnt war, sind ein Beweis dafĂŒr: sie bildeten gewöhnlich die Altstadt, wĂ€hrend die Neustadt gewöhnlich ein lĂ€ndliches Dorf war, das dem FĂŒrsten oder dem König gehörte. In den beiden galten verschiedene Rechtseinrichtungen.

Es ist gewiss wahr, dass der Markt in der frĂŒheren Entwicklung aller mittelalterlichen StĂ€dte eine wichtige Rolle gespielt hat und dazu beitrug, den Reichtum der BĂŒrger zu vermehren und ihnen das GefĂŒhl der UnabhĂ€ngigkeit zu geben; indessen ist, wie von Karl Hegel, dem bekannten Verfasser einer sehr guten umfassenden Arbeit ĂŒber die deutschen StĂ€dte des Mittelalters (Die Entstehung des deutschen StĂ€dtewesens, Leipzig 1898), bemerkt worden ist, das Stadtrecht kein Marktrecht, und Hegel vertritt (was die in diesem Buch vertretenen Ansichten noch weiter stĂŒtzt) die Auffassung, dass die mittelalterliche Stadt einen doppelten Ursprung gehabt hat. Es gibt in ihr »zwei Bevölkerungen, nebeneinander: die eine lĂ€ndlich, und die andere rein stĂ€dtisch«; die lĂ€ndliche Bevölkerung, die frĂŒher als Almende oder Markgenossenschaft organisiert war, wurde in die Stadt inkorporiert.

Hinsichtlich der Kaufmannsgilden verdient die Arbeit Hermanns van den Linden (Les Gildes marchandes dans les Pays Bas au Moyen Age, Gent 1896, in »Recueil de travaux publies par la Faculte de Philosophie et Lettres«) besondere ErwĂ€hnung. Der Autor verfolgt die allmĂ€hliche Entwicklung ihrer politischen Macht und der Gewalt, die sie allmĂ€hlich ĂŒber die industrielle Bevölkerung, besonders die Tuchmacher, erlangte, und schildert das BĂŒndnis, das die Handwerker eingingen, um ihrer wachsenden Macht entgegenzutreten. Die Anschauung, die in vorliegendem Buch entwickelt ist, wonach die Kaufmannsgilde in einer spĂ€teren Periode auftrat, die zu großem Teil eine Periode des Verfalls der Stadtfreiheiten war, scheint so in H. van den Lindens Forschungen BestĂ€tigung zu finden.

12. Einrichtungen zu gegenseitiger Hilfe in den Dörfern der Niederlande zu unserer Zeit

(Zu Seite 227)

Der Bericht der Landwirtschaftlichen Kommission der Niederlande enthĂ€lt viele hierauf bezĂŒgliche Beispiele, und mein Freund Christian Cornelissen war so liebenswĂŒrdig, die entsprechenden Stellen aus diesen dicken BĂ€nden (Uitkomsten van het Onderzoek naar den Toestand van den Landbouw in Nederland, 2 BĂ€nde, 1890) fĂŒr mich auszusuchen.

Die Gewohnheit, eine Dreschmaschine zu haben, die in vielen Höfen die Runde macht, die sie der Reihe nach leihen, ist sehr weit verbreitet, wie es jetzt in fast allen LĂ€ndern der Fall ist. Aber hie und da findet sich eine Gemeinde, die eine Dreschmaschine fĂŒr die Gemeinschaft hĂ€lt (Band I, XVIII, S. 31).

Die Bauern, die nicht die nötige Zahl Pferde fĂŒr den Pflug haben, leihen die Pferde von ihren Nachbarn. Die Gewohnheit, einen Gemeindestier oder einen Gemeindehengst zu halten, ist sehr allgemein. Wenn das Dorf Erdarbeiten zu machen hat, um eine neue Schule zu bauen, oder fĂŒr einen Bauern, der ein neues Haus bauen will, wird gewöhnlich eine »bede« veranstaltet. dasselbe geschieht fĂŒr die PĂ€chter, die auszuziehen haben. Die »bede« ist ĂŒberhaupt ein weit verbreiteter Brauch, und niemand, ob reich oder arm, versĂ€umt, mit Pferd und Wagen zu kommen.

Die gemeinsame Pacht einer Wiese von Seiten mehrerer Landarbeiter, um ihre KĂŒhe zu halten, wird in mehreren Teilen des Landes gefunden; es kommt auch hĂ€ufig vor, dass der PĂ€chter, der Pflug und Pferde hat, das Land fĂŒr seine Tagelöhner pflĂŒgt (Band I, XXII, S. 18 usw.).

Landwirtschaftliche Gesellschaften zum Ankauf von Samen, zur Ausfuhr von GemĂŒsen nach England usw. trifft man allenthalben. dasselbe gilt fĂŒr Belgien. Im Jahre 1896, sieben Jahre, nachdem die Bauerngilden, zuerst im vlĂ€mischen Teil des Landes, ins Leben getreten waren, und nur vier Jahre, nachdem sie in dem wallonischen Teil Belgiens aufgekommen waren, gab es bereits 207 solche Gilden mit 10.000 Mitgliedern (Annuaire de la Sciences Agronomique, Band I (2), 1896, S. 148 und 149).

[1] Origin of Species, 3. Kapitel

[2] Abgesehen von den Forschern vor Darwin, wie Toussene, Fee und vielen anderen, sind auch schon vor diesem Datum mehrere Werke veröffentlicht worden, worin ĂŒberraschende Beispiele von gegenseitiger Hilfe – die allerdings mehr den Verstand der Tiere beleuchten – enthalten sind. Ich erwĂ€hne Houzeaus »Les facultes mentales des animaux«, 2 vol., BrĂŒssel 1872; L. BĂŒchners »Aus dem Geistesleben der Tiere«, 2. Aufl., 1877; und Maximilian Pertys Â»Ăœber das Seelenleben der Tiere«, Leipzig 1876. Espinas veröffentlichte sein vortreffliches Werk, »Die Gesellschaften der Tiere« 1877, worin er die Bedeutung der Tiergesellschaften und ihren Einfluss aus die Erhaltung der Arten hervorhob und daran Ă€ußerst wertvolle Erörterungen ĂŒber den Ursprung der Gesellschaften knĂŒpfte. In der Tat, Espinas’ Buch enthĂ€lt alles, was seitdem ĂŒber gegenseitige Hilfe geschrieben worden ist und manches Gute außerdem. Wenn ich trotzdem der Keßlerschen Rede besonders ErwĂ€hnung tue, so geschieht dies, weil er die gegenseitige Hilfe zu einem Gesetz erhob, das in der Entwicklung wichtiger ist, als das Gesetz des gegenseitigen Kampfes. Die gleichen Ideen wurden das Jahr darauf (im April 1881) von J. Lanessan dargelegt in einer Vorlesung, die er im Jahre 1882 unter dem Titel: »L lutte pour l’existence et l’association pour la lutte«, veröffentlichte. G. Romanes’ Hauptwerk, Animal Intelligence, wurde 1882 veröffentlicht, im nĂ€chsten Jahre folgte ihm »The Mental Evolution in Animals«. Um dieselbe Zeit veröffentlichte BĂŒchner ein anderes Werk, Liebe und Liebesleben in der Tierwelt, von dem eine zweite Ausgabe 1885 erschien. Man sieht, die Idee lag in der Luft.

[3] Denkschriften (Trudy) der St. Petersburger naturwissenschaftlichen Gesellschaft. Band XI, 1880.

[4] Siehe Anhang 1. SchwÀrme von Schmetterlingen, Libellen usw..

[5] George J. Romanes, Animal Intelligence, erste Ausgabe, S. 233.

[6] Forels Recherches S. 244, 275, 278. Hubers Beschreibung des Vorgangs ist wundervoll. Sie gibt auch einen Hinweis auf einen möglichen Ursprung des Instinkts (Volksausgabe, S. 158, 160). Siehe Anhang 2. Die Ameisen

[7] Dieses zweite Prinzip wurde nicht sofort erkannt. FrĂŒhere Beobachter sprachen oft von Königen, Königinnen, FĂŒhrern usw.; aber seit Huber und Forel ihre genauen Beobachtungen veröffentlicht haben, ist kein Zweifel mehr möglich, dass in allem, was die Ameisen tun, auch in den Kriegen, jeder individuellen Initiative freies Spiel gestattet ist.

[8] N. Syewertsoff, Periodische PhÀnomene im Leben der SÀugetiere, Vögel und Reptilien von Voronej, Moskau 1855 (russisch).

[9] A. Brehm, Tierleben, 3. Aufl. VI, 449.

[10] Bates, S. 151.

[11] Catalogue raisonne des oiseaux de la faune pontique, in Demidoffs Voyage. WĂ€hrend ihrer Wanderungen vereinigen sich Raubvögel oft. Ein Zug, den H. Seebohm ĂŒber die PyrenĂ€en fliegen sah, zeigte die sonderbare Gesellschaft von »acht Gabelweihen, einem Kranich und einem Wanderfalken«. (Die Vögel Sibiriens, 1901, Seite 417.)

[12] Birds in the Northern Shires, S. 207.

[13] Max. Perty, Über das Seelenleben der Tiere (Leipzig 1876, S. 87, 103).

[14] G. H. Gurney, The House-Sparrow (London 1885), S. 5.

[15] Dr. Elliot Coues, Birds of the Kerguelen Island, in den Smithsonian Miscellaneous Collections, vol. XIII, Nr. 2, S. 11.

[16] Brehm, 3. Aufl. VI, 59.

[17] Hinsichtlich der Sperlinge beschreibt ein Beobachter aus Neu-Seeland, Mr. T. W. Kirk, folgendermaßen den Eingriff dieser »unverschĂ€mten« Vögel gegen einen »unglĂŒcklichen« Habicht: »Er hörte eines Tages ein ganz ungewöhnliches GerĂ€usch, wie wenn alle kleinen Vögel des Landes sich zu einem großen GezĂ€nk vereinigt hĂ€tten. Er blickte auf und gewahrte einen großen Habicht (C. gouldi, einen Aasfresser), der von einer Schar Sperlinge schikaniert wurde. Sie schlugen gehörig und von allen Seiten zugleich auf ihn los. Der unglĂŒckliche Habicht war ganz wehrlos. Schließlich flĂŒchtete er in ein Dickicht und blieb darin, wĂ€hrend die Sperlinge sich gruppenweise um »das GebĂŒsch versammelten und unaufhörlich zwitscherten und lĂ€rmten.« (Vorlesung im New Zealand Institute, Nature, 10. Oktober 1891.)

[18] Brehm, 3. Aufl. V, 678.

[19] R. Lendenfeld in »Der zoologische Garten«, 1889.

[20] Syewertsoff, Periodische PhÀnomene, S. 251.

[21] Seyfferlitz, zitiert bei Brehm, VI, 637.

[22] The Arctic Voyages of A. E. Nordenskjöld, London 1879, S. 135. Siehe auch die vortreffliche Beschreibung der St. Kilda-Inseln von Dixon (zitiert von Seebohm) und nahezu alle BĂŒcher ĂŒber arktische Reisen.

[23] Siehe Anhang 3. Nistvereinigungen.

[24] Elliot Coues, im Bulletin U. S. Geol. Survey of Territories, IV, Nr. 7, S. 556, 579 usw. Unter den Möwen (Larus argentatus) sah Polyakoff auf einer Marsch in Nordrussland, dass die Nestanlagen einer sehr großen Zahl dieser Vögel immer von einem MĂ€nnchen patrouilliert wurden, das die Kolonie im Fall der Gefahr warnte. Alle Vögel stiegen dann auf und griffen den Feind sehr energisch an. Die Weibchen, die fĂŒnf oder sechs Nester zusammen an jeder Ecke der Marsch hatten, wahrten eine gewisse Ordnung, wenn sie ihr Nest verließen, Um Futter zu suchen. Die eben flĂŒgge gewordenen Vögel, die sonst Ă€ußerst ungeschĂŒtzt sind und leicht die Beute der Raubvögel werden, werden nie allein gelassen (»Familiengewohnheiten bei den Wasservögeln« in den Verhandlungen der Zoologischen Sektion der Naturwissenschaftlichen Gesellschaft in St. Petersburg, 17. Dezember 1874).

[25] Brehm Vater, zitiert bei A. Brehm, IV, 190. Siehe auch Whites Natural History of Selborne, Brief XI.

[26] Dr. Coues, Birds of Dacota and Montana, im Bulletin U. S. Survey of Territories, IV, Nr. 7.

[27] Es ist oft mitgeteilt worden, dass grĂ¶ĂŸere Vögel gelegentlich einige der kleineren hinĂŒbertragen, wenn sie zusammen ĂŒber das Mittelmeer fliegen, »aber die Tatsache ist immer noch zweifelhaft. Anderseits ist es sicher, dass einige kleinere Vögel sich den grĂ¶ĂŸeren auf der Reise anschließen. Die Tatsache ist mehrere Male bemerkt worden und wurde neuerdings von L. Buxbaum in Raunheim bestĂ€tigt. Er sah mehrere ZĂŒge Kraniche, in deren Mitte und ebenso an beiden Seiten ihrer Wanderkolonnen Lerchen flogen (Der Zoologische Garten, 1886, S. 133).

[28] H. Seebohm und Ch. Dixon erwÀhnen beide diese Gewohnheit.

[29] Die Tatsache ist jedem Beobachter bekannt. Mit Bezug auf England finden sich einige Beispiele in Charles Dixons Among the Birds in Northern Shires. Die Buchfinken kommen wĂ€hrend des Winters in großen ZĂŒgen an; und zur selben Zeit, im November, kommen ZĂŒge von Bergfinken; Rotdrosseln besuchen ebenfalls dieselben PlĂ€tze »in Ă€hnlich großen Gesellschaften usw. (S. 165, 166).

[30] Tschudi, Tierleben der Alpenwelt, S. 404.

[31] FĂŒr ihre Jagdvereinigungen siehe Sir E. Tennants Natural History of Ceylon, zitiert in Romanes’ Animal Intelligence, S. 432.

[32] Siehe Anhang 4. Geselligkeit der Tiere.

[33] Hinsichtlich der Viscacha ist es sehr interessant, dass diese Ă€ußerst geselligen Tiere nicht nur friedlich miteinander in jedem ihrer Dörfer leben, sondern dass ganze Dörfer einander nachts besuchen. Die Geselligkeit hat sich so auf die Art ausgedehnt – sie wird nicht nur innerhalb einer bestimmten Gesellschaft oder eines Volkes geĂŒbt, wie wir bei den Ameisen sahen. Wenn der Bauer eine Viscachahöhle zerstört und die Einwohner unter einem Erdhaufen verschĂŒttet, kommen – so berichtet uns Hudson – »die anderen Viscachas herbei, um die auszugraben, die lebendig begraben sind« (l. c. S. 311). Dies ist eine in La Plata weitbekannte Tatsache, die der Verfasser bestĂ€tigt gefunden hat.

[34] In diesem Zusammenhang ist es erwĂ€hnenswert, dass das Quagga-Zebra, das niemals mit dem Dauw-Zebra zusammenkommt, trotzdem nicht nur mit Straußen, die sehr gute Wachtposten sind, sondern auch mit Gazellen, verschiedenen Arten der Antilopen und Gnus aus sehr gutem Fuße lebt. Wir haben also einen Fall von gegenseitiger Abneigung zwischen dem Quagga und dem Dauw, der nicht durch Streit ums Futter erklĂ€rt werden kann. Die Tatsache, dass das Quagga mit WiederkĂ€uern zusammen lebt, die dasselbe Gras fressen wie es selbst, schließt diese Hypothese aus, und wir mĂŒssen irgendeine UnvertrĂ€glichkeit der Charaktere annehmen, wie in dem Fall des Hasen und Kaninchens. Vergl. u. a. Clive Phillips-Wolleys Big Game Shooting (Badminton Library), das ausgezeichnete Beispiele fĂŒr die verschiedenen Arten enthĂ€lt, die in Ostafrika zusammenleben.

[35] Schweine, von Wölfen angefallen, tun dasselbe. (Hudson l. c.)

[36] Romanes’ Animal Intelligence, p. 472.

[37] den Orang-Utan und den Gorilla, die nicht gesellig sind, mĂŒssen wir uns erinnern, dass beide – die auf sehr kleine Gebiete beschrĂ€nkt sind, die einen im Herzen Afrikas und die anderen auf den zwei Inseln Borneo und Sumatra – allem Anschein nach die letzten Reste von frĂŒher viel zahlreicheren Arten sind. Der Gorilla wenigstens scheint in alten Zeiten gesellig gewesen zu sein, wenn die im Periplus erwĂ€hnten Affen wirklich Gorillas waren. Was aber die Orang-Utan betrifft, so sieht man sie noch jetzt in den weniger besuchten Teilen des Sarawaks in kleinen Gruppen herumgehen, obgleich sie in großer Zahl von den Eingeborenen mit vergifteten Pfeilen getötet werden.48 Wir sehen also, selbst aus dieser kurzen Übersicht, dass das Gesellschaftsleben in der Tierwelt keine Ausnahme ist; es ist die Regel, das Naturgesetz, und es erreicht seine höchste Stufe mit den höheren Wirbeltieren. Die Arten, deren Individuen isoliert oder nur in kleinen Familien leben, sind verhĂ€ltnismĂ€ĂŸig selten und die Zahl ihrer Glieder ist gering. Ja, es scheint sehr wahrscheinlich, dass, abgesehen von einigen Ausnahmen, die Vögel und SĂ€ugetiere, die sich jetzt nicht zusammenscharen, in Gesellschaften gelebt haben, ehe der Mensch sich auf der Erde vermehrte und einen fortwĂ€hrenden Krieg gegen sie fĂŒhrte oder es ihnen unmöglich machte, wie frĂŒher ihre Nahrung zu finden. »On ne sâ€șassocie pas pour mourir«, lautet die richtige Bemerkung von Espinas; und Houzeau, der die Tierwelt einiger Teile Amerikas kannte, als sie noch unberĂŒhrt vom Menschen lebte, schreibt in demselben Sinne.

[38] Umso seltsamer war es, in dem frĂŒher erwĂ€hnten Artikel von Huxley die folgende Variation eines bekannten Ausspruches Rousseaus zu lesen: »Die ersten Menschen, die gegenseitigen Frieden an Stelle gegenseitigen Krieges setzten – aus welchen Motiven sie auch zu diesem Schritt kamen – grĂŒndeten die Gesellschaft« (Nineteenth Century. Februar 1888, S. 165). Die Gesellschaft ist nicht vom Menschen gegrĂŒndet worden; sie ist Ă€lter als der Mensch.

[39] Über die Chöre der Affen, siehe Brehm.

[40] Man and Beast, S. 344.

[41] L. H. Morgan, The American Beaver, 1868, S. 272; Abstammung des Menschen, 4. Kapitel.

[42] Von einer Schwalbenart heißt es, dass sie die Abnahme einer anderen Schwalbenart in Nordamerika verschuldet hat; die neuerche Zunahme der Mitteldrossel in Schottland habe die Abnahme der Singdrossel verursacht; die braune Ratte ist in Europa an Stelle der Schwarzen getreten; in Russland hat die kleine KĂŒchenschabe ĂŒberall ihre grĂ¶ĂŸeren Verwandten vertrieben, und in Australien vernichtet die importierte Biene unserer Bienenkörbe ĂŒberall die kleine stachellose Biene. Zwei andere FĂ€lle, die sich aber auf Haustiere beziehen, sind im vorhergehenden Abschnitt erwĂ€hnt. A. R. Wallace bemerkt bei Erörterung derselben Tatsachen in Bezug auf die schottischen Drosseln in einer Fußnote: »Professor A. Newton teilt mir jedoch mit, dass diese Arten sich nicht in der hier behaupteten Weise ins Gehege kommen« (Darwinism, S. 34.) Was die braune Ratte angeht, so ist es bekannt, dass sie infolge ihrer amphibischen Gewohnheiten gewöhnlich in den unteren Teilen der menschlichen Wohnungen (Kellern, Kloaken usw.), aber auch an den Ufern von KanĂ€len und FlĂŒssen lebt, sie unternimmt auch weite Wanderungen in zahllosen Scharen. Die schwarze Ratte dagegen wohnt lieber in unseren Wohnungen selbst, unter dem Fußboden und auch in unseren StĂ€llen und Scheunen. So ist sie viel mehr der Gefahr ausgesetzt, vom Menschen vernichtet zu werden, und wir können mit keinerlei Gewissheit behaupten, ob die schwarze Ratte von der braunen Ratte oder vom Menschen vernichtet oder ausgehungert wird.

[43] »Aber es kann eingewandt werden, dass wir, wenn mehrere nahverwandte Arten dasselbe Gebiet bewohnen, sicher auch gegenwĂ€rtig viele Übergangsformen finden mĂŒssten … Nach meiner Theorie stammen diese verwandten Arten von einem gemeinsamen Vorfahren ab; und wĂ€hrend des Prozesses der VerĂ€nderung ist jede den Lebensbedingungen ihrer eigenen Gegend angepasst worden und hat ihre ursprĂŒngliche Vorfahrenform und alle ÜbergangsvarietĂ€ten zwischen ihren vergangenen und gegenwĂ€rtigen ZustĂ€nden verdrĂ€ngt und vertilgt.« (Origin of Species, 6. Auflage, S. 134); auch S. 137, 296 (der ganze Abschnitt Â»Ăœber Vernichtung«).

[44] Nach Madame Marie Pawloff, die diesen Gegenstand zu ihrem besonderen Studium gemacht hat, wanderten sie von Asien nach Afrika, blieben da einige Zeit und kehrten dann nach Asien zurĂŒck. Ob diese doppelte Wanderung zutrifft oder nicht, die Tatsache, dass der Vorfahr unseres Pferdes frĂŒher in Asien, Afrika und Amerika lebte, ist außer allem Zweifel.

[45] The Naturalist on the River Amazons, II, 85, 95.

[46] Dr. B. Altum, WaldbeschÀdigungen durch Tiere und Gegenmittel (Berlin 1889), S. 207ff.

[47] Dr. B. Altum, wie oben, S. 13 und 187.

[48] A. Becker im Bulletin de la Societe des Naturalistes de Moscou, 1889, S. 625.

[49] Siehe Anhang 5. Hemmungen gegen die

Übervermehrung.

[50] Russkaya Mysl, Sept. 1888: »Die Theorie des wohltĂ€tigen Einflusses des Kampfes ums Dasein, eine Vorrede zu mehreren Abhandlungen ĂŒber Botanik, Zoologie und Menschenleben«, von einem alten Transformisten.

[51] »Eine der hĂ€ufigsten Arten, durch die die natĂŒrliche Auslese wirksam ist, besteht darin, einige Individuen einer Art an eine etwas andere Lebensweise anzupassen, wodurch sie instand gesetzt werden, unbenutzte PlĂ€tze der Natur in Besitz zu nehmen« (Origin of Species, S. 145) – mit anderen Worten, die Konkurrenz zu vermeiden.

[52] Siehe Anhang 6. Anpassungen zur Vermeidung der Konkurrenz

[53] Nineteenth Century, Februar 1888, S. 165.

[54] The Descent of Man, Ende des 2. Kapitels S. 63 und 64, 2. Auflage.

[55] Anthropologen, die die obenstehenden Anschauungen in Bezug auf den Menschen völlig unterschreiben, behaupten trotzdem bisweilen, dass die Affen in polygamen Familien leben unter der FĂŒhrung eines »starken und eifersĂŒchtigen MĂ€nnchens«. Ich weiß nicht, inwiefern sich diese Behauptung auf schlĂŒssige Beobachtungen stĂŒtzt. Aber der Passus aus Brehms Tierleben, auf den man sich manchmal dafĂŒr bezieht, kann kaum als sehr beweiskrĂ€ftig gelten. Er findet sich in seiner allgemeinen Schilderung der Affen; aber seine mehr ins einzelne gehenden Schilderungen besonderer Arten widersprechen ihm entweder oder bestĂ€tigen ihn wenigstens nicht. Selbst bezĂŒglich der Meerkatzen ist Brehm positiv in seiner Behauptung, er sagt: »Man findet sie fast stets in ziemlichen Banden; Familien kommen kaum vor« (S. 128 der 3. Auflage). Was andere Arten angeht, so macht schon die Mitgliederzahl ihrer Banden, die immer mehrere MĂ€nnchen enthalten, die »polygame Familie« mehr als zweifelhaft. Weitere Beobachtung ist offenbar nötig.

[56] Lubbock, Prehistoric Times, 5. Auflage, 1890.

[57] Diese Ausdehnung des Eises ist von den meisten Geologen, die die Eiszeit speziell erforscht haben, zugegeben. Die russische geologische Gesellschaft hat hinsichtlich Russlands bereits dieser Auffassung zugestimmt, und die meisten deutschen Spezialforscher halten sie fĂŒr Deutschland aufrecht. Die Vereisung des grĂ¶ĂŸten Teiles des Zentralplateaus Frankreichs wird ohne Frage von den französischen Geologen zugegeben werden, wenn sie den Ablagerungen der Eiszeit ĂŒberhaupt mehr Beachtung schenken. FĂŒr die Vogesen wurde sie neulich von Bleicher nachgewiesen.

[58] Prehistoric Times, S. 232 und 242.

[59] Bachofen, Das Mutterrecht, Stuttgart 1861; Lewis H. Morgan, Ancient Society, or Researches in the Lines of Human Progress from Savagery through Barbarism to civilisation, New York 1877; J. F. Mac Lennan, Studies in Ancient History, l. Serie, neue Ausgabe, 1886; 2. Serie 1896; L. Fison und A. Howitt, Kamilaroi and Kurnai, Melbourne. Diese vier Schriftsteller sind – wie Giraud Teulon sehr richtig bemerkt hat – von verschiedenen Tatsachen und leitenden Ideen ausgegangen, haben verschiedene Methoden verfolgt und sind zum selben Schluss gekommen. Bachofen verdanken wir den Begriff der Mutterschaftsfamilie und der Muttererbfolge; Morgan – das System der malaiischen und turanischen Verwandtschaft und eine sehr wertvolle Skizze der Hauptphasen der menschlichen Entwicklung; Mac Lennan – das Gesetz der Exogamie; und Fison und Howitt – den cuadro oder Plan der Ehegesellschaften Australiens. Alle vier schließen mit der Feststellung derselben Tatsache: des Stammesursprungs der Familie. Als Bachofen in seinem epochemachenden Werk zuerst die Aufmerksamkeit auf die Mutterschaftsfamilie lenkte, und Morgan die Clanorganisation schilderte – wobei beide ĂŒber die fast allgemeine Verbreitung dieser Formen einig waren und behaupteten, dass das Eherecht allen folgenden Schritten der menschlichen Entwicklung zugrunde liege – da zieh man sie »der Übertreibung. Indessen haben die sorgsamsten Forschungen, die seitdem von einer großen Zahl Erforschern des alten Rechts unternommen wurden, bewiesen, dass alle Rassen des Menschengeschlechts die Spuren auf-weisen, kraft deren sie durch dieselben Stadien der Entwicklung des Eherechts hindurchgegangen sind, wie wir sie jetzt noch bei gewissen Wilden vorfinden. Siehe die Werke von Post, Dargun, Kowalewsky, Lubbock und ihren zahlreichen Nachfolgern: Lippert, Mucke usw.

[61] FĂŒr die Semiten und Arier siehe besonders Prof. Maxim Kowalewskys Primitives Recht (russisch), Moskau 1886 und 1887. Auch seine in Stockholm gehaltenen Vorlesungen (Tableau des origines et de l‘evolution de la famille et de la propriete, Stockholm 1890), die eine vorzĂŒgliche Übersicht ĂŒber die ganze Frage geben. Vergl. auch A. Post, Die Geschlechtsgenossenschaft der Urzeit, Oldenburg 1875.

[62] Es ist unmöglich, mich hier in eine Untersuchung ĂŒber den Ursprung der EhebeschrĂ€nkungen einzulassen. Ich will nur bemerken, dass eine Teilung in Gruppen, Ă€hnlich wie bei Morgans Hawaien, sich bei Vögeln findet; die Jungen leben getrennt von ihren Eltern zusammen. Eine Ă€hnliche Teilung könnte wahrscheinlich auch bei einigen SĂ€ugetieren aufgedeckt werden. Was das Verbot er Beziehungen zwischen BrĂŒdern und Schwestern angeht, ist es nicht sehr wahrscheinlich, dass es aus Betrachtungen ĂŒber die schlimmen Wirkungen der Geschlechtsbeziehungen zwischen Blutsverwandten hervorging, sondern eher aus dem Wunsch, zu frĂŒhzeitige Ehen zu vermeiden; bei dem engen Zusammenwohnen war das eine gebieterische Notwendigkeit. Ich muss auch bemerken, dass wir bei der Erörterung des Ursprungs neuer BrĂ€uche ĂŒberhaupt nicht vergessen dĂŒrfen, dass die Wilden ebenso wie wir ihre »Denker« und Gelehrten haben – Wahrsager, Doktoren, Propheten usw. -, deren Wissen und Denken dem der Massen voraneilt. Da sie in GeheimbĂŒnden organisiert sind – ein anderer Zug, der sich fast allenthalben findet -, sind sie ohne Frage imstande, einen mĂ€chtigen Einfluss auszuĂŒben und BrĂ€uche durchzusetzen, deren ZweckmĂ€ĂŸigkeit von der Mehrheit des Stammes vielleicht noch nicht erkannt wird.

[63] Col. Collins, in Philips’ Researches in South Africa, London 1828. Zitiert bei Waitz, II, 334.

[64] Lichtensteins Reisen im sĂŒdlichen Afrika, II, S. 92, 97ff. Berlin 1811.

[65] P. Kolben, The Present State of the Cape of Good Hope, aus dem Deutschen ĂŒbersetzt von Mr. Metley, London 1731, and I, S. 59, 71, 333, 336 usw.

[66] Die Eingeborenen, die im Norden von Sidney leben und die Kamilaroi-Sprache sprechen, sind in dieser Hinsicht am besten bekannt, dank dem grundlegenden Werk von Lorimer Fison und A. W. Howitt: Kamilaroi and Kurnai, Melbourne 1880. Siehe auch A. W. Howitts Further Note an the Australian Class Systems, im Journal of the Anthropological Institute 1889, Band 18, S. 31, worin die große Ausdehnung derselben Organisation in Australien gezeigt wird.

[67] Bulletin de la Societe d’Anthropologie, 1888, Band XI, S. 652. Ich gebe die Antworten verkĂŒrzt.

[68] Bulletin de la Societe d’Anthropologie, Band XI, S. 386.

[69] Derselbe Brauch herrscht bei den Papuas der Kaimani Bay, die fĂŒr ihre Ehrlichkeit berĂŒhmt sind. »Es kommt nie vor, dass der Papua sein Versprechen nicht hĂ€lt«, sagt Finsch in Neuguinea und seine Bewohner, Bremen 1865, S. 829.

[70] L. F. Martial, in Mission Scientifique au Cap Horn, Paris 1883, Band I, S. 183–201.

[71] KapitÀn Holms Expedition nach Ostgrönland.

[72] In Australien ist beobachtet worden, wie ganze Clans alle ihre Weiber austauschten, um ein UnglĂŒck zu beschwören (Post, Studien zur Entwicklungsgeschichte des Familienrechts 1890, S. 342). Mehr BrĂŒderlichkeit ist ihr Spezifikum gegen drohendes UnglĂŒck.

[73] Dr. H. Rink, Die StÀmme der Eskimos, S. 26 (Meddelelser am Grönland, Band XI, 1887).

[74] Dr. Rink, l. c. S. 24. EuropĂ€er, die im Respekt vor römischem Recht aufgewachsen sind, sind selten imstande, diese Macht der StammesautoritĂ€t zu verstehen. »In der Tat«, schreibt Dr. Rink, »ist es nicht die Ausnahme, sondern die Regel, dass Weiße, die zehn oder zwanzig Jahre unter den Eskimos gelebt haben, zurĂŒckkehren, ohne ihrem Wissen ĂŒber die ĂŒberlieferten Ideen, auf die ihre soziale Verfassung sich grĂŒndet, irgendetwas Neues hinzugefĂŒgt zu haben. Der weiße Mann, ob es ein Missionar oder ein Kaufmann ist, bleibt steif und fest bei seiner dogmatischen Überzeugung, der gewöhnlichste EuropĂ€er sei besser als der vorzĂŒglichste Eingeborene. « – Die StĂ€mme der Eskimos, S. 31.

[75] Dali, Alaska and its Resources, Cambridge, U. S., 1870

[76] Dali sah es in Alaska, Jakobsen in Ignitok in der NĂ€he der Beringstraße. Gilbert Sproat erwĂ€hnt es bei den Vancouverindianern und Dr. Rink, der die oben erwĂ€hnten periodischen Ausstellungen erwĂ€hnt, fĂŒgt hinzu: »Der Hauptnutzen der Ansammlung persönlichen Reichtums besteht darin, ihn periodisch zu verteilen. « Er erwĂ€hnt auch (L.c. S. 31) »die Zerstörung des Eigentums zu demselben Zweck« (zur Aufrechterhaltung der Gleichheit).

[77] Siehe Anhang 8. Zerstörung des Privateigentums auf dem Grabe

[78] Veniaminoff, DenkwĂŒrdigkeiten ĂŒber den Bezirk Unalaschka (russisch), drei BĂ€nde, St. Petersburg 1840. AuszĂŒge aus dem obigen sind in Dalis Alaska englisch mitgeteilt. Eine Ă€hnliche Beschreibung von der Moral der Australier ist in Nature, XIII, S. 639, mitgeteilt.

[79] Es ist sehr bemerkenswert, dass mehrere Schriftsteller (Middendorf, Schrenk, O. Finsch), die Ostjaken und Samojeden mit fast denselben Worten schilderten. Selbst, wenn sie betrunken sind, sind ihre Streitigkeiten nicht der Rede wert. »Seit hundert Jahren ist in der Tundra ein einziger Mord begangen worden« – »ihre Kinder streiten nie miteinander« – »man kann alles jahrelang in der Tundra lassen, selbst Lebensmittel und Schnaps, niemand wird es berĂŒhren« usw. Gilbert Sproat »war nie Zeuge eines Kampfes zwischen zwei nĂŒchternen Eingeborenen« der Ahtindianer der Vancouverinsel. »Streiten ist auch selten unter ihren Kindern« (Rink, l. c.) usw.

[80] Gill, zitiert in Gerland und Waitz’ Anthropologie, V, 641. Siehe auch S. 636–640, wo viele FĂ€lle von Eltern- und Kindesliebe zitiert sind.

[81] W. T. Pritchard, Polynesian Reminiscences, London 1886, S. 363.

[82] Es ist indessen bemerkenswert, dass es im Fall eines Todesurteils niemand auf sich nehmen will, der Vollstrecker zu sein. Jeder wirft seinen Stein oder gibt seinen Streich mit dem Beil, aber jeder vermeidet sorgsam, den Todesstreich zu versetzen. In einer spĂ€teren Epoche ersticht der Priester das Opfer mit einem geweihten Messer. Noch spĂ€ter ist es der König, bis die Zivilisation den bezahlten Henker erfindet. Siehe Bastians tiefe Bemerkungen darĂŒber in: Der Mensch in der Geschichte, III, Die Blutrache, S. 1–36. Ein Überrest dieser Stammessitte ist, wie mir Professor E. Nys sagt, in militĂ€rischen Exekutionen bis in unsere Zeiten am Leben geblieben. Um die Mitte des neunzehnten Jahrhunderts war es ĂŒblich, die Gewehre der zwölf Soldaten, die dazu bestimmt waren, das Opfer zu erschießen, mit elf scharfen Patronen und einer Platzpatrone zu laden. Da die Soldaten nie wussten, wer von ihnen die letztere hatte, konnte jeder von ihnen sein aufgeregtes Gewissen damit trösten, dass er dachte, er sei keiner von den Mördern.

[83] In Afrika und auch sonst ist es eine weit verbreitete Sitte, dass, wenn ein Diebstahl begangen worden ist, der nĂ€chste Clan ein Äquivalent der gestohlenen Dinge aufbringen und dann selbst nach dem Dieb forschen muss. A. H. Post, Afrikanische Jurisprudenz, Leipzig 1887, Band I, S. 77.

[84] Siehe Professor M. Kowalewskys Moderne Sitten und Altes Recht (russisch), Moskau 1886, Band II, das viele wichtige Betrachtungen ĂŒber diese Dinge enthĂ€lt.

[85] Siehe Carl Bock, The Head-Hunters of Borneo, London 1881. Indessen berichtet mir Sir Hugh Law, der lange Zeit Gouverneur von Borneo war, dass das in diesem Buche beschriebene »Kopfjagen« Ă€ußerst ĂŒbertrieben worden ist. Alles in allem spricht mein GewĂ€hrsmann von den Dayaken in genau denselben sympathischen AusdrĂŒcken wie Ida Pfeiffer. Ich will hinzufĂŒgen, dass Mary Kingsley in ihrem Buch ĂŒber Westafrika in denselben sympathischen AusdrĂŒcken von den FĂ€nen spricht, die frĂŒher als die »schrecklichsten Menschenfresser« hingestellt worden waren.

[86] Ida Pfeiffer, Meine zweite Weltreise, Wien 1856, Band I, S. 116ff. Siehe auch MĂŒller und Temminch, HollĂ€ndische Besitzungen im indischen Archipelagus, zitiert bei Elisee Reclus, Geographie Universelle, XIII.

[87] Descent of Man, 2. Ausgabe, S. 63, 64.

[88] Miklucho-Maclay, l. c. Derselbe Brauch bei den Hottentotten.

[89] Zahllose Spuren von postpliozĂ€nen Seen, die jetzt verschwunden sind, werden in ganz Zentral-, West- und Nordosten gefunden. Muscheln derselben Arten, wie die, die man jetzt im Kaspischen Meer findet, sind ĂŒber die OberflĂ€che des Bodens in östlicher Richtung bis halbwegs zum Aralsee zerstreut und werden nördlich bis Kasan in neuen Schichten gefunden. Spuren von Kaspischen Golfen, die man frĂŒher fĂŒr alte Betten des Amudaya oder des Oxus gehalten hatte, durchschneiden das turkmenische Gebiet. Gewiss muss auf zeitweilige, periodische Schwankungen geschlossen werden. Aber bei alledem ist die Austrocknung fraglos und ebenso ihre Fortschritte in einer frĂŒher nicht vermuteten Geschwindigkeit. Selbst in dem verhĂ€ltnismĂ€ĂŸig feuchten Westsibirien zeigen zuverlĂ€ssige Reihen von Vermessungen, die Yadrintseff veröffentlicht hat, dass Dörfer da entstanden sind, wo achtzig Jahre vorher das Bett eines der Seen der Tschanygruppe gewesen war; wĂ€hrend die anderen Seen derselben Gruppe, die vor einigen fĂŒnfzig Jahren Hunderte von Quadratmeilen bedeckten, jetzt bloße Teiche sind. Kurz, die Austrocknung Nordwestasiens geht mit einer Schnelligkeit vor sich, die nach Jahrhunderten bemessen werden muss, statt der geologischen Zeiteinheiten, von denen wir frĂŒher zu sprechen pflegten.

[90] Wenn ich den Ansichten (um nur Spezialforscher unserer Zeit zu nennen) von Nasse, Kowalewsky und Winogradow folge und nicht denen F. Seebohms (Denman Roß kann nur um der VollstĂ€ndigkeit willen genannt werden), so geschieht es nicht nur um des tiefen Wissens und der Übereinstimmung in den Anschauungen der drei Forscher willen, sondern auch, weil sie eine vollkommene Kenntnis von der Dorfmark im ganzen haben – eine Kenntnis, deren Mangel sich in dem sonst bemerkenswerten Buch Fr. Seebohms sehr fĂŒhlbar macht. Dieselbe Bemerkung gilt in noch höherem Grade fĂŒr die sehr eleganten Schriften Fustels de Coulanges, dessen Meinungen und hitzige Auslegungen alter Texte, von niemandem geteilt werden, als von ihm selbst.

[91] Die Literatur ĂŒber die Dorfmark ist so reich, dass nur ein paar Werke genannt werden können. Die von Sir Henry Maine, Fr. Seebohm und Walters Das alte Wallis (Bonn 1859) sind bekannte populĂ€re BĂŒcher ĂŒber Schottland, Irland und Wales. FĂŒr Frankreich: P. Viollet, Precis de l‘histoire du droit franrais: Droit prive, 1886, und mehrere seiner Monographien in Bibl. de l‘Ecole des Chartes; Babeau, Le Village saus l‘ancien regime (der Mir im achtzehnten Jahrhundert), 3. Aufl. 1887; Bonnemere, Doniol usw. FĂŒr Italien und Skandinavien sind die Hauptwerke in Laveleyes Primitivem Eigentum, deutsche Übersetzung von Karl BĂŒcher, genannt. FĂŒr die Finnen Reins FörelĂ€sningar, I, 16; Koskinen, Finnische Geschichte, 1874, und verschiedene Monographien. FĂŒr die LivlĂ€nder und Kuren Prof. Lutschitzky in Severnyi Westnik, 1891. FĂŒr die Deutschen außer den bekannten Werken von Maurer, Sohm (Altdeutsche Reichsund Gerichtsverfassung), auch Dahn (Urzeit, Völkerwanderung, Langobardische Studien), Janssen, Wilh. Arnold usw. FĂŒr Indien außer H. Maine und den BĂŒchern, die er nennt, Sir John Phears Aryan Village. FĂŒr Russland und die SĂŒdslawen siehe Kawelin, Posnikoff, Sokolowsky, Kowalewsky, Esimenko, Iwanischeff, Klaus usw. (reichhaltiges bibliographisches Verzeichnis bis 1880 in den Sbornik svedeniy ob obschinye der Russ. Geogr. Geselllsch.). FĂŒr allgemeine Behandlung des Gegenstandes, außer Laveleyes Propriete, Morgans Ancient Society, Lipperts Kulturgeschichte, Post, Dargun usw., auch die Vorlesungen von M. Kowalewsky: Tableau des origines et de l‘evolution de la famille et de la propriete, Stockholm 1890. Viele spezielle Monographien sollten genannt werden; ihre Titel findet man in den ausgezeichneten Verzeichnissen, die P. Viollet in Droit prive und Droit public gegeben hat. FĂŒr andere Rassen siehe die folgenden Anmerkungen.

[92] Mehrere AutoritĂ€ten sind geneigt, den vereinigten Haushalt als Zwischenstadium zwischen dem Clan und der Dorfmark zu betrachten, und es ist kein Zweifel, dass in sehr vielen FĂ€llen die Dorfmarken aus den ungeteilten Familien erwachsen sind. Nichtsdestoweniger betrachte ich den vereinigten Haushalt als eine Erscheinung, die dem Clan und der Dorfmark untergeordnet ist. Wir finden ihn innerhalb der Gentes; andererseits können wir nicht behaupten, dass FamilienverbĂ€nde zu irgendeiner Zeit existiert haben, ohne entweder zu einer Gens oder zu einer Dorfmark oder zu einem Gau gehört zu haben. Ich bin der Meinung, dass die ersten Dorfmarken allmĂ€hlich direkt aus den Gentes entstanden und je nach der Rasse oder den örtlichen UmstĂ€nden entweder aus mehreren FamilienverbĂ€nden oder aus solchen VerbĂ€nden und einzelnen Familien, oder (besonders im Fall neuer Ansiedelungen) bloß aus einfachen Familien bestanden. Wenn diese Anschauung richtig ist, dann haben wir nicht das Recht, die Reihe: Gens, Familienverband, Dorfmark aufzustellen – da das zweite Glied der Reihe nicht dieselbe ethnologische Bedeutung hat wie die beiden anderen. Siehe Anhang 9. Der Familienverband

[93] Stobbe, BeitrÀge zur Geschichte des deutschen Rechtes, S. 62.

[94] Die wenigen Spuren von Privateigentum an Grund und Boden, die man in der frĂŒheren barbarischen Periode trifft, finden sich bei solchen stammen (den Batavern, den Franken in Gallien), die eine Zeitlang unter dem Einfluss des römischen Reichs gewesen sind. Siehe Inama Sternegg, Die Ausbildung der großen Grundherrschaften in Deutschland, Band I, 1878. Auch Besseler, Neubruch nach dem Ă€lteren deutschen Recht, S. 11–12, zitiert bei Kowalewsky, Moderne Sitten und altes Recht, Moskau 1886, I, 134.

[95] Maurer, Markgenossenschaft; Lamprecht, Wirtschaft und Recht der Franken zur Zeit der Volksrechte, im histor. Taschenbuch, 1883; Seebohm, The English Village Community, Kap. VI, VII und IX.

[96] Letourneau im Bulletin de la Soc. d’Anthropologie 1888, XI, 476.

[97] Walter, Das alte Wallis, S. 323. Dm. Bakradze und N. Khudadoff im russischen Zapiski der Kaukasischen Geogr. Gesellschaft, XIV, Teil 1.

[98] Bancroft, Native Races; Waitz, Anthropologie, III, 423; Montrozierim Bull. Soc. d‘Anthropologie, 1870; Polts Studien usw.

[99] Eine Anzahl Werke von Ory, Luro, Laudes und Sylvestre ĂŒber die Dorfmark in Annam, die beweisen, dass sie dort dieselben Formen gehabt hat wie in Deutschland oder Russland, werden in einem Referat ĂŒber diese Werke von Jobbe-Duval in der Nouvelle Revue historique de droit franrais et etranger, Oktober und Dezember 1896, erwĂ€hnt. Eine gute Studie ĂŒber die Dorfmark Perus, ehe die Macht der Inkas etabliert wurde, ist von Heinrich Cunow veröffentlicht worden (Die Soziale Verfassung des Inka-Reichs, Stuttgart 1896). Das Gemeineigentum an Grund und Boden und die Gemeindewirtschaft werden in diesem Buche geschildert.

[100] Kowalewsky, Moderne Sitten und altes Recht I, 115.

[101] Palfrey, History of New England, II, 13; zitiert in Maines Village Communities, New York 1876, S. 201.

[102] Königswarter, Etudes sur le developpement des societes humaines, Paris 1850.

[103] Dies ist wenigstens Gesetz bei den KalmĂŒcken, deren Gewohnheitsrecht dem Recht der alten Deutschen, Slaven usw. sehr nah verwandt ist.

[104] Der Brauch ist noch bei vielen afrikanischen und anderen StÀmmen in Geltung.

[105] Village Communities, S. 65–68 und 199.

[106] Maurer (Gesch. d. Markverfassung, § 29, 97) ist ganz entschieden in diesem Punkte. Er erklÀrt, dass alle Mitglieder der Genossenschaft, die Herren ebenfalls, ob Laien oder Geistliche, oft auch die teilweisen Mitbesitzer (Markberechtigte) und selbst solche, die nicht zur Mark gehörten, ihrer Gerichtsbarkeit unterworfen waren (S. 312). Dieser Zustand blieb an manchen Orten bis zum 15. Jahrhundert in Kraft.

[107] Königswarter, l. c. S. 50; J. Thrupp, Historical Law Tracts, London 1843, S. 106

[108] Königswarter hat gezeigt, dass der Fred aus einem Opfer entstand, das zur BesÀnftigung der Ahnen dargebracht wurde. SpÀterhin wurde er um des Friedensbruches willen der Gemeinde bezahlt; und noch spÀter dem Richter oder König oder Herrn, als sie sich die Rechte der Mark angeeignet hatten.

[109] Post, in s. Afrik. Jurisprudenz, gibt eine Reihe von Tatsachen, die die bei den afrikanischen Barbaren eingewurzelten Billigkeitsbegriffe anschaulich machen; dasselbe kann von allen ernsthaften Untersuchungen des barbarischen gemeinen Rechts gesagt werden.

[110] Siehe das vorzĂŒgliche Kapitel »Le droit de la Vieille Irlande« (auch »Le Haut Nord«) in »Etudes de droit international et de droit politique« von Prof. E. Nys, BrĂŒssel 1896.

[111] Einleitung, S. XXXV.

[112] Das alte Wallis, S. 343–350.

[113] Maynoff, »Skizzen aus den Gerichtsgewohnheiten der Mordwinen«, in den ethnographischen Zapiski der Russischen Geograph. Gesellschaft 1885, S. 236, 257.

[114] Henry Maine, International Law, London 1888, S. 11–13. E. Nys, Les origines du droit international, BrĂŒssel 1894.

[115] Ein russischer Historiker, der Professor Schapoff in Kasan, der 1862 nach Sibirien verbannt war, hat eine gute Schilderung ihrer Institutionen gegeben in den Izvestia der Ostsibirischen Geograph. Gesellsch. Band V, 1874.

[116] Sir Henry Maines Village Communities, New York 1876, S. 193–196.

[117] Nazaroff, Das Gebiet des nördlichen Usuri (russisch), St. Petersburg 1887, S. 65.

[118] Hanoteau et Letourneux, La Kabylie, 3 BĂ€nde, Paris 1883.

[119] Um die »Hilfe« zusammenzubringen, muss der Gemeinschaft eine Art Mahl angeboten werden. Ein kaukasischer Freund erzĂ€hlt mir, dass in Georgien der arme Mann, wenn er »Hilfe« braucht, von dem Reichen ein oder zwei Schafe borgt, um das Mahl zu bereiten, und die Gemeinde bringt dann, außer ihrer Arbeit, so viele VorrĂ€te mit, dass er die Schuld zurĂŒckzahlen kann. Ein Ă€hnlicher Brauch existiert bei den Mordwinen.

[120] Hanoteau et Letourneux, La Kabylie, II, 58. Dieselbe Achtung vor Fremden ist bei den Mongolen ĂŒblich. Der Mongole, der einem Fremden Obdach verweigert hat, zahlt die volle BlutentschĂ€digung, wenn der Fremde darunter gelitten hat (Bastian, Der Mensch in der Geschichte, III, 231).

[121] N. Khudadoff, »Bemerkungen ĂŒber die Khevsuren« in den Zapiski der Kaukas. Geogr. Gesellschaft, XIV, I, Tiflis 1890, S. 68. Sie leisteten ebenfalls den Eid, nicht MĂ€dchen aus ihrer eigenen Vereinigung zu heiraten, und es zeigte sich so ein bemerkenswertes Wiederaufleben der alten Gentilbestimmungen.

[122] Siehe Post, Afrikanische Jurisprudenz, Oldenburg 1887; MĂŒnzinger, Über das Recht und Sitten der Bogos, Winterthur 1859; Casalis, Les Bassautos, Paris 1859; Maclean, Kafir Laws and Customs, Mount Coke 1858 usw.

[123] Waitz, III, 423ff.

[124] Post, Studien zur Entwicklungsgeschichte des Familienrechts. Oldenburg 1889, S. 270ff.

[125] Powell, Annual Report of the Bureau of Ethnography, Washington 1881, zitiert in Posts Studien, S. 290; Bastian, Inselgruppen in Oceanien, 1883.

[126] De Stuers, zitiert bei Waitz, V, 141.

[127] W. Arnold, in seinen »Wanderungen und Ansiedlungen der deutschen StÀmme«, S. 431, behauptet sogar, dass die HÀlfte der jetzt urbaren FlÀche in Mitteldeutschland zwischen dem 6. und 9. Jahrhundert der Wildnis abgewonnen worden sein muss. Nitzsch (Geschichte des deutschen Volkes, Leipzig 1883, Band I) teilt diese Meinung.

[128] Lea und Botta, Geschichte Italiens, französ. Ausgabe, 1844, Band I, S. 37.

[129] Die EntschĂ€digungssumme fĂŒr das Stehlen eines einfachen Messers betrug 15 Solidi, und fĂŒr die eisernen Teile einer MĂŒhle 45 Solidi. (Siehe darĂŒber Lamprechts Wirtschaft und Recht der Franken in Raumers histor. Taschenbuch, 1883, S. 52.) Nach ripuarischem Recht hatte das Schwert, der Speer und die eiserne RĂŒstung eines Kriegers mindestens den Wert von 25 KĂŒhen oder zwei Jahren Arbeit eines freien Mannes. Ein Panzer allein galt im salischen Gesetz (Desmichels, zitiert bei Michelet) 36 Scheffel Weizen.

[130] Der Hauptreichtum der HĂ€uptlinge bestand lange Zeit in ihren privaten DomĂ€nen, die teils mit gefangenen Sklaven, hauptsĂ€chlich aber auf oben genanntem Wege bevölkert wurden. Über den Ursprung des Grundeigentums siehe Inama Sternegg, Die Ausbildung der großen Grundherrschaften in Deutschland, in Schmollers Forschungen, Band I, 1878; F. Dahn, Urgeschichte der germanischen und romanischen Völker, Berlin 1881; Maurer, Dorfverfassung; Guizot, Essais sur l‘histoire de France; Maine, Village Community; Botta, Geschichte Italiens; Seebohm, Winogradow, J. R. Green usw.

[131] Siehe Sir Henry Maine, International Law, London 1888.

[132] Man darf annehmen, dass diese Institution (die der Erbfolge durch Wahl von Seiten der Familienglieder, der Tanistry, verwandt ist) im Leben jener Periode eine bedeutende Rolle spielte; aber es sind darĂŒber noch keine Forschungen angestellt worden.

[133] Es war im Freibrief von St. Quentin aus dem Jahr 1002 ausdrĂŒcklich festgesetzt, dass das Lösegeld fĂŒr HĂ€user, die zur Strafe fĂŒr Verbrechen hĂ€tten zerstört werden sollen, fĂŒr die Stadtmauern benutzt wĂŒrde. Dieselbe Bestimmung hatte das Ungeld in deutschen StĂ€dten. In Pskow war die Kathedrale die Kasse fĂŒr die Geldstrafen, und aus diesem Fonds wurde das Geld fĂŒr die Mauern genommen.

[134] Sohm, FrĂ€nkische Rechtsund Gerichtsverfassung, S. 23; auch Nitzsch, Geschichte des deutschen Volkes, I, 78. FĂŒr Russland siehe Sergievitsch, Wietsche und FĂŒrst; Kostomaroff, Brelaieff usw.

[135] Siehe die vorzĂŒglichen Bemerkungen hierĂŒber in Augustin Thierrys Lettre sur l‘histoire de France, 7. Brief. Die Übersetzungen mancher Bibelstellen bei barbarischen Völkern sind fĂŒr diesen Punkt Ă€ußerst interessant.

[136] Sechsunddreißigmal mehr als ein Adeliger, nach dem angelsĂ€chsischem Recht. In dem Codex Rotharis wird die Ermordung eines Königs jedoch mit dem Tode bestraft; aber (abgesehen von römischem Einfluss) wurde diese neue Anordnung (im Jahre 646) im lombardischen Gesetz getroffen – wie Leo und Botta bemerkten -, um den König vor Blutrache zu schĂŒtzen. Da der König zu jener Zeit der Vollstrecker seiner eigenen Urteile war (wie es frĂŒher der Stamm gewesen war), so musste er durch eine besondere Bestimmung geschĂŒtzt werden, und dies umso mehr, als mehrere lombardische Könige vor Rothari hintereinander erschlagen worden waren (Leo und Botta, l. c. I, 66–90).

[137] Felix Dahn, Urgeschichte der germanischen und romanischen Völker, Berlin 1881, Band I, 96.

[138] Wenn ich mich also den Auffassungen anschließe, die vor geraumer Zeit von Maurer vertreten wurden (Geschichte der StĂ€dteverfassung in Deutschland, Erlangen 1869), so geschieht es, weil er die ununterbrochene Entwicklung aus der Dorfmark zur Stadt des Mittelalters bewiesen hat und weil seine Auffassung allein die Allgemeinheit der Kommunalbewegung erklĂ€ren kann. Savigny und Eichhorn und ihre Nachfolger haben ohne Frage bewiesen, dass die Traditionen der römischen municipia nie völlig verschwunden waren. Aber sie zogen die Periode der Dorfmark, in der die Barbaren lebten, bevor sie irgendwie StĂ€dte hatten, nicht in Betracht. Tatsache ist, dass die Menschheit ĂŒberall, wo sie mit der Zivilisation von neuem begann, in Griechenland, Rom oder Mitteleuropa, durch dieselben Etappen hindurchging – den Stamm, die Dorfmark, die freie Stadt, den Staat -, wobei sich jede natĂŒrlich aus der vorhergehenden entwickelte. SelbstverstĂ€ndlich ging die Erfahrung jeder frĂŒheren Zivilisation nie verloren. Griechenland (seinerseits wieder durch orientalische Zivilisation beeinflusst) beeinflusste Rom, und Rom beeinflusste unsere Zivilisation; aber jede begann wieder mit demselben Anfang – dem Stamm. Und gerade so, wie wir nicht sagen können, unsere Staaten seien Fortsetzungen des römischen Staates, so können wir auch nicht sagen, die mittelalterlichen StĂ€dte Europas (einschließlich Skandinaviens und Russlands) seien eine Fortsetzung der römischen StĂ€dte. Sie waren eine Fortsetzung der barbarischen Dorfmark, bis zu einem gewissen Grad von den Traditionen der römischen StĂ€dte beeinflusst.

[139] Viele Forschungen waren nötig, ehe dieser Charakter der sogenannten Udyelnyi-Periode durch die Werke von Byelaeff (ErzĂ€hlungen aus der russischen Geschichte), Kostomaroff (Die AnfĂ€nge der Autokratie in Russland), und besonders Professor Sergiewitsch (Wyetsche und FĂŒrst) richtig festgestellt war. Einiges darĂŒber findet der Leser, der russisch nicht lesen kann, außer in dem oben genannten Buch von Kowalewsky u. a. in Rambauds »Geschichte Russlands«.

[140] Siehe die vorzĂŒglichen Bemerkungen G. L. Gommes ĂŒber die Volksversammlung von London (The Litterature of Local Institutions, London 1886, S. 76). Es muss jedoch bemerkt werden, dass in königlichen StĂ€dten die Volksversammlung nie die UnabhĂ€ngigkeit erlangte, die sie sonst hatte. Es ist sogar sicher, dass Moskau und Paris von den Königen und der Kirche als Wiege der kĂŒnftigen königlichen StaatsautoritĂ€t ausgesucht wurden, weil sie die Tradition der Volksversammlungen nicht hatten, die gewohnt waren, in allen Dingen souverĂ€n vorzugehen.

[141] A. Luchaire, Les communes franraises; auch Kluckohn, Geschichte des Gottesfriedens, 1857. L. Semichon (La paix et la treve de dieu, 2 BĂ€nde, Paris 1869) hat versucht, die Kommunalbewegung als Ergebnis dieser Einrichtung hinzustellen. In der Tat war die treuga dei ebenso wie die Liga, die unter Ludwig dem Dicken zur Verteidigung sowohl gegen die RĂ€ubereien des Adels, wie gegen die EinfĂ€lle der Normannen gegrĂŒndet wurde, durchaus eine Volksbewegung. Der einzige Historiker, der diese letztere Liga erwĂ€hnt – nĂ€mlich Vitalis -, schildert sie als eine » Volksgemeinschaft« (Considerations sur l‘historie de France im 4. Band von Aug. Thierrys CEuvres, Paris 1868, S. 191 und Fußnote).

[142] Ferrari, I, 152, 263 usw.

[143] Perrens, Histoire de Florence, I, 188; Ferrari, l. c. I, 283.

[144] Aug. Thierry, Essai sur l’histoire du Tiers Etat, Paris 1875, S. 414, Fußnote.

[145] Sehr interessante Tatsachen zur allgemeinen Verbreitung der Gilden findet man in »Two Thousand Years of Guild Life«, von Rev. J. M. Lambert, Hull 1891. Über die georgischen Amkari siehe S. Eghiazarow, Gorodskiye Tsekhi (Organisation der transkaukasischen Amkari) in den Denkschriften der Kaukasischen Geograph. Gesellschaft, XIV, 2, 1891.

[146] J. D. Wunderers Reisebericht in Fichards Frankfurter Archiv, II, 245; zitiert bei Janssen, Geschichte des deutschen Volkes, I, 355.

[147] Dr. Leonhard Ennen, Der Dom zu Köln, Historische Einleitung, Köln 1871, p+4ĆŸ6, 50.

[148] Siehe voriges Kapitel.

[149] Kofod Ancher, Om gamle Danske Gilder ok deres UndergÀng, Kopenhagen 1785. Statuten einer Knu-Gilde

[150] Über die Stellung der Frauen in den Gilden siehe Miß Toulmin Smiths einleitende Bemerkungen zu den »English Guilds« ihres Vaters. Eines der Statuten von Cambridge (S. 281) aus dem Jahre 1503 ist in folgendem Satze ganz positiv: » Thys statute is made by the comyne assent of all the bretherne and sisterne of alhallowe yelda«. (Dies Statut ist durch Übereinstimmung aller BrĂŒder und Schwestern der Allerheiligengilde zustande gekommen).

[151] Im Mittelalter wurde nur der meuchlerische Angriff als Mord behandelt. Blutrache in hellem Tageslicht war Justiz; und Erschlagen eines Gegners im Streit war nicht Mord, sowie der Angreifer den guten Willen zeigte, zu bereuen und das getane Unrecht wieder gut zu machen. Deutliche Spuren dieser Unterscheidung sind im modernen Strafrecht, besonders in Russland, noch vorhanden.

[152] Kofod Ancher, l. c. Dieses alte BĂŒchelchen enthĂ€lt manches, was von spĂ€teren Forschern ĂŒbersehen wurde.

[153] Sie spielten in den AufstĂ€nden der Leibeigenen eine große Rolle und wurden daher in der zweiten HĂ€lfte des 9. Jahrhunderts mehrfach verboten. NatĂŒrlich blieben die Verbote des Königs ein toter Buchstabe.

[154] Die italienischen Maler des Mittelalters waren auch in Gilden organisiert, die in einer spĂ€teren Epoche Kunstakademien wurden. Wenn die italienische Kunst dieser Zeiten mit so viel Eigenart erfĂŒllt ist, dass wir noch jetzt die verschiedenen Schulen von Padua, Bassano, Treviso, Verona usw. unterscheiden, obwohl alle diese StĂ€dte unter dein Einfluss von Venedig standen, so war dies – wie J. Paul Richter bemerkt – dem Umstand zu verdanken, dass die Maler jeder Stadt zu einer besonderen Gilde gehörten, die mit den Gilden anderer StĂ€dte Freundschaft hielt, aber eine besondere Existenz fĂŒhrte. Die Ă€lteste bekannte Gildenordnung ist die von Verona aus dem Jahr 1303, aber offenbar aus einem viel Ă€lteren Statut hervorgegangen. »BrĂŒderlicher Beistand in FĂ€llen irgendwelcher Not«, »Gastfreundschaft gegen Fremde, die die Stadt berĂŒhrten, damit sie ĂŒber Dinge, die kennen zu lernen von Wert ist, unterrichtet werden«, und die »Verpflichtung, im Falle des Leidens Trost zu bringen«, derlei findet sich unter den Verpflichtungen der Mitglieder (Nineteenth Century, November 1890 und August 1892).

[155] Die Hauptwerke ĂŒber die Artels findet man in dem Artikel »Russland« der Encyclopedia Britannica, 9. Aufl. S. 84.

[156] Siehe z. B. die Urkunden der Gilden von Cambridge, die Toulmin Smith mitteilt (English Guilds, London 1870, S. 274–76), aus denen hervorgeht, dass der »generall and pricipall day« (der Haupt- und Staatstag), der »eleccioun day« (der Wahltag) war; oder Ch. M. Clodes »The Early History of the Guilds of the Merchant Taylors«, London 1888, I, 45 usw. Über die Erneuerung der Zugehörigkeit siehe die Jomsviking Saga, die in Pappenheims »AltdĂ€nische Schutzgilden«, Breslau 1885, S. 67, erwĂ€hnt ist. Es scheint sehr wahrscheinlich, dass viele Gilden, als sie anfingen, verfolgt zu werden, in ihre Statuten nur den Wahltag oder ihre frommen Pflichten aufnahmen, dagegen die JustizĂŒbung der Gilde nur in unbestimmten Worten andeuteten; aber diese Übung verschwand erst in sehr viel spĂ€terer Zeit. Die Frage »Wer ist mein Richter?« hat heute keine Bedeutung, seit der Staat die Organisation der Justiz seiner Bureaukratie vorbehalten hat; aber sie war von entscheidender Bedeutung in den Zeiten des Mittelalters, umso mehr, als die eigene Gerichtsbarkeit Selbstverwaltung bedeutete. Es muss noch bemerkt werden, dass die Übersetzung des angelsĂ€chsischen und dĂ€nischen »guild-bretheren« oder »brödrae« durch das lateinische »convivii« auch zu dieser Konfusion beigetragen haben muss.

[157] Siehe die vorzĂŒglichen Bemerkungen hierĂŒber von J. R. Green und Mrs. Green in »The conquest of England«, London 1883, S. 229–230.

[158] Siehe Anhang 10. Der Ursprung der Gilden.

[159] Recueil des ordonnanceses des rois de France, Band XII, 562; zitiert bei Aug. Thierry in Considerations sur l’histoire de France, S. 196, Duodezausgabe.

[160] A. Luchaire, Les communes franraises, S. 45–46.

[161] Guilbert de Nogent, De vita sua, zitiert bei Luchaire, S. 14.

[162] Lebret, Histoire de Venise, I, 393; auch Marin, zitiert bei Leo und Botta in der »Geschichte Italiens«, französ. Ausgabe, 1844, Band I, 500.

[163] Dr. W. Arnold, Verfassungsgeschichte der deutschen FreistĂ€dte, 1854, Band II, 227ff.; Ennen, Geschichte der Stadt Köln, Band I, 228–29; auch die von Ennen und Eckart herausgegebenen Urkunden.

[164] Conquest of England, 1883, S. 453.

[165] Byelaeff, Russische Geschichte, Bde. II u. III.

[166] W. Gramich, Verfassungsund Verwaltungsgeschichte der Stadt WĂŒrzburg im 13. bis zum 15. Jahrhundert, WĂŒrzburg 1882, S. 34.

[167] Wenn ein Kahn eine Last Kohlen nach WĂŒrzburg gebracht hatte, durfte die Kohle wĂ€hrend der ersten acht Tage nur im kleinen verkauft werden, wobei jede Familie nur einen Anspruch auf fĂŒnfzig Körbe hatte. Der Rest des Vorrats durfte im großen verkauft werden, aber dem HĂ€ndler war es nur erlaubt, einen »zittlichen« Gewinn zu nehmen, der »unzittliche« oder unehrbare Gewinn war streng verboten (Gramich, l. c.). dasselbe in London (Liber albus, zitiert bei Ochenkowski, S. 161) und in der Tat ĂŒberall.

[168] Siehe Fagniez, Etudes sur l’industrie et la classe industrielle a Paris au XIIr e et XIvne siecle, Paris 1877, S. 155ff. Es braucht kaum hinzugefĂŒgt zu werden, dass die Brotsteuer und ebenso die Biersteuer nach sorgfaltigen Versuchen ĂŒber die Menge Brot und Bier, die eine bestimmte Menge Korn ergibt, festgesetzt wurde. Die Archive von Amiens enthalten die genauesten Einzelheiten ĂŒber solche Experimente (A. de Calonne, l. c. S. 77, 93). Desgleichen die von London (Ochenkowski, Englands wirtschaftliche Entwicklung usw., Jena 1879, S. 165).

[169] Ch. Groß, The Guild Merchant, Oxford 1890, I, 135. Seine Dokumente beweisen, dass diese Übung in Liverpool (II, 148–150), in Waterford in Irland, Neath in Wales und Linlithgow und Thurso in Schottland herrschte. Die Urkunden von Groß beweisen auch, dass die AnkĂ€ufe nicht nur zur Verteilung unter die stĂ€dtischen Kaufleute erfolgten, sondern »upon all citsains und commynalte« (unter alle BĂŒrger und Gemeindeglieder; S. 136, Fußnote), oder, wie die Verordnung von Thurso aus dem 17. Jahrhundert lautet, »den Kaufleuten, Handwerkern und Einwohnern der genannten Stadt ein Angebot zu machen, auf dass sie ihren Teil daran haben, gemĂ€ĂŸ ihren BedĂŒrfnissen und FĂ€higkeiten.«

[170] The Early History of the Guild of Merchant Taylors, von Charles M. Clode, London 1888, I, 361, Anhang 10; auch der folgende Anhang, der zeigt, dass ebensolche EinkÀufe 1546 gemacht wurden.

[171] Cibrario, Les conditions economiques de l’Italie au temps de Dante, Paris 1865, S. 44.

[172] A. de Calonne, La vie municipale au XV 11e siecle dans le Nord de la France, Paris 1880, S. 12–16. Im Jahre 1485 erlaubte die Stadt die Ausfuhr einer bestimmten Menge Korn nach Antwerpen, »da die Einwohner Antwerpens immer bereit sind, den Kaufleuten und BĂŒrgern von Amiens gefallig zu sein« (ibid. S. 75–77 und Urkunden).

[173] A. Babeau, La ville sous l’ancien regime. Paris 1880.

[174] Ennen, Geschichte der Stadt Köln, I, 491, 492, auch Urkunden.

[175] Die Literatur ĂŒber das Thema ist Ă€ußerst reich; aber noch gibt es kein Werk, das die Stadt des Mittelalters als Ganzes behandelt. FĂŒr die französischen Kommunen sind Augustin Thierrys »Lettres« und »Considerations sur l‘histoire de France« noch immer klassisch, und Luchaires »Communes franraises« sind eine vorzĂŒgliche ErgĂ€nzung auf denselben Bahnen. FĂŒr die italienischen StĂ€dte sind das große Werk Sismondis (Histoire des republiques italiennes du moyen age, Paris 1826, 16 BĂ€nde), Leo und Bottas »Geschichte Italiens«, Ferraris »Revolutions d‘Italie« und Hegels »Geschichte der StĂ€dteverfassung in Italien« die Hauptquellen fĂŒr allgemeine Information. FĂŒr Deutschland haben wir Maurers »StĂ€dteverfassung«, Bartholds »Geschichte der deutschen StĂ€dte« und von neueren Werken Hegels »StĂ€dte und Gilden der germanischen Völker« (2 BĂ€nde, Leipzig 1891) und Dr. Otto Kallsens »Die deutschen StĂ€dte im Mittelalter« (2 BĂ€nde, Halle 1891), sowie Janssens »Geschichte des deutschen Volkes« (5 BĂ€nde, 1886). FĂŒr Belgien A. Wauters Les Libertes communales (BrĂŒssel 1869 bis 1878, 3 BĂ€nde). FĂŒr Russland Byelaeffs, Kostomaroffs und Sergie,vitschs Werke. Und schließlich besitzen wir fĂŒr England in Mrs. J. R. Greens »Town Life in the Fifteenth Century« (2 BĂ€nde, London 1894) eines der besten Werke ĂŒber StĂ€dte im allgemeinen. Wir haben ĂŒberdies eine Menge bekannter Lokalgeschichten und verschiedene vorzĂŒgliche Werke ĂŒber allgemeine Geschichte und Wirtschaftsgeschichte, die ich in diesem und dem vorhergehenden Kapitel oft erwĂ€hnt habe. Der Reichtum der Literatur besteht indessen hauptsĂ€chlich in speziellen, manchmal bewunderungswĂŒrdigen Forschungen ĂŒber die Geschichte besonderer StĂ€dte, vorwiegend italienischer und deutscher; ĂŒber die Gilden; die Landfrage; die wirtschaftlichen Prinzipien der Zeit; die wirtschaftliche Bedeutung von Gilden und ZĂŒnften; die StĂ€dtebĂŒnde (die Hansa) und kommunale Kunst. Eine unglaubliche Menge Information steckt in Werken dieser zweiten Kategorie, wovon nur einige besonders wichtige hier genannt sind.

[176] Kalischer weist auch in einem vorzĂŒglichen Aufsatz ĂŒber den primitiven Handel (Zeitschrift fĂŒr Völkerpsychologie, Band X, 380) darauf hin, dass nach Herodot die ArgippĂ€er fĂŒr unverletzlich gelten, weil der Handel zwischen den Skythen und den nördlichen StĂ€mmen auf ihrem Gebiet stattfand. Ein FlĂŒchtling war auf ihrem Gebiet unangreifbar, und sie wurden oft zu Schiedsrichtern zwischen ihren Nachbarn ernannt. Siehe Anhang 11. Der Markt und die Stadt

des Mittelalters

[177] Es ist in letzter Zeit ĂŒber das Weichbild und das Weichbildrecht, das noch dunkel ist, viel diskutiert worden (siehe Zöpfl, AltertĂŒmer des deutschen Reichs und Rechts, III, 29; Kallsen, I, 316). Die oben gegebene ErklĂ€rung scheint die wahrscheinlichste, doch mĂŒĂŸte sie natĂŒrlich durch weitere Forschungen bezeugt werden. Es ist auch zuzugeben, dass – um einen schottischen Ausdruck zu gebrauchen – das »mercet cross« (Marktkreuz) als ein Symbol der kirchlichen Gerichtsbarkeit aufgefasst werden könnte, jedoch finden wir es sowohl in BischofsstĂ€dten wie in solchen, wo die Volksversammlung souverĂ€n war.

[178] FĂŒr alles die Kaufmannsgilde Betreffende siehe Groß’ erschöpfendes Werk» The Guild Merchant« (Oxford 1890, 2 BĂ€nde); auch Mrs. Greens Bemerkungen in »Town Life in the Fifteenth Century«, Band II, Kap. V, VIII, X; und A. Dorens Übersicht ĂŒber den Gegenstand in Schmollers Forschungen, Band XII. Wenn die im vorigen Kapitel mitgeteilten Annahmen (nach denen der Handel im Anfang von der Gemeinde geleitet wurde) sich als richtig erweisen, dann wird es erlaubt sein, die Hypothese fĂŒr wahrscheinlich zu halten, dass die Kaufmannsgilde eine Körperschaft war, der der Handel im Interesse der ganzen Stadt anvertraut war, und nur allmĂ€hlich eine Gilde von Kaufleuten, die fĂŒr sich selbst Handel trieben, wurde; wĂ€hrend die merchant adventurers Englands, die Powolniki (freie Kolonisatoren und Kaufleute) Nowgorods und die mercati personali die gewesen wĂ€ren, denen es ĂŒberlassen war, fĂŒr sich selbst neue MĂ€rkte und neue Handelsgebiete zu eröffnen. Alles in allem muss bemerkt werden, dass die Entstehung der Stadt des Mittelalters nicht einem einzelnen Faktor zugeschrieben werden kann. Sie war ein Ergebnis vieler KrĂ€fte in verschiedenen Abstufungen.

[179] Janssens »Geschichte des deutschen Volkes«, I, 315; Gramichs »WĂŒrzburg«, und eigentlich jede Sammlung von Verordnungen.

[180] Falke, Geschichtliche Statistik I, 373–393 und II, 66; zitiert bei Janssen, I, 339; J. D. Blavignac kommt in »Comptes ee depenses de la construction du clocher de Saint Nicolas a Fribourg en Suisse« zu einem Ă€hnlichen Ergebnis. FĂŒr Amiens De Calonnes, »Vie Municipale«, S. 99 und Anhang. FĂŒr eine genaue SchĂ€tzung und graphische Darstellung der mittelalterlichen Löhne in England und ihren Wert in Brot und Fleisch siehe G. Stefens vorzĂŒglichen Artikel mit Kurven im Nineteenth Century fĂŒr 1891 und »Studier öfver lönsystemets historia i England«, Stockholm 1895.

[181] Um nur ein Beispiel aus vielen zu nennen, die man bei Falke und Schönberg finden kann: die sechzehn Schusterknechte der Stadt Xanten am Rhein gaben zur Errichtung eines Kirchengitters und Altars 75 Gulden BeitrÀge und 12 Gulden aus ihrer Innungskasse; dieses Geld war nach den besten SchÀtzungen zehnmal so viel wert als heutzutage.

[182] Zitiert bei Janssen, l. c. I, 343.

[183] The Economical Interpretation of History, London 1891, S. 303

[184] Janssen, l. c. Siehe auch Dr. Alwin Schultz, Deutsches Leben im 14. und 15. Jahrhundert, große Ausgabe, Wien 1892, S. 67ff. In Paris schwankte in manchen Gewerben der Arbeitstag von sieben bis acht Stunden im Winter bis vierzehn Stunden im Sommer, wĂ€hrend er in anderen im Winter acht bis neun Stunden, im Sommer zehn bis zwölf Stunden betrug. Jede Arbeit hörte am Samstag und an etwa 25 anderen Tagen (jours de commun de vile faire) um 4 Uhr auf, wĂ€hrend am Sonntag und 30 anderen Feiertagen ĂŒberhaupt nicht gearbeitet wurde. Die allgemeine Annahme ist, dass, alles zusammengenommen, der mittelalterliche Arbeiter weniger Stunden arbeitete, als der Arbeiter heutzutage (Dr. E. Martin Saint-Leon, Histoire des corporations, S. 121).

[185] W. Stieda, Hansische Vereinbarungen ĂŒber stĂ€dtisches Gewerbe im 14. und 15. Jahrhundert, in »Hansische GeschichtsblĂ€tter«, Jahrg. 1886, S. 121. Schönbergs Wirtschaftliche Bedeutung der ZĂŒnfte; auch teilweise Rascher.

[186] Siehe Toulmin Smiths tief empfundene Worte ĂŒber die Beraubung der Gilden durch die königliche Gewalt, in Miß Smiths Einleitung zu »English Guilds«. In Frankreich begann seitens der königlichen Gewalt dieselbe Beraubung und Abschaffung der Gerichtsbarkeit der Gilden im Jahre 1306, und der letzte Streich geschah 1382 (Fagniez, l. c. S. 52–54).

[187] Adam Smith und seine Zeitgenossen wußten wohl, was sie verurteilten, als sie gegen die Staatseinmischung ins Gewerbe und gegen die vom Staat ausgehenden gewerblichen Monopole schrieben. Leider steckten ihre Nachfolger in ihrer hoffnungslosen OberflĂ€chlichkeit mittelalterliche Innungen und Staatseinmischung in einen Sack und machten keinen Unterschied zwischen einem Edikt von Versailles und einer Gildeordnung. Es braucht kaum gesagt zu werden, dass die Nationalökonomen, die den Gegenstand ernsthaft studiert haben, wie Schönberg (der Herausgeber des bekannten Lehrbuches der Nationalökonomie), nie in solchen Irrtum verfielen. Aber bis in die letzte Zeit gaben sich konfuse Erörterungen dieses Schlages fĂŒr ökonomische »Wissenschaft«.

[188] In Florenz machten die sieben jĂŒngeren ZĂŒnfte ihre Revolution von 1270–82, und ihre Erfolge sind von Perrens (Histoire de Florence, Paris 1877, 3 BĂ€nde) ausfĂŒhrlich beschrieben worden, insbesondere aber von Gino Capponi (Storia della repubblica di Firenze ~2~ d a edizione, 1876, I, 58–80; ins Deutsche ĂŒbersetzt). In Lyon dagegen, wo die Bewegung der jĂŒngeren ZĂŒnfte 1402 stattfand, wurden sie geschlagen und verloren das Recht, ihre eigenen Richter zu ernennen. Die beiden Parteien kamen offenbar zu einem Vergleich. In Rostock fand dieselbe Bewegung 1313 statt; in ZĂŒrich 1336; in Bern 1363; in Braunschweig 1374 und im nĂ€chsten Jahr in Hamburg; in LĂŒbeck 1376–84 usw. Siehe Schmoller, »Straßburg zur Zeit der ZunftkĂ€mpfe« und »Straßburgs BlĂŒte«; Brentano, »Arbeitergilden der Gegenwart«, 2 BĂ€nde, Leipzig 1871–72; Eb. Bain, »Merchant and Craft Guilds«, Aberdeen 1887, S. 26–47, 75 usw. Was die Ansichten von Groß ĂŒber diese KĂ€mpfe in England angeht, vergl. Mrs. Greens Bemerkungen in ihrem »Town Life in the Fifteenth Century«, II, 190–217; auch das Kapitel ĂŒber die Arbeiterfrage und ĂŒberhaupt den ganzen Ă€ußerst interessanten Band. Brentanos Auffassung der ZunftkĂ€mpfe, die hauptsĂ€chlich in den §§ 3 und 4 seines Aufsatzes »Geschichte und Entwickelung der Gilden«, in Toulmin Smiths English Guilds niedergelegt ist, bleibt eine klassische Darstellung des Gegenstandes, und man kann sagen, dass sie wieder und wieder durch die spĂ€tere Forschung bestĂ€tigt worden ist.

[189] Nur ein Beispiel – Cambrai machte seine erste Revolution 907 und erhielt seinen Freibrief nach drei oder vier weiteren AufstĂ€nden 1076. Dieser Freibrief wurde zweimal widerrufen (1107 und 1138) und zweimal wiedererobert (1127 und 1138). Im ganzen 223 Kampfjahre, bevor das Recht auf UnabhĂ€ngigkeit erobert war. Lyon – von 1195 bis 1320.

[190] Siehe Tuetey, »Etudes sur le droit municipal … en Franche-Comte« in Memoires de la Societe d’emulation de Montbeliard, 2~me serie, II, 129ff.

[191] Dies scheint in Italien oft der Fall gewesen zu sein. In der Schweiz kaufte Bern sogar die StÀdte Thun und Burgdorf.

[192] So geschah es wenigstens in den StĂ€dten Toskanas (Florenz, Lucca, Siena, Bologna usw.), deren Beziehungen zu den Bauern am besten bekannt sind (Lutschitzkiy, Sklaverei und russische Sklaven in Florenz, in den Iswestia der Kiewer UniversitĂ€t fĂŒr 1885; L. hat Rumohrs »Ursprung der Besitzlosigkeit der Kolonien in Toscana«, 1830, benutzt). Die ganze Angelegenheit der Beziehungen zwischen den StĂ€dten und den Bauern erfordert viel mehr Studium, als bisher aufgewandt worden ist.

[193] Ferraris Verallgemeinerungen sind oft zu theoretisierend, um richtig zu sein; aber seine Auffassung der Rolle, die die Adligen in den Stadtkriegen spielten, grĂŒndet sich auf eine große Reihe authentischer Tatsachen.

[194] Nur solche StĂ€dte, die der Sache der Adligen blind ergeben waren, wie Pisa und Verona, verloren durch die Kriege. FĂŒr viele StĂ€dte, die aufseiten des Adels gefochten hatten, war die Niederlage zugleich der Anfang zu Befreiung und Fortschritt.

[195] Ferrari, II, 18, 104ff. Leo und Botta, I, 432.

[196] Joh. Falke, Die Hansa als Deutsche Seeund Handelsmacht, Berlin 1863, p+3ĆŸ1, 35.

[197] FĂŒr Aachen und Köln haben wir direktes Zeugnis, dass die Bischöfe dieser StĂ€dte dem Feinde – einer von beiden von ihm bestochen – die Tore öffneten.

[198] Siehe die Tatsachen, obschon nicht immer die Folgerungen von Nitzsch, III, 133ff.; auch Kallsen, I, 458 usw.

[199] Über die Kommune des Laonnais, die bis zu Mellevilles Forschungen (Histoire de la commune du Laonnais, Paris 1853) mit der Kommune von Laon verwechselt wurde, siehe Luchaire, S. 75ff. FĂŒr die frĂŒheren Bauerngilden und die spĂ€teren VerbĂ€nde siehe R. Wilman, Die lĂ€ndlichen Schutzgilden Westphalens, in der Zeitschrift fĂŒr Kulturgeschichte, neue Folge, Band III, zitiert in Henne am Rhyns Kulturgeschichte, III, 249.

[200] Luchaire, S. 149.

[201] Zwei bedeutende StĂ€dte, Worms und Mainz, erledigten einen politischen Streit durch Schiedsspruch. – Nachdem in Abbeville ein BĂŒrgerkrieg ausgebrochen war, ĂŒbernahm Amiens im Jahre 1231 das Schiedsrichteramt (Luchaire, 149) usw.

[202] Siehe z. B. W. Stieda, Hansische Vereinbarungen, l. c., S. 114.

[203] Cosmo Innes »Early Scottish History« und »Scotland in Middle Ages«, zitiert bei Rev. Denton, l. c., 68, 69; Lamprecht, Deutsches Wirtschaftsleben im Mittelalter, Referat Schmollers darĂŒber in seinem Jahrbuch, Bd. XII; Sismondi, Tableau de l’agriculture toscane, S. 226ff. Die Besitzungen von Florenz konnten auf den ersten Blick an ihrem Wohlstand erkannt werden.

[204] Mr. John J. Ennett (Six Essays, London 1891) schreibt vorzĂŒglich ĂŒber diese Seite der mittelalterlichen Architektur. Mr. Willis hat in seinem Anhang zu Whewells History of Inductive Sciences (I, 261–262) die Schönheit der mechanischen VerhĂ€ltnisse in mittelalterlichen GebĂ€uden hervorgehoben. »Eine neue dekorative Konstruktion war heraufgekommen« , schreibt er, »die die mechanische Konstruktion nicht bestritt und störte, sondern ihr half und sie harmonisch machte. Jedes Glied, jeder Tragestein wird ein TrĂ€ger der Last; und dar die Vielheit der StĂŒtzen, die einander Hilfe leisten, und die daraus folgende Verteilung des Gewichts war das Auge befriedigt von der Festigkeit der Struktur, trotz des sonderbar mageren Aussehens der einzelnen Teile.« Eine Kunst, die dem sozialen Leben entsprang, konnte nicht treffender charakterisiert werden.

[205] Die drei Statuen befinden sich unter dem Ă€ußeren Bildschmuck von Notre Dame de Paris.

[206] Die mittelalterliche Kunst kannte so wenig wie die griechische die KuriositĂ€tensammlungen, die wir Nationalgalerie oder Museum nennen. Ein GemĂ€lde wurde gemalt, eine Statue wurde ausgehauen, ein BronzestĂŒck wurde gegossen, um an ihrem richtigen Platz in einem Monument kommunaler Kunst zu stehen. Da lebte es, war ein Teil eines Ganzen und trug dazu bei, dem vom Ganzen erzeugten Eindruck Einheit zu geben.

[207] Sismondi, IV, 172; XVI, 356. Der große Kanal, Naviglio Grande, der das Wasser vom Tessin bringt, wurde 1179 begonnen, das heißt, nach der Eroberung der UnabhĂ€ngigkeit, und im 13. Jahrhundert beendet. Über den spĂ€teren Verfall siehe XVI, 355.

[208] 1336 hatte es 8–10.000 Knaben und MĂ€dchen in seinen Volksschulen, 1000–1200 Knaben in seinen sieben Mittelschulen und 550–600 Studenten auf seinen vier UniversitĂ€ten. Die dreißig GemeindekrankenhĂ€user hatten ĂŒber 1000 Betten fĂŒr eine Bevölkerung von 90.000 Einwohnern (Capponi, I, 249ff.). Es ist mehr als einmal von sachverstĂ€ndigen Autoren versichert worden, dass die Erziehung in der Regel auf viel höherer Stufe stand, als gewöhnlich angenommen wird. sicher war es so im demokratischen NĂŒrnberg.

[209] Vergl. L. Rankes vorzĂŒgliche Betrachtungen ĂŒber den Geist des römischen Rechts in seiner Weltgeschichte, Band IV, Abteil. 2, S. 20–31. Auch Sismondis Bemerkungen ĂŒber die Rolle, die die legistes bei der BegrĂŒndung der königlichen Gewalt spielten, Histoire des Fran ais, Paris 1826, VIII, 85–99. Der hass des Volkes gegen diese »weise Doktoren und Beutelschneider des Volkes« brach mit voller Gewalt in den ersten Jahren des 16. Jahrhunderts in den predigten der ersten Reformationsbewegung aus.

[210] Brentano hat die verhĂ€ngnisvollen Wirkungen des Kampfes zwischen den alten BĂŒrgern und den Zugekommenen sehr wohl eingesehen. Miaskowski hat in seinem Werk ĂŒber die Markgenossenschaften der Schweiz dasselbe fĂŒr die Dorfgemeinden gezeigt.

[211] Der Handel mit Sklaven, die im Orient geraubt waren, hörte in den italienischen Republiken nicht vor dem 15. Jahrhundert auf. Schwache Spuren davon finden sich auch in Deutschland und anderswo. Siehe Cibrario, Della schiavitu e del servaggio, 2 BÀnde, Mailand 1868; Prof. Lutschitzkiy, Sklaverei und russische Sklaven in Florenz im 14. und 15. Jahrhundert, in Iswestia der UniversitÀt Kiew, 1885.

[212] J. R. Greens History of the English People, London 1878, I, 455.

[213] Eine umfangreiche Literatur ĂŒber dieses frĂŒher sehr vernachlĂ€ssigte Gebiet ist nun in Deutschland im Entstehen. Kellers BĂŒcher »Ein Apostel der WiedertĂ€ufer« und »Geschichte der WiedertĂ€ufer«, Cornelius’ »Geschichte des mĂŒnsterischen Aufruhrs« und Janssens »Geschichte des deutschen Volkes« sind als die Hauptquellen zu nennen. Siehe auch K. Kautskys »Kommunismus zur Zeit der Reformation«.

[214] Wenige unter unseren Zeitgenossen können sich von der Ausdehnung dieser Bewegung und den Mitteln, durch die sie unterdrĂŒckt wurde, ein rechtes Bild machen. Aber Leute, die unmittelbar nach dem großen Bauernkrieg geschrieben haben, schĂ€tzten die Zahl der nach ihrer Niederlage in Deutschland erschlagenen Bauern auf 100–150.000. Siehe Zimmermanns »Allgemeine Geschichte des großen Bauernkrieges«. ĂŒber die in Holland ergriffenen Maßregeln zur UnterdrĂŒckung der Bewegung siehe Heath, »Anabaptism from its Rise at Zwickau to its Fall at MĂŒnster 1521–36«, London 1895 (Baptist Manuals, Band I).

[215] »Chacun s’en est accomode selon sa bienseance … on les a partagĂ©s … pour depouiller les communes, on s’est servi de dettes simulees« (Edikt Ludwigs XIV. von 1667, von verschiedenen Autoren zitiert. Acht Jahre vor diesem Zeitpunkt waren die Gemeinden unter die Staatsverwaltung gekommen).

[216] »Auf dem Gute eines Großgrundbesitzers, auch wenn seine EinkĂŒnfte nach Millionen zĂ€hlen, kann man sicher sein, das Land unbestellt zu finden« (Arthur Young). »Der vierte Teil des Bodens ging der Kultur verloren«; »in den letzten hundert Jahren ist das Land geworden wie zur Zeit der Wilden«; »die frĂŒher blĂŒhende Sologne ist jetzt eine ausgedehnte Heide« usw. (Theron de Montauge, zitiert bei Taine, Origines de la France Contemporaine, Band I, S. 441).

[217] A. Babeau, Le Village saus l’Ancien Regime, 3e edition. Paris 1892.

[218] Nach dem Triumph der Bourgeoisreaktion wurden die GemeindelĂ€nder (24. August 1794) zu StaatsdomĂ€nen erklĂ€rt und zusammen mit den dem Adel abgenommenen LĂ€ndereien zum Verkauf gestellt und von den bandes noires der Kleinbourgeoisie gekauft. Zwar wurde diesem Diebstahl im nĂ€chsten Jahr (Gesetz vom 2. Prairial des Jahres V) ein Ende gemacht und das oben erwĂ€hnte Gesetz widerrufen; aber da wurden die Dorfgemeinden einfach abgeschafft und an ihre Stelle KantonalrĂ€te gesetzt. Erst sieben Jahre spĂ€ter (9. Prairial des Jahres XII), d. h. im Jahr 1801, wurden die Dorfgemeinden wieder eingefĂŒhrt, aber erst nachdem sie aller ihrer Rechte beraubt waren, indem der Maire und seine Beisitzer in den 36.000 Gemeinden Frankreichs von der Regierung ernannt wurden! Dieses System wurde bis nach der Revolution von 1830 aufrechterhalten, wo wieder nach dem Gesetz von 1787 gewĂ€hlte GemeinderĂ€te eingefĂŒhrt wurden. Was die GemeindelĂ€nder angeht, so wurden sie 1813 vom Staate wiederum konfisziert, geplĂŒndert und 1816 nur teilweise den Gemeinden zurĂŒckgegeben. Siehe die klassische Sammlung französischer Gesetze von Dalloz, Repertoire de Jurisprudence; auch die Werke von Doniel, Dareste, Bonnemere, Babeau und vielen anderen.

[219] Dieser Vorgang ist so blödsinnig, dass man ihn nicht fĂŒr möglich hielte, wenn nicht die zweiundfĂŒnfzig VerfĂŒgungen von einem sehr sachverstĂ€ndigen Autor, M. Tricoche, im Journal des Economistes (April 1893, S. 44) vollstĂ€ndig aufgezĂ€hlt worden wĂ€ren, und derselbe Autor nicht noch einige Ă€hnliche Beispiele mitgeteilt hĂ€tte.

[220] Dr. Ochenkowski, Englands wirtschaftliche Entwicklung im Ausgange des Mittelalters (Jena 1879, S. 35ff.), wo die ganze Frage mit voller Kenntnis der Urkunden erörtert wird.

[221] Seebohm, The English Village Community, dritte Auflage, 1884, S. 13–15.

[222] FĂŒr die Ausdehnung, die die gemeinsamen Felder (bestelltes Land, nicht die unbestellten Gemeindeweiden) noch in unserer eigenen Zeit hatten (ĂŒber 264.000 acres allein in England und Wales im Jahre 1873) und die Art, wie das Land in England noch gemeinsam bestellt wird, siehe das ausfĂŒhrliche Werk Dr. Gilbert Parkers: »The English Peasantry and the Enclosure of Common Fields«, London 1907, Kapitel IV, S. 36ff.

[223] A. Buchenberger, »Agrarwesen und Agrarpolitik«, in A. Wagners Handbuch der politischen Ökonomie, 1892, Band I, S. 280ff.

[224] G. L. Gomme, »The Village Community with special reference to its Origin and Forms of Survival in Great Britain« (Contemporary Science Series), London 1890, S. 141–143; auch seine »Primitive Folkmoots« (London 1880, S. 98ff.)

[225] »In fast allen Teilen des Landes, besonders in den mittelenglischen und östlichen Grafschaften, aber auch im Westen – in Wiltshire zum Beispiel – im SĂŒden, wie in Surrey, im Norden, wie in Yorkshire, gibt es ausgedehnte gemeinsame und offene Felder. Von 316 Sprengeln in Northampthonshire sind 89 in dieser Lage; mehr als 100 in Oxfordshire; etwa 20.000 Hektar in Warwickshire; in Berkshire die halbe Grafschaft; mehr als die HĂ€lfte in Wiltshire; in Huntingdonshire waren von einer GesamtflĂ€che von etwa 96.000 Hektar etwa 52.000 Gemeindewiesen, -weiden und -felder« (Marshall, zitiert in Sir Henry Maines »Village Communities in the Bast and West«, New Yorker Ausgabe, 1876, p+8ĆŸ8, 89).

[226] Ibid. S. 88; auch die fĂŒnfte Vorlesung. Die weite Ausdehnung von Gemeindeweiden in Surrey, auch jetzt noch, ist bekannt.

[227] In einer ganzen Zahl BĂŒcher, die sich mit englischem Landleben beschĂ€ftigen und die ich zu Rate gezogen habe, habe ich hĂŒbsche Landschaftsschilderungen und dergleichen gefunden, aber fast nichts ĂŒber das tĂ€gliche Leben und die BrĂ€uche der Landleute.

[228] Miaskowski, in Schmollers Forschungen, Band II, 1879, S. 15. Auch die Artikel DomĂ€nen und Allmend in Dr. Reichesberg’s Handwörterbuch der Schweizerischen Volkswirtschaft, Bern 1903.

[229] Siehe ĂŒber diesen Gegenstand eine Reihe von Arbeiten, ĂŒber die in einem der vorzĂŒglichen und unterrichtenden Kapitel referiert wird, die K. BĂŒcher der deutschen Übersetzung von Laveleyes »Primitivem Eigentum« beigefĂŒgt hat. Auch Meißen, »Das Agrar- und Forstwesen, die Allmenden und die Landgemeinden der Deutschen Schweiz« im Jahrbuch fĂŒr Staatswissenschaft, 1880, IV (Untersuchung der Arbeiten Miaskowskis); O’Brien, »Notes in a Swiss village«, in Macmillans Magazine, Oktober 1885.

[230] Den Gemeinden gehören etwa 1.821.640 Hektar WĂ€lder von etwa 9.425.200 Hektar Wald im ganzen Land, und etwa 2.774.520 Hektar Naturwiesen unter etwa 4.556.000 Hektar in ganz Frankreich. Die ĂŒbrigen 800.000 Hektar sind Felder, ObstgĂ€rten usw.

[231] In Kaukasien unter den Georgiern ist der Brauch noch schöner. Da das Mahl etwas kostet, und ein armer Mann es sich nicht leisten kann, wird von denselben Nachbarn, die gekommen sind, ihm bei der Arbeit zu helfen, ein Schaf gekauft.

[232] Alfred Baudrillart, in H. Baudrillarts Les populations rurales de la France, dritte Serie (Paris 1893, S. 479).

[233] A. Baudrillart, l. c. S. 309. UrsprĂŒnglich unternahm es ein Weinbauer, das Wasser zu beschaffen, und verschiedene andere machten mit ihm ab, es zu benutzen. »Was fĂŒr solche VerbĂ€nde besonders kennzeichnend ist«, bemerkt A. Baudrillart, »ist das, dass keinerlei geschriebener Vertrag vorhanden ist. Alles wird mĂŒndlich erledigt. Aber nicht ein einziges Mal haben sich unter den Parteien Weiterungen ergeben.«

[234] A. Baudrillart, l. c., S. 300, 341 usw. M. Terssac, Vorsitzender des Syndikats von St. Gironnais (Ariege) schrieb meinem Freund folgendermaßen: »FĂŒr die Ausstellung in Toulouse hat unser Verband die Viehbesitzer zusammengebracht, deren Vieh verdiente, ausgestellt zu werden. Die Gesellschaft nahm es auf sich, die HĂ€lfte des Transports und der Ausstellungskosten zu zahlen; der vierte Teil wurde von jedem Besitzer bezahlt, und das letzte Viertel von den Ausstellern, die Preise erhalten hatten. Die Folge war, dass viele an der Ausstellung teilnahmen, die es sonst nie getan hĂ€tten. Die Besitzer, die höchste Preise (350 Franken) erhielten, haben 10% ihrer Preise beigesteuert, wĂ€hrend solche, die keine Preise erhielten, nur 6–7 Franken bezahlt haben.«

[235] In WĂŒrttemberg haben von 1910 Gemeinden 1629 Gemeinbesitz. Sie besaßen 1863 ĂŒber 200.000 Hektar Land. In Baden haben von 1582 Gemeinden 1256 Gemeindeland; 1884–88 hatten sie etwa 48.600 Hektar Felder in Gemeindekultur, und etwa 270.000 Hektar Wald, d. h. 460% der gesamten badischen WĂ€lder. In Sachsen sind 39% des Gesamtgebiets im Gemeindebesitz (Schmollers Jahrbuch, 1886, S. 359). In Hohenzollern gehören fast zwei Drittel aller Wiesen, und in Hohenzollern-Hechingen 41 % alles Grundbesitzes den Dorfgemeinden (Buchenberger, Agrarwesen, Band I, S. 300).

[236] Siehe K. BĂŒcher, der in einem besonderen Kapitel, das er Laveleyes »Ureigentum« hinzufĂŒgte, alle Nachrichten ĂŒber die Dorfgemeinde in Deutschland gesammelt hat.

[237] K. BĂŒcher, ibid. S. 89, 90.

[238] FĂŒr diese Gesetzgebung und die zahlreichen Hindernisse, die in Gestalt von Bureaukratismus und Überwachung den Genossenschaften in den Weg gelegt wurden, siehe Buchenbergers »Agrarwesen und Agrarpolitik«, Band II, S. 342–363, und S. 506, Anmerkung.

[239] Buchenberger, l. c. Band II, S. 510. Der Zentralverband landwirtschaftlicher Genossenschaften umfasst zusammen 1679 Vereine. In Schlesien ist vor kurzem ein Gesamtgebiet von etwa 12.800 Hektar durch 73 Genossenschaften drĂ€niert worden; etwa 181.900 Hektar in Preußen von 516 Genossenschaften: in Bayern gibt es 1715 DrĂ€nierungs- und BewĂ€sserungsverbĂ€nde.

[240] Siehe Anhang 12. Einrichtungen zu gegenseitiger Hilfe in den Dörfern der Niederlande zu unserer Zeit

[241] FĂŒr den Balkan siehe Laveleyes »Propriete Primitive«.

[242] Die Tatsachen, die sich auf die Dorfgemeinde, oder besser: Dorfmarkgenossenschaft beziehen, und die in fast 100 BĂ€nden dieser Enquete (die im ganzen 450 BĂ€nde umfasst) enthalten sind, sind in einem trefflichen russischen Buch von W. W. (Worontzoff), Die Bauerngemeinde (Krestianskaya Obschina), S. Petersburg 1892, geordnet und zusammengefasst worden. Diese Enquete hat auch sonst eine große Literatur erzeugt, in der die Frage der modernen Dorfgemeindegenossenschaft zum ersten Mal aus dem Reich der Allgemeinheiten emporsteigt und auf die solide Grundlage verlĂ€sslicher und genĂŒgend ins einzelne gehender Tatsachen gestellt worden ist.

[243] Die Ablösung war 49 Jahre lang in AnnuitĂ€ten zu zahlen. Im Laufe der Jahre, als der grĂ¶ĂŸte Teil davon bezahlt war, wurde es immer leichter, den kleineren Rest zu tilgen, und da jeder Anteil fĂŒr sich abgelöst werden konnte, wurde dieser Umstand von HĂ€ndlern ausgenutzt, die den ruinierten Bauern das Land zur HĂ€lfte des Wertes abkauften. Infolgedessen wurde ein Gesetz erlassen, um solchen VerkĂ€ufen ein Ende zu machen.

[244] W. W. hat in seiner »Bauerngemeinde« alle Tatsachen, die sich auf diese VorgĂ€nge beziehen, zusammengestellt. ĂŒber die außerordentlich schnelle landwirtschaftliche Entwicklung SĂŒdrusslands und die Verbreitung des Maschinenwesens kann man sich an Hand der englischen Konsularbericht unterrichten (Odessa, Taganrog).

[245] Von der Existenz solcher Gemeindekulturen wissen wir aus 159 Dörfern unter 195 im Distrikt von Ostrogozhsk; aus 150 unter 187 in Slavyanoserbsk; in 107 Dorfgemeinden in Alexandrowsk, 93 in Nikolayewsk, 35 in Elisabethgrad. In einer deutschen Kolonie dient die Gemeindekultur zur RĂŒckzahlung einer Gemeindeschuld. Alle beteiligten sich an der Arbeit, obwohl die Schuld nur von 94 FamilienvĂ€tern unter 155 aufgenommen worden war.

[246] Listen solcher Arbeiten, die zur Kenntnis der Semstwo-Statistiker kamen, findet man in W. W.’s »Bauerngemeinde«, S. 459–600.

[247] Im Verwaltungsbezirk Moskau wurde der Versuch gewöhnlich auf dem Felde gemacht, das fĂŒr die oben genannte Gemeindekultur bestimmt war. Über den Weg, auf dem die Dorfgemeinde von der Dreifelderwirtschaft zur Vierfelderwirtschaft mit gesĂ€ten Wiesen ĂŒbergeht, und ĂŒber die Erleichterungen, die der Gemeindebesitz an Grund und Boden dieser Umwandlung gewĂ€hrt, siehe die jĂŒngsten Veröffentlichungen des Semstwo von Moskau. Im Jahre 1907 hatten von 22.000 Dorfgemeinden dieser Provinz schon 1600 die Aussaat von Gras eingefĂŒhrt.

[248] Mehrere Beispiele fĂŒr diese und Ă€hnliche Verbesserungen wurden im Regierungsboten 1894, Nr. 256–258 mitgeteilt. Vereinigungen unter armen Bauern ohne Pferde fangen auch an in SĂŒdrussland vorzukommen. Eine andere Ă€ußerst interessante Tatsache ist die rasche Entwicklung sehr zahlreicher Molkereigenossenschaften in Westsibirien zur Herstellung von Butter. Hunderte davon verbreiteten sich in Tobolsk und Tomsk, ohne dai5 jemand wusste, woher die Anregung zu der Bewegung kam. Sie kam von den dĂ€nischen Genossenschaftsbauern, die ihre eigene Butter bester QualitĂ€t zu exportieren pflegten und dafĂŒr Butter einer geringeren QualitĂ€t fĂŒr ihren eigenen Bedarf in Sibirien kauften. Nach einem mehrjĂ€hrigen Verkehr fĂŒhrten sie die Molkereien ein. Jetzt ist aus ihren BemĂŒhungen ein großes Exportgewerbe entstanden.

[249] Siehe Sidney und Beatrice Webb, »History of TradeUnionism«, London 1894, p+2ĆŸ1-38.

[250] Siehe in Sidney Webbs Buch die Vereine, die zu jener Zeit existierten. Man nimmt an, dass die Londoner Handwerker nie besser organisiert waren als in den Jahren 1810–20.

[251] »The National Association for the Protection of Labour« (Der Gesamtverband zum Schutz der Arbeiter) umfasste ungefÀhr 150 besondere Gewerkschaften, die hohe Abgaben zahlten und ungefÀhr 100.000 Mitglieder hatten. Die Bauarbeiter- und Bergarbeitergewerkschaft waren ebenfalls starke Vereine (Webb, l. c. S. 107).

[252] Große VerĂ€nderungen sind seit den vierziger Jahren in der Haltung der reicheren Klassen gegen die Gewerkschaften vor sich gegangen. Indessen machten die Unternehmer noch in den sechziger Jahren einen wohlgeplanten Versuch, sie durch Aussperrungen großer Massen zu vernichten. Bis 1869 wurde oft die einfache Verabredung zu streiken und die AnkĂŒndigung eines Streiks durch MaueranschlĂ€ge, erst recht natĂŒrlich das Postenstehen, als EinschĂŒchterung bestraft. Erst 1875 wurde die Master and Servant Act aufgehoben, friedliches Postenstehen wurde erlaubt, und »Gewalt und EinschĂŒchterung« wĂ€hrend eines Streiks fielen unter den Bereich des gemeinen Rechts. Aber noch 1887 wĂ€hrend des Dockarbeiterstreiks mussten UnterstĂŒtzungsgelder dazu verwendet werden, vor Gericht um das Recht des Postenstehens zu kĂ€mpfen, und die Verfolgungen der letzten paar Jahre drohen noch einmal die erkĂ€mpften Rechte illusorisch zu machen.

[253] Siehe die Debatten ĂŒber die Streiks von Falkenau in Österreich im österreichischen Reichsrat vom 10. Mai 1894, wo die Tatsache vom Ministerium und dem Besitzer der Kohlengrube völlig anerkannt wurde.

[254] Viele solcher Tatsachen findet man im Daily Chronicle und teilweise in den Daily News, Oktober und November 1894.

[255] Eine wertvolle Forschung ĂŒber diesen Gegenstand ist in russischer Sprache in den Zapiski (Denkschriften) der Kaukasischen Geographischen Gesellschaft, Bd. VI, 2, Tiflis 1891, von C. Egiazaroff veröffentlicht worden.

[256] Die Flucht aus einem französischen GefĂ€ngnis ist Ă€ußerst schwierig; trotzdem entkam 1884 oder 1885 ein Gefangener aus einem französischen GefĂ€ngnis. Er brachte es auch zuwege, sich wĂ€hrend des ganzen Tages zu verstecken, obwohl Alarm geschlagen war und die Bauern der Gegend nach ihm auf der Suche waren. Als der Morgen anbrach, war er nahe bei einem kleinen Dorf in einem Graben versteckt. Viel leicht beabsichtigte er, etwas Nahrung oder Kleidung zu stehlen, um seine GefĂ€ngnisuniform ablegen zu können. WĂ€hrend er in dem Graben lag, brach in dem Dorf Feuer aus. Er sah, wie eine Frau aus einem der brennenden HĂ€user herausstĂŒrzte und hörte ihre verzweifelten Rufe, ihr Kind zu retten, das im oberen Stockwerke des brennenden Hauses war. Niemand rĂŒhrte sich. Da stĂŒrzte der entronnene StrĂ€fling aus seinem Versteck hervor, brach sich einen Weg durch das Feuer und brachte – mit verbrannten Kleidern und Brandwunden im Gesicht das gerettete Kind aus dem Feuer und ĂŒbergab es der Mutter. NatĂŒrlich wurde er auf der Stelle von dem Gendarmen des Dorfes festgenommen, der jetzt auf die BildflĂ€che trat. Er wurde ins GefĂ€ngnis zu rĂŒckgebracht. Der Vorfall wurde in allen französischen BlĂ€ttern berichtet, aber keines rĂŒhrte sich, um seine Freilassung zu verlangen. HĂ€tte er einen WĂ€rter vor dem Hieb eines Kameraden beschĂŒtzt, so wĂ€re ein Held aus ihm gemacht worden. Aber seine Tat war lediglich menschlich, sie war dem Staatsideal von keinem Nutzen; er selbst fĂŒhrte sie nicht auf eine plötzliche Ergießung göttlicher Gnade zurĂŒck; und das war genug, dass der Mann vergessen wurde. Vielleicht wurde seine Strafe um sechs oder zwölf Monate erhöht, weil er »Staatseigentum« gestohlen hatte – die StrĂ€flingskleidung.

[257] Die medizinische Akademie fĂŒr Frauen (die Russland einen großen Teil ihrer 700 geprĂŒften weiblichen Ärzte gegeben hat), die vier FrauenuniversitĂ€ten (etwa 1000 SchĂŒlerinnen im Jahre 1887; in diesem Jahre geschlossen und 1895 wieder eröffnet) und die Handelshochschule fĂŒr Frauen sind völlig das Werk solcher privater Gesellschaften. Denselben Gesellschaften verdanken wir die hohe Stufe, die die MĂ€dchengymnasien einnehmen, seit sie in den sechziger Jahren eröffnet wurden. Die 100 Gymnasien, die jetzt ĂŒber Russland zerstreut sind (ĂŒber 70.000 SchĂŒlerinnen), entsprechen den englischen Hochschulen fĂŒr MĂ€dchen; aber alle Lehrer haben ihr UniversitĂ€tsexamen gemacht.

[258] Der Verein fĂŒr Verbreitung gemeinnĂŒtziger Kenntnisse hat bereits, obwohl er nur 5500 Mitglieder hat, mehr als 1000 Volks- und Schulbibliotheken gegrĂŒndet, Tausende von VortrĂ€gen veranstaltet und sehr wertvolle BĂŒcher veröffentlicht.

[259] Sehr wenige soziologische Schriftsteller haben ihre Aufmerksamkeit darauf gerichtet. Rudolf von Ihering ist einer von ihnen) und sein Fall ist sehr lehrreich. Als der große deutsche Rechtsgelehrte sein philosophisches Werk »Der Zweck im Recht« begann) beabsichtigte er die TriebkrĂ€fte zu untersuchen) die den Fortschritt der Gesellschaft hervorrufen und erhalten, und so die Theorie des Gesellschaftsmenschen zu finden. Er untersuchte zuerst die egoistischen MĂ€chte, einschließlich des gegenwĂ€rtigen Lohnsystems und der BeschrĂ€nkungen in ihren mannigfaltigen politischen und sozialen Gesetzen; und nach einem sorgfĂ€ltig ausgearbeiteten Plan seines Werkes beabsichtigte er, den letzten Paragraphen den ethischen MĂ€chten – dem PflichtgefĂŒhl und der Menschenliebe – zu widmen, die demselben Zwecke dienen. Als er jedoch daran ging, die sozialen Funktionen dieser beiden Faktoren zu untersuchen, musste er einen zweiten Band schreiben, der doppelt so dick wurde als der erste, und doch behandelte er nur die persönlichen Beziehungen, die in den folgenden Seiten nur wenige Zeilen beanspruchen werden. L. Dargun nahm in »Egoismus und Altruismus in der Nationalökonomie«, Leipzig 1885, dieselbe Idee auf und fĂŒgte einige neue Tatsachen hinzu. BĂŒchners »Liebe« und die verschiedenen Paraphrasen des Buches, die in England und Deutschland veröffentlicht wurden, behandeln denselben Gegenstand.

[260] Light and Shadows in the Life of an Artisan. Coventry 1893.

[261] Viele reiche Leute können nicht verstehen, wie die Armen einander helfen können, weil sie sich nicht vorstellen können, von was fĂŒr winzigen Mengen Lebensmittel oder Geld oft das Leben eines Angehörigen der Ă€rmsten Klassen abhĂ€ngt. Lord Shaftesbury hatte diese schreckliche Wahrheit verstanden, als er seinen Flowers and Watercress Girls‘ Fund (Stiftung fĂŒr Blumen- und Brunnenkresse-MĂ€dchen) grĂŒndete, aus der Darlehen von 20 und nur selten von 40 Mark gewĂ€hrt wurden, um die MĂ€dchen instand zu setzen, wenn der Winter begann und sie in grĂ€sslichem Elend waren, einen Korb und Blumen zu kaufen. Die Darlehen wurden an MĂ€dchen gegeben, die »nicht fĂŒnfzig Pfennig« hatten, aber stets irgendwelche andere Armen hatten, die fĂŒr sie bĂŒrgten. »Von allen Bewegungen, mit denen ich je verbunden war«, schrieb Lord Shaftesbury, »halte ich diese Watercress Girls‘-Bewegung fĂŒr die erfolgreichste … Sie wurde 1872 angefangen, und wir hatten 800 bis 1000 Darlehen ausstehen und haben wĂ€hrend der ganzen Zeit keine 2000 Mark verloren … Was verloren ging – und es war den UmstĂ€nden nach sehr wenig – ist durch Todesfall oder Krankheit verloren gegangen, nicht durch Betrug.« (The Life and Work of the Seventh Earl of Shaftesbury, von Edwin Hodder, Bd. III, S. 322, London 1885–86.) Einige weitere hierher gehörige Tatsachen in Ch. Booths »Leben und Arbeit in London«, Bd. I; in Miß Beatrice Potters »Pages from a Work Girlâ€șs Diary« (Nineteenth Century, September 1888, S. 310) usw.

[262] Samuel Plimsoll, Our Seamen, billige Ausgabe, London 1870, S. 110.

[263] Our Seamen, S. 110. Mr. Plimsoll fĂŒgte hinzu: »Ich wĂŒnsche nicht, die Reichen herabzusetzen, aber ich denke, der Zweifel wird begrĂŒndet sein, ob diese Eigenschaften unter ihnen so völlig entwickelt sind; denn diese Eigenschaften, obschon nicht wenige unter ihnen mit den begrĂŒndeten oder unbegrĂŒndeten – Klagen und AnsprĂŒchen armer Verwandter vertraut sind, sind doch nicht in so fortwĂ€hrender Übung. Der Reichtum scheint in gar vielen FĂ€llen die Menschlichkeit ihrer Besitzer zu ersticken, und ihr MitgefĂŒhl wird nicht so sehr verengt als sozusagen – geschichtet: es bleibt den Leiden ihrer eigenen Klasse vorbehalten, und auch den Schmerzen derer, die ĂŒber ihnen stehen. Es wendet sich selten recht nach unten, und sie sind viel geneigter, eine mutige Tat zu bewundern … als die stĂ€ndig geĂŒbte Tapferkeit und GĂŒte, die die alltĂ€glichen ZĂŒge im Leben eines englischen Arbeiters sind« – und ebenso der Arbeiter in aller Welt.

[264] Life of the Seventh Earl of Shaftesbury, von Edwin Hodder, Bd. I, S. 137–138.

[265] Viele neue und interessante Formen solcher Überreste sind von Wilhelm Rudeck in »Geschichte der öffentlichen Sittlichkeit in Deutschland« gesammelt worden. Referat darĂŒber von Durkheim im Annuaire Sociologique, II, 312.

[266] Es ist ĂŒberraschend, wie genau gerade diese Anschauung in der bekannten Stelle Plutarchs ĂŒber Numas Gesetzgebung betr. die Gewerbekollegien ausgedrĂŒckt ist: »Und dadurch«, schreibt Plutarch, »war er der erste, der aus der Stadt den Geist verbannte, der die Leute dazu brachte, zu sagen: â€șIch bin ein Sabinerâ€č oder â€șIch bin ein Römerâ€č oder â€șIch bin Untertan des Tatiusâ€č und ein anderer: â€șIch bin Untertan des Romulusâ€č« – mit anderen Worten, der die Idee der verschiedenen Abstammung entfernte.

[267] Das Werk von B. Schurtz, das den Altersklassen und geheimen MĂ€nnerverbĂ€nden wĂ€hrend der barbarischen Zivilisationsstufen gewidmet ist (Altersklassen und MĂ€nnerverbĂ€nde: eine Darstellung der Grundformen der Gesellschaft, Berlin 1902), das ich erhalten habe, wĂ€hrend ich die Korrekturen dieser Seiten las, enthĂ€lt eine ganze Reihe Tatsachen, die diese Hypothese ĂŒber den Ursprung der Gilden stĂŒtzen. Die Kunst, ein großes Gemeindehaus zu bauen, ohne die Geister der gefĂ€llten BĂ€ume zu krĂ€nken; die Kunst, Metall so zu schmieden, dass die feindlichen Geister versöhnt werden; die Geheimnisse der Jagd und der Zeremonien und MaskentĂ€nze, die sie erfolgreich machen; die Kunst, den Knaben die KĂŒnste der Wilden zu lehren; die geheimen Wege, die Zauberkraft der Feinde abzuwehren und demnach die Kunst der KriegfĂŒhrung; das Verfertigen von Booten, Fischnetzen, Tierfallen und Vogelschlingen, und schließlich die Kunst der Frauen zu weben und zu fĂ€rben – all diese TĂ€tigkeiten waren in alter Zeit lauter verschiedene Kunstgriffe und Fertigkeiten, die geheim sein mussten, um wirksam zu sein. Infolgedessen wurden sie von den frĂŒhesten Zeiten an in geheimen Gesellschaften oder »Mysterien« nur denen ĂŒberliefert, die sich einer peinlichen PrĂŒfung unterzogen hatten, bevor sie eingeweiht wurden. B. Schurtz zeigt nun, dass das Leben der Wilden mit geheimen Gesellschaften und »Klubs« (von Kriegern und JĂ€gern) durchzogen ist, die einen ebenso alten Ursprung haben wie die Ehe-»Klassen« in den Clanen und bereits alle Elemente der kĂŒnftigen Gilden enthalten: Geheimnis, UnabhĂ€ngigkeit von der Familie und manchmal vom Clan, gemeinsame Verehrung besonderer Götter, gemeinsame Mahlzeiten, Gerichtsbarkeit innerhalb der Gesellschaft und BrĂŒderschaft. Die Schmiede und das Bootshaus sind in der Tat gewöhnlich zum MĂ€nnerklub gehörig; und die »langen HĂ€user« oder »Palawers« werden von besonderen Handwerkern gebaut, die die Geister der gefĂ€llten BĂ€ume zu beschwören verstehen.




Quelle: Anarchistischebibliothek.org