August 5, 2021
Von InfoRiot
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Potsdam – Eigentlich ist es sehr einfach, einen Baum zu pflanzen: Man nimmt einen Hohlspaten, stĂ¶ĂŸt ihn in den Boden und steckt damit einen Setzling in die Erde. Schwieriger wird es, wenn man einen ganzen Wald anlegen will: Dann muss man diesen Vorgang oft wiederholen, sehr oft, ein paar tausend Mal. Im Falle der Initiative „Woods Up“ rund 20.000 mal: So viele BĂ€ume hat eine kleine Gruppe von Potsdamer:innen in diesem FrĂŒhjahr auf Island neu gepflanzt. „Wir waren fĂŒnf Leute und hatten fĂŒnf Tage Zeit, also etwa 4000 Setzlinge pro Person“, sagt der 33-jĂ€hrige Mirko Geißhirt. Unbezahlte Knochenarbeit – zehn bis zwölf Stunden pro Tag waren er und seine ehrenamtlichen Mitstreiter:innen beschĂ€ftigt. „Das war es wert“, sagt die 26-jĂ€hrige Ronja König. „Es gibt wenig, was sich so sinnvoll anfĂŒhlt, wie BĂ€ume zu pflanzen.“

Es war die bislang grĂ¶ĂŸte Aktion des 2018 gegrĂŒndeten Vereins Woods Up, der den Klimawandel mit ganz handfesten Mitteln bekĂ€mpfen will. „BĂ€ume sind ideale CO2-Speicher“, sagt Geißhirt. WĂŒrde man eine FlĂ€che von der GrĂ¶ĂŸe der USA aufforsten, könnten zwei Drittel der vom Menschen verursachten CO2-Emissionen aufgenommen werden, errechnete eine Studie der Eidgenössische Technische Hochschule ZĂŒrich (ETH). ZusĂ€tzlich sorgen BĂ€ume durch ihren Schatten fĂŒr örtliche AbkĂŒhlung und sind wichtig fĂŒr den Wasserhaushalt, da Waldböden Wasser besser und lĂ€nger speichern als Felder und Wiesen. Ein Hektar Waldboden kann schĂ€tzungsweise bis zu drei Millionen Liter Wasser speichern.

Mit ihren Pflanzaktionen wollen die 26-jÀhrige Ronja König und ihre Mitstreiter dem Klimawandel etwas entgegensetzen.Foto: Woods Up

StÀndig auf der Suche nach neuen FlÀchen

Woods Up hat knapp ein Dutzend Mitglieder, in Potsdam selbst haben sie bisher nur einzelne Pflanzungen gemacht, zum Beispiel drei Mammutbaum-Setzlinge, die zusammen mit Fridays For Future vor das Stadtschloss gepflanzt wurden. Im aktuellen BĂŒrgerbudget schlĂ€gt die Initiative Baumpflanzungen in Babelsberg und Klein Glienicke vor. Aktiv war Woods Up auch schon am Nutheufer in Saarmund oder im mecklenburg-vorpommerschen Kargendorf, im brandenburgischen Wollin wurden im letzten Herbst 200 BĂ€ume gepflanzt, darunter ObstbĂ€ume, Linden und Eichen. Die Setzlinge kosten meist nur einen Euro, sie werden zum Teil in den GĂ€rten der Woods Up-Mitglieder selbst gezogen. „Manche Leute spenden uns auch Setzlinge und stellen uns welche vor die TĂŒr“, sagt Geißhirt. Im Sommer besuchen die Aktivist:innen ihre Pflanzungen regelmĂ€ĂŸig zum Gießen.

Woods Up ist stĂ€ndig auf der Suche nach neuen FlĂ€chen, auf denen möglichst viele BĂ€ume gepflanzt werden können. Doch das ist gar nicht so einfach: Zum einen werden dem gemeinnĂŒtzigen Verein selten große und zusammenhĂ€ngende FlĂ€chen angeboten, auf denen sich tatsĂ€chlich ein Wald entwickeln kann, und kostenlos sind sie in der Regel auch nicht. Zum anderen besteht ein großer, zeitraubender Teil der Arbeit darin, AntrĂ€ge zu schreiben und sich um Fördergelder zu bemĂŒhen – großer Aufwand fĂŒr kleine FlĂ€chen.

In Potsdam pflanzte der Verein unter anderem 2019 vor dem Landtag Ă¶ffentlichkeitswirksam drei UrweltmammutbĂ€ume. Foto: Andreas Klaer

Keine bĂŒrokratischen HĂŒrden in Island

Ein weiteres Problem sind die ZĂ€une, die um einiges teurer sind als die BĂ€ume: Wenn auf einem GrundstĂŒck neue Setzlinge gepflanzt werden, muss es lĂ€ngere Zeit eingezĂ€unt werden, damit die jungen BĂ€ume nicht von Rehen gefressen werden. „Das Brandenburger Forstamt hatte uns mal eine sehr kleine FlĂ€che angeboten, aber der Zaun fĂŒr einen Hektar hĂ€tte circa 7000 Euro gekostet“, so Geißhirt. Vom Land gibt es nur einen Zuschuss von fĂŒnf Euro pro Meter Zaun; fĂŒr einen Hektar kĂ€me man gerade mal auf 2000 Euro.

Die bĂŒrokratischen HĂŒrden in Deutschland waren einer der GrĂŒnde, warum sich Woods Up dazu entschieden hat, BĂ€ume in Island zu pflanzen: „Da gab es ĂŒberhaupt keine BĂŒrokratie“, sagt Geißhirt. „Die islĂ€ndische Regierung hat ein großes Interesse an Aufforstung.“ Nur zwei Prozent der Insel sind mit Wald bedeckt, das Land leidet stark unter Bodenerosion, die dĂŒnne Humusschicht der Insel schwindet. Durch BĂ€ume und deren Wurzeln kann die Erosion gestoppt werden, zudem entsteht neuer Humus.

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In Island empfing man Woods Up daher mit offenen Armen und stellte kostenlos große FlĂ€chen fĂŒr die Pflanzungen zur VerfĂŒgung: „Der Oberförster von Island hat sich um alles gekĂŒmmert, hat die Setzlinge besorgt und sie zum Ort gebracht“, sagt Geißhirt. Woods Up musste nur die Gelder fĂŒr die Setzlinge besorgen. Es ist bereits der zweite Einsatz in Island gewesen, im vergangenen Jahr waren die Aktivist:innen zum ersten Mal auf der Insel und hatten dort 2500 BĂ€ume gepflanzt, unter anderem Sitka-Fichten, Erlen, Weiden, Pappeln, Murray-Kiefern und Birken. ZĂ€une mussten nicht errichtet werden, da es vor Ort weder Rehe noch Schafe gibt. Auf Island regnet es oft, gießen muss man die BĂ€ume also auch nicht.

Hintergrund

Hitze und Trockenheit machen StraßenbĂ€umen auch in Potsdam immer mehr zu schaffen. Zusammen mit der Berliner Humboldt-UniversitĂ€t forscht die Stadt deshalb nach Baumarten, die dem Klimawandel besser gewachsen sind als die traditionell genutzten Sorten wie Ahorn, Linde oder Eiche. Dazu haben die Forscher 2014 und 2016 in den Stadtteilen Schlaatz, Am Stern, Waldstadt, Klein Glienicke und Babelsberg gut 60 teils exotische Arten gepflanzt. Gesetzt wurden etwa Grau Erlen, Kobushi- Magnolien, DreiblĂŒtige Ahorne, Baum-Felsenbirnen, AmberbĂ€ume, Amerikanische Linden und UrweltmammutbĂ€ume. AusgewĂ€hlt wurden Sorten, die mit geringerem Niederschlag und höheren Temperaturen auskommen. Aufgezogen wurden sie seit 2010 auf einem TestgelĂ€nde in Klein Ziethen (Landkreis Dahme-Spreewald).

Brief an Elon Musk

Woods Up plant, einmal im Jahr auf die Insel zu fliegen und die Pflanzungen weiter zu steigern. Gleichzeitig sind sich die Aktivist:innen bewusst, dass es eigentlich widersprĂŒchlich ist, BĂ€ume gegen den Klimawandel zu pflanzen und gleichzeitig dafĂŒr eine Flugreise zu machen: „NatĂŒrlich wĂŒrden wir viel lieber hier vor Ort BĂ€ume pflanzen, aber es gibt zu wenig FlĂ€chen und der Aufwand ist zu groß dafĂŒr“, sagt Ronja König. Man könne nicht ewig auf die deutsche BĂŒrokratie warten, sondern mĂŒsse jetzt etwas tun, sagt sie: „In Island ist das möglich. Es war sehr leicht, dort etwas zu starten.“

Dabei hĂ€tte gerade Brandenburg neue MischwĂ€lder dringend nötig, um dem Klimawandel zu begegnen: „Es ist absehbar, dass die ganzen Kiefern-Monokulturen hier nicht lange ĂŒberleben werden“, sagt Geißhirt. Weiterhin sucht Woods Up vor Ort nach Partnern, um neue BĂ€ume zu pflanzen, sogar Elon Musk haben sie gefragt: Der Tesla-Chef hatte im April einen Aufruf gestartet und demjenigen ein Preisgeld von 100 Millionen Dollar geboten, der eine innovative Idee hat, wie man jĂ€hrlich 1000 Tonnen Kohlendioxid aus der AtmosphĂ€re entfernen und fĂŒr 100 Jahre speichern könnte. Woods Up kannte die Antwort: Sehr viele neue BĂ€ume. „Wir haben ihm einen Brief geschrieben und gesagt, wir hĂ€tten gerne das Preisgeld“, sagt Geißhirt. Eine Antwort blieb aus.




Quelle: Inforiot.de