Juli 31, 2021
Von Graswurzel Revolution
511 ansichten


Nicht erst seit Corona ist bekannt, dass PflegekrĂ€fte in Deutschland ĂŒberlastet sind. Die politische Antwort darauf ist die EinfĂŒhrung einer Pflegekammer. Was sich im ersten Moment so gut anhört – Stimme der Pflege, Interessenvertretung der PflegekrĂ€fte u.Ă€. – entpuppt sich bei genauerem Hinschauen als ein Tritt in den Allerwertesten der PflegekrĂ€fte, die gestern noch beklatscht wurden! Danke, nein!

Viele von uns sind mehr als sauer. Tausende PflegekrĂ€fte haben sich in Niedersachen und Schleswig-Holstein erfolgreich gegen die EinfĂŒhrung einer Pflegekammer gewehrt. Dort wird sie wieder abgewickelt. Aber in NRW möchte man uns auf Grund einer Befragung von 1500 von ĂŒber 200 000 PflegekrĂ€ften trotzdem in die Kammer zwingen. 50% dieser 1500 waren entweder gar nicht informiert, was Pflegekammer bedeutet oder sie hatten mal davon gehört.

Eine Kammer darf vom Staat nur gegrĂŒndet werden, wenn sie eine Aufgabe des Staates ĂŒbernimmt! Die Aufgabe der Pflegekammer ist: Sicherstellung der professionellen Pflege der Bevölkerung. Wir sollen also fĂŒr den Staat ein Problem lösen, das genau dieser Staat ĂŒber Jahrzehnte durch politische Rahmenbedingungen erst hervorgebracht hat. Danke, nein!

Dazu wird behauptet, dass die Kammer etwas fĂŒr uns tue. Es wird von 4000€ Einstiegsgehalt gesprochen, besseren Arbeitsbedingungen usw. Dabei sind genau dies gar nicht die Aufgaben der Kammer! Die Kammer könnte auch rosa Einhörner fördern, der Erfolg wĂ€re derselbe! Danke, nein!

Pflegekammer ist nicht in der Lage unsere Arbeitsbedingungen zu verbessern. Pflegekammer kann nicht die Arbeitgeber sanktionieren. Pflegekammer verhandelt keine Tarife. Pflegekammer hat auch politisch nur so viel Einfluss wie Politik das zulĂ€sst. Ausgerechnet im obersten Gremium der Selbstverwaltung hat sie kein Stimmrecht. Auch im Hinblick auf Pflegepersonalbemessungsgrenzen hat sie keinen Einfluss! Aber, sie kann uns sanktionieren. Sie wird uns lebenslang als Mitglieder behalten auch ĂŒber die Rente hinaus mĂŒssen wir Mitglied bleiben. Überhaupt nicht klar ist, ob wir Fortbildungen zukĂŒnftig in unserer Freizeit absolvieren und bezahlen mĂŒssen. Die Pflegekammer wĂ€re nĂ€mlich fĂŒr Fortbildung zustĂ€ndig. Bisher hat der Arbeitgeber diese angeboten und auch bezahlt. Pflegekammer registriert uns mit allen Daten. Man nimmt uns die Gelegenheit ĂŒber unsere Daten frei zu verfĂŒgen. Da der Datenaustausch zwischen Arbeitgeber und einer Behörde stattfĂ€nde, sei der Datenschutz grundsĂ€tzlich gewĂ€hrleistet. Danke, nein!

Wir sind schon heute nicht mehr in der Lage, die uns bekannten pflegefachlichen Standards umzusetzen. Nicht weil sie uns nicht bekannt sind, sondern weil einfach die Zeit fĂŒr viele Dinge fehlt, da es zu wenig Personal gibt. Da helfen keine weiteren pflegefachlichen oder berufsethischen Standards. Im Gegenteil, das erzeugt nur noch weiteren Druck. Auf so eine Interessenvertretung können wir verzichten!

Die Politik ist eine Aufgabe inklusive der Kosten los und hat dazu noch eine Institution, auf die sie verweisen kann und wird, wenn es um die mangelhafte pflegerische Versorgung der Bevölkerung geht – siehe demografischer Wandel und auch in kĂŒnftigen Pandemiezeiten! Nein Danke!

Die Sicherstellung der pflegerischen Versorgung ist eines der bedeutendsten und schwerwiegendsten Themen der Zukunft. Uns PflegekrĂ€ften diese Aufgabe zu ĂŒbertragen und das auch noch als großen Wurf zu verkaufen, ist unter den bekannten Rahmenbedingungen ein echter Schlag ins Gesicht! Danke, nein!

Eine Vollbefragung zur Pflegekammer wĂ€re das Mindeste. Beide Pflegekammern, in Niedersachsen und in Schleswig-Holstein, haben aufgrund der Pflichtmitgliedschaft, der Kosten, mangelnder Transparenz in der Gremienarbeit und der mangelnden Einflussmöglichkeit auf die akuten Probleme in der Pflege Gegenwind bekommen und sind nach einer Befragung der Pflegenden abgewĂ€hlt worden. Beide Kammern werden jetzt aufgelöst. Dies war ein großer Erfolg der Kammerskeptiker in NDS und S-H.

LÀngst liegen der Politik gute Instrumente zur Personalbemessung vor, um unsere Rahmenbedingungen zu Àndern und wirkliche WertschÀtzung zu zeigen. Was fehlt ist der politische Wille! Da hilft auch keine Kammer. Da war uns das Klatschen fast lieber, hat zwar auch kein Geld gebracht oder unsere Arbeitsbedingungen verbessert, aber hat uns wenigstens kein Geld gekostet!




Quelle: Graswurzel.net