Juni 7, 2022
Von FAU Flensburg
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Pflegerevolution Lisa und Miran wollen sich um Menschen kĂŒmmern – und wagen es. Sie werden Pfleger:innen. Doch der Arbeitsalltag bringt auch sie schnell an ihre Belastungsgrenzen. Sie merken: Es braucht ein Sondervermögen fĂŒr die Pflege.

Eigentlich kommt Lisa Schandl aus dem Leistungssport. Kickboxen war ihr Ding, „Körperschach“ nennt sie das. Doch alleine wollte sie sich eigentlich nicht durchboxen in der Welt, in der es sie von der bayrischen Provinz in ein Kinderkrankenhaus in SĂŒdafrika und schließlich an die Berliner CharitĂ© verschlug. Sie ist die erste Abiturientin in der Familie, hat ein Pflegepraktikum absolviert, schnupperte durch die verschiedenen Bereiche. In Berlin arbeitete sie als SanitĂ€terin, weil sie sich fĂŒr die Schicksale interessierte, die sie im Rettungsdienst hinter den Wohnfassaden vorfand. Warum kein Medizinstudium? Sie lacht: „Immer diese Frage! Ich hĂ€tte auch Psychologin werden können. Aber fĂŒr mich war klar, ich will ins Krankenhaus und das Medizinstudium fand ich einschĂŒchternd. Ich wusste schon, was mich erwartet und dass die Pflege ein sinkendes Schiff ist. Aber die RealitĂ€t fand ich dann doch krass.“

2019, noch vor Corona, hat Lisa Schandl ihre Ausbildung an der CharitĂ© begonnen.Aber wieso heuert eine 24-JĂ€hrige, die tough ist, selbstbewusst und schon viel von der Welt gesehen hat, auf einem „Totenschiff“ an?

Ich treffe Lisa an einem trĂŒben Nachmittag in einem CafĂ© am Nollendorfplatz in Berlin. Ins Krankenhaus darf ich sie nicht begleiten, auch nicht in die Schule. Es ist gar nicht leicht, PflegeschĂŒler:innen zu finden, die Auskunft ĂŒber ihre Ausbildungssituation geben. Das Krankenhaus ist ein sehr hierarchischer Betrieb, das gilt bis heute. Und Lisa steht gerade kurz vor ihrem Pflegeexamen, hat wenig Zeit. Doch sie weiß sofort, worum es geht. Vor einem Jahr hat sie sich im Streik der Berliner PflegekrĂ€fte engagiert, dem lĂ€ngsten Ausstand, den es in dieser Branche in Deutschland jemals gegeben hat. „Wir haben nicht fĂŒr Geld gestreikt. Wir haben die BeschĂ€ftigten gefragt, was sie brauchen. Die sagten vor allem eins: Entlastung.“

Seitdem mit Corona weltweit die Menschen den Pflegenden von den Balkonen herab Beifall gezollt haben, dĂŒrfte ĂŒber die Systemrelevanz von Pflege kaum mehr gestritten werden. Was hinter Krankenhausmauern oder den Pforten von Pflegeheimen geleistet wird, ist unverzichtbar – und es hat einen Preis. Den aber noch immer niemand zahlen will. Deshalb haben viele PflegekrĂ€fte den Dienst quittiert. Knapp 25 Prozent der BerufsanfĂ€nger:innen kehren innerhalb von fĂŒnf Jahren ihrem Beruf den RĂŒcken, nur jede fĂŒnfte Pflegekraft geht davon aus, ihn bis zur Rente ausĂŒben zu können. Wer ihm treu bleibt, geht hĂ€ufig in Teilzeit, weil die Belastungen sonst zu hoch sind, in der Langzeitpflege betrifft das sogar zwei von drei PflegekrĂ€ften. Der Pflegestreik an den nordrhein-westfĂ€lischen Unikliniken fĂŒr einen Entlastungstarifvertrag geht gerade in die vierte Woche.

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Quelle: Fau-fl.org