November 25, 2020
Von BrutstÀtte
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Die Perspektive des Angriffs ist seit ihren AnfĂ€ngen immer Teil der anarchistischen Bewegung in ihrer Gesamtheit gewesen. Diese Perspektive konkretisierte sich und konkretisiert sich auch heute noch sowohl in isolierten Angriffen von Seiten von Individuen oder Gruppen von Individuen als auch in aufstĂ€ndischen Versuchen, die von einem Teil der anarchistischen Bewegung gefördert werden. Der Aufstand wurde von den Anarchisten praktisch aller Tendenzen als eine Methode betrachtet, die zur Erreichung der sozialen Revolution notwendig ist. Heutzutage, nach der Behauptung der Demokratie als ausgefeiltestes Herrschaftssystem, hat ein bedeutender Teil der anarchistischen Bewegung diese Perspektive, zugunsten von einem opportunistischen Possibilismus und einer Politik des StĂŒck fĂŒr StĂŒck, allmĂ€hlich verlassen.

Wenn es wahr ist, dass die Macht, indem sie demokratisch wurde, sich erlauben kann, sich gegenĂŒber den anarchistischen Ideen permissiver und toleranter zu zeigen, unter der Bedingung, dass sie bloss schöne Ideen bleiben, die sich in linke demokratische Meinungen ĂŒbersetzen lassen, so ist es ebenso wahr, dass sich die Natur der sozialen VerhĂ€ltnisse in der demokratischen Gesellschaft im Grunde genommen nicht verĂ€ndert hat. Heute wie gestern basieren diese VerhĂ€ltnisse auf dem Zwang und der AutoritĂ€t.

Wenn wir die bestehenden sozialen VerhĂ€ltnisse wirklich UmstĂŒrzen wollen, dann mĂŒssen wir damit beginnen, zu begreifen, dass diese VerhĂ€ltnisse keine abstrakten Ideen, Weite, Meinungen und Verhaltensweisen sind, sondern auch ein ganzes konkretes System von Strukturen und Personen, die sie aufrechterhalten und reproduzieren. Nehmen wir zum Beispiel das Privateigentum: dieses wird nicht bloss von abstrakten Ideen, Meinungen und Werten aufrechterhalten, falls dem so wĂ€re, hĂ€tten wir ein leichtes Spiel, und die Revolution wĂ€re bloss eine Frage der Verbreitung unserer Ideen. Es wird jedoch auch von Gesetzen aufrechterhalten, die es beschĂŒtzen, von der Polizei, die Jagd auf jene macht, die beschliessen, sich das wieder anzueignen, was ihnen gestohlen wurde, vom Richter, der sie verurteilt, vom GefĂ€ngnis, das sie bestraft, und so weiter und so fort, schliesslich vom ganzen repressiven Apparat des Staates, der eben dafĂŒr da ist, zu verhindern, dass die sozialen Regeln ĂŒbertreten werden.

Dasselbe kann von allen Institutionen gesagt werden, worauf sich die sozialen VerhĂ€ltnisse unserer Gesellschaft stĂŒtzen. Die Subversion der bestehenden sozialen VerhĂ€ltnisse erfordert also, jenseits von einer rein theoretischen Kritik und ihrer praktischen Negierung, den Angriff auf diese Strukturen, die dazu dienen, sie zu verteidigen und aufrechtzuerhalten.

Darum glauben wir, dass auf dem Weg, um zur sozialen Revolution zu gelangen, die AufstĂ€nde, verstanden als Momente des Angriffs gegen eine oder mehrere Strukturen der Herrschaft von Seiten eines mehr oder weniger konsistenten Teils der Ausgebeuteten, unvermeidlich sind. Der aufstĂ€ndische Moment kreiert, weit jenseits vom blossen Angriff gegen eine Struktur – was an sich bereits bedeutend ist -, einen Bruchmoment in der Gesellschaft, einen Bruch, der eine andere Welt erahnen lĂ€sst und der dadurch, dass er in der kollektiven Erfahrung verbleibt, in anderen Momenten reproduziert werden kann.

Die GrĂŒnde, die das Ausbrechen von einem Aufstand auslösen, können von unterschiedlicher Natur sein: es kann jene geben, die unvorhersehbar sind, wie beispielsweise WutausbrĂŒche infolge der Ermordung von einer Person von Seiten der repressiven KrĂ€fte des Staates, der Selbstmord eines StrassenhĂ€ndlers aufgrund von unertrĂ€glichen Lebensbedingungen, usw., oder jene, die mit der AktivitĂ€t von anarchistischen Gruppen und Individuen und anderen subversiven Gruppen in dem Gebiet ZusammenhĂ€ngen, oder auch eine Kombination von beiden. In beiden FĂ€llen ist es jedoch möglich, die PrĂ€senz von latenten oder offenkundigen sozialen Spannungen festzustellen. Es ist hier, unserer Meinung nach, wo unser Ausgangspunkt liegen muss: darin, es zu schaffen, ein Minimum an Analyse unseres Kontexts zu entwickeln, das uns erlauben kann, diese Spannungen ausfindig zu machen, die Struktur oder die Strukturen, die es anzugreifen gilt, die Interessen, die im Spiel sind, die konkreten Konsequenzen, die die PrĂ€senz dieser Struktur in dem Gebiet fĂŒr das Leben der Ausgebeuteten haben wird, die Feinde und die potenziellen Komplizen zu identifizieren. All dies, um dann eine Arbeit zur Verbreitung dieser Information auf dem Gebiet zu machen. Es ist auch erforderlich, eine AtmosphĂ€re zu kreieren, die in den Augen der Ausgebeuteten einen Angriff auf diese Struktur möglich macht, indem Praktiken des Angriffs und der Rebellion auf dem Gebiet verbreitet werden, die einfach und deutlich sind, sodass sie leicht von jedem reproduziert werden können. Daraufhin stellt sich die organisative Frage: Wenn der Aufstand praktisch nie das Werk von nur Anarchisten ist, dann ist es also, jenseits der internen Organisation unter Anarchisten, erforderlich, Formen der Organisation mit anderen Ausgebeuteten zu finden, Formen, die, auch wenn sie nicht die Zustimmung zu den anarchistischen Prinzipien verlangen, deren Umsetzung in die Praxis widerspiegeln. Dies einerseits, um den Aufstand in Richtung der Freiheit auszurichten, indem eine KohĂ€renz zwischen Mitteln und Zielen aufrechterhalten wird, und andererseits, um zu versuchen, die Rekuperation von diesem Bruchmoment fĂŒr die politischen Ziele einer Partei oder einer Organisation zu verhindern. Wie es uns die Geschichte zeigt, ist der Aufstand kein Vorrecht der Anarchisten, sondern auch vieler Feinde der Freiheit, die in einem revolutionĂ€ren Gewand den Aufstand benutzen, um ihre Machtergreifungsziele zu erreichen.

UnabhĂ€ngig von diesen paar wenigen und begrenzten Hinweisen, die auf keinen Fall als Modell, sondern vielmehr als ÜberlegungsansĂ€tze dienen sollen, mĂŒssen wir uns bewusst halten, dass AufstĂ€nde ein komplexes soziales PhĂ€nomen sind, das von zahlreichen Faktoren abhĂ€ngt. Es wĂ€re also falsch, sich diesem Thema anzunĂ€hem, indem man nach einem Rezept sucht, das uns, wird es Schritt fĂŒr Schritt befolgt, auf direktem Weg zu einer aufstĂ€ndischen Situation fĂŒhrt. Das einzige, was wir tun können, ist, zu versuchen, von den aufstĂ€ndischen Kampfversuchen, die von unseren GefĂ€hrten in der Vergangenheit vorangetragen wurden, zu lernen, um die konkreten Probleme, die sie zu bewĂ€ltigen hatten, und die Grenzen ihrer Projekte zu verstehen, und um zu versuchen, Antworten zu finden, die der spezifischen Situation und dem Kontext, worin wir uns befinden, angepasst sind. Darum haben wir uns entschieden, diesen Text zu publizieren, der zum ersten Mal in der Zeitschrift “Anarchismo” (Nr. 56, MĂ€rz 1987) abgedruckt wurde, als Frucht aus den aufstĂ€ndischen Erfahrungen, die in Italien in den achtziger Jahren von einigen anarchistischen GefĂ€hrten vorangetragen wurden, eine Zeit, die auf das Scheitern vom “Ansturm auf den Himmel” der siebziger Jahre folgte. Diese Erfahrungen sind also in einer Zeit von sozialer Befriedung und von DefĂ€tismus vorangetragen worden, die von der Niederlage und der Zersetzung der revolutionĂ€ren Bewegung des vorherigen Jahrzehnts und von der Umstrukturierung des Produktionssystems, um den immer radikaleren Forderungen der Arbeiterbewegung nachzukommen, verursacht wurden. Die Absicht dieser GefĂ€hrten war es, ausgehend von diesem befriedeten Kontext, den offensiven KĂ€mpfen einen neuen Anstoss zu geben, ohne die mittlerweile in der revolutionĂ€ren Bewegung verbreitete Resignation zu akzeptieren.

Kein Rezept also, alles andere ist eine Frage davon, Versuch fĂŒr Versuch voranzuschreiten, ohne Angst davor, zu scheitern.




Quelle: Brutstaette.noblogs.org