September 7, 2021
Von Graswurzel Revolution
172 ansichten


„Planet der Habenichtse“ ist ein Science-Fiction-Roman von Ursula K. Le Guin und eine der wenigen anarchistischen Utopien. Die ErzĂ€hlung spielt auf den Zwillingsplaneten Urras und Anarres. Urras ist eine kapitalistische, patriarchale Welt. Nach einer gescheiterten Revolution bot man dort den ĂŒberlebenden Anarchist:innen an, nach Anarres, dem Mond von Urras, umzusiedeln, wo sie eine anarchistische Gesellschaft grĂŒndeten.

Anarres als
anarchistische Utopie

Auf Anarres gibt
es keine Regierung, keine Gesetze, kein GefÀngnis, keine Polizei, keine Armee, keine Hauptstadt, kein Geld, keine Werbung, keine Waffen.
Niemand befiehlt etwas, niemand gehorcht. An die Stelle des Besitzens oder Habens ist das Teilen getreten. Will man sagen: „Dies gehört mir und das gehört dir“, so sagt man auf Pravic, der Sprache von Anarres: „Ich benutze dies und du benutzt das.“ Kinder mögen vielleicht „meine Mutter“ sagen, lernen aber bald schon „die Mutter“ zu sagen. Es gibt kein Privateigentum. Wer etwas braucht, holt es sich aus einem Magazin oder Depot.
Die Besitzlosigkeit ist gleichermaßen der anarchistischen Philosophie wie der Umwelt auf Anarres geschuldet. Anarres ist ein unwirtlicher, karger Planet. Knochentrocken, kalt und windig. Die Sonne brennt, der Wind ist eisig, der Staub erstickend. Keine Vögel, keine SĂ€ugetiere, wenig Pflanzen. Wichtigste Nutzpflanze ist der Holumbaum oder Strauch. Seine BlĂ€tter, Samen, Fasern und Wurzeln werden als Grundnahrungsmittel und zur Herstellung von Textilien verwendet. An Land gibt es nur wenige fruchtbare Regionen. Nur das Meer ist voller Leben. Das Prinzip der „organischen Sparsamkeit“ ist fĂŒr das Funktionieren der Gesellschaft wesentlich. Mehr zu nutzen, als man braucht, ist verpönt. „Überfluss ist Exkrement 
 Und Exkrement, das im Körper bleibt, ist Gift.“

Arbeit

Das Wort fĂŒr Arbeit bedeutet auf Pravic Arbeit und Spiel. Die Arbeit, die die Einzelne am besten ausfĂŒhren kann, ist ihr optimaler Beitrag zur Existenz der Gesellschaft, ihre Funktion im Gesellschaftskörper. Aufgabe der Gesellschaft ist es, diese Funktionen der Einzelnen optimal zu koordinieren. Die Leute ĂŒbernehmen Jobs, wo sie wollen, schließen sich einem Syndikat an oder grĂŒnden eins. Die Produktions- und Distributionskoordination (PDK), eine Verwaltungs- und Managementstruktur, koordiniert die Arbeit von Syndikaten, Föderationen (z. B. Transportwesen) und Individuen. Wer Arbeit sucht, geht zum BĂŒro fĂŒr Arbeitsteilung, sagt, ich möchte gerne das und das tun, habt ihr etwas fĂŒr mich? Und dann wird ihm oder ihr mitgeteilt, wo es Arbeit fĂŒr sie gibt. Außerdem organisiert die PDK die Verteilung der GĂŒter auf Anarres.
Unangenehme oder mĂŒhselige Arbeit (Kleggich) wird gemeinsam verrichtet. HierfĂŒr gibt es alle zehn Tage einen Tag Arbeitsdienst. Jedoch wird niemandem eine gefĂ€hrliche Arbeit lĂ€nger als ein halbes Jahr im Leben zugeteilt, es sei denn, sie gefĂ€llt jemandem. Weil es keinen finanziellen Lohn gibt, treten andere Motive in den Vordergrund. Die Menschen tun ihre Arbeit, weil sie sie gern tun, und es macht ihnen Spaß, sie gut zu tun. GefĂ€hrliche und schwere Arbeit nehmen sie auf sich, weil sie stolz darauf sind, sie zu bewĂ€ltigen. Letztlich sind die eigene Freude daran und die Achtung der Mitmenschen der Grund zum Arbeiten.

SexualitÀt und Partnerschaft

VollstĂ€ndige sexuelle Befriedigung ist auf Anarres die Norm. Schon Kinder sammeln uneingeschrĂ€nkt sexuelle Erfahrungen mit Jungen und MĂ€dchen. Es gibt keine Strafe oder Missbilligung fĂŒr Sexualpraktiken jeglicher Art bis auf Vergewaltigung. Ob jemand homosexuell oder heterosexuell ist, spielt keine Rolle. Die einzige EinschrĂ€nkung sexueller AktivitĂ€ten besteht aus einem leichten Druck in Richtung private ZurĂŒckgezogenheit.
Trotz dieser FreizĂŒgigkeit bevorzugen viele Anarresti eine feste Bindung, weil ihnen das bloße sexuelle VergnĂŒgen nicht genĂŒgt. Mit der Partnerschaft ist weder Besitzdenken verbunden noch widerspricht sie dem anarrestischen VerstĂ€ndnis von Freiheit. Die Partnerschaft ist eine freiwillig hergestellte Föderation. Solange sie klappt, klappt sie, und wenn sie nicht klappt, hört sie auf zu existieren. Das Versprechen, einander treu zu sein, schrĂ€nkt die Freiheit nicht ein, sondern gibt ihr eine Richtung. Die GĂŒltigkeit eines Versprechens ist wesentliches Element der Freiheit.
Ein Paar, das sich zur Partnerschaft entschließt, beantragt ein Doppelzimmer. Ansonsten schlafen die meisten Menschen in GemeinschaftsrĂ€umen unterschiedlicher GrĂ¶ĂŸe. ZurĂŒckgezogenheit gilt als nicht funktional, ist Überfluss, ist Verschwendung. Wenn man als Kind in einem Einzelzimmer schlĂ€ft, so bedeutet das, dass man die anderen im Schlafsaal so lange gestört hat, bis sie einen nicht mehr ertragen konnten. Die Volkswirtschaft von Anarres versorgt EinzelhĂ€user und -wohnungen weder mit Baumaterial noch mit Wartung, Heizung oder Licht. Ein Mensch, der von Natur aus ungesellig ist, muss sich aus der Gesellschaft entfernen und fĂŒr sich selbst sorgen.
Gegessen wird ebenfalls in GemeinschaftskĂŒchen. FĂŒr eine Party spart man Essensrationen. Als Geschenke dienen Kleinigkeiten: ein handgestricktes Halstuch, eine selbst gefertigte Vase, ein Gedicht ĂŒber die Liebe
. „Die kleinen Gaben, die bei den Menschen zirkulierten, die zugleich nichts und alles besaßen.“

Die Schattenseiten der Utopie

Die Hauptperson des Romans ist der anarrestische Mathematiker Shevek. Er ist der erste Anarchist, der Anarres verlĂ€sst, um nach Urras zu gehen. Deshalb gilt er auf Anarres als VerrĂ€ter. Der Roman beginnt mit Sheveks Abreise von Anarres nach Urras. Die auf Anarres spielenden Kapitel erzĂ€hlen in RĂŒckblenden, wie es zu diesem Entschluss kam. Die Kapitel, die auf Urras spielen, fĂŒhren die Handlung fort.

Informelle Hierarchien

Die anarchistische Gesellschaft auf Anarres hat nach sieben Generationen Tendenzen entwickelt, die an den real existierenden Sozialismus erinnern. Ein Problem ist die Entstehung informeller Hierarchien. Damit Lernzentren, Institute, Minen, HĂŒttenwerke, Fischereibetriebe, Konservenfabriken, landwirtschaftliche Entwicklungs- und Forschungsstationen, Industriebetriebe usw. funktionieren, sind StabilitĂ€t und Fachwissen nötig. Dies erlaubt die AusĂŒbung von Macht fĂŒr persönliche Vorteile.
Am Anfang der Besiedlung waren sich die Anarchist:innen auf Anarres dieser Gefahr bewusst und hĂŒteten sich davor. Aber je besser das System funktionierte, desto mehr ging diese Wachsamkeit verloren. Man richtete sich ein und vergaß, dass Menschen und Dinge sich Ă€ndern. Was einmal funktioniert hat, funktioniert nicht immer. Strukturen, Regeln, Verfahren usw. sind Momentaufnahmen. Wenn sie gut sind, erleichtern sie eine Zeit lang das Leben. Aber weil sich die Wirklichkeit bestĂ€ndig verĂ€ndert, mĂŒssen sie angepasst werden. Andernfalls veralten sie, verlieren ihren Sinn und werden nur noch mechanisch befolgt.
Um eine BĂŒrokratisierung zu verhindern, ist z. B. die anarrestische Verwaltungs- und Managementstruktur, PDK, aus Freiwilligen zusammengesetzt. Diese werden durch das Los bestimmt und scheiden nach einem Jahr Ausbildung und vier Jahren Dienst aus. Ihre Gremien sind jedoch auf das SachverstĂ€ndnis und Fachwissen von Berater:innen angewiesen, die zwar kein Stimmrecht besitzen, aber auf Grund ihres Wissens und ihrer Vernetzung die Entscheidungen in ihrem Sinne beeinflussen können. So verhindert z. B. Sheveks „Vorgesetzter“ – obwohl es auf Anarres keine Vorgesetzten gibt – die Veröffentlichung seiner Forschungen, um weiterhin das Prestige als fĂŒhrender Wissenschaftler in diesem Bereich zu genießen.
Die Mehrheit auf Anarres leugnet diese Entwicklung. Man klammert sich an das, was gut war. Wehrt sich gegen VerĂ€nderung und betrachtet diejenigen, die den Status Quo in Frage stellen, als „anti-anarchistisch“. Wer den Geist nicht mehr versteht, pocht auf den Wortlaut. Besonders stark ist diese Tendenz in der Erziehung, in der die anarchistischen Werte mehr propagiert werden, als dass man sie lebt. Urras, die Welt der Ausbeuter und Besitzler, dient dabei als Feindbild.

Die Meinung der anderen

Ein anderes Problem ist das VerhĂ€ltnis zwischen individueller Freiheit und Gesellschaft. Weil es auf Anarres keine Institutionen gibt, die befehlen oder strafen können, kommt der Meinung der anderen eine besondere Bedeutung zu. Was hindert den oder die Einzelne an Handlungen, die fĂŒr andere oder die Gemeinschaft schĂ€dlich sind? Was veranlasst sie z. B., ungeliebte Arbeiten zu erledigen und sich nicht vor dem zehntĂ€gigen Arbeitsdienst zu drĂŒcken? Was hindert ihn, Besitz anzuhĂ€ufen oder jemand anderen zu missbrauchen oder zu erschlagen?
Auf der einen Seite ist dies die Einsicht in die Notwendigkeit oder SchĂ€dlichkeit bestimmter Handlungen. Diese ist auf Anarres grĂ¶ĂŸer als andernorts, da sich die Einzelnen mit ihrer Gesellschaft identifizieren, die ihnen nicht als etwas Fremdes oder Feindliches gegenĂŒbertritt. Zudem fehlt der materielle Grund fĂŒr Handlungen, die aus den Strukturen einer kapitalistischen, patriarchalen Gesellschaft entstehen: Diebstahl – weil es keine Kostbarkeiten gibt und jeder hat, was er braucht. Vergewaltigung oder sexueller Missbrauch – weil ein erfĂŒlltes Sexualleben die Regel ist.
Auf der anderen Seite wird unsoziales Verhalten des Einzelnen von der Mehrheit durch Nichtzusammenarbeit oder den Ausschluss von gemeinsamen AktivitĂ€ten und in extremen FĂ€llen auch körperliche Gewalt sanktioniert. Was aber ein sinnvolles Korrektiv zur Milderung von Fehlverhalten sein kann, hat sich auf Anarres zu einer diffusen Form von Herrschaft entwickelt. Strukturen, die geschaffen wurden, um Macht zu begrenzen, werden verwendet, um Dissens zu unterdrĂŒcken. Nonkonformes Verhalten wird mit gesellschaftlichem Druck beantwortet, der auch Familienmitglieder und Angehörige treffen kann. Dies bekommen KĂŒnstler- und Wissenschaftler:innen zu spĂŒren, die nicht der herrschenden Lehrmeinung folgen. Ihre Werke werden als „unanarchistisch“ oder „egoisierend“ diskreditiert, und sie erhalten keine Arbeit mehr in ihrer Profession.

Shevek gehört zu einer Gruppe von Dissidenten, die gegen diese Entwicklung opponieren. Seine Reise nach Urras soll zum einen die Mauer zwischen Anarres und Urras einreißen und zum anderen die Verkrustung und Denkverbote der anarrestischen Gesellschaft durchbrechen. Die Geschichte endet mit Sheveks RĂŒckkehr nach Anarres.




Quelle: Graswurzel.net