Juli 8, 2021
Von Our House OM10
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Wir sind Teil der Mietini UM13. In der folgenden PM der Mietini geht es um den aktuellen Stand um unser Nachbarhaus, das vom Investor Coreo gekauft, kalt entmietet und nun profitorientiert “aufgewertet” wird.

Pressemitteilung der Mieter:inneninitiative „Untere-Masch-13“ vom 07.07.2021:

Aus Fehlern sollte man SchlĂŒsse ziehen – Untere-Masch-Straße 13 bleibt ein Paradebeispiel fĂŒr die fehlgeleitete Göttinger Wohnungspolitik

Seit zwei Jahren liegt das Haus in der Unteren-Masch-Straße 13 in den HĂ€nden der
Aktiengesellschaft Coreo. Nun sind die endgĂŒltigen SanierungsplĂ€ne bekannt. Bei gleichbleibender GesamtwohnflĂ€che sollen noch mehr „Wohnungen“ entstehen. Die Gruppe um die organisierten Bewohner:innen sieht die Entwicklung der Immobilie als beispielhaft fĂŒr die Probleme der Göttinger Stadtentwicklung und fordert die politische Neuausrichtung in der Stadt.

Im April 2019 hatte die Coreo AG das GebĂ€ude in der Nördlichen Innenstadt aufgekauft und die ĂŒber 70 Bewohner:innen zum Auszug aufgefordert. Die meisten folgten dieser Anweisung direkt, teils wegen sprachlicher Barrieren und Sorge vor Problemen, oder auch weil sie schlicht nicht wussten, dass Coreos Brief keine rechtliche Grundlage hatte.
„Coreo hat die Unwissenheit der Leute bewusst ausgenutzt und den Brief so geschrieben, als sei die Aufforderung verpflichtend“, berichtet Achim Hauser, einer der wenigen, die noch immer im GebĂ€ude wohnen. Durch gemeinsame Absprachen, Öffentlichkeitsarbeit, viel Durchhaltevermögen und schließlich Verhandlungen mit der Coreo AG ist es einigen gelungen, einen Auszug abzuwenden. Sie konnten sich eine der bereits renovierten Wohnungen erstreiten und so in ihrem vertrauten Umfeld zu bleiben.

Inzwischen sind die PlĂ€ne fĂŒr den Umbau des GebĂ€udes bekannt. Anders als lange in Aussicht gestellt, soll es nicht verschiedene, auch mehrrĂ€umige Wohnungen geben, sondern ausschließlich 1-Zimmer-Wohnungen, die mit 16-25m2 inklusive KĂŒche und Bad sogar noch kleiner werden sollen als die vorherigen Wohnungen. So will Coreo aus 70 rĂŒckgebauten Wohnungen sogar 76 schaffen. Der Innenhof soll nicht etwa Raum fĂŒr Gemeinschafts- und FreizeitaktivitĂ€ten werden, sondern soll zum Parkplatz werden. Das lĂ€uft auf ein Durchlaufmodell hinaus, in dem vor allem Studierende
einziehen und alsbald wieder ausziehen.

FĂŒr Achim Hauser von der organisierten Mieter:innenschaft geben die PlĂ€ne Anlass zur Sorge: „Wenn das der Weg ist, den unsere Stadt einschlagen soll, dann besorgt mich das. Ich wĂŒrde zum Studieren nicht in so einer Massenunterkunft ohne jegliche GemeinschaftsrĂ€ume wohnen wollen, wie sie hier entsteht. Aber auf dem Göttinger Wohnungsmarkt werden die Neuankömmlinge wohl keine andere Wahl haben.“ Und mehr noch: „Diese Kleinstwohnungen werden es schwer machen, den Zusammenhalt im Viertel, die teils jahrzehntelangen Nachbarschaften weiter wachsen zu lassen“, so Hauser weiter.

In den Augen der Initiative steht die Stadt in der Verantwortung, bei solchen PlĂ€nen einzugreifen: „In den vergangenen Jahren haben wir viel darĂŒber gehört, wie mit dem ‚Soziale Stadt‘-Programm die Zukunft der nördlichen Innenstadt gestaltet werden soll. Wir fragen uns: Ist das die Vision, die die politisch Verantwortlichen vom Leben in der nördlichen Innenstadt und auch vom studentischen Leben in Göttingen haben? So steht ein Studierenden-Unterbringungsmodell in krassem Widerspruch zu der von den Politiker:innen beschworenen zu stĂ€rkenden Nachbarschaft und Verbesserung der QuartiersqualitĂ€t. Hier werden keine alleinerziehende Mutter oder ein junges Paar, welches seinen Arbeitsplatz in der Innenstadt hat, einziehen können.“

Dass die Coreo-AG im Sinne der Profitmaximierung handelt, ist fĂŒr Hauser und seine Gruppe keine Überraschung, sondern sei im Gegenteil absehbar gewesen: „NatĂŒrlich ist Coreo hier in erster Linie fĂŒr Profite in Göttingen aktiv und nicht fĂŒr das Wohl der
Stadtbevölkerung. Das liegt ganz logisch in der Sache begrĂŒndet, wenn man hier als externer Investor Geld anlegt“, kommentiert Hauser das Vorgehen der Aktiengesellschaft.
In den Erfahrungen um die Immobilie zeige sich ein grundlegendes Problem. Doch noch ist es nicht zu spĂ€t, zu retten, was noch zu retten ist: Immernoch ist es möglich, GemeinschaftsrĂ€ume zu schaffen, auch einige mehrrĂ€umige Wohnungen zu bauen und den Innenhof klimafreundlich und zur gemeinschaftlichen Nutzung rĂŒckzubauen. Achim Hauser meint dazu: „Am Beispiel der Unteren-Masch-Straße 13 wird sichtbar, was falsch
lĂ€uft in der Göttinger Stadtpolitik. Wenn die Stadtentwicklung und die Wohnungswirtschaft privaten Investoren ĂŒberlassen wird, dann werden wir niemals ausreichend gĂŒnstigen Wohnraum und eine lebenswerte Stadt fĂŒr alle bekommen.“ Schon am 21.5.2019 hatte die Göttinger Sozialdezernentin Petra Broistedt dem Göttinger Tageblatt gegenĂŒber von einem „VerdrĂ€ngungseffekt“ und einer „fatalen Situation“ gesprochen. Allein, aus den Fehlern wurden keine SchlĂŒsse gezogen.

Aus ihrer Erfahrung heraus spricht sich die Gruppe fĂŒr einen Kurswechsel in der Wohnungspolitik aus: „Göttingen soll kein Anlageparadies, sondern ein guter Ort zum Leben sein. Es kann nicht sein, dass die Politik sich den Immobilienkonzernen an den Hals schmeißt wie im sogenannten ‚BĂŒndnis fĂŒr bezahlbaren Wohnraum‘. Bezahlbaren Wohnraum schafft dieses BĂŒndnis nĂ€mlich ĂŒberhaupt nicht“, meint Achim Hauser. Aus Sicht seiner Gruppe braucht es stattdessen eine öffentliche Wohnraumversorgung:
„Wir brauchen mehr demokratische Kontrolle ĂŒber den Wohnungsmarkt und viel mehr öffentlichen und sozialen Wohnraum. Gerade mit Blick auf die Kommunalwahlen wird es Zeit, dass die Politik anfĂ€ngt hier Verantwortung zu ĂŒbernehmen.“

FĂŒr RĂŒckfragen stehen wir gern zur VerfĂŒgung:
unteremasch13@gmx.de

Unter folgendem Link finden Sie Fotos, die Sie zu Pressezwecken gern benutzen können:
https://wetransfer.com/downloads/678e78b71ba316c55c9e632c271a681820210707131338/c0b6a2246405b1745e9dac13b0a32f9620210707131354/85295d




Quelle: Omzehn.noblogs.org