Dezember 16, 2021
Von Paradox-A
221 ansichten


Lesedauer: 3 Minuten

KĂŒrzlich wies mich ein Genosse darauf hin, dass der ZĂŒndlumpen eingestellt wurde – und zwar schon im September mit der 85. Ausgabe. Er fragte, ob ich das gehört und anschließend einen Sekt geöffnet hĂ€tte. Beides war nicht der Fall. Da ich viel zu tun habe, kriege ich nun mal nicht alles mit. Angestoßen hĂ€tte ich aber auch nicht, wenn ich das just in time erfahren hĂ€tte. Im Nachhinein stelle ich fest, dass mein Desinteresse an der Zeitung im selben Maße wie der darin exhibitionistisch zur Schau gestellte narzisstische Selbsthass gewachsen ist. Mit anderen Worten hatte ich mich gar nicht mehr um dieses KĂ€seblatt geschert, welches zunehmend lediglich darĂŒber motiviert zu sein schien, Polemiken um ihrer selbst willen in die Welt zu schreien.

Erinnern möchte ich in diesem Zusammenhang dennoch auf die beiden Persiflagen, welche Jens Störfried geschrieben hatte, um das zu thematisieren: Mit der Linken sprechen und Radikale Linke, ich trinke noch ein Bier mit dir!

Es handelte sich sozusagen um den Schrei der bedrĂ€ngten Kreatur: Der Egoismus als Ausgangspunkt und Verfallserscheinung des Anarchismus. Abgesehen davon, dass ich mich in einem anderen Spektrum verorte, wertschĂ€tze ich doch die Technikkritik, welche in sogenannten „insurrektionalistischen“ Publikationen formuliert wird. Und auch eine Differenz zu linken Bewegungen aufzumachen und den Geist der Revolte zu schĂŒren, finde ich richtig. Über die Form und vor allem die Absicht lĂ€sst sich dann aber streiten. DafĂŒr braucht es allerdings keine ZĂŒndlumpen. Deren Provokationen unterm Strich bestanden ja vor allem darin, dass sie Fremdscham auslösten, als etwa in einer Kritik, die zutreffend ist und von anderen angenommen werden kann, weil sie auf eine gemeinsame Debatte abzielt.

Diese ganze Spirale abwĂ€rts des gekrĂ€nkten Selbst erinnert mich ziemlich stark an die Sackgassen, in welche sich die Allzudeutschen manövriert haben – irgendwann hast du so sehr recht, sind alle so gemein zu dir und bestĂ€tigst du dich deswegen nur noch durch Gleichgesinnte, dass kein wirklicher Weg mehr aus dem selbst geschaffenen Sumpf des verwirrten Dogmatismus hinaus fĂŒhrt. (Ohnehin ist es ein weiteres Paradox wenn aus dem Egoismus ein Dogma gemacht wird.). In diesem Fall gibt es dann wirklich nur die zugespitzte Entscheidung: Den eigenen sektiererischen Wahn reflektieren, aufgeben und anders weiter machen – was jede*r gegönnt sei, denn zum GlĂŒck sind Menschen lernfĂ€hige Wesen. (Und ich hatte auch so meine Abwege
) Oder sich das eigene Grab schaufeln, weil man nicht den Arsch in der Hose hat, den eindimensionalen Holzweg zu verlassen – ihn also eher mit ZĂŒndlumpen hinter sich abzubrennen, statt noch mal woanders hinzugehen.

Was ich aber zugegeben muss, ist, dass aus „dieser Ecke“ auch inhaltliche Punkte aufgemacht und Perspektiven eingenommen werden, von denen ich gut finde, dass es sie gibt. Wesentlich bedeutender als die oftmals zur Schau gestellten „Feindschaft“ gegenĂŒber jeglicher „Herrschaft“, ist die grundlegende Skepsis, den zeitgenössischen gesellschaftlichen Entwicklungen gegenĂŒber. Denn ja, die Selbstzerfleischung in linken Szene ist die Kehrseite eines problematischen Kollektivgeistes, der moralistisch integriert wird. Ja, die Debatte um die Begrenzung des Klimawandels wird vor allem von privilegierten sozialen Gruppen gefĂŒhrt und dient zur Erneuerung von Staatlichkeit und Kapitalismus. Schließlich kann auch festgestellt werden, dass mit den staatlichen Maßnahmen zur Bearbeitung der Corona-Pandemie der Ausbau einer Regierungsform geschieht, die sich ĂŒber hygienisch begrĂŒndete Sicherheitsparadigmen legitimiert und dass die technokratische Verwaltung, wie auch der Untertanenglaube vieler BĂŒrger*innen deutlich hervor tritt.

Das ist aber möglich ohne sich in eine Opferrolle zu begeben und polemisch abzuschwurbeln. DarĂŒber hinaus kann und will ich da nichts beurteilen. Ich habe einfach den Eindruck, was hier passiert ist, ist viel zu weit von meiner LebensrealitĂ€t entfernt
 Und dies betrifft nicht vor allem die Tatsache, dass ich mich in den letzten Jahren hauptsĂ€chlich zu einem Schreibtisch-TĂ€ter entwickelt habe





Quelle: Paradox-a.de