September 8, 2021
Von Anarchosyndikalismus
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Die Basisgewerkschaft „Związek SyndykalistĂłw Polski“ berichtet ĂŒber einen aktuellen Arbeitskampf im polnischen Gesundheitswesen:

Die Coronavirus-Pandemie hat vielen Menschen die Augen dafĂŒr geöffnet, dass einige gesellschaftlich Ă€ußerst wichtige Berufe ein sehr geringes Ansehen genießen. Im Laufe der Jahre sind einige Gesundheitsberufe systematisch abgewertet worden, und die Arbeiter*innen haben unter den Folgen davon zu leiden. Von allem LohnabhĂ€ngige in KrankenhĂ€usern waren diejenigen Arbeiter*innen am schlechtesten dran, deren Leistung fĂŒr das Funktionieren der Kliniken absolut unerlĂ€sslich ist.

Die meisten dieser Arbeiter*innen wurden durch Outsourcing an Firmen ausgelagert, welche fĂŒr die Umgehung von Arbeitsgesetzen und die Verletzung von Arbeitsrechten bekannt sind. Trotz der Ă€ußerst prekĂ€ren Bedingungen, in denen sie sich befinden, machen manche dieser Arbeiter*innen ihre Rechte geltend. Eine solche Initiative wurde jetzt in Jaworzno ins Leben gerufen.

In dem MultidisziplinĂ€ren Krankenhaus in Jaworzno, eine „UnabhĂ€ngige Einrichtung des öffentlichen Gesundheitswesens“, hat die Firma Impel Cleaning einen Auftrag fĂŒr Reinigungsdienstleistungen erhalten. Eine Managerin dieser Firma ist vor Ort und stellt die Arbeiter*innen ein, obwohl viele von ihnen garnicht fĂŒr Impel arbeiten. Denn diese Firma hat ihre Mitarbeiter*innen wiederum an andere „Stroh“-Firmen auslagert.


Viele Raumpfleger*innen erhalten daher AuftrĂ€ge von mehreren Unternehmen, so dass die Arbeitgeber*innen dadurch die Zahlung von ÜberstundenzuschlĂ€gen vermeiden. Und sie können Menschen mit Behinderungen zu Überstunden heranziehen, was gesetzlich nicht zulĂ€ssig ist. Einige weibliche Mitarbeiter*innen arbeiten auf der Grundlage von ArbeitsvertrĂ€gen, doch andere haben nur WerkvertrĂ€ge bekommen, obwohl sie die gleiche Arbeit leisten, wie VollzeitbeschĂ€ftigte.

Eines der Unternehmen, die ReinigungskrĂ€fte einstellt, heißt Pureza und ist eine Firma der Impel-Kapitalgruppe. Andere Unternehmen haben mit Impel VertrĂ€ge abgeschlossen, was dazu fĂŒhrt, dass die Frauen fĂŒr ihre Überstunden nicht angemessen bezahlt werden. Sie erhalten entweder gar nichts oder die Stunden werden von anderen Unternehmen zum normalen Tarif abgerechnet. Die Arbeitserfassung wird von der Betriebsleitung nicht ordnungsgemĂ€ĂŸ gefĂŒhrt, da die Kolleg*innen ihre Stunden selbst auf einer Karte eintragen, welche jedoch keine Angaben zum Arbeitgeber enthĂ€lt. Sie schreiben daher „Impel“ auf diese Karte, unabhĂ€ngig davon, wer formell ihr „Arbeitgeber“ ist, doch die Gegenseite unterschreibt nie etwas. Und obwohl sie fĂŒr Nachtschichten ein „N“ hinschreiben, werden sie nicht nach dem Nachtschichttarif entlohnt.

Doch die Vertreter*innen all dieser Unternehmen, welche die Arbeiter*innen angeblich „beschĂ€ftigen“, haben noch nie einen Fuß in das Krankenhaus gesetzt. Denn die VertrĂ€ge, welche im Namen verschiedener „Stroh“-Firmen abgeschlossen wurden, sind nĂ€mlich von ein und demselben Manager ausgehĂ€ndigt worden.

Es gibt also mehrere Unternehmen, welche offiziell diese Frauen beschĂ€ftigen, aber das Krankenhaus stellt auch selbst Arbeiter*innen ein, die von ihm direkt bezahlt werden. So gibt es in den gynĂ€kologischen Abteilungen und im Operationssaal Personal, das mit dem Krankenhaus selbst VertrĂ€ge abgeschlossen hat, weshalb die Arbeitsbedingungen in der Klinik nicht fĂŒr alle gleich sind. Obwohl sie im Grunde genommen die gleiche Arbeit verrichten, haben einige Arbeiter*innen normale ArbeitsvertrĂ€ge mit dem Krankenhaus bekommen, wĂ€hrend andere ihre VertrĂ€ge mit verschiedenen polnischen Unternehmen abgeschlossen haben, darunter auch sogenannte „SchrottvertrĂ€ge“ [Schein-WerkvertrĂ€ge ohne garantiertes Stundenentgelt].

Diejenigen, die auf dieser Grundlage tĂ€tig werden, verlieren natĂŒrlich viel. Sie werden nicht unbedingt ĂŒber ihr Recht auf Zahlung freiwilliger KrankenversicherungsbeitrĂ€ge informiert und sie erhalten keinen bezahlten Urlaub. Aber auch einige derjenigen mit VertrĂ€gen berichten, dass ihnen ihr Urlaub einfach weggenommen wurde: Ohne irgendeine Vereinbarung zwischen den Parteien haben ihre Vorgesetzten letztes Jahr die Anzahl der Urlaubstage verkĂŒrzt und durch Zahlung von ZuschlĂ€gen ersetzt.

Niemand fragte die Arbeiter*innen vorher, ob sie ihre Urlaubstage vielleicht nutzen möchten. Es gab keine Diskussion darĂŒber und die Urlaubstage fielen einfach weg. Vor allem nach der harten Arbeit mit Überstunden wĂ€hrend der Covid-Pandemie reagierten einige Arbeiter*innen sehr ungehalten darauf, dass ihnen ihre Urlaubstage gestrichen wurden.

Ein weiteres Problem durch Covid ist, dass zwar alle die sogenannte Corona-Zulage erhalten sollten (d. h. eine einmalige Leistung fĂŒr die Arbeit bei Seuchengefahr), aber nur ein Teil der weiblichen Arbeiter*innen haben diese Zulage tatsĂ€chlich erhalten. Einige wurden nichtmal darĂŒber informiert, warum sie nichts erhalten haben, und anderen wurde nur gesagt, dass sie nix bekommen werden.

Eine weitere Leistung, die ohne jede ErklĂ€rung einfach nicht bezahlt wurde, ist der Zuschuss fĂŒr Menschen mit einer Behinderung. FrĂŒher erhielten alle Berechtigten eine Zulage von 78 ZƂoty [ca. 17 Euro], aber seit Impel den Vertrag ĂŒbernommen hat, gibt es diese Zulagen nicht mehr. Dies ist leider ein hĂ€ufiges Problem in solchen Unternehmen, da die Arbeitgeber*innen die ZuschĂŒsse vom PFRON [Staatlicher Fonds zur Rehabilitierung Behinderter Personen] erhalten, diese aber in die eigene Tasche stecken. Die behinderten Arbeiter*innen haben zwar ein Recht auf Rehabilitation, aber auch dagegen wird verstoßen.

Die Gehaltsforderungen der Initiativgruppe in Jaworzno lauten daher wie folgt:
– ArbeitsvertrĂ€ge fĂŒr alle, mit direkter Anstellung durch das Krankenhaus
– Keine fiktiven AuftrĂ€ge von verschiedenen „Stroh“-Firmen mehr
– Auszahlung fĂ€lliger ZuschlĂ€ge fĂŒr alle Nachtschichten und Überstunden
– Zahlung der Corona-Zulage
– GewĂ€hrung von ZuschĂŒssen fĂŒr Arbeiter*innen mit Behinderung, sowie Recht auf Rehabilitation
– Beendigung der Urlaubsabgeltung ohne Zustimmung der Arbeiter*innen
– Unterzeichnung richtiger ArbeitsvertrĂ€ge und korrekte Arbeitszeiterfassung durch echte Arbeitgeber*innen

Die „Union der polnischen Syndikalist*innen“ [ZSP-IAA] bekundet nun ihre volle UnterstĂŒtzung fĂŒr all diese Forderungen. Und sie prangert die Praktiken im Gesundheitswesen an, welche die Ausbeutung der Arbeiter*innen und den Raub ihres hart erarbeiteten Lohnes bedeuten.

Quelle:
https://zsp.net.pl/impel-czy-da-sie-sprzatnac-wyzysk-w-szpitalu-salowe-z-jaworzna-chca-tego-dokonac

Übersetzung [und Anmerkungen]: ASN Köln, https://asnkoeln.blackblogs.org/

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Quelle: Anarchosyndikalismus.blackblogs.org