Oktober 4, 2020
Von Graswurzel Revolution
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Die War Resisters’ International (WRI), das transnationale pazifistische und antimilitaristische Netzwerk, dem auch die DFG-VK und die Graswurzelrevolution angehören, hat bei ihrem Ratstreffen in BogotĂĄ 2019 das Ambazonian Prisoners of Conscience Support Network (APOCSNET) als assoziiertes Mitglied aufgenommen. Das Schicksal ambazonischer Gefangener war auch Thema am Tag der Gefangenen fĂŒr den Frieden am 1. Dezember 2019. Seitdem enthĂ€lt die von der WRI gefĂŒhrte Liste der Gefangenen fĂŒr den Frieden auch Gefangene aus dem englischsprachigen Teil Kameruns.

ReprĂ€sentiert wurde das APOCSNET beim Ratstreffen in BogotĂĄ von Sphynx Eben, der in New York lebt. Das folgende Interview mit ihm wurde im Juli 2020 per E-Mail gefĂŒhrt. Es erscheint als Zweiteiler in dieser und der GWR 453. (GWR-Red.)

Graswurzelrevolution (GWR): Der Name Ambazonia ist ziemlich unbekannt. Was ist Ambazonia? Woher kommt der Name? Seit wann gibt es ihn? Was bedeutet er?

Sphynx Eben: Der Name Ambazonia ist abgeleitet von der Ambas-Bay an der Atlantik-KĂŒste. Die Ambas Bay wurde nach den KĂŒstenstĂ€mmen an der Bucht benannt. Dort hatte Großbritannien unter FĂŒhrung des Baptistenmissionars Alfred Saker 1858 die erste Kolonie namens Ambas Bay Protectorate auf diesem zentralafrikanischen Land etabliert. 13 Jahre spĂ€ter, 1871, entstand das deutsche Kaiserreich. Die dominierenden europĂ€ischen KolonialmĂ€chte gewannen den Eindruck, dass man diesem neuen Deutschen Reich Zugang zu kolonialen Ressourcen gewĂ€hren mĂŒsse, um einen Krieg um Kolonien zu vermeiden. GemĂ€ĂŸ dieser Logik trat Großbritannien 1887 die Ambas Bay zusammen mit Teilen seiner Kolonie Nord-Nigeria ans Deutsche Reich ab, das diese Gebiete an seine gerade etablierte Kolonie Kamerun angliederte. Diejenigen, die argumentieren, dass die „natĂŒrliche Einheit“ Kameruns Ambazonia einschließe, beziehen sich auf diesen Moment der Kolonialgeschichte, als sei dies der Anfangspunkt der Geschichte.

Die anti-koloniale Bewegung beanspruchte den Namen „Ambazonia“ 1984 in Reaktion auf Kameruns Verletzung von Artikel 1 der Verfassungsvereinbarung nach dem Plebiszit von 1961, der vorschrieb, dass die beiden Regionen Kameruns sich die Macht in einem Bundesstaat teilen. Zu diesem Zeitpunkt hatte Kamerun demonstriert, dass es sich dadurch nicht gebunden fĂŒhlte, indem es die meisten Institutionen Ambazonias aufgelöst oder ĂŒbernommen hatte, einschließlich der Regionalregierung und des Regionalparlaments. 1984 verfĂŒgte PrĂ€sident Paul Biya den Namenswechsel von „Bundesrepublik Kamerun“ zur „Republik Kamerun“. Das war der Name des französischsprachigen Teils von Kamerun vor der Föderierung von 1961. Das war der letzte Tropfen, der die ambazonischen FĂŒhrungspersonen dazu provozierte, die Wiederherstellung ihres Staates zu erklĂ€ren, wie er vor der Föderierung existiert hatte. Sie wĂ€hlten den Namen Ambazonia.

Es fĂ€llt auf, dass Organisationen, die die UnabhĂ€ngigkeit des englischsprachigen Teils von Kamerun anstreben, sich selbst als „sĂŒdkamerunisch“ bezeichnen, wie z.B. der Southern Cameroons National Council. Inwieweit ist der Name Ambazonia gebrĂ€uchlich geworden?

Und wieso ĂŒberhaupt „Sou-thern Cameroons“, wo das Gebiet doch im Westen des heutigen kamerunischen Staats liegt und offiziell Westprovinzen genannt wird (Nordwestprovinz und SĂŒdwestprovinz)?

Sphynx Eben: Zuerst zum zweiten Teil der Frage. Der Name Southern Cameroons hat seinen Ursprung in der Phase der Kolonialgeschichte unmittelbar nach dem Ersten Weltkrieg. Nachdem das Deutsche Reich den Krieg verloren hatte, wurden Ambazonia und ein Streifen Land weiter nördlich davon, die Großbritannien 1887 an Deutschland abgetreten hatte, von den Entente-MĂ€chten besetzt und zum „Völkerbundsmandat Kamerun unter britischer Verwaltung“, bestehend aus den beiden Gebieten SĂŒdkamerun und Nordkamerun. Gleichzeitig unterstellten die Entente-MĂ€chte den Rest der deutschen Kolonie Kamerun französischer Verwaltung. Die Landstreifen, die Frankreich 1911 im Zusammenhang mit dem „Panthersprung“ verloren hatte, wurden von Kamerun abgetrennt und den französischen Kolonien Tschad, Ubangi-Schari (heutige Zentralafrikanische Republik), Kongo und Gabun angegliedert. Der Rest von Kamerun wurde zum „Völkerbundsmandat Kamerun unter französischer Verwaltung“. Als die Vereinten Nationen den Völkerbund ablösten, wurden die Mandate zu Treuhandgebieten der UN. Amabazonia wurde zum “UN Trust Territory of the Southern Cameroons under UK Administration” bis 1961.

Die Völkerbundsmandate und spĂ€ter die UN-Treuhandgebiete sollten zur UnabhĂ€ngigkeit oder Selbstbestimmung fĂŒhren. Doch mit dem Beginn des Kalten Kriegs wirkten Frankreich, das Vereinigte Königreich und die USA zusammen, um die UnabhĂ€ngigkeit Ambazonias zu blockieren. Ambazonia war an der Front im Kampf gegen den Kommunismus, was, wie US-Generalkonsul Emmerson 1959 argumentierte, es rechtfertige, seine UnabhĂ€ngigkeit zu blockieren und es zu zwingen, sich in einem Referendum fĂŒr den Anschluss an Nigeria oder an (das bis dahin französische) Kamerun zu entscheiden, die beide bereits von VerbĂŒndeten der USA kontrolliert wurden. Nordkamerun stimmte fĂŒr die Vereinigung mit Nigeria, die Ambazonians stimmten fĂŒr Cameroun.

Einige ambazonische UnabhĂ€ngigkeitsgruppen, wie der Southern Cameroons National Council (SCNC) nutzen die Benennung „Southern Cameroons“, wie sie auch in den UN-Dokumenten verwendet wird. Die Gruppen, die „Ambazonia“ nutzen, betonen damit ihren Panafrikanismus und ihr Recht auf Selbstbestimmung, das auch einschließt, sich selbst zu definieren. Die erste Gruppe, die den Namen Ambazonia verwendete, war der 1984 gegrĂŒndete Ambazonian Restoration Council (ARM).

Zum Ambazonian Prisoners of Conscience Support Network: Wie arbeitet es? Wo leben die Aktiven des Netzwerkes? Gibt es auch in Deutschland exil-ambazonische Gruppen oder Organisationen, die sich fĂŒr Menschenrechte in Kamerun einsetzen?

Das Ambazonian Prisoners of Conscience Support Network (ApoCsnet, UnterstĂŒtzungsnetzwerk fĂŒr ambazonische Gefangene aus GewissensgrĂŒnden) wurde fĂŒr die UnterstĂŒtzung ambazonischer Menschenrechts-‹verteidiger*innen aufgebaut, die in GefĂ€ngnissen und geheimen Lagern des französischen neokolonialen Regimes gefangen gehalten werden. APoCsnet arbeitet daran, die Kommunikation mit und zwischen den gefangenen Genoss*innen aufrecht zu erhalten, ihr körperliches und emotionales Wohlbefinden zu fördern, fĂŒr den Kampf relevante Informationen zu sammeln zu verbreiten und SolidaritĂ€tsaktionen zu organisieren. APoCsnet unterstĂŒtzt inhaftierte Menschenrechts-verteidiger*innen in Kamerun und im Rest der von Françafrique kontrollierten Gebiete und bemĂŒht sich aktiv um den Aufbau eines globalen Netzwerks zur SolidaritĂ€t mit inhaftierten Menschenrechts-verteidiger*innen in aller Welt.

APoCsnet hat aktive Mitglieder in aller Welt – unter den Gefangenen in Ambazonia und im französischen Kamerun, in der ambazonischen Diaspora und unter verbĂŒndeten Gemeinschaften in SĂŒdafrika, Großbritannien und den USA. Die ambazonische Gemeinschaft in Baden-WĂŒrttemberg ist eine der wenigen Ambazonia-SolidaritĂ€ts-Gruppen in Deutschland, die sich auch fĂŒr Rechte ambazonischer politischer Gefangener in Kamerun einsetzt.

Wieso gibt es in Kamerun einen frankophonen und einen anglophonen Teil?

Dieser Sprachunterschied ergibt sich aus der unterschiedlichen Kolonialgeschichte der beiden Gebiete. Ambazonia war nie unter direkter französischer Kontrolle, wĂ€hrend der frankophone Teil Kameruns vom Ende des Ersten Weltkriegs 1918 bis 1960 unter französischer Herrschaft war. Ambazonia unterstand der Verwaltung des Großbritanniens wĂ€hrend zweier ZeitrĂ€ume: 1858 bis 1871 als Ambas-Bay-Protektorat und von 1918 bis 1961.

Die Begriffe „frankophon“ und „anglophon“ wirken auf Ambazo-nier*innen zurzeit als Kurzformel fĂŒr BĂŒrger*innen zweiter und dritter Klasse in der französischen neokolonialen Republik Cameroun. Das Streben der Regierung Kameruns, die gesellschaftlichen Institutionen in Ambazonia, die die englische Sprache nutzen, aufzulösen oder ihnen die Finanzierung zu entziehen – was einer Verletzung der Vereinbarungen entspricht, fĂŒr die die Bevölkerung im Referendum von 1961 gestimmt hatte – ist nur der sichtbarste Beweis, dass das jetzige Regime in Kamerun nicht unabhĂ€ngig ist, sondern ein von Frankreich kontrolliertes neokoloniales Regime. FĂŒr die Ambazonier*innen endete der Kolonialismus nie, er hat seine Form verĂ€ndert: angefangen mit Großbritannien 1858, dann Deutschland ab 1887, Großbritannien wieder 1918, und dann Frankreich ab 1960 bis heute.

Weshalb gibt es ambazonische Gefangene in GefÀngnissen Kameruns? Wie ist ihre menschenrechtliche Lage?

Kamerun hat ambazonische FreiheitskĂ€mpfer*innen seit Jahrzehnten inhaftiert. Ich selbst wurde 1996 ins Exil gezwungen, um eine wahrscheinliche Inhaftierung und möglicherweise den Tod zu vermeiden. Mehrere Genoss*innen von mir in der Studentenbewegung hatten weniger GlĂŒck. WĂ€hrend der frĂŒhen Jahre meines Exils organisierte ich SolidaritĂ€t mit diesen Genoss*innen in den GefĂ€ngnissen, die fĂŒr ihre aus GewissensgrĂŒnden vorgetragene Meinung gefangen gehalten wurden, dass die grundlegenden Rechte des Volkes von Ambazonia von allen respektiert werden mĂŒssen.

Der erste bekannte ambazonische politische Gefangene kann 1891 in der deutschen Kolonialzeit festgestellt werden. Der König in den Bergen Kuva Likenye wurde wegen seiner anti-kolonialen Haltung von Buea nach Wonya Mokumba deportiert, wo er erkrankte und kurz darauf starb.

Die Zahl ambazonischer politischer Gefangener ist seit Herbst 2016 hochgeschnellt, nach Protesten zur Verteidigung des ambazonischen auf dem Common Law basierenden Rechtssystems gegen den Versuch des kamerunischen Regimes, es durch etwas zu ersetzen, was auf ein koloniales Gerichtssystem hinausgelaufen wĂ€re. FĂŒhrungspersonen aus allen Bereichen der ambazonischen Zivilgesellschaft wurden in der Ringfahndung zusammengetrieben, die auf diesen gewaltfreien Aufstand folgte – Lehrer*innen und FĂŒhrungspersonen der Lehrergewerkschaft, AnwĂ€lt*innen, Leitungspersonen der Gewerkschaft der Justizbediensteten, Journalist*innen und FĂŒhrer*innen der Pressegewerkschaft, Studentenver-‹bandsfĂŒhrer*innen, Ärzt*innen und Mitglieder der Vereinigung traditioneller Herrscher. Einige wurden oder werden gerade vor MilitĂ€rgerichte gestellt, was eine Verletzung internationalen Rechts darstellt. Einige wurden wegen „Terrorismus“ und anderer ungerechtfertigter VorwĂŒrfe verurteilt. APoCsnet schĂ€tzt, dass gegenwĂ€rtig ĂŒber 3000 politische Gefangene in den Kerkern und geheimen Internierungslagern Kameruns gefangen gehalten werden.

Die Bedingungen, unter denen diese Genoss*innen gefangen gehalten werden, sind entsetzlich.

Zum Beispiel befinden sich in einer Einrichtung in YaoundĂ©, die 1958 fĂŒr 800 Insassen gebaut wurde, gegenwĂ€rtig mehr als 5000. Unser UnterstĂŒtzungsnetzwerk beschafft Geldmittel, um fĂŒr die grundlegenden BedĂŒrfnisse der Gefangenen zu sorgen, wie Matratzen, Bettrahmen, medizinische Versorgung und Nahrung. Unsere Gefangenen sind gut organisiert und kommunizieren untereinander, um den Bedarf zu ermitteln. Sie koordinieren einen Rechtshilfefonds, der die rechtliche Vertretung Dutzender Genoss*innen ermöglichte sowie einige Freilassungen sowohl ambazonischer als auch frankophon-kamerunischer Aktivist*innen. Ohne diese Geldmittel ist den Gefangenen keine rechtliche Vertretung garantiert.

Einige unserer prominenteren politischen Gefangenen – einschließlich des LehrergewerkschaftsfĂŒhrers Penn Terrence Khan und des Journalisten Mancho Bibixy – haben die Aufmerksamkeit des UN-Sonderberichterstatters zu GefĂ€ngnissen erregt. Auch wenn das noch nicht zu ihrer Freilassung fĂŒhrte, haben wir gerade erfahren, dass Penn Terrence Khan wenigstens einen neuen Prozess bekommen wird. Andere FĂ€lle wurden von internationalen Hilfsorganisationen wie dem Committee to Protect Journalists aufgegriffen. Die meisten werden jedoch von der internationalen Öffentlichkeit nicht wahrgenommen, auch nicht die  FĂŒhrung unserer Bewegung, bekannt als die „Nera 10“, deren Geschichte eine ernste Verletzung internationaler Menschenrechtsstandards darstellt.

Am 5. Januar 2018 wurden Julius Ayuk Tabe, der sich fĂŒr einen gewaltfreien ambazonischen Widerstand einsetzt und seine fĂŒhrenden Mitarbeiter vom nigerianischen Geheimdienst illegal aus dem Nera-Hotel in Nigeria entfĂŒhrt. Sie wurden anschließend an Kamerun ĂŒbergeben, zusammen mit 37 anderen Asylsuchenden, in Verletzung des NichtzurĂŒckweisungsprinzips (non-refoulement), einem grundlegenden Prinzip des internationalen Rechts, das es verbietet, Asylsuchende einem Land auszuliefern, in dem wahrscheinlich ist, dass sie verfolgt werden. 47 Asylsuchende werden immer noch gefangen gehalten, und den Nera 10 wurden nach neun Monaten ohne Kontakt zur Außenwelt und einer zermĂŒrbenden internationalen Kampagne nur begrenzt Zugang zu AnwĂ€lt*innen und Familienbesuchen erlaubt.

Dass das UN-FlĂŒchtlingskommissariat, das US-Außenministerium, Amnesty International Nigeria und andere dies verurteilten und verlangten, die Rechte der 47, die gewaltsam aus nigerianischem Gewahrsam den kamerunischen Behörden ĂŒbergeben worden waren, zu respektieren, wurde von Kamerun ignoriert.

Im MĂ€rz 2019 urteilte der Bundesgerichtshof von Nigeria, dass EntfĂŒhrung und gewaltsame RĂŒckverbringung der Nera10 und 37 anderer ambazonischer Aktivist*innen durch die nigerianische Regierung nach Kamerun nigerianisches und internationales Recht verletzte. Das Gericht ordnete an, sie unverzĂŒglich freizulassen und nach Nigeria zurĂŒckzubringen, und dass die nigerianische Bundesregierung den KlĂ€gern 200 Millionen Naira fĂŒr den schweren Schaden zu zahlen habe. Statt aufs Gerichtsurteil zu reagieren, hat das kamerunische Regime sie vor MilitĂ€rtribunale gezerrt. In den Prozessen voller UnregelmĂ€ĂŸigkeiten wurden sie alle zu lebenslĂ€nglicher Haft verurteilt.

Gerade jetzt ist es fĂŒr die internationale Öffentlichkeit besonders wichtig, den Fall der Nera 10 zu verstehen, weil diese inhaftierten AnfĂŒhrer gegenwĂ€rtig hinter Gittern daran arbeiten, einen Raum fĂŒr legitime Friedensverhandlungen abzustecken, die das schreckliche Blutvergießen beenden könnten, das unser Volk in den vergangenen vier Jahren durchleiden musste.

Seit wann gibt es diesen Konflikt zwischen dem kamerunischen Zentralstaat und Menschen im englischsprachigen Teil Kameruns? Wie hat sich der Konflikt entwickelt?

Der Konflikt dauert seit 1961 an, als das kamerunische MilitÀr Ambazonia besetzte, ohne dass ein Unionsvertrag abgeschlossen worden war, wie im Plebiszit festgelegt. Jede weitere Aktion demonstrierte, dass das Regime nicht gewillt war, Ambazonia als gleichwertigen Partner zu behandeln, wie es das Plebiszit vorsah.

– Das Regime underminierte den parlamentarischen Prozess und löste schließlich einseitig das ambazonische Parlament auf.

– Das Regime organisierte die Absetzung des die UnabhĂ€ngigkeit befĂŒrwortenden Premierministers Ambazonias, Augustine Ngom Jua, und ermordete ihn schließlich.

– Es löste die lokalen Polizeieinheiten auf und ersetzte sie durch französisch-kamerunisches MilitĂ€r.

– Es demontierte und schloss schließlich die Behörde fĂŒr öffentliche Arbeiten und ĂŒbernahm die schweren Straßenbaumaschinen, die zuvor kooperativ von den örtlichen RĂ€ten fĂŒr Straßeninstandhaltung genutzt wurden.

– Es schloss das Netzwerk von Landwirtschaftskooperativen und eine Reihe weiterer kooperativ betriebener Ausbildungs- und Finanzeinrichtungen, die sich um Gesundheit, HandlungsfĂ€higkeit und wirtschaftliche Effizienz der landwirtschaftlichen Gemeinschaften kĂŒmmerten.

– Es begann die jahrzehntelange Unterminierung der Kompetenzen des populĂ€ren Eltern-Lehrer-Netzwerks, wogegen sich bei jedem Schritt die Bewegungen der Lehrer*innen und der SchĂŒler*innen wehrten.

– Es unterminierte und schloss fast die gesamte fĂŒr Wirtschaftswachstum und ArbeitsplĂ€tze sorgende industrielle Infrastruktur in Ambazonia, darunter zwei natĂŒrliche TiefwasserhĂ€fen, vier FlughĂ€fen, alle Eisenbahnlinien, die öffentliche Fluggesellschaft Cameroon Air Transport, damals das am schnellsten wachsende Luftfahrtunternehmen in Westafrika sowie das öffentliche ElektrizitĂ€tsunternehmen Powercam, damals eine SĂ€ule des Wirtschaftswachstums und ‹der Energie-Selbstversorgung, die Nationalbank, eine Kreditgenossenschaft und viele andere.

– Es hat seitdem alle neuen Wirtschaftsprojekte in Französisch-Kamerun angesiedelt, darunter die Ölraffinerie Sonara, die Öl aus Ambazonia in die frankophone Zone pumpt, wo alle ökonomischen Transaktionen verwaltet werden.

– Das Regime behindert das Abhalten und die Pflege fast aller einheimischer Feste und lokaler kultureller Traditionen.

Bei jedem Schritt auf diesem Weg haben sich Ambazonier gewehrt. Vor dem von AnwĂ€lt*innen gefĂŒhrten Aufstand von 2016 wurden die meisten Proteste von Student*innen und Lehrer*innen angefĂŒhrt. Das kamerunische MilitĂ€r hat diese friedlichen Proteste immer mit tödlicher Gewalt und Menschenrechtsverletzungen beantwortet, aber das Ausmaß dieses brutalen Vorgehens eskalierte 2016 exponentiell als die friedlichen Proteste zu einem Generalstreik mit Beteiligung aus allen Teilen der Gesellschaft wurden. Im Dezember 2016 Ă€ußerte der Sonderberichterstatter der Afrikanischen Union bezĂŒglich der Menschenrechts-verteidiger*innen in Afrika seine tiefe Besorgnis wegen der unĂŒbersehbaren Menschenrechtsverletzungen in fast allen Bereichen des öffentlichen Lebens.

In Reaktion auf diese Grausamkeiten und zum ersten Mal in der langen Geschichte von vier Jahrzehnten des Dissenses begannen einige in Ambazonia sich zur gewaltsamen Verteidigung ihrer Gemeinschaften zu organisieren. Ebenfalls zu dieser Zeit veröffentlichte eine Koalition von Organisationen eine „UnabhĂ€ngigkeitserklĂ€rung“, worunter sie die Wiederherstellung der UnabhĂ€ngigkeit verstehen, die sie vor der Vereinigung mit Kamerun hatten, und etablierte im Exil eine Interims-Regierung.

Am 29. November 2017 nach bewaffneten Angriffen auf einen MilitĂ€rkonvoi und eine Polizeistation, erklĂ€rte der kamerunische PrĂ€sident Paul Biya denjenigen den „Krieg“, die das Staatsradio „Terroristen, die Abspaltung anstreben“ nannte. Seitdem wurden diese Angriffe als Rechtfertigung fĂŒr eine Politik der verbrannten Erde gegenĂŒber den Gemeinschaften Ambazonias gebraucht, darunter systematische Vergewaltigungen und andere massenhafte Grausamkeiten gegen Frauen, MĂ€nner und Kinder sowie das Niederbrennen von Dörfern, wie es die BBC berichtete.

Gibt es unterschiedliche Positionen unter den ambazonischen politischen KrĂ€ften? Wie soll der Kampf um UnabhĂ€ngigkeit und Menschenrechte gefĂŒhrt werden: mit militĂ€rischer Gewalt oder gewaltfrei?

Bis vor Kurzem war die Bewegung völlig gewaltfrei. Ein Hauptslogan war:

“The Force of Argument, not the Argument of Force.” (Die Kraft des Arguments, nicht das Argument der Gewalt.) Das bezog sich auf das Vertrauen des Volkes darauf, dass der Irrtum erkannt und korrigiert wĂŒrde, wenn das internationale Rechtssystem einen Blick auf die Tatsachen werfen wĂŒrde. Erst nach den Massakern von 2016 und 2017 gingen einige dazu ĂŒber, ihre Gemeinschaften mit Gewalt zu verteidigen.

Auch wenn die Mainstream-Presse das irrefĂŒhrende Narrativ der „Gewalt von beiden Seiten“ verbreitet, bleibt die ambazonische Bewegung hauptsĂ€chlich defensiv und im Wesentlichen gewaltfrei. Deshalb wird man nicht davon hören, dass französisch-kamerunische Zivilpersonen jemals zum Ziel ambazonischer Aktivist*innen wurden. Aber die Menschen organisieren sich, um ihre Dörfer und Gemeinschaften dagegen zu schĂŒtzen, vom kamerunischen MilitĂ€r niedergebrannt zu werden. Nach aktuellen SchĂ€tzungen hat das kamerunische MilitĂ€r mehr als 400 Dörfer niedergebrannt – ein Kriegsverbrechen. Einige der Selbstverteidigungsgruppen sehen das Recht auf Selbstverteidigung als im Einklang mit gewaltfreiem Widerstand stehend.



Quelle: Graswurzel.net