August 2, 2021
Von InfoRiot
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Potsdam – Sechs Frauen und drei MĂ€nner, JĂŒdinnen und Juden, geboren zwischen 1930 und 1941 in der damaligen Sowjetunion: In großformatigen Aufnahmen portrĂ€tiert die Fotografin Varvara Smirnova neun Menschen, die die NS-Verbrechen ĂŒberlebt haben und heute in Brandenburg zuhause sind. Die Ausstellung „Potsdamer Überlebende der Shoah“ wird am Freitag in der evangelischen Nikolaikirche am Landtag eröffnet und ist dort bis zum 30. August zu sehen.

Die Frauen und MĂ€nner, die ĂŒberwiegend aus der heutigen Ukraine stammen, blicken meist ernst in die Kamera. Smirnova zeigt sie in WohnrĂ€umen, auf dem Sofa, vor GemĂ€lden und gerahmten Fotos. Aus ihren Erinnerungen erzĂ€hlen die neun Potsdamerinnen und Potsdamer knapp auf Deutsch und Russisch auch in einer kleinen BroschĂŒre. „Wir waren so jung“, fasst der Titel die Zeit von Verfolgung, Flucht und Überleben zusammen.

Der Leichnam der Mutter durfte nicht nach Hause gebracht werden

„Zwei ukrainische Polizisten und ein Deutscher nahmen meine Eltern mit“, erzĂ€hlt dort Galina Karbievska, geboren 1940: „Sie fuhren nach Narodytschi, und auf dem Weg – etwa einen Kilometer hinter unserem Dorf – wurden meine Eltern von ukrainischen Polizisten erschossen. Es war der 22. September 1943.“ Der Leichnam des Vaters sei dann ins Elternhaus gebracht worden. „Bis heute habe ich dieses Bild vor meinen Augen: Wie er da liegt in seinem schönen blauen Anzug und das Blut tropft herunter“, erzĂ€hlt Karbievska: „Der Leichnam meiner Mutter durfte nicht nach Hause gebracht werden, weil sie JĂŒdin war.“

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Michail Tkach, Jahrgang 1938, erzĂ€hlt von der Flucht. Er erinnere sich an Verwandte, die zuerst mitgingen, aber dann beschlossen, umzukehren, weil der Großvater sich an den Ersten Weltkrieg und daran erinnerte, dass es damals keinen Kampf gegen die Juden gegeben habe, beschreibt er die Situation, die zum VerhĂ€ngnis wurde: „Nach dem Krieg erfuhren wir, dass alle zurĂŒckgekehrten Verwandten von den Deutschen erschossen worden waren und nur der Großvater am Leben blieb, da er Tischler war und beim Bau der Kirche helfen musste. Aber 1943 wurden auch alle Bauarbeiter erschossen.“

In Potsdam eine neue Heimat gefunden

Jahrzehnte spĂ€ter entschlossen sich die neun Frauen und MĂ€nner dennoch, nach Deutschland auszuwandern. Heute leben sie alle in Potsdam. Die Ausstellung erinnere daran, „dass unter uns Menschen leben, die Opfer der Schoah sind“, betonte Kulturministerin Manja SchĂŒle (SPD): „Freunde, Bekannte, Nachbarinnen, deren Schicksale wir nie vergessen wollen.“ 

Seit 30 Jahren hĂ€tten Juden und JĂŒdinnen aus der frĂŒheren Sowjetunion in Potsdam eine neue Heimat gefunden, die ihnen und ihren Kindern Zukunft verheiße, betonte SchĂŒle: „Wir erfahren dieses Vertrauen als Anerkennung unserer Entschlossenheit, niemals wieder in unserem Land solche grauenvollen Verbrechen zuzulassen und aufkommendem Antisemitismus die Stirn zu bieten.“

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Projekt hat persönliche Bedeutung fĂŒr Fotografin

Das Fotoprojekt, das vom brandenburgischen Kulturministerium mit einem Mikrostipendium zur UnterstĂŒtzung von Kulturschaffenden in der Coronakrise unterstĂŒtzt wurde, habe fĂŒr sie auch eine persönliche Bedeutung, schreibt Varvara Smirnova in der BegleitbroschĂŒre zur Ausstellung. Denn ihre Oma vĂ€terlicherseits sei JĂŒdin gewesen. „FrĂŒher konnte ich nicht verstehen, warum die Juden immer wieder verfolgt werden und was das bedeutet – JĂŒdin zu sein“, schreibt sie: „Ich hatte nur die ErzĂ€hlungen meiner Oma, die immer Angst hatte, offen darĂŒber zu sprechen.“

Bis zum Ende ihres Lebens habe die Großmutter AlbtrĂ€ume gehabt, betont die Fotografin, die aus St. Peterburg stammt und in Potsdam lebt: „Es ist wichtig, die Geschichten und Gesichter der Zeitzeugen zu zeigen, weil wir nur so verstehen können wie der Krieg uns alle beeinflusste und was wir daraus lernen können.“ Das Projekt wurde auch von der Evangelischen Kirche Berlin-Brandenburg-schlesische Oberlausitz unterstĂŒtzt. (epd)




Quelle: Inforiot.de