Juni 20, 2021
Von SchwarzerPfeil
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„Produktions- und Lebensmittel, als Eigentum des unmittelbaren Produzenten, sind kein Kapital. Sie werden Kapital nur unter Bedingung, worin sie zugleich als Exploitations- und Beherrschungsmittel des Arbeiters dienen.“[1]

„Seit je hat AufklĂ€rung im umfassendsten Sinn fortschreitenden Denkens das Ziel verfolgt, von den Menschen die Furcht zu nehmen und sie als Herren einzusetzen. Aber die vollends aufgeklĂ€rte Erde strahlt im Zeichen triumphalen Unheils.“[2]

Dass das Kapital die Form der herrschenden Gegenwart bestimmt, ist in radikalen Kreisen nicht umstritten. Was das Kapital jedoch ist und viel wichtiger, wie dieses abgeschafft werden kann, ist weithin umstritten. Ein Beitrag zur Debatte um Revolution, welcher die These vertritt, dass die Überwindung des Kapitalismus nur mit einer Abschaffung der Industrie zu machen ist.

Von: Henri

Die Produktion kapitalistischen „Reichtums“ erscheint ökologisch als Kollaps (Klimawandel, WĂŒstenbildung und Artensterben), sowie psychisch als Depression (und alle ihr nahestehenden Weisen des ohnmĂ€chtigen und auch des autoritĂ€ren Charakters). Es scheinen mir insbesondere diese beiden Momente des Verfalls des Lebens, welchen eine besondere Aufmerksamkeit gebĂŒhrt. Nicht weil ich nicht wĂŒsste, dass es auch andere mögliche Formen des VerstĂ€ndnisses des Begriffs der KRISEgibt. Vielmehr, da ich denke, dass sich an diesen spezifischen Momenten der Krise deren existenzielle Dimension beurteilen lĂ€sst. „Krise ist ein aus dem Griechischen stammendes Substantiv (Alt- und gelehrtes Griechisch ÎșÏÎŻÏƒÎčς krĂ­sis – ursprĂŒnglich ‚Meinung‘, ‚Beurteilung‘, ‚Entscheidung‘ – spĂ€ter im Sinne von ‚Zuspitzung‘ verwendet), das zum altgriechischen Verb krĂ­nein fĂŒhrt, welches „trennen“ und „(unter-)scheiden“ bedeutet. Auf das gleiche Verb geht auch das Substantiv „Kritik“ zurĂŒck.“[3]  Um Krise und Kritik der kapitalistischen Produktionsweise soll es also im Folgenden gehen, um ein Beurteilung vornehmen zu können, ĂŒber den gegenwĂ€rtigen Zustand und um Entscheidungen treffen zu können, wie dieser Zustand abgeschafft werden kann. Denn dass der Kapitalismus verschwinden muss, damit wir leben können, kann kaum mehr als Geheimnis betrachtet werden. Viel rĂ€tselhafter ist jedoch die Frage wie dieser unhaltbare Zustand wirklich aufgehoben werden kann, welche Strukturen, VerhĂ€ltnisse und Prinzipien der herrschenden Ordnung des Kapitals ĂŒberwunden werden mĂŒssen.

Bezogen auf existenzielle Krisen, zu welchen sich die ökologische und psychische Krise zĂ€hlen lassen, helfen theoretische Antworten nicht aus, es bedarf der existenziellen Praxis, um sie ĂŒberwinden zu können. Kein Argument kann gegen existenzielle Notwendigkeit ankommen. Keine Theorie kann das Artenstreben stoppen. Keine Theorie kann der Pandemie der Depressionen ein Ende bereiten. Eine Praxis der VerĂ€nderung der materiellen LebenszusammenhĂ€nge in ihrer historischen Gegenwart ist immer auf diese existenzielle Ebene des Seins bezogen, auf den natĂŒrlichen, unhintergehbaren Grund allen Bewusst-Seins, die Dimension von Leben und Tod.  Die materialistische Form der anarchistischen und kommunistischen Kritik ist gleichzeitig Grund ihrer revolutionĂ€ren Kraft sowie ErklĂ€rung ihrer schier unendlich langsamen, mĂŒhseligen und vernichteten Fortschritte. Denn was materiell in Bewegung ist, erscheint der ungeduldig bedrĂ€ngten Kreatur hĂ€ufig als unendlich fester und ewig gleicher Felsblock. Doch wie auch der Fels nur ein Sein-In-Bewegung ist, ein stĂ€ndig auf und wieder eintauchendes, sich vermischendes und neuformierendes magmatisches OberflĂ€chenmaterial der Erde, so ist die materielle Struktur gesellschaftlicher Herrschaft und Krise ein stĂ€ndiges In-Bewegung-Sein, ein Produkt zu jeder Zeit und in jedem Raum andauernder Bewegung gesellschaftlicher VerhĂ€ltnisse. Wenn also die materiell-gesellschaftlichen ZustĂ€nde als versteinert ERSCHEINEN, verweist die revolutionĂ€re Praxis auf das dynamische WESEN der inneren geistig-gesellschaftlichen VerhĂ€ltnisse. So sehr der gesellschaftliche Fels auch unverrĂŒckbar fest an Ort und Stelle sitzt, verweist der trotz aller vernichtenden Niederlagen nicht endende Kampf um Befreiung, um Leben und Schönheit auf das Wesen, die Freiheit und Lebendigkeit des Bewusst-Seins. Das Erscheinende ist das uns bewusst zugĂ€ngliche Sein, die ganze, auch unbewusste Wahrheit des Seins-In-Bewegung ist jedoch immer das Wesen, das Bewusst-Sein-In-Bewegung. Der Felsblock ist nicht wesentlich Felsblock, er ist es nur unter Betrachtung aus einer rein historisch-gegenwĂ€rtigen Perspektive. Historisch-möglich ist die Verwandlung seiner gesamten Gestalt, wir können ihn in einen Vulkan werfen oder in einem Hochofen zu Brei schmelzen.

Womit ich beim eigentlichen Thema angelangt bin, dem Hochofen. Denn wenn eine Konstante die Geschichte der letzten 250 Jahre fundamental geprĂ€gt hat, dann dieser. Stahl ist bis heute der Stoff, aus welchem das technologische System der Industriegesellschaft geschmiedet, gegossen, gebogen, gedreht und gefrĂ€st wird. Praktisch nichts – es gibt noch andere solcher industriellen Grundstoffe, z.B. Kunststoffe aus Mineralöl und Zement – ist so essenziell fĂŒr den Bau von GebĂ€uden, Infrastrukturen, Maschinen, Fahrzeugen, Computern, usw. welche die herrschende Produktionsweise erzeugt und immer weiter erzeugen muss. Der Hochofen ist nicht nur ein Symbol der Industrie, er bis heute ihr HerzstĂŒck. Ohne den Prozess des Hochofens wĂ€re kaum ein anderer industrieller Prozess auf lange Zeit möglich. Er ist physikalisch ein grundlegender Teil der industriellen KomplexitĂ€t des kapitalistischen Produktionsprozesses, des in hohem Grade wechselseitig bedingten technischen, energetischen, stofflichen, maschinellen, logistischen, kybernetischen, algorithmischen, industriellen Gesamtwerks.

Die Kommandostellen des Kapitals, die diesen gewaltigen materiellen Apparat leiten, kommandieren global neben dieser Maschinerie ca. 700 Millionen Industriearbeiter*innen, die diesen enorm differenzierten Arbeitsprozess leisten. „Im Jahr 2010 lebten [
] 541 Millionen der Industriearbeiter der Welt in “weniger entwickelten Regionen”, [
] verglichen mit den 145 Millionen Industriearbeitern [
] in den imperialistischen LĂ€ndern [
]. FĂŒr Arbeiter in der verarbeitenden Industrie ist diese Verschiebung noch dramatischer. Heute leben und arbeiten 83 % der weltweiten Industriearbeiterschaft in den LĂ€ndern des globalen SĂŒdens.“[4] Der Umstand der Verschiebung der industriellen Produktionsstandorte in den globalen SĂŒden erscheint in den Zentren des Kapitals, von wo aus ich diesen Text schreibe, als „Deindustrialisierung“. In Wirklich hat der Prozess der Kapitalisierung und Industrialisierung des Planeten erst wieder an Fahrt aufgenommen, als durch die Neoliberalisierung des Staates und die Globalisierung des Kapitals der Klassenantagonismus, der auf die 68er Jahr folgte, von Seiten des Kapitals gewonnen wurde. Eine neue Form der Struktur der Industrie und Arbeitsorganisation war das Mittel der Sachherrschaft, um den Klassenantagonismus still zu stellen. „Der gesellschaftliche Arbeiter sei die Frucht der vom Kapital in Gang gesetzten gewaltigen Umstrukturierung, um den von den KĂ€mpfen des Massenarbeiters von 1969 bis 1972 unterbrochenen Akkumulationsprozeß wiederaufzunehmen. Diese Restrukturierung wird verstanden sowohl als eine andere Strategie der Akkumulation selbst als auch als eine umfassende Neudefinition der Rolle des Staates als Garant der kapitalistischen Selbstverwertung. Die konkreten Instrumente der Umstrukturierung seien, extrem zusammengefaßt, die Dezentralisierung der Produktion, der Inflationsmechanismus, die Umstellung der Politik der öffentlichen Ausgaben und das Parteiensystem.“[5] Fortschreitende Industrialisierung, und dies war eben auch eine Konsequenz des Sieges des Kapitals, ist folglich keine natĂŒrliche und daher notwendige, oder gar eine nĂŒtzliche Sache, so wĂŒrde idealistisch-utopische Argumentation verlaufen, sondern eine Ergebnisse aus dem erfolgreichen Klassenkampf des Kapitals und gleichzeitig ein Mittel zur weiteren VerschĂ€rfung der Ausbeutung von Mensch und Natur.

Das Kapital ist nicht bloß eine bestimmte Form von Reichtum und Macht, es ist die bestimmende Form der ganzen heutigen Zivilisation und es ist weder primĂ€r finanziell noch digital oder gar ideologisch, sondern materiell, industriell. Das Kapital ist das, was uns umgibt, die gebaute Welt der industriellen Gesellschaft, oder der gesellschaftlichen Industrie. Eine Kritik der kapitalistischen Herrschaft kommt nicht umhin das materielle Fundament der Produktionsweise in das Moment der Kritik einzuschließen. Viele marxistische und auch einige anarchistisch Strömungen „revolutionĂ€rer“ Kritik machen jedoch einen großen Bogen um den Komplex der ProduktivkrĂ€fte, der Produktionsmittel, denn man hofft die zauberhaften KrĂ€fte der Maschinerie fĂŒr sich beanspruchen zu können, das Spinnrad der industriellen Weltverwandlung nach der eigenen Nase tanzen zu lassen. So verlegt man sich auf die Kritik der ProduktionsverhĂ€ltnisse und verdrĂ€ngt, aufbauend auf diesem Irrglauben, dass die Produktionsweise die EINHEIT von ProduktionsverhĂ€ltnissen und ProduktivkrĂ€ften ist. Nicht die VerhĂ€ltnisse und nicht die KrĂ€fte allein lassen sich als Zustand festhalten, sondern nur die Produktionsweise als unteilbar Ganzes, als TotalitĂ€t von VerhĂ€ltnis und Kraft. Mit der VerĂ€nderung der VerhĂ€ltnisse muss folglich eine VerĂ€nderung der KrĂ€fte einhergehen. Diese wenig beachteten Kritik der kapitalistischen ProduktivkrĂ€fte und deren Konsequenzen fĂŒr den Communismus soll nun weiter ausgefĂŒhrt werden.

Allgemeine Entwicklung des Kapitals

Um die kapitalistischen VerhĂ€ltnisse im Inneren seiner Gesellschaft aufrecht erhalten zu können, muss das Kapital in immer tiefere Bereiche des Äußeren vordringen. Die StabilitĂ€t der inneren VerhĂ€ltnisse, die organsierte und konzentrierte Macht der politischen und ökonomischen Klasse, ihre Staaten, Institutionen und Unternehmen, ist vollkommen darauf angewiesen, dass einem Großteil, zumindest dem dominierenden Teil (die herrschende Klasse ist selbst alles andere als zu jeder Zeit eine geeinte Fraktion) die allgemeinen Bedingungen der kapitalistischen Mehrwertproduktion gesichert sind. Wenn die Mehrwertproduktion stockt, muss der kolonialistische und imperialistische Anteil des Profites die Profitrate garantieren. Wenn selbst diese Profite nicht ausreichen um das komplexe und abstrakte VertragsverhĂ€ltnis, das Eigentum, zumindest formal aufrecht zu erhalten, werden, wie wir seit 2008 feststellen können, immer grĂ¶ĂŸere Summen an fiktivem Kapital in die SphĂ€re des Finanzkapitals gesteckt, um den Zusammenbruch des VertragsverhĂ€ltnisses selbst zu verhindern. Die inneren VerhĂ€ltnisse des Kapitals sind historisch immer schon brĂŒchig gewesen. Die Konkurrenz der Einzelkapitale und Machtblöcke untereinander und der Klassenkampf sorgen fĂŒr eine stetige Dynamik der VerhĂ€ltnisse. Kapitale verschwinden und neue erscheinen, Branchen dominieren eine Zeit und werden durch neue Leitindustrien ersetzt, Regierungen werden abgesetzt oder Staatsformen Ă€ndern sich, die Klassenzusammensetzung variiert. Die inneren VerhĂ€ltnisse der Herrschaft sind so flexibel wie vermutlich nie in der mehrere Tausend Jahr andauernden Geschichte der Herrschaft. Die VerhĂ€ltnisse sind abstrakt geworden und gerade deshalb flexibel.

Die beiden wesentlichen Ă€ußeren KrĂ€fte das KapitalverhĂ€ltnisses sind die Erde und der Mensch. Da das Kapital zunĂ€chst selbst keine Wirklichkeit besitzt, ein rein gesellschaftliches VerhĂ€ltnis ist, muss es Teile der lebendigen Wirklichkeit unter seine Kontrolle bringen, sie beherrschen und verwalten. Vom Geld allein kommt kein Kapital. Schon zu Zeiten von Marx gab es fĂŒr diesen Prozess verschiedene Namen. Denn der Aneignungsprozess des Kapitals ist ein historisch-prozesshafter und verwandelt sich selbst mit dem Fortschritt des Kapitals: UrsprĂŒngliche Akkumulation des Landes und der Ressourcen, der landlosen Klasse, formelle und reelle Subsumption der Arbeit, Vergesellschaftung der Gemeinschaft, Kleinfamilie. Heute könnte man sicherlich noch hinzufĂŒgen: Gentrifizierung der StĂ€dte, psychologisch-ideologische AutoritĂ€t (Subsumption der Triebstruktur), Formalisierung, Identifizierung und Rationalisierung der subjektiven IdentitĂ€t. Der evolutionĂ€re Pfad[6] der industriellen Sozialisation, die Zivilisation des Kapitals, ist bis zum heutigen Zustand in eine immer komplexer ausdifferenzierte TotalitĂ€t der physikalischen, biologischen, sozialen, psychologischen und ideologischen (also geistigen) Herrschaft und Verwaltung gewachsen. Der Mensch und die Erde haben zu immer weiteren Teilen selbst die Form des Kapitals angenommen, sie sind zur Industrie geworden.

Der Hochofen und das dadurch ihn ermöglichte industrielle Wachstum der vielfĂ€ltigen miteinander geflochtenen Zweige des Maschinenparks, ist Teil dieser materialisierten kapitalistischen Sachherrschaft. Die flexiblen ökonomischen und politischen VerhĂ€ltnisse der Epoche des Kapitals, finden ihr festes Fundament in der sachlichen Struktur von Industrie, Infrastruktur und Metropole. Die moderne Wissenschaft als praktische Theorie und der technologische Forschungsbetrieb als theoretische Praxis, liefern die technologischen Grundlagen des Aufbaus der materiellen Struktur der herrschenden Dinge und damit des Aufbaus der vollendeten Form der kapitalistischen Herrschaft als eines völlig scheinhaften Zustandes der Wirklichkeit.[7] In dieser planetaren Blase der kapitalistischen Raum-Zeit ist die widersprĂŒchliche Dialektik von innerer Notwendigkeit des Kapitals und Ă€ußerer Notwendigkeit des lebendig-selbstorgansierten Seins der Natur die bestimmende objektive Form des Realen selbst. Die Wirklichkeit, in der wir uns erleben, in welcher wir existenziell lebendig sind, ist von diesem Widerspruch ganz und gar besessen.

Alle Herrschaft innerhalb dieser neuen, modernen, industriellen Gesellschaft ist der Form nach von jeder vor-kapitalistischen Herrschaft unterschieden. Auch wenn sich die kapitalistische Sach- und Menschenverwaltung an Herrschaftsweisen aus allen möglichen, dem Kapital vorangegangenen Epochen der Herrschaft bedient, ist die historisch-spezifische Form, die praktische und existenzielle Komposition der Herrschaftsweisen, eine historisch neue, industriell-kapitalistische. Das Patriarchat dient dem Kapital zur Auslagerung der Kosten der Reproduktionsarbeit und als Garant kostenloser Produktion von neuen ArbeitskrĂ€ften. Der Grundbesitz dient dem Kapital als risikoarme Anlage und wird auf einem dichter werdenden Planeten selbst immer mehr zum Schauplatz einer gigantischen Massenenteignung durch Mieten und von spektakulĂ€rer Finanzspekulation. Repression und Staat sorgen fĂŒr eine hörige Arbeiter*innenschaft. Usw. die alten Herrschaftsweisen leben fort, doch unter neuem Kommando, in einer neuen systematischen Struktur.

Die wesentliche Form der kapitalistischen Herrschaft ist die Industrie, in jenem umfassend materiellen Sinne, wie diese hier begriffen wird. Sie ist die Taktgeberin der gegenwĂ€rtigen Epoche, nach ihrem Kommando richten sich die vielfĂ€ltigen neuen und alten Herrschaftsweisen. Denn nur auf Grundlage der materiellen Durchsetzung der Industrialisierung konnte sich die Produktion von abstraktem Mehrwert in ein globales System der mechanischen und „automatischen“ Erd- und Mensch-Vernutzung durchsetzen. Nur die scheinbar endlose Entwicklung der „ProduktivkrĂ€fte“, konnte die kapitalistische Produktionsweise ermöglichen. Form und Dynamik des Kapital sind folglich nicht einfach eine der abstrakten AnhĂ€ufung von Reichtum und Macht, sondern ein konkreter Aufbaubauprozess der kapitalistischen ProduktivkrĂ€fte (Herrschafts- und Verwertungsmittel) in Gestalt der Industrialisierung. Der praktische Garant das abstrakten Reichtums und der ebenso abstrakten Herrschaft der ökonomischen Klasse ist nicht primĂ€r die AutoritĂ€t des Staates oder die immer noch wirkende AutoritĂ€t des Patriarchats, sondern die reale Existenz der gesellschaftlichen Produktionsmittel als Industrie. Diese wirkliche Herrschaft der Sachen ĂŒber Erde und Mensch ist der wesentliche Grund fĂŒr den alles zerschmetternden Erfolg der ökonomischen Klasse seit Beginn der Industrialisierung.

Quantitative Entwicklung der Industrie

Das materielle Wachstum der industriellen Prozesse ist immens und soll anhand von Graphiken, Bildern und Zahlen veranschaulicht werden, um die industriellen Dimensionen, gegen welche sich der antikapitalistische Kampf richten muss, anschaulich verstehen zu können.

Die jĂ€hrliche weltweite Produktion von 1,8 Milliarden Tonnen[8] Stahl (Graphik 1) zeigt vor allem den materiellen Bedarf an Bau- und Wertstoffen. Stahl wird großteils zur Herstellung von GebĂ€uden, Infrastruktur, Maschinen, Schiffen, Flugzeugen und Fahrzeugen verwendet. 2017 wurden weltweit 97 Millionen neue PKW, LKW und Busse produziert[9]. Unter diesem Live-Counter lĂ€sst sich das ganz gut nachvollziehen, was industrielle Massenproduktion von Produktionsmittel (was Fahrzeuge sind) bedeutet. Mit einer Weltproduktion von 4,1 Milliarden Tonnen im Jahr 2017 ist Zement (Graphik 2) der meistverwendete Werkstoff ĂŒberhaupt.[10] Er wird hautsĂ€chlich fĂŒr den Bau von GebĂ€uden, Infrastruktur und Verkehrswegen verwendet und erzeugt aufgrund physikalischer Prozesse in der Herstellung große Mengen an CO2. Die JĂ€hrlichen 7 Milliarden Tonnen Steinkohle (2018), 1,1 Milliarden Tonnen Braunkohle (2018) und 4,4 Milliarden Tonnen Erdöl (2016), dienen ĂŒberwiegend zur Herstellung von elektrischer Energie, Prozess- und HeizwĂ€rme, sowie als Treibstoff fĂŒr den industriellen Fuhrpark von 1,2 Milliarden Fahrzeugen (2019)[11]. Sichtbar wird dieser immense Verbrauch an fossil gebundenem Kohlenstoff (Graphik 3) an dessen steigenden Konzentration in der AtmosphĂ€re, die Ursache des gegenwĂ€rtigen Klimawandels.

Abbildung 1: JĂ€hrliche weltweite Stahlproduktion in Millionen Tonnen (World Steel Association)
Abbildung 2: Zementproduktion pro Jahr weltweit (Wikipedia)
Abbildung 3:Globale Kohlenstoffemissionen aus fossilen Quellen zwischen 1800 und 2013 (Wikipedia)

Stahl, Zement und fossiler Kohlenstoff sind das – vereinfacht ausgedrĂŒckt – materielle GerĂŒst der industriellen Produktionsweise. Ohne sie wĂ€re der gegenwĂ€rtige Zustand der industriellen Herrschaft unmöglich. Die Industrialisierung ist, so habe ich es eben aufgefĂŒhrt, der Prozess der materiellen Unterwerfung und Umwandlung von Mensch und Natur zu Kapital. Die Ă€ußere Wirklichkeit der menschlichen Gesellschaft, im Grunde die ÖkosphĂ€re des irdischen Planeten, wird durch den industriellen Prozess zur TechnosphĂ€re verwandelt, welche heute bereits eine grĂ¶ĂŸere technologische Vielfalt aufweist als die biologische Artenvielfalt.[12] MĂ€andernde und mit weitlĂ€ufigen Überflutungsgebieten versehene FlĂŒsse wurden begradigt, einbetoniert und aufgestaut, um Schifffahrtswege und Wasserkraftwerke zu bauen. WĂ€lder und Sumpflandschaften gerodet und trockengelegt, um Monokulturen (AgrarwĂŒsten) zu betreiben. Berge wurden abgetragen, um Rohstoffe zu gewinnen. Gebirge wurden durchlöchert, um Verkehrswege zu verlegen. FlĂŒsse, Seen und Meerengen durch massive BrĂŒcken- und Tunnelbauwerke ĂŒber- oder unterfĂŒhrt. Die Kontinente wurden durch ein System aus (Flug-)HĂ€fen und (Flug- /) Schifffahrtslinien miteinander verbunden. Große Territorien der Erde mit Netzen aus Öl-, Gas-, Strom, Kommunikations- und Straßennetzten erschlossen. Eine Flotte von Satelliten ĂŒberwacht, verbindet und positioniert den Globus in Echtzeit. Und in den stark konzentrierten Kernbereichen der menschlichen Siedlungen, den globalen Metropolen, pulsiert das mechanische Herz aus Kraftwerken, Fabriken, Rechenzentren sowie Wohn- und NutzgebĂ€uden. Die Arbeit hat dieser monströsen weltumspannenden Architektur der Maschine zu dienen. Dass uns heute Smartphones mehr durch den Alltag leiten als uns nĂŒtzlich zu begleiten ist nur einer der offensichtlichen AusdrĂŒcke der industriell-kapitalistischen Verwaltung und Verwertung. Diese materielle Struktur der Industrie ist die Grundlage der kapitalistischen Zivilisation, ihre notwendig verwaltete und mechanische Form der primĂ€re Garant der kapitalistischen Herrschaft. Denn wo die selbstregulierte und abhĂ€ngig-autonome Struktur der ÖkosphĂ€re durchbrochen wurde, in welche der Mensch essenziell eingebunden ist (bzw. war) bleibt nur die industrielle AbhĂ€ngigkeit von Takt und Ware.

Technologische Entwicklung

Die quantitative Dynamik des Industrialisierung ist jedoch nur eine mögliche Betrachtungsweise. Die QualitĂ€t, welche sich hinter jeder QuantitĂ€t verbirgt, ist ihre eigentliche Ursache. Die gesamte Entwicklung der kapitalistischen Gesellschaft ist fortschreitende, sich entfaltende und qualitative Entwicklung in der Hinsicht, dass sich die technologischen Möglichkeiten durch die Ausdehnung des industriellen Apparats selbst immer weiter vertiefen lassen. Diese qualitative Entwicklung der praktischen Möglichkeiten der Technologie meinen die begeisterten AnhĂ€nger*innen des „Fortschritts“. Der quantitative Aufbau der Industrie ermöglicht eine qualitative Entwicklung der Technologie, usw. Die qualitative und quantitative Einheit der technologisch-industriellen Entwicklung ist verwirklicht in der realen Umgestaltung der menschlichen und natĂŒrlichen Welt zum industrialisierten Techno-Planeten, zur letztlich automatisierten Maschinenwelt.

Die Industrialisierung begann historisch in Schottland und England mit technologisch-wissenschaftlichen Entwicklungen in den Bereichen Energietechnik, Werkstoffe, Fertigungstechnik und Arbeitsteilung. Die Energietechnik wurde revolutioniert durch die Loslösung der Antriebskraft von Wind-, Wasser-, Pferde- und Menschkraft. Mit der von fossiler Kohle betriebenen Dampfmaschine, insbesondere der ersten einsatzfĂ€higen Variante von 1776, wurde die industriell-energetische Dimension betreten. Das Puddelverfahren (1784) zur einfacheren, schnelleren und besseren Herstellung von Stahl war eine weitere Entwicklung, welche billigen und qualitativ hochwertigen Werkstoff in großen Mengen liefern konnte, um die industriell-stoffliche Dimension zu betreten. Die Revolutionierung der Fertigungstechnik kam mit der Erfindung der Werkzeugmaschine als industriell-mechanische Dimension. Die Entwicklung automatisierter Bearbeitung von WerkstĂŒcken durch Maschinen, welche 200 Jahre spĂ€ter im Industrieroboter und 3D-Druck ihren „automatischen“ Abschluss findet, wurde damals begonnen. Das Textilgewerbe war der erste umfassende Bereich des Einsatzes von Werkzeugtechnik, 1786 wurde die erste mit Dampf betriebene Spinnerei errichtet. Die industrielle-arbeitsteilige Dimension wurde betreten, als sich in den 1770er Jahren die industriellen Elemente in Fabriken zusammenzusetzen begannen. Heute ist eher das tayloristische, fordistische oder just-in-time Prinzip bekannt. Allen gemein ist jedoch, dass sie Formen der industriellen Teilung der Arbeit sind. Durch die Einheit von energetischer, stofflicher, mechanischer und arbeitsteiliger Industrialisierung war eine neue Form des Arbeits- und Produktionsprozesses entstanden, welcher den Kern, der sich bis heute entwickelnden kapitalistischen Herrschaft bildet. Wir verweilen noch einen Augenblick in der Zeit der ursprĂŒnglichen Industrialisierung, da sich bereit hier alle wesentlichen qualitativen Dynamiken des industriellen Prozesses ausgebildet haben, welche bis heute nur in immer komplexerer Gestalt und erweitertem Umfang auftreten.

Entfaltung der Industriezweige

Die Entwicklung der industriellen ProduktivkrĂ€fte ist dem KapitalverhĂ€ltnis immanent. Auch wenn die relative Mehrwertproduktion neben dem absoluten Mehrwert und einer ganzen Reihe an patriarchalen, kolonialen und imperialistischen Mehrwerten nur ein Moment des ganzen kapitalistischen Akkumulationsregimes darstellt, so ist sie doch die am reinsten entwickelte Form des Mehrwert. Denn wĂ€hrend alle anderen Formen des Mehrwerts auf der direkten Erhöhung der körperlichen und geistigen Ausbeutung der arbeitenden Menschen beruhen, basiert der relative Mehrwert auf der VerkĂŒrzung der notwendigen Arbeitszeit und damit potenziell einer Verringerung der körperlichen und geistigen Ausbeutung. Potenziell deshalb, da von diesem produktiven Potenzial fĂŒr gewöhnlich nichts bei den wirklich arbeitenden Menschen ankommt. Vielmehr wir die Verringerung der notwendigen Arbeitszeit dazu genutzt im selben Maße die Mehrarbeitszeit zu verlĂ€ngern. Wurde vor EinfĂŒhrung einer Maschine fĂŒnf von acht Stunden im Dienste des Kapitals gearbeitet, so kann sich das Kapital nach der EinfĂŒhrung einer Maschine vielleicht sogar sechs oder sieben Stunden des geleisteten Arbeitstages aneignen. Die Steigerung der Produktivkraft der Arbeit durch Industrialisierung der Produktion ist folglich eine der entscheidenden Wege des Kapitals fĂŒr eine stetig Akkumulation zu sorgen. Auf eine scheinbar humane Art und Weise, da die WerktĂ€tigen nicht mehr Arbeit leisten mĂŒssen. Dass sich freilich diese Extraprofite nach einiger Zeit, nĂ€mlich dann, wenn der aktuelle Stand der Technik zum allgemeinen Durchschnitt der Produktion geworden ist, wieder in nichts auflösen, sorgt fĂŒr einen stĂ€ndigen ökonomischen Zwang zur weiteren Erhöhung der Produktivkraft, zu weiterer Industrialisierung. Das ökonomische Prinzip der relativen Mehrwertproduktion ist mit dem materiellen Prozess der fortschreitenden Industrialisierung identisch.

Eine ganze Armee an Wissenschaftler*innen, Spezialist*innen, Ingenieur*innen und Techniker*innen ist so seit Beginn der Industrialisierung bis heute Tag fĂŒr Tag damit beschĂ€ftig immer leistungsfĂ€higere Maschinen, immer weiter automatisierte Apparate, Fabriken und Produktionsketten zu errichten. Die fortschreitende Entwicklung der Technologie resultiert dabei in einer immer breiteren Palette an industriellen Produktionsmitteln. Von der einfachen Dampfmaschine, welche eine Spinnmaschine abtreibt, bis zur vollautomatisierten, solarbetriebenen Automobilfabrikation. Ich werde im Folgenden ein Liste der wichtigsten technologischen Entwicklungen anfĂŒhren, um zu zeigen, wie in den letzten 250 Jahren die Industriezweige und Technologien nach und nach entstanden sind. Es handelt sich dabei nur um einen sehr groben Überblick da die Geschichte der industriellen Technologie ganze BĂ€nde fĂŒllt: 1778 industrielle Produktion konzentrierter SchwefelsĂ€ure, einer der Grundstoffe der chemischen Industrie. 1804 Erste Dampflokomotive in einem Bergwerk. 1823 Industrielle Produktion von Soda, eine weitere Grundchemikalie. 1825 Erste Eisenbahnlinie. 1825 Erste Herstellung von Aluminium. 1844 Erste industrielle Ölförderung. 1849 Erfindung der Francis-Wasserturbine. 1866 Elektrokabel ĂŒber den Atlantik. 1876 KĂŒhlschrank und Telefon. 1879 Elektrische Lokomotive und GlĂŒhbirne. 1882 Erstes elektrisches Kraftwerk. 1886 Automobil. 1890 U-Bahn. 1896 Entdeckung der RadioaktivitĂ€t. 1903 Erster Flug mit einem „Flugzeug“. 1913 Fließbandfertigung von PKW bei Ford. 1935 erstes Fernsehprogramm. 1938 Erste induzierte Kernspaltung. 1948 Erfindung von Transistoren. 1950 Erster Heimcomputer. 1954 Betrieb des ersten Atomkraftwerks. 1957 Erster Satellit. 1958 Integrierte Schaltkreise. 1963 Digitalkamera. 1968 Grundsteinlegung des Internets. 1970 Mikroprozessor. 1991 Offizieller Start des World-Wide-Web und erstes Mobilfunknetz.

Zyklen der Produktionstechnik

Die technologische Entwicklung fĂŒhrt neben der Entfaltung der Industriezweige zu einem weiteren PhĂ€nomen, den Zyklen der Produktionstechnik. Denn auch innerhalb eines Industriezweigs stagniert der Stand der Technik nicht einfach, sondern wird ebenfalls stetig umgewĂ€lzt. Zum einen durch Neuerungen, welche sich durch Entwicklungen in anderen Technologie- und Industriezweigen ergeben, zum anderen durch Entwicklung der Produktionstechnik innerhalb einer Branche selbst, wobei meist eine reine Unterscheidung dieser beiden Momente nicht möglich ist. Bezogen auf den Prozess der Stahlerzeugung, welcher uns wieder als Exempel dient, lassen sich diese Entwicklungen der Produktionstechnik anhand von Graphik 4 veranschaulichen. GegenĂŒber dem Puddelverfahren konnten Bessemer-, Thomas- und Siemens- Verfahren auf immer besserer und einfachere Weise Stahl erzeugen, ohne dabei auf neue Technologie zurĂŒckzugreifen. Der Elektrostahl, das Linz-Donawitz-Verfahren und die Direktreduktion basieren hingegen auf Technologien und Wissenschaften aus anderen Industriezweigen und konnten daher erst spĂ€ter entwickelt werde. Elektrostahl bedurfte der Elektrotechnik, Linz-Donawitz industrielle KĂŒhltechnik zur Herstellung von reinem Sauerstoff und die Entwicklung der Direktreduktion findet heute anhand von chemischen Erkenntnissen erst ihren Beginn, sie soll den CO2-Ausstoß des Hochofenprozesses verringern. Was wir sehen, ist ein Auf und Ab der Durchdringungsraten der verschiedenen Produktionstechniken, je nach ökonomischer RentabilitĂ€t wechselt das eine Verfahren das anderen ab, die Industrie ist selbst ein dynamischer Prozess, welcher mit ungeheurem Aufwand immer die ökonomischen VerhĂ€ltnisse in SachzwĂ€nge umwandeln muss.

Abbildung 4: Entwicklung der Marktanteile der verschiedenen Stahlerzeugungsverfahren (Wikipedia)

Metropole

„Die grundsĂ€tzlich unendlichen Möglichkeiten des Raums wurden auf wohldefinierte Funktionen reduziert.“[13]

Industrialisierung ist nicht bloß ein Prozess des materiellen Aufbaus von Industrie, wie sie im klassischen Sinne verstanden wird. Vielmehr bedeutet Industrialisierung, wie sie hier begriffen wird, einen umfassenden Prozess der UmwĂ€lzung aller materiellen, sozialen und psychischen VerhĂ€ltnisse. Denn die Anforderungen der Industrie lassen sich unmöglich auf ihren unmittelbar inneren Wirkungskreis, bspw. die Maschinerie innerhalb einer Fabrik, beschrĂ€nken, sondern mĂŒssen auf alle möglichen Ă€ußeren natĂŒrlichen und gesellschaftlichen VerhĂ€ltnisse ĂŒbergreifen. Je tiefer und umfassender die industrielle Technologie den Arbeits- und Produktionsprozess (im fortgeschrittenen Stadium des gesamten Lebensprozess) gestaltet, diesen unter ihre mechanischen Prinzipien subsumiert, desto weitgreifender muss die gesamte Struktur und sĂ€mtliche Beziehungsweisen der Gesellschaft wie der Natur selbst den industriellen Prinzipien angepasst werden. Industrialisierung ist so nie bloß ein Prozess der Steigerung der Produktivkraft der Arbeit, welche auch im Dienste eines freien Gemeinwesens verwendet werden könnte, sondern der Prozess der Unterwerfung der gesamten menschlichen und natĂŒrlichen Welt unter Form, Struktur, Prinzip, Takt, und SubjektivitĂ€t der verwalteten Ausbeutung. Je weiter sich das industrielle Produktions-, Distributions-, Kommunikations-, usw. Netz sich ĂŒber den Planeten ausweitetet, desto weniger nicht-industrielle Möglichkeiten und Nutzungsfunktionen des Raumes, der Zeit, der Energie, der Stoffe, der Lust und Beziehungen bleiben der freien Entfaltung.

Die Metropole, ist die zeitgemĂ€ĂŸe Gestalt dieser vollstĂ€ndig nach industriellen Prinzipen geschaffenen Welt. Hier fĂŒgt sich alles ein in den erbarmungslosen Takt der Maschinerie, nichts mehr erinnert an die essenzielle Struktur des Lebens, das natĂŒrliche Sein der Lebendigkeit, an welcher statt sie errichtet wurde. Selbst und insbesondre dort wo die „Deindustrialisierung“ die klassische Industrie bereits großteils verschwinden und die „Dienstleistungsgesellschaft“ ihren Platz einnehmen lassen hat, bildet die industrielle Struktur die Basis der kapitalistischen Verwaltung der Menschen.  Denn die sogenannten „Dienstleistungen“ sind – kaum mehr als solche erkennbare – industrielle Arbeitsbereiche derselben industriellen Gesellschaft. Zum einen wurde in den kapitalistischen Zentren ein Teil der patriarchal geteilten Arbeit zur Care-Arbeit, insbesondere im Gesundheits- und Sozialwesen. Zum anderen wurde ein immer grĂ¶ĂŸerer Teil der industriellen Forschung, Entwicklung und Verwaltung, aber auch Dienstleistungen aus dem klassischen Bereich der industriellen Produktion ausgegliedert und fungieren nunmehr als Unternehmensdienstleistungen. Ein einfaches Beispiel wĂ€ren hier die Tech- und Informatikbranche. Ein drittes großes Abteil der Dienstleistungen sind Gastronomie, Beherbergung, Kunst, Kultur und Unterhaltung. In diesen Bereichen gesellschaftlicher Arbeit ist das kapitalistische Prinzip weniger technologisch-industrielle, mehr organisatorisch-industriell. Insbesondere die ersten beiden Bereiche sind jedoch stark von klassisch industriellen Prinzipien geprĂ€gt. Das Gesundheitswesen ist nicht nur stark Technologisiert (Diagnose- und Behandlungsmaschinen, chemische Pharmazeutika) und daher von einem stetigen Strom an industriellen Waren abhĂ€ngig, sondern wurde insbesondere im Zuge der Neoliberalisierung immer stĂ€rker einer Arbeits- und Prozessrationalisierung unterworfen, wie sie in Fabriken entwickelt wurde. Die Tech-, Informations- und Unternehmensdienstleistungen sind meist selbst direkt in industrielle Prozesse integriert oder an diese angegliedert oder verwalten die globale Daten- und Kommunikationsinfrastruktur. Die Logik der Kostenrationalisierung das Kapitals setzt darĂŒber hinaus in allen Bereichen gesellschaftlicher Arbeit eine tendenzielle Übernahme der industriellen Verwaltungs-, Organisations- und Arbeitsteilungsprinzipien durch. Die ganze landschaftliche, bauliche, technologische, organisatorische und soziale Struktur der gegenwĂ€rtigen Gesellschaft als kapitalistischer Metropole ist ein durch und durch industrieller „Organismus“, ein komplexes Gebilde techno-sozialer Ordnung und Mechanik. Betrachtet man die Erde von oben lĂ€sst sich diese Struktur der Industrie als ĂŒber den gesamten Erdball gespannten Komplex von industriellen Monokulturen, ProduktionsstĂ€tten, Transportnetzten und StĂ€dten erkennen. Nicht ohne Grund wird auf dem heutigen Stand der Industrialisierung des Planeten darĂŒber gesprochen das gegenwĂ€rtige geologische Zeitalter als AnthropozĂ€n zu bezeichnen. Vermutlich wĂ€re richtiger es KapitalozĂ€n oder TechnozĂ€n zu nennen.

Krise als Resultate der Industrialisierung

Bisher wurde die Krise, welche die Industrialisierung fĂŒr die arbeitende Klasse und die ÖkosphĂ€re (Erde) bedeuten, nur als Annahme mitgetragen, nicht jedoch weiter ausgefĂŒhrt. Schon bei Marx finden sich Verweise auf diesen zerstörerischen Prozess der existenziellen Vernichtung. „Wie in der stĂ€dtischen Industrie wird in der modernen Agrikultur die gesteigerte Produktivkraft und grĂ¶ĂŸre FlĂŒssigmachung der Arbeit erkauft durch VerwĂŒstung und Versiechung der Arbeitskraft selbst. Und jeder Fortschritt der kapitalistischen Agrikultur ist nicht nur ein Fortschritt in der Kunst, den Arbeiter, sondern zugleich in der Kunst, den Boden zu berauben, jeder Fortschritt in Steigerung seiner Fruchtbarkeit fĂŒr eine gegebne Zeitfrist zugleich ein Fortschritt in Ruin der dauernden Quellen dieser Fruchtbarkeit. Je mehr ein Land, wie die Vereinigten Staaten von Nordamerika z.B., von der großen Industrie als dem Hintergrund seiner Entwicklung ausgeht, desto rascher dieser Zerstörungsprozeß. Die kapitalistische Produktion entwickelt daher nur die Technik und Kombination des gesellschaftlichen Produktionsprozesses, indem sie zugleich die Springquellen alles Reichtums untergrĂ€bt: die Erde und den Arbeiter.“[14]

Heute, etwa 150 Jahre spĂ€ter, lĂ€sst sich recht eindrĂŒcklich das Ausmaß dieser industriellen Katastrophe feststellen. Die steigende CO2-Konzentration in der ErdatmosphĂ€re sorgt fĂŒr einen „Ruin der dauernden Quellen der Fruchtbarkeit“, wie ihn Marx sich nie hĂ€tte vorstellen können. Abbildung 5 stellt im groben die Effekte eines ungebremsten weiteren Anstiegs der Temperaturen dar. Im Bereich des industriell Möglichen liegt nichts Geringeres als das Unbewohnbar-werden weiter Teile der Erde. Da sich gegenwĂ€rtig immer grĂ¶ĂŸere Kapitalfraktionen auf „grĂŒnes“ Kapital umstellen, wird vermutlich der hier als extremer Pfad dargestellte Anstieg nicht unmittelbar Wirklichkeit werden. GrĂŒne Technologie wie Solar- oder Windstrom und elektrische Fahrzeuge stehen hoch im Kurs der Propheten der industriellen Ökologie. Doch mehr als ein – im Gegensatz zur fossilen Industrie – weniger rasanten Anstiegt der Temperaturen wird auch diese Form der industriellen Produktionsweise nicht erreichen können.[15] Neben dem inzwischen reichlich populĂ€ren Klimawandel bedroht jedoch eine weitere existenzielle Lebenskrise den selbstregulieren Zusammenhang der ÖkosphĂ€re, das Artensterben. Die weitestgehend abgeschlossene Vernichtung der Wildnis, industrielle Landwirtschaft (Pestizide, maschinelle Bodenbearbeitung, DĂŒnger) und die immense Verschmutzung von Böden, Luft und Wasser fĂŒhren neben einer Teilweise gezielten Ausrottung von Arten zu einem rapiden Anstieg der endgĂŒltig vom Aussterben bedrohten Tier- und Pflanzenarten. Abbildung 6 zeigt zu einen die jĂ€hrliche Zunahme der bedrohten Arten, zum anderen die Regionen besonders hoher Artenvielfalt. Insbesondere die tropischen Zonen sind von einer besonderen Vielfalt geprĂ€gt, einem der am stĂ€rksten unter gesellschaftlichem Druck stehenden Ökosysteme der Erde. Die Konsequenz einer sinkenden BiodiversitĂ€t ist ein immer anfĂ€lligeres Gleichgewicht der Ökosysteme, schwindende Schutzmechanismen gegenĂŒber Krankheiten und invasiven Arten und allgemein ein gestörter Kreislauf der Selbstregulation.

Abbildung 5: Effekte des Anstiegs der globalen Durchschnittstemperatur (TAZ)
Abbildung 6: Zahl der weltweit vom Aussterben bedrohten Arten (UNEP)

Die ökologische Krise, zu deren Folgen sich auch Pandemien wie die des gegenwĂ€rtigen Coronavirus zĂ€hlen lassen, rĂŒckt immer weitere ZusammenhĂ€nge der ÖkosphĂ€re in die NĂ€he eines totalen Zusammenbruchs, welcher darin besteht, dass sich an einst fruchtbaren Orten, unbrauchbare WĂŒsten ausbreiten. Ein Prozess, der bereits heute voll im Gange ist, wie Abbildung 7 zeigt. Die Konsequenzen eines steigenden Meeresspiegels werden darĂŒber hinaus schon beim heutigen Stand der ErderwĂ€rmung mehrere zehn bis hundert Millionen Menschen aus kĂŒstennahen Siedlungsgebieten vertreiben.

Abbildung 7: Weltweite WĂŒstenausbreitung (Klett)

Neben der ökologischen Krise habe ich als weitere existenzielle Krise die psychische Krise genannt, eines prekĂ€rer und instabiler werdenden menschlich-emotionalen Bewusstseins. Die Entstehung der Industriegesellschaften wird schon seit jeher von allerhang modernen psychischen Massenkrankheiten begleitet, vermutlich ließe sich die gesamte Existenz des modernen Menschen als psychisch labil und emotional schwach entwickelt betrachten. Ich möchte diesen Zusammenhang jedoch an dieser Stelle nicht weiter ausbreiten und lediglich auf eine akute Störung der Gegenwart verweisen, die Epidemie der Depressionen. Abbildung 8 veranschaulicht den steilen Anstieg der stationĂ€ren Behandlungen von Depressionen in Deutschland, ein Indikator, welcher sicherlich eine Tendenz, jedoch niemals den wirklichen Zustand der gesellschaftlichen Psyche betrachten kann.

Abbildung 8: Zunahme der stationÀren FÀlle mit Depressionen in Deutschland (Wikipedia)

Ich begreife als psychische Krise eine Ă€hnliche Dynamik, wie sie sich in Form der ökologischen Krise ausdrĂŒckt. Existenzielle (Zer)störung von natĂŒrlich-selbstregulativen Momenten lebendiger Wesen. Nicht unmittelbar die direkte Vernichtung einzelner Lebewesen und Menschen, sondern die strukturelle Verunmöglichung der selbstbestimmten Reproduktion von physischem Körper, psychischer Seele und selbstbewusstem Geist, welche in einen Zustand der ohnmĂ€chtigen LĂ€hmung fĂŒhrt. Der soziale Zusammenhang der industrialisierten Individuen (Arbeiter*innen und Konsument*innen) wurde und wird insbesondere unter dem neoliberalen Operationsmodus des Kapitals teilweise restlos zerbrochen. Was bleibt ist ein notwendig soziales Wesen (der Mensch) in einer anti-sozialen und atomisierten Subjektform. Ein tödlicher Widerspruch.

Neben diesen beiden Momenten der ökologischen und psychischen Krise, verwehrt die kapitalistische Gesellschaft selbstverstĂ€ndlich einem großen Anteil der Weltbevölkerung weiterhin den einfachsten Zugang zu Lebensmitteln wie Wasser und Nahrung. Die Zahl der weltweit hungernden Menschen liegt noch immer bei knapp 700 Millionen Menschen, jeder zehnte Mensch.[16] Dass sich im Zuge insbesondere einer ungebremsten ökologischen Krise diese Zahl weiter erhöhen wird ist unumgĂ€nglich. Die existenzielle Krise des Kapitals ist eine zwischen Leben und Tod.

Einige ungeordnete Anmerkungen, welche zur weiteren Diskussion gestellt werden sollen.

I

Wenn sich die ursprĂŒngliche Akkumulation des Kapitals darin ausdrĂŒckt, dass die agrarische Subsistenzwirtschaft durch gewaltsame Enteignung und Vertreibung zerstört und verunmöglicht wurde, besteht die Option, dass die gewaltsame Enteignung und Zerstörung des Kapitals wieder in eine agrarische Subsistenzwirtschaft fĂŒhren. Wenn der Sinn der industriellen Produktion die Akkumulation von Mehrwert ist, lassen sich grundsĂ€tzlich alle industriellen Wirtschaftsbereiche in Frage stellen, wohingegen agrarische und handwerkliche Wirtschaftsbereiche in den Fokus der revolutionĂ€ren Produktionsweise gerat mĂŒssen. Wenn die Vertreibung vom Land und die Überwindung der agrarischen Produktionsweise weder aus natĂŒrlicher Notwendigkeit noch aus freien StĂŒcken erfolgte, ist jede weitere Entwicklung auf Basis der nun industriellen Produktionsweise grundsĂ€tzlich in Frage zu stellen. Es geht um nichts Geringeres als die gesamte materielle Gestalt gesellschaftlichen Reichtums.

II

Die wesentliche Unmöglichkeit diesen epochalen Zustand unbegrenzt zu verlĂ€ngern sind die existenziellen SchĂ€den an Ökosystem und Psyche des irdischen Lebens der Menschen. Das Kapital scheitert nicht an seiner eigenen UnzulĂ€nglichkeit, sondern an der SchwĂ€che von Mensch und Natur die ungeheure Last der Akkumulation von Sinnlosigkeit ewig weiter zu tragen. Wie lassen sich unter diesen erdrĂŒckenden ZustĂ€nden die verbleibenden psychischen und begehrenden KrĂ€fte sammeln und in einem „letzten“ Kampf fĂŒr das Leben befreien?

III

Ich lege so viel Wert auf die Betrachtung der industriellen Gestalt der kapitalistischen Produktionsweise, da innerhalb der „antikapitalistischen“ und „radikalen“ Linken bis heute vorwiegend Strömungen dominieren, welche sich mit den Fragen der Technologie, der Zivilisation und der Industriegesellschaft nicht nennenswert auseinandersetzten. Zu hĂ€ufig ist das alte marxistisch Dogma verbreitet, die „ProduktivkrĂ€fte“ der Industrie seien KrĂ€fte, welche in den nĂŒtzlichen Dienste einer leichten und befreiten Arbeit gestellt werden können. Eine Annahme, die wohl von der bĂŒrgerlichen Anschauungen herrĂŒhrt, die historische Entwicklung der kapitalistischen Industrie nicht als eben das zu betrachten, was sie praktisch vollzieht, die Unterwerfung der Menschheit unter die Lohnarbeit, sondern als „Fortschritt“ von Technologe und Zivilisation. Die Umweltbewegung rĂŒttelt schon seit Jahrzehnten an dieser bĂŒrgerlichen SĂ€ule des herrschenden Bewusstseins der Linken. Bisher hat sich jedoch das industrielle Bewusstsein der scheinbaren Notwendigkeit der SachzwĂ€nge weiterhin gegenĂŒber dem freiheitlichen Bewusstsein der wesentlichen Möglichkeit der anti-industriellen Insurrektion und eines post-industriellen Communismus durchgesetzt.

IV

Die industrielle Dimension ist bis heute das materiell-gesellschaftlichen Koordinatensystem, nach welchen sich alles weitere als ÜBERBAU neu zusammensetzt und -fĂŒgt. Nicht die militĂ€rische, nicht die polizeiliche, nicht die ideologische oder sonst eine Herrschaft ist die BASIS der kapitalistischen Epoche, sondern der industrielle Apparat und seine „fortschrittliche“ Entwicklung und Erweiterung. Die Arbeiter*innen und Ingenieure, welche den industriellen Apparat errichten, sind die Konstrukteur*innen der kapitalistischen Sachherrschaft. Denn die Herrschaft des Kapitals ist eine durch Sachen vermitteltet Herrschaft von Menschen ĂŒber Menschen und keine direkte Herrschaft zwischen Menschen. Dieser Zusammenhang soll nicht verleugnen, dass ohne Staat, ohne Patriarchat, ohne direkte personale Herrschaftsweisen die Herrschaft der Sachen niemals hĂ€tte errichtet werden können. Der Verweise auf die materielle Basis der Herrschaft ist hier lediglich dahingehend zu verstehen, dass die materielle Gestalt der Produktionsweise die historisch-spezifische Form aller sozialen, psychologischen, usw. Herrschaftsweisen bestimmt. Als Basis kann die Industrie nur daher angesehen werden, da sie, einmal errichtet, selbst zur materiellen Grundlage aller gesellschaftlichen Re/Produktion geworden ist. Zur Durchsetzung der Industrialisierung bedĂŒrfte es allerhand sozialer, politischer, psychologischer, usw. Herrschaft. Einmal errichtet erlangt die Industrie jedoch den Status einer in die Struktur der Erde und der menschlichen Gesellschaft eingeschriebenen materiellen Gewalt. Sie ist Zweite Natur im wörtlichen Sinne, dass die industrialisierte Welt eine Welt der Infrastrukturen, Transportnetzt, Maschinen, usw. geworden ist. Selbst die vollstĂ€ndige Revolutionierung der sozialen, politischen, usw. VerhĂ€ltnisse, welche aber diese materielle Struktur nicht antastet, wird sich immer auf Basis dieser – der herrschenden Technik eingeschriebenen – Unfreiheit bewegen mĂŒssen. Ohne die revolutionĂ€ren Aufhebung der materiellen Basis, der Industrie selbst, kann es keine soziale, politische, sexuelle, usw. Befreiung geben, denn die Natur der gesellschaftlichen Dinge ist nicht von ihrer industriellen Form abzuheben. Alles was ist, wird industriell und damit kapitalistisch und damit staatlich, patriarchal, usw. sein, solange die Gesellschaft der herrschenden Maschinen nicht von eben dieser maschinellen Struktur befreit ist.

V

Wenn die industrielle Zivilisation von Technologie abhĂ€ngig ist, so wird der Übergang in einen post-industriellen Communismus nicht vollstĂ€ndig durch Verzicht auf und Zerstörung von Technologie beruhen können. Die Fragen, welche hieran anschließen wĂ€ren von der Art, wie sich eine herrschaftsfreie Anwendung der bereits existierenden Technologie umsetzen lĂ€sst. Selbst wenn der Communismus tatsĂ€chlich weitgehende von der Produktion neuer Apparate absehen sollte, so ist die Anwendung der schon existierenden Apparate zumindest fĂŒr eine Übergangszeit von entscheidender Bedeutung. Auf ElektrizitĂ€t in urbanen RĂ€umen (oder auch sonst ĂŒberall) zu verzichten wĂ€re vermutlich eine grĂ¶ĂŸere Katastrophe, als einen gewissen Aufwand zu betreiben die Netzte zu dezentralisieren, den Verbrauch zu reduzieren und die Herstellung in PermakulturkreislĂ€ufe einzugliedern. Post-industrielle Produktionsweise ist ebenso wenig gleichzusetzen mit Technologiefeindschaft wie mit ihrer utopisch Verwandten des „Fortschritts“.

Ich versuche mich nun im Folgenden an einer Sammlung von Prinzipen, Strukturen und AnsÀtzen, welche zur Grundlegung eines post-industriellen Communismus beitragen könnten.

I Resozialisierung – Als erstes und notwendiges Moment jeder Commune muss ein Zusammenhang der sozialen Geborgenheit, bedingungsloser FĂŒrsorge und sozialen Gemeinschaft hergestellt werden. Der Ausbruch aus der atomisierten Subjektform der industriell-kapitalistischen Charaktermaske muss eine sich durchdringende Einheit von subjektiver Überwindung der eigenen sozialen Angst und IdentitĂ€t, eine kollektive Bildung von wirklichen Gemeinwesen, Lebens- und LiebeszusammenhĂ€ngen, sowie ein gesellschaftlicher Geist der revolutionĂ€ren Bewegung und Begierde sein. Nur als revolutionĂ€re Einheit dieser körperlichen und geistigen Momente der Begierde lĂ€sst sich die versteinerte soziale Lust befreien und aus ihr des Momentum der wirklichen Bewegung der geteilten Selbstbefreiung entlocken. Der Ausbruch aus den vereinzelten AlltagsmĂŒhlen kann nur dann gelingen, wenn sich ein Zusammenhang der existenziellen Revolte bildet, eine Assoziation mit keinem anderen Ziel als der vollstĂ€ndigen Zerstörung aller herrschenden Rhythmen, Strukturen, Verhaltensweisen, Sprachen, Institutionen und Organisationen. Die soziale Architektur der Commune ist die freie Assoziation, der spontane und sich stĂ€ndig erneuernde Bund zum geteilten Leben. Die Grundlage der Zerschlagung des industriellen Kapitals ist der Ausbruch aus allen industriellen Beziehungen: der Austritt aus Familie, Schule, UniversitĂ€t, Arbeit, politischer Organisation, usw.

II Dekarbonisierung – Sie ist die direkte Aktion der Verhinderung der grĂ¶ĂŸtmöglichen Katastrophe, der Verlust der existenzielle ÖkosphĂ€re. Auf direktem Wege dafĂŒr zu sorgen, dass die fossilen LagerstĂ€tten nicht weiter ausgebeutet werden können! Dekarbonisierung ist in vielerlei Hinsicht von der unmittelbaren Zerstörung der fossilen Infrastruktur abhĂ€ngig. Erst auf Grundlage dieser Zerstörung der DestruktivkrĂ€fte schließt die Planung einer Produktionsweise, welche vollstĂ€ndig auf die Extraktion von fossilen Stoffen verzichtet an.

III Permakulturalisierung – Die Planung post-industrieller Produktionsweisen muss sich an der Idee orientieren, dass die Commune – und in ihr jeder einzelne Mensch – nur zu Gast in einer schier unendlich komplexen und lebendigen Welt ist. Die Kulturtechniken mĂŒssen auf ein sich positiv verstĂ€rkendes Zusammensein mit der tierischen und pflanzlichen Natur umgestellt werden, die Geschichte der Menschheit hat tausende dieser Techniken hervorgebracht. Permakultur ist ein Prinzip, welches sich auch auf die Charakteristiken eines communistischen Zustandes der Produktionsweise beziehen lĂ€sst, eine Kultur, die in der Wiege einer im Übermaß produzierenden Natur einen Zustand des Schutzes der Natur angenommen hat. Permakultur ist ein Prinzip, welches neben der natĂŒrlichen Wildnis, eine kultivierte Form der Wildnis setzt, welche die selbsterhaltenden Prinzipien der Wildnis anzuwenden weiß, um sich ohne große MĂŒhe (welche immer relativ ist) an den FrĂŒchten der Natur bedienen zu können. Es ist ganz und gar das Prinzip der Selbstregulation welches dem industriellen Prinzip direkt entgegengesetzt wirkt. Permakultur fördert und schĂŒtzt das natĂŒrliche Wachstum, wohingegen die Industrie natĂŒrliches Wachstum zerstört und durch mechanische Automatismen ersetzt, welche nur unter ungeheurem Aufwand in Betrieb gehalten werden können. Die Land- und Forstwirtschaft in Form einer permakulturellen Bewirtschaftung ist ein Kernbestandteil der Re/Produktion jeder Commune.

IV Aufhebung der Arbeitsteilung – Die Trennung der Arbeit in eine Vielzahl von spezialisierten „Berufen“ ist eine Notwendigkeit der Industrialisierung. Der erste und wesentlichste aller Industrieberufe ist die Heimarbeit, der Betrieb des Haushaltes und der Kleinfamilien, in welchen die Produktion von Arbeitskraft stattfindet. Ohne diesen wesentlichsten und ursprĂŒnglichsten aller industriellen „Berufe“ ist keine Lohnarbeit möglich. Die Aufhebung der Arbeitsteilung verlang daher zunĂ€chst die Aufhebung der Trennung von Haushalt und Fabrik. Produktion, BĂŒros, Forschungsinstitute, Handel, Logistik, Behörden, KrankenhĂ€user, Schulen, usw. zĂ€hlen hier alle zum Bereich der Fabrik. Die Aufhebung von Haushalt und Fabrik ist weder eine tendenzielle AnnĂ€herung an die eine noch an die andere Seite, sondern vielmehr die Commune selbst. Weder wird die Spezialisierung der TĂ€tigkeit vollstĂ€ndig abgeschafft, noch bleibt die industrielle Struktur der „Berufe“ erhalten. Jede*r kann sich weiterhin nach ihren Interessen und Leidenschaften spezialisieren und gleichzeitig jede*r die volle Last der wesentlichen Re/Produktionsbereiche mittragen. Eine weitere Teilung der industriellen Arbeit betrifft die von körperlicher und geistiger Arbeit. Die wissenschaftliche Betriebstechnik und -organisation hat zu einer dreigeteilten Struktur der Arbeit gefĂŒhrt. ZunĂ€chst einfache ungelernte Arbeit, welche von nahezu jede*r getĂ€tigt werden kann. Dann Facharbeit, gelernte und ausgebildete Arbeit in speziellen Fachbereichen des industriellen Apparats. Zuletzt die wissenschaftliche Konstruktion und Leitung des Apparatur und Arbeitsorganisation, studierte, intellektuelle und theoretische Arbeit. Die Aufhebung der industriellen Produktionsweise fĂŒhrt ohnehin zu einer drastischen Reduktion der KomplexitĂ€t der Arbeitsorganisation und damit zu einer Reduktion der Teilung in Fachgebiete. Dennoch muss die Aufhebung von körperlicher und geistiger Arbeit durch eine sich ergĂ€nzende Bildung der Handarbeiter*innen und eine Ausbildung der Kopfarbeiterinnen begleitet werden.

V Post-industrielles Handwerk – Wo die Arbeit nicht weiter industrielle Arbeit sein kann, rĂŒckt das Handwerk, wie im Bereich der Permakultur bereits die Landarbeit, wieder in den Bereich communistischer Re/Produktion. Wo das durch den industriellen Konsum zersetzte Bewusstsein im Handwerk Schweiß, MĂŒhsal und RĂŒckschritt erblicken mag, stellt sich dem communistischen Bewusstsein eine ganz andere Perspektive dar. Denn das Handwerk ist Kunst im umfĂ€nglichen Sinne. Eine Kultur und Produktionsweise des post-industriellen Handwerks wĂŒrde das Ideal der „travaile attractif“, einer nicht-mehr Arbeit im doppelten Sinne verwirklichen können. Erstens Arbeit ohne ausgebeutete Mehrarbeit, sowie zweitens Arbeit, welche keine Arbeit im klassischen Sinne der mĂŒhseligen und gezwungenen Arbeit mehr ist. Die vollstĂ€ndige Umstellung der öffentlichen Bildung auf eine umfassenden Schulung in Reproduktionsarbeit, freiem Denken und Handwerk bildet die Grundlage fĂŒr den Aufbau der neuen Agrar- und Handwerks- und Reproduktionsweise. Das communistische Handwerk darf dabei keinesfalls primitivistisch verstanden werden. Vielmehr entwickelt es sich auf Basis der alten Industrie, zersetzt deren herrschende Struktur und Logik, ohne jedoch sĂ€mtliche produktiven Potenziale der 250-jĂ€hrigen Entwicklung von Technologie zu verwerfen. Wenn hier also von Handwerk die Rede ist, ginge es um ein Handwerk, welches in der bisherigen Geschichte der Menschheit mit nichts vergleichbar wĂ€re.

VI Regionalisierung, Dezentralisierung, Integrierte KreislĂ€ufe – Die GrĂŒnde hierfĂŒr sind vielfĂ€ltig: sozial, ökologisch, psychisch. Zum ersten kann die herrschende Form der ReprĂ€sentation nur dort effektiv ĂŒberwunden werden, wo der Kreise der Betroffenheit nicht beliebig ausgedehnt ist. Zum zweiten ist die natĂŒrliche Form des Lebens eine stark lokal und regional integrierte Einheit, deren Grenzen nicht beliebig ĂŒber oder unterschritten werden können. Zum dritten ist die menschlichen Erfahrung- und Auffassungsgabe nicht beliebig ausdehn- und strapazierfĂ€hig. Das natĂŒrliche, physikalische, biologische, ökologische und psychische Fundament, der essenzielle Zusammenhang des evolutionĂ€r auf der Erde entwickelten Lebens, ist nicht beliebig einem Prozess der Delokalisierung zu unterwerfen. Die materielle StabilitĂ€t und damit die Möglichkeit ĂŒberhaupt einen wirklichen Zusammenhang des Lebens zu erschaffen ist zwar nicht territorial begrenzt, jedoch von der spezifischen lokalen Dichte und Verflochtenheit abhĂ€ngig. Der Communismus muss sich an dieser weitlĂ€ufigen, jedoch nicht beliebigen Wahrheit des lebendigen und selbstorganisierten Wesens der irdischen Natur orientieren. Was zunĂ€chst, vor dem Hintergrund der vorgeschrittenen kapitalistischen Trennung und Entfremdung nach einem unmöglichen RĂŒckschritt scheint, ist in Wirklichkeit nichts als die notwendige RĂŒckbesinnung auf jene Natur der Dinge, welche zu leugnen einzig das Reich des Unbewussten stĂ€rkt, die subjektive Unfreiheit zu immer neuen Höhen treibt. Die vollstĂ€ndige Zerschlagung der herrschenden materiellen Kultur erscheint dem herrschenden Bewusstsein (jenes Bewusstsein, welches heute als Allgemeines erscheint) notwendig als RĂŒckschritt und Untergang, denn es ist dessen ureigenste materielle Basis, an deren Zerschlagung und Abschaffung es dem revolutionĂ€ren Communismus gelegen ist.

VII Globaler Föderalismus – Es kann und soll in keinem Fall darum gehen zu einem Zustand der vollstĂ€ndigen Abgeschnittenheit und Autarkie der Communen zu gelangen. Auf einem dicht besiedelten Planeten, mit einer Vielfalt an Bewohner*innen, ist das unmöglich. Vielmehr ist die Communisierung ein Prozess der ĂŒberregionalen Gleichzeitigkeit der Bildung von Communen. Die einzelne Commune ist nicht allein die Grundlage ihrer eigenen Konstruktion, denn nur die Vielheit und die Föderation der Communen, der Communismus kann den Erfolg der Commune garantieren. Erst wo die herrschenden ökonomischen und politischen MĂ€chte und ihre industriellen Systeme auf einer globalen Front angegriffen und zerschlagen werden, erst wo der Reaktion kein Raum des RĂŒckzugs und der Wiedererlangung der KrĂ€fte mehr geboten ist, kann das Zuschlagen der Konterrevolution verhindert werden. Die globale Föderation der Communen ist Garant der Freiheit jeder einzelnen Commune.

VIII Communisierung der Erde – Die kultivierten Agrar- und ForstflĂ€chen, sowie Abbaugebiete von Rohstoffen sind dem Communismus ein Gut der Erde selbst. Die Aufrechterhaltung nicht-nur-gesellschaftlicher Ökosysteme in Form von Wildnis und Permakultur sind unweigerlich ein notwendiges Prinzip der Commune. Die Planung communistischer Produktionsweisen welche FlĂ€chen und Ressourcen der Erde benötigen muss daher gleichzeitig das Ziel der Versorgung aller Menschen, Pflanzen und Tiere berĂŒcksichtigen. SĂ€mtliche industriell bewirtschafteten LandflĂ€chen, Kiesgruben und Bergwerke mĂŒssen daher Ziel der Communisierung sein. Die Aneignung der Erde durch die revolutionĂ€re direkte Aktion muss daher eine Bewegung der massenhaften Besetzung von industriellen Land- und ForstwirtschaftsflĂ€chen sein. Auf diese Aktion folgt die Erforschung des besetzen Gebietes, worauf die ersten Überlegungen wie auf diesem StĂŒck Land ein Teil der neuen Produktionsweise entstehen könnte. Die nĂ€chste Aktion ist die Föderation mit den massenhaft entstehenden Communen ĂŒberall. Die Föderationen von Regionen können die umgreifenden, nicht direkt territorialisierbaren ökologischen ZusammenhĂ€nge ihrer Region, fĂŒr eine wechselseitig abgestimmte Planung der gesamten Verwilderung und Permakulturalisierung nutzen. Die Communiserung des Erde geht damit auch mit einer Dezentralisierung und Deurbanisierung einher. Die etwas arbeitsintensivere Landarbeit wird eine stĂ€rkere Verankerung der Bevölkerung in NĂ€he der landwirtschaftlichen Produktion mit sich ziehen. Eine Produktionsweise auf Basis natĂŒrlicher Stoffe und Energien tendiert zu einer weniger geteilten und mehr handwerklichen Produktion, was die Zentralisierung der arbeitenden Menschen in NĂ€he der Maschinerie in den Fabriken erspart.

IX Communisierung der Kulturmittel – Die revolutionĂ€re Umeignung der Kulturmittel umfasst die direkte Zerstörung der Herrschaftsmittel und die direkte Besetzung der Gebrauchsmittel. Die Zahl und Gestalt der ungeheuren Sammlung an Kulturmitteln kann nicht in einer ihr gerechten Weise konkret einer direkten Form der Aktion zu geordnet werden, hierzu muss der revolutionĂ€re Geist selbst praktisch ans Werk gehen.  Was sich jedoch sagen lĂ€sst ist die recht simple, jedoch sozial komplexe Frage der umeignenden Form. Denn selbst wenn eine Belegschaft mittels eines Arbeiter*innenrats die Besetzung und Kontrolle einer Fabrik oder einer anderen Betriebseinrichtung ĂŒbernimmt, kann von Communisierung lĂ€ngst nicht die Rede sein. Communisierung der Kulturmittel bedeutet die direkte ÜberfĂŒhrung der besetzen und beschlagnahmten Mittel in den Aufbau der communistischen Produktionsweise. Communisierung bedeutet in dieser Hinsicht die Schaffung von Organen der Planung einer neuen Re/Produktionsweise. Die Ziele der neuen Re/Produktionsweise sind die Ziele der kĂ€mpfenden Subjekte selbst: Befreiung von rassistischer und patriarchaler Gewalt, Abschaffung der Arbeit und Aufhebung der Arbeitsteilung, Reintegration der Produktion in die Reproduktion, Reintegration des Stoffwechsels in die ÖkosphĂ€re, Widerherstellung kultureller Vielfalt, RĂŒckbau der kapitalistischen Kultur-, Medien- und Konsumindustrien, usw. die Liste kann beliebig verlĂ€ngert werden.

X Communisierung der Stadt-Land-Beziehung – Die Stadt ist, auch wenn es im Zuge der Konzentration von Herrschaft bereits in vorkapitalistischen Epochen immer wieder StĂ€dte gab, ein Produkt der Industrialisierung. Die urbane Gesellschaft wurde erst dadurch erzwungen und ermöglicht, dass die beherrschte Klasse aufgrund der ursprĂŒnglichen Akkumulation in die StĂ€dte gezwungen wurde. Nur hier kann mensch sich ökonomisch reproduzieren, nur hier findet das Proletariat Arbeit und damit Einkommen. Die urbane Struktur und ihre Versorgung durch industrielle Lebensmittel ist die primĂ€re ErnĂ€hrungsweise der kapitalistischen Gesellschaft. Mit der Communisierung und Permakulturalisierung der Landwirtschaft wird der Bedarf an Arbeitskraft auf dem Land wieder erhöht und so dezentralisiert sich die urbane Struktur. Die an die Landarbeit anschließende Handarbeit findet nicht mehr in zentralisierten Fabriken statt, sondern in dezentralen Produktionsnetzen. WĂ€hrend sich die Metropolen beginnen zu lichten, bleibt die gewaltige Struktur der in Beton gegossenen Bausubstanz der StĂ€dte selbstverstĂ€ndlich bestehen. Diese selbst zu verwildern, den gewonnen Raum zu Renaturierung der StĂ€dte zu nutzen und den urbanen Stahl-Glas-Betonwald durch einen wirklichen Wald zu ergĂ€nzen ist das Prinzip der Permakulturalisierung der StĂ€dte. Die Trennung von Stadt und Land, wo die Stadt konsumiert, und das Land produziert, wird aufgehoben. Die KreislĂ€uft von Stoffen, Energien, Lebensmittel, usw. sind enger geschlossen und benötigen keine industrielle Transportlogistik.

XI Communisierung der urbanen RĂ€ume – Dass es in einer communistischen Gesellschaft keine Banken, Versicherungen, Behörden, Unternehmensberatungen, Rechts- und Steuerberatungen, Werbeagenturen, Vermietungen, Unternehmensverwaltungen, Managements, Reiseveranstalter, Events und Messen mehr geben wird, lĂ€sst ahnen, welche nicht nur menschlich-zeitlichen, sondern auch rĂ€umlichen KapazitĂ€ten der Commune in die HĂ€nde fallen. Was wirklich mit dem freiwerdende Raum an ehemaligen BĂŒros, Einkaufszentren, VerwaltungsgebĂ€uden, usw. geschehen soll, ist wie ĂŒberhaupt alles der Phantasie der jeweiligen Generationen an Kommunard*innen ĂŒberlassen. Einen Mangel an Frei- und Wohnraum, wird es ohne die ökonomische Nutzenfunktion jedoch vermutlich nicht geben. Sollte es nicht ohnehin genug Freiraum fĂŒr alle ohne weitergreifende Ordnung geben, ist eine kommunale Organisation der FreirĂ€ume ein geeignetes Mittel den verfĂŒgbaren Raum untereinander zu teilen.

XII Communisierung der Globalisierung – Die wohl komplexeste Aufgabe der Communisierung ist Aufhebung der Trennungen der Globalisierung, der Abschaffung des kapitalistischen System des kolonialistischen und imperialistischen Raub- und Ausbeutungszusammenhangs, auf welchen die kapitalistische Produktionsweise immer schon mehr oder weniger angewiesen war. Die Extraktion von industriellen Rohstoffen, sowie der industrielle Anbau von AgrargĂŒtern im globalen SĂŒden. Die globalen „Supply-Chains“, welche anhand der ökonomisch gĂŒnstigsten Produktionsstandorte ein unĂŒberschaubares Netzwerk der Produktion und Logistik geschaffen haben, um die besonders gĂŒnstige Arbeitskraft der EntwicklungslĂ€nder ausbeuten zu können. Dieses Geflecht aus ökonomischen MachtverhĂ€ltnissen, welches sich als globale Industrie ĂŒber den Planeten ausgedehnt hat, lĂ€sst sich am einfachsten dadurch Communisieren, dass es als Ganzes zerschlagen und abgeschafft wird. FĂŒr was brauchen wir Kleidung aus Bangladesch, wenn wir in unseren communistischen Produktionsnetzten selbst Kleidung und die nötigen Rohstoffe herstellen? WofĂŒr brauchen die NĂ€herinnen in Bangladesch ihre Arbeit, wenn sie selbst vor Ort ihre eigenen Re/Produktionsnetze aufbauen können? Die Zerschlagung der herrschenden Globalisierung gelingt durch eine globalisierte SolidaritĂ€t und Kooperation im Aufbau tragfĂ€higer, selbstorgansierter und nachhaltiger Produktionsweisen auf dem gesamten Planeten. Die Communisierung der Globalisierung beutet ein Ende der globalen Ökonomie der SachzwĂ€nge und die Angleichung des materiellen Lebensstandards in allen Regionen. Die Überakkumulation von Konsum in den Zentren und die Unterversorgung der Ă€ußeren Peripherie ist doppelter Ausdruck ein und derselben ökonomischen Struktur der globalen Ausbeutung. Die Produktion von Futtermitteln fĂŒr das Fleisch der herrschenden und der konsumierenden Teile der proletarischen Klasse, ist die andere Seite der Medaille, auf welcher der Hunger fast einer Milliarde Menschen des Surplus steht.

XIII Macht der Phantasie – Die kollektive Phantasie der global föderierten Kommunard*innen kann erst dann an die Macht gelangen, wenn sich aus der Bewegung der vereinzelten Besetzung einzelner Fragmente des alten Apparats, eine Bewegung der Synthese völlig neuer gesellschaftlicher, genauer communistischer Beziehungsweisen herstellt. Die revolutionĂ€ren Lebens- und BeziehungsentwĂŒrfe, welche wir uns als frei Assoziierte selbst geben, sind selbst die alles entscheidende Kraft der Begierde. Das unstillbare Verlangen nach Verwirklichung eines unmöglich scheinenden Zustandes fĂŒhrt uns durch jene Reiche der Phantasie, welche ungeduldig still, in den unbewussten Tiefen des Realen verborgen liegen. Die revolutionĂ€re Phantasie bleibt nur so lange imaginĂ€r, wie sich der wirkliche Prozess der Befreiung nicht mit ihr verbindet. Im Moment des Hineingeworfen-Seins in den verbotenen Kampf, den Versuch der nicht enden wollenden Vorgeschichte ein bewusstes Ende zu setzten, wir jener Bereich der Phantasie als das erkannt, was er immer war, die ganze und volle Wahrheit und Wirklichkeit. Communisierung bedeutet zu lernen, die eigenen Vorstellungen von Freiheit, die antiautoritĂ€re Begierde leben zu lernen, den Mut zu haben sich den eigenen Begierden hinzugeben, sie lesen und artikulieren lernen. Wenn es uns an nichts mehr liegt, als am Sieg der beherrschten Klasse ĂŒber ihr Schicksal, einem Zustand, der in der Revolution selbst unmittelbar wirklich ist, wird unsere FĂ€higkeit zu SolidaritĂ€t zur Waffe und zum Prinzip der wirklichen Zerstörung aller herrschenden Dinge und Weisen. Kurzum: Wenn wir in den Zentren das Kapitals nicht nur an uns Denken, sondern in unsere revolutionĂ€ren KĂ€mpfe die SolidaritĂ€t aller UnterdrĂŒckten der Erde einfließen lassen, werden die phantastischen Formen der Communisierung im Werden des revolutionĂ€ren Prozesses selbst gefunden. Die Teilnahme an den KĂ€mpfen und die bedingungslose SolidaritĂ€t liefern uns in der praktischen Bewegung die Konzepte des Umbaus und der Befreiung als Produkt der kollektiven Phantasie und KreativitĂ€t. Es gibt keinen formalisierbaren und technischen Plan, nicht einmal Aufschreiben könnte man die Verfassung der communistischen Gesellschaft, denn sie ist das je gegenwĂ€rtig wandelnde Produkt der assoziierten Phantasie der freien Menschen.

Viva la commune!


[1] Karl Marx, MEW 23, S. 794

[2] Max Horkheimer, Theodor W. Adorno. Dialektik der AufklÀrung

[3] Wikipedia: Krise

[4] Achim Szepanski zu John Smiths “Imperialism in the Twenty-First Century” (3) URL: https://non.copyriot.com/zu-john-smiths-imperialism-in-the-twenty-first-century-3/

[5] Roberto Battaggia (in: Primo Maggio Nr. 14, Winter 1980/81, S. 71-77; Revidierte ĂŒbersetzung aus Lesebuch zur Nicht-Arbeit, Karlsruhe 1981, S. 27-45) URL: https://www.wildcat-www.de/zirkular/36/z36batta.htm

[6] Ich beschreibe die Entwicklung der technologischen und sozialen Entwicklung der industriellen Gesellschaft als evolutionÀr, da sich auf Grundlage des erreichten Standes der Technik und Verwaltung immer weitere, auf diesen aufbauende Elemente entwickeln und so ein verzweigter Baum der Technologie- und Verwaltungsweisen entsteht. Ohne Kohle kein Stahl, ohne Stahl, keine Eisenbahn, ohne Eisenbahn, usw.

[7] Scheinhaft ist des kapitalistische Zustand der Gesellschaft deshalb, da sich die wirklichen Dinge nicht als das darstellen, was sie sind. Die Entwicklung der „ProduktivkrĂ€fte“ und „Gebrauchswerte“ sind nicht wesentlich das, als was sie sich darstellen, nĂŒtzliche Dinge fĂŒr die Menschen schlechthin. Vielmehr sind sie nĂŒtzliche Dinge fĂŒr Verwertung und Verwaltung der Erde und des Menschen im Dienste des Kapitals.

[8] World Steel Association: WORLD STEEL IN FIGURES 2019 URL: https://www.worldsteel.org/en/dam/jcr:96d7a585-e6b2-4d63-b943-4cd9ab621a91/World%2520Steel%2520in%2520Figures%25202019.pdf

[9] Wikipedia: Wirtschaftszahlen zum Automobil

[10] Wikipedia: Zement

[11] wie 3.

[12] Scinexx: Die TechnosphÀre der Erde wiegt 30 Billionen Tonnen. URL: https://www.scinexx.de/news/technik/technosphaere-der-erde-wiegt-30-billionen-tonnen/

[13] Hydra-World: Die fordistische Stadtplanung: eine Strategie der Gewalt und ihre Krise. URL: https://www.the-hydra.world/index.php/2020/08/20/2-6-die-fordistische-stadtplanung-eine-strategie-der-gewalt-und-ihre-krise/

[14] MEW 23 S. 529f

[15] dazu: Tomasz Konicz, Kapital killt Klima. URL:  https://www.kontextwochenzeitung.de/debatte/438/klimaschutz-und-kapitalismus-6132.html

[16] https://www.unicef.de/informieren/aktuelles/presse/2020/un-report-nahrungssicherheit-hunger/221914

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Quelle: Schwarzerpfeil.de