Februar 8, 2021
Von Antifra
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Das bren¬≠nen¬≠de Son¬≠nen¬≠blu¬≠men¬≠haus in Ros¬≠tock-Lich¬≠ten¬≠ha¬≠gen 1992: Screen¬≠shot aus ‚ÄěWir sind jung. Wir sind stark.‚Äú

Das Dra¬≠ma ‚ÄěWir sind jung. Wir sind stark.‚Äú (Regie: Bur¬≠han Qur¬≠ba¬≠ni) beleuch¬≠tet vor allem aus Sicht einer jugend¬≠li¬≠chen Cli¬≠que die pogrom¬≠ar¬≠ti¬≠gen Aus¬≠schrei¬≠tun¬≠gen in Ros¬≠tock-Lich¬≠ten¬≠ha¬≠gen. Der stark besetz¬≠te deut¬≠sche Spiel¬≠film beschr√§nkt sich dabei auf die Dar¬≠stel¬≠lung eines ein¬≠zi¬≠gen Tages, des 24. August 1992, des¬≠sen Ereig¬≠nis¬≠se rela¬≠tiv rea¬≠li¬≠t√§ts¬≠ge¬≠treu (aber mit fik¬≠ti¬≠ven Per¬≠so¬≠nen) wie¬≠der¬≠ge¬≠ge¬≠ben werden.

Im Zen¬≠trum des Films steht Ste¬≠fan (Jonas Nay), der ‚Äěein¬≠fach nur nor¬≠mal‚Äú sein will, sich aber inmit¬≠ten eines gewalt¬≠af¬≠fi¬≠nen Freun¬≠des¬≠krei¬≠ses wie¬≠der¬≠fin¬≠det, in dem von den Jungs aus¬≠ge¬≠hen¬≠de Hit¬≠ler¬≠gr√ľ¬≠√üe und Stein¬≠w√ľr¬≠fe gegen Polizist*innen an der Tages¬≠ord¬≠nung sind. Eher nor¬≠mal dage¬≠gen sind die bei¬≠den M√§d¬≠chen der Cli¬≠que, denen es vor allem um Flirts mit den Jungs geht. Der Film beglei¬≠tet die¬≠se hete¬≠ro¬≠ge¬≠ne Gang in den Woh¬≠nun¬≠gen ihrer Eltern, am Strand und an der tris¬≠ten Kulis¬≠se rund um das Ros¬≠to¬≠cker Son¬≠nen¬≠blu¬≠men¬≠haus. Neben den Jugend¬≠li¬≠chen wer¬≠den poli¬≠ti¬≠sche Ent¬≠schei¬≠dungs¬≠tr√§¬≠ger por¬≠tr√§¬≠tiert, allen vor¬≠an Ste¬≠fans Vater Mar¬≠tin (Devid Strie¬≠sow), der als SPD-Poli¬≠ti¬≠ker zwar Ras¬≠sis¬≠mus ablehnt, dem es aber von Beginn an schwer¬≠f√§llt, sich klar und √∂ffent¬≠lich gegen die Pogro¬≠me zu posi¬≠tio¬≠nie¬≠ren und der sich statt¬≠des¬≠sen lie¬≠ber mit klas¬≠si¬≠scher Musik in sei¬≠ner Woh¬≠nung ein¬≠schlie¬≠√üen w√ľr¬≠de. Wei¬≠ter¬≠hin wird die Sicht eini¬≠ger ehe¬≠ma¬≠li¬≠ger Vertragsarbeiter*innen aus Viet¬≠nam plas¬≠tisch, die zwar selbst in dem zum Son¬≠nen¬≠blu¬≠men¬≠haus geh√∂¬≠ren¬≠den Wohn¬≠heim woh¬≠nen, sich aber etwa durch anti¬≠zi¬≠ga¬≠nis¬≠ti¬≠sche Kom¬≠men¬≠ta¬≠re gegen¬≠√ľber den vor der Zen¬≠tra¬≠len Auf¬≠nah¬≠me¬≠stel¬≠le f√ľr Asyl¬≠be¬≠wer¬≠ber (ZASt) cam¬≠pie¬≠ren¬≠den Sin¬≠ti und Roma zu assi¬≠mi¬≠lie¬≠ren ver¬≠su¬≠chen und gleich¬≠zei¬≠tig per¬≠ma¬≠nent auf gepack¬≠ten Kof¬≠fern sit¬≠zen. Eine wirt¬≠schafts¬≠ori¬≠en¬≠tier¬≠te Per¬≠spek¬≠ti¬≠ve nimmt au√üer¬≠dem ein Lei¬≠ter einer W√§sche¬≠rei ein, dem es vor allem um sei¬≠ne Pro¬≠fi¬≠te geht (‚ÄěAsia¬≠ten mag ich. Gute Arbeitsmoral.‚Äú).

Die Cha¬≠rak¬≠te¬≠re wir¬≠ken hin und wie¬≠der etwas holz¬≠schnitt¬≠ar¬≠tig. So √ľber¬≠ra¬≠schen die Jugend¬≠li¬≠chen mit pla¬≠ka¬≠ti¬≠ven selbst¬≠re¬≠fle¬≠xi¬≠ven Aus¬≠sa¬≠gen wie ‚ÄěTotal frei sein ist eigent¬≠lich total allein sein‚Äú, die sich nicht ganz fl√ľs¬≠sig aus der Hand¬≠lung erge¬≠ben. Davon abge¬≠se¬≠hen sind die ein¬≠zel¬≠nen Per¬≠so¬≠nen aber durch¬≠aus span¬≠nend cha¬≠rak¬≠te¬≠ri¬≠siert und erfah¬≠ren teils meh¬≠re¬≠re ver¬≠bl√ľf¬≠fen¬≠de Wendungen.

Die Dar¬≠stel¬≠lung des all¬≠ge¬≠gen¬≠w√§r¬≠ti¬≠gen Ras¬≠sis¬≠mus sowie des Unwil¬≠lens und der Unf√§¬≠hig¬≠keit der Eltern¬≠ge¬≠nera¬≠ti¬≠on die¬≠ser Jugend¬≠li¬≠chen, etwas gegen die Pogro¬≠me zu unter¬≠neh¬≠men, ist eine der St√§r¬≠ken des Films.

Kri¬≠tik wur¬≠de an dem 2014 pro¬≠du¬≠zier¬≠ten Dra¬≠ma dahin¬≠ge¬≠hend ge√§u¬≠√üert, dass √ľber¬≠zeug¬≠te Nazis nur sel¬≠ten vor¬≠kom¬≠men und sich die prin¬≠zi¬≠pi¬≠ell ver¬≠n√ľnf¬≠ti¬≠gen Jugend¬≠li¬≠chen von die¬≠sen √ľber¬≠ra¬≠schend schnell ansta¬≠cheln las¬≠sen. Tat¬≠s√§ch¬≠lich ist eigent¬≠lich nur San¬≠dro (David Sch√ľt¬≠ter), der eher lose mit der Grup¬≠pe ver¬≠bun¬≠den ist, klar als extrem rechts zu kate¬≠go¬≠ri¬≠sie¬≠ren. Alle ande¬≠ren f√ľgen sich ihm meist apa¬≠thisch und wer¬≠den von der all¬≠ge¬≠mei¬≠nen ras¬≠sis¬≠ti¬≠schen Stim¬≠mung auf geheim¬≠nis¬≠vol¬≠le Wei¬≠se ange¬≠zo¬≠gen. Aller¬≠dings lie¬≠√üe sich (ohne gleich die Pogro¬≠me zu recht¬≠fer¬≠ti¬≠gen) durch¬≠aus fra¬≠gen, ob nicht genau das eine gar nicht so unrea¬≠lis¬≠ti¬≠sche Per¬≠spek¬≠ti¬≠ve auf vie¬≠le der damals Betei¬≠lig¬≠ten auf¬≠macht. Sicher rei¬≠chen die Erkl√§¬≠run¬≠gen, die der Film f√ľr die Ent¬≠wick¬≠lung der Jugend¬≠li¬≠chen anbie¬≠tet (z.B. feh¬≠len¬≠de Arbeit, Per¬≠spek¬≠tiv¬≠lo¬≠sig¬≠keit, √Ąrger mit den Eltern) f√ľr eine Gene¬≠se poli¬≠ti¬≠scher Ein¬≠stel¬≠lun¬≠gen nicht aus, f√ľr eine dif¬≠fu¬≠se Gewalt¬≠af¬≠fi¬≠ni¬≠t√§t im Kon¬≠text eines rech¬≠ten poli¬≠ti¬≠schen Kli¬≠mas spie¬≠len die¬≠se Fak¬≠to¬≠ren aller¬≠dings durch¬≠aus eine Rol¬≠le. In den Ein¬≠stel¬≠lun¬≠gen der Cli¬≠que geht es oft durch¬≠ein¬≠an¬≠der, da wer¬≠den Nazi-Songs gegen und neben der Inter¬≠na¬≠tio¬≠na¬≠len gesun¬≠gen und es wird eigent¬≠lich nie tat¬≠s√§ch¬≠lich √ľber poli¬≠ti¬≠sche The¬≠men gespro¬≠chen. Aber genau das ist ein f√ľr die Zeit span¬≠nen¬≠des Milieu, was der Film in all sei¬≠ner Wider¬≠spr√ľch¬≠lich¬≠keit gut beleuch¬≠tet. Jugend¬≠li¬≠che, die im Prin¬≠zip nur an Freund¬≠schaf¬≠ten, Lie¬≠be und Sex inter¬≠es¬≠siert sind, lan¬≠den mit einer inne¬≠ren Ableh¬≠nung, aber auch mit einer Fas¬≠zi¬≠na¬≠ti¬≠on und einer Begeis¬≠te¬≠rung f√ľr den Volks¬≠fest¬≠cha¬≠rak¬≠ter in den Rei¬≠hen der rech¬≠ten, ras¬≠sis¬≠ti¬≠schen Aus¬≠schrei¬≠tun¬≠gen, die sie selbst mit befeuern.

Kri¬≠ti¬≠scher zu bewer¬≠ten ist dage¬≠gen ein ande¬≠rer Aspekt: Bereits am 23. August gab es eine von anti¬≠fa¬≠schis¬≠ti¬≠scher Sei¬≠te orga¬≠ni¬≠sier¬≠te Gegen¬≠wehr gegen den rech¬≠ten Mob, die an die¬≠sem Tag damit ende¬≠te, dass von 80 fest¬≠ge¬≠nom¬≠men Per¬≠so¬≠nen 60 auto¬≠no¬≠me Links¬≠ra¬≠di¬≠ka¬≠le waren. Die¬≠ser Teil der Geschich¬≠te fehlt v√∂l¬≠lig. In dem Film ste¬≠hen ledig¬≠lich ein paar Frie¬≠dens¬≠be¬≠weg¬≠te am Rand des Gesche¬≠hens und rufen ‚ÄěKei¬≠ne Gewalt, wir sind das Volk.‚Äú Die mili¬≠tan¬≠te¬≠re Gegen¬≠wehr h√§t¬≠te ein Film, der sich dar¬≠in √ľbt, m√∂g¬≠lichst vie¬≠le Per¬≠spek¬≠ti¬≠ven abzu¬≠bil¬≠den, in irgend¬≠ei¬≠ner Form ein¬≠fan¬≠gen m√ľssen.

Ins¬≠ge¬≠samt ist ‚ÄěWir sind jung. Wir sind stark.‚Äú als Spiel¬≠film, der das irre und wir¬≠re Kli¬≠ma der Nach¬≠wen¬≠de¬≠zeit ein¬≠f√§ngt, durch¬≠aus loh¬≠nens¬≠wert. Zur Kon¬≠tex¬≠tua¬≠li¬≠sie¬≠rung und Kom¬≠plet¬≠tie¬≠rung eines The¬≠men¬≠abends, der die Zuschau¬≠en¬≠den fas¬≠sungs¬≠los zur√ľck¬≠l√§sst, sei die bereits 1993 pro¬≠du¬≠zier¬≠te Doku¬≠men¬≠ta¬≠ti¬≠on The Truth Lies in Ros¬≠tock und die j√ľngst ver¬≠√∂f¬≠fent¬≠lich¬≠te Doku-Rei¬≠he Base¬≠ball¬≠schl√§¬≠ger¬≠jah¬≠re in der ARD-Media¬≠thek nach¬≠dr√ľck¬≠lich empfohlen.

Der Film wird im Rah¬≠men der Rei¬≠he ‚ÄěFilm ab gegen Rechts¬≠ex¬≠tre¬≠mis¬≠mus‚Äú im Febru¬≠ar im ZDF gezeigt und ist dann in der Media¬≠thek abruf¬≠bar. Im Lau¬≠fe des Febru¬≠ar zeigt die Nach¬≠wuchs¬≠re¬≠dak¬≠ti¬≠on Das klei¬≠ne Fern¬≠se¬≠spiel vier Spielf¬≠i¬≠me wie¬≠der, ‚Äědie sich auf unter¬≠schied¬≠li¬≠che Art mit Rechts¬≠ex¬≠tre¬≠mis¬≠mus und Ras¬≠sis¬≠mus aus¬≠ein¬≠an¬≠der set¬≠zen‚Äú, hei√üt es in der Press¬≠in¬≠fo. Und: ‚ÄěDamit wol¬≠len wir auf die¬≠se sehr wich¬≠ti¬≠gen The¬≠men auf¬≠merk¬≠sam machen, die in die¬≠sen Zei¬≠ten nicht ver¬≠ges¬≠sen wer¬≠den d√ľrfen.

Ab 7. Febru­ar 2021 kön­nen fol­gen­de Fil­me in der ZDF Media­thek ange­schaut wer­den:
Wir sind jung. Wir sind stark., Spiel­film, Deutsch­land 2014
Leroy, Spiel­film, Deutsch­land 2007
Die Ari­er, Doku­men­tar­film, Deutschland/USA/Iran 2013
Krie¬≠ge¬≠rin, Spiel¬≠film, Deutsch¬≠land 2011




Quelle: Antifra.blog.rosalux.de