Juli 28, 2022
Von Paradox-A
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Lesedauer: 23 Minuten

Eine Soligruppe fĂŒr Gefangene hat HIER kĂŒrzlich mehrere Texte von Malatesta wieder veröffentlicht. Vermutlich, um sich vor allem zu versichern, dass sie sich gegen ach so jegliche Herrschaft positionieren. TatsĂ€chlich kann ich der Argumentation Malatestas weitgehend zustimmen. Umso bedauerlicher, dass die Soligruppe sie ahistorisch handhabt und nicht bereit zeigt, ihren Gehalt zu kontextualisieren und auf die heutige Situation zu ĂŒbertragen. Relativ objektiv lĂ€sst sich durchaus sagen, dass der Krieg in der Ukraine – oder der in Syrien oder wo auch immer – nicht im Interesse des Großteils der Bevölkerung ist, sondern durch rivalisierende kapitalistische Staaten und andere autoritĂ€re Akteure gefĂŒhrt wird. Anarchistisches Ziel muss es sein, dass der gegenwĂ€rtige Krieg beendet wird. Anarchistisches Ziel muss es aber eben auch sein, zu verhindern, dass Russland die Herrschaft ĂŒber die Ukraine oder grĂ¶ĂŸere Teile von ihr erlangt, denn dies vermindert die SpielrĂ€ume fĂŒr soziale KĂ€mpfe und den Grad sozialer Freiheiten und Rechte, welche die Ausgangsbedingung fĂŒr etwaige zukĂŒnftige Verbesserungen – aufs Ganze gesehen, fĂŒr die soziale Revolution – sind.

Die Einleitung, also das knappe Statement der Soligruppe strotzt vor romantischen Phrasen wie etwa: „Gegen die Kriege des Kapitalismus hilft nur Klassenkrieg, sozialer Krieg, Insurrektion/Aufstand und soziale Revolution. Wir haben kein Vaterland, wir sind Parias, wir werden keine eigene noch fremde herrschende Klasse verteidigen, es gilt sie alle anzugreifen und zu zerstören“. Liebe Genoss*innen ich glaube euch ja, das ihr das glaubt. Ich meine nur, dass fair wĂ€re, dieses hochtönende Bekenntnis mit Inhalt zu unterfĂŒttern und sich – statt sich vorrangig selbst zu versichern und in seinem Sektendasein wohlzufĂŒhlen – mit den RealitĂ€ten der russischen Invasion und des Regimes in Russland auseinander zu setzen. Dies schließt selbstverstĂ€ndlich dessen StĂŒtzung durch ExportabhĂ€ngigkeiten, Handelsbeziehungen, geostrategische Bedrohung, die raubtierkapitalistische Ausbeutung in den 90er Jahren, die Duldung von groben Menschenrechtsverletzungen durch westeuropĂ€ische Regierungen ein.

Besonders Ă€rgerlich ist, dass im Statement mit groben Verdrehungen und Unterstellungen gearbeitet wird. Dies verwundert nicht, denn wo grundsĂ€tzlich nicht die Bereitschaft besteht, die eigenen Dogmen zu ĂŒberdenken, verfallen ihre Verfechter in Stresssituationen eben in die Ultra-Orthodoxie. Genoss*innen auf die eine oder andere Weise in der Ukraine gegen die russische Invasion kĂ€mpfen zu unterstĂŒtzen, ist nicht das gleiche, wie den ukrainischen Staat zu unterstĂŒtzen. Zumindest dem Anspruch nach auf die Selbstorganisation und die Einmischung von Anarchist*innen im Krieg zu setzen, ist nicht das gleiche, wie eine Beteiligung am Krieg zu rechtfertigen. Mit dem Herzen bei ihnen zu sein bedeutet nicht, einem höchst problematischen Militarismus und Waffenfetischismus zu verfallen. Diese Position schließt auch nicht aus, Rheinmetall zu entwaffnen und das 100 Mrd. RĂŒstungsbudget zu kritisieren.

Was ĂŒbrig bleibt, sind moralisierende Todschlagargumente, die den pseudo-religiösen Charakter der Autor*innen offenbaren. Von „VerrĂ€ter*innen“, „Konterrevolution“, „Reaktion“, „Reformismus“ und „Schande“ wird da herum posaunt. Mit diesem BauchgefĂŒhls-Geblubber werden dann jene Genoss*innen diffamiert, welche sich differenzierter mit der Situation in Russland und der Ukraine auseinandersetzen. Dabei mutet es albern an, dass die Autor*innen ĂŒber kaum eine Vorstellung von „Revolution“ zu verfĂŒgen scheinen. Dies nĂ€mlich wĂŒrde bedeuten, sich einmischen und aktuelle Entwicklungen mitgestalten zu wollen – in SolidaritĂ€t mit jenen, die sich fĂŒr die Potenziale und SpielrĂ€ume freiheitlicher gesellschaftlicher Transformation engagieren.

Wer dies nicht begreift und anerkennen möchte, verachtet Menschenleben fĂŒr die eigene Prinzipientreue. Wenn das „anarchistisch“ sein soll, dann gute Nacht! Eure Denkweise (inklusive den VersatzstĂŒcken leninistischer Imperialismustheorien) kommt dem Bolschewismus nĂ€her als dem Anarchismus!

Es folgen zur Dokumentation die historischen Texte zum Thema


Errico Malatesta, Anarchisten haben ihre Prinzipien vergessen (1914)

UrsprĂŒnglich veröffentlicht unter dem Titel »Anarchists have forgotten their Principles« in der Zeitschrift Freedom (London), Nummer 307 (November 1914).

Auf die Gefahr hin, als Einfaltspinsel zu gelten, gestehe ich, es niemals fĂŒr möglich gehalten zu haben, dass Sozialisten – oder selbst Sozialdemokraten – einem Krieg wie dem gegenwĂ€rtig Europa verwĂŒstenden Beifall spenden und freiwillig, sei es auf der Seite Deutschlands oder der Alliierten, an ihm teilnehmen wĂŒrden. Was aber soll man sagen, wenn Anarchisten dasselbe tun – zwar nicht viele, das stimmt, darunter jedoch einige der geschĂ€tztesten und angesehensten Genossen?1

Es wird behauptet, die gegenwĂ€rtige Situation offenbare den Bankrott »unserer Formeln« – d.h. unserer Prinzipien – und man mĂŒsse sie revidieren.

Allgemein gesprochen muss jede Formel revidiert werden, wenn die gegebenen Fakten sie als unzureichend erweisen; doch das ist heute nicht der Fall, wo nicht etwa MĂ€ngel unserer Formeln, sondern die Tatsache, dass sie vergessen und verraten wurden, zu einem Bankrott fĂŒhren.

Lasst uns zu unseren Prinzipien zurĂŒckkehren.

Ich bin kein »Pazifist«. Ich kĂ€mpfe, wie wir alle, fĂŒr den Triumph von Frieden und BrĂŒderlichkeit unter allen Menschen; doch ich weiß, dass der Wunsch, nicht zu kĂ€mpfen, nur dann erfĂŒllt werden kann, wenn keine Seite dies tun möchte, und dass, solange es Menschen gibt, die die Freiheiten anderer verletzen, diese anderen sich verteidigen mĂŒssen, wenn sie nicht ewig geschlagen werden wollen; und ebenso weiß ich, dass Angriff hĂ€ufig die beste, oder einzige, Verteidigung ist. Außerdem denke ich, dass die UnterdrĂŒckten immer in einer Situation legitimer Selbstverteidigung sind und immer das Recht haben, die UnterdrĂŒcker anzugreifen. Ich rĂ€ume deshalb ein, dass es notwendige, heilige Kriege gibt: Kriege der Befreiung, die in der Regel »BĂŒrgerkriege«, d.h. Revolutionen sind.

Doch was hat der gegenwÀrtige Krieg mit der menschlichen Emanzipation gemein, um die es uns geht?

Heute hören wir, wie Sozialisten – nicht anders als irgendein BĂŒrger – von »Frankreich«, »Deutschland« und anderen politischen und nationalen Gebilden, die das Ergebnis historischer KĂ€mpfe sind, so reden, als wĂ€ren es homogene ethnographische Einheiten mit jeweils eigenen Interessen, Bestrebungen und eigener Mission, die im Gegensatz zu denen der rivalisierenden Einheiten stehen. Dies mag relativ gesehen stimmen, solange die UnterdrĂŒckten, namentlich die Arbeiter, kein Selbstbewusstsein haben und die Ungerechtigkeit ihrer UnterdrĂŒcker nicht zu erkennen vermögen. Dann kommt es allein auf die herrschende Klasse an; und aufgrund des BedĂŒrfnisses, ihre eigene Macht zu erhalten und zu vergrĂ¶ĂŸern, ja sogar aufgrund eigener Vorurteile und Auffassungen mag es dieser Klasse gelegen scheinen, rassische Bestrebungen und Rassenhass zu entfachen und ihre Nation, ihre Herde, gegen »fremde« LĂ€nder in Marsch zu setzen, um diese ihren gegenwĂ€rtigen UnterdrĂŒckern zu entwinden und der eigenen politisch-ökonomischen Herrschaft zu unterwerfen.

Doch die Aufgabe derer, die wie wir das Ende jeglicher UnterdrĂŒckung und Ausbeutung des Menschen durch den Menschen anstreben, besteht darin, ein Bewusstsein des Interessenantagonismus zwischen Herrschern und Beherrschten, zwischen Ausbeutern und Arbeitern zu wecken und innerhalb jedes Landes den Klassenkampf sowie die grenzĂŒberschreitende SolidaritĂ€t aller Arbeiter zu entfalten, gegen jegliches Vorurteil und jegliche Begeisterung fĂŒr Rasse oder NationalitĂ€t.

Und wir haben dies schon immer getan. Wir haben immer propagiert, dass die Arbeiter aller LĂ€nder BrĂŒder sind und dass der Feind – der »Fremde« – der Ausbeuter ist, ob er nun in der NĂ€he oder in einem fernen Land geboren ist, ob er dieselbe Sprache oder irgendeine andere spricht. Wir haben unsere Freunde, unsere KampfgefĂ€hrten, ebenso wie unsere Feinde immer nach den von ihnen vertretenen Ideen und ihrer Position im sozialen Kampf, niemals aber mit Blick auf Rasse oder NationalitĂ€t bestimmt. Wir haben den Patriotismus, ein Relikt der Vergangenheit, das den Interessen der UnterdrĂŒcker gute Dienste leistet, immer bekĂ€mpft; und wir waren stolz darauf, nicht nur in Worten, sondern im Tiefsten unserer Seele Internationalisten zu sein.

Und nun, da die grauenvollsten Folgen kapitalistischer und staatlicher Herrschaft selbst den Blinden zeigen, dass wir im Recht waren, verbĂŒnden sich die Sozialisten und viele Anarchisten in den kriegfĂŒhrenden Staaten mit der Regierung und der Bourgeoisie ihres jeweiligen Landes, vergessen sie den Sozialismus, den Klassenkampf, die internationale BrĂŒderlichkeit und alles ĂŒbrige. Welch‘ tiefer Fall!

Es mag sein, dass die gegenwĂ€rtigen Ereignisse gezeigt haben, dass nationale GefĂŒhle lebendiger, GefĂŒhle internationaler Bruderschaft hingegen schwĂ€cher verwurzelt sind, als wir dachten; aber das sollte ein Grund mehr sein, unsere antipatriotische Propaganda zu verstĂ€rken, anstatt sie aufzugeben. Die Ereignisse zeigen auch, dass etwa in Frankreich religiöse GefĂŒhle stĂ€rker und Priester einflussreicher sind, als wir meinten. Ist das ein Grund dafĂŒr, dass wir zum römischen Katholizismus konvertieren?

Mir ist bewusst, dass es UmstĂ€nde geben kann, unter denen das allgemeine Wohl die Hilfe aller erfordert – etwa eine Epidemie2, ein Erdbeben oder eine Invasion von Barbaren, die alles töten und zerstören, was in ihre HĂ€nde gerĂ€t. In einem solchen Fall muss der Klassenkampf, mĂŒssen die Unterschiede in der sozialen Stellung vergessen werden, um gemeinsam gegen die gemeinsam erfahrene Bedrohung vorzugehen – allerdings unter der Bedingung, dass beide Seiten diese Unterschiede vergessen. Wenn sich wĂ€hrend eines Erdbebens Menschen in einem GefĂ€ngnis befinden und bei dessen Einsturz ums Leben zu kommen drohen, dann haben wir die Pflicht, alle, selbst die WĂ€rter, zu retten – unter der Bedingung, dass die WĂ€rter ihrerseits zunĂ€chst die ZellentĂŒren aufschließen. Treffen sie dagegen alle Vorkehrungen, um die Inhaftierung der Gefangenen wĂ€hrend und nach der Katastrophe sicherzustellen, dann haben die Gefangenen gegenĂŒber sich selbst und ihren inhaftierten GefĂ€hrten die Pflicht, die WĂ€rter ihrem Schicksal zu ĂŒberlassen und die Gelegenheit zu nutzen, sich selbst zu retten.

Kommt es zu einer Invasion des heiligen Bodens des Vaterlands durch auslĂ€ndische Soldaten und sollte die privilegierte Klasse ihre Privilegien aufgeben und so handeln, dass das »Vaterland« tatsĂ€chlich das gemeinsame Eigentum aller Einwohner wird, dann wĂ€re es richtig, dass alle gemeinsam gegen die Invasoren kĂ€mpfen. Wollen die Könige aber Könige bleiben, die Grundbesitzer ihr Land und ihre HĂ€user retten und die HĂ€ndler ihre GĂŒter schĂŒtzen – und sogar noch teurer verkaufen -, dann sollten die Arbeiter, die Sozialisten und Anarchisten sie sich selbst ĂŒberlassen und nach einer Gelegenheit Ausschau halten, sich der UnterdrĂŒcker im eigenen Land ebenso zu entledigen wie der aus dem Ausland anrĂŒckenden.

Es ist unter allen UmstĂ€nden die Pflicht der Sozialisten, und besonders der Anarchisten, alles zu tun, was den Staat und die kapitalistische Klasse schwĂ€chen kann, und allein das Interesse des Sozialismus zur Richtschnur des Handelns zu machen; oder, sofern sie der materiellen Machtmittel entbehren, um wirkungsvoll fĂŒr ihre Sache einzutreten, wenigstens der Sache des Feindes jede freiwillige UnterstĂŒtzung zu verweigern und sich aus dem Geschehen herauszuhalten, um zumindest ihre Prinzipien zu retten – was gleichbedeutend damit ist, die Zukunft zu retten.

Alles bisher Gesagte ist Theorie, und als Theorie akzeptieren es vielleicht auch die meisten derer, die in der Praxis das genaue Gegenteil tun. Wie also kann man es auf die gegenwĂ€rtige Situation beziehen? Was sollten wir tun, worauf sollten wir – im Interesse unserer Sache – hoffen?

Ein Sieg der Alliierten, so heißt es auf dieser Seite des Rheins, wĂ€re das Ende des Militarismus, der Triumph der Zivilisation, der internationalen Gerechtigkeit etc. Dasselbe wird auf der anderen Seite der Front ĂŒber einen deutschen Sieg gesagt.

Persönlich habe ich, wenn ich den »tollwĂŒtigen Hund« von Berlin und den »alten Henker« von Wien nĂŒchtern beurteile, nicht mehr Vertrauen in den blutrĂŒnstigen Zar oder in die englischen Diplomaten, die Indien unterdrĂŒcken, die Persien verrieten, die die Burenrepubliken zerschlagen haben; oder in die französische Bourgeoisie, die die Eingeborenen Marokkos massakriert hat; oder in die belgische, die die Grausamkeiten im Kongo zugelassen und erheblich davon profitiert hat – und ich erinnere hier nur an einige beliebig ausgewĂ€hlte ihrer Untaten, und rede gar nicht von dem, was alle Regierungen und alle kapitalistischen Klassen gegen die Arbeiter und Rebellen im eigenen Land tun. Meines Erachtens wĂŒrde ein Sieg Deutschlands gewiss den Triumph von Militarismus und Reaktion bedeuten; doch ein Sieg der Alliierten wĂŒrde eine russisch-englische (d.h. knuto-kapitalistische) Herrschaft in Europa und Asien, wĂŒrde die allgemeine Wehrpflicht und die Entwicklung eines militaristischen Geistes in England sowie eine klerikale, möglicherweise monarchistische Reaktion in Frankreich bedeuten.

Außerdem ist es meines Erachtens sehr wahrscheinlich, dass keine der Seiten einen definitiven Sieg erringen wird. Nach einem langen Krieg und gewaltigem Verlust an Menschenleben und Vermögen, wenn beide Seiten erschöpft sind, wird man irgendeinen Friedensvertrag zusammenflicken, der alle Fragen offen lĂ€sst und dergestalt einem neuen, noch mörderischeren Krieg den Boden bereitet.3

Die einzige Hoffnung heißt Revolution; und da ich in Anbetracht der gegenwĂ€rtigen Lage denke, dass die Revolution aller Wahrscheinlichkeit nach zuerst in einem besiegten Deutschland ausbrechen wĂŒrde, hoffe ich aus diesem Grund – und nur aus diesem Grund – auf die Niederlage Deutschlands.

Ich mag natĂŒrlich im Irrtum sein ĂŒber die richtige Position. Doch fĂŒr alle Sozialisten (Anarchisten und andere) elementar und grundlegend zu sein scheint mir die Notwendigkeit, sich von jeglichem Kompromiss mit den Regierungen und den herrschenden Klassen fernzuhalten, um in der Lage zu sein, jede sich möglicherweise bietende Gelegenheit zum eigenen Vorteil nutzen, und in jedem Fall, um unsere Vorbereitungen und Propaganda fĂŒr die Revolution neu aufzunehmen und fortzusetzen.

Errico Malatesta, Anarchisten als RegierungsbefĂŒrworter (1916)

Veröffentlicht unter dem Titel »Pro-Government Anarchists« in der Zeitschrift Freedom (London), Nummer 324 (April 1916).

UnlĂ€ngst ist ein Manifest4 erschienen, unterzeichnet von Kropotkin, Malato und einem Dutzend weiterer alter Genossen, in dem sie, genau wie die Regierungen der Entente, die einen Kampf bis zum Äußersten, bis zur Niederwerfung Deutschland fordern, gegen die Idee eines »verfrĂŒhten Friedens« Stellung bezogen. Die kapitalistische Presse veröffentlicht, mit sichtlicher Befriedigung, AuszĂŒge aus diesem Manifest, das sie als Werk »fĂŒhrender Vertreter der internationalen anarchistischen Bewegung« ausgibt. Die Anarchisten, die fast durchweg ihren Überzeugungen treu geblieben sind, haben die Pflicht, gegen diesen Versuch zu protestieren, den Anarchismus fĂŒr die Fortsetzung eines blutigen Gemetzels zu vereinnahmen, das nie zu der Hoffnung Anlass gab, die Sache von Freiheit und Gerechtigkeit zu fördern und das sich inzwischen als absolute Sackgasse erweist, selbst aus Sicht der Herrschenden, egal, auf welcher Seite des SchĂŒtzengrabens sie stehen.

Die Aufrichtigkeit und die guten Absichten derer, die das Manifest unterzeichnet haben, stehen außer Frage. Doch so schmerzlich es sein mag, sich mit alten Freunden zu Überwerfen, die der Sache, die in der Vergangenheit einmal unsere gemeinsame war, so viele gute Dienste erwiesen haben, so es ist es dennoch – aus GrĂŒnden der Ehrlichkeit und im Interesse unserer emanzipatorischen Bewegung – unerlĂ€sslich, sich von Genossen zu trennen, die anarchistische Ideen fĂŒr vereinbar halten mit der Tatsache, dass man die Regierungen und die Kapitalistenklasse mancher LĂ€nder in ihrem Kampf gegen die Kapitalisten und Regierenden anderer LĂ€nder unterstĂŒtzt.

Im Laufe des gegenwĂ€rtigen Krieges haben wir gesehen, wie sich Republikaner in den Dienst von Königen stellten, Sozialisten gemeinsame Sache mit der herrschenden Klasse machten, Arbeitervertreter den Interessen von Kapitalisten dienten; doch diese Leute sind allesamt, in unterschiedlichem Ausmaß, Konservative, die an die Mission des Staates glauben, und ihr Zögern ist verstĂ€ndlich, wenn man bedenkt, dass der einzige Ausweg in der Beseitigung jeder staatlichen GĂ€ngelung, in der Entfesselung der sozialen Revolution besteht. Doch auf Seiten der Anarchisten ist ein solches Zögern unverstĂ€ndlich. Wir behaupten, dass der Staat unfĂ€hig ist, irgendetwas Gutes zu bewirken. Sowohl auf internationaler Ebene als auch in individuellen Beziehungen kann er Aggression nur bekĂ€mpfen, indem er selbst zum Aggressor wird; er kann das Verbrechen nur verhindern, indem er noch grĂ¶ĂŸere Verbrechen organisiert und begeht. Selbst angenommen – was weit von der Wahrheit entfernt ist -, dass Deutschland die Alleinschuld fĂŒr den gegenwĂ€rtigen Krieg trĂ€gt, so ist erwiesen, dass man Deutschland, wenn man Regierungsmethoden befolgt, nur widerstehen kann, indem man alle Freiheiten beseitigt und allen KrĂ€ften der Reaktion ihre Macht zurĂŒckerstattet.

Abgesehen von einer revolutionĂ€ren Massenbewegung gibt es keinen anderen Weg, der Bedrohung durch eine disziplinierte Armee zu widerstehen, als eine noch stĂ€rkere und noch diszipliniertere Armee aufzustellen, sodass die entschiedensten Antimilitaristen, sofern sie keine Anarchisten sind und vor der Zerstörung des Staates zurĂŒckschrecken, keine andere Wahl haben, als zu glĂŒhenden Militaristen zu werden. TatsĂ€chlich haben sie, in der fragwĂŒrdigen Hoffnung, den preußischen Militarismus zu zerschlagen, jeden Freiheitsgeist und alle freiheitlichen Traditionen aufgegeben, haben England und Frankreich verpreußt, haben sich dem Zarismus unterworfen, haben das Prestige des wankenden italienischen Throns wiederhergestellt.

Können Anarchisten auch nur einen Moment lang einen solchen Zustand billigen, ohne jegliches Recht verwirkt zu haben, sich Anarchisten zu nennen? Was mich betrifft, so ist mir selbst die gewaltsam aufgezwungene Fremdherrschaft, gegen die sich Widerstand regt, noch lieber als die UnterdrĂŒckung im Inneren, die demĂŒtig, fast dankbar ertragen wird, in der Hoffnung, dass uns auf diesem Wege ein grĂ¶ĂŸeres Übel erspart bleibt. Es ist sinnlos, wie die Verfasser und Unterzeichner des fraglichen Manifestes, zu behaupten, dass ihre Haltung durch außergewöhnliche UmstĂ€nde bedingt sei und dass, wenn der Krieg erst einmal vorbei ist, jeder in sein Lager zurĂŒckkehren und fĂŒr sein eigenes Ideal kĂ€mpfen wird. Denn wenn es jetzt notwendig ist, eintrĂ€chtig mit der Regierung und dem Kapitalismus zusammenzuarbeiten, um sich vor der »teutonischen Gefahr« zu schĂŒtzen, wird es auch nach dem Krieg notwendig sein. Egal, wie vernichtend die Niederlage der deutschen Armee ausfĂ€llt – sofern sie ĂŒberhaupt geschlagen wird -, es wird niemals möglich sein, die deutschen Patrioten davon abzuhalten, auf Rache zu sinnen und sie vorzubereiten. Und die Patrioten anderer Regionen werden sich, aus ihrer Sicht vollkommen zu Recht, bereit halten wollen, um sich nicht ĂŒberrumpeln zu lassen. Das bedeutet, dass der preußische Militarismus eine stehende und dauerhafte Einrichtung in allen LĂ€ndern wird. Was werden dann die angeblichen Anarchisten sagen, die jetzt den Sieg einer der kriegfĂŒhrenden Allianzen herbeiwĂŒnschen? Werden sie, wenn sie sich Antimilitaristen nennen, fĂŒr AbrĂŒstung, Wehrdienstverweigerung, Sabotage der Landesverteidigung eintreten, nur um sich beim geringsten Anzeichen eines neuen Krieges in Werbeoffiziere der Regierungen zu verwandeln, die sie zuvor hatten entwaffnen und lahmlegen wollen?

Es heißt, dergleichen wĂŒrde sich erĂŒbrigen, wenn das deutsche Volk sich seiner Tyrannen entledigen wĂŒrde und durch die Beseitigung des Militarismus in seinem Land keine Bedrohung ihr Europa mehr wĂ€re. Doch wĂŒrden die Deutschen nicht in der berechtigten Überzeugung, dass eine englische und französische Herrschaft (vom zaristischen Russland ganz zu schweigen) fĂŒr die Deutschen nicht angenehmer wĂ€re als eine deutsche Herrschaft ĂŒber Franzosen und EnglĂ€nder, gegebenenfalls lieber abwarten wollen, dass die Russen und die anderen ihren eigenen Militarismus abschaffen und bis dahin ihre Armee weiter aufrĂŒsten? Und was dann? Wie lange soll man die Revolution aufschieben? Und die Anarchie? MĂŒssen wir ewig warten, dass die anderen anfangen?

Die Maxime ihres Handelns ist den Anarchisten durch die unerbittliche Logik ihrer Ziele eindeutig vorgegeben.

Der Krieg hĂ€tte durch die Revolution verhindert werden mĂŒssen oder zumindest durch die Angst der Regierungen vor einer drohenden Revolution. Die StĂ€rke und das Geschick, die dazu notwendig gewesen wĂ€ren, haben gefehlt. Der Frieden muss durch die Revolution erzwungen werden, oder zumindest durch den Versuch, sie herbeizufĂŒhren. Dazu fehlt es derzeit wiederum an StĂ€rke und Geschick. Nun gut! Es gibt nur einen Ausweg: es in der Zukunft besser zu machen. Mehr denn je mĂŒssen wir jeden Kompromiss ablehnen, die Kluft zwischen Kapitalisten und Lohnsklaven, Regierenden und Regierten vertiefen, die Enteignung des Privateigentums und die Zerstörung des Staates propagieren, als einzige Mittel, um ein brĂŒderliches Zusammenleben der Völker sowie Freiheit und Gerechtigkeit fĂŒr alle zu garantieren. Und wir mĂŒssen uns darauf vorbereiten, all das auch zu bewerkstelligen. Bis dahin halte ich es fĂŒr ein Verbrechen, auch nur das Geringste zu unternehmen, was diesen Krieg verlĂ€ngern könnte, der Menschen mordet, Wohlstand vernichtet und das Wiederaufleben des Kampfes um Befreiung verhindert. Ich denke, dass wer einen »Krieg bis zum Äußersten« propagiert, in Wahrheit das Spiel der Regierenden in Deutschland betreibt, die ihre Untertanen tĂ€uschen und ihren Kampfesmut anstacheln, indem sie ihnen einreden, ihre Gegner wollten das deutschen Volk unterwerfen und knechten.

Jetzt, wie seit jeher, muss unsere Devise lauten: >Nieder mit den Kapitalisten und den Regierungen, allen Kapitalisten und allen Regierungen!< Und die Völker sollen leben, alle Völker! 


Manifest der Sechzehn (1916)

Christian Comelissen, Henri Fuss, Jean Grave, Jacques Guérin, Peter Kropotkin, Charles Malato

Von verschiedenen Seiten werden Stimmen laut, die einen sofortigen Frieden fordern. „Genug des Blutvergießens, genug der Zerstörung“, heißt es, „es ist Zeit, damit aufzuhören, auf welche Weise auch immer“. Mehr als irgendjemand sonst, und das seit langem, sind wir, in unseren Zeitungen, gegen jeden Angriffskrieg zwischen Staaten eingetreten, und gegen jeden Militarismus, egal, ob er den Helm des Kaisers oder den der Republik trĂ€gt. Und wir wĂ€ren im höchsten Maße beglĂŒckt, wenn die Arbeiter Europas auf einem internationalen Kongress die Bedingungen fĂŒr einen Frieden diskutieren wĂŒrden – wenn so etwas möglich wĂ€re. Zumal sich das deutsche Volk im August 1914 hat tĂ€uschen lassen, und auch wenn es wirklich geglaubt hat, fĂŒr die Verteidigung seines Territoriums mobilisiert zu werden, so hatte es mittlerweile Zeit genug, um zu bemerken, dass man es betrogen und stattdessen in einen Eroberungskrieg geworfen hat.

TatsĂ€chlich sollten die deutschen Arbeiter, zumindest in ihren mehr oder weniger fortschrittlichen Gruppierungen, inzwischen verstanden haben, dass die PlĂ€ne zur Invasion Frankreichs, Belgiens und Russlands von langer Hand vorbereitet waren und dass, wenn dieser Krieg nicht 1875, 1880, 1911 oder 1913 ausgebrochen ist, es daran lag, dass die internationalen Beziehungen zu dieser Zeit noch keine so gĂŒnstigen Voraussetzungen boten und die militĂ€rischen Vorbereitungen noch nicht weit genug vorangeschritten waren, um Deutschland die Aussicht auf einen Sieg zu eröffnen (VervollstĂ€ndigung der strategischen Linien, Ausbau des Nordostseekanals, Perfektionierung der großen BelagerungsgeschĂŒtze). Und jetzt, nach zwanzig entsetzlich verlustreichen Monaten Krieg sollte ihnen bewusst sein, dass die deutsche Armee ihre Eroberungen nicht wird behaupten können. Zumal der Grundsatz zu berĂŒcksichtigen ist (den Frankreich schon 1859, nach der Niederlage Österreichs, anerkannt hat), dass es der Bevölkerung jedes Territoriums selbst obliegt, darĂŒber zu entscheiden, ob sie annektiert werden möchte oder nicht.

Wenn die deutschen Arbeiter beginnen, die Situation so zu verstehen, wie wir es tun, und wie bereits jetzt eine kleine Minderheit ihrer Sozialdemokraten sie versteht5 – und wenn es ihnen gelingt, sich bei ihren Regierenden Gehör zu verschaffen –, dann könnte es eine Ebene der VerstĂ€ndigung geben, um mit Friedensverhandlungen zu beginnen. Doch dazu mĂŒssten sie erklĂ€ren, dass sie Annexionen absolut ablehnen; dass sie auf das Vorhaben verzichten, von den eroberten Nationen „Kontributionen“ zu erheben; dass sie die Pflicht des deutschen Staates anerkennen, die materiellen SchĂ€den, die von den Invasoren bei ihren Nachbarn angerichtet wurden, im Rahmen des Möglichen zu beheben, und dass sie nicht die Absicht hegen, sie durch sogenannte HandelsvertrĂ€ge ökonomisch zu unterwerfen. Leider sind bisher keine Anzeichen eines solchen Erwachens seitens des deutschen Volkes zu erkennen.

Es war von der Zimmerwalder Konferenz6 die Rede, doch auf dieser Konferenz fehlte das Wesentliche: eine Vertretung der deutschen Arbeiter7. Man hat auch viel Aufhebens von einigen Unruhen gemacht, die in Deutschland wegen der hohen Lebensmittelpreise ausgebrochen sind. Dabei wird vergessen, dass es in allen großen Kriegen zu solchen Unruhen kam, ohne dass sie Einfluss auf deren Dauer hatten. Außerdem weisen alle derzeit von der deutschen Regierung getroffenen Maßnahmen darauf hin, dass sie neue Offensiven fĂŒr das FrĂŒhjahr plant. Da sie aber auch weiß, dass die Alliierten ihr im FrĂŒhjahr mit neuen, besser ausgerĂŒsteten Armeen und einer viel stĂ€rkeren Artillerie als zuvor gegenĂŒberstehen werden, arbeitet sie auch daran, Zwietracht in den Bevölkerungen der alliierten LĂ€nder zu sĂ€en. Und sie setzt dafĂŒr ein Mittel ein, das so alt ist wie der Krieg selbst: das Verbreiten von GerĂŒchten ĂŒber einen bevorstehenden Frieden, dem sich auf Seiten des Gegners nur die MilitĂ€rs und die Waffenlieferanten widersetzen wĂŒrden. Eben darum bemĂŒhte sich BĂŒlow mit seinen SekretĂ€ren wĂ€hrend seines letzten Aufenthalts in der Schweiz.

Doch was sind seine Bedingungen fĂŒr einen Friedensschluss?

Die Neue ZĂŒricher Zeitung glaubt zu wissen, und die regierungsamtliche Norddeutsche Zeitung widerspricht ihr nicht, dass ein Großteil Belgiens gerĂ€umt wĂŒrde, allerdings nur unter der Bedingung, dass das Land Garantien abgibt, dass es sich nicht nochmals, wie im August 1914, dem Durchmarsch deutscher Truppen widersetzt. Was wĂ€ren das fĂŒr Garantien? Die belgischen Kohlegruben? Der Kongo? Davon verlautet nichts. Doch bereits jetzt wird eine hohe jĂ€hrliche Kontribution erhoben. Die eroberten Territorien in Frankreich wĂŒrden zurĂŒckgegeben, ebenso der französischsprachige Teil Lothringens. Doch im Gegenzug mĂŒsste Frankreich dem deutschen Staat alle russischen Anleihen ĂŒberlassen, deren Wert sich auf achtzehn Milliarden belĂ€uft. Mit anderen Worten, eine Kontribution von achtzehn Milliarden, die von den französischen Land- und Industriearbeitern aufzubringen wĂ€ren, weil sie die Steuerzahler sind. Achtzehn Milliarden fĂŒr den RĂŒckkauf von zehn Departements, die dank ihrer HĂ€nde Arbeit so reich und prosperierend waren und die sie ruiniert und verwĂŒstet zurĂŒckerhalten


Und wenn man wissen will, was man in Deutschland ĂŒber die Friedensbedingungen denkt, so ist eines sicher: die bĂŒrgerliche Presse bereitet die Nation auf den Gedanken vor, Belgien und die französischen Norddepartements schlicht und einfach zu annektieren. Und es gibt in Deutschland keine Kraft, die dagegen Widerstand leisten wĂŒrde. Die Arbeiter, die ihre Stimme gegen diese Eroberungen hĂ€tten erheben mĂŒssen, tun es nicht. Die gewerkschaftlich organisierten Arbeiter lassen sich von der Welle imperialistischer Begeisterung mitreißen und die sozialdemokratische Partei, die trotz ihres Massenanhangs zu schwach ist, um in allem, was den Frieden betrifft, Einfluss auf die Entscheidungen der Regierung zu nehmen, ist in dieser Frage in zwei verfeindete Lager gespalten, wobei die Parteimehrheit auf Seiten der Regierung steht. Das deutsche Reich sieht angesichts der Tatsache, dass seine Armeen seit achtzehn Monaten 90 Kilometer vor Paris stehen und dass es in seinem Traum von neuen Eroberungen vom deutschen Volk unterstĂŒtzt wird, keinerlei Veranlassung, warum es aus seinen bisherigen Eroberungen keinen Nutzen ziehen sollte. Es glaubt sich in der Lage, Friedensbedingungen diktieren zu können, die ihm ermöglichen wĂŒrden, mit den neuen Milliarden an Kontributionen weiter aufzurĂŒsten, um Frankreich bei passender Gelegenheit erneut anzugreifen, ihm seine Kolonien und weitere Provinzen zu entreißen, ohne seinen Widerstand noch fĂŒrchten zu mĂŒssen.

Gerade jetzt von Frieden zu sprechen, hieße genau, das Spiel der deutschen Regierungspartei zu betreiben, das von BĂŒlow und seiner Agenten.

Wir hingegen weigern uns strikt, die Illusionen mancher unserer Genossen zu teilen, was die friedlichen Absichten derer angeht, die die Geschicke Deutschlands lenken. Wir ziehen es vor, der Gefahr ins Auge zu blicken und zu unternehmen, was notwendig ist, um sie abzuwenden. Diese Gefahr zu ignorieren hieße, sie zu vergrĂ¶ĂŸern.

Unserer tiefsten Überzeugung nach ist die deutsche Aggression eine – in die Tat umgesetzte – Bedrohung nicht nur unserer Emanzipationshoffnungen, sondern der menschlichen Entwicklung schlechthin. Deshalb haben wir Anarchisten, wir Antimilitaristen, wir Kriegsgegner, wir leidenschaftlichen BefĂŒrworter des Friedens und des brĂŒderlichen Miteinanders der Völker, uns auf die Seite des Wiederstandes gestellt, in dem Glauben, unser Schicksal nicht von dem der ĂŒbrigen Bevölkerung trennen zu dĂŒrfen. Wir halten es fĂŒr ĂŒberflĂŒssig zu betonen, dass wir es lieber gesehen hĂ€tten, dass diese Bevölkerung ihre Selbstverteidigung in die eigenen HĂ€nde nimmt. Da dies unmöglich war, blieb nur, sich in das UnabĂ€nderliche zu fĂŒgen. Und mit denen, die kĂ€mpfen, sind wir der Meinung, dass solange die deutsche Bevölkerung nicht zu vernĂŒnftigeren Vorstellungen von Recht und Gerechtigkeit zurĂŒckkehrt und endlich aufhört, sich als Werkzeug pangermanischer HerrschaftsplĂ€ne missbrauchen zu lassen, von Frieden keine Rede sein kann. Trotz des Krieges, trotz des Gemetzels haben wir natĂŒrlich nicht vergessen, dass wir Internationalisten sind, dass wir die Einheit der Völker wollen, das Verschwinden der Grenzen. Und gerade, weil wir die Versöhnung der Völker, einschließlich des deutschen Volkes, wollen, sind wir der Auffassung, dass man einem Aggressor widerstehen muss, der die Auslöschung all unserer emanzipatorischen Hoffnungen verkörpert.

Von Frieden zu sprechen, so lange die Partei, die Europa seit fĂŒnfundvierzig Jahren8 in ein befestigtes Heerlager verwandelt, in der Lage ist, ihre Bedingungen zu diktieren, wĂ€re der schlimmste Fehler, den man begehen könnte. Widerstand zu leisten und ihre PlĂ€ne zum Scheitern zu bringen, heißt, dem vernĂŒnftig gebliebenen Teil der deutschen Bevölkerung den Weg zu bereiten und ihm die Möglichkeit zu verschaffen, sich dieser Partei zu entledigen. Mögen unsere deutschen Genossen einsehen, dass dies die einzige, fĂŒr beiden Seiten vorteilhafte Lösung ist, dann sind wir bereit, mit ihnen zusammenzuarbeiten – 28. Februar 1916.

Christian Cornelissen9, Henri Fuss10, Jean Grave11, Jacques GuĂ©rin12, Peter Kropotkin, A. Laisant13, F. Le LĂšve (Lorient)14, Charles Malato15, Jules Moineau (LĂŒttich)16, Ant. Orfila (Husseindey, Algerien), M. Pierrot17, Paul Reclus18, Richard (Algerien)19, Ichikawa (Japan)20, W. Tscherkesoff21

Reformisten oder Insurrektionalisten? Errico Malatesta (1922)22

Offensichtlich glauben Herr Zirardini und seine applaudierenden GefĂ€hrten, dass man die populĂ€re Stimmung bewegen und manövrieren kann wie ein elektrisches GerĂ€t, das mit einem Schalter gesteuert wird: Stopp, vorwĂ€rts, rĂŒckwĂ€rts usw.

Eines Tages wollen sie, dass die Arbeiter ruhig sind und nur daran denken, sie in die Parlamente und GemeinderĂ€te zu schicken, und sie predigen gegen die Gewalt, gegen die insurrektionalistische Illusion und fĂŒr eine langsame, schrittweise, sichere Entwicklung, fĂŒr die legale Eroberung der öffentlichen Macht.

Dann kommen die SchlĂ€ge, die BrĂ€nde, die faschistischen Morde, um auch den Blinden zu zeigen, dass die LegalitĂ€t nichts bringt, denn auch wenn sie in manchen FĂ€llen fĂŒr die UnterdrĂŒckten gĂŒnstig ist, scheuen die UnterdrĂŒcker nicht davor zurĂŒck, sie zu verletzen und durch die grausamste Gewalt zu ersetzen; aber unsere guten Sozialisten geben sich MĂŒhe, dass die Arbeiter die Provokationen nicht auf sich nehmen und sich des „Heldentums der Geduld“ rĂŒhmen.

Schließlich werden die SchlĂ€ge zu stark und treffen auch die Schultern der AnfĂŒhrer, die gesamte Organisation, insbesondere die genossenschaftliche Organisation der Sozialisten, steht vor der Zerstörung, die Situation wird selbst fĂŒr die AnfĂŒhrer unertrĂ€glich, und so rufen sie zur Insurrektion auf!

Begreifen diese Herren, begreift Zirardini nicht, dass es lĂ€cherlich ist, zu hoffen, dass sie diejenigen, die sie fĂŒnfzig Jahre lang zu Schafen gemacht haben, plötzlich in Löwen verwandeln können? Und denken sie nicht, mit welchem spöttischen LĂ€cheln und Misstrauen sie einen Aufruf zur Insurrektion begrĂŒĂŸen werden, der von jenen Arbeitern ausgeht, die sie nicht entmachtet haben?

Und außerdem, wer könnte sie ernst nehmen, wenn es derselbe Zirardini ist, der mit einer möglichen Insurrektion droht, der die Zusammenarbeit der Sozialisten mit den antifaschistischen bourgeoisen Parteien vorschlĂ€gt, d.h. der eine weitere Illusion, eine weitere TĂ€uschung vorbringt, die darauf abzielt, die Arbeiter in der Hoffnung ruhig zu halten, dass die Rettung von der Regierung kommen wird, ohne dass sie sich selbst anstrengen mĂŒssen?

Wir zweifeln nicht an der GutglĂ€ubigkeit von irgendjemandem, aber es scheint uns eine einzigartige Verirrung, ein unglaubliches MissverstĂ€ndnis der Psychologie von Individuen und Massen zu sein, zu denken, dass man gleichzeitig an legale Mittel glauben und auf sie hoffen kann und gleichzeitig bereit ist, zu illegalen Mitteln zu greifen; sich fĂŒr Wahlen zu begeistern und sich fĂŒr eine Insurrektion vorzubereiten. Das mag in den Reden von Enrico Ferri ĂŒber die „zwei Beine“, auf denen der Sozialismus geht, möglich erscheinen, aber es wird durch alle historischen Erfahrungen widerlegt, ebenso wie durch das Gewissen eines jeden, der ein wenig innehĂ€lt, um sich selbst (A.d.Ü., kennen) zu lernen.

Wir erinnern uns zum Beispiel daran, einmal einem Vortrag des unaussprechlichen Misiano zugehört zu haben, in dem der damalige Abgeordnete, nachdem er von der unmittelbar bevorstehenden Revolution gesprochen und die Notwendigkeit einer technischen Vorbereitung betont hatte, auf die in sechs Monaten stattfindenden Kommunalwahlen zu sprechen kam und empfahl, die Listen schon jetzt aufzustellen und die Vorbereitung des Wahlkampfes mit AktivitÀt zu betreiben.

Könnt ihr euch vorstellen, dass jemand jeden Moment mit der Revolution rechnet und hart daran arbeitet, um darauf vorbereitet zu sein, und gleichzeitig fĂŒr die Kommunalwahlen arbeitet, die sechs Monate spĂ€ter stattfinden sollen? Oder umgekehrt: Jemand, der hofft, ohne Risiko und ohne großen Aufwand mit einer einfachen Abstimmung wirksam zum gesellschaftlichen Wandel beitragen zu können, und dann sein Brot, seine Freiheit, sein Leben in einer insurrektionellen Aktion riskieren will?

Eine Wahl muss getroffen werden; und natĂŒrlich wĂ€hlt die Mehrheit den Weg, der einfacher erscheint und der in allen FĂ€llen keine Gefahr darstellt; aber dann stellen sie fest, dass sie auf Sand gebaut haben, und wenn die Reaktion kommt, haben sie keine moralischen und materiellen KapazitĂ€ten, um zu widerstehen 
 und sie lassen sich schlagen und hungern.

Und wir haben ja gesehen, was passiert ist. Die Revolution wurde nicht gemacht, weil sie sie nicht machen wollten; stattdessen gab es Wahlen [
].

Die Insurrektion wird kommen, sie muss kommen; aber sie wird sicher nicht von den Parlamentariern ausgehen
 sie wird sich gegen sie richten.

Die Arbeiter mĂŒssen sich darauf vorbereiten, und dazu mĂŒssen sie sich von einer trĂŒgerischen Hoffnung auf die heutige oder kĂŒnftige Regierung, auf die Abgeordneten und diejenigen, die es werden wollen, verabschieden.

UmanitĂ  Nova, n. 140, 18. Juni 1922


1Die vorliegende Stellungnahme hat zum Hintergrund den kriegsbefĂŒrwortenden Kurs mancher Anarchisten (vor allem) aus Malatestas Londoner Umfeld. Besonders nahe ging Malatesta dabei der Zusammenstoß mit seinem alten Freund Peter Kropotkin, ĂŒber den er gegen Ende seines Lebens rĂŒckblickend schreibt: »[I]n der Tat gab es zwischen uns niemals eine ernsthafte Unstimmigkeit bis zu dem Tag, an dem sich im Jahre 1914 eine Frage praktischen Verhaltens stellte, die sowohl fĂŒr mich als auch fĂŒr ihn von grundlegender Bedeutung war: die Frage der Haltung nĂ€mlich, die die Anarchisten gegenĂŒber dem Krieg einnehmen sollten. Bei dieser unseligen Gelegenheit erwachten und erstarkten bei Kropotkin seine alten Vorlieben fĂŒr alles Russische oder Französische, und er erklĂ€rte sich zum leidenschaftlichen AnhĂ€nger der Entente. Er schien zu vergessen, daß er Internationalist, Sozialist und Anarchist war; er vergaß, was er selbst kurz zuvor ĂŒber den Krieg gesagt hatte, den die Kapitalisten vorbereiteten. Er begann, die schlimmsten StaatsmĂ€nner und die GenerĂ€le der Entente zu bewundern, behandelte die Anarchisten, die sich weigerten, der Heiligen Allianz beizutreten, als Feiglinge und beklagte es, daß Alter und Gesundheit ihm untersagten, ein Gewehr zu nehmen und gegen Deutschland zu marschieren. Eine VerstĂ€ndigung war daher nicht möglich: fĂŒr mich war es ein wirklich krankhafter Fall. Jedenfalls war es einer der schmerzhaftesten, tragischsten Momente meines Lebens (und ich wage zu sagen, auch des seinen), als wir nach einer außerordentlich mĂŒhseligen Diskussion wie Gegner, ja fast wie Feinde auseinandergingen.« (Peter Kropotkin. Erinnerungen und Kritik eines alten Freundes (1931), in: Errico Malatesta: Gesammelte Schriften. Band 2. Berlin: Karin Kramer Verlag, 1980: 56–66. Hier: S.58f.)

2Diese Anmerkung hat auch einen biographischen Hintergrund. So sind Malatesta und einige seiner Genossen im Jahr 1884 nach Neapel geeilt, wo die Cholera ausgebrochen war, um der Bevölkerung zu helfen.

3Dies lĂ€sst sich wohl als eine hellsichtige Vorwegnahme des Versailler Vertrags und der Entwicklung der Nachkriegszeit – hin zum Zweiten Weltkrieg – interpretieren.

4Veröffentlicht unter dem Titel »Pro-Government Anarchists« in der Zeitschrift Freedom (London), Nummer 324 (April 1916). Der Übersetzung liegt die Wiedergabe des Artikels in der von SĂ©bastien Faure herausgebenen EncyclopĂ©die anarchiste unter dem Stichwort »Seize (le manifeste des)« zugrunde. Das komplette Stichwort wurde aus dem Französischen ĂŒbersetzt von Michael Halfbrodt und findet sich in: Andreas Hohmann (Hg.): Ehern, tapfer, vergessen. Die unbekannte Internationale. Lieh: Edition AV, 2014: 13–53. Der Abdruck erfolgt mit freundlicher Genehmigung von Michael Halfbrodt und Andreas Hohmann. Im Februar 1916 wurde eine ErklĂ€rung, das berĂŒhmt berĂŒchtigte »Manifest der Sechzehn« veröffentlicht, in dem sich fĂŒhrende Anarchisten fĂŒr eine WeiterfĂŒhrung des Krieges gegen das Deutsche Reich aussprachen, sei doch »die deutsche Aggression eine – in die Tat umgesetzte – Bedrohung nicht nur unserer Emanzipationshoffnungen, sondern der menschlichen Entwicklung schlechthin«. Die Verfasser, unter anderem Jean Grave, Peter Kropotkin und Charles Malato, wandten sich damit auch gegen eine anarchistische ErklĂ€rung aus dem Jahre 1915 – »Die anarchistische Internationale und der Krieg« -, in der sich gleichermaßen gegen sĂ€mtliche am Krieg beteiligten MĂ€chte ausgesprochen worden war. Malatesta war einer der Unterzeichner letzterer ErklĂ€rung. Siehe zu alledem (auch die jeweiligen Texte) in: Ham Day: Das Manifest der Sechzehn (1933), in: Andreas Hohmann (Hg.): Ehern, tapfer, vergessen. Die unbekannte Internationale. Lieh: Edition AV, 2014: 13–53.

5Nachdem mit Karl Liebknecht und Otto RĂŒhle Ende 1914/Anfang 1915 die ersten SPD-Reichstagsabgeordneten die Bewilligung von Kriegskrediten abgelehnt hatten, bildete sich sowohl innerhalb der Partei als auch in der SPD-Parlamentsfraktion eine wachsende Opposition gegen den Krieg.

6Nach dem Tagungsort, dem schweizerischen Dorf Zimmerwald (nahe Bern) benannte sozialistische Konferenz vom 5.-8. September 1915, bei der Kriegsgegner aus verschiedenen sozialdemokratischen Parteien ĂŒber die AufkĂŒndigung der Burgfriedenspolitik und die RĂŒckkehr zum Klassenkampf als Mittel zur Beendigung zur Krieges berieten.

7Das ist unrichtig. TatsĂ€chlich war eine deutsche Delegation auf der Konferenz vertreten und zahlenmĂ€ĂŸig neben den Exilrussen sogar die stĂ€rkste Fraktion.

8Gemeint ist: seit dem deutsch-französischen Krieg von 1870–1871.

9Christiaan Comelissen (1864–1942), hollĂ€ndischer Anarchosyndikalist, Herausgeber des mehrsprachigen „Bulletin International du Mouvement Syndicaliste“ (1907–1914), das eine wichtige Koordinationsfunktion fĂŒr die internationale syndikalistische Bewegung hatte.

10Henri Fuss (1885–1964), Setzer und Journalist, vor dem Ersten Weltkrieg eine der aktivsten Figuren in der anarchistischen und syndikalistischen Bewegung Belgiens und Frankreichs.

11Jean Grave (1854–1939), Herausgeber der Zeitschriften „La Revolte“ (1885–1894) und „Les Temps nouveaux“ (1895–1914). Als Publizist und Propagandist kropotkinscher Ideen einer der einflussreichsten französischen Anarchisten vor dem Ersten Weltkrieg.

12Jacques GuĂ©rin (ca. 1884–1920), französischer Anarchist und einer der Herausgeber von „Les Temps Nouveaux“.

13Charles-Ange Laisant (1841–1920), französischer Offizier, Mathematiker und republikanischer Politiker, der sich in den 1890er Jahren zum Anarchisten wandelte.

14François Le LevĂ© (1882–1945), bretonischer Anarchosyndikalist. Aktiv in der Hafenarbeitergewerkschaft und der „Arbeitsbörse“ seiner Heimatstadt Lorient.

15Charles Malato (1857–1938), anarchistischer Schriftsteller und Journalist.

16Jules Moineau (1857–1934), belgischer Anarchist.

17Marc Pierrot (1871–1950), französischer Arzt und Anarchist, dem Syndikalismus nahestehend.

18Paul Reclus (1858–1941), französischer Anarchist, Sohn von Élie und Neffe von ÉlisĂ©e Reclus.

19Vermutlich Pierre Richard (7-1933/1934), französischer Metallarbeiter, der sich Anfang des 20. Jahrhunderts in Algerien niederließ und u.a. als Algerienkorrespondent von „Les Temps Nouveaux“ fungierte.

20Sanshiro Ishikawa (1876–1956), japanischer Anarchist, hielt sich wĂ€hrend des Ersten Weltkriegs in Frankreich auf.

21Waarlam Tscherkesoff (oder Tscherkessischwili, 1846–1925), aus georgischer Adelsfamlie stammender Anarchist und enger WeggefĂ€hrte Kropotkins.

22Gefunden auf Machorka, die Übersetzung ist von uns.




Quelle: Paradox-a.de