Dezember 14, 2021
Von Paradox-A
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Lesedauer: 4 Minuten

zuerst veröffentlicht auf: untergrund-bÀttle.ch.

In Hochglanz im A5-Format ist ein neues Magazin erschienen, in welchem Protestereignisse im deutschsprachigen Raum fotografisch und mit Berichten festgehalten werden.

Wem ein paar Euro fĂŒr linke Zine-Kultur und kritischen Journalismus nicht zu schade sind, kann die unregelmĂ€ĂŸig erscheinende Bella Ciao[1] von nun an bestellen. Auf 164 Seiten werden von 16 Demos und Aktionen zivilen Ungehorsams berichtet, sowie drei Interviews gefĂŒhrt. Von Freiburg bis Hamburg, von Zwönitz bis Karlsruhe sind darin unterschiedliche linke Ereignisse in der BRD dokumentiert.

Diese Arbeit ist wichtig, um das Geschichtsbewusstsein in emanzipatorischen sozialen Bewegungen aufrecht zu erhalten. Um das Umbruch-Bildarchiv ist eine Ă€hnliche Gruppe organisiert, welche sich seit 1988 dieser TĂ€tigkeit widmet und ihre Homepage vor einiger Zeit auf den neuesten Stand gebracht hat[2]. Mit dem Geschichtsbewusstsein verbunden ist auch das Selbst-Bewusstsein von Aktivitis. Weil die fotografische Dokumentation Reflexion ĂŒber das eigene Handeln ermöglicht, trĂ€gt sie dazu bei, mit den eigenen Ansichten und Anliegen selbstbewusst umzugehen. Nicht zu Letzt auch deswegen, weil lĂ€ngerfristig sichtbar wird, was in verschiedenen Orten in einem Jahr so geschieht.

Ein Spektren-ĂŒbergreifender Fokus auf den sichtbaren Protest

Der Fokus auf Protestereignisse ist dahingehend sicherlich klassisch. Gruppenprozesse oder Treffpunkte werden von Redaktions-Team in der ersten Ausgabe nicht festgehalten. Dabei ist auch dies wichtig, da die Bedeutung linksradikaler Zentren fĂŒr die Große, den Organisationsgrad und das Bewusstsein von sozialen Bewegungen oftmals erst in den Blick gerĂ€t, wenn sie an eigenen WidersprĂŒchen scheitern, zu bloß subkulturellen Orten verkommen oder durch staatliche Repression zerstört werden.

Ähnliches gilt fĂŒr (anti-)politische Gruppen oder auch Einzelpersonen, die sich trauen, ihr Gesicht zu zeigen. Sie brauchen dabei nicht als „besonders wichtig“ gelten. Es reicht, wenn sie interessante Geschichten zum Thema zu erzĂ€hlen haben, die mit ihrem Leben verbunden sind. Zugleich schĂ€rft die Konzentration auf Demonstrationen das Profil von Bella Ciao.

Sinnvoll ist ebenso der Spektren-ĂŒbergreifende Ansatz des Magazins. So sehen und lesen wir etwa von einem sehr „schwarzen“ ersten Mai in Hamburg, wie von einer sehr „roten“ Demonstration zum selben Tag in Frankfurt am Main. Vom Fridays for Future Zentralstreik und Mietendemo, ĂŒber Ende GelĂ€nde und der Blockade des Ausbaus der A100, bis hin zu Antifa und autonomen Demos sind alle dabei.

Die Ă€sthetische Darstellung von Protestereignissen ist eine wichtige Aufgabe, welche nie auf Kosten der Inhalte oder deren Beliebigkeit geschehen sollte. Denn es ist kein Wert an sich, wenn sich irgendwer irgendwohin bewegt, sondern auch dabei gilt es sich zu positionieren. Die Mitglieder des Redaktions-Teams versuchen dahingehend eine BrĂŒcke zu schlagen zwischen sympathisierender Bezugnahme und professioneller Distanz. Sie wĂŒrde ihnen meiner Ansicht nach noch etwas besser gelingen, gĂ€be es auch eine knappe Sparte zur Debatte darĂŒber, was emanzipatorischer Protest im fortgeschrittenen 21. Jahrhunderts ist und sein kann.

Die Bedeutung von Demonstrationen fĂŒr soziale Bewegungen

Mit anderen Worten ist es erforderlich, dass wir begreifen und diskutieren, was wir ĂŒberhaupt auf welchen Demonstration tun. Erstens sind sie ein wichtiges Ausdruckssymbol, das unsere StĂ€rke symbolisieren kann. Zweitens sind Demos RĂ€ume der Versammlung, in denen wir das erwĂ€hnte Selbst-Bewusstsein entwickeln und daraus auch Motivation und Kraft fĂŒr die oft unsichtbaren sozialen KĂ€mpfe im Alltag ziehen können. Drittens werden mit ihnen auch aktuelle Probleme und Herausforderungen der sozialen Bewegungen sichtbar: Etwa ein zu geringer Organisationsgrad in Bezugsgruppen, die diesem Anspruch gerecht werden, eine zu große Beliebigkeit und Unsicherheit in den eigenen Inhalten und Visionen oder die AusbaufĂ€higkeit von kreativem und spontanem Handeln. Und viertens können Demos Orte des Austauschs und der Begegnung unterschiedlicher Menschen sein – wenn sie denn so gestaltet werden, dass dies möglich ist.

In all dieser Hinsicht haben Demonstrationen wichtige Funktionen fĂŒr die Integration, VerstĂ€ndigung und StĂ€rkung sozialer Bewegungen. Doch fĂŒr sozial-revolutionĂ€re Bestrebungen sind sie nicht genug bzw. nicht das Eigentliche, gerade weil sich Aktive mit ihnen maßgeblich auf der politischen Ebene bewegen. Ohne im Detail einen Plan zu entwickeln, was es zu tun gĂ€lte, kann gesagt werden, dass der Aufbau langfristig funktionierender (anti-)politischer Gruppen und Basisstrukturen ebenso wichtig ist, wie die AusĂŒbung direkter Aktion, die AusprĂ€gung rebellischer Haltungen und BildungstĂ€tigkeiten, inklusive theoretischer Auseinandersetzung. Demonstrationen dĂŒrfen also nicht zum Substitut fĂŒr den langwierigen, anstrengenden und meist unsichtbaren Basisaktivismus im Alltag werden.

Das Selbst-Bewusstsein in emanzipatorischen sozialen Bewegungen entfalten

Dies spricht aber umgekehrt nicht dagegen, sie festzuhalten. Die fotografisch qualitativ wertvollen Bilder, sowie die fokussierten Berichte in Bella Ciao stellen deswegen auch eine WertschĂ€tzung des Handelns von Aktiven in emanzipatorischen sozialen Bewegungen dar. Dies ist ein Gegenbild zum verbreiteten jĂ€mmerlichen SelbstverstĂ€ndnis – einem im Endeffekt sozialdemokratischen Rudiment –, mit welchem auch radikale Linke ihre Handlungsmacht an Politiker:innen abtreten und sich letztendlich nicht vom Irrglauben an die nutzbare Staatsmacht lösen können. Doch selbstorganisiert und nach Autonomie strebend, tat und tut sich einiges – gerade wenn die (anti-)politische AktivitĂ€t ĂŒber den Symbolcharakter und das Ereignis des Protestes hinausgeht und langfristig das Leben von Menschen verĂ€ndert. Dabei sollten „wir“ sollten nie vergessen, das „wir“ auch Erfolge zu verbuchen haben.

Insofern ist es wĂŒnschenswert, dass das Bella Ciao-Magazin auf Dauer gestellt und weiter entwickelt werden kann. Die Herausgeber:innen fordern auch zur Beteiligung am Projekt auf, womit auch weitere Ereignisse (beispielsweise der feministische Streik am 8. MĂ€rz, die jĂ€hrliche Demo zum Frauenknast in Chemnitz oder die pro-kurdische SolidaritĂ€tsbewegung) festgehalten werden könnten. Ein Blick in die erste Ausgabe lohnt sich in jedem Fall.

Jonathan Eibisch

Fussnoten:

[1] https://www.bellaciaomagazin.de/

[2] https://umbruch-bildarchiv.org/

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Quelle: Paradox-a.de