September 19, 2021
Von La Presse
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Knapp ĂŒber einhundert GeflĂŒchtete demonstrierten heute in Schneeberg gegen die Bedingungen der in der hiesigen Erstaufnahmeeinrichtung. Insbesondere das Management des Betreibers Malteser wurde hart kritisiert. “Sie spielen die schlimmste Rolle. Anstatt uns zu unterstĂŒtzen, werden wir noch ausgelacht” hieß es in einem spontan gehaltenen Redebeitrag. Die Gesundheitsversorgung sei unzureichend, die Ă€rztliche Sprechstunde zu unregelmĂ€ĂŸig.
Die neben der Polizeifachschule gelegene Massenunterkunft ist schlecht erreichbar, der Weg in die Stadt fĂŒhrt ĂŒber eine Schnellstraße ohne Fussweg, was insbesondere fĂŒr Familien mit Kinderwagen ein echtes Risiko darstelle. Viele Bewohner:innen harren schon lange in dem Lager aus, ohne Chance auf Transfer in eine sĂ€chsische Stadt. Nicht zuletzt gibt es in der Schneeberger EA Probleme mit einzelnen Security-Mitarbeitern.
Die Begegnungen mit Ă€lteren Mitarbeitern der zustĂ€ndigen Sicherheitsfirma WSM Wachschutz GmbH Mittweida wirkte bei RĂŒckkunft der Demoteilnehmer:innen eher herzhaft. Dennoch soll es mehrere VorfĂ€lle mit rassistischen Motiven gegeben haben, die vor allem, wenigen jĂŒngeren Mitarbeitern des Unternehmens zugeschrieben werden. Die Rede war von rassistischen Kommentaren, Taschenkontrollen und Festhalten des Drehkreuzes im Eingangsbereich. Dadurch sollen Menschen öfter kurzfristig im Zugangsbereich gefangen gehalten und rassistisch beleidigt werden.
Der Demo-Zug fĂŒhrte durch Schneeberg auf den Markt wo zahlreiche RedebeitrĂ€ge gehalten wurden, die sich kritisch mit der Erstaufnahme, Rassismus in der Gesellschaft und Behörden auseinander setzten. 
Die Reaktionen der Stadtbevölkerung auf die Demonstration waren gemischt. Anfeindungen (“Ich glaub wir brauchen eine Selbstschussanlage”, “darum das Kreuz bei der Wahl ganz oben”) gab es genau wie SolidaritĂ€tsbekundungen. Eine ehrenamtliche UnterstĂŒtzerin aus dem Erzgebirge sagte, dass die Stimmung in der Stadt lĂ€ngst nicht mehr so schlimm sei wie 2014, als den rassistischen Aufrufen des NPD-Stadtrats Stefan Hartung zu AufmĂ€rschen gegen das Camp regelmĂ€ĂŸig ĂŒber 1000 Menschen gefolgt waren.
Die Demonstration war selbst organisiert von den geflĂŒchteten Bewohner:innen und wurde lediglich hinsichtlich der Anmeldung von Aktivist:innen unterstĂŒtzt. “Ich freue mich, dass viele Menschen aus Syrien, Irak, Iran und PalĂ€stina heute hierher gekommen sind. Vor dem Hintergrund, dass uns im Camp Grundrechte nicht zugestandenwerden, freuen wir uns ĂŒber jede UnterstĂŒtzung” meinte ein Teilnehmer.
Mohammad von der Initiative “Camptours” sagte, dass die heutige Demo nur ein Baustein einer lĂ€ngeren Kampagne gegen die Bedingungen in den sĂ€chsischen Erstaufnahmeeinrichtungen sei – auch in Schneeberg sollen die Proteste weiter unterstĂŒtzt werden. Eine Demonstration sei aber auch in Dölzig bei Leipzig geplant, wo ebenfalls die Malteser ein Camp betreiben. Dort hatte es zu Beginn der Corona-Pandemie massive Proteste gegen die Unterbringung und mangelnde Schutzmaßnahmen gegeben. / SO MS



Quelle: La-presse.org