Mai 20, 2021
Von SchwarzerPfeil
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Lerne die Kids von Cali, die die Seele einer nationalen Revolution ausmachen, kennen

Text und Bilder von Joshua Collins

Eine primera lĂ­nea Demonstrierende in Puerto Resistencia, Cali


Cali, Kolumbien — Ein paar hundert junge Frauen betreten Puerto Resistencia, (Hafen des Widerstandes) das Herz der Proteste hier in Cali, mit erhobenen FĂ€usten in die Luft in einer Geste des Trotzes gegen den Staat, der sie seit Wochen auf den Straßen tötet. Sie werden von den Dutzenden von primera lĂ­nea, oder „Frontlinie“ Demonstrierenden bejubelt, die den Platz verteidigen — Jugendliche in improvisierten KampfanzĂŒgen mit selbstgemachten Schilden, die unzĂ€hlige Polizeiangriffe auf diese autonome Zone abgewehrt haben, die sie mit Schweiß, TrĂ€nen und Blut ausgehöhlt haben.

Sie tanzen auf den Straßen. Sie umarmen sich. Sie sind stolz, freudig und trotzig. Sie feiern die Tatsache, dass diese autonome Zone in einem armen Viertel von Cali, die in den letzten Wochen so viel Gewalt ertragen musste, fĂŒr heute fest in der Hand der Gemeinschaft bleibt, die ihr Schicksal und ihre Sicherheit in die eigenen HĂ€nde genommen hat.

Niemand im Hafen des Widerstandes scheint Nachnamen zu haben, wenn sie mit mir sprechen, und ich habe Zweifel, dass die Vornamen, die sie mir geben, auch richtig sind. Die AtmosphÀre ist durchdrungen von der Angst, von den kolumbianischen Staatstruppen verfolgt, getötet oder einfach verschwunden lassen zu werden.

Als ich die autonome Zone inspiziere, fragt ein Mann, der eine Weste der Vereinten Nationen trÀgt, einen vorbeigehenden Jugendlichen aus der primera línea, wer das Sagen hat.

„Wir haben keinen AnfĂŒhrenden“, antwortet der Junge. „Kolumbien hat unsere AnfĂŒhrenden getötet. Du kannst mit der Gemeinschaft sprechen.“

Noch bevor die Demonstrierenden in diesem sĂŒdamerikanischen Land zu Tausenden auf die Straße gingen und die Polizei begann, sie zu Dutzenden zu töten, war die Ermordung sozialer FĂŒhrende in Kolumbien ein endemisches Problem. Der landesweite Streik in Kolumbien wurde nicht nur durch das Steuervorhaben beflĂŒgelt, der in den ersten Tagen der Bewegung so viel Aufmerksamkeit von Analyst_innen bekam, sondern auch durch die steigende Gewalt inmitten dessen, was Kritiker_innen als gescheiterte Versprechen seitens der Regierung Duques bezĂŒglich des Friedensabkommens sehen; steigende Armut und Ungleichheit; und die Ermordung von 310 sozialen FĂŒhrenden, Menschenrechtsverteidiger_innen und Aktivist_innen im Jahr 2020 (weitere 57 Tote bisher im Jahr 2021, laut Indepaz).

Diese Gemeinschaft ist nun auf sich allein gestellt. Sie haben das Vertrauen in die Institutionen verloren, die angeblich geschaffen wurden, um sie zu schĂŒtzen. Als kraftvolles Symbol fĂŒr ihre Motive spannt sich ein Banner ĂŒber den Platz, auf dem steht: „Weniger Polizei, mehr Bibliotheken.“

Vor ein paar Wochen hatten sie noch mehr VerbĂŒndete. Die Minga, eine kommunale indigene Protestbewegung, die verschiedene Gemeinschaften im nahegelegenen Departement Cauca reprĂ€sentiert, schloss sich den Demonstrierenden in einer seltenen Einheitsfront von lĂ€ndlichen und stĂ€dtischen OppositionskrĂ€ften an. Aber die indigene Bewegung verließ die Stadt, nachdem ein Angriff von Zivilist_innen mit Schusswaffen 8 von ihnen verwundet hatte. Die Seele des Widerstands liegt nun bei denen, die ihn durch Feuer und Blut ins Leben gerufen haben: die Jugend von Cali, und Puerto Resistencia ist das schlagende Herz dieser Bewegung.

Und fĂŒr diejenigen, die auf den Barrikaden in Cali stehen, war es eine tödliche Arbeit.

Eine Revolution geschmiedet in Blut

Indepaz, eine gemeinnĂŒtzige Organisation, die staatliche Gewalt und die Umsetzung des Friedensprozesses verfolgt, hat 41 Menschen identifiziert, die seit Beginn der Proteste getötet wurden. Siebenundzwanzig dieser TodesfĂ€lle, oder 65%, ereigneten sich in den Straßen von Cali, obwohl diese Stadt mit ihren 2,28 Millionen Einwohner_innen weniger als 5% der kolumbianischen Bevölkerung ausmacht.

Puerto Resistencia, offiziell als Puerto Rellena bekannt, erlangte durch die landesweiten Streiks im Jahr 2019 große Bekanntheit. Aber wenn Cali wĂ€hrend der vergangenen nationalen Proteste, die sich auf die Hauptstadt BogotĂĄ konzentrierten, eine Nebenrolle einnahm, gibt es keinen Zweifel daran, dass dieses Mal die Jugendlichen aus Cali die Hauptdarsteller_innen in einer Geschichte von Drama und Feuer sind, die sich im ganzen Land entfaltet.

Die Straßen von Cali sind ein fruchtbarer Boden fĂŒr das Wachstum einer von der Jugend gefĂŒhrten Revolution. Die Stadt leidet unter einer Arbeitslosenquote von ĂŒber 20% (und das, wenn man all die Menschen mit einbezieht, die informell arbeiten, entweder schwarz oder in Mikrobetrieben auf der Straße, die fast die HĂ€lfte der ArbeitskrĂ€fte der Stadt ausmachen). Es gibt nur eine öffentliche UniversitĂ€t in der Stadt, eine erstaunliche Statistik fĂŒr die drittgrĂ¶ĂŸte Stadt Kolumbiens, und die Region ist eine BrutstĂ€tte fĂŒr kriminelle AktivitĂ€ten und die Operationsbasis fĂŒr verschiedene DrogenhĂ€ndlergruppen — von denen einige beschuldigt werden, Verbindungen zur kolumbianischen Regierung zu haben.

Juan-Diego steht mit einem Schild aus einem Baustellenschild in der Mitte des Platzes und ĂŒberblickt einen Bunker aus improvisierten Materialien, der als Versorgungsdepot dient. Er ist mit Wasserflaschen, Steinen und verschiedenen Erste-Hilfe-Materialien bestĂŒckt.
Sein Gesicht wird von einem roten Hemd verdeckt, das er um sein Gesicht gewickelt trÀgt.

„Diese Regierung ist korrupt. Sie sind Diebe“, sagt er. „Und sie sind Mörder. Eine Abstimmung wird daran nichts Ă€ndern. Sie wĂŒrden es nie zulassen. Und so sind die Menschen auf der Straße. Es gibt keinen anderen Weg, die ratas con corbatas (Ratten in GeschĂ€ftsanzĂŒgen) loszuwerden.“

FĂŒr einen jungen Mann wie Juan-Diego, der hier in der Comuna 16 aufgewachsen ist, gibt es wenig Hoffnung, dass er jemals die Möglichkeit haben wird, einem Leben in extremer Armut zu entkommen.
Kolumbien hat die zweithöchste Rate an Ungleichheit in Amerika und sehr wenig soziale MobilitĂ€t. Von 11 Millionen Menschen zwischen 14 und 28 Jahren sind 3 Millionen (27%) weder beschĂ€ftigt noch in der Schule. Diese Jugendlichen, die nichts zu verlieren haben und sich schon lange vom Staat im Stich gelassen fĂŒhlen, sind bei den aktuellen Protesten stark vertreten. Und in Puerto Resistencia sind sie diejenigen, die die Barrikaden, die selbstgebauten Bunker und die Straßensperren bemannen, die die Polizei in Schach halten.

Die Sicherheit in Puerto Resistencia ist streng. Die Polizei darf den Ort nicht betreten, ebenso wenig wie die kolumbianischen Medien, die nach Meinung der Gemeinschaft die Demonstrierenden seit dem 28. April, dem Beginn der landesweiten Streiks, falsch dargestellt haben.

An jeder Straßensperre, die ich ĂŒberqueren muss, um das Gebiet zu betreten, fĂŒhlen mir die Demonstrierenden der Primera LĂ­nea auf den Zahn. Sie wollen wissen, fĂŒr wen ich arbeite, was ich tue und sie wollen mich daran erinnern, dass es strengstens verboten ist, ohne Erlaubnis Fotos von irgendjemandes Gesicht zu machen.

Sie entspannen sich, als ich ihnen erzÀhle, dass ich von der internationalen Presse bin, obwohl einige die Tatsache nicht mögen, dass ich ein Gringo bin. Viele von ihnen glauben, dass ein Teil des Grundes, warum die Polizei hier so gewalttÀtig ist, die jahrzehntelange Finanzierung durch die USA ist, die es den Politiker_innen und Eliten erlaubt hat, einen militÀrischen Polizeistaat mit einer ziemlich erschreckenden Bilanz an Menschenrechtsverletzungen zu schaffen.

Es hilft nicht, dass die chemische Munition, die verwendet wird, um sie auf den Straßen zu vergasen, und sogar einige der Kugeln, die verwendet werden, um sie zu töten, mit freundlicher Genehmigung von Uncle Sam stammen.

Sie rufen andere Demonstrierende auf dem Platz, die Handys haben. Sie schauen sich meine Website an, die auf Englisch ist, und scrollen herum, um herauszufinden, ob ich hier bin, um zu lĂŒgen, oder ob ich hier bin, um zuzuhören. Sie wollen, dass die Welt versteht, was sie hier tun, aber sie wurden von einigen der Journalist_innen, die sie rein gelassen haben, verraten und sie wurden von der Polizei in Zivil schwer infiltriert.

Letztendlich ließen sie mich passieren.

Die Mini-Polizeistation in Puerto Resistencia wurde in eine öffentliche Bibliothek umgewandelt und mit Kunst und Wandmalereien von KĂŒnstler_innen, die die Bewegung unterstĂŒtzen, geschmĂŒckt. In der NĂ€he des Reviers kocht eine Ă€ltere Frau einen riesigen Topf mit Eintopf, den sie an jede Person verteilt, die vorbeikommt. Sie lehnt es ab, ihren Namen zu nennen.

„FĂŒr viele dieser Kids ist das das einzige Essen, das sie den ganzen Tag bekommen“, sagt sie. „WĂ€hrend die Reichen sich darĂŒber beschweren, dass sie durch die Straßensperren belĂ€stigt werden, gehen diese Kinder mit leeren Speisekammern nach Hause.“

Die autonome Zone ist mit Wandmalereien, Kunstwerken und Slogans ĂŒbersĂ€t. „Die Polizei kĂŒmmert sich nicht um mich“, steht auf einem StĂŒck, „meine Freund_innen tun es.“

Ich spiele ein paar Minuten lang mit einem zehnjĂ€hrigen Jungen in der Mitte des Platzes Fußball. Er ist ganz verzaubert von der Szene. Mir wurde von Regierungsvertreter_innen und ihren MedienkanĂ€len gesagt, dass diese Menschen Terrorist_innen, Vandal_innen und bewaffnete Rebell_innen sind.

FĂŒr mich sieht es einfach nach einer Gemeinschaft aus. Sicher, eine, die durch wirtschaftliche VernachlĂ€ssigung und staatliche Gewalt zu extremen Maßnahmen getrieben wurde, aber eine, die sich um die eigenen Leute zu kĂŒmmern scheint.

Ich sehe hier keine Terrorist_innen.

Keine andere Option

Hugo Ormudez ist ein Community Organizer in SiloĂ©, einer weiteren einkommensschwachen Gemeinde, die seit Beginn der Proteste stark von Polizeigewalt betroffen ist. „Diese Kinder haben keinen Zugang zu Bildung“, sagt er ĂŒber die Jugendlichen an der vordersten Front des Protests. „Sie sind vom Staat im Stich gelassen worden. Sie haben keinen Zugang zu irgendeiner Art von Berufsausbildung und wenig Hoffnung, jemals einen Job fĂŒr mehr als den Mindestlohn zu bekommen. Sie wissen, dass sie unter dem aktuellen System ein Leben lang in der Schicht 1 bleiben werden.“

Die kolumbianischen Stadtteile sind in Schichten eingeteilt, ein nummeriertes System, um die SteuersÀtze nach den wirtschaftlichen Aussichten der Stadtteile zu bestimmen. Die Skala reicht von 1, was extreme Armut beschreibt, bis 6, wo die Wohlhabenden in ihren Gated Communities und Wolkenkratzern leben.

Ormudez erklÀrt weiter, dass durch diese Proteste viele der Jugendlichen in einkommensschwachen Gemeinden einen Sinn und Respekt von ihren Gemeinschaften gefunden haben, viele zum ersten Mal in ihrem Leben.

„Das ist eine mĂ€chtige Sache“, sagt er. „Zum ersten Mal sind diese Jugendlichen mit den Gemeinschaften, in denen sie leben, vereint.“

Andrea Bernal ist eine Aktivistin in Cali. Sie stimmt mit Ormudez‘ EinschĂ€tzung ĂŒberein. „Es ist wirklich schön zu sehen“, sagt sie. „Viele dieser Kinder waren so ausgegrenzt, dass sie sich der KriminalitĂ€t zuwandten, um zu ĂŒberleben. Ich meine, sie waren malandros (SchlĂ€ger_innen), weißt du?“, sagt sie lachend. „Aber jetzt sind sie stolz darauf, primera lĂ­nea zu sein. Sie sind stolz darauf, Teil der Gemeinschaft zu sein, vereint gegen eine Regierung, von der sie das GefĂŒhl haben, dass sie sich nie um sie gekĂŒmmert hat.“

Sie zeigt mir Bilder von den Social-Media-Accounts einiger der Kinder auf den Barrikaden. Sie posten Bilder von sich mit kolumbianischen Flaggen, Sprechchören und Slogans der Proteste und schwören, weiter zu kÀmpfen, bis Gerechtigkeit erreicht ist.

Es ist ein starkes Beispiel dafĂŒr, wie kollektives Handeln einer Bevölkerung, die nie Hoffnung hatte, Sinn und Zweck geben kann. Eine Bevölkerung, die im Grunde genommen von einer herrschenden Klasse, die sich nie um ihre Zukunft oder ihr Wohlergehen gekĂŒmmert hat, im Stich gelassen und ausgebeutet wurde. FĂŒr die Kinder in Cali ging es bei diesen Protesten nie um eine Steuerreform. Es geht vielmehr um das Überleben selbst.

Festlichkeit als Panzer

Nachts wird die Puerto Resistencia oft zu einer riesigen Blockparty. Die Menschen in Cali sind bekannt fĂŒr ihre Liebe zu einer guten Party, und auch fĂŒr ihre Liebe zum Salsa. Viele Menschen, die ĂŒber ein Jahr lang sporadische Lockdowns und Ausgangssperren ertragen haben, scheinen ihre UnterstĂŒtzung fĂŒr die laufenden Streiks auszudrĂŒcken, indem sie das tun, was Cali am besten kann — Rumba.

Aber die Partys dienen nicht nur dazu, die Gemeinschaft zu vereinen und die Stimmung derer zu heben, die wochenlang auf der Straße verbracht haben, sondern sind auch eine Verteidigungsstrategie.

„Klar, Cali liebt Partys“, sagt mir ein Demonstrant, wĂ€hrend tausende von Menschen um uns herum springen und tanzen. „Aber es ist mehr als das. Die Musik ist ein Panzer gegen die Polizei. Wenn wir tanzen, kann die Polizei nicht sagen, dass es ein Aufstand ist.“

Kritiker_innen haben das, was in den Straßen von Puerto Resistencia passiert, als Anarchie bezeichnet. Sie sagen, dass die Jugendlichen, die öffentliches Eigentum zerstören, nicht verstehen, was es bedeutet, ein GeschĂ€ft oder ein Haus zu besitzen, und schreiben die Bewegung als unkonzentriertes Chaos ab.

Diejenigen, die das sagen, haben die Symptome dieser sozialen Probleme mit der Ursache verwechselt. Zur HĂ€lfte haben sie allerdings recht. Die meisten dieser Kinder werden nie Eigentum besitzen. Sie werden nie Zugang zu der Ausbildung haben, die nötig ist, um eine richtige Karriere zu starten, und fĂŒr sie ist die Idee, ein GeschĂ€ft zu besitzen, das mehr ist als ein Karren auf der Straße, ein unmöglicher Traum.

Genau das ist das Problem. Und die Jugend von Cali hat genug davon.

Es ist unklar, wohin die Proteste in Puerto Resistencia fĂŒhren werden. Irgendwann wird die internationale Presse weiterziehen, die UN-Ermittler_innen werden abziehen und das Rampenlicht der Aufmerksamkeit, von dem die Bewohnenden sagen, dass es die Polizei gezwungen hat, mit dem offenen Töten aufzuhören, wird erlöschen.

Man hofft, dass eine vereinte Gemeinschaft konkrete Maßnahmen zur Reform erreichen kann, bevor das passiert.


Joshua Collins ist freier Journalist und lebt in BogotĂĄ, Kolumbien. Dieser Artikel wurde ohne die UnterstĂŒtzung eines Medienunternehmens geschrieben, ganz im Sinne des wahren Indy-Journalismus. Wenn er dir gefallen hat und du unabhĂ€ngige Medien unterstĂŒtzen möchtest, kannst du hier ein paar Dollar fĂŒr ein neues Paar Stiefel spenden, die er dringend braucht.

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Quelle: Schwarzerpfeil.de