Mai 24, 2022
Von Graswurzel Revolution
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Food Not Bombs ┼ü├│d┼║ (FNB) ist ein Kollektiv aus Polen, das sich seit ├╝ber 20 Jahren in der Hilfe f├╝r arme und sozial ausgeschlossene Menschen engagiert. In den letzten Jahren haben die FNB-Aktivist:innen ihr Engagement ausgeweitet, zum einen wegen der Corona-Pandemie (siehe GWR 449), zum anderen wegen des Kriegs in der Ukraine und der Gefl├╝chtetenkrise. Im Interview mit der GWR berichten sie ├╝ber die Situation der Refugees in Polen, ihre Aktivit├Ąten und ihre Einstellung zum aktuellen Konflikt. (GWR-Red.)

GWR: Ihr seid Aktivist:innen des Kollektivs Food Not Bombs, das seit ├╝ber 20 Jahren in ┼ü├│d┼║ aktiv ist. Warum engagiert ihr euch zus├Ątzlich in der Hilfe f├╝r Refugees?

Food Not Bombs ┼ü├│d┼║: Die Gefl├╝chtetenkrise, die sich seit dem letzten Sommer in Polen abspielt, und ihr Ausma├č bedeuten, dass wir als Kollektiv, das sich der Hilfe f├╝r Menschen in Not verschrieben hat, ihr nicht gleichg├╝ltig gegen├╝berstehen k├Ânnen.
Wir sprechen nicht nur ├╝ber die durch den Krieg in der Ukraine verursachte Krise, sondern auch ├╝ber eine riesige humanit├Ąre Krise an der polnisch-wei├črussischen Grenze; ├╝ber Menschen, die als illegale Migrant:innen bezeichnet werden und die auf eine Weise behandelt werden, wie niemand im Europa des 21. Jahrhunderts behandelt werden sollte; ├╝ber Menschen, die ihre Gesundheit und oft auch ihr Leben in einem Land verlieren, das sich nicht im Krieg befindet, sondern nur deshalb, weil die Migrationspolitik dieses Landes keine andere L├Âsung f├╝r sie hat, als sie im Winter im Wald zur├╝ckzulassen, wo sie m├Âglicherweise sterben. Niemandem sollte eine solche Situation gleichg├╝ltig sein, auch uns nicht.

Wie viele Personen sind an der Gefl├╝chtetenhilfe beteiligt, und wie helft ihr konkret?

Die ├╝berwiegende Mehrheit des Kollektivs ist an der Hilfe beteiligt, die zum gr├Â├čten Teil der lokalen anarchistischen F├Âderation entstammen. Die Hilfe, die wir leisten, hat verschiedene Dimensionen. Eine gro├če Gruppe konzentriert sich auf direkte Hilfe z. B. im Wald nahe der polnisch-wei├črussischen Grenze, wo sie Kleidung zum Wechseln bereitstellt, warme Jacken, Schlafs├Ącke, Lebensmittel, Notfallrationen mit einem Campingkocher, Medikamente und Matten, auf denen man die Nacht besser ├╝berstehen kann als auf dem nackten Boden. Es handelt sich um eine Reihe von Aktivit├Ąten, die es den Gefl├╝chteten erm├Âglichen, sich aus ihren oft nassen Kleidern zu befreien und zu essen, und wir k├Ânnen ihnen den weiteren Weg weisen.
Au├čerdem k├╝mmern wir uns um Gefl├╝chtete, die in Internierungslagern untergebracht sind, wo die Lebensbedingungen schlechter sind als in Gef├Ąngnissen. Hier besteht unsere Hilfe in Gespr├Ąchen, die traumatisierte Menschen brauchen; wir helfen auch bei der ├ťbersetzung von Dokumenten ├╝ber ihren aktuellen Aufenthaltsstatus, die sie in der Regel auf Polnisch erhalten; wir unterst├╝tzen sie bei der Suche nach Anw├Ąlt:innen. Au├čerdem schicken wir ihnen Pakete mit grundlegenden Dingen, d. h. Wechselkleidung, Schuhe, Jacken usw., da sie in den Internierungslagern oft in den Kleidern ankommen, die sie bereits im Wald trugen; wir schicken Lebensmittel, die oft fehlen, Handys (nur erlaubt ohne Kamera) oder Handyguthaben, damit sie ihre Familien und Anw├Ąlt:innen kontaktieren k├Ânnen.
Was die ukrainische Grenze betrifft, so wurde eine Informationskampagne in ukrainischer Sprache gestartet, in der ├╝ber Ausgabestellen f├╝r kostenlose warme Mahlzeiten informiert wird. Au├čerdem geben wir derzeit sehr viel mehr Mahlzeiten aus, da allein in ┼ü├│d┼║, wo wir aktiv sind, 200.000 Migrant:innen aus der Ukraine angekommen sind und die Unterbringung nicht f├╝r alle von ihnen erfolgreich verlaufen ist. Wir helfen auch in einer zentralen Anlaufstelle, die an dem Ort, an dem wir die Mahlzeiten zubereiten, er├Âffnet wurde ÔÇô wir teilen mit den Anwohner:innen die erhaltenen Lebensmittelspenden und versorgen die Bed├╝rftigen mit Kleidung. Einige von uns fahren auch in die Ukraine und bringen Gefl├╝chtete nach Polen, die es aus verschiedenen Gr├╝nden noch nicht geschafft haben, das Land zu verlassen.
Das Ziel unseres Kollektivs war und ist es, Menschen zu helfen, deren Lebenssituation besonders schlimm und deren Lebensbedingungen extrem prek├Ąr sind, und die Hilfe f├╝r Gefl├╝chtete ist eine nat├╝rliche Ausweitung dieser Hilfe auf andere Menschen, die sie dringend ben├Âtigen.

Habt ihr auch eine FNB-K├╝che an der polnisch-wei├črussischen Grenze organisiert, um Gefl├╝chtete zu unterst├╝tzen, oder habt ihr euch dort eher auf andere Formen der Hilfe konzentriert?

An der polnisch-wei├črussischen Grenze gibt es keinen Platz f├╝r gemeinsames Kochen und die Ausgabe von Mahlzeiten. Der Grund daf├╝r sind die unmenschlichen und unverst├Ąndlichen Gesetze, die die polnische Regierung diesem Gebiet auferlegt hat ÔÇô angefangen von der Einrichtung einer ÔÇ×SperrzoneÔÇť, d. h. einer Zone, die au├čer der Polizei und der Armee niemand betreten darf, ├╝ber die Kriminalisierung der humanit├Ąren Hilfe bis hin zur realen Bedrohung der Gesundheit und des Lebens der Gefl├╝chteten, die sich verstecken m├╝ssen, um nicht zum x-ten Mal auf die wei├črussische Seite der Grenze ├╝berstellt zu werden.
Hier konzentriert sich unsere Hilfe auf die direkte Unterst├╝tzung, d. h. wir versuchen, m├Âglichst leise und unauff├Ąllig den Ort zu erreichen, an dem sich die hilfesuchende Gruppe versteckt. Dort ├╝berpr├╝fen wir den Gesundheitszustand der Menschen: H├Ąufig sind Wunden nach Schl├Ągen durch Grenzsoldat:innen, verrenkte oder gebrochene Gliedma├čen, entstanden beim n├Ąchtlichen Blindflug durch den Wald, Erfrierungen, Unterk├╝hlung, extreme Austrocknung, Lebensmittelvergiftung durch das Trinken von Wasser aus Pf├╝tzen. Wir stellen ben├Âtigte Medikamente, warme Kleidung, energiereiche Lebensmittel und eine warme Mahlzeit bereit, die, wenn die aktuelle Situation es zul├Ąsst und die Anwesenheit der Aktivist:innen die Lage der Menschen nicht bedroht, auf einem Campingkocher aufgew├Ąrmt und sofort mit hei├čem s├╝├čem Tee serviert wird. Dann m├╝ssen sich die Aktivist:innen schnell und unauff├Ąllig entfernen, damit ihre Anwesenheit nicht die Aufmerksamkeit der Armee, der Polizei und der Grenzschutztruppen [Wojska Ochrony Pogranicza, WOT ÔÇô Anm. moku] auf sich zieht, die in der Gegend patrouillieren.

Unterscheidet sich die Hilfe f├╝r Gefl├╝chtete an der polnisch-wei├črussischen Grenze von der Hilfe f├╝r Gefl├╝chtete aus der Ukraine? Wenn ja, auf welche Weise?

Die Hilfe an der Grenze zur Ukraine steht in diametralem Gegensatz zu der an der polnisch-wei├črussischen Grenze. Bei der Hilfe f├╝r Gefl├╝chtete aus der Ukraine ist zun├Ąchst festzuhalten, dass es sich um legale Hilfe handelt, was von Anfang an ihren Charakter bestimmt. Die Aktionen der Aktivist:innen konzentrieren sich hier auf die Zusammenarbeit mit der Zivilgesellschaft, die ├Ąu├čerst hilfsbereit ist.
Die Hilfsaktivit├Ąten decken daher ein breites Spektrum ab, angefangen vom Transport von Menschen von der Grenze nach Polen ├╝ber die Unterbringung in Privatwohnungen, die Beschaffung von notwendigem Hausrat, Lebensmitteln und ggf. Kleidung sowie die Erledigung rechtlicher Formalit├Ąten bis hin zur Hilfe in zentralen Koordinationsstellen, an denen Lebensmittel und Kleidung bereitgestellt werden. Hinzu kommt die Hilfe beim Transport von Menschen aus der Ukraine selbst, die aufgrund ihrer schlechten finanziellen Situation das kriegsgebeutelte Land nicht eigenst├Ąndig verlassen konnten.
Unter v├Âllig anderen Bedingungen finden die Hilfsaktivit├Ąten an der Grenze zu Wei├črussland statt. Obwohl die Leistung humanit├Ąrer Hilfe (theoretisch) nicht kriminalisiert ist und das polnische Recht sogar die Unterlassung von Erster Hilfe im Bedarfsfall als Straftat ansieht, gilt dies laut der polnischen Regierung unverst├Ąndlicherweise nicht f├╝r Migrant:innen, die ├╝ber Wei├črussland nach Polen kommen. In den allermeisten F├Ąllen, und das muss betont werden, handelt es sich auch bei ihnen um Menschen, die vor einem Krieg oder vor bewaffneten Auseinandersetzungen in ihrem Land fliehen, und zwar nicht wegen eines gerade erst ausgebrochenen Krieges, wie es in der Ukraine der Fall ist. Wir sprechen hier von einem Krieg, der seit zehn Jahren andauert (wie im Fall der Gefl├╝chteten aus dem Jemen), von bewaffneten Konflikten, bei denen ganze D├Ârfer in Brand gesteckt werden und die Fl├╝chtenden oft die einzigen ├ťberlebenden sind (wie z. B. bei den Gefl├╝chteten aus dem Kongo), oder zum Beispiel davon, dass sie in einem st├Ąndigen Gef├╝hl der Bedrohung leben und keine M├Âglichkeit haben, f├╝r sich selbst zu sorgen, weil sie formal immer noch kein eigenes Land haben (diese Situation bezieht sich auf die Lage der irakischen Kurd:innen, denen meist auch das Recht auf Asyl in Polen verweigert wird).
Die Ursachen f├╝r diese Situation lassen sich bis zu den Urspr├╝ngen der kapitalistischen Ideologie zur├╝ckverfolgen, die in ihren Grunds├Ątzen von der Ausbeutung der weniger privilegierten L├Ąnder durch die privilegierteren und von der Vorherrschaft der ÔÇ×wei├čen RasseÔÇť ausgeht. Auf dieser Ideologie beruhen die kognitiven Gewohnheiten und Reaktionsweisen auf das Ungl├╝ck dieser Staaten und ethnischen Gruppen, das aus dieser Situation der Ausbeutung resultiert. Die Normalisierung ihres Ungl├╝cks erlaubt es den privilegierten L├Ąndern folglich, nicht einmal eine Teilverantwortung f├╝r deren Schicksal zu ├╝bernehmen.
Das ist auch die Perspektive, die die polnische Regierung eingenommen hat, die zugelassen hat, dass kranke, leidende und hungernde Menschen im Wald sich selbst ├╝berlassen werden oder, um das ÔÇ×ProblemÔÇť loszuwerden, in endloser Wiederholung auf die belarussische Seite zur├╝ckgeschickt werden. Die Situation eskaliert, es gibt neue gesetzliche Richtlinien, und wir sind an einem Punkt angelangt, an dem Pushbacks, die bisher illegal waren, zu einem legalen Verfahren werden, auch f├╝r Kinder, an denen es unter den ankommenden Gefl├╝chteten ebenfalls nicht mangelt.
Unter diesen Bedingungen ist die Bereitstellung humanit├Ąrer Hilfe jeglicher Art grunds├Ątzlich sehr schwierig oder sogar gef├Ąhrlich f├╝r die Aktivist:innen selbst. Wir sprechen hier von Eins├Ątzen in Waldgebieten, oft nachts, oft in einem Gebiet, das gem├Ą├č staatlicher Direktiven f├╝r jede:n au├čer der Armee f├╝r ÔÇ×gesperrtÔÇť erkl├Ąrt wurde und in dem sich viele Gefl├╝chtete befinden, die grundlegende Hilfe ben├Âtigen. Hinzu kommt medizinische Hilfe im weitesten Sinne, da ein l├Ąngerer Aufenthalt im Wald w├Ąhrend des Herbstes und Winters oft ihre Gesundheit ernsthaft beeintr├Ąchtigt oder sogar direkt ihr Leben bedroht.
Die Aktivist:innen leisten jedoch nicht nur direkte Hilfe in Form von Versorgung mit den notwendigsten Dingen: Ebenso blockieren sie oft den Abtransport von Menschen, die von Grenzsch├╝tzer:innen illegal aus Krankenh├Ąusern abgeholt werden; sie unterzeichnen Vollmachten, die notwendig sind, damit ein:e bestimmte:r Gefl├╝chtete:r einen Asylantrag stellen kann, und ├╝bernehmen somit in gewisser Weise die Verantwortung f├╝r das weitere Schicksal einer:s Refugee, indem sie gemeinsam mit Abgeordneten formale Anfragen zu ihrem:seinem Status und Aufenthaltsort stellen (denn unabh├Ąngig von der Einleitung eines Asylverfahrens ÔÇ×verschwindenÔÇť Migrant:innen oft unter ungekl├Ąrten Umst├Ąnden aus dem polnischen Hoheitsgebiet, um sich auf der belarussischen Seite wiederzufinden).
Es handelt sich also um eine umfassende, ├Ąu├čerst engagierte und anstrengende Hilfe, die es erforderlich macht, dass wir gleichzeitig in vielen Bereichen t├Ątig werden und uns st├Ąndig Kenntnisse aneignen. Dazu z├Ąhlen nicht nur juristische Kenntnisse, da es immer noch einen Mangel an Anw├Ąlt:innen f├╝r die Gefl├╝chteten an der polnisch-wei├črussischen Grenze gibt, sondern auch praktische Kenntnisse, die es erm├Âglichen, die Bed├╝rftigen wirksamer zu erreichen, um nicht versehentlich die Aufmerksamkeit von Armee, Polizei oder WOT auf sich zu ziehen.
Die Hilfe ist finanziell ├Ąu├čerst prek├Ąr, da sie in der ├ľffentlichkeit nicht so gut ankommt und Nichtregierungsorganisationen, die sie urspr├╝nglich koordiniert und mitfinanziert haben, mit dem Ausbruch des Krieges in der Ukraine alle ihre Ressourcen an diese Grenze verlagert haben. Daher stehen die Aktivist:innen, die die Hilfe fortsetzen wollen, oft vor der Qual der Wahl und k├Ânnen nicht ein solches Ma├č an Versorgung bieten, dass jede Person, die in Polen ein Asylverfahren durchl├Ąuft (das oft bis zu einem Jahr dauert), zumindest Kleidung zum Wechseln und einen Vorrat an T├╝tensuppen und Keksen h├Ątte.
Die Hilfe an der polnisch-wei├črussischen Grenze kann ganz allgemein als ein st├Ąndiger Kampf gegen das System beschrieben werden, das versucht, diese Hilfe in zunehmendem Ma├če zu verhindern und zu kriminalisieren. Es handelt sich um eine Hilfeleistung, die zwar sehr kr├Ąftezehrend und k├Ârperlich und geistig anstrengend ist, aber dennoch nicht ausreicht.

Ihr organisiert FNB kontinuierlich, indem ihr jede Woche Essen f├╝r Bed├╝rftige kocht und verteilt, au├čerdem helft ihr Gefl├╝chteten aus der Ukraine und an der polnisch-wei├črussischen Grenze. Wie schafft ihr es, so viele Aktivit├Ąten parallel am Laufen zu halten?

Was die Aktivist:innen aus ┼ü├│d┼║ angeht, so handelt es sich um ann├Ąhernd dieselbe kleine Gruppe von Personen, die aus der ┼ü├│d┼║ Anarchist Federation hervorgegangen ist und die gleichzeitig im Rahmen von FNB, der breiteren Aktivit├Ąten der F├Âderation, der Arbeit f├╝r den Mieter:innen-Verein [siehe GWR 458 ÔÇô Anm. moku] und der Hilfe f├╝r Gefl├╝chtete an beiden Grenzen aktiv ist.
Die Aufgaben├╝berlastung ist in unserer Gruppe inzwischen chronisch. Abgesehen von einer Reihe von Standardaktivit├Ąten innerhalb dieser Kollektive binden die Grenzaktivit├Ąten, ob an der Grenze zur Ukraine oder zu Wei├črussland, die Aktivist:innen in einer konstanten und konstant intensiven Weise ein. Nat├╝rlich teilen wir als Kollektiv die Aufgaben unter uns auf, aber eine Reihe davon erfordert Zusammenarbeit. Egal, ob es um Aktivit├Ąten ÔÇ×vor OrtÔÇť, z. B. an der Grenze oder Ad-hoc-Hilfe, geht, die Zahl der Migrant:innen nimmt st├Ąndig zu, und somit wird die Liste der zu befriedigenden Grundbed├╝rfnisse auch immer l├Ąnger. Unser regelm├Ą├čiger Witz lautet: ÔÇ×Bist du ersch├Âpft? Gefl├╝chtete haben es schwererÔÇť. Aber die Wahrheit ist, dass man, solange die Gefl├╝chtetenkrise andauert und ein st├Ąndiges Eingreifen erfordert, nicht auf diese Hilfe verzichten kann, wenn man einmal aktiv geworden ist, weil man wei├č, dass man die Situation zumindest einiger Menschen ver├Ąndern kann.
Abgesehen von den Aktivit├Ąten an den Grenzen machen wir nat├╝rlich nicht bei den allt├Ąglichen Aktivit├Ąten halt, denn diese Art von Aktivit├Ąten kann man nicht hoch genug einsch├Ątzen, und Hilfe und Engagement werden ├╝berall gleicherma├čen ben├Âtigt. Zusammenfassend l├Ąsst sich sagen, dass es viel zu tun gibt, und zwar auf verschiedenen Ebenen, aber wir sind ein Kollektiv von engagierten Menschen, die versuchen, sich verschiedenen Situationen und Herausforderungen zu stellen.

Welche Kriegserfahrungen tei-ÔÇĘlen die Gefl├╝chteten aus der Ukraine euch mit? Welche Gemeinsamkeiten und Unterschiede seht ihr zwischen den Erfahrungen der ukrainischen Gefl├╝chteten und denjenigen an der polnisch-wei├črussischen Grenze?

Was die Erfahrungen von Gefl├╝chteten betrifft, so ist ihr gemeinsamer Nenner der Krieg mit all seinen Folgen. Dazu geh├Âren der totale oder partielle Verlust von Besitz; die Erfahrung der Kriegshandlungen (Explosionen, Zerst├Ârung, Tod) im Herkunftsland; die Notwendigkeit, das Herkunftsland zu verlassen und eine neue Heimat zu suchen. Diese Erlebnisse sind extrem traumatisierend, und die betroffenen Menschen m├╝ssen auf vielen Ebenen betreut werden.
Hier endet leider die ├ťbereinstimmung der Erfahrungen. Wir sind weit davon entfernt, das Leid von irgendjemandem zu bewerten, aber es ist unm├Âglich abzustreiten, dass die Erfahrung der Gefl├╝chteten, die aus Wei├črussland in unser Land kommen, leider mit vielen zus├Ątzlichen Traumata angereichert ist: Traumata, die vermieden werden k├Ânnten, wenn die Pol:innen, und vor allem die polnische Regierung, die Gefl├╝chteten gleichberechtigt behandeln w├╝rden, als Menschen, die eine ├Ąhnliche Betreuung ben├Âtigen. All die Geschichten, die man von Migrant:innen an dieser Grenze h├Ârt, sind so traumatisch, dass es schwer zu glauben ist, dass so etwas in einem europ├Ąischen Land im 21. Jahrhundert passieren kann, und vielleicht stellt ein Teil der Bev├Âlkerung deshalb ihren Wahrheitsgehalt in Frage ÔÇô dann m├╝ssen wir uns nicht der kollektiven Verantwortung f├╝r den Albtraum stellen, der sich vor unseren Augen abspielt.
Gefl├╝chtete, die aus Wei├črussland nach Polen kommen, wurden auf der Flucht oft von der Mafia entf├╝hrt, wegen ihrer politischen ├ťberzeugung oder ihres Engagements in ihrem Herkunftsland inhaftiert, wiederholt von wei├črussischen Grenzsoldaten verpr├╝gelt und sowohl von polnischen als auch von wei├črussischen Grenzsch├╝tzer:innen um alles gebracht, was sie mitnehmen konnten. Wenn wir sie im Wald treffen, haben sie oft schwere Verletzungen, sie leiden an Unterk├╝hlung, haben tagelang nur gegessen, was sie im Wald finden konnten, und Wasser aus Pf├╝tzen oder Fl├╝ssen getrunken. Sie haben oft Fieber und schwere Lebensmittelvergiftungen. Leider h├Ąufen sich auch die Berichte ├╝ber Vergewaltigungen. Es gibt Menschen, die ihre Angeh├Ârigen im Wald begraben haben, die es nicht geschafft haben, unter so schwierigen Bedingungen zu ├╝berleben.
Die Jemenit:innen, mit denen wir w├Ąhrend der Waldhilfsaktion zu tun hatten, berichteten uns, dass sie selbst nach Einleitung eines Asylverfahrens, in dem sich die polnische Regierung bereits um sie k├╝mmern sollte, 15 Tage lang in einer unterirdischen Zelle festgehalten wurden, ohne sich waschen oder auch nur die Kleidung wechseln zu k├Ânnen, ohne dass ihnen mitgeteilt wurde, wann sie endlich freigelassen w├╝rden. Nicht selten wandern ganze Familien aus, oft mit kleinen Kindern, die an einer im Irak weitverbreiteten, aber nur in Europa behandelbaren Herzkrankheit leiden. Es ist nicht ungew├Âhnlich, dass Menschen mit schweren Krankheiten, Lungenentz├╝ndung, Diabetes, sogar Menschen im Rollstuhl im Wald auftauchen.
Diese Gefl├╝chteten, die abwertend als ÔÇ×illegale Einwan-derer:innenÔÇť bezeichnet werden, bekommen jedoch keine Hilfe mehr. Sie werden nicht mit Pierogis und hei├čer Suppe empfangen, sie werden nicht auf Privathaushalte verteilt. Au├čerdem riskiert man, wenn man sie aus dem Wald herausholt, der Schleuserei beschuldigt zu werden, Teil einer Gruppe des organisierten Verbrechens zu sein. Wenn die Refugees Gl├╝ck haben, k├Ânnen sie Polen unbemerkt durchqueren und landen in Deutschland, Frankreich oder einem anderen europ├Ąischen Land mit einer etwas g├╝nstigeren Politik gegen├╝ber Migrant:innen. Oft sind sie jedoch in einem solchen psychischen und physischen Zustand, dass sie nicht in der Lage sind, ihren bisherigen Weg fortzusetzen, sodass sie versuchen, in Polen Asyl zu beantragen ÔÇô aber hier, wie man sich denken kann, endet die Reihe der Traumata, die sie erlebt haben, nicht.
Theoretisch sollte laut Gesetz jede:r Gefl├╝chtete, die:der in Polen Asyl beantragt, auch ein faires Asylverfahren erhalten, was in der Praxis nat├╝rlich nicht der Fall ist. Wenn es einer Person gelingt, in unserem Land in das Asylverfahren einzutreten, sieht sie sich mit einer Reihe von Anh├Ârungen konfrontiert, bei denen der Wahrheitsgehalt ihrer Geschichte immer wieder infrage gestellt wird, und schlie├člich mit einem langen, bis zu einem Jahr dauernden Aufenthalt in einem Internierungslager mit katastrophalen Bedingungen: Die Fl├Ąche pro Person betr├Ągt etwa zwei Quadratmeter, es gibt keine Aktivit├Ąten, keine B├╝cher, keinen Zugang zu Kulturangeboten, der Internetzugang ist streng begrenzt auf eine halbe Stunde pro Woche, es gibt keine Kleidung, keine grundlegenden Hygieneartikel, und die Lebensmittelrationen sind nicht ausreichend.
Man k├Ânnte meinen, dass das Ende des Aufenthalts in diesem Zentrum gleichbedeutend ist mit einem Happy End und der M├Âglichkeit, ein neues Leben zu beginnen, aber leider ist dem nicht so ÔÇô oft ist das Endergebnis eine Abschiebungsentscheidung. Weil es an Anw├Ąlt:innen sowie am Zugang zu Informationen ├╝ber kostenlosen Rechtsbeistand und zu Dokumenten ├╝ber die aktuelle Situation in polnischer Sprache fehlt, hat die Person nicht einmal die Mittel, um f├╝r sich selbst zu k├Ąmpfen.
All die Traumata, die im Herkunftsland, dann in Wei├črussland und Polen erlebt wurden, das Fehlen einer elementaren psychologischen Betreuung und eine allgemein ge-waltt├Ątige Atmosph├Ąre in den Zentren, die von Grenzsch├╝tzer-:innen ÔÇ×betreutÔÇť werden, sind der ÔÇĘRegeneration und den Versuchen, den Status quo zu ├Ąndern, nicht f├Ârderlich. Das ist der Effekt, auf den der gesamte Prozess der ÔÇ×Assimilierung von Migrant:innenÔÇť von der polnisch-wei├črussischen Grenze ausgerichtet ist.

Welche Rolle spielt der Antimilitarismus in eurer Aktivit├Ąt als FNB? Was haltet ihr von der Idee, Waffen an die ukrainische Seite zu liefern?

Nicht nur die in ┼ü├│d┼║ ans├Ąssige, auch die weltweite Food-Not-Bombs-Bewegung hat sich von Anfang an gegen den Krieg als solchen ausgesprochen. Sie geht davon aus, dass jeder Krieg enorme soziale Sch├Ąden verursacht und das Leben Tausender von Menschen beeintr├Ąchtigt, die nicht direkt an den Kriegsaktivit├Ąten beteiligt sind, aber unter den schlimmsten Folgen in Form von Hunger, Zerst├Ârung von Eigentum und sogar Lebensgefahr leiden. Ein Krieg kostet auch enorm viel Geld, das f├╝r bereits unterfinanzierte und ausgegrenzte Gruppen von Menschen ausgegeben werden k├Ânnte, die zudem die Auswirkungen eines Krieges am st├Ąrksten zu sp├╝ren bekommen werden. Die Unterst├╝tzung von Kriegen durch die Bereitstellung von Waffen ist immer eine Finanzierung von Gewalt und Zerst├Ârung.
Aber in dieser sensiblen Frage des Krieges in der Ukraine, mit der wir uns st├Ąndig besch├Ąftigen, versuchen wir pers├Ânlich, in anderen Bereichen zu arbeiten, in denen Hilfe geleistet werden kann. Damit nehmen wir die Position ein, um die die ukrainischen Anarchist:innen selbst gebeten haben, indem sie sagten, dass einige von ihnen k├Ąmpfen und sich bewaffnen wollen und einige von ihnen nicht im Namen von Grenzen und Staatlichkeit sterben wollen. Sie bitten uns, keine dieser Haltungen zu verurteilen.

Warum hat sich die polnische Gemeinschaft so sehr f├╝r die Gefl├╝chteten aus der Ukraine engagiert? Warum war diese Hilfe f├╝r die Gefl├╝chteten an der polnisch-wei├črussischen Grenze anders?

Einerseits ist es eine Form, das Trauma der fehlenden Hilfe an der polnisch-wei├črussischen Grenze und aller sich daraus ergebenden Konsequenzen zu kompensieren, d. h. der eigenen stillschweigenden Zustimmung zu menschlichem Leid oder gar Tod, denn nach dem Beschluss der Regierung sind sowohl die Hilfe an dieser Grenze als auch f├╝r die Gefl├╝chteten selbst illegal. Die Unf├Ąhigkeit zu handeln, zusammen mit der riesigen Anzahl von Videos, die Gefl├╝chtete und ihre Familien oft in den sozialen Medien posten und damit um Hilfe schreien, schafft ein Gef├╝hl der Notwendigkeit zu handeln.
Mit dem Beginn des Krieges in der Ukraine gibt es jetzt eine Gelegenheit, diese Notwendigkeit nicht nur in einer sicheren Umgebung zu kanalisieren, sondern auch in einer Aura gro├čer gesellschaftlicher Zustimmung f├╝r solche Aktionen. Diese Aktionen sind auch ├Ąu├čerst medienwirksam, und wer prahlt nicht gerne damit, dass sie:er hilft ÔÇô dagegen ist objektiv nichts einzuwenden, solange mehr dahintersteckt als der Wunsch nach Applaus. Weil die Hilfsaktivit├Ąten medienwirksam sind, erreichen sie Menschen, die sich vielleicht gar nicht engagieren w├╝rden, aber die sich ermutigt denen anschlie├čen, die bereits helfen. Es ist ein relativ erstaunliches Ph├Ąnomen: Wenn es darum geht, die Pol:innen zum gemeinsamen Handeln zu mobilisieren, auch wenn die geleistete Hilfe ein wenig chaotisch sein mag, war und ist die Gesellschaft in der Lage, gemeinsam viel zu tun, und das ist wirklich ermutigend.
Hinzu kommt, dass die Kriegsfl├╝chtlinge aus der Ukraine geografisch unsere n├Ąchsten ÔÇ×Nachbar:innenÔÇť sind. Es handelt sich auch um eine Gruppe, die uns kulturell nahesteht, sodass die Projektion ÔÇô die Identifikation mit ihrer Situation ÔÇô einfacher m├Âglich ist und infolgedessen auch die Empathie und die Bereitschaft zum Handeln. Leider gilt diese Situation nicht f├╝r nicht-wei├če Ukrainer:innen. Wir h├Âren oft von Situationen, in denen f├╝r dunkelh├Ąutige Student:innen, die vor dem Krieg fliehen, kein Transport von der Grenze aus zur Verf├╝gung steht, oder dass Menschen, die sich urspr├╝nglich entschlossen haben, Gefl├╝chteten ihre Unterkunft anzubieten, das Angebot zur├╝ckziehen, wenn sie herausfinden, dass es sich nicht um eine wei├če Frau, vorzugsweise mit einem kleinen Kind an ihrer Seite, handelt.
Wir selbst fragen uns oft, warum die Gesellschaft Gefl├╝chtete unterteilt und so eifrig bem├╝ht ist, einigen Gruppen zu helfen, w├Ąhrend sie die Erfahrungen und das Leid anderer herabw├╝rdigt und sie sogar entmenschlicht, wie es in der rechtsnationalen Rhetorik der Fall ist, wo sie als ÔÇ×Elemente hybrider Kriegsf├╝hrungÔÇť oder ÔÇ×Putins lebende MunitionÔÇť bezeichnet werden. ├ťberraschenderweise w├╝rde es niemand wagen, diesen Begriff in Bezug auf Gefl├╝chtete aus der Ukraine zu verwenden, die von Wladimir Putins Aktionen noch direkter betroffen sind.
Die Gr├╝nde f├╝r diese Situation liegen unseres Erachtens im unverbl├╝mt ge├Ąu├čerten Rassismus, der sich in einer offenen Abneigung gegen Menschen mit einer anderen als der wei├čen Hautfarbe zeigt, sowie im versteckten, von Medienberichten unterschwellig transportierten Rassismus. Dadurch entsteht eine allgemeine stillschweigende gesellschaftliche ├ťberzeugung, dass die:der andere gleichbedeutend mit der:dem Fremden und die:der Fremde gleichbedeutend mit einer:m potenziellen Bedroher:in ist. Eine andere Hautfarbe, ein anderer kultureller Hintergrund, eine andere Sprache, ein entferntes Herkunftsland ÔÇô all das erleichtert es den Menschen, sich von dem Leid, das diese Gefl├╝chteten in unserem Land erfahren, v├Âllig zu distanzieren. Diese Kluft zwischen ÔÇ×unsÔÇť und ÔÇ×den FremdenÔÇť wird einfach erzeugt, hat jedoch dramatische Folgen.

GWR: Danke f├╝r das Gespr├Ąch, und ich w├╝nsche euch viel Kraft f├╝r eure Aktivit├Ąten!




Quelle: Graswurzel.net