September 30, 2022
Von Graswurzel Revolution
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Joanna Ostrowska ist eine polnische Historikerin und LGBTQIA-Aktivistin. In ihren BĂŒchern veröffentlicht sie die Ergebnisse ihrer Forschungen zu sexueller Zwangsarbeit und zur Verfolgung psychosexueller Minderheiten bzw. homosexueller MĂ€nner wĂ€hrend des Zweiten Weltkriegs. Im ersten Teil des Interviews mit der Graswurzelrevolution, der in der GWR 471 erschien, stellte sie einige Lebensgeschichten von Opfern des Nationalsozialismus vor und deckte die Mechanismen der NS-BĂŒrokratie auf. Im jetzigen zweiten Teil reflektiert Joanna Ostrowska ihre Arbeit als Historikerin und die Bedeutung ihrer Forschungen fĂŒr die Geschichtsschreibung und fĂŒr die heutige Situation der LGBTQIA-Menschen in Polen. (GWR-Red.)

GWR: Wo und wie hast du die Materialien zu deinen BĂŒchern gefunden? Mit welchen Schwierigkeiten hattest du wĂ€hrend der Arbeit zu tun?

Joanna Ostrowska: Die Suche nach Dokumenten ist natĂŒrlich ein mehrjĂ€hriger Prozess. Von Anfang an habe ich versucht, in mehrere Richtungen zu arbeiten. Beim Sammeln von Material ĂŒber sexuelle Zwangsarbeit und im weiteren Sinne ĂŒber intime Beziehungen wĂ€hrend des Krieges sammelte ich Unterlagen ĂŒber „Rosa Winkel“-HĂ€ftlinge (1) bzw. MĂ€nner, die homosexuell gelesen wurden, und nicht-heteronormative Menschen. Als ich auf eine Sammlung von Briefen von Menschen stieß, die zur Zwangssterilisation verurteilt wurden, oder von deren Familien, konnte ich nicht wegsehen. Ich werde nie den Brief von Martha Halm vergessen, in dem sie um Hilfe fĂŒr ihre Tochter Erika bat, die nach der Sterilisation Schmerzen hatte. Jeder neue Fund war ein Ausgangspunkt fĂŒr weitere Recherche. Meistens begann ich mit den Lagerakten und versuchte dann, die Biografien aus der Zeit vor der Inhaftierung und, wenn möglich, nach der Entlassung aus der Strafvollzugsanstalt zu vervollstĂ€ndigen.
Ich habe versucht, die zahlreichen Gerichts-, GefĂ€ngnis- und Lagerdokumente mit Familienarchiven abzugleichen, und ich habe so weit wie möglich nach persönlichen Dokumenten gesucht – TagebĂŒchern, Interviews, Briefen. Ich habe die Geschichte von Erich und JĂłzef aus TĂŒbingen erwĂ€hnt. In diesem Fall ist es uns dank der UnterstĂŒtzung von Udo Rauch vom Stadtarchiv TĂŒbingen gelungen, eine Sammlung von Gedichten zu finden, die Erich im GefĂ€ngnis geschrieben hatte, als er seine Strafe verbĂŒĂŸte. Dank dieses Zufalls konnten wir die Biografie vervollstĂ€ndigen. Erich und JĂłzef sind nicht nur Protagonisten meines Buches, sondern ihre Geschichte wurde auch Teil der Ausstellung „Queer durch TĂŒbingen“ (Udo Rauch, Karl-Heinz Steinle), die bis Juli im Stadtmuseum zu sehen war. (2)
Im Laufe von etwa einem Dutzend Jahren, in denen ich in Staatsarchiven und GedenkstĂ€tten in Polen und im Ausland recherchiert habe, bin ich mehrfach mit unangenehmen Situationen konfrontiert worden, die mit dem von mir recherchierten Thema zusammenhingen. UnanstĂ€ndige – oft homophobe und sexistische – Bemerkungen, Versuche, Unterlagen zu verstecken, abgewiesene Kontaktversuche sind nur einige der Methoden, die mich von der weiteren Arbeit abhalten soll(t)en. Ohne die Hilfe und UnterstĂŒtzung vieler deutscher Historiker:innen und Stiftungen hĂ€tte ich wahrscheinlich nicht jedes dieser Projekte zu Ende bringen können.
Wie auch immer, die „Schwierigkeiten bei der DurchfĂŒhrung dieser Forschung“ sind ein Thema fĂŒr ein separates Buch, das ich in ein paar Jahren als Zusammenfassung von zwei Jahrzehnten Forschung zu diesem Thema in Polen zu schreiben gedenke.

Jedes Opfer wurde katalogisiert, Dokumente wurden gesammelt. Wurden diese Dokumente nach dem Ende des Kriegs weiterverwendet?

Die deutschen Dokumente wurden nach dem Krieg von den polnischen Behörden nicht verwendet, aber GerĂŒchten wegen „unmoralischer Handlungen“ wĂ€hrend des Krieges und der Besatzung wurde nachgegangen. Dies galt sowohl fĂŒr nicht-heteronormative Personen als auch zum Beispiel fĂŒr Frauen, die verdĂ€chtigt wurden, sexuelle Beziehungen „zum Feind“ zu unterhalten.
Wie ich schon erwĂ€hnt habe, wurde Artikel 207 (3) bereits zwei Jahre nach dem Krieg angewendet. Die BĂŒrgermiliz und spĂ€ter auch der Sicherheitsdienst haben wĂ€hrend der gesamten kommunistischen Ära nicht-heteronormative Menschen katalogisiert. Wir haben Listen von „Schwulen und Lesben“ aus den frĂŒhen 1960er-Jahren. Die Namen meiner Protagonist:innen stehen von Anfang an darauf. Teofil KosiƄski war unter ihnen. Das Fehlen von Zeitzeug:innenberichten hing also auch mit der Angst vor erneuter Überwachung zusammen. Claudia Schoppmann verwendet den phĂ€nomenalen Begriff „Zeit der Maskierung“ fĂŒr die Zeit des Nationalsozialismus. Im Nachkriegspolen wurde die Verschleierung fortgesetzt, auch wenn das Gesetz auf den ersten Blick intime Beziehungen zwischen Personen des gleichen Geschlechts nicht unter Strafe stellte.

In Polen bist du Pionierin in diesem Bereich, aber in den Niederlanden oder Deutschland wurden solche Forschungen seit Ende der 1980er gefĂŒhrt. Wie sah die Zusammenarbeit mit deinen Kolleg:in-‹nen aus, z. B. mit Robert Sommer?

Seit Beginn meiner Arbeit habe ich versucht, in stĂ€ndigem Kontakt mit Forscher:innen außerhalb Polens zu stehen. In den Danksagungen des Buches „Sie“ erwĂ€hne ich eine ganze Reihe von Namen von Personen, insbesondere aus Deutschland und Österreich, ohne die ich meine Forschungen nicht hĂ€tte durchfĂŒhren können. Dank ihrer UnterstĂŒtzung und Hilfe konnte ich viele Male aus der kreativen Sackgasse herauskommen.
Bevor „Sie“ entstand, veröffentlichte ich gemeinsam mit Lutz van Dijk und Joanna Talewicz-Kwiatkowska „Erinnern in Auschwitz“ – die erste in polnisch-deutscher Zusammenarbeit entstandene Publikation zur queeren Geschichte und Erinnerung an nicht-heteronormative Menschen im Lagerkomplex Auschwitz-Birkenau. Dank dieses Projekts war es möglich, Forscher:innen aus Polen und Deutschland zusammenzubringen. Ich glaube, dass wir nur so in der Lage sind, im politischen Sinne effektiv zu handeln, uns gegenseitig zu unterstĂŒtzen und Erfahrungen auszutauschen.
Wenn es um das Thema sexuelle Zwangsarbeit geht, war die Hilfe und UnterstĂŒtzung von Robert Sommer fĂŒr mich entscheidend. Wir lernten uns 2007 wĂ€hrend meines Stipendiums an der Berliner Humboldt-UniversitĂ€t kennen. Seitdem habe ich ihn fĂŒr alle neuen Quellen, Dokumente und Erkenntnisse konsultiert. Dank ihm habe ich nicht aufgegeben und meine Forschungen fortgesetzt, trotz des Widerwillens vieler Professor:innen an polnischen UniversitĂ€ten. DafĂŒr werde ich ihm immer dankbar sein. Bei der Erstellung von „Verschwiegen“ ging es mir nicht nur darum, neue Quellen aufzuzeigen, sondern auch darum, meine Erkenntnisse in die von Robert vorgeschlagene ErzĂ€hlung zu integrieren.
In meiner Arbeit versuche ich auch, auf bereits „abgeschlossene“ Biografien zurĂŒckzukommen. Es ist mir gelungen, neue Fakten ĂŒber Karl Gorath und seinen geliebten Zbigniew zu ermitteln. Ich arbeite an der Nachkriegsbiografie von Teofil KosiƄski, die sehr viel komplexer ist. Ich habe sogar auf die berĂŒhmten Fotos aus dem KZ Sachsenhausen und dem KZ Buchenwald zurĂŒckgegriffen, die oft als Visualisierung der HĂ€ftlinge mit dem „Rosa Winkel“ verwendet werden, um festzustellen, wer wirklich darauf abgebildet war. Letztendlich beruhen jedoch alle diese AktivitĂ€ten auf der Zusammenarbeit mit Forscher:innen von außerhalb Polens. Dank dieser Kontakte kann ich weiterarbeiten. Ich werde nicht aufgeben.

Wen möchtest du mit deinen BĂŒchern erreichen?

Von Anfang an war es mir ein Anliegen, dass meine BĂŒcher nicht nur einem geschlossenen akademischen Publikum zugĂ€nglich sind. Ich glaube, dass es bei der Queerisierung der Geschichte auch um die Inklusion der Leser:innen geht. Im polnischen Kontext versuche ich sicherzustellen, dass jedes Projekt, an dem ich beteiligt bin, auch eine aktivistische Dimension hat. Aus diesem Grund habe ich zunĂ€chst dafĂŒr gekĂ€mpft, dass Übersetzungen von BĂŒchern von Heinz Heger oder Lutz van Dijk und Teofil KosiƄski in Polen veröffentlicht werden. Meine Werke sind erst spĂ€ter entstanden. Wie auch immer, das alte Punk-Motto „Denke global, handle lokal“ liegt mir immer noch sehr am Herzen.
DarĂŒber hinaus versuche ich jedoch, einige meiner Publikationen auch in Fremdsprachen zu veröffentlichen. Dank der Stiftung EVZ ist „Mein FĂŒhrer! Opfer der Zwangssterilisation in Niederschlesien 1934–44“ in drei Sprachversionen – Polnisch, Deutsch und Englisch – kostenlos im Internet verfĂŒgbar. Wir haben den Sammelband „Erinnern in Auschwitz“ von Anfang an als zweisprachige Publikation geplant. Wenn alles gut geht, wird „Sie“ nĂ€chstes Jahr auf Deutsch im Touro College Berlin/Metropol Verlag erscheinen, dank der UnterstĂŒtzung von Prof. Stephan Lehnstaedt.

Wie siehst du deine Forschung im Kontext der aktuellen Situation der LGBTQIA-Community in Polen?

Als ich 2005 mein Abenteuer mit der Geschichte der vergessenen Opfer des Nationalsozialismus begann, war mir wohl nicht bewusst, wie anders die ersten Jahrzehnte des 21. Jahrhunderts sich entwickeln wĂŒrden. Wir alle glaubten, dass rechtliche, soziale und pĂ€dagogische VerĂ€nderungen nur eine Frage der Zeit seien. NatĂŒrlich schreibe ich in der Einleitung zu „Sie“ ganz klar, dass es in Polen seit 1990 immer „zu frĂŒh“ fĂŒr VerĂ€nderungen war, wenn es um die LGBTQIA-Community ging. Dieses „zu frĂŒh“ wird buchstĂ€blich in allen Bereichen des Lebens wie ein Mantra wiederholt. FĂŒr gleichgeschlechtliche Partnerschaften, Eheschließungen, die Adoption von Kindern, das Gesetz zum Recht auf Wahl der GeschlechtsidentitĂ€t usw. ist es „noch zu frĂŒh“. So war es auch beim Anti-Abtreibungsgesetz von 1993. Wir sehen die Auswirkungen heute.
Auf der anderen Seite hat die Regenbogen-Bewegung in Polen unglaubliche Arbeit geleistet, um den Alltag von LGBTQIA-Personen zumindest ein wenig zu verĂ€ndern. Ich versuche, diese AktivitĂ€ten mit meiner Arbeit zu unterstĂŒtzen. Ich bin nach wie vor der Meinung, dass der Mangel an historischer Queer-Forschung, der fehlende Zugang zu Publikationen und die fehlende Übersetzung von BĂŒchern ins Polnische einen großen Einfluss auf die Geschehnisse in Polen haben – insbesondere seit 2015, als „Recht und Gerechtigkeit“ [Regierungspartei, poln. PIS – Anm. moku] die Parlamentswahlen gewonnen hat.
Gleichzeitig entstand „Sie“ zu einer Zeit, als die katholische Kirche in Polen ihre Kampagne gegen LGBTQIA-Menschen fortsetzte, unterstĂŒtzt von polnischen Politiker:innen mit PrĂ€sident Andrzej Duda an der Spitze. Wenn man die Geschichte des Phantasmas der „homosexuellen deutschen Pest“ zurĂŒckverfolgt, das bereits Ende des 19. Jahrhunderts auftrat, und es mit der „Regenbogenpest aus dem Westen“ vergleicht, die Erzbischof Marek Jędraszewski erwĂ€hnt, werden bestimmte Dinge auf gefĂ€hrliche Weise vergleichbar. Als ob es im Laufe dieser Jahrzehnte nur eines Fingerschnippens bedĂŒrfte und alle DĂ€monen in genau derselben Gestalt zurĂŒckkehren.
Woran arbeitest du zur Zeit? Wovon handelt dein neues Buch?

Ich arbeite derzeit an zwei BĂŒchern, die, wie ich bereits erwĂ€hnt habe, einfach die nĂ€chste Stufe meiner Arbeit zur Queerisierung der Geschichte sind.
Im Jahr 2023 plane ich die Veröffentlichung eines Buches mit dem Titel „Spuren“ – eine Sammlung von zwölf Essays, die mit kleinen visuellen Hinweisen (Fotografien, Zeitungsanzeigen, einzelnen Dokumenten) beginnen, die ich wĂ€hrend der Arbeit an „Verschwiegen“ und „Sie“ gefunden habe. Einige Geschichten musste ich weglassen bzw. zeitlich verschieben. Sehr oft hatte ich keine Idee, wie ich mit ihnen umgehen sollte, wo ich nach weiteren Hinweisen suchen sollte. Ich brauchte mehr Zeit fĂŒr die Forschung.
Sie alle befassen sich mit dem Thema SexualitĂ€t wĂ€hrend des Zweiten Weltkriegs. Jede Geschichte ist sehr zweideutig, kompliziert und voller LĂŒcken. Ich betrachte „Spuren“ als einen Anhang zu den beiden vorangegangenen BĂŒchern, aber gleichzeitig versuche ich, die vorangegangenen BĂŒcher zu „erweitern“.
Das zweite Projekt befasst sich mit der Geschichte der als „asozial“ bezeichneten weiblichen HĂ€ftlinge mit Schwarzem Winkel in den Lagern Auschwitz, Stutthof und Majdanek. Sowohl in „Verschwiegen“ als auch in „Mein FĂŒhrer!“ habe ich ihre Biografien gestreift. In „Sie“ schreibe ich ausdrĂŒcklich, dass dies ein weiterer Schritt ist, die Geschichte auch im Kontext der Nicht-HeteronormativitĂ€t neu zu schreiben. Im polnischen kollektiven GedĂ€chtnis existieren Frauen, die als asoziale Gefangene oder Kriminelle galten, nicht – sie wurden ausradiert. Eine dieser Frauen war meine Urgroßmutter WƂadysƂawa (verhaftet wegen illegalen Schlachtens). Ihr und anderen habe ich „Sie“ gewidmet. Nun ist es an der Zeit fĂŒr eine eigene Studie.
In diesem Projekt interessiere ich mich nicht nur fĂŒr die Biografien dieser Frauen, sondern vor allem fĂŒr den Mechanismus der Nachkriegsstigmatisierung und der Auslöschung im kollektiven GedĂ€chtnis. Ich bin sehr beeindruckt von den Arbeiten von Wolfgang Ayaß, Helga Amesberger, Brigitte Halbmayr, Elke Rajal („‚Arbeitsscheu und moralisch verkommen‘: Verfolgung von Frauen als ‚Asoziale‘ im Nationalsozialismus“) oder Julia Hörath („‚Asoziale‘ und ‚Berufsverbrecher‘ in den Konzentrationslagern 1933 bis 1938“). Ich möchte meinen Beitrag dazu leisten.
Auch Dr. Joanna Talewicz-Kwiatkowska, die sich mit der Geschichte der Sinti:ze und Rom:nja in Auschwitz beschĂ€ftigt, ist fĂŒr mich eine große UnterstĂŒtzung bei diesem Projekt. Parallel dazu fĂŒhren wir ein Projekt ĂŒber die Geschichte der Romnja in diesem Lagerkomplex durch (Zusammenarbeit mit dem ODIHR (4)). Ich glaube, dass nur diese Art von Patchwork-Zusammenarbeit uns Hoffnung fĂŒr die Zukunft gibt. Auch im politischen Kontext – im Gegensatz zu dem, was heute in Polen und in ganz Europa geschieht.

Danke fĂŒr das GesprĂ€ch!




Quelle: Graswurzel.net