November 16, 2020
Von InfoRiot
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Cottbus – Gegen die Maskenpflicht an Cottbuser Schulen gibt es Widerstand in Telegram-Chatgruppen. Der ist nicht zufĂ€llig, sondern organisiert von Querdenkern und AfD.

Monique Bud­er ist gegen Masken fĂŒr Kinder. Die AfD-Frau aus Cot­tbus hĂ€lt die Maskenpflicht, die seit knapp zwei Wochen auch an Grund­schulen gilt, fĂŒr „unzu­mut­bar“. Mit einem entsprechen­den Slo­gan ihrer Partei wirbt Bud­er auf ihrer Face­book-Seite. „Ich schicke meine Kinder auf keinen Fall mit Maske in die Schule“, sagt sie auf Anfrage.
Bud­er wirbt in Chat­grup­pen auf Telegram, jen­em Mes­sen­ger­di­enst, auf dem sich Coro­naleugn­er aus ganz Deutsch­land tum­meln. In diesen Chats wird es oft schmutzig. Aus dem Unmut ĂŒber den Mund-Nasen-Schutz wird schnell ein halt­los­es Schimpfen auf Staat und Politik.

MaskenĂ€rger ist TĂŒröffner fĂŒr die Wut auf den Staat

Seit vor zwei Wochen die Maske zur Pflicht an Cot­tbuser Schulen wurde, kochen in solchen Chat­grup­pen die Emo­tio­nen hoch. Hier teilen Eltern, die sich an der Maskenpflicht stören, ihren Ärg­er. Und hier wer­den sie zugle­ich ver­sorgt mit Pro­pa­gan­da von Coro­na-Leugn­ern, Impfgeg­n­ern und Verschwörungstheoretikern.
Der MaskenĂ€rg­er dient dabei als TĂŒröffn­er fĂŒr aller­lei Unmut ĂŒber Staat und Poli­tik. „Wenn alle Eltern mit­machen wĂŒr­den“, schreibt eine Mut­ter, dann wĂ€re die Maskenpflicht an ihrer Schule „Geschichte“, schreibt eine Mut­ter in der Chat­gruppe „Frei­heits­boten Cottbus“.
Am 5. Novem­ber hat die Stadtver­wal­tung die Maskenpflicht fĂŒr alle Schulen erlassen, die rund drei Wochen gel­ten soll. Wider­spruch ist the­o­retisch bis Anfang Dezem­ber möglich — dafĂŒr rĂŒsten sich die ver­net­zten Masken­ver­weiger­er. In mehreren Chat­grup­pen kur­sieren Vor­drucke, die nur mit Namen verse­hen und abgeschickt wer­den mĂŒssen. Das Ziel: Den Mund-Nasen-Schutz von den Schulen zu verbannen.

Chatgruppen mobilisieren fĂŒr Querdenker-Proteste

Der Wort­laut dieser Schreiben ist immer der­selbe. Es sei „wis­senschaftlich nicht bewiesen, dass eine Mund-Nasen-Bedeck­ung wirk­sam gegen SARS-CoV­‑2“ helfe, heißt es da. Argu­men­tiert wird mit dem Grundge­setz, der Men­schen­wĂŒrde und dem Recht auf Bil­dung. Es wer­den der Stadt Kon­se­quen­zen ange­dro­ht, „sollte mein Kind durch das Aufzwin­gen ein­er Mund-Nasen-Bedeck­ung einen Schaden erleiden“.
ErhĂ€ltlich sind die Schreiben ĂŒber die AfD — etwa ĂŒber die Face­book-Seite des Stadtverord­neten Andy Schön­garth — und ĂŒber das Telegram-Net­zw­erk der Quer­denker-Bewe­gung. Die Gruppe „Frei­heits­boten Cot­tbus“ ist deren Cot­tbuser Ableger und vere­int 28 Mit­glieder. GrĂ¶ĂŸer ist die Gruppe „Eltern ste­hen auf“, die zu einem bun­desweit­en Net­zw­erk mehrerer Ini­tia­tiv­en gle­ichen Namens gehört. Auch diese Grup­pen sind Mobil­isierungs­ba­sis fĂŒr die Corona-Leugner.

Angst vor Panik und Atemnot

Auch AfD-Frau Monique Bud­er organ­isiert mit. Sie rekru­tierte eine Bus­gruppe zusam­men, die am 7. Novem­ber zu den Quer­denker-Demon­stra­tio­nen nach Leipzig fuhr. Bud­er ist eine Wort­fĂŒhrerin im Frei­heits­boten-Chat. Die dreifache Mut­ter berichtete im Net­zw­erk, dass sie ihre Tochter trotz Maskenpflicht ohne Maske in die Schule schicke — und was sie dem MĂ€d­chen auf den Zettel schrieb, um die All­ge­mein­ver­fĂŒÂ­gung auszuhe­beln. Sie sieht den Mund­schutz als ein StĂŒck seel­is­ch­er Grausamkeit: „Meine Tochter hat regel­rechte Panik unter der Maske“, sagt sie.
Der AfD-Poli­tik­erin geht es darum, Protest auf die Straße zu brin­gen. Auf das Label der Partei verzichtet sie dabei. Der Protest gegen die Maske soll Eltern aller Lager vereinen.

Schleichende Radikalisierung

Quer durch das Land gle­ichen sich diese Chat­grup­pen. FĂŒr den Inhalt sor­gen die Organ­isatoren der Quer­denker, Bodo Schiff­mann und Atti­la Hild­mann. Daneben ste­hen AudiobeitrĂ€ge von Impfgeg­n­ern wie der Ärztin Car­o­la Javid-Kistel aus dem nieder­sĂ€ch­sis­chen Dud­er­stadt. Sie ver­mutet „dass wir lĂ€ngst in ein­er Dik­tatur leben“. Das heizt die Emo­tio­nen an. Ein Vater wet­tert gegen den „Drecksstaat“ und hĂ€lt es fĂŒr bess­er, „wenn wir die Parteien abschaffen“.
Die Cot­tbuser GrĂŒne Bar­bara Domke beobachtet das mit Sorge. Die Net­zw­erke sind monothe­ma­tisch und lassen keine Raum fĂŒr Gege­nar­gu­mente. „Dort find­et eine schle­ichende Radikalisierung statt“, sagt die Stadtverord­nete. Auch sie hat Kinder, die nun in der Schule Maske tra­gen mĂŒssen. „Ich wĂŒrde darauf auch lieber verzicht­en“, sagt sie, „aber ich bin heil­froh, dass es die Maskenpflicht gibt.“

Info

Die Online-Peti­tion gegen die „Maskenpflicht im Schu­lun­ter­richt Stadt Cot­tbus“ hat inzwis­chen mehr als 2300 Unter­stĂŒtzer gefun­den. Die Ini­tia­toren ver­muten gesund­heitliche Nachteile sowie „soziale und psy­chis­che SchĂ€di­gun­gen“ der Kinder durch die Maskenpflicht. Sie berufen sich dabei auf ein­schlĂ€gige Quellen, die unter Coro­na-Leugn­ern kur­sieren und die Maske zu einem Gesund­heit­srisiko erklĂ€ren.

Der­weil ist der reale Wider­stand gegen die All­ge­mein­verord­nung der Stadt Cot­tbus ger­ing. Bis­lang gin­gen laut Angaben der Stadtver­wal­tung nur zehn Wider­sprĂŒche ein — ein­er davon kam vom Kreiselternrat.






Quelle: Inforiot.de