Januar 17, 2022
Von Anarchistische Gruppe LĂŒbeck
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Seit zwei Jahren veranstalten einige Menschen in LĂŒbeck mit wechselnder Besetzung und sehr unterschiedlicher PersonenstĂ€rke „SpaziergĂ€nge“, Autokorsos, Kundgebungen und Demonstrationen fĂŒr das Grundgesetz und Grundrechte und gegen eine angebliche „Corona-Diktatur“. Jetzt Anfang 2022 befindet sich diese Bewegung auf ihrem bisherigen Höchststand, mit teilweise fast 2000 Querdenker*innen, die durch LĂŒbecks Innenstadt ziehen. Sie stellen sich als bĂŒrgerlich, friedlich und regierungskritisch vor. Das Wort „Freiheit“ wird viel genutzt. Doch wie setzt sich diese Bewegung wirklich zusammen und was sind ihre Absichten?

Seit Beginn 2020 begleitet uns eine Pandemie. Wurde Covid-19 am Anfang noch stark unterschĂ€tzt und kleingeredet, so folgten teils massive EinschrĂ€nkungen des Privat- und Berufslebens auf Basis des Infektionsschutzgesetzes seitens unserer Regierung. Einige nachvollziehbarer als andere. So wurden sĂ€mtliche LĂ€den geschlossen, das Privatleben quasi komplett heruntergefahren, doch die Arbeit lĂ€uft bei vielen weiter wie gewohnt. Die Folge sind Ansteckungen am Arbeitsplatz, auf die weder die Arbeitgeber*innen noch der Staat angemessen reagieren, ganz nach dem Motto, die Wirtschaft dĂŒrfe nicht leiden. Damit Deutschland in den Genuss seines alljĂ€hrlichen Spargels kam, ließ man ca. 40.000 RumĂ€n*innen einfliegen, die unter schlechtesten Bedingungen Leben und Arbeiten mussten. Im Winter erfrieren Obdachlose auf deutschen Straßen, wĂ€hrend Maklerfirmen und Hotels ihre Wohnungen und Zimmer leer stehen lassen. Der Profit steht wie immer vor dem Leben. Das kaputte Gesundheitssystem mit zu wenig BeschĂ€ftigten, die schlecht bezahlt werden, wird nicht mit Steuergeldern gerettet, obwohl es diejenigen sind, die wir am Dringendsten brauchen. Stattdessen regnet es Hilfen fĂŒr Fluggesellschaften und KaufprĂ€mien fĂŒr Autos. Der Aufruf zum social distancing ging auch nur bis zur deutschen Grenze. Die Menschen an der polnischen Grenze, Moria und anderen GeflĂŒchtetenlagern werden sich selbst ĂŒberlassen. Abstand halten und Hygieneregeln beachten ist dort nicht möglich.

Auch der Umgang mit den Impfstoffen lĂ€sst sehr zu wĂŒnschen ĂŒbrig. WĂ€hrend die westlichen LĂ€nder und der globale Norden sich mehr oder weniger gut mit Impfstoffen eindecken konnten, ging der Ă€rmere Rest der Welt so gut wie leer aus. WĂ€hrend wir hier in Deutschland ĂŒber eine Impfpflicht diskutieren liegt die Impfquoten in anderen LĂ€ndern bei ca. 10 %. Nicht, weil man sich nicht impfen lassen will, sondern weil einfach kein Impfstoff da ist. Dieses Problem beruht natĂŒrlich darauf, dass Pharmakonzerne auf ihr Patentrecht bestehen, um möglichst viel Profit aus den Impfstoffen zu gewinnen. Des Weiteren sind Ă€rmere LĂ€nder natĂŒrlich nicht so zahlungskrĂ€ftig wie z. B. unser dekadentes Deutschland, wo wir es uns anscheinend erlauben können tagtĂ€glich etliche Dosen ungenutzten Impfstoffes wegzuwerfen.

Also ja, es gibt durchaus Kritik daran, wie mit dieser Pandemie umgegangen wird. Doch was ist die Kritik der sog. Querdenker*innen?
Diese falschen Kritiker*innen interessieren sich nicht ansatzweise fĂŒr all die sozialen Verfehlungen, die im Rahmen des Pandemiemanagements geschehen sind. Diejenigen, die unter den unverhĂ€ltnismĂ€ĂŸigen Maßnahmen wirklich leiden sind ihnen egal, es geht nur um ihre eigene egoistische Auslegung von Freiheit. Wo waren denn die Querdenker*innen als im Sommer 2021 Jugendliche von der Polizei aus den Parks geprĂŒgelt wurden? Wo waren sie als Linke Demos unter dem Vorwand des Infektionsschutzes verboten wurden? Hat sich Querdenken etwa darĂŒber aufgeregt, dass unzĂ€hlige Menschen in Kurzarbeit geschickt, gekĂŒndigt wurden oder bankrott gegangen sind? Auch dazu, dass Menschen sich in GroßraumbĂŒros und Fabriken angesteckt haben, aber ihre Freizeit dafĂŒr dann alleine Zuhause verbringen mussten, haben sie selbsternannten „Systemkritiker*innen“ kein Wort verloren. Vor allem aber sind ihnen all die (chronisch) Erkrankten, Toten und Risikopatient*innen komplett egal. Weltweit (Stand Anfang 2022) sind 5 Mio. Menschen und davon in Deutschland 100.000 Menschen an und mit Covid-19 verstorben. Diese Toten werden entweder geleugnet, ignoriert, oder relativiert. Stattdessen regt man sich darĂŒber auf im Supermarkt eine Maske tragen zu mĂŒssen oder nicht mehr Party machen zu können. Die „Querdenker*innen“ handeln rein egoistisch und fĂŒr die Befriedigung ihrer BedĂŒrfnisse lassen sie ganz schnell auch mal diejenigen Menschen ĂŒber der Klinge springen, die wirklich von dieser Pandemie betroffen sind. Mit ihren ErzĂ€hlungen darĂŒber, wie schlimm es ist, seine Ă€lteren Verwandten oder Freund*innen nicht mehr umarmen zu dĂŒrfen, lenken sie davon ab, dass man eigentlich, wenn man sein nĂ€heres Umfeld schĂŒtzen will, auf eben diesen Kontakt verzichtet. RĂŒcksichtnahme auf die körperliche Unversehrtheit unserer Mitmenschen ist ganz einfache und gelebte SolidaritĂ€t, doch das ist den „Querdenker*innen“ ein Fremdbegriff.

Der Rest dieser „FreiheitskĂ€mpfer*innen“ verliert sich in VerschwörungserzĂ€hlungen, mal mehr, mal weniger antisemitisch, aber immer brandgefĂ€hrlich. Statt ernsthafte Kritik zu Ă€ußern, werden lieber Grundannahmen der Wissenschaft geleugnet oder die Existenz bzw. die Gefahr des Virus komplett geleugnet. Diese Menschen sind weder einer großen Verschwörung auf der Spur, noch geht es ihnen um tatsĂ€chliche Freiheit. Vor allem sind auch hier in LĂŒbeck die allwöchentlichen „SpaziergĂ€nger*innen“ von Nazis und anderen Faschist*innen durchzogen. Gerade die AFD und die NPD, sowie deren Jugendorganisation, „Junge Nationalisten“ (JN) treten in LĂŒbeck hĂ€ufig in Erscheinung im Rahmen der „Corona-Proteste“. Verschiedenste JN-Mitglieder haben hier schon als Ordner mitgewirkt, sowie ihre Fahne zu Demos mitgenommen. Des Weiteren ist Sara Lauterbach eine Mitorganisatorin der Demos. Sie hat beste Kontakte in die rechtsextreme Szene und zu Nazi-Bands. Sie ist ebenfalls mitverantwortlich dafĂŒr, dass andere Nazis in der Ordnerstruktur mitwirken. Auch AFD Landtagsabgeordnete wie Claus Schaffer werden immer wieder hier in LĂŒbeck auf Veranstaltungen des Querdenken-Umfelds beobachtet. In diesen Demos haben verschiedenste örtliche Rechte eine neue BĂŒhne fĂŒr ihre Ideologie gefunden. Hier zeigt man sich noch nicht so ganz offen neonazistisch, wie auf „SpaziergĂ€ngen“ in anderen BundeslĂ€ndern, doch der Anteil an Nazis ist auch hier nicht zu leugnen. Da hilft es auch nicht, wenn der „Spaziergang“ durch die Altstadt Anfang Januar von einem Transparent mit Sophie Scholl Zitat angefĂŒhrt wird, wenn dies dann von NPD und AFD Leuten gehalten wird.

Auch das Bild von ihrem vermeintlich friedlichen Auftreten lĂ€sst sich schnell widerlegen. Menschen, die sich gegen die Querdenker*innen bei ihren Veranstaltungen positioniert haben, wurden schon bedroht, nachgelaufen, körperlich angegangen, festgehalten, angehustet, online geoutet oder auf den Auto-Korsos auch immer wieder fast angefahren. Klar ist nicht jede*r Mensch, der offen ist fĂŒr das, was Querdenken so verlauten lĂ€sst oder auf einem ihrer SpaziergĂ€nge mitlĂ€uft, ein gewaltbereiter Neonazi, aber im geringsten Fall toleriert man mit der UnterstĂŒtzung von Querdenken genau diese Leute. Wir sehen ein, dass unser Staat in dieser Pandemie allzu hĂ€ufig versagt hat. Durch die „Masken-Deals“, die sich jeden Tag Ă€ndernden Maßnahmen, die widersprĂŒchlichen Aussagen zur Wirksamkeit von Tests, Impfungen und Maßnahmen, die nicht gehaltenen Versprechen unserer Politik und die Ausnutzung vieler Maßnahmen, um den starken und repressiven Staat zu stĂ€rken herrscht natĂŒrlich Verunsicherung. Dieses Misstrauen in den Staat ist durchaus berechtigt. Auch wir vertrauen diesem Staat nicht, da er uns noch nie Anlass dazu geboten hat, genauso wie wir auch weiterhin z. B. wollen, dass das Impfen eine freie Entscheidung bleibt. Dennoch erkennen wir die Ernsthaftigkeit dieser Pandemie an und rufen dazu auf, sich solidarisch zu verhalten, um gemeinsam wieder aus dieser Lage herauszukommen. Dazu gehört fĂŒr uns auch sich Impfen zu lassen, Maske zu tragen, Abstand zu halten und Ă€hnliches. Dies tun wir jedoch nicht, weil der Staat es so will, sondern weil wir erkennen, dass es notwendig ist, um diese Pandemie nicht noch schlimmer werden zu lassen. Querdenken im Gegensatz dazu leugnet einfach die Gefahr, marschiert mit Nazis, greift nicht gleichgesinnte an und schimpft auf die vermeidliche Diktatur und versteckt sich dann doch hinter der Polizei, wenn ihnen mal jemand mit Nachdruck die Meinung sagt. Wir alle wollen, dass die EinschrĂ€nkungen, die wir erfahren, enden, aber dies schaffen wir nur mit SolidaritĂ€t und einer legitimen Kritik am Staat und seinem Pandemiemanagement. Ganz sicher jedoch nicht mit Querdenken. Querdenken ist keine Alternative.

Querschießen gegen Querdenken (Flyer, A4, PDF)




Quelle: Aghl.noblogs.org