Oktober 18, 2021
Von Indymedia
218 ansichten


Liebe Bewohner*Innen des Vorderhauses im Hafermarkt, 

seit Beginn diesen Jahres dringen Eruptionen Eures Konfliktes mal hier mal da nach aussen,  und auch, wenn wir uns vorbehalten, dass das, was durch einzelne KanĂ€le nach aussen dringt,  immer persönlich eingefĂ€rbt sein muss, man sich somit niemals ein abschliessendes Urteil  bilden kann, so wurde sich doch immer wieder gewundert, mit welcher HĂ€rte argumentiert und  spĂ€ter auch zunehmend gehandelt wurde. Bisher wurde alles recht diskret als Psychohygiene  behandelt, die jedem Menschen, der in irgendeinem Konflikt mit anderen steht, zugestanden  werden soll. 

Leider entsteht der Eindruck, dass man quasi gezwungen wird, sich auf die ein oder andere Seite  zu stellen, und wer sich nicht hinter Euch stellt, ist demnach per se schon gegen Euch. Es geht in  diesem Brief nicht darum, sich auf eine Seite zu stellen weder fĂŒr noch gegen Euch, und es geht  auch nicht um einen der hier Unterzeichnenden oder um Einzelne von Euch. 

Es zeichnet sich aber immer mehr ab, wie ein ganzes, zuvor lebendiges, sich auch durch Reibung,  weiterentwickelndes, die Szene dieser Stadt bereicherndes Projekt, in welchem sich inzwischen  seit Jahrezehnten Scharen von Menschen willkommen und sicher gefĂŒhlt haben, zum Stillstand  kommt, weil Fronten sich verhĂ€rten. 

Jetzt kommt zu Ohren, dass Menschen ĂŒber den Hafermarkt hinaus genötigt werden, zu Eurem  Konflikt Stellung zu beziehen (Senffabrik, Herbstfest), wo doch der Informationsfluss in die eine,  wie in die andere Richtung nur einseitig sein kann. Damit ist ein Punkt erreicht, an welchem  Menschen, denen der Hafermarkt als solcher am Herzen liegt, ihre Position darstellen wollen,  die primĂ€r eine Lösung des Konflikts, und die Öffnung fĂŒr eine Weiterentwicklung fordert. 

ZunĂ€chst wollen wir darstellen, wie sich Eure Auseinandersetzung mitunter auch im Aussen  abzeichnet, und welches UnverstĂ€ndnis und welche Fragezeichen dabei entstehen. 

Wir gehen davon aus, dass wir uns in einer Szene bewegen, die sich abgrenzen möchte von  konventionellen Strukturen und althergebrachten Verhaltensweisen und Normen. Eine Szene,  die im Allgemeinen aktzeptiert, dass wir alle uns die Welt nun mal mit anderen Menschen teilen  mĂŒssen, und die sich dahin orientiert, wie eine Gesellschaft gelebt werden kann, in der jeder  Mensch seinen Raum und seine Daseinsberechtigung erfĂ€hrt. 

Gerade in Flensburg erleben wir, im Vergleich zu anderen StĂ€dten, eben diese  Daseinsberechtigung als etwas Besonderes. Ausschlaggebend hierzu ist die bedingungslose  Offenheit, mit welcher jeder Mensch, der neu dazu kommt, mit einem Vertrauensvorschuss  versehen und so angenommen wird, wie er ist, völlig unabhĂ€ngig vom Ă€usseren  Erscheinungsbild oder der Erfahrung, die er mitbringt. Gerade in diesem, unseren Flensburg  herrscht doch ein undogmatischer Konsens in Bezug auf gesellschaftskritische  Wertevorstellungen, der Raum fĂŒr persönliche Entwicklung und viele verschiedene Arten von  “linkem Leben” lĂ€sst. Dieser Raum ist geprĂ€gt von aussergewöhnlich achtsamem Miteinander,  einer im Zweifelsfall unbedingten SolidaritĂ€t und einer Form von Auseinandersetzung, die jede  Person, die sich beteiligen möchte, respektiert und mit einbezieht. 

Und nun stellt sich dar, wie ein einzelner Mensch (zwischenzeitlich auch 2-3, primĂ€r aber doch 

dieser Einzelne) zum Feindbild erklĂ€rt wird, und die Bedingung im Raum steht, ein Mensch  möge doch bitte sein langjĂ€hriges zu Hause verlassen, und sich am Besten gleich in Luft  auflösen.  

Die politische Grundlage oder der konkrete Anlass fĂŒr diese Forderung entzieht sich.  

Wenn Letzteres nicht sichtbar ist, muss ursĂ€chlich fĂŒr diese Spaltung eine Auseinandersetzung  gesehen werden, wie sie sich in allen Projekten dieser Welt immer wieder in vielen  verschiedenen Farben wiederholt, und dann muss diese Forderung den oben genannten  Vorstellungen widersprechen, die wir hier als Grundlage fĂŒr das “linke Leben” in dieser Szene  vorwegnehmen. Genauso wie die Art und Weise, wie der Konflikt gefĂŒhrt wurde, auch  zunehmend das Ziel, konsensuell zu entscheiden, ĂŒbergangen hat, und dabei ist nicht nur der  von Euch zum Feindbild ErklĂ€rte ĂŒbergangen worden, sondern auch andere  Mitbewohner*Innen, von denen jede*r Einzelne genauso Teil des Hafermarktes ist, wie Ihr es  seid.  

Nun entsteht hier natĂŒrlich die Frage, was Euch dazu bringt, so eigenmĂ€chtig zu handeln, weil  eine Not dahinterstehen muss, wenn Menschen, die sich doch in einer Szene bewegen, in  welcher sie sich frei entwickeln können, in der sie sich angenommen fĂŒhlen, die Freiheit der  Anderen derart ĂŒbergehen. 

Wiederholt vorgedrungen ist das BedĂŒrfnis nach Schutzraum. Das ist ein absolut berechtigtes  BedĂŒrfniss, jeder Mensch verdient einen Raum, in dem er sich sicher und geborgen fĂŒhlen kann.  Leider erscheint es so, als wenn Ihr fĂŒr Euch etwas beansprucht, was Ihr anderen nicht  zugestehen wollt. Meine Freiheit hört da auf, wo die meines NĂ€chsten anfĂ€ngt. Und gerade in  einem solchen Projekt, in dem man doch recht zusammengewĂŒrfelt lebt, und die immer im  Wandel befindliche Feinjustierung der Werte, sei es, wie sich ein Zusammenleben gestaltet, sei  es die gesellschaftliche, politische Ausrichtung, eine grosse Aufgabe darstellt, muss die  Gleichberechtigung und Aktzeptanz der Verschiedenartigkeiten unbedingte Grundvoraussetzung  sein. DiesbezĂŒglich immer neu den Konsens zu finden erfordert viel Geduld, Bereitschaft und  Arbeit. Dazu gehört, andere Argumente und Schlussfolgerungen, beziehungsweise die  allgemeine Stimmung anzuhören, zu erfassen und diese in eigene Überlegungen mit  einzubeziehen. Dazu gehört, einzusehen, dass auf verschiedenen Ebenen getroffene Aussagen  kontrovers, aber doch gleichermassen gĂŒltig und richtig sein können und hierbei die Ebene zu  suchen, auf welcher man sich gemeinsam bewegen möchte. Das ist natĂŒrlich ein grosse  Herausforderung und gewiss nicht immer einfach, in diesem bestĂ€ndigen Prozess seinen eigenen  Raum aufrecht zu erhalten. 

Aber wenn dieses BedĂŒrfniss nach Schutzraum so gross ist, dass es zur Einkapselung und  Frontenbildung fĂŒhrt, so stellt sich die Frage, wovor habt Ihr Angst? Was kann ein einzelner  Mensch Euch, die Ihr Euch zu 5.+ als Einheit gegen ihn zusammengeschweisst habt, denn  antun? 

Da steht wohl der Vorwurf im Raum, Betreffender sei projektschĂ€digend. Man wundere sich ein  wenig, denn dieses Projekt besteht seit etwa 30 Jahren und derjenige ist seit etwa 20 Jahren Teil  davon, und der Hafermarkt hat sich trotzdem oder vielleicht auch gerade mit ihm immer  weiterentwickeln können. Was ist innerhalb eines Jahres, oder wenn der Konflikt vorher schon  geschwelt hat, weniger Jahre passiert, dass ein Verhalten, welches vorher zur VielfĂ€ltigkeit des 

Projektes beigetragen hat, ebenjenes plötzlich schĂ€digen soll? 

Da wird wohl zum Einen mangelnder Aktionismus vorgeworfen. Wenn ein Mensch seit ĂŒber  zwei Jahrzehnten in einem Projekt lebt, jenes immer wieder aktiv tatkrĂ€ftig mitgestaltet hat,  nebenbei viele Mitbewohner*Innen hat kommen und gehen sehen, viele Debatten in  verschiedensten Facetten immer wieder aufs Neue gefĂŒhrt hat, dann möge man ihm nachsehen,  dass der jugendliche Tatendrang etwas nachgelassen hat. An dieser Stelle den Auszug zu  fordern, kĂ€me dem gleich, Alte ins Seniorenheim zu schicken und zu entmĂŒndigen, und auch das  widersprĂ€che dem Prinzip der Gleichberechtigung und dem Gedanken, dass ein Kollektiv gerade  durch seine , auch generationsĂŒbergreifende, VielfĂ€ltigkeit erst gross und stark sein kann. 

Wenn ein Mensch viel arbeiten geht, um seinen Lebensunterhalt zu verdienen, dann kann das  auch enorm viel zeitliche, physische und geistige KapazitĂ€ten fordern. Da ist es doch die Aufgabe  des Kollektivs, diese fĂŒr die Gemeinschaft eingeschrĂ€nkte KapazitĂ€t ein StĂŒck weit aufzufangen.  Das Mindeste muss aber sein, dieser Person ihren Schutzraum zu gewĂ€hren, in welchem sie in  Sicherheit ihren Feierabend begehen kann, ohne, dass noch weitere Forderungen im Bezug auf  die Aktionen innerhalb des Projektes gestellt werden. Des Weiteren sollte jedem  Kollektivmitglied das Vertrauen entgegen gebracht werden, dass sich immer den eigenen  Möglichkeiten entsprechend in ein Projekt einbracht wird, und diese im Wandel der  Lebensphasen auch jederzeit verĂ€nderlich sein können. 

Zum Anderen heisst es, Betreffender sei “toxisch mĂ€nnlich”. Wer ihn kennt, kann erahnen, wo  dieser Vorwurf herkommt, und nicht jede*r fĂŒhlt sich zu jeder Zeit gewachsen, dieser in ĂŒber 30  Jahren Debatten geschulten und geschĂ€rften Rhetorik, hervorgebracht in einer krĂ€ftigen,  (naturgegebenen) mĂ€nnlichen Stimme, die fĂŒr ein authentisches Selbst spricht und keinen  Zweifel daran lĂ€sst, dass derjenige grĂŒndlich durchdacht hat und meint, was er sagt, etwas  entgegen zu setzen. Ob das allerdings “toxisch mĂ€nnlich” ist, sei dahin gestellt, und vielleicht  stellt dieses Verhalten auch einfach nur die Herausforderung an uns alle Anderen, unsere  eigenen Argumente grĂŒndlicher zu durchdenken, und diese aufrechten Hauptes auch fĂŒr uns  selbst sprechend zu vertreten. 

Bis auf einige wenige GlĂŒckliche, die mit einem gesunden SelbstwertgefĂŒhl und Vertrauen in sich  selbst und die eigene Richtigkeit, aus dem Elternhaus entlassen wurden, tragen wohl die Meisten  von uns toxische Verhaltensweisen in sich, die wir benutzen, um die Aufmerksamkeit und  Anerkennung zu bekommen, die wir uns wĂŒnschen und unsere Daseinsberechtigung in dieser  Welt zu behaupten. Diese können mehr oder weniger stark ausgeprĂ€gt sein, mehr oder weniger  Einfluss auf die Umgebung nehmen, und es erfordert viel Selbstbewusstsein, Mut und Übung,  diese Muster zu erkennen und zu verĂ€ndern. Nur wenige Menschen in unserem Umfeld haben in  letzten Jahren derart viel an sich, eben auch und gerade mit diesen Mustern gearbeitet, wie der  von Euch als toxisch Titulierte. Es zeugt von StĂ€rke und Mut, wenn jemand bereit ist,  persönliche SchwĂ€chen, auch vor Anderen, einzugestehen, und von Demut, wenn die  Bereitschaft gezeigt wird, daran zu arbeiten und sich zu verĂ€ndern. 

So, wie sich Euer Konflikt mitunter auch darstellt, entsteht der Eindruck, dass dieses  EingestĂ€ndnis der SchwĂ€chen missbraucht wird, um das SelbstwertgefĂŒhl zu demontieren. Des  Weiteren kommt leise die Frage auf, ob es nicht gerade auch dieser Mut zu den eigenen  SchwĂ€chen ist, der Euch Angst macht, weil es, wenn einer im direkten Umfeld so offen damit 

umgeht, auch immer ein StĂŒck weit spiegelt, wie man selbst mit seinen SchwĂ€chen umgeht. 

Wer sich davon komplett freisprechen kann, herzlichen GlĂŒckwunsch, Du Kind der Sonne mit  gesundem Selbstwert. Wer aber keine Ahnung davon hat, wie schwer es ist, sich von von  Kindesbeinen an gelernten Verhaltensweisen zu lösen, und wie schwer es sein kann, seinen Platz  in der Gesellschaft und ein zu Hause zu finden, maße sich nicht an, hierĂŒber zu urteilen oder  gar Ungeduld walten zu lassen. Wer in AnflĂŒgen derlei Schwierigkeiten kennt, dĂŒrfte eigentlich,  mit Selbstbewusstsein und Emphatie, noch ferner davon sein, diese bei Anderen zu verurteilen  oder gar zu missbrauchen. 

Die Art und Weise, wie Eure Forderung gerade im Raum steht, und die damit einhergehende  komplette Stilllegung eines gesamten Projektes in Kauf genommen wird, lĂ€sst das Bild eines  trotzigen Kindes entstehen, welches mit verschrĂ€nkten Armen und bösen Blickes in der Ecke  

sitzt, und sich jeder weiteren Handlung verweigert, bis sich irgendetwas im Aussen seinem  Willen gefĂŒgt hat. Mit dieser Haltung nehmt Ihr, nicht nur dem zum Feindbild ErklĂ€rten,  sondern auch allen anderen Mitbewohner*Innen, die Möglichkeit, sich nach eigenem Wesen,  den eigenen Idealen entsprechend zu Ă€ussern und Euch allen Betroffenen die Möglichkeit, eine  dem Konsens entsprechende Lösung des Konflikts zu finden. WeiterfĂŒhrend nehmt Ihr damit  Euch allen auch die Freiheit, sich innerhalb des Projektes, welches doch eigentlich viel Raum  hat, frisch, friedlich, fröhlich, frei zu entfalten und die Potenz, gemeinsam in der DiversitĂ€t etwas  auf die Beine zu stellen, was ĂŒber die Gestaltung des eigenen Lebens hinausgeht.  

Die starre Position soll Eure Mitbewohner*Innen offenbar dahingehend manipulieren, dass sich  das komplette Umfeld Eurem Willen beugt, und das wĂ€re ein viel mehr toxisches Verhalten, als  es eine vielleicht prollig, ruppig anmutende DiskussionsfĂŒhrung (wenn das die Basis des  Vorwurfs ist) sein kann. Dieses Vorgehen widersprĂ€che völlig den Idealen einer Szene, die sich  doch frei sprechen will von Hierarchien und machtspielerischem Gebaren, und liefe jedem  kollektiven Grundgedanken zuwider. 

Des Weiteren stellt sich die Frage, inwieweit hier wirklich die politische Untragbarkeit einer  Einzelperson im Zentrum der Debatte steht, oder ob nicht vielleicht eher ein grundsĂ€tzlicher  Generationenkonflikt vorherrscht. Und wenn Letzteres der Fall ist, muss von der Erwartung  

ausgegangen werden, dass, wenn erst mal der ins Visier Genommene das Feld gerĂ€umt hat, dann  auch andere “Alteingesessene” stillschweigend den RĂŒckzug antreten. Ein solcher Prozess vom  Übergang der Generationen sollte bestenfalls fliessend vonstatten gehen, und dabei können doch  beide Seiten voneinander profitieren. Das erfordert vermutlich viel grundlegende Diskussion ob  der Werte und AnsprĂŒche und viel Aktzeptanz von beiden Seiten, wenn hier und da kontroverse,  unverĂ€nderliche Positionen im Raum stehen. Wenn sich aber eine absolute Unvereinbarkeit  abzeichnet, dann wĂ€re es Aufgabe der nachfolgenden Generation, neue RĂ€ume nach ihren  Vorstellungen zu schaffen, und damit die Szene zu erfrischen und zu bereichern, anstatt  Menschen aus ihrem zu Hause zu vergraulen und bestehende Strukturen zu unterwandern.  Ausserdem gibt es offenbar auch weiterhin Menschen, die Interesse daran haben, in den  Hafermarkt einzuziehen, und mit den Menschen und Strukturen, die sie vorfinden zu leben, und  Letztere mit weiterzuentwickeln. 

Und selbst wenn der Betreffende sich dem Druck, den Ihr aufgebaut habt, beugen sollte, wie  sollte es dann weitergehen? Wie soll ein Umfeld, in welchem persönliche Ziele auf derart 

manipulative Weise erreicht wurden, wieder zu einem gesunden Miteinander und der zu Anfang  benannten Offenheit zurĂŒckfinden? Die Spaltung, die EnttĂ€uschung, das UnverstĂ€ndnis wĂŒrde  doch in ausgehöhlter Form bestehen bleiben. Und leider entsteht hier ein Bild, dies könnte  lediglich der Auftakt dazu sein, Ihr machtet Euch die Welt, widi widi wie sie Euch gefĂ€llt. Jeder  Mensch, der nicht mit Euch konform ginge oder bereit wĂ€re, eventuell abweichende Ansichten  runterzuschlucken, hĂ€tte keine Daseinsberechtigung in Eurer SphĂ€re. 

Und wie kann der Anspruch auf Gleichberechtigung und Hierarchiefreiheit an eine Gesellschaft  gestellt und darin geweckt werden, wenn dieser im eigenen unmittelbaren Umfeld nicht  konsequent gelebt wird? 

Mit der jĂŒngst wie auch immer formulierten Forderung an ein anderes Wohnprojekt “er oder  wir” zwingt Ihr Menschen dazu, in einem Konflikt Stellung zu beziehen, dem jegliche  Transparenz fehlt. Alles, was an Informationen ĂŒber die Grenzen des Hafermarktes hinaus  gedrungen ist, kann nur persönlich eingefĂ€rbt sein und jede Stellungnahme von aussen muss  von persönlichen Sym- und Antipathien geprĂ€gt sein. Da sind zuviele persönliche Motive im  Spiel, als dass eine objektive, konstruktive Stellung ĂŒberhaupt bezogen werden kann und damit  wird Aussenstehenden eine Verantwortung zugemutet, die letztlich so gar nicht ĂŒbernommen  werden kann. Da von Aussen der konstruktive Umgang mit dem Konflikt aus genannten  GrĂŒnden nicht möglich ist, wird mit einer solchen Forderung in Kauf genommen, dass die  Spaltung, die jetzt schon den Hafermarkt handlungsunfĂ€hig macht, weiterziehen, zunehmend  KapazitĂ€ten binden und die ganze Szene in Flensburg, weit ĂŒber die Grenzen des Hafermarktes  hinaus, geschwĂ€cht werden könnte. 

Solange niemand ausser Euch den konkreten Vorwurf kennt, muss dieses Vorgehen als ĂŒbelste  Verleumdung erscheinen. 

DarĂŒber hinaus lĂ€sst sich aus dieser Forderung auch der Wunsch nach SolidaritĂ€t herauslesen.  SolidaritĂ€t könnte in diesem Fall gelebt werden, indem Menschen Euch bei einer eventuell  konfrontativen Begegnung den RĂŒcken stĂ€rken, sich Euch an die Seite oder vor Euch stellen.  SolidaritĂ€t kann aber niemals heissen, von vorneherein Menschen auszugrenzen, um in der  Leichtigkeit eines feuchtfröhlichen Gelages die Verantwortung fĂŒr einen zivilisierten Umgang  miteinander abgeben zu können. (Zudem lĂ€sst auch eine Senffabrik genĂŒgend Raum, sich aus  dem Weg zu gehen) 

Was ist der Grund? Welchen Anlass hat es gegeben, dass Ihr Euch gezwungen seht, die  grundlegenden PrĂ€missen linksgerichteter Denkart derart in den Hintergrund zu stellen? Oder  ist Euer VerstĂ€ndnis der “linken Denkart” von dem, was hier vorausgesetzt wird, so sehr  abweichend, dass eine grundlegende Debatte ĂŒber die Ideale gefĂŒhrt werden muss?  

Im Vorderhaus ist Euer Lebensraum, Euer Schutzraum und das ist auch unantastbar.  

Ihr habt aber, mit Einzug in den Hafermarkt und gerade in das Vorderhaus, in welchem nun mal  mit dem Konzertraum ein Dreh- und Angelpunkt gelagert ist, auch ein StĂŒck weit die  Verantwortung ĂŒbernommen, einen Freiraum fĂŒr Viele, der weit ĂŒber Euren persönlichen  Schutzraum hinausgeht, in dem die Dinge doch besser gemacht werden sollen, als in der Welt da  draussen, mitzugestalten und, wenn die persönlichen KapazitĂ€ten das gerade nicht hergeben,  diesen doch zumindest offen zu halten. Und nun finden viele Aussenstehende, die diesen 

Freiraum immer geliebt und mitgelebt haben, ebenjenen zunehmend blockiert, was, spĂ€testens  mit dem Herantragen von Forderungen an die Senffabrik, auch immer weitere Wellen schlĂ€gt. 

Die vielerseits geschĂ€tzte, seit Jahrzehnten gelebte Offenheit der Szene, die auch den Hafermarkt  immer geprĂ€gt hat, die doch auch Euch warmherzig angenommen und Euch den Raum zur  persönlichen Entfaltung gelassen hat, scheint damit gerade aufs Spiel gesetzt zu werden. 

Ihr seht, da steht viel Un- und MissverstĂ€ndnis im Raum. Uns geht es nicht darum, dass Ihr  Euch vor Aussenstehenden preisgeben oder rechtfertigen sollt, und seid Euch gewiss, dass auch  die “andere Seite” an manchen Stellen Kritik erfĂ€hrt oder Grenzen aufgezeigt bekommt. Da wir  unser aber wĂŒnschen, dass das Projekt Hafermarkt aus dem ‘kalten Krieg’ herausfindet, 

fordern wir jede*n Einzelne*n von Euch dazu auf: 

– Nimm wahr, wie sehr es einen Menschen angreifen muss, wenn sich 5+ Menschen gegen ihn  zusammentun, ihn allein zum Feindbild erklĂ€ren, und ihn ĂŒber die Grenzen des persönlichen  Konflikts hinaus denunzieren. 

– Nimm wahr, wie sehr damit Eure ĂŒbrigen Mitbewohner*Innen ĂŒbergangen werden und ihnen  die Freiheit, in irgendeiner Form Einfluss zu nehmen, sich den eigenen Schutzraum  mitzugestalten, entzogen wird. 

– Nimm wahr, dass dieser Konflikt lĂ€ngst die Grenzen des Hafermarktes ĂŒberschritten hat, und  viele Aussenstehende (in beiderseits kanalisierten InformationsflĂŒssen) in verstĂ€ndnisloser  Ratlosigkeit dastehen lĂ€sst. 

– (zu den letzten drei Punkten:) was Du nicht willst, was man Dir tu, das fĂŒg auch niemand  Anderem zu.  

– Nimm wahr, dass ein gemeinschaftliches Leben mit so vielen Menschen eine grosse  Verantwortung darstellt (wir können nicht 10-15 Menschen gleichermassen gern haben), und  ĂŒberprĂŒfe, ob Du Dich dieser gewachsen fĂŒhlst. Es ist völlig in Ordnung, wenn man diese  Verantwortung nicht ĂŒbernehmen kann oder möchte, aber in diesem Fall frage Dich, ob diese  Wohnform die Richtige fĂŒr Dich ist. 

– Nimm wahr, dass der Veranstaltungsraum des Hafermarktes kein Privat-, sondern ein  Gemeinschaftsraum ist. 

– Gib zumindest den unmittelbar Mitbetroffenen Aufschluss darĂŒber, was der wesentliche Kern  des Vorwurfs ist! Verstecke Dich dabei nicht hinter Schlagworten, sondern benenne konkrete  AnlĂ€sse, an welchen Stellen es GrenzĂŒberschreitungen gegeben hat! 

– Überdenke, ob es wirklich um eine Einzelperson geht, oder nicht vielleicht doch um einen  Generationenkonflikt, und wie ein solcher einvernehmlich gelöst werden könnte. 

– Öffne Dich einer konstruktiven Auseinandersetzung und nimm die Angebote zu 

mediatorischen GesprĂ€chen an! 

– Orientiere Dich hin zu einer konsensuellen Lösung, auf dass der Hafermarkt wieder ein offener  Freiraum in dieser Stadt werden kann! 

Der Impuls zu diesem Brief kam ganz klar von Aussenstehenden, die auch die volle  Verantwortung dafĂŒr ĂŒbernehmen. Um zu vermeiden, dass ĂŒber den Kopf eines Menschen  hinweg persönliche Dinge weitergetragen werden, wurde Betroffenem angeboten, den Brief zu  ĂŒberfliegen, was er aber abgelehnt hat. Das heisst, er ist ĂŒber die Existenz des Briefes informiert,  kennt aber bisher den Inhalt nicht. 

Dieser Brief wurde am Montag, 4.10.21, im Briefkasten Hafermarkt eingeworfen.  18 Menschen stehen mit ihren Namen drunter, 2 hatten eine eigene Stellungnahme  angehĂ€ngt. 

Die Veröffentlichung an dieser Stelle dient der Transparenz fĂŒr alle, die sich ein  Gesamtbild ĂŒber den Konflikt machen möchten. Dieses Bild besteht aus vielen  Facetten, unsere Darstellung ist Eine davon. 

Wir hoffen, dass dies ein weiterer Anstoss sein kann, in eine lösungsorientierte  Auseinandersetzung zu gehen, auf dass die FreirĂ€ume in dieser Stadt wieder  ebensolche werden und die durch den Konflikt gebĂŒndelten Energien wieder fĂŒr  konstruktive Projekte frei werden. 

Eine Woche nach besagtem Herbstfest sah man Menschen aus dem Vorderhaus  parallel mit “Betroffenem” in einem Raum friedlich ignorant existieren. Auch  wenn wir uns freuen, dass es offenbar noch/wieder möglich ist, die  Daseinsberechtigung der Anderen auch im gleichen Raum zu respektieren, so stellt  diese Tatsache fĂŒr uns noch mehr infrage, was der eigentliche Zweck war, ein  ganzes, aussenstehendes Wohnprojekt inmitten von Festvorbereitungen unter  Druck zu setzen, konfliktbezĂŒglich Entscheidungen zu treffen. 

Dieser Anhang ist nicht in RĂŒcksprache mit allen 20 Unterzeichnenden  geschrieben. Im Grossen und Ganzen wurde im Feedback im Vorfeld der Wunsch  zur sachlichen Auseinandersetzung deutlich, die persönliche Entscheidung,  wieviel Energie man in einen Konflikt steckt, der weite Wellen schlĂ€gt, den man  aber nicht durchschauen kann, und die unbedingte Forderung an alle direkt  Betroffenen, sich um die Erarbeitung eines, wie auch immer gearteten, Konsens zu  bemĂŒhen und Angebote zur Hilfestellung anzunehmen. 

Danke an alle, die sich die Zeit genommen haben und nehmen




Quelle: De.indymedia.org