Juli 28, 2022
Von Anarchist Black Cross Wien
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Content warning – Selbstmord (grafisch), GefĂ€ngnis, Gewalt, Selbstverletzung, Missbrauch, Homophobie, Transphobie


Die HĂ€ufigkeit mit denen uns Nachrichten vom Tod von GefĂ€hrt*innen im Knast erreichen, die auf unserer Gefangenenliste stehen und die wir auf die eine oder andere Art unterstĂŒtzten, scheint in letzter Zeit wieder zu steigen. Wir sind wĂŒtend und traurig. Unsere Anteilnahme und Liebe geht an Taylors UnterstĂŒtzer*innen und Freund*innen. Unser Hass an alle GefĂ€ngnisse und Staaten! abc wien


Taylor ist tot. Er wurde am Samstag, den 9. Juli, um 22.37 Uhr im GefĂ€ngnis fĂŒr tot erklĂ€rt, nachdem er sich den Hals aufgeschnitten hatte. Er sollte eigentlich unter Selbstmordbeobachtung stehen, aber das GefĂ€ngnis hat versagt. Wir wurden am Sonntag um 3.30 Uhr vom GefĂ€ngnisdirektor informiert. Seine Zelle wurde von der Polizei versiegelt, und wir warten auf die Ergebnisse der Autopsie. In den kommenden Tagen und Wochen werden wir Neuigkeiten zu seiner Beerdigung bekannt geben.

Seine Geschichte ist eine Geschichte von Missbrauch, Ungerechtigkeit, Transphobie und Tragödie. Es hĂ€tte nicht so kommen mĂŒssen. Er wurde vom Staat ermordet. Sein Tod sollte ĂŒberall innerhalb und außerhalb von GefĂ€ngnissen Widerstand und Rebellion auslösen. Wir haben kein Vertrauen in seine Untersuchung oder darauf, dass der Staat in irgendeiner Weise fĂŒr Gerechtigkeit sorgen kann. Dies ist ein Aufruf zum Widerstand an Abolitionist*innen und Anarchist*innen in der ganzen Welt.

Mit Wut in unseren Adern und Liebe in unseren Herzen, bis jedes GefĂ€ngnis zu Asche wird. Taylor: Du warst unser bester Freund. Unsere queere Familie wird dich fĂŒr immer vermissen. Du wirst nie vergessen werden und dem Staat wird nie verziehen werden.

Wer ist Taylor?

Taylor war ein trans Gefangener, der ĂŒber 14 Jahre lang im britischen GefĂ€ngnissystem gefangen war. Er war ein IPP-Gefangener, der 10 Jahre lĂ€nger im GefĂ€ngnis gesessen hatte als seine ursprĂŒngliche Strafe. Er war ein geliebter Freund der anarchistischen GefĂ€hrt*innen, die ihn im GefĂ€ngnis trafen. Er hatte ACAB auf seinen Fingerknöcheln, einen antiautoritĂ€ren Geist und eine große Liebe zu Tieren. Er war ein Gefangener der Arbeiter*innenklasse der alten Schule, der wusste, auf welcher Seite er stand. Er hasste das System mit jeder Faser seines Seins.

Taylor war eines der ersten Gefangenenmitglieder der IWW ĂŒber das Incarcerated Workers Organising Committee (IWOC), das 2015 in England, Wales, Schottland und Irland gegrĂŒndet wurde. Er war auch bei Smash IPP aktiv, schrieb BeitrĂ€ge fĂŒr den Newsletter und ermutigte andere IPP-Gefangene, der Gruppe beizutreten.

IPP-Todesurteil

IPP (Imprisonment for Public Protection – Freiheitsentzug zum Schutz der Allgemeinheit) ist eine 2005 eingefĂŒhrte Art der Verurteilung, bei der Personen zu einem anfĂ€nglichen „Tarif“ (Mindestzeit, die verbĂŒĂŸt werden muss) verurteilt werden und nach diesem Zeitpunkt der BewĂ€hrungsausschuss ĂŒber ihre Entlassung entscheidet. Das bedeutet, dass IPP-HĂ€ftlinge KEIN definitives Entlassungsdatum haben.

Es handelt sich praktisch um eine lebenslange Haftstrafe fĂŒr geringfĂŒgige Straftaten. Nach massivem öffentlichem Druck wurden IPP-Strafen 2012 abgeschafft, allerdings nicht rĂŒckwirkend, was bedeutet, dass immer noch mehr als 3500 Menschen ohne Entlassungsdatum in Haft sind. Die Ungewissheit ist die Hölle auf Erden. Diese Strafe hat dazu gefĂŒhrt, dass das Vereinigte Königreich eine der höchsten Selbstmordraten von Gefangenen weltweit aufweist.

Mindestens 243 der britischen IPP-HÀftlinge sind im GefÀngnis gestorben, 72 von ihnen haben sich das Leben genommen.

FĂŒr Taylor war die IPP ein Todesurteil. Er wurde wegen Einbruchs zu 4 Jahren verurteilt, verbĂŒĂŸte aber 14 Jahre, bevor er starb. Die langjĂ€hrigen Haftstrafen ohne Enddatum zerstörten Taylors psychische Gesundheit völlig. Er unternahm mehrere Selbstmordversuche, unter anderem schlitzte er sich die Kehle auf und nahm eine Überdosis, die ihn zweimal ins Koma versetzte. Schließlich starb er daran.

Kein Enddatum

Die IPP funktioniert so, dass ein Gefangener zunĂ€chst eine Anfangsstrafe verbĂŒĂŸt, nach der er eine Anhörung vor dem BewĂ€hrungsausschuss hat. Der BewĂ€hrungsausschuss entscheidet, ob der*die Gefangene freigelassen wird oder ob er*sie fĂŒr „offene“ Bedingungen (Kategorie D) empfohlen wird, z. B. fĂŒr eine psychiatrische Unterbringung oder eine Reha-Maßnahme. Der BewĂ€hrungsausschuss kann auch entscheiden, ob ein*e Gefangene*r lĂ€nger im GefĂ€ngnis bleiben muss, und bestimmte Empfehlungen aussprechen, wie z. B. Kurse, die der*die Gefangene absolvieren muss. Die externe BewĂ€hrungshilfe und die fĂŒr die Gefangenen zustĂ€ndigen Bediensteten der Justizvollzugsanstalt erstellen Berichte mit Empfehlungen, und die Gefangenen werden hĂ€ufig auch verschiedenen Risikobewertungen oder psychologischen Gutachten unterzogen.

Bei jeder Anhörung vor dem Strafvollzugskomitee können neue Auflagen gemacht werden, die der*die Gefangene dann zu erfĂŒllen hat. So kann ein*e Gefangene*r beispielsweise alles tun, was der BewĂ€hrungsausschuss vorschreibt, und in der nĂ€chsten Anhörung zwei Jahre spĂ€ter kann der BewĂ€hrungsausschuss sagen: „Sie mĂŒssen noch immer das Verhalten X aufarbeiten und daher den Kurs X absolvieren.“ Dies fĂŒhrt zu einem kontinuierlichen Prozess der Inhaftierung, bei dem die Ziele immer wieder verschoben werden. Die Ungewissheit, die Frustration und die fehlende Macht fĂŒhren dazu, dass sich das Verhalten der Gefangenen verschlechtert, sei es in Form von erhöhtem Drogenkonsum, Selbstverletzung oder Selbstmord aus Protest.

Dieses Verhalten wird dann als Rechtfertigung fĂŒr die weitere Inhaftierung herangezogen, da die betreffende Person fĂŒr die Gemeinschaft nicht „sicher“ ist oder ihr „straffĂ€lliges Verhalten“ nicht in den Griff bekommen hat. Der Kreislauf geht weiter.

Wir haben 14 Jahre lang katalogisierte Beweise fĂŒr unmögliche BewĂ€hrungsanhörungen und VersĂ€umnisse im GefĂ€ngnis. Taylors SelbstmordgefĂ€hrdung war der Grund fĂŒr seine Inhaftierung, doch seine SelbstmordgefĂ€hrdung wurde durch das GefĂ€ngnis verursacht. Es gibt eine Grenze, was ein Mensch ertragen kann. Der Tod wurde fĂŒr Taylor zur einzigen Option, da sich alle legalen TĂŒren zur Freiheit immer wieder schlossen.

 

Transphobie – pathologisiert, hospitalisiert und inhaftiert

Taylor gab 2018 sein EinverstĂ€ndnis, mehr ĂŒber seine Lebensgeschichte zu erzĂ€hlen, um das Bewusstsein fĂŒr trans Gefangene zu schĂ€rfen und zu zeigen, was passiert, wenn das medizinische System trans Menschen pathologisiert.

Als Kind war Taylor jahrelang körperlichem, sexuellem und psychologischem Missbrauch durch seine Mutter und seinen Stiefvater ausgesetzt. Als Teenager gelang es ihm zu entkommen und von seinen Großeltern adoptiert zu werden. Er kehrte jedoch oft zu seiner Familie zurĂŒck und suchte verzweifelt nach Liebe und BestĂ€tigung, die er jedoch nicht erhielt. Dieses intensive Traumamuster hat ihn fĂŒr immer verfolgt. Leider starben wĂ€hrend seiner Haftzeit beide Adoptiveltern, wodurch er sein wichtigstes UnterstĂŒtzungsnetz verlor. Die Trauer war unĂŒberwindbar und konnte nicht heilen, weil er in einer Zelle eingesperrt war und ihre GrĂ€ber nicht besuchen oder seine Trauer nicht vollstĂ€ndig verarbeiten konnte. Wir wissen, dass er jetzt bei ihnen ist.

Taylor wusste immer, dass er ein Mann war. Als junger Teenager ging er zu einem örtlichen Arzt und Ă€ußerte seine GefĂŒhle und Probleme mit seinem zugewiesenen Geschlecht. Der Arzt pathologisierte Taylor als „labil“ und verweigerte ihm den Zugang zu Hormonen oder einer Operation. Das war vor ĂŒber 30 Jahren, und der Zugang zu Hormonen im Internet oder anderen Selbsthilfegruppen war nahezu unmöglich. Vor dem GefĂ€ngnis hatte Taylor noch nie eine andere trans Person getroffen.

Die Kombination aus Missbrauch in der Kindheit und Geschlechtsdysphorie fĂŒhrte zu Drogen- und Alkoholmissbrauch sowie zu einem langfristigen Muster von Selbstverletzungen. Taylor wurde sĂŒchtig, und da er aus der Arbeiter*innen klasse stammte und keine finanziellen Mittel hatte, war „KriminalitĂ€t“ die einzige Möglichkeit, seine Sucht aufrechtzuerhalten. Dies fĂŒhrte Taylor zu einem sehr selbstzerstörerischen Leben mit vielen missbrĂ€uchlichen Beziehungen und Handlungen, die er zutiefst bedauerte. Taylor nahm viele psychiatrische Dienste in Anspruch, von denen jedoch keiner Taylors GeschlechtsidentitĂ€t oder seine BedĂŒrfnisse anerkannte, und er wurde wiederholt pathologisiert, in KrankenhĂ€user eingewiesen und inhaftiert.

In der Zusammenfassung seines Falles, in der er zu einer IPP-Strafe verurteilt wurde, rĂ€umte der Richter ein, dass es Taylors „Geschlechtsprobleme“ waren, die zu seiner Inhaftierung fĂŒhrten.

Taylor erfuhr im GefĂ€ngnis transphobe Beschimpfungen durch Beamte und andere Gefangene. Einmal wurde er von einem MĂ€dchen in seinem FlĂŒgel in einem Hof angegriffen. Zum GlĂŒck war unser Taylor ein KĂ€mpfer und verteidigte sich. Er spuckte auf sie zurĂŒck und sagte: „Hier ist etwas von meiner Gender-FluiditĂ€t“.

WĂ€hrend seiner gesamten Haftzeit beschimpften ihn die Beamten, deadnameden ihn (nutzen seinen alten Namen) und misgenderten ihn immer wieder. In HMP Eastwood Park deadnamede ihn Officer Lorde wiederholt, um ihn „aufzuziehen“ und zu provozieren, damit er sich daneben benimmt und so seine BewĂ€hrung sabotiert.

Als Taylor nach einer Reihe von Selbstmordversuchen in eine psychiatrische Klinik eingewiesen wurde, wurde ihm ein*e Psychiater*in zugewiesen. WĂ€hrend der Sitzungen wurde Taylor wiederholt entmenschlicht und ermutigt, sich als Frau zu sehen. Der*die Psychiater*in erklĂ€rte, dass Beziehungen ein wesentlicher Bestandteil seines „kriminellen Verhaltens“ seien, und riet ihm davon ab, mit Frauen zusammen zu sein oder ĂŒberhaupt eine Beziehung zu fĂŒhren. WĂ€hrend dieser intensiven Zeit der Verletzlichkeit glaubte Taylor, dass die einzige Möglichkeit, jemals aus dem GefĂ€ngnis entlassen zu werden, darin bestand, sich als Frau auszugeben und keine romantischen Beziehungen zu Frauen zu haben.

GlĂŒcklicherweise wurde ihm nach seiner Entlassung aus dem Krankenhaus und nach Beendigung der Sitzungen klar, was fĂŒr ein schrecklicher transphober Akt institutioneller Gewalt dies war. Ein Akt, den trans Menschen auf der ganzen Welt erlebt haben und der von psychiatrischen Behörden pathologisiert wurde.

Taylor war ĂŒberwĂ€ltigt von den Briefen und Karten, die er von der trans Community erhielt. Trotz der BemĂŒhungen des GefĂ€ngnisses, ihn daran zu hindern, einen Binder zu bekommen, und trotz der Behauptung, man wisse nicht, ob die eingesandten Binder „fĂŒr oben oder fĂŒr unten“ seien, und der Weigerung, sie auszugeben, erlebte er schließlich die Euphorie, seine Brust enger an sein Gender anpassen zu können. Er sprach voller Begeisterung von der Operation seines Oberkörpers, wenn er rauskommen wĂŒrde und dann halbnackt am Strand herumlaufen oder im Meer schwimmen wĂŒrde. Jetzt wird er nie die Gelegenheit dazu haben.

Homophobie im GefÀngnis

Beziehungen galten fĂŒr Taylor stĂ€ndig als „Risikofaktor“, und seine Anziehung zu Frauen wurde im GefĂ€ngnis stĂ€ndig pathologisiert und kriminalisiert. In den 14 Jahren, die er hinter Gittern war, wurde er von vielen Menschen, die er liebte, getrennt. Darunter befand sich auch eine Langzeitbeziehung, die ĂŒber sechs Jahre andauerte, wobei er gewaltsam von ihr getrennt wurde und die GefĂ€ngnisverwaltung die beiden absichtlich getrennt hielt, so dass sie sich bis vor einigen Jahren nie treffen konnten.

Im GefĂ€ngnis werden körperliche Beziehungen bestraft – man kann einen IEP erhalten (was bei ausreichender Anzahl zu einer einfachen oder vollstĂ€ndigen Absonderung fĂŒhrt). Dies geschah viele Male wĂ€hrend Taylors Haftzeit. Die stĂ€ndige Überwachung durch die Beamten und die Trennung zwischen ihm und den Menschen, die ihm wichtig waren, trugen ebenfalls dazu bei, Taylors Lebenswillen zu zerstören.

Sollte Taylor bei seiner nĂ€chsten Anhörung BewĂ€hrung erhalten haben, war eine Bedingung, dass er auf alle romantischen und intimen Beziehungen verzichtet. Sein*e eigene*r AnwĂ€lt*in sagte, er mĂŒsse sich daran halten, obwohl wir alle wissen, dass die NĂ€he zu anderen Menschen ein zutiefst notwendiger Teil des Überlebens ist. Wir sprachen mit Taylor oft darĂŒber, dass der Staat sich wie ein missbrĂ€uchlicher, kontrollierender Partner verhielt. Er fĂŒhlte sich machtlos, ihn herauszufordern.

In der letzten Woche seines Lebens wurde Taylor bestraft, weil er eine andere Gefangene gekĂŒsst hatte. Dies war eines der auslösenden Ereignisse, die zu seinem Tod fĂŒhrten.

 

Das Höllenloch HMP Eastwood Park

HMP Eastwood Park ist ein „FrauengefĂ€ngnis“ in Gloucestershire, nicht weit von Bristol entfernt. Das Grauen kommt regelmĂ€ĂŸig zum Vorschein – innerhalb des letzten Monats sind dort 3 Gefangene gestorben. Eine Frau, Kayleigh, starb zwei Tage vor Taylor im selben FlĂŒgel.

Es kommt regelmĂ€ĂŸig zu gewalttĂ€tigen Übergriffen durch Beamte, und sexueller Missbrauch ist an der Tagesordnung. Bei einem kĂŒrzlichen Besuch bei Taylor erzĂ€hlte er, wie Frauen gezwungen wurden, den Beamten Oralsex zu geben, um dafĂŒr Drogen von draußen zu bekommen.

Taylor war der Freiheit so nahe, und das HMP Eastwood Park nahm ihm alles weg. Der Auslöser fĂŒr Taylors jĂŒngste Spirale von Selbstmordversuchen war völlig vermeidbar. Er hatte endlich seine ROTLs (befristeter Freigang) erhalten, mit denen er das GefĂ€ngnis fĂŒr einen Tag in Begleitung eines Beamten verlassen konnte, um „auf seine Entlassung hinzuarbeiten“ und dem BewĂ€hrungsausschuss zu zeigen, dass er „ungefĂ€hrlich“ war.

Am 20. Mai befand sich Taylor in Cabot Circus in Bristol, als ihn die fĂŒr seine Betreuung zustĂ€ndige Beamtin verließ. Taylor versuchte, sie zu finden, was ihm jedoch nicht gelang. Er hatte weder ein Telefon noch eine Möglichkeit, sie zu finden, obwohl er sich stĂ€ndig in der Stadt umsah. Taylor gelang es, dies dem GefĂ€ngnis zu melden. Anstatt die Verantwortung fĂŒr den Verlust Taylors zu ĂŒbernehmen, log die Beamtin, die Taylor nach Bristol eskortierte, und behauptete, er sei absichtlich fĂŒr einige Stunden verschwunden.

Taylor wurde wĂŒtend und stieß eine Pflanze in der Rezeption um. Die GefĂ€ngnisbeamten griffen ihn daraufhin an. Sie prĂŒgelten auf ihn ein und schleppten ihn ohne seine Habseligkeiten in eine neue Zelle. Wir sahen Taylor Tage spĂ€ter und konnten ĂŒberall blaue Flecken an ihm sehen. Taylor wartete auf eine Operation wegen eines Leistenbruchs, und von den Beamten „verbogen“ zu werden, war ein lebensbedrohlicher Akt der Gewalt.

Es wurde ein Aktionsalarm (https://actionnetwork.org/letters/free-taylor-no-more-sabotage-and-violence) gestartet.  544 Personen schickten einen Brief an das GefĂ€ngnis, um zu warnen, dass Taylors Angehörige ernsthaft um sein Wohlergehen besorgt sind und dass diese missbrĂ€uchliche Behandlung seinen schweren psychischen und physischen Gesundheitszustand nach Jahren der Inhaftierung nur noch verschlimmern wird. Dieser Vorfall war der Auslöser fĂŒr die drei Selbstmordversuche und den letzten, an dem er starb. Was wĂ€re, wenn sich Tausende an dem Aktionsalarm beteiligt hĂ€tten? Wie hĂ€tten wir Eastwood Park dazu bringen können, davon Kenntnis zu nehmen? Das sind die Fragen, die uns immer verfolgen werden.

Klassenkampf

Alles in Taylors Leben war von der Klasse geprĂ€gt. Wir wollen nicht, dass dies ausgelöscht wird. Es sind nicht reiche Menschen, die Drogen nehmen, die im GefĂ€ngnis landen. Es sind arme Menschen, die von unserem Wirtschaftssystem unterdrĂŒckt werden, die im GefĂ€ngnis landen, und sie bleiben dort, um eine klassengeschichtete Gesellschaft aufrechtzuerhalten.

 Lektionen fĂŒr unsere Bewegungen

„Der Staat ist permanente Gewalt“ – Errico Malatesta

Wir schreiben „unsere Bewegungen“, aber wir wissen nicht immer, wer „unsere“ sind. Wir wollen anerkennen, dass es eine kleine Anzahl von erstaunlichen engen Freund*innen und GefĂ€hrt*innen in unseren Netzwerken gab, die uns im Laufe der Jahre unterstĂŒtzt haben. Ihr wisst, wer ihr seid <3 Die nach erschĂŒtternden Besuchen am Telefon waren oder die Aktionswarnungen vollendet haben, die wir online gestellt haben. Die Taylor Karten schickten und die zu LĂ€rmdemos kamen.

Aber meistens fĂŒhlten wir uns allein. Taylor war allein. GefĂ€hrt*innen gingen jahrelang durch die Hölle und mussten nicht selten um UnterstĂŒtzung betteln. Eine Person unterstĂŒtzte Taylor 13 Jahre lang, 9 Jahre davon fast ganz allein, obwohl sie sich nach KrĂ€ften bemĂŒhte, seinen Fall in Gruppen vorzubringen und online ĂŒber ihn zu schreiben. Einige anarchistische Websites wollten unsere Aktionswarnungen oder Aufrufe zur UnterstĂŒtzung nicht teilen, weil Taylor kein „politischer Gefangener“ sei. Und das, obwohl das VerstĂ€ndnis von Klassen- und GeschlechterunterdrĂŒckung ein KernstĂŒck des Anarchismus ist.

Taylors Tod hĂ€tte verhindert werden können. Wenn es mehr UnterstĂŒtzung, mehr Widerstand gegeben hĂ€tte. Wenn unsere Bewegungen eine verdammte Bedrohung wĂ€ren. Wenn die GefĂ€ngnisbehörden uns und unsere Aufrufe zum Handeln fĂŒrchteten. Wir mĂŒssen wie der Teufel fĂŒr die Lebenden kĂ€mpfen. Wir mĂŒssen wie der Teufel fĂŒr die kĂ€mpfen, die noch drinnen sind.

Abolition bedeutet UnterstĂŒtzung fĂŒr Gefangene

Abolition war fĂŒr kurze Zeit in aller Munde. Doch die unsexy und unglamouröse Arbeit der Telefonate mit Gefangenen, Besuche, Aktionswarnungen, unermĂŒdliches Fundraising usw. zieht nicht viele Menschen an. Uns wurde gesagt, dass wir diese Arbeit „nicht nachhaltig“ machen, aber es wurde keine praktische UnterstĂŒtzung gewĂ€hrt, um uns die Last von den Schultern zu nehmen. Wir weigern uns, unsere Freunde im GefĂ€ngnis im Stich zu lassen.

Ja, eine Vielfalt von Taktiken ist notwendig. Aber das kann nicht als Ausrede dafĂŒr dienen, sich nicht an der unrĂŒhmlichen Arbeit zu beteiligen, bei der eine Verlegung in ein GefĂ€ngnis mit geringfĂŒgig geringeren Anteilen weißer rassistischer Bullen – die das Risiko rassistischer Angriffe auf die Liebsten verringern – ein Jahr dauert und so gut ist, wie es eben geht.

Was hĂ€tte geholfen, Taylors Tod zu verhindern? Menschen, die Taylor schreiben und Vertrauen zu ihm aufbauen, damit er einen grĂ¶ĂŸeren Freundeskreis hat. Hilfe beim Reisen fĂŒr Besuche. Juristische Beratung und UnterstĂŒtzung bei seinen BewĂ€hrungspapieren. Menschen, die bei unseren Aktionswarnungen helfen und diese verbreiten. Menschen, die Beratung oder UnterstĂŒtzung bei der BewĂ€ltigung des anhaltenden traumatischen Stresses anboten (oder auch nur anerkannten, wie schwer das fĂŒr uns war). Menschen, die zu Demos kamen, bei denen wir um UnterstĂŒtzung baten (und uns nicht demĂŒtigten, weil wir Leute anflehten, zu kommen). Privilegierte Menschen, die ihre Netzwerke nutzen, um Taylor zu helfen (Medienarbeit, juristische Arbeit usw.). Geldspenden fĂŒr die Crowdfunding-Aktion zu seiner Oberkörper-Operation und fĂŒr die Besuchskosten. Briefaktionen fĂŒr trans Gefangene. Hilfe bei der Organisation von Infoabenden fĂŒr Smash IPP oder IWOC. Transparente aufhĂ€ngen. Weiterverbreitung unserer Statements und Grafiken.

Wir brauchten die Wut von allen. Wir brauchten das GefĂŒhl, nicht allein zu sein. Wir wollten SolidaritĂ€t in der Praxis spĂŒren. Wir wollten, dass die Menschen verstehen, dass Abolition UnterstĂŒtzung fĂŒr Gefangene bedeutet. Dass dies ein wichtiger Teil der Bewegung sein sollte und dass es Teil des Widerstands ist, unsere Freund*innen im GefĂ€ngnis am Leben zu erhalten.

Wir wollen, dass die Menschen erkennen, dass Gefangene keine Projekte sind. Sie sind keine „Fallarbeit“. Sie sind kein faszinierendes Studienobjekt, ĂŒber das man seine Masterarbeit schreiben kann. Sie sind nicht dasselbe wie die Organisation einer Buchmesse oder die DurchfĂŒhrung einer Kampagne. Es sind Menschen, und es geht verdammt noch mal um Leben und Tod. Menschen brauchen BestĂ€ndigkeit. Sie brauchen Zuwendung und Freundschaft. Sie mĂŒssen wie verdammte menschliche Wesen behandelt werden. Taylor liebte uns nicht, weil wir Anarchist*innen sind, sondern weil wir seine verdammten Freund*innen sind. Wir sind seine Familie. Weil wir ihn mit Leidenschaft und Freundlichkeit fĂŒr das lieben, was er ist, und nicht, weil er ein Gefangener ist.

Abolition bedeutet Revolution. Keine verdammten Lesegruppen mehr. Wo bleibt eure Wut?

Nichts kann das GefĂŒhl beschreiben, wenn du wieder einen Anruf erhĂ€ltst, dass dein Freund mit einem Hubschrauber aus dem GefĂ€ngnis geflogen wurde, weil er sich den Hals aufgeschnitten hat, weil er die Misshandlungen im GefĂ€ngnis nicht mehr ertragen kann. Die Wut gegen das GefĂ€ngnissystem fließt durch deine Adern. Sie wollen die ganze Welt zerstören. Aber du wendest dich an deine GefĂ€hrt*innen, und wo sind sie?

Irgendwie hat man das GefĂŒhl, dass selbst unter den Abolitionist*innen die Gewalt, die in den GefĂ€ngnissen selbst stattfindet, so oft ignoriert wird und die Gefangenen vergessen, ausgelöscht, bevormundet und als Alibi dargestellt werden. Ja, die Abschaffung der GefĂ€ngnisse erfordert, dass wir den ganzen Staat, die Grenzen, das Bildungssystem niederbrennen. Und nicht nur die GefĂ€ngnisse. Der Staat lĂ€sst Menschen verschwinden, also mĂŒssen wir doppelt so hart arbeiten, um sicherzustellen, dass Menschen nicht ausgelöscht werden. 

Unsere Liebsten werden gefoltert, und die Antwort darauf ist, dass wir Lesegruppen ĂŒber Abolition grĂŒnden. Wir schreiben ErklĂ€rungen fĂŒr den transphoben Guardian. Immer wieder wird uns gesagt, dass die Leute „nicht die KapazitĂ€t“ haben, um jetzt eine Demo zu machen. Wir ertragen das Schweigen der Signalgruppenchats, wenn wir um UnterstĂŒtzung bitten. Wo ist eure verdammte Wut?????? Warum brennen wir diese Orte nicht in Grund und Boden? Die „abolitionistische Bewegung“ in Großbritannien ist passiv und fĂŒgsam. Sie ist nicht wĂŒtend genug. Man kann die Abolition nicht nur aus einem Buch lernen. Lernt von Gefangenen, lernt von Angehörigen von Menschen im GefĂ€ngnis. Es gibt verdammt viele von uns, fragt jede*n nach seinen*ihren Erfahrungen und ihr werdet Geschichten von VernachlĂ€ssigung, Missbrauch und Gewalt hören. Das ist Motivation genug, um zu kĂ€mpfen.

RevolutionĂ€re Abolitionist*innen in den so genannten Vereinigten Staaten riskierten den Tod, um Menschen von Sklavenplantagen zu befreien. Sie grĂŒndeten die Underground Railroad, um ihre Familien und GefĂ€hrt*innen zu befreien. Wo bleibt die direkte Aktion, um unsere Freund*innen aus den KĂ€figen zu befreien? Wo bleibt der Zorn, wenn sie darin sterben? Wie können wir unsere Bewegungen ĂŒber die Wahlwerbung fĂŒr den verdammten Jeremy Corbyn hinaus vorantreiben? ????

Abolition bedeutet Revolution. Es bedeutet, den Staat zu zerstören. Es bedeutet direkte Aktion. Es bedeutet, den Kampf im Klassenkampf zu fĂŒhren.

Wir wissen, dass Taylor einer von Millionen von Menschen auf der ganzen Welt war, die in einem KĂ€fig gehalten werden. Wir wissen, dass Tausende von Menschen vom Staat in Kriegen ermordet werden – wie bei der Invasion in der Ukraine. Wir wissen, dass der Staat Menschen an seinen Grenzen, in Haftanstalten, in GefĂ€ngnissen, in psychiatrischen Kliniken tötet. Wir wissen, dass diejenigen, die von weißer Vorherrschaft, Behindertenfeindlichkeit, Armut und Transphobie betroffen sind, am stĂ€rksten von dieser Gewalt betroffen sind. Jede*r einzelne Eingesperrte ist ein*e politische*r Gefangene*r.

Die Untersuchung und der Bericht des Ombudsmanns fĂŒr GefĂ€ngnisse und BewĂ€hrungshilfe werden keine „Gerechtigkeit“ schaffen. Die GefĂ€ngnisse funktionieren genau so, wie sie konzipiert sind. Dieser Horror ist kein Zufall. Er ist vorsĂ€tzlich.

Taylors Blutlachen bedeckten seine Zelle, in der er allein starb. Sein Blut hat die HĂ€nde von HMP bedeckt, und sie werden keine Konsequenzen zu spĂŒren bekommen. Es sei denn, wir sorgen dafĂŒr.

Wir rufen ĂŒberall zur Wut auf. Erinnert euch an Taylor. KĂ€mpft mit allem, was ihr habt, fĂŒr die, die noch im GefĂ€ngnis sind. Keine leeren Slogans mehr, dies ist ein Kampf auf Leben und Tod.

Wir rufen die GefÀhrt*innen auf, Taylor auf jede erdenkliche Weise zu ehren.

Gegen die GefĂ€ngnisse, gegen den Staat. FĂŒr Freundschaft, fĂŒr Freiheit, fĂŒr die Revolution.

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Quelle: Abc-wien.net