Juli 1, 2021
Von Contraste
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Aus Venezuela dringen in den letzten Jahren selten positive Nachrichten nach Europa. Doch die Genossenschafter*innen von Cecosesola lassen sich bis heute nicht unterkriegen und bauen in ihrem seit ĂŒber 50 Jahren wĂ€hrenden kollektiven Prozess weiterhin an jener hierarchiefreien Zukunft, die sie sich wĂŒnschen. Nun stehen sie vor einer neuen Herausforderung.

Kathrin Samstag, Georg Rath, Farina Regn fĂŒr Cecosesola

Der von Hugo ChĂĄvez als Nachfolger bestimmte NicolĂĄs Maduro wurde 2013 zum venezolanischen StaatsprĂ€sidenten gewĂ€hlt. 2019 erklĂ€rte sich der damalige ParlamentsprĂ€sident Juan GuaidĂł zum InterimsprĂ€sidenten und wurde von den USA, der EU (und zusĂ€tzlich einzelnen EU-Staaten) sowie einigen weiteren LĂ€ndern als neuer PrĂ€sident anerkannt. An der Macht ist er bis heute nicht und »wĂ€hrend die Elefanten kĂ€mpfen, leidet das Gras«. Die Bevölkerung hat seit Jahren mit dem wirtschaftlichen Zusammenbruch des Landes zu kĂ€mpfen. Es mangelt in fast allen Bereichen: Nahrungsmittel, Gesundheitsversorgung, Ersatzteile, Trinkwasser, Strom und vielem mehr. Rund 3,7 Millionen Menschen verließen Venezuela in den letzten Jahren, da zwischen Korruption, Wirtschaftsembargos, Misswirtschaft und WĂ€hrungszusammenbruch kein Ausweg in Sicht ist.

Cecosesola hat derweil rund um die Millionenstadt Barquisimeto im zentralwestlichen Bundesstaat Lara ein weit verzweigtes Netz aus Kooperativen geknĂŒpft. 2017 versorgten sie auf eigenen MĂ€rkten wöchentlich 100.000 Familien mit Lebensmitteln und weiteren Produkten des tĂ€glichen Bedarfs – insgesamt 10.000 Tonnen im Monat. Alleine an Obst und GemĂŒse wurden 600 Tonnen pro Woche vor allem aus den eigenen Produktionskooperativen verkauft. Im 2008 eröffneten Gesundheitszentrum CICS, das ein kleines Krankenhaus mit vielfĂ€ltigen Therapieangeboten ist, und bei dezentralen Sprechstunden wurden 220.000 Menschen medizinisch versorgt. Im Sparkassen-, Krankenkassen- und Bestattungskassensystem sind jeweils ebenfalls zehntausende Familien beteiligt.

Jede neue Etappe in der venezolanischen Krise stellt CECOSESOLA vor ungeahnte Herausforderungen und zwingt zur eigenen Neuerfindung. Die mehr als 1.000 gleichberechtigten Genossenschafter*innen, die ihren Lebensunterhalt in den diversen Strukturen des Netzwerks erwirtschaften, diskutieren alle grĂ¶ĂŸeren Probleme auf den verschiedenen regelmĂ€ĂŸigen Plena und finden gemeinsam eine fĂŒr sie in der jeweiligen Situation passende Lösung: SĂ€rge werden wegen des Metallmangels nun aus Holz gefertigt, die endlosen Warteschlangen vor den MĂ€rkten werden inzwischen per Chipkarte und zufĂ€lliger Vergabe von Wartenummern organisiert, der Saatguteinkauf wurde zwischen allen landwirtschaftlichen Produktionskooperativen kollektiv organisiert, Besitzer*innen privater Autos, die zur kollektiven Nutzung zur VerfĂŒgung gestellt werden, profitieren von kollektiver Ersatzteilbesorgung.

Völkerrechtswidrige Sanktionen

Seit einigen Monaten zeichnet sich nun eine nĂ€chste Herausforderung ab: In Venezuela, dem Land mit den grĂ¶ĂŸten Erdölvorkommen weltweit, wird der Treibstoff knapp. Die eigene Produktion ist unter Misswirtschaft und Ersatzteilmangel zusammengebrochen. Bis Anfang November 2020 hatten die USA trotz Wirtschaftssanktionen noch toleriert, dass die venezolanische Regierung mit multinationalen Unternehmen Rohöl gegen Diesel tauscht. Wenige Tage vor den US-PrĂ€sidentschaftswahlen verbot die Trump-Administration diese Versorgungsmöglichkeit. Die Lage im Land spitzt sich tĂ€glich zu. Transporte von Personen und Waren sowie Notstromversorgung sind zunehmend unmöglich. Die Sanktionen treffen eindeutig die gesamte Bevölkerung und mĂŒssten als völkerrechtswidrig eingestuft und sofort beendet werden.

Noch ist allerdings kein Ende des Embargos in Sicht und auch bei Cecosesola herrscht große Sorge. Ohne Diesel können die landwirtschaftlichen Produkte nicht mit LKW vom Land in die Stadt gebracht werden. Es besteht die Gefahr, dass die kommenden Ernten auf den Feldern vergammeln. Die meisten Produktionsstandorte sind viele Stunden Fahrt von Barquisimeto entfernt, was alternative Transportmöglichkeiten erschwert. Und selbst wenn Obst und GemĂŒse die Stadt erreichen, funktionieren ohne (Not-)Strom weder Licht noch Kassen und Computer – von medizinischen GerĂ€ten ganz zu schweigen. Trotz dieser sehr angespannten Lage bleiben die Compañer@s einem ihrer Grundprinzipien treu: keine Zeit und Energie auf politische Machtspiele zu verwenden; sich gar nicht erst abzugeben mit jenen KrĂ€ften, die Sanktionen verhĂ€ngen oder Gesellschaft von oben gestalten wollen. Lieber bauen sie von unten weiter an Strukturen, die die Grundfesten des Kapitalismus ins Wanken bringen und bei denen nicht Wachstum und Gewinne, sondern die Menschen und ihre GrundbedĂŒrfnisse im Zentrum stehen. Ihre Organisierung ohne Chefinnen und Chefs legt die Verantwortung fĂŒrs Ergebnis in die HĂ€nde aller. Viel Vertrauen sowie kreative und praktische FĂ€higkeiten sind so ĂŒber die Jahre gewachsen. FĂŒr manche war das doch nicht der passende »Job« und sie haben Cecosesola wieder verlassen. Jene, die ĂŒber die Jahre und Jahrzehnte geblieben sind, gestalten tagtĂ€glich einen beeindruckenden Prozess persönlicher, kollektiver und gesellschaftlicher Transformation.

Stand Juni 2021 mĂŒssen schon sehr große Anstrengungen unternommen werden, um eine sich an PrioritĂ€ten orientierende Teilversorgung sicherzustellen. Dazu haben die Compañer@s Kontakt mit amtlichen Stellen in verschiedenen Nachbarbundesstaaten aufgenommen, welche die Verteilung des knappen Kraftstoffes regulieren. Bislang kann auf diese Weise zumindest die HĂ€lfte der wöchentlich benötigten Dieselmenge aufgetrieben werden.

RĂ€der gelten als Spielzeug

Um der Treibstoffknappheit zu begegnen, geht Cecosesola zusĂ€tzlich nun einen eigenen und vor Ort sehr ungewöhnlichen Weg. Die Genossenschafter*innen setzen auf die vermehrte Nutzung von FahrrĂ€dern. In einem Land, in dem die TankfĂŒllung fĂŒrs Auto lange Zeit weniger als eine Flasche Wasser kostete, fuhren Erwachsene im Alltag nicht Fahrrad. RĂ€der gelten in Venezuela als Kinderspielzeug oder SportgerĂ€te. In Barquisimeto setzte bereits vor eineinhalb Jahren ein Umdenken ein. Nach dem Besuch zweier Genossenschafter*innen bei kollektiven Projekten in Deutschland, bei denen eigentlich alternative Gesundheits- und Bildungsstrukturen im Fokus waren, erwiesen sich die Straßen als die inspirierendsten Orte. Einerseits begeisterte damals im Sommer 2019 die »Fridays for future«-Bewegung, doch auch im Alltag waren die Compañer@s von all den jungen und alten Menschen fasziniert, die ĂŒberall mit RĂ€dern unterwegs waren. ZunĂ€chst schien das Fahrrad eine gute Alternative zum Auto zu sein, fĂŒr das chronisch kaum mehr Ersatzteile in Venezuela zu bekommen sind, und nebenbei konnte etwas fĂŒr den Klimaschutz getan werden.

Gleich nach der RĂŒckkehr nach Venezuela wurden erste Fahrradkurse organisiert und RĂ€der repariert. Bei den MĂ€rkten entstanden FahrradparkplĂ€tze und durch gemeinsame RadausflĂŒge wurden mehr und mehr neue Radfahrer*innen gewonnen. So gibt es mittlerweile jeden letzten Sonntag im Monat eine Fahrradtour quer durch Barquisimeto. Anfangs, vor 19 Monaten, waren es acht, jetzt ist die Gruppe bereits auf rund 70 Compañer@s angewachsen. Auch in von Corona geprĂ€gten Zeiten haben die Genossenschafter*innen von Cecosesola dies ohne Unterbrechung weitergefĂŒhrt. Sie nennen das heute: »Eine Radtour fĂŒr das Gute Leben«. Es sind also AusflĂŒge, an denen die gesamte Familie teilhaben kann und bei denen sich alle am Tempo der Kinder als Maßstab orientieren.

FĂŒr das Gute Leben: Cecosesola organisiert inzwischen einmal im Monat eine Fahrradtour quer durch Barquisimeto.

Am Ende jeden Ausflugs gibt es Obst und Wasser als Erfrischung. Meist ist der Zielpunkt einer der öffentlichen PlĂ€tze der Stadt, den die Teilnehmenden dann mit Besen und Rechen etwas sauberer machen. Den Schlusspunkt bilden kooperative Spiele fĂŒr die ganze Familie. Außerdem werden seit April AufnĂ€her auf den Sicherheitswesten angebracht, auf denen geeignete Radfahrwege fĂŒr die Stadt Barquisimeto gefordert werden, die es aktuell dort ĂŒberhaupt nicht gibt.

Um die Drahtesel auch instand zu halten, werfen alle Beteiligten monatlich einen kleinen Beitrag in eine kollektive Kasse. In der Kooperative El Triunfo, die selbst auch einen der kleineren WochenmĂ€rkte organisiert und Teil des Cecosesola-Netzwerks ist, wurden vor vier Wochen 30 FahrrĂ€der gekauft, welche nun den Compañer@s dort zur VerfĂŒgung gestellt werden, um von ihren Wohnungen zum Wochenmarkt und wieder zurĂŒck zu kommen.

Dies hat dazu gefĂŒhrt, dass wöchentlich 120 Liter Diesel weniger benötigt werden. So schaffen es die Cooperativistas, eines der angemieteten Fahrzeuge fĂŒr den Personentransport einzusparen. Die freiwerdenden 120 Liter Diesel werden dann dem Gesamtvolumen an Treibstoff zugefĂŒhrt. Das ist zwar keine allumfassende Lösung, aber es kommt durch solche Initiativen zu Synergie-Effekten, die auch in anderen Prozessen von Cecosesola motivierend wirken.

Keine Energie in Lobbyismus

Da auch in der aktuell sich zuspitzenden Lage keine Energie in Lobbyismus gegen die Sanktionen gesteckt werden soll, ist der weitere Ausbau der Fahrradflotte die beste Lösung, um lĂ€nger mobil zu bleiben. Radelnd wird nun jeder Tropfen Treibstoff fĂŒr wichtige Transporte gespart. Nebenbei zeichnen sich viele andere Vorteile dieser Lösung aus der Not heraus ab: Menschen riskieren weniger Ansteckung mit Covid-19 als bei gemeinsamen Fahrten; generell ist die sportliche Fortbewegungsart gut fĂŒr Kreislauf und Gesundheit; außerdem wird Zeit gespart, weil weniger Autos stunden- und tagelang vor Tankstellen warten mĂŒssen und Autoreparaturen sowie die Beschaffung von Ersatzteilen teilweise entfallen können. Wie lange die Notlösung herhalten muss und ob damit tatsĂ€chlich alle wichtigen Transporte der nĂ€chsten Wochen und vielleicht sogar Monate bewĂ€ltigt werden können, ist derzeit nicht absehbar. Es bleibt zu hoffen, dass die Gestaltungskraft und Ausdauer bei Cecosesola groß genug sind, um auch diese Krise zu ĂŒberstehen.

Online findet sich ein untertitelter Kurzfilm, der die Geschichte und das Wirken von Cecosesola zusammenfasst. Link: https://cecosesola.org/acerca-de

Weitere Beispiele fĂŒr ihre Selbstorganisation zeigen die Genossenschafter*innne in ihrem Film »ReinventĂĄndonos« auf Youtube.

Alle Fotos: Cecosesola




Quelle: Contraste.org