November 15, 2020
Von Contraste
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Wie können wir gemeinsam am sozial-ökologischen Wandel arbeiten, ohne dabei auf Dauer selbst zu verschleißen? Das Projekt »ZĂ€hne putzen« gibt eine mögliche Antwort auf diese Frage – und vermittelt Aktivist*innen an tauschlogikfreie Retreatorte, die hĂ€ufig von Gemeinschaften zur VerfĂŒgung gestellt werden. Eileen ist bei »ZĂ€hne putzen« aktiv und beantwortete die Fragen von CONTRASTE-Redakteurin Regine Beyß.

Was genau verbirgt sich hinter dem Projekt »ZÀhne putzen«? Wie ist das Projekt entstanden?

Die Idee fĂŒr »ZĂ€hne putzen« ist auf dem Symposium »Rebell*innen des Friedens« (Mai 2019, Gemeinschaft Sulzbrunn) entstanden. Dort wurde deutlich, dass sowohl vielfĂ€ltige Gruppen von Aktivist*innen als auch die Gemeinschafts- und Kommunebewegung an einem sozial-ökologischen Wandel arbeiten. Die einen organisieren widerstĂ€ndige Aktionen, die anderen versuchen, RĂ€ume zu schaffen, in denen eine zukunftsfĂ€hige Gesellschaft sichtbar werden und wachsen kann. Diese beiden Impulse sind bislang hĂ€ufig wenig miteinander verknĂŒpft. Unsere Idee ist, dass sie sich vernetzen und gegenseitig unterstĂŒtzen, um gemeinsam mehr Wirkung zu entfalten. In Sulzbrunn haben viele Aktivist*innen berichtet, dass ihnen nach Aktionen oft RĂŒckzugs- und Erholungsorte fehlen – die brauche es aber, um nachhaltig aktiv sein zu können. Von Menschen aus den Gemeinschaften kam der Impuls, solche RĂŒckzugsrĂ€ume zur VerfĂŒgung zu stellen, um Aktivist*innen eine Auszeit zu ermöglichen.

Wie organisiert ihr euch? Wie können sich Aktivisti an euch wenden?

Wir haben von jedem Retreatort in unserem Netzwerk ausfĂŒhrliche Informationen eingesammelt, inklusive einer Ansprechperson vor Ort. Diese ganzen Daten haben wir geordnet, gesammelt und pflegen sie auf einer verschlĂŒsselten Online-Datenablage. Aktivist*innen können uns per Mail kontaktieren, bei Bedarf verschlĂŒsselt. Wir fragen dann in der Regel die WĂŒnsche und BedĂŒrfnisse der Person ab und suchen anhand dessen einen passenden Platz heraus. Wenn es an diesem Platz ebenfalls passt, in dem angefragten Zeitraum eine oder mehrere Person(en) aufzunehmen, bringen wir beide Parteien direkt in Kontakt. Auch danach stehen wir natĂŒrlich weiterhin fĂŒr Fragen oder bei Problemen zur VerfĂŒgung.

Wie viele Gemeinschaften beteiligen sich an dem Projekt? Was können die Gemeinschaften den Aktivisti anbieten?

Aktuell stellen 21 Gemeinschaften aus den Netzwerken GEN-D (Global Ecovillage Network Deutschland) und Kommuja (Netzwerk der politischen Kommunen) ĂŒber das ZĂ€hne putzen-Projekt RĂŒckzugsrĂ€ume fĂŒr Aktivist*innen zur VerfĂŒgung, außerdem acht weitere Wohnprojekte und fĂŒnf Privatpersonen. Neben den RĂ€umen und der Verpflegung, die den Aktivist*innen meist tauschlogikfrei angeboten werden, gibt es an den PlĂ€tzen in der Regel auch Austausch und sozialen Anschluss zu Gleichgesinnten. Die Aktivistis können das Gemeinschaftsleben kennenlernen, sich aber auch zurĂŒckziehen. DarĂŒber hinaus fragen wir jede Person oder Gruppe in unserem Netzwerk, ob sie die Aktivist*innen auch emotional begleiten könnten. An einigen Orten leben zum Beispiel (Trauma-)Therapeut*innen, Coaches oder Visionssucheleiter*innen, die bereit sind, Menschen bei Bedarf zu unterstĂŒtzen.

Ihr schreibt, ihr habt ein »weites VerstÀndnis« von Aktivismus. Was meint ihr damit?

Oft denken Menschen beim Wort »Aktivismus« vor allem an Aktivist*innen, die in Besetzungen leben oder irgendetwas blockieren. Wir sehen aber, dass es ebenso die vielen Menschen braucht, die zum Beispiel kochen, Camps aufbauen, Pressearbeit machen, Antirepressions-UnterstĂŒtzung leisten oder im Hintergrund organisieren, um Blockaden oder Besetzungen zu ermöglichen. Zudem verstehen wir »ZĂ€hne putzen« als intersektionales Projekt, das heißt, wir bieten nicht nur RetreatplĂ€tze fĂŒr Aktivist*innen aus der Klimagerechtigkeitsbewegung, die gerade viel mediale Aufmerksamkeit erfahren, sondern laden auch ausdrĂŒcklich Menschen ein, die zum Beispiel in der GeflĂŒchtetenhilfe, antifaschistischen oder queerfeministischen KĂ€mpfen aktiv sind.

Seid wann lÀuft das Projekt und wie viele Aktivisti konntet ihr schon an Gemeinschaften vermitteln?

Nach einer kurzen Findungsphase von drei Monaten konnten wir bereits im August 2019 die ersten Menschen an einen Retreatort vermitteln. Damals waren wir noch mitten im Projektaufbau und unser Netzwerk solidarischer Orte war viel kleiner als heute. Im November 2019 hatte sich unser Angebot bereits soweit herumgesprochen, dass wir seither regelmĂ€ĂŸig Anfragen bekommen. Inzwischen haben wir trotz einer coronabedingt lĂ€ngeren Pause im FrĂŒhjahr 2020 etwa 75 Menschen im Rahmen von »ZĂ€hne putzen« vermittelt. Auch unser Netzwerk ist in dieser Zeit auf ĂŒber 30 PlĂ€tze gewachsen.

Bekommt ihr RĂŒckmeldungen von den Aktivisti? Wenn ja, wie sehen die aus?

Wir bekommen hĂ€ufig viel Dankbarkeit dafĂŒr, dass wir dieses Netzwerk zur VerfĂŒgung stellen. Und wir bekommen zurĂŒckgemeldet, dass die Aktivisti die Retreatzeit tatsĂ€chlich gut nutzen konnten, um sich zu erholen. Manchmal bekommen wir auch das Feedback, dass der Kontakt und die Vermittlung angenehm und unkompliziert laufen.

Allerdings erleben wir leider hin und wieder auch Frust, wenn wir Menschen absagen mĂŒssen, deren Anfrage inhaltlich nicht in das Projekt passt.

Wieso sind solche RĂŒckzugsrĂ€ume so wichtig? Ist der Bedarf grĂ¶ĂŸer geworden?

Auch das Wirken fĂŒr eine gesellschaftliche VerĂ€nderung kann im persönlichen Alltag ZĂŒge annehmen, die nicht mehr weit weg sind vom ĂŒblichen Hamsterrad kapitalistischer ArbeitsverhĂ€ltnisse. Ob es um den Widerstand gegen einen Braunkohletagebau, eine Massentierhaltungsanlage, diskriminierende Systeme oder die UnterstĂŒtzung von GeflĂŒchteten geht: Solche Vorhaben können in einem Ausmaß belasten und Energie erfordern, dass es unter UmstĂ€nden irgendwann auch nur noch ums Durchhalten geht, unter Verlust des Zugangs zu der eigenen Empfindsamkeit und Lebendigkeit. Auch in Projekten fĂŒr eine bessere Welt können Menschen sich verbrennen, verzweifeln oder depressiv werden. Und auch in Aktivistikreisen fallen dann hĂ€ufig die, die es nicht mehr schaffen, durch das Raster und aus den sozialen BezĂŒgen. Sie verlieren Freundschaften, weil sie einfach nicht mehr da sind, oder auch weil sie die anderen »im Stich lassen«. Sei es aus eigener Scham, oder weil die, die weiter machen, sich abgrenzen mĂŒssen, um weitermachen zu können. Die Aufgabe, unseren Aktivismus zu leben, wirksam zu sein, ohne uns selbst zu verschleißen, ist vielfach noch nicht gut gelöst.

Ein Baustein, um einen nachhaltigen Aktivismus zu ermöglichen will das »ZĂ€hne putzen«-Projekt sein. Es will Aktivist*innen RĂ€ume zur VerfĂŒgung stellen, in denen sie sich zurĂŒckziehen und erholen können, in denen Reflektion und Orientierung, auch BewĂ€ltigung von Erlebtem möglich ist.

Ob der Bedarf grĂ¶ĂŸer geworden ist, finde ich schwer zu sagen, immerhin gibt es uns ja erst seit gut einem Jahr. Der Bedarf ist auf jeden Fall deutlich spĂŒrbar da, und es ist gut, dass der jetzt auch gedeckt werden kann.

Ihr arbeitet auch daran, psychologische und juristische UnterstĂŒtzung anzubieten. Wie gut klappt das bisher?

Psychologische bzw. emotionale und juristische UnterstĂŒtzung bieten wir nicht unmittelbar selbst an, sondern arbeiten dafĂŒr mit anderen Menschen und Organisationen zusammen.

In einigen Gemeinschaften, die Teil unseres Netzwerkes sind, gibt es solidarische Bewohner*innen, die therapeutische Qualifikationen haben, als Coach tĂ€tig sind oder Ă€hnliches. Wenn Menschen uns mit einer entsprechenden Anfrage kontaktieren, vermitteln wir sie an einen Platz, wo sie die Möglichkeit haben, sich UnterstĂŒtzung zu holen. DarĂŒber hinaus arbeiten wir mit den Organisationen »Psychologists for Future« und »Out of Action« zusammen. So können wir Menschen weiter verweisen, die schwere psychische Problemen haben, die in den Gemeinschaften nicht aufgefangen werden können, oder eine lĂ€nger andauernde Betreuung benötigen, oder die eine emotionale Begleitung suchen, ohne das mit einem Retreat an einem bestimmten Ort zu verbinden.

Bei juristischen Fragen arbeiten wir ebenfalls mit einer entsprechend qualifizierten, solidarischen Person zusammen. Allerdings haben wir auf dieses Angebot (zum GlĂŒck) bisher noch nicht zurĂŒck greifen mĂŒssen.

Ihr habt ein sogenanntes »Off-Wave Get-Together« organisiert. Was können wir uns darunter vorstellen?

Das Off-Wave Get-Together fand zwischen den ersten beiden Aktionswellen von #by2020WeRiseUp statt, eine Zeit also, in der es fĂŒr viele Aktivist*innen galt, Kraft fĂŒr das Bevorstehende zu sammeln und sich zu erholen. In der Zeit des Projektaufbaus habe ich mehrere Menschen kennengelernt, die sehr dankbar waren, dass es ein solches UnterstĂŒtzungsnetzwerk nun endlich gibt, und die zugleich unzĂ€hlige Ideen hatten, wozu diese Projekt genutzt werden oder welche Aspekte es noch mit abdecken könnte. Deshalb entschieden wir uns, in der Zeit zwischen den beiden Aktionswellen ein grĂ¶ĂŸeres Treffen interessierter Menschen aus unterschiedlichsten Gruppen zu organisieren und mit ihnen zusammen zu ĂŒberlegen, was die politische Bewegung im Hinblick auf nachhaltigen Aktivismus braucht und was davon wir im Rahmen von »ZĂ€hne putzen« umsetzen können. Zugleich sollte das Get-Together aber auch ein Raum gelebter Utopie sein und die Möglichkeit zur Erholung bieten.

Könnte das Projekt noch UnterstĂŒtzung gebrauchen? Wenn ja, in welcher Form?

Wir freuen uns ĂŒber Spenden, da wir bislang neben unseren ohnehin recht vollen Alltagen und weiteren Projekten nicht nur komplett unentgeltlich viele, viele Arbeitsstunden in »ZĂ€hne putzen« gesteckt haben und das auch weiterhin tun, sondern in der Regel auch selbst fĂŒr anfallende Kosten, wie Fahrt- und BĂŒrokosten und Infomaterial aufkommen. Außerdem wĂŒrden wir uns sehr ĂŒber eine solidarische Person freuen, die fĂŒr uns zuverlĂ€ssig bei IT-Fragen ansprechbar wĂ€re und zum Beispiel Änderungen auf der Homepage ĂŒbernimmt, fĂŒr die in unserem Team aktuell das Fachwissen fehlt.

Link: https://aktivisti-retreat.org
Kontakt: retreat_in_gemeinschaften@riseup.net

Spendenkonto:
GEN Deutschland e.V.
GLS Gemeinschaftsbank eG Bochum
IBAN: DE59 4306 0967 1166 8372 00
BLZ: GENODEM1GLS
Verwendungszweck: PROJEKT ZÄHNE PUTZEN

Titelbild: Pixabay




Quelle: Contraste.org