Januar 15, 2021
Von Indymedia
194 ansichten


Seit dem ersten Oktober 2020 besetzen wir den Flensburger Bahnhofswald, um zu verhindern, dass die dortigen BĂ€ume einem Neubaukomplex aus Hotel und Parhaus weichen mĂŒssen. Wir kĂ€mpfen gegen eine vollkommen verfehlte Verkehrs- und Klimapolitik, in der nach wie vor Gewinne zu erzielen wichtiger ist, als einen lebenswerten Planeten zu erhalten.

Wir haben ĂŒber drei Monate ein Experiment alternativen Miteinanders erprobt, haben voneinander gelernt, wie der Waldkauz singt und wie zutraulich Rotkehlchen sind, wie BaumhĂ€user gebaut werden und wie Seilverbindungen geknotet werden. Aber es geht um viel mehr: Wir haben auch soziale Verbindungen geknotet: Beeindruckend viele und unterschiedliche Menschen haben uns unterstĂŒtzt: Klassische Musiker*innen, Autor*innen, Baumpfleger*innen und Handwerker*innen, Menschen, die Essen fĂŒr uns gekocht, nasse Sachen bei sich getrocknet und uns Decken vorbeigebracht haben. Die BĂŒrger*innen-Initiative ebenso wie die fridays for future.

Aus mehreren vertraulichen Quellen haben wir nun die Info bekommen, dass die Besetzung Anfang nĂ€chster Woche, also am 18.1.2021 gerĂ€umt werden soll. Wir bereiten uns also auf ein Großaufgebot und einen Großeinsatz der Polizei vor – eine Eskalation, die zeigt mit welch absurdem Aufwand die Interessen einiger weniger gegen große Teile der Flensburger Bevölkerung durchgesetzt werden. Eine RĂ€umung, die absehbar zeigen wird, dass die Bekenntnisse der Stadt zum Klimaschutz reine Lippenbekenntnisse sind. Ein Einsatz, der – erst recht unter aktuellen Pandemiebedingungen – vor allem eins darstellen wird: eine Machtdemonstration.

Wir sind gekommen, um zu bleiben und werden die BÀume nicht freiwillig verlassen. Aber wir machen uns nichts vor: Wir wissen, dass die Polizei gewissenlos die errichteten Strukturen zu zerstören im Stande ist. Aber weder die Kraft, die sie erschuf noch die Bewegung lassen sich rÀumen.

Aktuelle Infos auf twitter: https://twitter.com/boomdorp

Mehr Infos zur Besetzung in einem Àlteren und daher am Ende nicht mehr ganz aktuellen Text von uns: https://subtilus.info/2020/11/25/acht-wochen-besetzung-am-bahnhofswald/

Acht Wochen Besetzung am Bahnhofswald

Moin aus dem Böömdörp,

wir besetzen seit dem ersten Oktober den Flensburger Bahnhofswald. Viele Menschen hier in der Stadt haben uns schon besucht oder von uns in der Zeitung gelesen oder folgen uns auf twitter, aber weil all das ja immer nur Schlaglichter auf das Geschehen hier werfen kann, dachten wir, wir fassen mal aus unserer Sicht zusammen, warum wir hier sind, was in den letzten acht Wochen so passiert ist und wie der aktuelle Stand ist.

Der Bahnhofswald

Einige finden, dass es sich dabei gar nicht um einen Wald handelt, sondern „nur“ um ein paar BĂ€ume. Offiziell ist nur ein Teil des Areals, auf dem BĂ€ume gefĂ€llt werden sollen, Wald und ein anderer Teil nicht. Im Grunde sind uns die Begriffe aber auch egal, denn fest steht: Hier soll ein Biotop fĂŒr ein Parkhaus und ein Hotel weichen. Wie viele BĂ€ume es sind wollt ihr wissen? Ja, wenn das so einfach wĂ€re
 Hier in Flensburg gibt es eine Baumschutzsatzung, die definiert, ab welcher GrĂ¶ĂŸe ein Baum unter Schutz steht (das bestimmt sich am Stammumfang in 1m Höhe). Wenn wir nur diese BĂ€ume zĂ€hlen, landen wir bei etwas ĂŒber 60. Aber der erwĂ€hnte Stammumfang liegt bei 80cm und unserem Empfinden nach sind auch kleinere BĂ€ume schon BĂ€ume – was sollten sie auch sonst sein? Aus unserer Sicht reden wir ĂŒber mehrere hundert BĂ€ume, vor allem Buche und Ahorn wachsen hier. Einen Teil der „Nicht-BĂ€ume“ haben wir, um diese AbsurditĂ€t sichtbar zu machen, mit Schildern markiert auf denen steht „ich bin zu klein, um ĂŒberhaupt als Baum zu zĂ€hlen“. Und eine Quelle gibt es hier auch. An die soll bis auf weniger als einen Meter heran gebaut werden, angeblich ist das fĂŒr den Biotopschutz der Quelle ausreichend.

Only local images are allowed.

Im Vergleich zu den KĂ€mpfen um WĂ€lder wie den Dannenröder Wald oder den Hambacher Wald mag das wenig sein, aber wir finden: Kein Baum ist egal. Und gerade innerstĂ€dtische WĂ€lder sind wichtig fĂŒr das Stadtklima. Ein Teil der BĂ€ume, die gefĂ€llt werden sollen, sind rund 150 Jahre alte Linden. Sie bieten vier verschiedenen Fledermausarten ein Zuhause. Einen Buntspecht haben wir bereits beobachtet und nachts auch einen Waldkauz gehört – beides Vögel, die Höhlen in alten BĂ€umen oder Totholz als Lebensbaum brauchen.

Der kleinste Vogel Europas, das WintergoldhĂ€hnchen ist hier ebenso zuhause wie Kohl-, Blau- und Schwanzmeisen, Kleiber klettern kopfĂŒber an den BĂ€umen herum und RabenkrĂ€hen lassen sich in riesigen SchwĂ€rmen in manchen NĂ€chten hier zum Schlafen nieder. Dohlen, Rotkehlchen, Gimpel, Zaunkönige und Amseln wohnen ebenso hier wie auch Eichhörnchen und natĂŒrlich jede Menge Insekten (wie Ohrenkneifer zum Beispiel) und Asseln.

Only local images are allowed.

Ein Parkhaus?

Aber genug zur Biologie. Denn wir sind nicht nur wegen der BĂ€ume selbst gegen die Zerstörung, sondern auch weil wir ablehnen, was hier gebaut werden soll. Ein Parkhaus mitten in der Stadt wird motorisierten Individualverkehr anlocken und verstĂ€rken, statt die dringend ĂŒberfĂ€llige Verkehrswende hin zu mehr ÖPNV zu beschleunigen. Wir brauchen kostenlose Busse und Bahnen statt mehr Autos. Und um einen Umstieg auf öffentliche Verkehrsmittel fĂŒr Menschen aus nicht angebundenen Gebieten attraktiver zu machen braucht es sicherlich nicht innenstĂ€dtische ParkplĂ€tze, sondern allenfalls PendelparkplĂ€tze am Stadtrand, alles andere ist widersinnig, wenn der Verkehr aus den StĂ€dten verschwinden soll.

Aber gegen ein Hotel wird doch wohl keine*r was haben
?

Wir finden: Es gibt genug Tourismus in Flensburg. Schon jetzt steigen die Mieten in der Innenstadt so stark, dass sich viele nicht mehr leisten können, dort zu leben. Das liegt vermutlich in erster Linie an Immobilienspekulation, aber einen Teil zur Gentrifizierung trÀgt eben auch der wachsende Tourismus bei.

Die Investoren

In einer HochglanzbroschĂŒre versprechen die Investoren, es werde keinerlei Probleme mit einem Hangrutsch des steilen GelĂ€ndes geben (der auch die denkmalgeschĂŒtzen Villen an der Schleswiger Straße bedrohen wĂŒrde), der Artenschutz sei gewĂ€hrleistet und außerdem wĂŒrde das Bahnhofsumfeld, was heute angeblich niemandem gefalle, durch ihre Neubauten sicherer.

Die beiden Investoren sind bis auf ein kirchlich moderiertes StreitgesprĂ€ch mit einem Vertreter der BI und einer Besetzerin im offenen Kanal (https://www.youtube.com/watch?v=LCUoaTUDOvI) und einer damit zusammenhĂ€ngenden Pressemitteilung bisher medial sehr zurĂŒckhaltend gewesen und auch vor Ort zeigen sie sich nicht (und das obwohl sie sich im GesprĂ€ch bemĂŒhten, stets zu betonen, dass sie als Flensburger Investoren alles besser machen wĂŒrden, als auswĂ€rtige Investoren). Auf ihrer Internetseite versuchen sie absurderweise sogar, die Besetzung als ein Hindernis fĂŒr den Artenschutz darzustellen. Über die Polizei wurde bekannt, dass gegen eine Person Strafantrag wegen Hausfriedensbruch gestellt worden sei und mittlerweile staatsanwaltschaftlich ermittelt wird.

Was tun?

Die Stadt hat grundsĂ€tzlich grĂŒnes Licht fĂŒr das Bauprojekt gegeben, aber der BUND hat Beschwerde eingelegt gegen die geplante Waldumwandlung. In einem langen Papier wird unter anderem kritisiert, dass alternative Standorte fĂŒr das Projekt nicht ausreichend geprĂŒft worden seien und daher die Waldumwandlung unzulĂ€ssig sei. Über diese Beschwerde muss nun von der Forstbehörde entschieden werden. Erst dann kann ĂŒber den eigentlichen Bauantrag entschieden werden. Das kann theoretisch alles sehr lange dauern, aber darauf wollen wir uns nicht verlassen.

Das Böömdörp „böschĂŒzt die Boime“
Da mit dem ersten Oktober die Rodungssaison beginnt, haben wir beschlossen ab dem 1. Oktober im Bahnhofswald zu leben, um ihn zu beschĂŒtzen. Oder, wie es ein paar SchĂŒler*innen der Waldorfschule auf einem Solitransparent bezeichneten, die „Boime“ zu „böschĂŒzen“. Am Morgen des zweiten Oktober tauchten auch tatsĂ€chlich Arbeiter auf, die bereits erste „untermaßige“ BĂ€ume fĂ€llen wollten und unseretwegen nach einer kontroversen Debatte und hinzugekommener Polizei schließlich unverrichteter Dinge abzogen. Wir haben mittlerweile sechs BaumhĂ€user und noch mehrere kleinere Schlafplattformen gebaut. Sie haben alle ihren ganz eigenen Charme. Im Loft lĂ€sst sich prima Musik hören zum FrĂŒhstĂŒckskaffee, eine Villa Vilekulla (also eine Villa Kunterbunt) darf nirgends fehlen, im Baumhaus namens Hotel haben auch schon ganz junge „HotelgĂ€ste“ genĂ€chtigt, das Forsthaus Falkenau ist doppelstöckig, unsere dĂ€nischen Mitbesetzis errichteten auf dem grĂ¶ĂŸten Baumhaus RĂžd GrĂžd (Rote GrĂŒtze) sogar eine Schaukel und weil es zu roter GrĂŒtze auch Sahne braucht, entsteht nebenan FlĂžde. Und ganz ganz hinten, am Ende des Waldes, direkt neben der Flens-Brauerei findet sich die Punschbude, die – des Ortes wegen – auch Punschbude plop getauft wurde. Wer lieber allein auf einer Plattform schlafen möchte, statt sich BaumhĂ€user zu teilen, hat die Wahl zwischen der Suite (sie ist wirklich sweet), dem Parkhaus (samt HĂ€ngematte mit Überblick ĂŒber große Teile der Besetzung) und der Sumpfburg (wobei bei letzterer die Herausforderung besteht, sie trockenen Fußes zu erreichen).

Only local images are allowed.

Skillsharing und Besuche

Wenn wir nicht gerade bauen, verbringen wir viel Zeit damit, miteinander und voneinander zu lernen. Wissen ĂŒber und Erfahrungen mit Klettern, Pressearbeit, Baumbestimmung, der stĂ€dtischen Einwohner*innenfragestunde, Knotenkunde, MesserschĂ€rfen und vieles mehr haben wir – zum Teil in angekĂŒndigten Workshops, oft aber auch aus spontanen Situationen heraus – ausgetauscht. Außerdem geben wir oft WaldfĂŒhrungen (eine Kurzversion davon findet ihr auch als Video hier: https://www.youtube.com/watch?v=-HTPIQpRZuI)und freuen uns besonders ĂŒber den Besuch von Schulklassen und Kita-Gruppen. Journalist*innen, die nicht klettern lernen wollen, ermöglichen wir ĂŒbrigens zu Schummeln: Ihnen stellen wir auch mal eine Leiter auf, damit sie einen Blick in unser niedrigstes Baumhaus werfen können. Besuch bekommen wir jedoch nicht nur von verschiedensten Pressevertreter*innen (von avis und shz ĂŒber den NDR zu taz und gegenwind sowie freien Journalist*innen) und Flensburger*innen sowie Bahnreisenden, sondern manchmal auch von Politiker*innen. Neben Ratsfrau Gabi Ritter hat auch der Bundestagsabgeordnete Lorenz Gösta Beutin (beide von der Linken) bereits unser Böömdörp besucht und sich solidarisch gezeigt. Weniger begeistert war – wen wundert‘s – Herr RĂŒstemeier von der CDU Flensburg. Sowohl vor Ort als auch aus der Ferne betonte er seine Zustimmung fĂŒr das geplante Bauprojekt und ist stets bemĂŒht, die Baum-Ersatzpflanzungen zu beleuchten. Jene Ersatzpflanzungen, die, wenn wir viel GlĂŒck haben, irgendwann in ferner Zukunft und außerhalb der Innenstadt einen Bruchteil der heutigen Klimawirkung des Bahnhofswaldes „kompensieren“ könnten. Aber genug zu Arne R. (wer noch immer nicht genug hat: Hier zeigen wir, was aus seiner Sicht keine BĂ€ume sind).

Die Mawa

Großartigerweise gibt es rund um die Uhr eine Mahnwache der BĂŒrger*inneninitiative Bahnhofsviertel. Dort gibt es tagsĂŒber einen Infotisch, es werden Unterschriften gesammelt und Debatten gefĂŒhrt. Außerdem gibt es an der Mawa Kaffee, Tee und warmes Essen dank der großartigen UnterstĂŒtzung von unzĂ€hligen Menschen. Abends wird gesungen, es entstehen eigene Lieder ĂŒber die „Bahnhoffsbööm“, Rezepte fĂŒr veganen KĂ€sekuchen werden ausgetauscht und Bilder gezeichnet.

Klassische Musik und die fridays for future

Wir erhalten UnterstĂŒtzung in vielen verschiedenen Formen: Von ausgeliehenen Autos und dem Versand von Pressemitteilungen ĂŒber Infos, wo große Mengen Holz auf dem SperrmĂŒll stehen, von WĂ€rmflaschen, Lichterketten, Klettermaterial und warmen Decken, Wein und ErdnĂŒssen bis hin zu Drohnenaufnahmen unserer Besetzung. Der Nachmittag mit Suleika Bauer und Cem Aktalay vom schleswig-holsteinischen Sinfonieorchester im herbstlichen Wald war dabei zweifelsohne eines der bemerkenswerten Highlights (https://twitter.com/i/status/1326648842100613120). Die Demo mit mehreren hundert Menschen von den fridays for future in Kooperation mit der BI ein weiteres.

Andere „Tatorte“ Flensburgs

Nicht nur am Bahnhof sind BaumfĂ€llungen geplant. Wir können uns bedauerlicherweise nicht zweiteilen, sonst wĂ€ren viele von uns gern gleichzeitig auch im Danni oder auf anderen gefĂ€hrdeten BĂ€umen im Flensburger Stadtgebiet. Was wir aber können ist, diese weiteren „Tatorte“ sichtbar zu machen. Wir haben daher einige der weiteren gefĂ€hrdeten BĂ€ume besucht und waren am Tegelbarg, an der Fuchskuhle, im Christiansenpark, bei der Kita Schwedenheim, am Museum und an der FFG.

Only local images are allowed.

Wie weiter?

Einige der BĂ€ume dĂŒrfen wegen der FledermĂ€use erst ab Dezember gefĂ€llt werden, weshalb wir gespannt sind, ob sich mit dem ersten Dezember etwas an der bisher recht entspannten Situation der Besetzung Ă€ndern wird. In jedem Fall bereiten wir uns hier auf die kĂ€lteste Jahreszeit vor, statten unsere BaumhĂ€user mit Decken und uns mit Strumpfhosen und weiteren SchlafsĂ€cken aus und bleiben. Denn solange die BauplĂ€ne bestehen bleiben gilt: Wir sind gekommen, um zu bleiben.




Quelle: De.indymedia.org