September 28, 2021
Von La Presse
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Berlin – international Save Space
Das queer-feministische Kollektiv Ciocia Basia (Tante Barbara) aus Berlin hilft ungewollt schwangeren Personen aus Polen dabei, Zugang zu sicheren und straffreien SchwangerschaftsabbrĂŒchen zu erhalten. “Jeden Tag antworten wir auf E-Mails, Facebooknachrichten und Anrufe von Personen, die sich nach der Möglichkeit eines Schwangerschaftsabbruchs in Deutschland erkundigen. Wir vereinbaren Termine in Kliniken in Berlin, bieten Übersetzungsleistungen an, vermitteln UnterkĂŒnfte in den HĂ€usern der Freiwilligen und unterstĂŒtzen die Personen finanziell.

Der Zugang zu Abtreibung und sexueller Selbstbestimmung ist in Polen erheblich eingeschrĂ€nkt und verschlechtert sich stĂ€ndig: VerhĂŒtungsmittel sind schwer zugĂ€nglich, die Pille danach ist rezeptpflichtig, es fehlt an sexueller AufklĂ€rung. Im Oktober 2020 hat das polnische Verfassungsgericht das schon vorher extrem restriktive Abtreibungsrecht weiter verschĂ€rft, so dass SchwangerschaftsabbrĂŒche in Polen praktisch nicht mehr möglich sind. Auch die Pandemie hat fĂŒr Pol*innen den Zugang zu Abtreibungen im Ausland erschwert. Ciocia Basia setzte ihre Arbeit fort und hat in den sechs Monaten nach dem Inkrafttreten des Abtreibungsverbots 270 Personen bei der Planung eines Schwangerschaftsabbruchs in Deutschland unterstĂŒtzt, auf 3978 Mails geantwortet und 1462 Telefonate gefĂŒhrt.” lautet es in einem kĂŒrzlich veröffentlichten Spendenaufruf des Kollektivs. 

Ciocia Basia ist Teil von www.abortion.eu, einer Initiative von sechs Organisationen in mehreren LĂ€ndern, die zusammenarbeiten, um Frauen den Zugang zu SchwangerschaftsabbrĂŒchen zu Hause mit Pillen oder im Ausland in Kliniken zu ermöglichen.

DDR – undogmatisch
“Ich habe drei Mal abgetrieben” erzĂ€hlt die ehemalige BĂŒrgerrechtlerin Petra Lux. Nach der Wende reiste sie quer durch die Republik und befragte fĂŒr Ihr Buch “Ohne uns ist kein Staat zu machen” Arbeiterinnen, Intellektuelle, ehemalige SED-FunktionĂ€rinnen und Feministinnen zu ihren Erfahrungen in der DDR und der Wendezeit. “Schwangerschaftsabbruch in der DDR war legal” konstatiert sie gegenĂŒber la-presse.org. “Die VerfĂŒgung der Bundesrepublik Deutschland ĂŒber den weiblichen Körper, so wir wie sie heute erleben, empfinde ich als extrem frauenfeindlich, es ist so, als wĂŒrde Frauen die Eigenverantwortung entzogen”.  Heute bietet sie u.A. ganzheitliche Lebensberatung und Familienaufstellungen im Leipziger Gohlis an. “Abtreibungen und der Umgang damit sind dabei oft ein Thema.” 

Bundesrepublik Deutschland – ungewöhnlich unbestimmt
Der Schwangerschaftsabbruch im heutigen Deutschland hingegen ist kriminalisierend. Er ist im Strafgesetzbuch in den Paragraphen 218 und 219a geregelt und rangiert damit hinter Mord und Totschlag. Nur unter bestimmten Bedingungen ist es erlaubt, einen Abbruch vorzunehmen – aber es ist kein Recht. Wer in die Lage kommt, ungewollt schwanger zu werden, steht vor einer Reihe Problemen. Die Suche nach durchfĂŒhrenden Ärztinnen gestaltet sich, gerade in lĂ€ndlichen RĂ€umen, schwierig. Das Gesetz verlangt eine Pflichtberatung. Im Gesetzestext lautet es “Die Schwangerschaftskonfliktberatung dient dem Schutz des ungeborenen Lebens.” Wie moralisch diese Beratung ausfĂ€llt, liegt maßgeblich an den Beratungsstellen. pro familia unterstĂŒtzt die selbstbestimmte Entscheidung der Frau. Nach der Prozedur erhalten die Frauen eine Beratungsbescheinigung, mittels derer die Abtreibung durchgefĂŒhrt werden kann.

WĂ€hrend Anzahl und moralische Ausrichtung der Beratungsstellen relativ transparent sind, gibt es zur Anzahl der Mediziner*innen keine Datenlage. Immer weniger Ärzt*innen in Deutschland fĂŒhren SchwangerschaftsabbrĂŒche durch. FĂŒr neue Mediziner*innen mangelt es an der Ausbildung im Studium – schließlich kann in staatlichen UniversitĂ€ten keine Straftat gelehrt werden – Ă€ltere Mediziner*innen sind bereits in Rente oder stehen kurz davor. Die Versorgungslage scheint schlecht. Schon jetzt mĂŒssen ungewollt Schwangere lange Fahrt- und Wartezeiten fĂŒr einen Abbruch in Kauf nehmen. Das erhöht die psychische, physische und finanzielle Belastung.

Nach dem Schwangerschaftskonfliktgesetz, welches Frauen zur Beratung vor einem Abbruch verpflichtet, sind die BundeslĂ€nder ebenfalls verpflichtet, ein ausreichendes Angebot an Praxen und Kliniken fĂŒr SchwangerschaftsabbrĂŒche sicherzustellen. “Ein vollstĂ€ndiger Überblick, wie viele Ärzt*innen in Deutschland an welchen Orten SchwangerschaftsabbrĂŒche durchfĂŒhren, existiert schlicht nicht” konstatierte die TAZ in einer bereits 2018 erschienenen Recherche. Lediglich StĂ€dte, in denen es politisch gewollt ist, behandeln das Thema Schwangerschaftsabbruch undogmatisch. Neben Berlin besticht auch die Stadt Leipzig mit umfassenden Informationen zu Beratungsstellen und Orten, an denen AbbrĂŒche durchgefĂŒhrt werden, hervor. Das ist zu wenig, finden wir. Der selbstbestimmte Abbruch mutiert fĂŒr betroffene Frauen und gesamtgesellschaftlich allmĂ€hlich zur Raketenwissenschaft.

Die Befragung zu Erfahrungen mit SchwangerschaftsabbrĂŒchen soll nun, im Rahmen einer Recherchekooperation zwischen CORRECTIV.Lokal und la-presse.org, Transparenz schaffen. Interessierte können sich hier beteiligen: http://correctiv.org/dein-abbruch 

Weitere Informationen:

Bildquelle: “Women on Waves” /MS




Quelle: La-presse.org