November 29, 2022
Von Lower Class Magazine
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Am 5.11. fand im Berlin-Lichtenberger Cafe Wostok eine Veranstaltung des Stadtteilkomitees Lichtenberg mit Christa Luft zum Thema Treuhand statt. Die ehemalige Wirtschaftsministerin der DDR und spĂ€tere Bundestagsabgeordnete der PDS erzĂ€hlte dabei von jenen bewegten Tagen, in denen die westdeutschen Eliten sich das ehemalige Volkseigentum einverleibten und einen ganzen Landesteil deindustrialisierten. Wir veröffentlichen den Vortrag in einer gekĂŒrzten Fassung.

Ich bin 1938 geboren, werde also in wenigen Wochen 85. Keine schöne Sache in einer solchen Zeit. Ich hatte mir das anders vorgestellt. Ich habe auch zwei Urenkel und denke manchmal In welche Zeit kommen die eigentlich hinein, die jetzt begonnen hat?

Ich komme aus einer Arbeiterfamilie, bin in einem Dorf groß geworden, und da habe ich viel Kontakt gehabt mit Tieren. Das hat auch meinen ersten Berufswunsch geprĂ€gt. Ich wollte, falls ich das Abitur mache, was ja damals auch noch nicht so ganz alltĂ€glich war, VeterinĂ€rmedizin in Rostock studieren. Das war mein Wunsch.

Dann kam es anders wie desöfteren in meinem Leben. Es war kurz vor Ende der elften Klasse. Der Direktor der Oberschule und die Gewi-Lehrerin kamen und sagten: Wir mĂŒssen von unserer Oberschule fĂŒnf Leute nach Halle schicken, an die Arbeiter- und BauernfakultĂ€t, die ABFII, mit verstĂ€rktem Russisch-Unterricht. Dort werde man vorbereitet auf ein Auslandsstudium.

Ich gebe zu, ich hatte mir das nicht gewĂŒnscht. Ich war aber auch nicht so couragiert zu sagen, ich habe andere ZukunftsplĂ€ne, ich mache das nicht. Courage zu entwickeln, habe ich erst spĂ€ter im Leben gelernt. Jedenfalls ich ging nach Halle. Ich kam von einem sprachlichen Zug an der Oberschule, hatte Französisch, Russisch, Englisch. Und in Halle wurde ich mit diesem Hintergrund in den naturwissenschaftlichen Zug gesteckt. Da schrieb ich dann erst mal meine ersten Vier bzw. FĂŒnfen in Mathe und Physik. Die meisten anderen in der Gruppe waren in den FĂ€chern alle viel weiter als ich. Was mir fehlte, musste ich dann neben dem ohnehin prallen Programm noch nachholen. Habe ich auch geschafft. Aber mit Medizin ist nichts geworden. Mir fehlte das zweite Jahr Latein, das an der Oberschule erst in der 12. Klasse dran war, aber ich war ja nach der 11. Klasse gegangen. Das Kleine Latinum aber war damals Voraussetzung fĂŒr das Meditzinstudium. Das ist heute anders.

So, da stand ich also vor dem Problem Was machst du denn nun? Und da spielte wieder der Zufall eine Rolle. Es kam eine Truppe, die warb Interessenten fĂŒr ein Studium des Außenhandels und der Internationalen Wirtschaftsbeziehungen an der neu gegrĂŒndeten Hochschule fĂŒr Außenhandel in Berlin-Staaken. Staaken gehört zu Spandau, war aber war damals wie ganz Berlin geteilt. Ost- Staaken gehörte zum Westen und Weststaaken gehörte zum Osten. Das war eine tolle Situation fĂŒr das Hochschul-Kabarett. Das hatte ĂŒber die 3 Meter breite Straße, die die beiden Teile trennte, tolle geistreiche Programme gemacht.

Na, jedenfalls habe ich dann 1956 an dieser Hochschule fĂŒr Außenhandel angefangen.1958 wurden wir mit der Hochschule fĂŒr Plan-Ökonomie in Berlin-Karlshorst vereinigt. Ein Jahr vorher waren schon die Finanzer aus Potsdam-Babelsberg gekommen. Insofern war im Grunde damals eine ökonomische UniversitĂ€t in Karlshorst entstanden.

Da habe ich dann von 1956 an studiert bis 1960. Wir lagen an der Protokollstrecke, das werde ich nie vergessen. Wenn TĂ€ve Schur mit seinen Teamkollegen vorbeifuhr, standen wir natĂŒrlich alle auf der Straße und haben applaudiert. Wenn Angela Davis in Berlin war und bei uns in der NĂ€he, waren wir immer auf der Straße. Also es war wunderbar.

1960 wurde ich fertig mit dem Studium und hatte bereits einen Arbeitsvertrag mit einem Außenhandelsunternehmen in Berlin. Und dann passierte, was mir schon mal passiert war: Ein Plan wurde umgeworfren. Von der Hochschulleitung erfuhren ein paar andere Absolventen und ich, dass bis Jahresende 10 kurzfristig zugeteite Assistenten-Stellen zu besetzen seien. Und da ihr euch vor Studienbeginn verpflichtet habt, nach dem Abschluss fĂŒr mindestens drei Jahre dort zu arbeiten, wo ihr dringend gebraucht werdet, mĂŒĂŸt ihr die Verpflichtung jetzt einlösen. Und so wurde ich Assistentin an der Hochschule fĂŒr Ökonomie im Fach Außenhandel.

Ich habe dann dort 1964 promoviert, meine Habilitationsschrift geschrieben und 1968 verteidigt, als wissenschafliche Assistentin, als Oberassistentin und Dozentin gearbeitet und wurde 1971 zur Ordentlichen Professorin fĂŒr Außenwirtschaft berufen. SpĂ€ter war ich- dann schon mit der ganzen Familie – ein paar Jahre in Moskau an einem internationalen Forschungsinstitut. Ich habe in den Jahren Land und Leute gut kennengelernt und habe mir nie vorstellen können, dass die FĂŒhrung der Sowjetunion 2022 einen Krieg gegen die Ukraine fĂŒhren wird.

Einige Jahre nach meiner RĂŒckkehr aus Moskau wurde ich zur Rektorin der Hochschule fĂŒr Ökonomie.berufen. Und da habe ich bei meiner Investitur in einem Vortrag auch ĂŒber meine Zukunftsvorstellungen gesprochen.Unter anderem habe ich gesagt: Ich möchte, dass dieses große leistungfĂ€hige und leistungswillige Kollektiv nicht immer im Nachhinein die BeschlĂŒsse der ParteifĂŒhrung als weise begrĂŒĂŸen und popularisieren soll, sondern dass wir Gelegenheit bekommen, im Vorfeld daran mitzuarbeiten.Nicht weil wir uns als Besserwisser verstehen, sondern weil Wissenschaft eine Bringschuld gegenĂŒber der Gesellsschaft hat. Das Auditorium Maximum war bis zum letzten Platz ĂŒbervoll. In den ersten zwei Reihen saß die Politprominenz, die aus den Ministerien, aus Parteieinrichtungen usw.

Und ich habe gedacht, du sagst jetzt mal das, was dir schon so lange auf der Seele liegt. Das hĂ€tte natĂŒrlich schiefgehen können. Aber ich habe gesagt: Ich möchte, dass dieses große, leistungsfĂ€hige Kollektiv nicht immer im Nachhinein die BeschlĂŒsse der ParteifĂŒhrung als weise begrĂŒĂŸen und popularisieren soll, sondern dass wir Gelegenheit bekommen, im Vorfeld daran mitzuarbeiten. Nicht weil wir uns als Besserwisser fĂŒhlen, sondern weil Wissenschaft eine Bringschuld hat gegenĂŒber der Gesellschaft hat, von der sie finanziert wird. Wir aber konnten uns oft nicht des Eindrucks erwehren, dass die Parteioberen wissenschaftlichen Rat eher alls versuchte Einmischung und nicht als UnterstĂŒtzungsbereitschaft empfanden. Der Saal tobte vor Beifall. In den beiden ersten Reihen des Auditoriums maximum, wo die besagten Vertreter von Partei und Staat saßen, guckten diese eher pikiert nach unten.

Ja, es gab so ein paar Situationen in meinem Leben, wo ich nicht alles mitgemacht habe, was gewollt war. Das hÀtte damals schiefgehen können. Aber es ist gut gegangen.

Ich war dann dort ein ein gutes Jahr Rektorin. Und nach der Grenzöffnung 1989 und dem RĂŒcktritt der Regierung Stoph erhielt Hans Modrow den Auftrag, eine neue Regierung zu bilden. Ich bekam einen Anruf aus der Kaderabteilung des Ministeriums fĂŒr Hoch- und Fachschulwesen. Gefragt wurde, ob ich am nĂ€chsten Tag Zeit hĂ€tte. Hans Modrow wolle mich gern sprechen. Ich hatte ihm vor Tagen die Studien geschickt, die wir nach meiner investitur erarbeitet hatten und in dem Begleitbrief geschrieben, dass , falls er anders als seine VorgĂ€nger Rat entgegen nehmen wĂŒrde, die HfÖ dazu bereit wĂ€re.

Ich hatte Zeit und ging zum gewĂŒnschten Treffen. Modrow hatte von Willi Stoph noch keine Erlaubnis, das GebĂ€ude des Ministerrates zu betreten und dort einen Arbeitsplatz einzunehmen. Willi Stoph wollte, dass er erst gewĂ€hlt wird von der Volkskammer – und dann könne er dort hin. Also mußte er seinen Arbeitsplatz im Johanneshof, also in einem Hotel aufschlagen und das Treffen mit mir war im GĂ€stehaus des Ministerrates gegnĂŒber dem MĂ€rkischen Museum anberaumt. Also es war alles ein bisschen seltsam. Und ich komme also dorthin. Ich mußte ein bisschen unten warten und sehe, dass nacheinander aus dem ersten Stock die Vorsitzenden der Parteien des demokratischen Blocks wie das hieß nacheinander runterkommen. Und da dachte ich mir, hier scheint irgendwieso was wie eine Koalitionsverhandlung zu laufen. Und so war es auch.

Hans Modrow holt mich von untern ab, fĂŒhrt mich in einen großen Raum, auf dem ich schon meine Papiere liegen sehe. Mein Blick fĂ€llt darauf und er sagt: Ja, darum geht es auch. Vor allem aber geht es mir darum, dass ich dich als Person brauche. Ich hatte im Leben viele KadergesprĂ€che, wo immer allerhand Leute dabei waren. Dieses Mal waren wir zwei allein und ich kam innerhalb weniger Minuten in die höchste Funktion meines Lebens. Ich habe es damals nicht fertiggebracht zu sagen, Nein, Hans, ich mache das nicht. Ich wusste, was da auf mich zukĂ€me, in seiner Regierung mitzumachen – und zwar als seine Erste Stellvertreterin. Ich wusste auch, was ich meiner Familie aber niemals zumuten werde, und deshalb konnte ich nicht Ja sagen. Ich habe aber auch nicht laut und vernehmlich Nein gesagt, er war in solcher BedrĂ€ngnis, musste am nĂ€chsten Tag seine Regierungsmannschaft auf dem Papier haben und absegnen lassen von der Volkskammer. So bin ich also in dieses Amt gekommen.

Und da begann eine neue Periode mit allen Stolpersteinen und mit allen Widrigkeiten, die man so im Leben erleben kann.

Vernichtung von Volkseigentum

Nun, wir wollen heute Abend ĂŒber die Treuhand reden? Ja, also wenn das Stichwort „Treuhand“ fĂ€llt, beobachte ich, dass bei den meisten Ostdeutschen auch so viele Jahre, nachdem die Anstalt ihre Tore geschlossen hat, die Emotionen hochschlagen – und das kommt ja nicht von ungefĂ€hr. .

Diese Treuhand steht fĂŒr die Abwicklung, fĂŒr die Außerdienststellung oder fĂŒr die Verscherbelung von 9000 DDR-Unternehmen, die unter ihrer Regie standen zumeist nĂ€mlich zu 85 Prozent an westdeutsche Intressenten, zu 10 Prozent an AuslĂ€nder und zu mageren 5 Prozent an DDR- BĂŒrger. Es gab keine Evaluation des DDR-Wirtschaftsbestandes, es gab nur Konkurrenz und Interessen. Und die hat die Treuhand brav bedient. In einem Satz gesagt: Die Treuhand steht fĂŒr mich fĂŒr die grĂ¶ĂŸte Vernichtung von Produktivvermögen in Friedenszeiten. Eine solche Vernichtungsaktion von Dingen, die nach dem Zweiten Weltkrieg unter riesigen inneren Schwierigkeiten, mit viel Schweiß von vielen, vielen Menschen und mit von außen errichteten HĂŒrden aufgebaut worden waren, ist bemerkenswert. Und das in nur vier Jahren. An den Folgen krankt Ostdeutschland bis heute. Und viele, viele Menschen litten und leiden daran bis jetzt. Nicht wenige Suizide gehen auf diese Politik zurĂŒck.

Also die Treuhand steht – ich wiederhole das – fĂŒr die grĂ¶ĂŸte Vernichtung von Produktivvermögen in Friedenszeiten und das unter den Augen der Bundesregierung, mit deren Duldung, auf deren Geheiß und mit deren Weichenstellung. Dieser Aspekt kommt mir bis heute viel zu wenig zur Sprache.

Ich bin als SachverstĂ€ndige eingeladen zu einem Treuhand-Untersuchungsausschuss im Land ThĂŒringen. Der lĂ€uft schon und im Dezember bin ich da dran. Ich werde die Rolle der Bundesregierung dort ganz dick unterstreichen, denn diese hat dafĂŒr gesorgt, dass wir einen WĂ€hrungsumtauschkurs zwischen der D-Mark und der Mark der DDR bekamen, der – das wussten alle ökonomisch Bewanderten in Ost und West, dazu fĂŒhren mußte, dass die meisten DDR-Betriebe zugrunde gehen mussten.

Wenn diese frĂŒher vor der WĂ€hrungsunion in westliche LĂ€nder oder sagen wir konkret in die Bundesrepublik exportiert haben, bekamen sie fĂŒr einen Erlös von einer DM im Innern 4,40 Mark der DDR gutgeschrieben. Damit bezahlten sie Löhne, Material, Mieten und alles andere. Nach der WĂ€hrungsunion war der Kurs 1:1, d.h. sie bekamen fĂŒr eine D-Mark, unabhĂ€ngig davon, wie hoch der Inlandsaufwand war, nur eine D-Mark gutgeschrieben. Das musste zum Untergang fĂŒhren und ist trotzdem wissentlich, auch gegen laute warnungen prominenter westdeutscher Ökonomen so gemacht worden.

Dann gab es eine Altschulden-Regelung, die die Bundesregierung vorgegeben hat. Kredite, die die DDR-Kombinate und Betriebe aufgenommen hatten, wurden ihnen vor der Privatisierung als Schulden in die BĂŒcher geschrieben, obwohl sie mit Schulden wie im bĂŒrgerlichen Gesetzbuch definiert, nichts zu tun hatten. Es waren selbst erwirtschaftete Gewinne, die die Betriebe mit Ausnahme von Überplangewinnen abfĂŒhren mußten an die ĂŒbergeordneten Ministerien. Und wenn sie Investitionen planten, mussten sie bei denen vorstellig werden und um entsprechende Mittel bitten. Und wenn sie GlĂŒck hatten, haben sie was gekriegt. Und wenn sie keins hatten, gingen sie leer aus. Das heißt, selbst erarbeitete Gewinne wurden ihnen dann spĂ€ter als Schulden angerechnet, weil sie Kredite brauchten.

Diese belastete die Privatisierungsobjekte mit einem Schuldenrucksack, der dazu fĂŒhren mußte, dass Kaufinteressenten das genĂŒsslich in Verhandlungen als Mangel ansahen und den Preis drĂŒcken konnten.

Das haben auch Rechtswissenschaftler in der Wendezeit thematisiert und gewarnt, dass das nicht geht. Die Art der Investitionsfinanzierung in der DDR interessirte die Westseite aber nicht.

Zu den falschen Weichenstellungen gehörte auch, dass die Treuhand nicht dem Wirtschaftsministerium unterstellt wurde, das fĂŒr Strukturpolitik verantwortlich ist, sondern dem Finanzministerium. Man hatte also nur im Kopf, Geld herauszuschlagen, nicht aber, dass die zu privatisierenden Betriebe im BeschĂ€ftigunginteresse schnell auf dem Markt wieder Fuß fassen können.

Empörend ist, dass die Treuhandmanager fĂŒr rasche Privatisierung von der Bundesregierung Boni zugesagt bekamen. Kein Wunder, dass denen das Verkaufstempo wichtiger war als die QualitĂ€t und SeriösitĂ€t der erzielten Lösung. So kamen auch Westinteressenten ohne Referenzen zum Zuge, d.h. sie mussten nicht einmal den Nachweis erbringen, dass sie schon jemals einen Betrieb gefĂŒhrt und zum Erfolg gebracht hatten.

Und schließlich, das ist der Höhepunkt, erteilte die Regierung dem Treuhandmanagement Haftungsfreistellung selbst fĂŒr grobe Feheler, unglaublich, aber wahr!

Zwei Arten Treuhand

Die Bundesregierung hatte also einen wesentlichen Anteil daran, was in Ostdeutschland passiert ist. Was mich deshalb besonders Àrgert, ist, dass unbedarfte oder böswillige Westjournalisten, Schriftsteller und selbst Wissenschaftler meinen, die Treuhand sei doch ein Produkt der letzten DDR-Regierung unter Hans Modrow gewesen. Und insofern habe diese auch Schuld an dem, was daraus geworden ist. Das ist ein bösartiger Fake.

TatsĂ€chlich gab es zwei Sorten von Treuhand, wenn ich das so sagen darf. Es gab eine Treuhand, die unter der Regierung Modrow gegrĂŒndet worden ist und am 1. MĂ€rz 1990 die Arbeit aufnahm. Man kann es nachlesen im Gesetzbuch. Die hatte die Aufgabe, das Volkseigentum im Interesse der Allgemeinheit zu erhalten und nicht etwa zu privatisieren oder zu verscherbeln.

Am 1. MĂ€rz 1990 war aber schon klar, dass es am 18. MĂ€rz bei den Volkskammerwahlen eine andere Parteien-Konstellation geben wird und dass die SED/PDS dann nicht mehr in der Regierung sein wird. Es kam dann ja so, dass die „Allianz fĂŒr Deutschland“ – also CDU, DSU (ein Partner der CSU) und der „Demokratische Aufbruch“ – gewannen. Gesteuert und in jeder Hinsicht gefördert wurde das von der Bundesregierung. Und Herr de Maiziere machte sich dann sofort als neuer MinisterprĂ€sident daran, die alte Modrow-Treuhand auf Geheiß der Bundesregierung aus dem Feld zu rĂ€umen und eine neue Treuhand zu grĂŒnden. In deren Auftrag stand dann, sie solle das Volkseigentum so rasch wie möglich privatisieren. Aus einer Anstalt zur Bewahrung des Volkseigentums im Interesse der Allgemeinheit war

eine Privatisierungsanstalt geworden. Auch im Osten liefen damals schon, das darf man nicht verschweigen, Bestrebungen einiger frĂŒherer Generaldirektoren, die schon lange GeschĂ€ftskontakte mit Westmanagern hatten. Man wollte schon mal aushandeln, wer bei der Privatisierung was bekommt. Also die Modrow-Treuhand hat es im Grunde nur sechs Wochen gegeben.

Diese Treuhand von de Maiziere hatte als ersten Leiter einen Chef, der kam von der Deutschen Bahn. Das war Herr Gohlke. Der warf nach sechs Wochen das Handtuch, weil er merkte, was fĂŒr eine Aufgabe er dort ĂŒbernehmen sollte. Er merkte, dass das nicht geht mit dem genannten WĂ€hrungskurs. Er verstand, dass das alles ĂŒberhaupt nicht funktionieren konnte.

Dann kam Herr Rohwedder (SPD). Der war ein ausgewiesener Sanierer vom Konzern Hoesch und war auch einmal im Bundeswirtschaftsministerium beschĂ€ftigt gewesen. Er war im Grunde ein SchĂŒler von Karl Schiller, einem sehr bekannten Wirtschaftsminister der alten Bundesrepublik.Der hatte bei einem Besuch bei Hans Modrow und mir im Januar 1990, als er sich- begleitet von Henning Voscheau- dem Ersten BĂŒrgermeister von Hamburg, informieren wollte ĂŒber die Witrtschaftsreform der Modrow-Regierung, gesagt: Wenn es zum Zusammenwachsen der beiden deutschen Staaten kommt, muss die DDR-Wirtschaft nicht von heute auf morgen die Strukturen annehmen, die die BRD hat. Es kann durchaus Jahre dauern und in Schritten vor sich gehen, allerdings muß das Ziel sein, dass die Unternehmen lĂ€ngerfristig marktfĂ€hig werden. Dem Motto schloß sich Rohwedder an. Er wollte erst sanieren und dann privatisieren, nicht wie seine Nachfolgerin Breuel , die es umgekehrt wollte. Er meinte immer, einige große Unternehmen könnten durchaus bis zu zehn Jahren noch ohne privatisiert zu werden, im Eigentum z.B. von Bund oder LĂ€ndern bleiben. So geschah das zum Beispiel mit der Jenoptik, hervorgegangen aus Carl Zeiss Jena. Dieses Unternehmen blieb lange Jahre zu 100 Prozent im ThĂŒtringischen Landeseigentum, entwickelte sich gut, auch weil die Landesregierung sich in der Pflicht sah, MĂ€rkte zu erhalten bzw.neu zu schaffen.Solche Position war vielen ein Dorn im Auge, und Rohwedder wurde leider nicht alt in dieser Funktion.

Dann kam Birgit Breuel. Und jetzt hieß es: Erst privatisieren und dann sanieren. Sie sagte immer: Der neue EigentĂŒmer weiß am besten, was er mit den Unternehmen macht. Das mĂŒsse man denen nicht vorschreiben. Das war ihre Position.

Breuel war ĂŒbrigens eine frĂŒhere CDU-Finanzministerin in Niedersachsen gewesen. Man schickte sie dann in diesen horrend gut bezahlten Job als Treuhand-, und sie zog das dann auch durch bis zum Ende.1994 schraubte sie das Schild vom Haus der Ministerien ab, wo sie gesessen hatte,

Sie war eine Verfechterin der schnellen Privatisierung. Ihr war egal, was mit den Menschen, die da ihre Arbeit verloren, passieren wird. Ihr war egal, welche Wirtschaftsstruktur in Ostdeutschland bleiben wird. Es kam zu einer kleinteiigen Struktur ohne Unternehmenszentralen und mit einer minimierten Zahl von Großbetrieben.

Im Goldrausch der Privatisierung

Ich habe 1992 einen Treuhand Report veöffentlicht, den ersten, den es ĂŒberhaupt gegeben hat. Dazu hatte mich der Chef des Aufbau Verlages animiert. Und in dem Zusammenhang musste ich oft die Treuhand besuchen. Die saß im Haus der Elektroindustrie am Alexanderplatz. Wenn man dort hochkam, standen links und rechts BĂ€nke in den GĂ€ngen. Da saßen dunkel gekleidete junge MĂ€nner, meistens mit Goldkettchen, mit dicken goldenen Armbanduhren, mit Aktenkoffern. Das waren alles Interessenten fĂŒr Angebote der Treuhand. Die strahlten alle, wenn sie wieder rauskamen aus dem Besprechungszimmer. Die hatten in der Regel bekommen, was sie wollten. Die brauchten nicht einmal Referenzen. Ob sie schon irgendwo mal ein Unternehmen geleitet hatten, das spielte keine Rolle. Die Hauptsache war: Sie hatten eine Postleitzahl aus dem Westen.

Ein Beispiel: Der Anlagenbau in der Berliner Allee der Kosmonauten war ein Werk, das internationale Kontakte hatte, gute AbsatzmĂ€rkte, 1000 Mitarbeiter, keine Schulden, volle AuftragsbĂŒcher. Das wurde zur Privatisierung angeboten. Bekommen hat es eine Schweizer Firma, die hatte wenig mehr als 50 Mitarbeiter.Geleitet wurde si von einem Deutschen, einem Herrn Rottmann. Was hat der nun gemacht? Ostdeutsche Kombinate und Betriebe hatten alle große LagerplĂ€tze, um Material vorzuhalten. Die haben die neuen Manager erstmal verscherbelt und sich den Erlös eingesteckt. Es war ein Goldrausch.

Rottmann hat dann angefangen, peu a peu die Maschinen aus dem Betrieb zu verkaufen. Die qualifizierten Mitarbeiter hat er in den Westen vermittelt, das GeschĂ€ftskonto geplĂŒndet. Und als er alles rausgeholt hatte, was da rauszuholen ging, ist er abgehauen. Der wurde drei Jahre lang gesucht. Man hat ihn dann irgendwo auf Mallorka gefunden. Aber dann hat er gesagt: alles Geld sei weg. Das war zwar ein extremer aber kein Einzelfall.

Nicht mehr zu retten?

Ich will noch einmal von vorne anfangen. NatĂŒrlich war die Wirtschaft der DDR 1990 reformbedĂŒrftig. Das ist ĂŒberhaupt keine Frage. Das wussten wir DDR-Ökonomen schon lange. Die Kombinate und Betriebe wurden völlig bestimmt durch Planvorgaben – bis ins Kleinste. Plan, Richtungsvorgaben, Koeffizienten, Bilanzanteile, so hieß das alles. Außerdem haben sie meistens Naturalkennziffern vorgegeben bekommen. Der Gewinn spielte eine untergeordnete Rolle. Es ging um Hektoliter, um Quadratmeter, um Tonnen. So entstand ja dann auch der Begriff der Tonnen-Ideologie. Das haben wir Ökonomen lange schon moniert. Aber die SED-FĂŒhrung war resistent gegenĂŒber RatschlĂ€gen aus der Wissenschaft. Das ist offenbar ein Problem, das es in allen Gesellschaftsordnungen gibt. Das beobachte ich jetzt auch.

Also wir wussten, die Wirtschaft muss reformiert werden, aber das war nicht deckungsgleich mit dem Mythos, der bis heute kursiert: Die Wirtschaft der DDR sei „marode“ gewesen und der Staat „pleite“. Das sind die zwei Adjektive, die immer kursierten und die sich zum Teil bis heute halten.

Wenn man die Wirtschaft der DDR betrachtet, gab es genĂŒgend Probleme.Und gemessen an der produktivsten Wirtschaft in Europa, nĂ€mlich der der alten Bundesrepublik, lagen wir zurĂŒck. Keine Frage. Das Bruttoinlandsprodukt pro Einwohner lag in der DDR bei etwa bei 55 bis 60 % des damaligen Niveaus der alten Bundesrepublik.‘Aber wir lagen bei 80 % des britischen Bruttoinlandsprodukts pro Kopf, und die Spanier lagen weit hinter uns, andere LĂ€nder auch. Also dieses alles auf einen Begriff zu bringen, „marode“, nicht mehr zu retten – das ist absolut falsch und unseriös.

Und zu der Idee, die DDR wĂ€re pleite gewesen? Egon Krenz hatte als neuer Erster SekretĂ€r des ZK der SED nach Honneckers Abgang eine Kommission gebildet, die eine ungeschminkte Analyse des Zustandes der DDR vorlegen sollte. Schalck-Golodkowsk hatte die geleitet. Diese Analyse hat 25 Seiten. Und in der ersten HĂ€lfte fĂ€nde ich wirklich nichts, was man fĂŒr falsch halten könnte. Da ist aufgeschrieben, was die DDR unter schwierigsten inneren und Ă€ußeren Bedingungen seit ihrer Existenz geschaffen hat: Wir mussten eine Schwerindustrie neu aufbauen, wir mussten einen eigenen Hochseehafen bauen, gerade bei den Grundstoffen der Rohstoffindustrie mussten wir von Null anfangen. Und es gab Sabotage und Blockaden aus dem Westen. Und trotzdem ist uns vieles gelungen: Das große Wohnungsbauprogramm der DDR gehört dazu, das Bildungssystem, das Gesundheitssystem und vieles mehr.

Das ist in dieser Studie alles fein sÀuberlich aufgelistet.

Dann kommt die nĂ€chste HĂ€lfte dieses Papiers, da stehen die Probleme drin. Und auch da kann man nicht widersprechen: Umweltprobleme, Probleme mit der Beschaffung von Ersatzteilen, Probleme mit der Versorgung mit moderner Technologie, RĂŒckstand vor allem bei der Chipproduktion. So weit, so richtig.

Aber dann kommt der allergrĂ¶ĂŸte Hammer. In dem Papier steht, die DDR hĂ€tte 49 Milliarden D-Mark Schulden gegenĂŒber westlichen LĂ€ndern. Wenn man die bedienen wolle, mĂŒsse man die Inlandskonsumption die nĂ€chsten Jahre um ein Drittel reduzieren, um Waren exportieren zu können, mit deren Erlösen man dann die Zinsen bezahlen kann. Die Autoren selber gaben aber auch zu, dass man das der Bevölkerung gar nicht zumuten könne.

Ja, und was dann? Sie empfahlen, man mĂŒsse noch enger kooperieren mit den LĂ€ndern, die eine ordentliche Position zur DDR haben, also mit Finnland, mit Frankreich und auch mit Japan sowie mit anderen LĂ€ndern, mit denen wir schon lĂ€nger in Kontakt waren.

Aber damit die Bundesrepublik nicht denkt, wir wollen sie irgendwie austricksen, wolle man ihr anbieten, im Jahr 2004 die Olympiade in Ost- und Westberlin gemeinsam zu veranstalten. Das sollte ein Zeichen der Hoffnung sein? Als ich den Satz gelesen habe, bin ich fast vom Stuhl gefallen.

Diese Analyse war eine geheime Analyse. Also so geheim, man musste sie sozusagen vor dem Lesen verbrennen. Jeder, der da ein Mitautor war, hatte diese GVS zurĂŒckzugeben. Also auch Schalck-Golodkowski. Der ist aber am 2. Dezember 1989 mit seiner Frau per Auto ĂŒber Westberlin abgehauen. Wenn der die Analyse nicht körperlich mit hatte, wovon ich ausgehe, dann hatte er das im Kopf. Er wurde dann von Herrn SchĂ€uble drei Wochen in Pullach im Zentrum des Geheimdienstes der Bundesrepublik vernommen. Und er hat dort geplaudert, geplaudert, geplaudert.

Der Westen wusste also viel eher vom Inhalt dieser geheimen Analyse als zum Beispiel ich oder andere Mitglieder der Regierung. Und wir waren als Modrow-Regierung am 13. und 14. Februar nach Bonn eingeladen.

“Sie mĂŒssen noch viel lernen”

Ich werde nie vergessen, wie dieser Besuch verlaufen ist. Der war so schĂ€big, dass man sich fast schĂ€mt, darĂŒber zu reden. Wir steigen in Schönefeld ins Flugzeug, fliegen mit der Interflug nach Köln/Bonn. Auf unseren PlĂ€tzen fand jeder die neue Ausgabe des Spiegel mit einem Artikel von Herrn Teltschik, Kohls Kanzleramtsberater. Der ging in etwa so: Unsere BrĂŒder und Schwestern im Osten, die stehen ein paar Stunden vor der Pleite. In diesem Umfeld fand unser Empfang dort statt.

Schon Empfang ist ĂŒbertrieben. Kohl hatte seine komplette Regierungsmannschaft aufgereiht, die standen alle vor dem Kanzleramt. Die hatten Mienen, als kĂ€men wir alle zu einer Beerdigung. So kĂŒhl war der Empfang. Und so ging es dann im NATO-Saal des Kanzleramtes weiter im Plenum. Wir kriegten von Kohl und von Waigel alle eine FĂŒnf bescheinigt fĂŒr das, was wir sagten. „Also Sie verstehen die Marktwirtschaft nie“, so in dem Ton. „Sie mĂŒssen noch viel lernen.“ Und so weiter.

Es hieß immer, erzĂ€hlen Sie doch hier nicht MĂ€rchen. Ihre Wirtschaftsinsider, also Schalck-Golodkowski, Gerhard SchĂŒrer und andere haben in der genannten Analyse doch geschrieben, wie es um die DDR steht. Immer mußten die 49 Mrd DM Schulden herhalten. Ich habe diese GrĂ¶ĂŸenordnung immer angezweifelt. Ironie der Geschichte: Im August 1998 hat die Bundesbank nach achtjĂ€hriger Recherchemöglichkeit unter dem Titel: “Verschuldung der DDR in konvertiernbaren Devisen zum 30. Juni 1990“, also einen Tag vor der WĂ€hrungsunion, veröffentlicht, die DDR habe zu dem Zeitpunkt 19,9 Mrd D-Mark Schulden gegenĂŒber LĂ€ndern mit konvertierbarer WĂ€hrung gehabt. Nicht einmal diese Quelle wollten die West-Leute dann akzeptieren, weil sie ja dann hĂ€tten zugeben mĂŒssen, dass das Argument mit der Total-Pleite tĂŒchtig ĂŒbertrieben ist.

Bis heute ist so viel an diesem Treuhand-Thema dran, dass ich froh bin, dass in ThĂŒringen zum Beispiel jetzt ein Untersuchungsausschuss aufgelegt ist. Ich bin dort auch eingeladen als eine, die dort als SachverstĂ€ndige etwas sagen soll. Ich nehme an, in anderen BundeslĂ€ndern wird das auch noch geschehen.

FĂŒr mich ist eine der entscheidenden Fragen dabei: Frau Breuel hat unerhörtes Unheil angerichtet. Sie leistet auch keiner Einladung Folge. Sie stellt sich keinen Fragen. Aber sie hat es getan unter der Aufsicht der Bundesregierung. Und das ist mir bisher viel zu wenig thematisiert worden. Das muss zur Sprache kommen, weil dort liegt der SchlĂŒssel fĂŒr das UnglĂŒck, das im Osten der BRD ja bis heute Folgen hat.

Und das, was jetzt passiert im Zusammenhang mit dem Ukraine-Krieg und den Sanktionen gegenĂŒber Russland trifft Ostdeutschland abermals besonders, denn unsere Beziehungen dorthin, die Beziehungen unserer Unternehmen dorthin, waren immer stĂ€rker als die in Westdeutschland. Schwedt steht doch jetzt schon vor dem Problem. Was wird denn, wenn dieses Erdöl nicht mehr kommt? Was passiert dann? Da verlieren Tausende von Menschen allein in dem betreffenden Unternehmen ihre Jobs.

Aber auch all die BĂ€cker, die Fleischer, alle im Umfeld, die davon leben, dass dort Menschen einkaufen können, verlieren ihre Arbeit. Es ist ein riesiger Komplex von Themen, die sowohl mit der Treuhand wie auch mit der gegenwĂ€rtigen Politik zusammenhĂ€ngen – und wo offen ist, wie die gelöst werden sollen. Man kann nur sagen, dass hoffentlich nicht die kriegslĂŒsternen Damen und Herren in der jetzigen Bundesregierung weiterhin ganz alleine agieren können. Denen muss man in den Arm fallen!

#Bildquelle: wikimedia.commons




Quelle: Lowerclassmag.com