April 11, 2022
Von Der Rechte Rand
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von Wolfgang Laskowski
Antifa-Magazin »der rechte rand« Ausgabe 195 – MĂ€rz / April 2022

#Putin

antifa Magazin der rechte rand
© Mark MĂŒhlhaus / attenzione

Der medialen Pathologisierung Putins als einen irren Herrscher im Kreml steht die Tatsache gegenĂŒber, dass seine gegenwĂ€rtige Politik nur die Fortsetzung einer seit langem betriebenen autoritĂ€ren, großrussischen Agenda darstellt. Sein offenkundiges Ziel, die Wiederherstellung eines russischen Imperiums, geht bis auf das Zarenreich zurĂŒck und speist sich ideengeschichtlich aus diversen reaktionĂ€ren Quellen.

Magazin der rechte rand
Nationalist Vladimir Putin

Nahezu perfekt passen Wandlung und Gedankenwelt des schillernden Ideologen Alexander Dugin und die aktuelle russische Außenpolitik zusammen – Dugin, der sich nach dem Ende der Sowjetunion vom rechten Nationalbolschewisten zum großrussischen Ideologen wandelte und in der extremen Rechten Westeuropas als großer geopolitischer Denker im Anschluss an Carl Schmitt gefeiert wird. Intensiv rezipierte Dugin die Autor*innen der »Konservativen Revolution« und wandte deren Theorien auf Russland an. Dugin propagiert eine eurasische Geopolitik, in der einem russischen Reich die Rolle einer FĂŒhrungsmacht zukĂ€me. Sein Hass auf die westliche, liberale Moderne dringt aus jeder seiner Zeilen. Er redet der Re-Sakralisierung der russischen Politik das Wort: »Es ist Zeit, zum Mythos zurĂŒckzukehren. Und das meint eine RĂŒckkehr zu dem magischen, heiligen (
) Ort, dem leuchtenden Rus.« Solch sprachlicher Kitsch kann nicht verdecken, dass es Dugin um eine knallharte, »raumorientierte« Machtpolitik und autoritĂ€re Formierung geht. Dugin ist einer der Stichwortgeber einer imperialen Ideologie Russlands.

Doch Dugin selbst stĂŒtzt sich auch auf russische Autor*innen, die nachweisbar Putin direkt beeinflusst haben. Zu nennen wĂ€re dabei zunĂ€chst der esoterische Geschichtsphilosoph Lev Gumilev, der auch in der europĂ€ischen »Neuen Rechten« populĂ€r ist. Er spricht von einem »ewigen Konflikt« zwischen Russland und dem Westen. In einer Rede zum tausendjĂ€hrigen Bestehen von Kazan bezog sich Putin direkt auf Gumilev und erklĂ€rte, die Eroberungen der Goldenen Horde im 16. Jahrhundert hĂ€tten Russland zur Großmacht geformt. Bei dieser Gelegenheit wurde in Kazan ein Denkmal fĂŒr Gumilev eingeweiht.
ErwĂ€hnt werden sollte weiterhin der Schriftsteller Alexander Prochanow, der wegen seiner apologetischen Romane ĂŒber den russischen Afghanistan-Krieg als »Nachtigall des Generalstabs« bezeichnet wird. Seine Position: »Es ist an der Zeit, die klĂ€ffenden, beißenden Nachbarn loszuwerden, sich aus ihrem knurrenden Rudel zu befreien und allein zu bleiben. Das stĂ€ndige BĂ€ndigenmĂŒssen des russischen NationalgefĂŒhls, die russische Angst, das empfindliche SelbstwertgefĂŒhl anderer Völker treffen, verletzen und verwunden zu können, ist unertrĂ€glich.« Er leistete auch einen wichtigen Beitrag dazu, die russische KP in die nationalistische Front einzubinden.

Wer Putins Reden liest, findet auch immer wieder AnklĂ€nge an den russischen Philosophen Iwan Iljin, einen konservativen Monarchisten. Sein PlĂ€doyer fĂŒr eine erzieherische Diktatur ist an die antiwestliche, anti-emanzipatorische Tradition des Stalinismus ebenso anschlussfĂ€hig wie an die großrussische, antiwestliche und nationalistische Rhetorik unserer Tage. Ebenfalls anschlussfĂ€hig ist die Ideologie des Nationalbolschewismus. Zwar hat dessen ideologischer Einfluss gegenĂŒber den 1990er Jahren abgenommen, doch im Amalgam extrem rechter Strömungen ist er Teil der Ideen- und Organisationsgeschichte.

Zweifellos gehört zu den Quellen, aus denen die antiwestlichen Affekte der Rhetorik des russischen Nationalismus schöpfen, die sowjetische Geschichte. Der Kampf gegen angebliche »Spione«, »Diversanten«, »Westler«, »Saboteure« und »Kosmopoliten« und »Trotzkisten«, die im Auftrag der Nazis agierten oder selbst Nazis seien; all das war Teil der Propaganda der Rechtfertigung der Repressalien gegen die Bevölkerung unter Stalin. Kritiker*innen der sowjetischen Politik wurden umstandslos als »Nazis« diffamiert und in ein Arbeitslager (GULag) gesteckt. Putins Rhetorik von der »Entnazifizierung« der Ukraine lĂ€sst sich vor diesem Hintergrund als ideologische Finte entlarven. Putin ist kein Antifaschist. Den Antifaschismus nimmt er dann in den Dienst seiner politischen Agenda, wenn es der Legitimation seiner Politik dient. Dies war bei den nationalistisch aufgeladenen Feiern zum »Tag des Sieges« am 9. Mai in Moskau unĂŒbersehbar. Vor allem macht sich der Vorwurf der westlichen Dekadenz an der sexuellen Liberalisierung fest, und auch an den Repressionen gegen Feminist*innen, wie zum Beispiel die Band »Pussy Riot«, oder an Verboten und Verfolgung von Pride-Paraden – zum Schutze der traditionellen Familien.

Ein Blick in die Geschichte der Ukraine zeigt, dass auch dort nationalistische Ideologien Teil der politischen Tradition sind. Im zweiten Weltkrieg agierte der MilizenfĂŒhrer Stephan Bandera an der Seite der deutschen Besatzer. Banderas Miliz OUN-B war maßgeblich fĂŒr die Pogrome gegen die jĂŒdische Bevölkerung Galiziens verantwortlich. Bis heute gilt er nationalistischen Ukrainer*innen als Held. Das »Asow-Regiment«, welches sich bei europĂ€ischen Neonazis und extremen Rechten großer Beliebtheit erfreut, ist eine Truppe gewaltbereiter, antisemitischer KĂ€mpfer, die gleichwohl Teil der ukrainischen Armee sind. Es steht zu erwarten, dass deutsche und europĂ€ische Neonazis versuchen, dem Aufruf des ukrainischen PrĂ€sidenten zu folgen, und sich den FreiwilligenverbĂ€nden anzuschließen.

Wer sich im gegenwÀrtigen Konflikt der Nationalismen politisch orientieren will, sollte auf die Stimmen russischer und ukrainischer Anarchist*innen, Liberaler und antimilitaristischer Aktivist*innen hören, deren Standpunkte nicht an die nationalistischen Narrative ihrer LÀnder gebunden sind, sondern an die Idee der HumanitÀt.




Quelle: Der-rechte-rand.de