September 21, 2021
Von Der Rechte Rand
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von Damian Ott
Antifa-Magazin »der rechte rand« Ausgabe 192 – September | Oktober 2021 – online only

#Gildenschaft

Dass sich der Leiter des wissenschaftlichen Dienstes der CDU-Landtagsfraktion und Vorstandsmitglied der »Deutschen Gildenschaft«, Karl Eckhard Hahn, bereits seit seinem Studienbeginn in extrem rechten Kreisen bewegt hat, ist bekannt. Sein Engagement fĂŒr den rechten Rand begann jedoch bereits im Schulalter und geriet zwischenzeitlich in Vergessenheit.

Antifa Magazin der rechte rand
ehemaliger Regierungssprecher Karl- Eckhard Hahn (CDU) war Vordenker der »Neuen Rechten« und FunktionĂ€r der »Deutschen Gildenschaft« @ ThĂŒringer Staatskanzlei

Kurz nach dem Dammbruch von ThĂŒringen, also der Wahl Thomas Kemmerichs (FDP) zum MinisterprĂ€sidenten mithilfe der Stimmen von CDU und der »Alternative fĂŒr Deutschland« (AfD), rĂŒckte auch Karl Eckhard Hahn wieder kurz in den Fokus der Öffentlichkeit. Der ehemalige Regierungssprecher hatte auf dem selbsternannten Debattenmagazin »The European« die (partielle) Zusammenarbeit von CDU und AfD postuliert, mithilfe derer die Wiederwahl von Bodo Ramelow verhindert und gemeinsame Projekte durchgesetzt werden sollten. Dementsprechend zĂŒgig wurde seine Vernetzung in die neurechte Szene thematisiert. Hahn entstammt, genau wie Karlheinz Weißmann, Götz Kubitschek und Dieter Stein der »Deutschen Gildenschaft«. Insbesondere mit Weißmann hat Hahn eine lĂ€ngere gemeinsame Vergangenheit: Beide schrieben unter anderem fĂŒr die extrem rechten BlĂ€ttchen »Zirkel« und »Phönix«, in denen sie die Vordenker des Nationalsozialismus – Vertreter der »Konservativen Revolution« – positiv besprachen. (s. @derrechterand Nr. 143). Hahns rechte Vergangenheit lĂ€sst sich jedoch noch weiter zurĂŒckverfolgen. Bereits als SchĂŒler verteidigte er seine rechten Lehrer – Holocaust-Leugner und ehemalige SS-Mitglieder – gegen Kritik.

Die »Kausch«-AffĂ€re am Hann. MĂŒndener Grotefend-Gymnasium

Im Herbst 1978 wurde bekannt, dass am Hann. MĂŒndener Grotefend-Gymnasium drei extrem rechte Lehrer ihr Unwesen trieben. Der Schulleiter Karl-Heinz Kausch – ein ehemaliges Mitglied der Waffen-SS – verfasste unter anderem ein Vorwort fĂŒr den Erinnerungsband »Ein anderer Hitler« – welcher im rechten »Druffel Verlag« erschien – und Texte fĂŒr die Verbandszeitschrift der »Hilfsgemeinschaft auf Gegenseitigkeit der Angehörigen der ehemaligen Waffen-SS e.V.« (HIAG), die Veteranenorganisation der SS. DarĂŒber hinaus sprach er auf den »Lippoldsberger Dichtertagen« des nationalkonservativen und revisionistischen Autoren Hans Grimm („Volk ohne Raum“) und kandidierte auf einer gemeinsamen Liste mit der »Deutschen Reichspartei«, einer VorlĂ€uferorganisation der heutigen NPD. Sein Kollege Karl Krah – ebenfalls ehemaliges Waffen-SS- und damaliges HIAG-Mitglied – verschenkte an SchĂŒler*innen das offen antisemitische Buch »Grundgedanken der nationalsozialistischen Weltanschauung«. Der jĂŒngere Dritte im Bunde, Heiner Luthardt, verteilte Texte, die den Holocaust leugneten und vermerkte handschriftlich, wo sich die entsprechenden Passagen zur »6-Millionen-Legende« finden lassen wĂŒrden. Daneben baute er die Pfadfinder-Gruppe »Zugvogel« auf und versorgte deren GruppenfĂŒhrer gezielt mit neonazistischer Literatur. Einige Personen dieser Gruppe unterhielten Kontakte zur »Wehrsportgruppe Hoffmann« und waren im Oktober 1978 an einem Angriff auf eine antifaschistische FilmvorfĂŒhrung beteiligt.

»Wider die Multikulti-Apologie«

ThĂŒringens Regierungssprecher Karl-Eckhard Hahn und die »Deutsche
Gildenschaft« stehen unter Druck.
von Georg Fuchs im @derrechterand Ausgabe 144

Die Verteidigung ehemaliger SS-Mitglieder


Karl-Eckhard Hahn besuchte in dieser Zeit das MĂŒndener Gymnasium und tat sich als exponierter Verteidiger der rechten Lehrer hervor. So gab er unter anderem die SchĂŒlerzeitung »Die Hinterwelt« heraus und trat gegenĂŒber einem Presseteam des NDR als »GruppenfĂŒhrer« auf. Dem NDR unterstellte er bereits damals, Fakten zu verdrehen – das Wort LĂŒgenpresse war noch nicht populĂ€r – und forderte seine MitschĂŒler*innen auf, dieser Linie zu folgen. In den beiden Ausgaben der »Hinterwelt« stellte Hahn dann seine Sicht auf diese »Rufmordkampagne« ausfĂŒhrlich dar. Die Waffen-SS wurde zu einer »reine[n] Fronttruppe, die als Elite der Wehrmacht eingesetzt wurde« verklĂ€rt. Sie hatte – nach Hahns Zeitschrift – »nicht das Geringste mit SD-, Polizei- oder KZ-WachverbĂ€nden« zu tun. Eine Aussage, die bereits damals nicht dem Forschungsstand entsprach: So marschierten beispielsweise im Jahr 1978 unweit von Hann. MĂŒnden in Arolsen die frĂŒheren Angehörigen der Waffen-SS-Division »Totenkopf« auf, die von Theodor Eicke, dem »Inspekteur der Konzentrationslager«, befehligt worden und maßgeblich aus den KZ-WachverbĂ€nden hervorgegangen war. Dementsprechend wird die HIAG in dem Heft als harmlose Veteranenorganisation verklĂ€rt und sogar ein Bundesvorstandsmitglied interviewt. Dass Schulleiter Kausch in einer Rede bei der HIAG unter anderem die AufrĂŒstungspolitik von Adolf Hitler rechtfertigte und behauptete, »daß die NĂŒrnberger ParagraphenwillkĂŒr niemals und nirgends auf der Welt den mindesten Ansatz von AllgemeingĂŒltigkeit hat erlangen können«, ist fĂŒr Hahn kein Thema. Dabei bediente Kausch hier rechte Topoi, die sich bis heute in der extremen Rechten unter dem Schlagwort »Siegerjustiz« großer Beliebtheit erfreuen. Und auch die anderen Umtriebe seines Schulleiters verteidigte er vehement: Das Buch »Ein anderer Hitler« des NS-Architekten Hermann Giesler wird als relevante Quelle gewĂŒrdigt, weswegen das Vorwort Kauschs gerechtfertigt sei. Der Quellenwert wird dabei mit Verweis auf den britischen Holocaust-Leugner David Irving gerechtfertigt. Das Gutachten des renommierten MĂŒnchner Instituts fĂŒr Zeitgeschichte, welches das Buch als »Propagandapamphlet mit nur geringem Quellenwert« bezeichnet, wird ignoriert.


und der Kampf gegen die Aufarbeitung des Nationalsozialismus

Doch nicht nur die Verstrickungen von Altnazis leugnete Karl-Eckhard Hahn: Auch damalige Neonazis in Hann. MĂŒnden waren fĂŒr ihn kein Thema: So schrieb er in der rechten Zeitschrift »Phönix«, deren Redakteur er war, dass »die VergangenheitsbewĂ€ltigungsprofis« dringend eine »Nazi-Szene« benötigten, damit so »von der gĂ€ngigen Auffassung abweichende historische Meinung zum Dritten Reich unter Strafe gestellt« werden könnten. Dahinter liegt der kaum verhĂŒllte neurechte Wunsch, ein deutsches Nationalbewusstsein auf den „TrĂŒmmern der KZ-GedenkstĂ€tten“ zu errichten. Dementsprechend forderte Hahn fĂŒr die rechten Lehrer: »SolidaritĂ€t mit den Opfern solcher Kampagnen ist das Gebot der Stunde.« Dass es in Hann. MĂŒnden in den spĂ€ten 1970er Jahren eine militante Neonazi-Szene gab, haben Antifaschist*innen hinlĂ€nglich belegt (s. @derrechterand Nr. 138). Die Szene wurde unter anderem durch den Leiter des Jugendbundes »Zugvogel« und Lehrer des Grotefend-Gymnasiums, Heiner Luthardt, aufgebaut. Dieser hatte Kontakte zum »Bund Heimattreuer Deutscher Jugend« (BHJ). Der Lehrer versorgte nicht nur die »GruppenfĂŒhrer« seiner Jugendgruppe mit geschichtsrevisionistischer Literatur, sondern auch seine SchĂŒler*innen.

Karl-Eckhard Hahns Behauptung, er habe sich von seiner extrem rechten Jugend distanziert, wird unter diesem Eindruck nicht glaubwĂŒrdiger. Mit Heiner Luthardt war Hahn noch lange organisiert. Beide waren Mitglied der „Deutschen Hochschulgilde«, die Luthardt erst 2010 verließ, da die Göttinger Gliederung den damaligen Multi-FunktionĂ€r und spĂ€teren Aussteiger Andreas Molau aus der Gilde ausgeschlossen hatte. Eine inhaltliche Distanzierung Hahns von Luthardt und den anderen rechten Lehrern ist nicht bekannt.




Quelle: Der-rechte-rand.de