September 15, 2021
Von Indymedia
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Zum 30. Geburtstag vom antifaschistischen & antirassistischen Ratschlag ThĂŒringen haben wir am 28. August 2021 als Antisexistischer Support Erfurt (ASE) einen Redebeitrag gehalten – einen antisexistischen Ratschlag an uns alle sozusagen.

Ein weiterer Anlass dafĂŒr ist die jĂŒngste bekannte Veröffentlichung eines Erfahrungsberichts ĂŒber sexuelle Gewalt von einer BetroïŹ€enen aus dem Umfeld in des AJZ Erfurt. Dieser Fall steht auch in Erfurt nicht allein. Wir erkennen in den FĂ€llen sexualisierter bzw. sexueller Gewalt ein strukturelles Problem, dem wir uns gemeinsam als ‘Szene’ stellen mĂŒssen.

Als selbstorganisierte Gruppe wollen wir uns gegen sexualisierte, psychische Gewalt, Gewalt im GeschlechterverhĂ€ltnis und sexistische Kackscheiße in unseren Kontexten einsetzen. Wir wollen als Struktur fĂŒr betroffene Menschen und ihre UnterstĂŒtzer*innen da sein und sie supporten.

Wir sind erreichbar unter kontakt-ase@riseup.net.


Nicht allen liegt es, lange Texte zu lesen. Hier fĂŒr euch der Redebeitrag zum Hören auf archive.org: https://archive.org/details/redebeitrag-ratschlag-ase

Ansonsten hier unser Redebeitrag zum Nachlesen:

Wir möchten die Gelegenheit heute nutzen, um euch unsere Gruppe “Antisexistischer Support Erfurt” vorzustellen. Wir haben uns in Reaktion auf die Outcalls sexueller Gewalt innerhalb der linken Szene in Erfurt, Saalfeld, Jena, Weimar und Gotha gegrĂŒndet.

Wir möchten zuallerst allen BetroïŹ€enen unsere volle SolidaritĂ€t aussprechen – wir stehen an eurer Seite, wir hören und sehen euch. Uns ist bewusst, dass jede Person fĂŒr sich mit dem Ă¶ïŹ€entlichen Outcall einen mutigen Schritt gegangen ist. Davor haben wir großen Respekt und dafĂŒr sind wir euch dankbar. Denn ihr habt noch einmal klar gemacht: Auch in der linken Szene bleibt die politische Praxis hinter dem eigenen emanzipatorischen SelbstverstĂ€ndnis zurĂŒck.

Unser Ziel ist es, BetroïŹ€ene von sexueller Gewalt zu unterstĂŒtzen und zu ermutigen, das Schweigen zu brechen. Damit sich die linke Szene Ă€ndert.  Wie bitter nötig das ist, haben alle Outcalls, vor allem der szeneinterne Umgang mit ihnen gezeigt. Es ist eben noch nicht RealitĂ€t, dass BetroïŹ€enen geglaubt wird und dass sie UnterstĂŒtzung erfahren. Die jĂŒngste uns bekannte VerĂ¶ïŹ€entlichung sexueller Gewalt ist von einer BetroïŹ€enen aus dem AJZ-Umfeld hier in Erfurt. Die BetroïŹ€ene hat ĂŒber einen langen Zeitraum fĂŒr einen Ausschluss des TĂ€ters gekĂ€mpft – bisher leider vergebens. Der TĂ€ter wurde geschĂŒtzt, die BetroïŹ€ene nicht ernst genommen, sie wurde hingehalten und ein konsequentes Handeln im Sinne der BetroïŹ€enen blieb und bleibt aus.

Wir erkennen in den FĂ€llen sexualisierter bzw. sexueller Gewalt ein strukturelles Problem, dem wir uns gemeinsam als ‘Szene’ stellen mĂŒssen. Wir schließen uns der Forderung von ‘Das schlechte Gewissen an’, dass diese Strukturen aus der Szene fĂŒr die Szene entstehen mĂŒssen. Sensibilisierung und ReïŹ‚exion mĂŒssen  kontinuierlich stattïŹnden und ein Teil der alltĂ€glichen politischen Praxis werden. Es kann sich nicht auf U-Gruppen-Strukturen, oder der Arbeit von Gruppen wie Das schlechte Gewissen ausgeruht werden. Es zeigt sich in allen FĂ€llen, dass es primĂ€r FLINTA sind, die in die konkrete Arbeit mit den BetroïŹ€enen gehen. Strukturen und MĂ€nnerbĂŒnden scheint es deutlich schwerer zu fallen, hier klare Kante zu zeigen. Meist bleibt es beim VerĂ¶ïŹ€entlichen von Soli-Statements oder Willensbekundungen. In der politischen Praxis Ă€ndert sich meist wenig. Die TĂ€ter:innen können zumeist weiter in die RĂ€ume kommen und in den Strukturen bleiben, die BetroïŹ€enen ziehen sich zurĂŒck. So ist das “Problem” auch gelöst – niemand stört mehr…

FĂ€lle in Erfurt

Es wirkt auf den ersten Blick tatsĂ€chlich so, als sei es in Erfurt nicht so schlimm. Der Outcall aus dem Umfeld des AJZ ist schließlich momentan der einzige Fall sexueller Gewalt, den eine betroïŹ€ene Person Ă¶ïŹ€entlich gemacht hat. Dass dem nicht nicht so ist, wissen die hier organisierten Linken eigentlich – denn es gibt einige BetroïŹ€ene mehr, die aus verschiedenen GrĂŒnden nicht den Weg der VerĂ¶ïŹ€entlichungen im Netz gegangen sind, sondern andere Wege der Auseinandersetzung gesucht haben. Diese Entscheidung respektieren wir und gehen hier nicht ins Detail. Doch was sich sagen lĂ€sst: BetroïŹ€ene rackern sich mit ihren UnterstĂŒtzer*innen ab, um wieder atmen und sich frei bewegen zu können. Die erschlagende Mehrheit der Szene reagiert mit Hinhalten, Bagatellisieren und Victimblaming, TĂ€terschutz und ein Ausbleiben wirklicher Auseinandersetzung, weil es ja teils um die eigenen Ärsche gehen wĂŒrde. So passiert das immer und immer wieder.

Wir haben Forderungen, mit denen wir uns konkret an die ‘Szene’ richten und die erste Schritte hin zu einer queer_feministischen und antisexistischen Szene sein können:

Unsere Forderungen

Wir fordern eine feministische SolidaritĂ€t, die nicht bloß bei Lippenbekenntnissen bleibt, sondern in der sich Menschen tatkrĂ€ftig unterstĂŒtzen und fĂŒreinander und vor allem fĂŒr betroïŹ€ene Menschen einstehen und fĂŒreinander da sind. Auch das Hinterfragen und VerĂ€ndern des eigenen mackerhaften und unsolidarischen Verhaltens kann ein weiterer Schritt sein zu einer emanzipatorischeren Szene sein. Wir fordern, dass FLINTA angehört werden und dass ihnen zugehört wird – bevor eine Gegenrede vorbereitet wird. Wir fordern, dass Kritik von FLINTA erst mal hin- und angenommen wird – und mindestens darĂŒber nachgedacht wird, ohne diese gleich argumentativ zu zerfetzen.

Wir fordern, dass gesellschaftliche MachtverhĂ€ltnisse in den eigenen Strukturen mitgedacht, erkannt und benannt werden. Das heißt, unterschiedliche ErfahrungshintergrĂŒnde und gesellschaftliche Positionierung mĂŒssen in unserem Alltag mit einbezogen und ernst genommen werden. Erfahrungen sollen nicht abgesprochen oder abgetan werden, sondern wahr- und ernst genommen. Das bedeutet auch: Care-Arbeit braucht mehr Raum in politischen ZusammenhĂ€ngen.

Es sollen Konsequenzen folgen beim eigenen Verhalten: Nicht nur reïŹ‚ektieren, sondern auch das eigene Verhalten hinterfragen und verĂ€ndern. Es ist wichtig, dass ein Perspektivwechsel vorgenommen wird. Wir wollen, dass sich Menschen in andere hineinversetzen und empathisch sind. Wir fordern eine kollektive VerantwortungsĂŒbernahme. So, dass nicht mehr BetroïŹ€ene und deren UnterstĂŒtzer:innen Aufarbeitung und die VerĂ€nderung in den Strukturen vorantreiben mĂŒssen, sondern dies ganz selbstverstĂ€ndlich und mit Kraft, Wut und Konsequenz aus den eigenen Strukturen erfolgt.

Antisexistischer Support Erfurt

Ein Schritt hin zu einer feministischen SolidaritĂ€t ist die Vernetzung von FLINTA und der Support von betroïŹ€enen Menschen. Beides wollen wir mit unserer Gruppe, dem Antisexistischen Support Erfurt anbieten und stĂ€rken.

Wir sind ansprechbar fĂŒr BetroïŹ€ene, fĂŒr UnterstĂŒtzer:innen und fĂŒr solidarische Strukturen und teilen unser Wissen und unsere Erfahrungen. Wir wollen Selbstorganisation und Selbstverantwortung stĂ€rken und keine Dienstleister:innen sein. Uns geht es darum, Menschen und Gruppen darin zu unterstĂŒtzen, selbst handlungsfĂ€hig zu werden. Wir wollen mehr Vernetzung schaïŹ€en zwischen Menschen und Strukturen, die unsere Haltung teilen. Wir möchten uns kontaktieren können, um uns gegenseitig zu supporten, zu informieren und zu stĂ€rken.

Wir organisieren uns, weil es auch in der linken Szene viele Probleme und VorfĂ€lle sexualisierter Gewalt gibt. Und zu wenig SolidaritĂ€t. Nur gemeinsam können wir patriarchale Strukturen ĂŒberïŹ‚ĂŒssig machen. Nur gemeinsam können wir das Patriarchat und den Kapitalismus zum Einsturz bringen. Wenn ihr Fragen oder Interesse habt, bei uns aktiv zu werden, sprecht uns an oder schreibt uns. Wir sind erreichbar unter kontakt-ase@riseup.net

Wir fordern, dass feministische Anstriche auch mit feministischen Inhalten untermauert werden, und diese konsequent auch so gelebt werden! Und dass alle in der ‘Szene’ daran mitwirken und Verantwortung ĂŒbernehmen!




Quelle: De.indymedia.org