Juli 30, 2022
Von FAU Bielefeld
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Liebe Freund:innen,
wir freuen uns, Teil des BĂŒndnisses zu sein und mit Euch gemeinsam und selbstorganisiert auf die Straße zu gehen. Gerade in diesen schwierigen Zeiten ist es wichtig, Grenzen hinter uns zu lassen und zusammenzuarbeiten, denn am Ende haben wir alle das gleiche Ziel: Ein gutes Leben fĂŒr alle. Und dafĂŒr mĂŒssen wir dieses System, das dem entgegensteht, gemeinsam ĂŒberwinden.

Wir erleben, dass sich der Kapitalismus von Krise zu Krise hangelt und Geld als Schmiermittel braucht, um Wachstum zu generieren, um sich selbst zu erhalten, um uns alle einschließlich des Planeten zu missbrauchen, zu benutzen und letztendlich zu töten. Und was tun wir dagegen?

Wir sind Mitglieder in der Freien Arbeiter:innen-Union, der F A U, einer basisdemokratischen und kĂ€mpferischen, selbstorganisierten und internationalistischen Gewerkschaft. WofĂŒr wir stehen, das werden wir immer wieder einflechten und zum Schluss ausfĂŒhrlicher darstellen.

Geld

ist eine schwierige Sache, zu der wir ein zwiespÀltiges VerhÀltnis haben. Einerseits wollen wir es abschaffen, andererseits sind wir momentan noch davon abhÀngig und leiden darunter, dass wir oft zu wenig davon haben.

Aber wir alle brauchen es, um Lebensmittel zu kaufen, die Miete zu zahlen, zur Arbeit zu kommen, ins Kino zu gehen und unser Leben zu genießen.

Ohne sind wir arm dran, können all dies nicht oder nur eingeschrĂ€nkt machen und sind abhĂ€ngig von staatlichen Leistungen und damit auch der WillkĂŒr des Staates.

Und noch können wir es nicht komplett durch gegenseitige Hilfe, Umsonst-LÀden, Food-Sharing, Containern, eigene Kunst und DIY ersetzen.

Geld

ist das Schmiermittel des Kapitalismus, es muss immer mehr Profit generiert werden, Wachstum ist das Mantra der Liberalen seit Jahrhunderten. Doch dieses Wachstum kommt den Menschen, die es produzieren, nicht zugute. Im Gegenteil, Leben und LebensglĂŒck fast aller Lebewesen auf diesem Planeten werden der AnhĂ€ufung von Profiten untergeordnet.

Sozialpartnerschaftliche Gewerkschaften setzen hier immer auf den alten Gaul „Lohnsteigerung“ mittels Verhandlungen mit den Bossen und auf TarifvertrĂ€ge. Sie halten das kapitalistische System mit am laufen, anstatt es zu stören oder sogar abzuschaffen, indem sie die Arbeiter:innen mit vermeintlichen “Verbesserungen” befrieden. Alle paar Jahre fordern sie ein paar Prozente mehr, also mehr Geld. Doch was heißt das?

Die Kolleg:innen die wenig verdienen, profitieren von prozentualen Erhöhungen immer weniger, als die, die mehr verdienen. Das ist die 1.Schweinerei, da die Lohnunterschiede mit jedem Tarifabschluss steigen. Die Schere zwischen besser und wenig Verdienenden klafft immer weiter auseinander.

Dies ist politisch fatal, wir Arbeiter:innen werden gespalten. Dagegen helfen nur Forderungen nach absoluten Lohnerhöhungen in Euro, besser noch gestaffelt. Auf diese Weise kann die Schere zwischen Armen und Ärmeren direkt angegangen werden, durch nicht nur gefĂŒhlte, sondern tatsĂ€chliche, reale Entlohnung fĂŒr die wichtigen, aber gesellschaftliche verkannten Berufe – Gleicher Lohn fĂŒr alle, da alle gleich wichtig sind.

Die Schere zwischen besser und wenig Verdiener:innen könnte sich allmĂ€hlich schließen. Aber da haben weder die Bosse noch DGB-FunktionĂ€r:innen ein Interesse dran: Teile und herrsche lautet da immer noch die Devise!

Wir sollten nicht akzeptieren, dass die EigentĂŒmer:innen der Produktionsmittel den von Arbeiter:innen erzeugten Mehrwert abschöpfen, sondern dafĂŒr kĂ€mpfen, dass diejenigen, die den Mehrwert erzeugen, ihn auch behalten können!

Die 2. Schweinerei sind die Laufzeiten der TarifvertrĂ€ge. Mittlerweile gehen diese ĂŒber mehrere Jahre, ganz gleich ob in der Metallindustrie, im Krankenhaus, im BĂŒro oder im Handwerk. Da werden dann, wie jĂŒngst bei der IG-Metall 6,8% Lohnerhöhung als Erfolg verkauft. BetrĂ€gt die Laufzeit allerdings 2 Jahre, bedeutet das rein rechnerisch, dass wir nur eine Erhöhung von 3,4% jĂ€hrlich haben, und bei einer Inflation von ca. 8% heute bedeutet dies einen Reallohnverlust von ĂŒber 4%!

Das Tarifvertragsrecht gibt uns die Sicherheit, dass dieser Tarifvertrag ĂŒber die vollen 2 Jahre gĂŒltig ist, sagt aber auch, dass wir nicht kurzfristig und schnell auf VerĂ€nderungen reagieren können – und dĂŒrfen! Pech gehabt, wenn du deine Nachzahlungen auf die Warmmiete Anfang nĂ€chsten Jahres nicht zahlen kannst. Da heißt es EINSCHRÄNKEN!

Die nĂ€chste Schweinerei: wir dĂŒrfen nicht streiken, um unseren berechtigten Forderungen nach mehr Geld kurzfristig Nachdruck zu verleihen – Auch wenn ver.di (im Juli 2022) postet: „Streiks sind zulĂ€ssig! – Du darfst streiken!“

Das ist so nicht immer richtig, da wir bis Ablauf des Tarifvertrages nicht streiken dĂŒrfen. Das nennt sich „Friedenspflicht“ und heißt, dass wir nicht auf sich Ă€ndernde gesellschaftliche Situationen reagieren können, nicht auf die Inflation, nicht auf Verschlechterungen der Situation im Betrieb, nicht auf das, was durch den Tarifvertrag erfasst ist, z.B. die Pflicht zur Ableistung von Überstunden.

Wir sehen also, dass TarifvertrĂ€ge sehr 2-schneidige Instrumente sind, die uns vor An- und Übergriffen der Bosse schĂŒtzen sollen, dies aber nicht immer tun, denn wenn sich z.B. der gesellschaftliche Rahmen Ă€ndert oder die Chef:innen einen Weg finden, die Einigungen zu umgehen, sind wir dieser Situation ausgeliefert.

Ich könnte auch noch mehr dazu sagen, wie „demokratisch“ TarifvertrĂ€ge zustande kommen, dass zwar 75% der Mitglieder der DGB-Gewerkschaften fĂŒr einen Streik, aber nur 25% fĂŒr sein Ende und damit die Annahme des neuen Tarifvertrages, egal wie beschissen der ist, stimmen mĂŒssen. Aber das muss bis hier erstmal reichen.

WofĂŒr steht nun die Freie Arbeiter:innen-Union, die FAU, als politische Gewerkschaft?
Unser Grundsatz ist der altbekannte aus der Arbeiter:innen-Bewegung: Wir bekommen nur das, wofĂŒr wir kĂ€mpfen. Das tut keine Partei, kein:e FunktionĂ€r:in oder höheres Wesen fĂŒr uns. Ein WIR gibt es erst, wenn wir uns zusammenschließen, in der Gewerkschaft organisieren und dem Klassenkampf von oben unsere SolidaritĂ€t entgegensetzen – Das kann gerne auch anfangen, indem ihr mal am Montag zwischen 16 und 18 Uhr zur gewerkschaftlichen Beratung kommt, wenn ihr Stress auf der Arbeit oder beim Amt habt, oder einfach auf Kaffee oder Tee ins Lokal vorbeikommt.

In den letzten 10 Jahren hat sich die Zahl der Mitglieder in der FAU bundesweit ungefĂ€hr ver-6-facht. Wir fĂŒhren selber Verhandlungen mit den Bossen, wir schreiben nicht einfach folgenlos Forderungen auf Papier, wir Ă€ndern die Wirklichkeit, verbessern unseren Alltag, unsere Arbeitsbedingungen. Wir streiken in kleinen Betrieben, mit wenigen Mitarbeiter:innen, egal, ob Blumenladen oder Kneipe. Wir organisieren Streiks in Konzernen mit, wie letztes Jahr bei der Oetker-Tochter „Durstexpress“ – heute ĂŒbrigens als „Flaschenpost“ bekannt – das heißt, wir stehen zusammen gegen miese Arbeitsbedingungen, lange Schichten, Überstunden ohne Ende und Bezahlung, ausstehende Löhne, KĂŒndigungen, KĂŒrzungen des Urlaubs usw.

Oft sind es gerade die Arbeitsbedingungen, die unser Leben kaputt und uns krank machen, uns vereinzeln, wenn wir abends mĂŒde ins Bett fallen und uns nicht mehr mit Freund:innen treffen können, nicht am sozialen und politischen Leben teilnehmen können. Das ist die nĂ€chste Schweinerei.

Willkommen in der realen Welt kapitalistischer Lohnarbeit. Da hilft kein Tarifvertrag, wenn der Boss sagt, dass du heute lĂ€nger bleibst, und das auch noch umsonst. Und auch kein:e ver.di-FunktionĂ€r:in. Da hilft nur organisieren und streiken, kĂ€mpferische und basis-demokratische Betriebsgruppen und Gewerkschaften grĂŒnden.

Wir laden euch ein, werdet Mitglied in der FAU. Wir kĂ€mpfen zusammen fĂŒr ein besseres Leben fĂŒr alle, weltweit, ohne Staaten, Grenzen, Patriarchat und Kapital! Das ist unsere SolidaritĂ€t! Kapitalismus tötet, entmenschlicht uns und macht uns zu Faktoren in seinen Berechnungen, um möglichst viel Profit aus uns zu quetschen. Lasst uns solidarisch dagegenstehen, denn uns gehen Menschen vor Profiten!

Zum Schluss möchten wir noch ein Zitat aus dem empfehlenswerten Buch „Eine Frage der Chemie“ von Bonnie Garmus anbringen. Darin geht es um eine Wissenschaftlerin, Chemikerin, die von der MĂ€nnerwelt geschasst, vergewaltigt und aus der Uni vertrieben wird und als Chemikerin in einer Kochsendung im Fernsehen landet, denn Kochen ist Chemie! Sehr interessant, bissig, humorvoll und krass!

Zuletzt schmeißt sie die Brocken im TV aber hin, mit flammenden Abschiedsworten an ihr vorwiegend weibliches Publikum, live im Studio:

“Wenn Selbstzweifel Sie beschleichen”, sagte sie und wandte sich wieder dem Publikum zu, “wenn die Angst sie packt, denken Sie immer daran, dass Mut der Grundstein fĂŒr VerĂ€nderung ist. Und wir sind chemisch dazu angelegt, uns zu verĂ€ndern. Fassen Sie also morgen beim Aufwachen folgenden Vorsatz: Keine falsche ZurĂŒckhaltung mehr. Kein Unterordnen mehr unter die Meinung anderer, die Ihnen sagen wollen, was sie leisten können und was nicht. Und nie wieder zulassen, dass andere sie in Schubladen stecken, in sinnlose Kategorien wie Geschlecht, Rasse, wirtschaftlicher Status und Religion. Lassen Sie ihre Talente nicht schlummern, Ladys. Gestalten Sie ihre eigene Zukunft. Fragen Sie sich, wenn Sie heute nach Hause gehen, was Sie Ă€ndern wollen. Und dann legen Sie los.”




Quelle: Bielefeld.fau.org